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Satprem

Mutter
Die neue Art

2 Band

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Inhaltsverzeichnis

Erster Teil Die supramentale Herabkunft

1. Kapitel Dieser große Blick

2. Kapitel Die Neue Spezies

Ein kleines Fenster der Seele

Eine Frage der Haltung

3. Kapitel Ein Universaler Anfang

Die evolutionäre Brücke

Die Ansteckung

Die Wechselbeziehung

4. Kapitel Die Supramentale Herabkunft

Der Wendepunkt der Geschichte

Der unbeirrliche Drang

Die “Herabkunft”

Ein kleines Pulsieren

5. Kapitel Die Supramentale Welt

Versteinerte Erscheinungen

Die supramentale Substanz

Das fehlende Bindeglied

Eine jähe Veränderung?

6. Kapitel Ein Schleier

Die supramentale Schöpfung

Das Mysterium

Der verbesserte Körper

Der Brechpunkt

7. Kapitel Krishna aus Gold

Ein brüchiger Körper

Der Schatz im Felsen

Die allmächtige Sprungfeder

8. Kapitel Das Dreifache Ende

Das Ende der Religionen

Das Ende des Materialismus

Das Ende des Todes

Zweiter Teil Das Durchschreiten des Schleiers oder die Reinigung der Zellen

9. Kapitel Der Wald

Die Geburt der “Agenda”

10. Kapitel Die andere Seite des Schleiers

Der Weg ins Nirgendwo

“Entpersönlichung”

Sri Aurobindos Wohnstätte

11. Kapitel Die Mentale Magie

Die dreifache Voraussetzung

Das physische Mental

Die kleinen Todes-Sekunden

Das zellulare Mental

12. Kapitel Die Infiltration

Die supramentale Vibration

Das Netz

Das Mantra

Die umgebenden Gedanken

Unpersönlich werden

13. Kapitel Die Wege der Universalisierung

Die wahre Materie

Die neue Seinsweise

Der Körper der Welt

Die kleinen Tore

14. Kapitel Der Mechanismus der Ansteckung

Die Lichter der Zelle

Die Wende

Der Zustand der Harmonie

Die Befreiung der wahren Materie

Am Rande

15. Kapitel Der erste Ausgang aus dem Netz oder Der Neue Typus

Eine Wellenbewegung

Die doppelte Welt

Die physische Universalisierung

Die großen Pulsationen

16. Kapitel Der Körper ist überall!

Der große Rhythmus

Der Ort der Schlacht

Die dritte Stellung

17. Kapitel Wo ist denn der Tod?

Die zwei Zustände

Der Zustand ohne Tod

Die falsche Stellung

Dem Tode sterben

18. Kapitel Die Zeitveränderung

Das andere Zimmer

Die Freude der Zellen

Das sterbliche Zittern

19. Kapitel Die falsche Materie

Die Krankheit der Erde

Ein dünnes Häutchen

Der umgekehrte Illusionismus

Die vertikale Zeit

Die Irrealisierung der Lüge

Eine Umkehrung des irdischen Bewußtseins?

20. Kapitel Die Funktionsänderung

Die zellulare Brücke

Ein paradoxaler Zustand

Die Lektion des Wunders

Die Machtübertragung

21. Kapitel Die Ebene der Zellen

Zeit und Materie

Der Durchgang durch das Netz

Die Dezentralisierung

Die Zeit Null der Materie

22. Kapitel Die Neue Wahrnehmung

Die körperliche Identifikation

Die Augen der Materie

Der Schleier der Unwirklichkeit

Die erlebte Sicht

Die zusammenhängende Materie

23. Kapitel Die Wahre Erde

Die Lebenden und die Toten

Die freie Erde

Die bewußte Materie

Eine vollständigere Welt

Das Ende des Käfigs

24. Kapitel Die Transformation der Welt

Die drei Lösungen

Die supramentale Macht

Ein Auslöser

Die Invasion des Wirklichen

25. Kapitel Das Wunder der Erde

Das Ersetzen der Schwingung

Der umgekehrte Babelturm

Die unbewegte Revolution

Quellenverzeichnis

Erster Teil. Die supramentale Herabkunft

1. Kapitel: Dieser große Blick

Sie arbeitet hier im Körper, um etwas herabzubringen, das in der materiellen Welt noch keinen Ausdruck fand, damit das Leben hier transformiert werden kann.1

Sri Aurobindo

Ein neues Leben begann.

Etwas in diesem stürmisch wilden Herzen 2 hatte sich wie eine schwere silberne Tür verschlossen, hinter der sie ihren Schmerz in einer Stille zurückhielt, die schrecklich gewesen sein muß. Etwas hatte sich hier für immer und jeden Tag konzentriert: eine Art Blick, der intensiv schwarz und in seiner Tiefe golden sein konnte, ein eiserner Wille, der unerschrocken auf den Tod blickte. Jetzt wußte sie: das war “die Frage, die zu lösen mir aufgegeben wurde”. Unter jedem Deckmantel spürte sie den Feind auf. Hinter allen Gesten, Schritten und Worten, den Begegnungen war ihr Blick darauf gerichtet und durchbohrte das in irgendeiner Form. Ich kenne kein anderes Wesen auf der Welt, das so beständig und unbeirrbar einen einzigen unteilbaren Willen in sich trug – kein Atemzug ihres Lebens, keine Sekunde der vierundzwanzig Stunden am Tag war des Lebens wert oder konnte überhaupt gelebt werden, wenn nicht um dies zu besiegen und aufzuspüren. Er war gegangen. Ein totaler Zusammenbruch. Doch ihr Blick war nicht einmal mehr auf Sri Aurobindo gerichtet – Sri Aurobindo war sie selbst, wie ihr eigener Atem – es ging jenseits von Sri Aurobindo, es war ein “Etwas” wie das ungeheure Das der Welt: das Absolute, das Höchste… wie auch immer die Worte sein mögen – letztlich sind alle Worte idiotisch – Das jedenfalls, was verhindert, daß nicht alles im Nu wie ein ungeheures Trugbild zusammenstürzt. Denn so wie die Lage und die Dinge auf den ersten Blick erscheinen, ist die Welt eine bloße Ungeheuerlichkeit, die sich uns nur dank unserer Unbewußtheit verhüllt. Ohne den Schleier der Unbewußtheit wäre sie unerträglich. Ohne all die netten Fallen der Illusion wäre es nicht auszuhalten. Und ist die Illusion einmal vorbei, bleibt nur der Weg des Nirvanas, des Selbstmordes – oder eben Das, die einzige Hoffnung auf einen Sinn, das einzig Positive in dieser ungeheuren Sinnlosigkeit. Das Gegenstück des Todes. Ansonsten triumphiert einzig und allein der Tod überall, an allen Ecken und für uns gleich bei der nächsten Wegkrümmung, wo er seine Maske fallen lassen und lachend unsere schmerzlichen Torheiten allesamt zum Teufel jagen wird. Das oder der Tod. Dazwischen gibt es nichts. Dazwischen spielt sich eine Komödie mit den Hampelmännern der Komödie ab. Fazit: entweder blicken wir auf Das, oder wir befinden uns schon im Tod. Das, das einzig Mögliche und Lebendige in dieser Parodie des Lebens, das kein Leben ist – die einzig wahre Intensität, die gegen die Intensität des Todes aufzukommen vermag. Und wenn wir das nicht glauben, ist es nur zu unserem eigenen Schaden, dann stehen wir bereits auf der Liste der Todeskandidaten. Tatsächlich aber geht es nicht darum zu “glauben” sondern darum zu atmen, denn wenn die Illusion vorbei ist, fragt man nicht noch lange, ob der Sauerstoff existiert, und schert sich kaum um die Metaphysik des Sauerstoffs: man atmet oder krepiert. Das ist alles. Das heißt atmen. Wir können es ebensogut “Walfisch” nennen, wenn es uns beliebt. Nur, falls wir nicht auf dem Rücken dieses Wals sitzen, werden wir gar bald in die Tiefe gespült – das steht uns bevor, und zwar schon morgen. In der Tat schlüpft der Tod ständig direkt vor unserer Nase aus und ein wie ein herausgeputzter und lächelnder leiser Hai – charmant. Um die Wahrheit zu sagen, schleuderte mich Sri Aurobindos Abschied ohne jeden Übergang direkt dem Höchsten entgegen. Es ist sehr einfach, entweder Das oder nichts. Und nichts bedeutet den Tod. Sie nannte Das “der Höchste” oder “der Herr” oder sagte “Du” – was auch immer, es war ihre Art, jenes Etwas zu benennen, das sich über jeden Namen, den wir ihm geben, lustig macht, das uns aber als einziges atmen läßt angesichts dieser Intensität des Todes überall. Im Grunde sind alle menschlichen Erfahrungen – alle ohne Ausnahme, egal in welche Farbe oder Sprache sie gekleidet sein mögen – einzig, allein und absolut dazu da, jeden von uns zu dieser einzigen Sekunde zu führen, wo wir uns dieser einzigen Möglichkeit zuwenden: plötzlich ruft man Das, oder es bedeutet den Tod. Man schlägt um ins Positive, schnappt nach Sauerstoff, öffnet beide Hände und ruft wie ein Wahnsinniger (oder auch nicht): Das, das, das… das einzig Absolute ist der Höchste, die einzige Dauerhaftigkeit ist der Höchste, die einzige Sicherheit ist der Höchste, das einzig Unsterbliche ist der Höchste. Das allein existiert. Sonst ist es nicht möglich, sonst ist es der Tod auf zwei Beinen. Alle unzähligen Erfahrungen, alle, dienen dazu, uns dahin zu führen. Das ist dann die erste Sekunde Leben in der Herrschaft des Todes. Jetzt wird es eine so eindringliche, so absolute Erfahrung: die Ungewißheit, das Unbeständige, Flüchtige, Wechselhafte und Vergängliche aller Dinge – auf nichts kann man sich verlassen, alles bricht zusammen, außer der Höchste, weil Er alles ist. Allein das Ganze in seiner Gesamtheit versagt nie… Die Worte sind absurd, handelt es sich doch um eine Erfahrung. Gelangt man erst einmal zu dieser Erfahrung, ist es endgültig vorbei, alles weitere ergibt sich daraus, das sind Kleinigkeiten. Dann ist man wirklich außer Gefahr. Mit anderen Worten, man wird von allen Seiten vom Tod bestürmt – den man zuvor nicht gesehen hatte. Man ist außer Gefahr, weil man atmet. Wir beginnen, das wahre Gesicht des “Lebens” zu sehen. Wir treten den Kampf gegen den Tod an. Wir gehören zu denen, die bemüht sind, die Evolution auf die Seite zu ziehen, auf der es sich atmen läßt – wir “gehören” nicht zu denen, sondern gehören dem Höchsten. “Zu denen gehören” hieße, noch im sterblichen Gewirr verfangen zu sein. Ohne zu zittern, können wir Mutters großen intensiven Blick ertragen, der sich zuweilen hinter der silbernen Tür öffnet… denn er ist erschreckend für all die kleinen Arten des Todes, an denen wir innerlich festhalten. Ich verbringe meine Zeit damit, mich in Schleier zu hüllen: Schleier über Schleier und darüber noch ein Schleier, damit man mich nicht sieht. Sonst wird es “unbearable”, unerträglich.

Aber manchmal sah ich…

Nun wissen wir, was Leben in dieser Vorherrschaft des Todes bedeutet. Sie machte sich auf, es zu erobern: das wahre Leben für die Erde – allen unseren unzähligen kleinen Arten des Todes zum Trotz. Wenn die Erde diesen Blick zu ertragen vermag, dann ist sie nahe daran, die wahre Erde zu sein, dann hat sie die ungeheure Identifikation mit dem Tod überwunden. Vermutlich gibt es kein Wesen, das nicht in irgendeinem versteckten Winkel der Komplize des Todes ist. Das ist erschreckend. Aber diese dreiundzwanzig Jahre sollten schreckliche Jahre werden für Mutter.

Um es kurz zu fassen, jeder einzelne in diesem Evolutionslabor war eine Art kleines Musterexemplar des Todes, an dem zu “arbeiten” war.

2. Kapitel: Die Neue Spezies

Es war beinahe ein neuer Ashram, der sich da aus dem Erdboden erhob. Wir nehmen grundsätzlich alles auf, die ganze Erde, und rühren es tüchtig durch, dabei setzt sich alles Unnötige ab. Kinder, eine Menge Kinder, es wurden immer mehr. Offen gestanden interessierten sie diese mehr als ihre erwachsenen Schüler, die so erfüllt waren von Licht, Yoga und Erfahrungen und so genau wußten, was und was nicht zu tun war: Sie sind unflexibel, ausgezeichnete Objekte für ein Museum, aber für die Arbeit ungeeignet… Ich muß gestehen, daß ich für meine Arbeit jemanden vorziehe, der nur sehr wenig weiß und noch keine großen Anstrengungen unternommen hat, der dafür aber eine starke Flamme der Sehnsucht in sich trägt und äußerst guten Willens ist. Jemand, der sich formen läßt, sich entwickeln kann und nicht erst in Stücke gehauen werden muß, um Fortschritte zu machen.1 Tatsächlich versteht es sich von selbst, daß das unumgängliche nächste Leben, dieser nächste Schritt der Evolution, sich radikal unterscheiden wird von all dem, was wir jetzt sind, denken und auf unseren Gipfeln herkömmlichen Lichts erblicken. Selbst unsere besten Eigenschaften sind völlig wertlos und stehen in fast keinem Verhältnis zu dem, was die neue Spezies bewegen wird. Demnach müssen wir uns entscheiden, etwas anderes zu kultivieren, wenn wir nicht weiterhin zu den Klassenbesten einer veralteten Spezies gehören wollen. So wie sich heutzutage keiner mehr in den Baumwipfeln von Ast zu Ast zu schwingen braucht, nützt es in Zukunft nichts, irgendein Athlet des “Yoga” zu sein, weil diese Zukunft in jedem Fall etwas vollkommen anderes sein wird. Was aber sind die notwendigen Eigenschaften für die Zukunft? Das herauszufinden, wäre interessant.

Sie sah klar und weit voraus. 1953 gründete sie die Ashramschule mit anfänglich 25 Schülern. Neun Jahre später waren es beinahe 200, und sie gründete das “Internationale Sri Aurobindo Universitätszentrum”. Vergeßt nicht, alle, die ihr hier seid, daß wir etwas verwirklichen wollen, das noch nicht auf der Erde existiert, deshalb wäre es absurd, irgendwo anders nach einem Vorbild zu suchen für das, was wir tun wollen.2 Im Grunde versuchte sie, den Schülern das Wunderbare der Zukunft, das Überraschende der Zukunft einzuflößen, dieses seltsame “Etwas”, das im Schmelztiegel der Evolution Gestalt anzunehmen begann. Ja, die Evolution läßt sich gestalten. Gestalten wir sie doch zusammen! Gestalten wir ein anderes Wesen auf der Erde! Das ist bestimmt interessanter als zukünftige Sozialhilfeempfänger der x-ten Republik nach Christus zu werden… und das endlos weiter bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Als erstes versuchte sie, diese alte Routine des Todes im Bewußtsein der Lehrer zu entwurzeln. Sie begann also mit der Erziehung der Lehrer. Die Lehrer saßen auf den Schulbänken, und sie hob diesen ganzen Teig und hielt ihn zusammen in seiner merkwürdigen, noch nie dagewesenen Mischung, in der keiner weder Lehrer noch Schüler war, sondern alle gemeinsam die Formel der Zukunft suchten: die Kinder auf ihre spontane Art ohne Sorge, sich die falsche “Zukunft” zu sichern, und die Lehrer mit ihrem hartnäckigen Widerstand – wofür sie sowohl von Mutter als auch von den Schülern selbst prompt gezwickt wurden –, bis wohl oder übel ein seltsames Produkt entstand. Vor allem aber sollte es keine Zeugnisse, keine Prüfungen geben (damals schon, 18 Jahre vor unserer 68er Revolution!). Aber welch ein Kampf war es, gerade diesen Keim aus dem Bewußtsein der Lehrer auszurotten – Zeugnisse, wozu eigentlich? Um Erzstreber einer veralteten Spezies heranzubilden? Seit rund einem Jahrhundert leidet die Menschheit an einer Krankheit, die sich immer mehr auszubreiten droht und heutzutage ihr akutestes Stadium erreicht hat: “das Nützlichkeitsprinzip” könnte man es nennen… Das Schulzentrum des Ashrams ist nicht der Platz für Kinder, die von dieser Krankheit befallen sind.3 Sie hatten es sich in den Kopf zu setzen, daß sie hier waren, die Zukunft zu gestalten: “Das macht doch Spaß, findet ihr nicht?” meinte Mutter. Man erfindet die Zukunft. Man erfindet sie, ohne sich von irgendeinem “das-ist-nicht-möglich” oder “das-ist-möglich” einschränken zu lassen. Alles ist möglich! wie sie ihnen unermüdlich versichern wird. Wann kommt euch etwas unmöglich vor? Sobald ihr versucht, es zu tun. Hättet ihr nie den Versuch unternommen, es zu tun, wäre es euch nie unmöglich erschienen. Und warum eigentlich versucht ihr, etwas zu tun? Weil es irgendwo eurem Bewußtsein innewohnt. Befände es sich nicht im Bereich eures Bewußtseins, würdet ihr nie versucht haben, es zu tun. Und von der Minute an, wo es in euer Bewußtsein kommt, ist es offensichtlich etwas, das ihr verwirklichen werdet. Nur das, was nicht im Bereich eures Bewußtseins ist, könnt ihr nicht verwirklichen. So einfach ist das! 4 Oder nicht?

Das Bewußtsein war das Kernproblem der Zukunft. Die Veränderung des Bewußtseins war der Schlüssel. Das Bewußtsein verändern bedeutet erst einmal, alle alten Unmöglichkeiten einstürzen zu lassen, Türen zu öffnen und keine Mauern zwischen sich und den zukünftigen Möglichkeiten zu errichten. Wir errichten dauernd Mauern, wir sind ständig vorfabriziert. Aber dieses Vorfabriziertsein kann nur auf der Ebene der Körperzellen endgültig demontiert werden. Als erstes fing sie an, die Türen zu öffnen: Zweifel verhärten das Bewußtsein, sie bilden eine Kruste und verhindern so die Aufnahmefähigkeit. Sie wirken wie eine Lackschicht, die ihr über etwas streicht, um den Kontakt zu verhindern.5 In Wirklichkeit befinden wir uns ständig im schieren Wunder, wir baden in der Zukunft. Sie ist voll und ganz da und fließt über in ihrer Fülle – aber wir können nur das davon berühren und verwirklichen, mit dem wir Kontakt aufnehmen können. Das Amazonien ist voll und ganz da, das Supramental ist voll und ganz da, alles hängt nur davon ab, was zu berühren wir imstande sind. Hätten wir genug Vertrauen, wären wir in einer Sekunde transformiert… Allerdings muß dieses Vertrauen bis in die Zellen reichen. Und der erste Schritt zu den Zellen ist eine offene Denkweise. Die erste Mauer türmt sich im Bereich des Denkens auf: eine ungeheure tausendjährige, kollektive Mauer, gestützt von Millionen und Abermillionen “vernünftigen” Menschen, die alle behaupten: “Aber nein! Das ist nicht möglich!” Wenn ihr ein für allemal verstanden habt, sagte sie ihnen, daß das ganze Universum (oder wenn ihr wollt, unsere Erde, um das Problem einzuschränken) nichts anderes ist als das Göttliche, das sich selbst vergessen hat, wo ordnet ihr dann die Schwäche ein? Bestimmt nicht im Göttlichen! Also im Vergessen. Wenn ihr gegen das Vergessen kämpft, dann kämpft ihr gegen die Schwäche an.6 Als erstes brachte sie ihnen bei, an sich selbst zu glauben. Die Bewußtseinsänderung beginnt wirklich mit dem Ausrotten des alten Dschungels ringsum. Wären wir rein wir selbst, so wären wir rein göttlich. Das ist wahr und ist sogar der Schlüssel für die Zukunft. “Ja, aber…” wenden die veralteten Musterexemplare der Evolution ein – sie kommen mit ihrem “Aber” und versinken augenblicklich tiefer im tausendjährigen Schlamm. Hinterher können sie dann leicht sagen: “Ich habe es euch ja gesagt!” Da darf es überhaupt kein Aber geben, nur ein absolutes JA. Wir müssen aus dem Urschlamm der Welt herauskommen. Wir müssen aufhören, zu den Toten zu gehören, die sich für lebendig halten und doch nur die Chromosome ihrer Großväter hinter sich herschleppen. Im Grunde ist das einzige, was ihr geflissentlich tun solltet, riet sie den Lehrern, ihnen beizubringen, sich selbst zu kennen und ihre eigene Bestimmung zu wählen… Bringt ihnen bei, sich selbst zu sehen, sich zu verstehen und sich zu wollen. Das ist unendlich wichtiger, als sie über die geschichtliche Vergangenheit der Erde oder selbst über ihre geologische Entwicklung zu belehren.7 Und ständig wiederholte sie den Kindern: Ihr seid hier, um die Vertreter der neuen Rasse zu werden. Alles hängt von eurer Willenskraft und Aufrichtigkeit ab. Wenn ihr nicht mehr der gewöhnlichen Menschheit angehören wollt, wenn ihr nicht mehr nur höher entwickelte Tiere sein wollt, wenn ihr neue Menschen werden wollt, die Sri Aurobindos Supramental verwirklichen, wenn ihr ein neues und höheres Leben auf einer erneuerten Erde leben wollt, dann findet ihr hier alle notwendige Hilfe, um das zu erreichen…8 Die Menschheit ist nicht die letzte Stufe der irdischen Schöpfung. Die Evolution geht weiter, und der Mensch wird überholt werden. Jeder einzelne muß sich entscheiden, ob er am Abenteuer der neuen Spezies teilnehmen will.9

Ein kleines Fenster der Seele

“Ja, aber trotzdem”… wenden weise und gebildete Leute ein, “man muß ihnen doch zumindest etwas Geschichte und Geographie und etwas Chemie beibringen und” (da sie schon dabei sind) “auch etwas Trigonometrie und…” Die ganze Litanei bis zum Tod. Es genügt ein einziges einfaches, winziges, mikroskopisches “aber trotzdem”, und schon ist man eingewickelt bis ans Lebensende, das zu guter Letzt vom eigenen Leichnam gekrönt wird (der, nebenbei bemerkt, nicht einmal uns gehört, sondern rechtmäßiger Besitz der Behörde ist, die den Totenschein ausstellt). Und doch ließ Mutter die Kinder in Chemie unterrichten (sogar in einem hervorragenden, eigens von Pavitra eingerichteten Labor), ebenso in Geographie und allem übrigen – aber auf eine “andere Weise”. Der ganze Unterschied liegt in der “anderen Weise”. “Durch jede beliebige Methode”, wie Sri Aurobindo sagte. Das Supramental wird sich durch alle Mittel hindurchschlängeln, auch durch die Trigonometrie, nur dürfen wir nicht vergessen, daß dies lediglich Mittel für etwas anderes sind. Von Anfang an müssen wir begreifen, daß es nur eine Art Gymnastik ist, wie Hanteln, die dazu dient, die Muskeln unseres Bewußtseins zu trainieren, daß aber die eigentliche Triebfeder das Bewußtsein ist – das Mental ist nur ein Instrument, um die Materie zu kneten, um diese Substanz, die der mechanischen Trägheit des Protoplasmas entstammt, zu durchdringen, zu erfüllen. Wir hingegen glauben, das Mental sei geschaffen, Evangelien, Philosophien oder irgendeinen Marxismus zu erfinden, während all dies nur evolutionäre Launen sind – wie das hübsche Gefieder männlicher Vögel –, um immer mehr Bewußtsein in die Materie zu ziehen. Darin liegt das Ziel, der Sinn und der verborgene Schlüssel dieser ganzen Entwicklung. Das Mental ist in der Tat ein ganz besonderer Quälgeist, läßt es uns doch keine Minute in Frieden, man hätte keinen besseren Trick erfinden können, uns zu hindern, in der Wonne natürlicher Evolution dahinzudösen. Falls wir die chemischen Wertigkeiten samt unseren höchsten Diplomen als unser Ziel ansahen, dann ist das lediglich unser eigener Irrtum “höher entwickelter Tiere”. Zum Glück sind die evolutionären Absichten weit wunderbarer!

Sie unterrichtete also auf eine “andere Weise”.

Abends erschien sie nach ihrer Tennispartie auf dem “Sportplatz”, sehr zierlich, ruhig und ganz in Weiß. An den Füßen trug sie japanische Getas, darüber lange Pluderhosen und eine “Kamize”, deren Farbe je nach den Tagen wechselte – denn auch die Farben haben ihre Bedeutung mit ihren speziellen Kräften und Bewußtseinszentren – und eine Kopfbedeckung aus weißem Musselin zum Schutz vor dem Wind. Ihre langen Haare hatte sie schneiden lassen. Im “Winter” trug sie um ihre bereits gebeugten Schultern einen weißseidenen Umhang. Sie war dreiundsiebzig. Dieser Sportplatz war in Wirklichkeit das eigentliche Zentrum ihres außergewöhnlichen Labors. Dort wurde Gymnastik betrieben, sehr intensiv sogar – Geräteturnen, Judo, Hathayoga, alles mögliche, auch Boxen und Übungen am Turnpferd und wer weiß was noch. Die Mädchen trugen weiße Häubchen und Shorts – Shorts in Indien im Jahr 1950, wie schamlos und skandalös! Zusammen mit den Jungen bildeten sie gemischte Gruppen, die sich durch verschiedenfarbige Shorts voneinander unterschieden: Da war die Gruppe in roten Shorts, die blaue Gruppe, die khakibraune, die grüne der Kleinen, die weiße Gruppe der über Achtzehnjährigen, sowie die Grauen – ein ganzer Regenbogen. Alles spielte sich frisch und voller Lachen in einer leichten Atmosphäre ab. Ja, es war ganz lustig, eine neue Spezies vorzubereiten. Aber keine Eltern – sie wollte nichts mit den Eltern zu tun haben, diese Eltern sind schreckliche Wesen! Unverzüglich drängen sie einen auf das alte atavistische Gleis mit all ihren Ängsten um einen Schnupfen und um “gute Manieren”. Hier kommen Kinder an, die sind so schrecklich gut erzogen, so höflich, so manierlich, die euch so wohlerzogen antworten, daß man den Eindruck hat, es mit kleinen halblebendigen Puppen zu tun zu haben, äußerlich geschniegelt und gestriegelt, die aber innerlich überhaupt nicht antworten.10 Sie suchte die innere Antwort. Sie suchte ein inneres Feuer. An dieser Antwort konnte sie den Entwicklungsgrad des einzelnen genauestens erkennen. Denn für sie waren die Wesen ein ganzes Spektrum von Farben und Schwingungen, die auf das Atom genau den Stand des Bewußtseins und den Grad seiner Intensität anzeigten. Wenn man jemanden anblickt, der seiner Seele bewußt ist und in seiner Seele lebt, hat man das Gefühl, sehr tief, tief, tief in die Person einzutreten, ganz weit, weit, weit hinein, und da fühlt man… eine leise, sehr ruhige Antwort. Etwas Warmes, Ruhiges, Reichhaltiges, vollkommen Unbewegtes und sehr Erfülltes wie eine süße Sanftheit – das ist die Seele. Andere Male gibt es Augen, in die man nicht eintauchen kann, sie sind verschlossen wie eine Tür: zwei schwarze Scheiben. Schließlich gibt es noch Augen, die offen sind, man geht hinein und trifft gleich dahinter auf etwas, das vibriert und manchmal glänzt, es vibriert. Wenn man sich davon täuschen läßt, sagt man: “Ah, eine lebendige Seele!” Es ist aber nicht die Seele sondern das Vital. 11Der charmante kleine Wirbel. Sie nahm alle auf, außer den “schwarzen Scheiben”. Mit ihrem Diamantblick, in dem sich Süße, Lachen oder Belustigung vermischten, tauchte sie in sie ein, drang tief hinein bis auf den Grund, und das war, als müsse sie Sümpfe und dicke Schichten über Schichten durchqueren, und wie aus der Tiefe eines Brunnens zog und zog sie eine kleine reine Flamme des Seins empor, etwas, das sich wie zum ersten Mal regte, etwas Unbekanntes und Fremdes, das wie ein junger Vogel seinen Hals reckte und einen mit einer ganz neuen, ganz unerwarteten Art Leben erfüllte – man wollte tanzen, lachen oder sogar weinen, als seien mit einem Mal all die alten Mauern eingestürzt, als fände man sich in einer sonnigen Welt wieder und kannte sich selbst nicht mehr. Wie herrlich war es, sich nicht mehr im absurden alten Durcheinander auszukennen, in dem man zehn, zwanzig Jahre lang wie gutgeölte kleine Automaten gelebt hatte! Die alte Gewohnheit war abgefallen – man atmete anders. Plötzlich hatte das Leben einen Sinn. Einen anderen Sinn. Alles war möglich. Manchmal flohen die Leute auch vor diesem Blick: Er war unerträglich für den inneren Sumpf. Das war um so besser. Dadurch wurde automatisch eine Auswahl getroffen. Was meinst du, bemerkte sie eines Tages, wie hübsch es doch wäre, wenn man das Bewußtsein der Leute nehmen könnte, wie man eine Blume nimmt, und weil man es mit dieser Schwingung höchster Liebe betrachtet und hält, würde es sich öffnen, ordnen und prachtvoll werden. “Aber genau das tust du ja!” antwortete ich. Da lachte sie schelmisch wie ein junges Mädchen. Sie wollte so sehr, daß die Wesen sich dem wahren Leben öffneten, ihrem eigenen wahren Leben – das so einfach und ohne Lärm hinter all den absurden Schichten präsent ist. Ein erstes kleines Fenster, das sich auf eine andere Evolution öffnet. Der erste Schritt zur neuen Spezies. Ein “Etwas”, verborgen auf dem Grund der Materie, von seinen menschlichen Verhaltensweisen befreit. Die Evolution scheint immer wie ein umgekehrter Weg zu sein: Wir finden das vor, was schon immer da war. Wir machen das Vergessen rückgängig. Ich lege nur das notwendige Wahrheitsbewußtsein in euch, alles übrige entwickelt sich dann automatisch.12 Mutter nahm eine Rosenknospe, hielt sie in den Händen, und die Rose öffnete sich. Oh, wie gerne hätte sie die Rose der Welt geöffnet!

Durch dieses kleine Fenster öffnete sich eine andere Wahrnehmung der Welt. Dieses kleine Fenster ist so einfach, bei Kindern ist es fast immer offen oder wenigstens bereit, sich zu öffnen. Wir aber versperren es mit allen möglichen Gesetzen, Vorsichtsmaßnahmen, Ängsten, Familienärzten, tödlichen Ideen und Manieren, mit sämtlichen Du-sollst, Du-sollst-nicht, Du-kannst, Du-kannst-nicht und schicken die Kinder zur Schule, um das, was wir blockiert haben, mit falscher Geographie, falscher Geschichte und einem falschen Lebensgesetz zu ersetzen. Aber durch das kleine Fenster hindurch war alles offen und direkt gegenwärtig: Die Welt war greifbar, die Geographie unmittelbar, die Geschichte überall – die große Geschichte, die ungehindert und zeitlos fließt und uns alle Ereignisse und alle Wesen begreifen läßt. Diese große Geschichte war der Stoff ihres Unterrichts abends nach dem Sport. Hinter ihr war eine riesige Landkarte Indiens in die Wand gehauen – das vereinigte Indien, das nie von Engländern oder einer traurigen und falschen Geschichte verstümmelte Indien –, neben ihr brannte eine kleine Tischlampe. Sie war ganz in Weiß gekleidet, und am eindruckvollsten waren ihre Augen, die unter der kleinen, tief in die Stirn gezogenen Musselinhaube übergroß wirkten. Alle saßen im Halbkreis um sie herum auf dem Boden, Lehrer wie Schüler und sämtliche Anhänger. Es waren insgesamt bereits tausend Personen. Sie las ihnen einige Seiten aus Die Synthese des Yoga vor oder vielleicht die letzten Kapitel aus Das Göttliche Leben: “Mensch und Evolution”. Philosophie wurde zu etwas Einfachem, die gelebte Erfahrung, das, was man sieht, was man berührt, wenn die innere Tür offen ist, die Evolution direkt vor der Nase: Man sieht es, also wird man es. Man hat das in sich, also ist man in dem, dringt überall in der Welt ein wie bei sich zu Hause, denn die Welt ist in uns. Aber alles ist doch da! Alles – alles, was es zu erfahren gibt, und noch unendlich viel mehr, das ihr nie erfahren könnt…13 Das Wissen, das von außen zu euch zu kommen scheint, ist nur der Anlaß, das Wissen in euch an die Oberfläche zu bringen.14 In dieser Schule der Evolution waren die Lehrer nicht dazu da, die Schüler zu “belehren”, sondern sie zu informieren, wie sie sagte. Da gibt es nichts zu lehren! Es gilt nur das hervorzulocken, was schon vorhanden ist, das ist alles. Wir sind eine ungeheure Gesamtheit unmittelbaren Wissens, das nur in irgendeinem Winkel des Gehirns in Vergessenheit geraten ist…

Wie aber können wir mit diesem unmittelbaren Wissen wieder in Berührung kommen?

Vielleicht vermag ein einfaches, ganz banales Beispiel dazu beizutragen, die außergewöhnliche physische, ja, sogar physiologische Präzision dieses direkten Wissens besser verständlich zu machen: Eines Tages brachte mir jemand eine Fotografie einer mir völlig fremden Person, die zehntausend Kilometer weit entfernt lebte. Ich betrachtete sie… da empfand ich etwas ganz Unerklärliches: eine Fülle simultaner Wahrnehmungen, die alle Ebenen des Wesens umfaßte – alle Schwingungen, Schwankungen und Widersprüche jener Person. Wie aber das in einer mentalen Sprache ausdrücken? Unsere Sprache ist flach wie eine Fotografie, abstrakt und hohl mit langen und kurzen Nasen, Tugenden und Sünden, sie enthält nichts von den lebendigen, schwankenden, ineinanderfließenden Tiefen, die so charakteristisch für ein Wesen sind. Da es unmöglich war, demjenigen, der mir die Fotografie gebracht hatte, irgendeine Erklärung zu geben, machte ich aus einem plötzlichen Impuls heraus eine Geste, eine absurde Geste, wie jemand, der während einer Bridgepartie Karten verteilt. “Aber das ist ja genau sein Tick! Immer, wenn er redet, macht er das!” Und so ist es: Man ist in der Person, obwohl sie zehntausend Kilometer weit entfernt lebt, aber nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper mit all seinen physiologischen Ticks und Reflexen. Ein exaktes Wissen auf die Schwingung genau (die nicht immer angenehm ist). Alles ist da. Man befindet sich im Kieselstein, im Mond, in der VI. ägyptischen Dynastie oder in einer Blume, die uns am Wegrand zulächelt (was schon angenehmer ist). Mit Mutter öffnete sich die ganze Welt, die Zukunft, die Vergangenheit, die konkrete Evolution, die wunderbare Möglichkeit. Plötzlich leuchtete das so einfach Gegenwärtige in tiefer Bedeutung auf, als wären alle Dynastien und die große jahrtausendealte Geschichte in einer banalen Geste wiedererwacht, um ihr einen Sinn für die Zukunft der Erde zu verleihen. Es war, als öffneten sich mächtige Tore im Bewußtsein. Ihre Worte brachten die Erfahrung, vermittelten die Erfahrung. Mit ihr sahen wir, berührten wir, und die Welt wurde zu einer konkreten Einheit, einem aufgeschlagenen Buch. Es war so. Die kleinen Individuen lösten sich auf, man begann überall gleichzeitig zu sein, in allem zu fühlen, in allem wahrzunehmen, mit allem Lebendigen zu leben, und zwar überall, sei es noch so entfernt oder auch ganz nahe. Es war so einfach, alles war EINS. Du kannst etwas nur deshalb verstehen und kennen, weil es in irgendeiner Weise in dir ist oder du in ihm.15 Die kleinen, numerierten und getauften Hautsäcke dienten nur dem Zweck, daß sich nicht alles wie zu einem Brei auflöste, ein evolutionärer Trick sozusagen, um Individuen zu formen. Dahinter oder im Innern aber strömte das große Bewußtsein frei, schrankenlos, ohne Gesetze – und hatte man erst einmal dieses Gesetz im Griff, dann… Ja, dann wurde alles möglich, dann befand man sich bereits in der nächsten Evolution, dann war man eingetreten in die neue Spezies mit ihrem großen Bewußtsein – einem Bewußtsein so rund und EINS wie die Sonne. Wenn wir uns in allem auszubreiten verstünden, wenn alle Schwingungen, die auf uns zukommen oder von uns ausgehen, das Bedürfnis zum Ausdruck brächten, sich in allem zu verschmelzen, sich zu erweitern und zu wachsen, um sich schließlich mit allem zu vereinigen, dann hätten wir nichts mehr zu verlieren, weil wir alles hätten. Nur wissen wir es nicht. Und weil wir es nicht wissen, sind wir nicht dazu fähig. Stattdessen versuchen wir zu nehmen, anzuhäufen, anzuhäufen, anzuhäufen – aber das ist nicht möglich, man kann die Dinge nicht anhäufen, man kann sich nur mit ihnen vereinigen. Wir aber wollen das Wenige, das wir haben, wieder zurückbekommen: Wir senden einen guten Gedanken aus und erwarten dafür Anerkennung, wir schenken ein wenig Zuneigung und erwarten, daß man sie erwidert… Nur weil wir unfähig sind, der gute Gedanke in allem zu sein, die Zuneigung, die Zärtlichkeit in allem zu sein, haben wir das Gefühl, von allem abgeschnitten und abgegrenzt zu sein, haben Angst, alles zu verlieren – haben Angst, das zu verlieren, was wir besitzen, weil wir uns beeinträchtigt fühlen würden. Wären wir hingegen fähig, uns zu vereinigen, hätten wir es nicht mehr nötig zu nehmen. Je mehr man sich erweitert, desto mehr besitzt man. Je mehr man sich vereinigt, desto mehr wird man. Und statt zu nehmen, gibt man. Und je mehr man gibt, desto mehr wächst man.16

Sie lehrte die Kinder die wahre Einheit der Welt – nicht jene, die alles zur “Einheit der Volksmassen” niederwalzt und einebnet, sondern diejenige, die alles umfaßt und in die Tiefe geht und die unendliche Vielfalt der Elemente respektiert, weil sie alles ist, was sich bewegt, was fühlt und lebt. Und da sie alles in sich vereint, kennt sie das wahre Bedürfnis jedes einzelnen Dinges und die richtige Bewegung in jedem Augenblick. Sie ließ die Kinder die Spontaneität dieses großen Genauen Bewußtseins berühren: keine Pläne, keine Prognosen – die immer versagen –, stattdessen die Vereinigung mit dem großen Strom, der uns in jedem Augenblick die notwendige Geste vollbringen läßt. Der ganze Ashram wuchs auf diese Weise, ohne Pläne, ohne Prognosen, in einer Art spontanem Wachstum. Offensichtlich war ein anderes Gesetz am Werk. Ein direkter Schlüssel, der keine komplizierte Wissenschaft benötigt, um sich auszudrücken.17

Wären diese Kinder lange genug rein geblieben, gäbe es heute vermutlich einen eher sonderbaren Platz auf der Welt, eine Art Modell der kommenden Seinsweise auf der Erde – aber hätte die restliche Welt das geduldet?… Die “Einheit” wirkt in beide Richtungen. Die “restliche Welt” steckte bereits in den Zellen dieser Kinder. Es erforderte etwas Radikaleres als ein wenig Bewußtseinserweiterung. Es war notwendig, in die Zellen der Welt hinabzusteigen, um die Dinge an ihrer Wurzel zu ändern. Dort mußte der “direkte Schlüssel” gefunden werden.

Eine Frage der Haltung

Sie stellten Fragen, diese Kinder, tausend chaotische Fragen, aber immer auf Französisch. Sie wollte, daß alle Französisch lernten, und sie antwortete auch nur auf französisch. Zusammen mit den jungen Indern waren inzwischen Kinder aus fast allen Ländern zugegen – wirklich ein Labor der Welt. Es war die Zeit der Fragen und Antworten, der “Mittwochsklassen”, die acht Jahre lang dauern sollten, bis 1958. Hier ließ sie wie klares Quellwasser und in der einfachsten Sprache, einer Sprache für Kinder, das gesamte okkulte Wissen fließen, das in früheren Zeitaltern sorgfältig gehütet und in besonderen Schulen den Eingeweihten vorbehalten war. Diese einfachen Klassen bewirkten die durchgreifendste Auflösung alles Okkulten, die je in der Geschichte stattfand. Sie wollte nichts “Okkultes”, sie wollte, daß alle Geheimnisse ausgesprochen wurden… sie wollte, daß alles natürlich, unmittelbar und problemlos gegenwärtig sei. Daß man das, was man sagte, auch lebte. Das waren die lebendigen Veden. Nichts ist einfacher als die Wahrheit. Sie ist so transparent wie die Luft, wir atmen sie jeden Augenblick, sie ist ein ungekünsteltes Wunder. Merkwürdig, daß wir so vieler besonderer Effekte bedürfen, bevor wir das zu begreifen beginnen. “Aber wozu ist dann das Mental überhaupt gut?” fragten die etwas Rationelleren. “Warum gehen wir überhaupt zur Schule, und warum gibst du dir so viel Mühe, uns zu unterrichten, wenn es nur darum geht, über das Mental hinauszugehen?” Und wenn man aus dem mentalen Brei, wie sie es nannte, herauszukommen beginnt, wenn es sich darüber und ringsum etwas zu lichten beginnt, fängt man tatsächlich an, in einem ständig neuen Wunder zu leben, bis in die kleinste Einzelheit hinein: Kenntnisse, von denen man nicht einmal ahnte, daß man sie besitzt, erstaunliche Genauigkeiten, schrumpfende Entfernungen. Es ist beinahe, als wäre jemand oder etwas bemüht – wirklich darum bemüht –, uns alles Notwendige wissen zu lassen, und zwar bis in die unerwartetsten Einzelheiten, es uns aber nicht nur im Kopf wissen zu lassen sondern ganz konkret im Leben anhand lebendiger Beispiele, kleiner “banaler” Szenen, die uns mit einem Lächeln einen ganzen Ausschnitt der Welt veranschaulichen… auf eine etwas humorvolle Weise, als käme uns in dieser mentalen Lichtung die ganze Welt entgegen, um uns die Antwort zu zeigen. Alles antwortet, als bestünde ein seltsames geheimes Einverständnis zwischen uns und den tausend alltäglichen Dingen, als ob all dies einem einzigen Leben angehöre und sich alles gegenseitig erkenne und sich kleine Zeichen gäbe: “Siehst du, so ist es”, ganz unauffällig, ohne Aufwand. Das EINE Leben. Als Sri Aurobindo gefragt wurde, wie er es fertig brachte, fünf, sechs Bücher gleichzeitig zu schreiben, antwortete er: Ich hätte jeden Monat sieben Ausgaben des “Arya” schreiben können, und das siebzig Jahre lang, ohne das von oben herabkommende Wissen zu erschöpfen.18 Und so ist es tatsächlich. Wir sind von einer unendlichen Flut von Wissen umgeben, für das es keine Nebensächlichkeiten gibt: alles zählt absolut. Alles ist miteinander verbunden. Es spielt sich darin aber kein gedanklicher Vorgang ab, außer man will eine Rede halten oder zum Beispiel ein Buch schreiben. Dann werden die tausend kaum wahrnehmbaren Fäden – ungreifbar für das Mental, das wie ein Esel einen Fuß vor den anderen setzt – von einem exakten Super-Denken erfaßt, das im Nu den Zusammenhang des gesamten Bildes herstellt und uns direkt durch den Dschungel seiner Millionen ineinanderverflochtener Zweige führt. Alles ist darin in einer für das Mental unfaßbaren Ordnung, einer ungeheuren und transparenten Super-Kohärenz enthalten. Es gibt nichts, was das Mental zu tun vermag, das nicht in mentaler Unbewegtheit und gedankenfreier Stille weit besser getan werden könnte.19 Warum sich also in den ausgefahrenen Gleisen des Mentals weiterbewegen, wenn das nächste Stadium der Evolution, das um einiges leichter sein wird, darüber hinausgeht?

Es versteht sich von selbst, erklärte Mutter, wenn uns anstelle eines Instruments mit nur drei Noten ein Klavier mit achtundachtzig Tasten oder sogar ein Orchester mit dreihundert Musikern zur Verfügung stünde, daß die musikalische Thematik dann zwar dieselbe, der Reichtum des Ausdrucks oder besser der Übertragung hingegen unvergleichlich wäre. Wir bilden Noten heran, sagte sie ihnen, damit das andere Bewußtsein sich einer kompletten Tastatur bedienen kann, es ist aber nichts weiter als eine Tastatur für etwas anderes. Das Mental hatte angefangen zu degenerieren, als es wie Franz Liszt unglaubliche Arpeggios für ein einziges Klavier komponierte. An diesem Punkt weicht die Schule der neuen Welt, wie wir sie einmal nennen wollen, oder die Schule der kommenden Evolution, unmerklich ab – unmerklich für jedermann. Sri Aurobindos Yoga ist der unsichtbare Yoga par excellence, wie die Luft, die wir atmen, wie die Wahrheit vielleicht: man kann tun, was man normalerweise tut, nur tut man es mit einer völlig anderen haltung.20 Dieser einfache Satz enthält eine ungeheure Kraft…. Wenn wir nur wüßten! Jahre später sagte mir Mutter, als sie sich mitten in diesem gefahrvollen Yoga des Körpers befand, der wirklich ein Ringen mit dem Tod bedeutet, einen Kampf gegen tausendjährige physiologische Gesetze: Die richtige Haltung ist der wahre Schlüssel für das ganze Problem der Transformation. Sie hatte dasselbe bereits dreißig Jahre früher schon einmal gesagt.21 So einfach ist das. Aber es ist vielleicht das tiefgründigste Rätsel, das wir auszuloten haben. Wir tun also alles wie üblich – sei es Mathematik, Boxen, Shakespeare lesen oder Zähneputzen – aber mit einer anderen Haltung, und diese Haltung hat die Macht, die Umstände zu ändern. So können aus vollkommen identischen Umständen ganz unterschiedliche Resultate erwachsen. Ob wir durch eine Grippeepidemie, durch die Seite eines Mathematikbuches oder über eine Straßenkreuzung gehen, immer gibt es gleichsam zwei vollkommen verschiedenen Welten: In der einen Haltung überspringen wir Jahre an Leben und Bewußtsein in eine einzige Sekunde gedrängt, in der anderen drehen wir uns im Kreis der Toten oder erwischen eine Grippe. Alles wird anders, die Gesetze ändern sich. Es sind wirklich zwei Welten, die eine in der anderen, mit nur einem kleinen Unterschied in der inneren Haltung. Im einen Fall sind wir wie üblich auf das alte Leben eingestellt oder besser gesagt auf den alten Tod, im anderen hingegen auf… etwas, das kommende Bewußtsein, das nächste Leben, die nächste evolutionäre Entdeckung, auf jenes unbegreifliche Etwas, das unser nachmenschliches Stadium sein wird – das aber erst noch geschaffen werden muß, denn es wird nicht fix und fertig vom Himmel fallen. Es schaffen heißt, es herbeizurufen. Das ist wie eine Beschwörung der Zukunft. Dieses Rufen zwingt sie zu sein. Man möchte sogar meinen, sie würde durch das Rufen unter unseren Schritten geboren. Es wirkt wie ein Magnet, der von überall her die Gelegenheit des Fortschrittes anzieht. Ein Magnet, der die kommende Seinsweise auf der Erde einfängt. Früher, zu alten Zeiten, wurden die Anwärter der Initiation gewarnt: “Nun macht euch darauf gefaßt, daß ihr schrecklichen Prüfungen unterzogen werdet. Man wird euch in einen Sarg einsperren und euch furchtbaren Gefahren aussetzen. Diese Prüfungen zeigen, ob ihr die notwendigen Eigenschaften erlangt habt oder nicht…” Diese Methode gehört aber der Vergangenheit an. So wird heute nicht mehr vorgegangen, sondern das Leben selbst liefert mit seinen täglichen Gegebenheiten die Prüfungen, die ihr durchzustehen habt.22 Wir befinden uns mitten in der evolutionären Prüfung. Das Mental ist lediglich ein unbewegter Übertragungsbereich, und in dieser Stille tragen wir überall, in jeder Geste, bei jeder Bewegung diese Antenne mit uns herum, gerichtet auf… was? Die Zukunft, das. Das, was wir werden müssen, das, was wir in unserem Körper ausarbeiten müssen, so wie der Affe eines Tages den Menschen in sich heranzog. Bloß, hätte man damals dem höheren Affen geraten: “Hör zu, du brauchst dich nur fünf Minuten lang unter einen Baum zu setzen und auf… nichts zu schauen oder einfach auf einen Grashalm”, er würde solches wohl als unnützen Blödsinn empfunden haben, denn vom Unterschied in der Haltung hätte er gewiß nichts verstanden.

“Mutter”, fragte ein etwas nachdenkliches Kind, “als das Mental in die Erdatmosphäre herabkam, gab sich der Affe bestimmt keine Mühe, sich in einen Menschen zu verwandeln, oder? Die Natur selbst lieferte die Anstrengung? Jetzt aber…?” Und Mutters schlagfertige Antwort lautete: Aber keinesweg wird der Mensch sich von selbst in einen Übermenschen verwandeln! – “Nicht?”, fragte verwundert das Kind. Versuche es doch mal! antwortete Mutter unter allgemeinem Gelächter auf dem Sportplatz. Seht, das ist genau der Punkt: etwas anderes wird die Arbeit verrichten. Doch (ja, es gibt ein “doch”, ich möchte nicht grausam sein) jetzt kann der mensch mitwirken. Das bedeutet, er kann guten Willens sein und sich mit seinem ganzen inneren Streben dem Vorgang zur Verfügung stellen, um mitzuhelfen. Das war der Grund, warum ich sagte, es würde schneller gehen – ich hoffe, daß es schneller gehen wird.23 Das war 1956. Offensichtlich wird das Mental nicht das hervorbringen, was über es hinausgeht, ebensowenig wie der Affe durch seine Klettergewandtheit den mentalen Menschen hervorbrachte. Aber hin und wieder bereiteten die Fehler des Affen die Nachdenklichkeit eines Menschen vor. Der verfehlte Ast ist im Falle von uns Menschen das gewohnheitsmäßige Funktionieren des Verstandes, den wir ständig zu Hilfe nehmen, um jede geringste Geste, jede kleinste Angelegenheit zu unterstützen – alles ist ein Ast. Wenn wir den Ast des Verstandes loslassen, stehen wir zunächst einmal vor einer Leere, einem Abgrund – einem sehr beängstigenden Nichts, wo wir den Verstand zu verlieren fürchten. Gerade diese Leere ist es aber, die das andere Etwas ruft. Bevor das andere Etwas eintreten kann, muß dafür Platz gemacht werden. Und alsbald stellt man mit Erstaunen, dann mit Vergnügen und schließlich mit wachsendem Entzücken fest, daß etwas antwortet. Es antwortet von allen Seiten, es wimmelt nur so von Antworten, sie tauchen unter unseren Schritten auf, vor unseren Augen, bei unseren Begegnungen, in unseren Gesten… sie strömen von überall herbei. Und zwar so unerwartet, so unvorhergesehen, daß wir direkt an ihnen vorbeigehen könnten, ohne sie zu bemerken: plötzlich bedeuten die Dinge etwas, alles ist voller Bedeutung. Es ist wirklich, als warte das andere Leben nur darauf, daß wir das alte aus dem Weg räumen, um zutage zu treten. “Das ist genau der Punkt”, sagte sie, “etwas anderes wird die Arbeit leisten.” Wir brauchen den Übermenschen nicht zu “machen”, sondern ihn nur machen zu lassen. Wir vergessen immer, daß wir in einer Welt aufwachsen, in der alles bereits da ist. Die Zukunft selbst treibt unsere Schritte voran, die Zukunft unter unseren Schritten… Je nach unserer Haltung ist es die alte oder die noch neue Sichtweise, die alte oder die noch neue Seinsweise. Jahrtausende alter Gewohnheiten verhüllen ein strahlendes Immer-Gegenwärtiges. Der Augenblick wird kommen, wo der evolutionäre Käfig aufbrechen muß, der all diese kleinen vergeßlichen und voneinander getrennten Iche prägte und ausarbeitete, die notgedrungen voneinander getrennt wurden, um sich ihrer selbst bewußt zu werden – damit wir uns des großen Bewußtseins gewahr werden und fähig sind, das alles umfassende Bewußtsein in einem Punkt wiederzugeben. Dieser Augenblick ist gekommen. Der Mensch kann mitwirken. Wir durchwandern ein immer gegenwärtiges Amazonien…, um letzten Endes festzustellen, daß es das Amazonien ist. Da ändert sich unser Blick: Alles bleibt sich gleich, doch alles wird klar. Die ganze Welt befindet sich in ein und demselben Zauberwald – die Raupe miteingeschlossen. Vielleicht müssen alle das Wunder erkennen, damit es existent wird. Ein ungeheurer Blickwechsel. Eine andere Seinsweise auf der Welt – in der gleichen Welt. Vielleicht ist das der Übermensch?

3. Kapitel: Ein Universaler Anfang

Die evolutionäre Brücke

Der Übermensch ist erst ein kleiner Übergang – er bedeutet bestenfalls ein paar aufgeblasene Köpfe mehr im Universum. Obwohl er als Voraussetzung dient, ist er nicht das eigentliche Problem. Das Gefühl der Einheit, die konkrete Wahrnehmung der Einheit ist nicht mehr als das Einmaleins für die Kinder der neuen Evolution, es entrümpelt einfach den Zugang zur alten natürlichen Tür – und rein praktisch gesehen, dient es nicht einmal dazu, größere Wahrnehmungen zu verleihen oder das Forschungsfeld zu erweitern oder kleine Weltbürger zu zeugen, obwohl es gewiß nicht an interessierten Kandidaten für das Welt-Gehirn fehlen dürfte. Nur, was dann? Man könnte die Verkommenheit, das Elend und den Schmerz der Welt in noch größerem Umfang wahrnehmen. Die erste Wirkung dieser “Einheit” wäre des öfteren eher schmerzhaft als angenehm. Es ist unglaublich, was man alles schlucken kann – dieses Bewußtsein ist sehr “präzise”. Jedenfalls hat dieses einigende oder eher wiedervereinigende Einmaleins nichts mit dem Mental zu tun, wie wir gerne glauben, nur weil wir es nicht lassen können, den alten mentalen Menschen in die Haut des kommenden Wesens zu verpflanzen, aber hier irren wir uns gründlich. Die Ursache, die diesem erweiterten Bewußtsein zugrunde liegt, könnte man fast als mechanisch bezeichnen, ein physiologischer Mechanismus, der keineswegs dazu dient (oder nur in zweiter Linie), großartige Weltperspektiven zu eröffnen. Dieses Neue Bewußtsein ist erdrückend, es ist ungeheuer und steht in keinem Verhältnis zum winzigen Netzwerk unserer Nerven, die schon ohnmächtig werden, wenn sich ein Finger in der Küchentür klemmt. In erster Linie ist dieses neue Bewußtsein eine Kraft oder erscheint uns als solche und wird als solche wahrgenommen vom winzigen Bewußtsein, das eingeschlossen ist im Geflecht der Venen, Äderchen und Pyramidenzellen, die Gefahr laufen, dabei wie Blasen zu zerplatzen. Der gesamte Mechanismus materieller Substanz muß sich erweitern, um die Ladung zu ertragen. Eine körperliche Veränderung muß stattfinden. Das Bewußtsein des Körpers selbst muß lernen, sich zu erweitern (oder sich zu klären, was auf das gleiche herauskommt) eine physiologische Entsprechung der Erweiterung des Gehirns, die den Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts vor seinem Fernseher vom jungsteinzeitlichen Menschen unterscheidet. Wir wissen nicht, was dieses nächste Wesen tun wird oder zu was es fähig sein wird, sonst wären wir wieder versucht, ihm unsere eigenen glorifizierten menschlichen Eigenschaften anzudichten, für die es vermutlich gar keine Verwendung hätte. “Nur der Körper kann verstehen”, sagte Mutter. Er wird vor uns wissen und wahrnehmen, was das nächste Leben sein wird. Die Evolution findet in der Materie statt, nicht im Gehirn – das Gehirn ist ein hübsches Anhängsel, das uns hilft, den Vorgang zu verstehen (falls wir wollen) und möglicherweise an ihm teilzunehmen. Hier verfügen wir über zwei Schlüsseltexte, die mir eines Tages, als ich den zukünftigen Sinn der Welt unverbesserlich noch immer in den Pyramidenzellen zu finden hoffte, die Augen vollends öffneten. Zunächst ein Text von Sri Aurobindo, ein unauffälliger kleiner Satz mitten in anderen Themen verstreut, wie nur er zu schreiben pflegte: Ein vollkommen bewußter Körper könnte sogar die materielle Methode und den genauen Vorgang der materiellen Transformation entdecken und ausarbeiten… Auf diese Weise wäre der körper Teilnehmer und Agent seiner eigenen Transformation.1 Dann ein weiterer, höchst aufschlußreicher Text von Mutter: Der Körper, so wie er ist, ist wirklich nur ein sehr verzerrter Schatten vom ewigen Leben des wahren Selbst, aber dieser physische Körper ist zu einer fortschreitenden Entwicklung fähig: Durch jede individuelle Form entwickelt sich die physische Substanz, und eines Tages wird sie fähig sein, eine brücke zu bilden zwischen dem leben, so wie wir es kennen, und dem supramentalen leben, das sich offenbaren wird.2

Der Körper wird die Brücke bilden.

Im Körper liegt der Schlüssel.

Das Wunder fängt hier an.

Hier liegt der Grund, daß sie der Körperkultur in ihrem Labor eine so große Rolle beimaß. Wie sehr wachte sie darüber, wie sehr war sie um jeden einzelnen bemüht und verfolgte jede Übung, jede Bewegung! Noch nie hatte es eine “Institution” gegeben (besonders in den vierziger Jahren), die dem Körper so viel Sorgfalt und Zeit widmete: mehrere Stunden am Tag. Nie waren es rein spezialisierte Übungen, jeder hatte eine Reihe verschiedener Übungen zu machen, wobei auch die Mädchen sich ebenso im Boxen wie am Reck und im Gewichteheben übten. Natürlich könnte man sich fragen, inwiefern Boxen einen neuen Körper hervorbringe (abgesehen von einem muskulösen) und ob Kurzstreckenläufer im nächsten Stadium mehr Chancen hätten als Diplomliteraten? Aber warum auch schließlich nicht. Alles hängt davon ab, wie man läuft. Und alles hängt davon ab, wie man ein Diplom erwirbt. Auch darin liegt in diesem unsichtbaren Yoga der nächsten Welt ein kaum wahrnehmbarer Unterschied: Wir tun alles wie üblich, nur “mit einer anderen Haltung”. Treppen kann man bewußt steigen oder einen Eimer Wasser bewußt heben, und unseres Körpers können wir uns bewußt bedienen – auch das Rennen kann bewußt geschehen. Gymnastik ist nur ein Mittel oder ein Vorwand, um der Materie Bewußtsein einzuflößen – vielleicht sogar ein anderes Bewußtsein. Oder vielleicht nur, um eine gewisse Anzahl von Zellen zu klären und dem Bewußtsein tief im Innern – diesem präzisen, wahren Bewußtsein, dem Wahrheitsbewußtsein in der Materie – zu erlauben, alle dunklen Schichten körperlicher Trägheit zu durchdringen und direkt im Körper zu wirken, so wie es im Vogel, im Atom und überall wirkt, wenngleich indirekt durch eine bestimmte Gewohnheit oder Seinsweise als Vogel, Pflanze, Tisch oder sonst einer Form. Diese alte Form des Seins, diese alte körperliche Seinsweise muß sich anders durchdringen und handhaben lassen. Die nächste Art und Weise muß gefunden werden. Der Körper muß seine nächste Art entdecken und ausarbeiten. Ein Abenteuer… Wie sehr spornte sie diese Kinder an und trieb sie vorwärts! Mit wieviel Tonnen an Energie überschüttete sie alle, die ganze Atmosphäre war wie elektrisch geladen durch ihre Gegenwart, als hätten sich die Pforten des Möglichen wirklich geöffnet: Niemand ist je dahin gegangen! Niemand hat es je getan, es ist ein Anfang, ein universaler Anfang, erklärte sie ihnen. Deshalb ist es ein völlig unerwartetes und unvorhersehbares Abenteuer… Jeden Abend nach ihren sportlichen Übungen schritten sie einer nach dem anderen an ihr vorbei, um diesen Blick zu empfangen, der Türen aufbrach und das Unmögliche aus den Tiefen dieses vom Atavismus verkrusteten Körpers befreite – auflösen, auflösen, all diese alten Gewohnheiten auflösen, diese alten Schlupfwinkel des Todes, diese kleinen Verneinungen der großen Angst vor dem Neuen in den Zellen. Ich lade euch zum großen Abenteuer ein. Es geht nicht darum, auf spiritueller Ebene das zu wiederholen, was andere schon vor uns taten, denn unser Abenteuer beginnt jenseits davon. Es geht um eine neue Schöpfung, vollkommen neu, mit allem, was sie an Unvorhergesehenem, Risiken und Zufälligkeiten mit sich bringt – ein wahres Abenteuer, dessen Ziel ein sicherer Sieg sein wird, dessen Weg aber unbekannt ist und Schritt für Schritt im noch Unerforschten herausgehauen werden muß. Etwas, das in diesem Universum noch nie dagewesen ist und das in derselben Weise auch nie mehr stattfinden wird. Falls es euch interessiert… nun, wohlan, laßt uns aufbrechen! Was morgen sein wird, weiß ich nicht. Wir müssen alles, was wir geplant, vorgesehen und aufgebaut haben, hinter uns lassen und sodann ins Unbekannte aufbrechen. Komme, was will.3 Sie saß da, sehr zierlich und ganz in Weiß unter der riesigen Landkarte Indiens. Während sie sprach, drehte sie eine Frangipaniblüte (“Psychologische Vollkommenheit”) zwischen ihren Fingern, und es war wirklich, als habe sich hier in einem entlegenen Winkel der Erde ein neues Kapitel der Evolution aufgetan.

Hätten sie es doch nur verstanden.

Hätten doch nur ein paar – zwei oder drei – es wirklich voll und ganz versucht!… Immerhin versuchten es einige wenige in den ersten Jahren wirklich. In ein paar Augen sah ich die große Möglichkeit aufleuchten, und in einigen Mädchen sah ich eine so frische und einfache Aufrichtigkeit (mehr als unter den Jungen, muß ich gestehen), wie sie in ihren weißen Tüllhäubchen mit heller Begeisterung ihre Übungen machten und tagsüber in der Druckerei an der Monotype arbeiteten oder Geschirr spülten. Einige wenige reine Beispiele gab es. Aber schon die zweite Welle von Kindern war nicht mehr dasselbe, schon hatte sich die immergegenwärtige Welle der Welt eingemischt. Das Problem war wahrhaftig das Problem der gesamten Welt.

Die Ansteckung

Der Anfang einer neuen Evolution ist etwas sehr Zartes, bedroht wie ein junger Keimling. Wir wissen nicht, wieviele Spezies die Natur ausprobierte, wieder zerstörte und von neuem versuchte, bis dieser Keimling – ein Keimling – Millionen von Insekten und die Härten des Klimas überlebte. Dieses Beispiel veranschaulicht sehr genau, was geschieht, was geschah und immer wieder geschehen wird, wenn ein neuer Versuch auf diesem evolutionären Boden keimen möchte. Vielleicht sind diese Schwierigkeiten von der Natur gewollt, damit ihre jungen Keimlinge stark werden. Immer verkennen wir die große Weisheit unserer Mutter und sind uns nie genügend klar darüber, daß ihre Hindernisse zugleich ihre Instrumente sind, mit denen sie arbeitet, und daß sie ja auch selbst das Insekt ist, das den hübschen Keimling zerstören will. Die Menschheit muß die Lage klar erkennen, denn sie wird das evolutionäre Unterfangen hier oder da, in der einen oder anderen Form bewältigen müssen, egal mit welcher Bezeichnung, egal mit welcher Kopfbedeckung, sei sie aus Tüll oder Fell. Tatsache ist, daß wir alle dahin gehen. Das Problem ist für alle gleich, ob mit dieser Raupe oder einer anderen. Wir müssen versuchen, einen Bereich zu einigen, sagte sie ihnen, einen besonders fruchtbaren Boden zu schaffen, um das Höchstmaß an kollektiver Aufnahmefähigkeit zu erlangen.4 Ja, so wie junge Bäume, die den Regen ersehnen, und weil sie so dicht nebeneinanderstehen, kommt die Wolke angeschwebt und läßt ihren Regen genau da und nirgendwoanders herabfallen – es bedarf vieler Pflanzen, vieler junger Pflanzen, um den Regen anzuziehen. Sonst bleibt uns nichts als eine zivilisierte Wüste, in der nur Maschinen gedeihen. Dies ist ein simples Gesetz evolutionärer Wetterkunde. Es gibt einen Augenblick im Leben eines jeden, wo sich die Notwendigkeit der vollkommenen Aufrichtigkeit wie eine entscheidende Wahl erhebt… Aufrichtigkeit bedeutet, den schönen Regen herbeizusehnen, den Regen, der gedeihen läßt, nur ziehen wir merkwürdigerweise auch gleichzeitig Mikroben an, immer zieht es uns in zwei verschiedene Richtungen. Auch im Gemeinschaftsleben – wenn man einer Gruppe angehört – kommt ein Augenblick, wo eine Wahl getroffen werden muss, wo eine Reinigung stattfinden muß. Manchmal wird es sehr ernst, so daß es geradezu eine Frage von Leben und Tod für die Gruppe wird: Sie muß einen Fortschritt machen, wenn sie überleben will.5 Wie sehr war sie um diese jungen Sprößlinge bemüht! Wie üppig ließ sie ihren Lichtregen auf sie herabfließen! Der “Ashram” war bloß ein Name, sie legte keinen Wert auf einen Ashram, sie war nicht gekommen, um “einen Ashram zu gründen”, doch es war dieser Fleck Erde, wo ein Keimling, ein einziger Keimling, in diesem evolutionären Boden aufgehen sollte. Irgendwo auf der Erde mußte das Problem gelöst werden. Sri Aurobindo und Mutter entschlossen sich absichtlich, ihr evolutionäres Experiment mitten unter den weltlichen Voraussetzungen wachsen zu lassen und nicht in der Abgeschiedenheit des Himalajas, nicht zwischen Klostermauern, sondern mitten in der Gesellschaft – das Experiment mußte dem Klima der Welt standhalten können, was nützte es sonst?

Doch die Welt ist sehr ansteckend. Tag für Tag veranschaulichte sie ihnen das Problem in seinem ganzen Ausmaß auf dem Sportplatz, der vermutlich der Spielplatz der Evolution war. Es war absolut notwendig, daß einige Menschen den Umfang der Arbeit ermessen konnten. Die Arbeit zu verstehen hieße bereits, daran teilzunehmen, aus diesem Grund wurden wir schließlich mit einem hübschen Gehirn ausgestattet und nicht um Arpeggios auszutüfteln. Selbst der Asket oder der Eremit, der sich in eine Höhle oder unter einen Baum in den Urwald setzt, kann sich nicht vollständig von dieser Solidarität mit der übrigen Welt freimachen. Die Luft, die er atmet, ist von den Schwingungen der Welt erfüllt, seine Nahrung enthält die Schwingungen der Welt, folglich genügt seine bloße Existenz, um ihn an den Schwierigkeiten der Welt teilhaben zu lassen.6 Denn immer wieder wurde die Vermutung laut: Wenn ich mich für eine Weile in den Himalaja zurückzöge, könnte ich meine Schwierigkeiten viel besser überwinden! Danach käme ich um so gestärkter zurück und wäre einen Schritt weiter gekommen – aber danach legt man den Mantel der Welt wieder an, und alles ist wie zuvor. Danach kommt nie! Die Arbeit muß unter den Bedingungen des irdischen Labors gemacht werden, darum kommt man nicht herum. Bis zu einem gewissen Grad könnt ihr ein inneres Gleichgewicht aufrechterhalten, aber ihr lebt in einer Umwelt voller Unausgewogenheiten… Ihr gebt und nehmt, ihr atmet und absorbiert. So ergibt sich eine Mischung, und mit Recht kann man sagen, daß alles ansteckend ist, weil ihr in einem Zustand konstanter Schwingungen lebt.7 Dennoch war es sehr einfach, wir wissen gar nicht, wie einfach es ist: Nicht die Summe persönlicher Schwierigkeiten zählt, auch nicht unser Stolpern auf dem Weg, weder Tugendhaftigkeit noch Sündhaftigkeit spielen irgendeine Rolle – wo ist er denn schon, dieser einmalige Heilige der Welt? – ein jeder schluckt seinen Teil an Mikroben… allerdings mit einem Unterschied: die aufrichtigkeit der Absicht. Ihr ständiges Leitmotiv lautete: Seid aufrichtig, seid aufrichtig!… Das war die einzige Abwehr in diesem allgemeinen Untergang, die einzige solide Grundlage: einfach eine aufrichtige Haltung in allem, in den unklarsten, widerspenstigsten und widersprüchlichsten Situationen – wir tragen die ganze Welt von Widersprüchen, Unklarheiten und Mikroben mit uns herum! – und trotz alledem und wider Erwarten vermag dieses “Etwas” im Innern den Evolutionskurs einzuhalten: dahin will ich gehen, das will ich. Auf diese Weise wird jeder Widerspruch ein zusätzlicher Impuls für einen weiteren Fortschritt. Der Evolutionskampf besteht nicht darin, sich nie zu irren, sondern darin, daß wir alle Gelegenheiten in ihrem wahren Sinn erfassen. Dann leben wir immer sinngemäß, egal welchen Umweg wir dabei machen. Der Drang nach Wahrheit schafft die Wahrheit, der Drang nach einer anderen Luft schafft die kommende evolutionäre Luft – genauso wie der Drang, sich aus dem Sumpf zu retten, dem Reptil im Erdmittelalter Flügel wachsen ließ. Es waren nicht seine Tugenden als Reptil, die ihm aus dem Dilemma heraushalfen. Evolutionäre Aufrichtigkeit bedeutet, nach dem wahren Sinn zu streben, egal mit welchen Mitteln, ja, dahin zu gehen. Da will ich hin, selbst wenn ich dabei in der Hölle landen würde, ginge ich trotzdem dahin, denn nur dort kann man frei atmen. Es kommt ein Augenblick, sagte sie, wo das Leben, so wie es ist, das menschliche Bewußtsein, so wie es ist, absolut unerträglich zu werden scheint, und man sagt sich: “Nein, da stimmt etwas nicht, da stimmt etwas nicht, so kann es nicht sein, so kann es nicht weitergehen.” Wenn man diesen Punkt erreicht hat, dann gibt es nur eines zu tun, und zwar sich voll und ganz mit aller Energie, mit aller Kraft, mit seinem ganzen Leben, seinem ganzen Wesen auf diese Chance zu stürzen oder, anders ausgedrückt, auf diese außergewöhnliche Möglichkeit, die einem gegeben ist, um auf die andere Seite zu gelangen. Um den Sprung dorthin zu wagen, lohnt es sich, eine Menge Gepäck hinter sich zu lassen und sich von vielem frei zu machen.8 Sie sagte, diese Aufrichtigkeit, dieses Verlangen nach etwas anderem sei so mächtig in seiner Einfachheit, daß es sogar über den Tod Macht habe. Wir wissen gar nicht, wie einfach die Schlüssel zur kommenden Welt sind – so einfach, wie die Schwierigkeiten kompliziert sind.

Hat der Keimling erst einmal Wurzeln geschlagen, dann wird er sich ganz von selbst auf dem restlichen irdischen Boden ausbreiten: die Ansteckung wirkt in beide Richtungen.

Die Wechselbeziehung

Die Jahre vergingen, und das Problem schien immer bedrückender, immer dringender zu werden. Etwas mußte geschehen. Was? Sie wußte es selbst nicht genau. Ich wünschte, ich hätte Hunderte und Hunderte von Jahren vor mir, um die Arbeit zu machen,9 sagte sie ihnen schon damals. Sie stand dieser menschlichen Masse von über tausend Menschen gegenüber – 1185 Personen im Jahr 1958 –, ihrem Labor, und es ging so langsam voran, wie das Leben selbst. Die Leute sind schockiert, sobald ein paar tausend Rupien verschwendet werden, aber niemand ist schockiert, wenn Fluten von Bewußtsein und Energie von ihrem wahren Zweck abgewendet werden… Wenn wir auf der Erde ein göttliches Werk vollbringen wollen, dann müssen wir mit Tonnen an Geduld und Ausdauer gewappnet sein und in der Ewigkeit leben und warten können, bis das Bewußtsein in jedem einzelnen erwacht – das Bewußtsein, was wahre Ehrlichkeit ist.10 Sie verstanden nicht wirklich, was da für die Erde auf dem Spiel stand und welche Auswirkungen ihre Gesten – ihre kleinen, “ehrlichen” und bewußten Gesten in ganz winzigen materiellen Einzelheiten – auf die gesamte Materie haben können. Denn es gibt Augenblicke, wirklich außergewöhnliche Augenblicke in der Geschichte der Materie, wo die evolutionären oder man könnte auch sagen “klimatischen” Voraussetzungen dergestalt sind, daß ein winziges Körnchen Blütenstaub hier, gewollt, hübsch, spontan, einfach – rein – eine vollkommen neue Seinsweise auf der Erde auslösen kann. Wir verstehen nichts von den “großen Dingen” der Welt, wir suchen sie da, wo sie nicht sind, wir suchen menschlichen Glanz und Gloria, wo doch etwas so ganz anderes als das Menschliche zum Vorschein kommen muß: eine nach-menschliche “Nutzlosigkeit” – eine unauffällige Seinsart von ganz anderer Beschaffenheit. Im Ashram lebte ein etwas verrückter Alter, der war völlig nutzlos und obendrein noch streitsüchtig. Alle wunderten sich, warum Mutter so ein schwarzes Schaf behielt (Anspielungen wie “ich bin so viel besser und natürlich nicht verrückt”, lagen in der Luft): “Warum behalten Sie so einen?” Aber er macht doch so gute Briefumschläge! Es gibt keinen zweiten wie ihn, der solche Briefumschläge falten kann. Da gab es also einen auf der Welt, der es perfekt verstand, Briefumschläge herzustellen. Und sie erfand allerlei ganz “unwahrscheinliche” Beschäftigungen für den einen und den anderen, manchmal eine winzige, die nicht mehr als fünf Minuten am Tag beanspruchte: das Mischen von Nagellack, um genau jenes Pfirsichrosa zu erhalten, oder das gewisse Anordnen von Blumen in einer Vase, wobei die Blütenblätter gezählt wurden, um eine ganz bestimmte Zahl zu erhalten, oder das geschichtliche Ordnen von Briefmarken aus Neu-Kaledonien oder Patagonien… nie kämen wir ans Ende der Liste all dieser unwahrscheinlichen Tätigkeiten, die ab und zu “nützlich” waren, aber, wie es schien, nicht immer. In Wirklichkeit war jede dieser erfundenen Tätigkeiten eine besondere Art, die Materie zu berühren. Mit jedem berührte sie die Materie auf eine besondere Weise. Wer aber verstand die genaue, bewußte, “ehrliche” Geste? Wer verstand, daß sich die andere Weise nicht aus der alten Weise hervorzaubern läßt, daß sie aber dennoch hervorgebracht werden muß? Mit irgend etwas müssen wir schließlich anfangen, denn es wird nicht vom Himmel fallen. Die nächste Welt beginnt mit einer winzigen Geste. Diese Geste muß vollzogen werden. Irgendwo müssen wir anfangen. Was würde der jungsteinzeitliche Schimpanse zu einer gewissen menschlichen Art des Schleifens von Feuersteinen sagen?… Vermutlich würde er lachen, falls Schimpansen lachen.

Wir liegen völlig falsch.

Sie dachten, “Mutter ist ja da, sie wird es schon machen, wir werden das doch nicht selbst machen müssen…?” Selbstverständlich waren weder sie noch ist irgendein einzelner Mensch fähig, den nächsten Menschen hervorzubringen, denn um ihn hervorzubringen, muß man wissen, was er ist. Wie sollte man das Unbekannte, das Nichtexistente hervorbringen? Dennoch gibt es eine Möglichkeit, das Andere machen zu lassen und nicht immer die Türen mit der sterblichen alten Routine zu versperren. Das einzige, was man von ihnen verlangte, war, die Tür nicht zu versperren, eine Öffnung darin zu schaffen, damit diese Tonnen an Bewußtsein, die sie herabströmen ließ, einen Eingang fänden. Mutter konnte es nicht allein machen. Hier liegt eine Dimension des Problems, die sie ihnen auf so ergreifende Weise klarzumachen versuchte, daß es mir noch jetzt das Herz zerreißt. Da stand sie, wahrhaftig wie eine Älteste der Evolution, sie kannte die Geschichte von Anfang an, sie hatte sie viele Male gelebt, viele Male erlitten, und sie wünschte sich so sehr, daß man den Schritt tun würde, den rettenden Schritt. Sie konnte diesen Schritt nicht allein machen. Ist es möglich, eine vollständige persönliche Transformation zu erlangen ohne ein Mindestmaß an Entsprechung in der Gesellschaft?… Mir scheint das nicht möglich zu sein. Die menschliche Natur bleibt, wie sie ist – man mag eine beachtliche Bewußtseinsänderung erlangen (das ja, man kann sein Bewußtsein klären), doch die vollständige Eroberung, die materielle Transformation hängt hauptsächlich von einem gewissen Grad des Fortschritts in der Gemeinschaft ab.11 Was würde ein Einstein ganz allein mitten in einer Bande von Feuersteinschleifern tun? Er hätte nicht existieren können, das ist alles. Er wäre in einem solchen psychologischen Klima erstickt. Mutter verbrachte ihre letzten Jahre in einem qualvollen Zustand des Erstickens. Sie sah, sie wußte, und wie sehr flehte sie, spornte sie alle an! Der individuelle Fortschritt wird vom kollektiven Zustand gewissermaßen beherrscht oder gehemmt. Zwischen der Gemeinschaft und dem Individuum besteht eine Wechselbeziehung, von der man sich nicht völlig frei machen kann, auch wenn man es versuchen wollte. Selbst derjenige, der sich in seinem Yoga vollständig vom irdischen und menschlichen Bewußtseinszustand befreien wollte, wäre zumindest unbewußt an den Gesamtzustand gebunden, der ihn bremsen und zurückziehen würde. Man kann versuchen, schneller voranzukommen, man kann versuchen, jede Last der Bindungen und Verantwortungen fallen zu lassen, trotzdem hängt die Verwirklichung selbst dessen, der führend an der Spitze des evolutionären Marsches vorangeht, von der Verwirklichung des Ganzen ab, vom Zustand der irdischen Gemeinschaft. Und das zieht so sehr nach hinten, daß man manchmal Jahrhunderte warten muß, bis die Erde bereit ist…12 Noch mehr Jahrhunderte? Und dies hing – hängt – nur von einer Kleinigkeit ab, von einem unscheinbaren neuen Zustand in der Materie, in unserer Materie, von einer winzigen “ehrlichen” Geste. Wird es irgendwo eine solche Geste geben? Ein Riß plötzlich in der alten Gewohnheit, Mensch zu sein. Deshalb, fuhr sie fort, muß zur Bemühung um den individuellen Fortschritt und die individuelle Verwirklichung auch die Bemühung hinzukommen, das Ganze emporzuheben und ihm zum notwendigen Fortschritt zu verhelfen, um so einen weiteren Fortschritt des Individuums zu ermöglichen. Folglich können wir sagen, daß der fortschritt der masse dem individuum erlaubt, einen weiteren schritt nach vorne zu tun.12 Aber wird dieser Fortschritt der Masse der sein, der langsam im Osten grollt, oder eher der, den wir unserer eigenen Materie entreißen? Der Fortschritt wird in jedem Fall stattfinden, ob wir es wollen oder nicht – je widerspenstiger wir sind, desto schwerfälliger, gnadenloser und erdrückender wird der Vorgang sein. Die Natur bedient sich aller beliebigen Mittel. Warum nicht das gleiche auf eine angenehmere Weise tun? fragte sie… So könnte man dem makabren Streich der Natur entrinnen. Für sie ist das ohne Bedeutung, sie sieht das Globale, sie sieht das Ganze, sie sieht, daß nichts verloren geht, daß lediglich verschiedene Mengen neu vermischt werden, unzählige winzige und unbedeutende Elemente werden wieder in den Schmelztiegel geworfen und gründlich vermischt, woraus dann etwas Neues entsteht. Doch dieses Spiel ist nicht für jedermann lustig. Wären wir hingegen imstande, in unserem Bewußtsein ebenso weit zu werden wie sie…, warum sollten wir dann nicht das, was sie tut, auf eine angenehmere Weise tun? Immer rief und beschwor sie diese große Möglichkeit herauf und versuchte sie in das Bewußtsein eines jeden zu säen, diese ungeheure, immer gegenwärtige Möglichkeit, die von nichts anderem abhängt als nur… einem Nichts. Dieses großartige Morgen hängt von einem Hauch ab. Es ist so unvorstellbar leicht, wenn wir es doch nur verstünden… Aber es muß einige geben, die es wissen, einige, die es wollen und den Schritt dorthin tun. Es erscheint verrückt, aber alle neuen Dinge erschienen uns immer wie Verrücktheiten, bevor sie Wirklichkeiten wurden. Die Stunde ist gekommen, daß diese Verrücktheit verwirklicht wird.14 Ich wünschte, wir könnten hier den Weg öffnen und darüber hinausgehen, alle gemeinsam, ein wenig.15

Ein wenig, sagte sie…

Sie versuchte, das Zeitalter der bewußten Materie zu eröffnen.

Sie zog diese Masse voran – mit welchen Fluten an Energie und Licht überschüttete sie diese Handvoll Menschen in dieser Ecke des Sportplatzes, so klein und weiß und zierlich in ihrer Mitte, sie, die dennoch so ungeheuer mächtig war. Sie hätte alles zunichte gemacht, wäre es nur nach ihr gegangen, gleich einem Orkan hätte sie sich in die Eroberung ihrer eigenen Materie gestürzt, aber man kann die Tür nicht allein aufzwingen – oder kann man? Das ist ein weiteres Rätsel, das es zu lösen gilt. Was erreichte sie – trotz uns? Was könnte sie tun? 1953, genau zwanzig Jahre vor ihrem Weggang, stellte sie auf dem besagten Sportplatz diese Frage – stellte sie denen, die bis zum Schluß mit ihr zusammen sein sollten, diese menschlichen Musterexemplare, die sich als die Symbole der großen Verneinung der Welt entpuppen sollten, die dennoch von ihr verlangten, strahlend, allmächtig, verjüngt und transformiert zu werden, sozusagen als leibhaftiges Wunder der nächsten Erde: Ist es möglich, daß ein Körper sich verändert, ohne daß sich etwas in der Umgebung verändert? Wie wird eure Beziehung zu den anderen Dingen sein, wenn ihr euch so verändert habt? Und eure Beziehung zu den anderen Wesen?… Es scheint, daß sich eine ganze Reihe von Dingen ebenfalls ändern müssen, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, damit ein solcher Körper existieren, weiterexistieren kann.16 Das war am 20. Mai 1953.

Am 19. Mai 1973 wurden alle Kontakte mit der Außenwelt abgebrochen, und sie betrat… was? Den Tod oder etwas anderes?

Wer wird diese Jahre, in denen Mutter mitten unter uns langsam erstickte, jemals verstehen?

War es umsonst? Was ist geschehen?

Ist etwas geschehen?

Etwas, das wir noch nicht verstehen, weil wir nur die Possen und den Glanz des unmittelbar gegenwärtig Menschlichen erfassen. Ein universaler Anfang läßt sich erst Jahrhunderte später verstehen, wenn die Historiker auf einmal feststellen, daß jener plündernde Stamm Frankreich war oder jene Falte dort das Tertiär. Ich stammle hier die Geschichte des nächsten Zeitalters, wie ein Schreiber ohne Gedächtnis.

Allein mit Mutter. Durch einen Vorhang, den man zerreißen oder vielleicht entzaubern sollte.

4. Kapitel: Die Supramentale Herabkunft

Dann, ganz abrupt, nahm dieser universale Anfang Gestalt an. Es geschah am 29. Februar 1956 – einem Schaltjahr.

Wenn alles vom guten oder schlechten Willen der Menschen abhinge oder selbst von dem, was sie denken, dann bliebe tatsächlich wenig Hoffnung für die Erde. Manchmal habe ich das seltsame Gefühl, als werde die gesamte Geschichte der Erde auf eine verkehrte Weise gelesen: Die Geschichte an sich ist wahr mit ihren Ereignissen, so wie wir sie alle kennen, aber auf nur einer Ebene gelesen, durch eine bestimmte Brille, während doch in Wirklichkeit die Dinge einen ganz anderen Sinn haben. Geologen und Paläontologen kommen der wahren Bewegung der Erde vielleicht näher, ihre Sicht ist weniger verfälscht, sie reicht näher an die rein materiellen Tatsachen heran: im Grunde betrachten sie die Erde ohne das Mental. Unser Augenmerk richtet sich auf Renaissancen, Mongoleninvasionen, politische Doktrinen und Einflußsphären, wir sehen aber nichts von den Bewegungen der Materie selbst, nichts von der irdischen Erfahrung des Entwicklungsverlaufs einer bestimmten Spezies, deren Instrumente, Reden und Geschichten allesamt zu Staub zerfallen und für immer verschwinden könnten, ohne daß dies auch nur ein Jota am Fortschritt von diesem Etwas ändern würde, das eine kollektive, irdische, menschliche Physiologie darstellt. Die Art, wie wir die Geschichte auslegen, hätte genauso gut nie zu existieren brauchen oder hätte ganz anders lauten können mit vollkommen anderen Worten und Prinzipien, die rein materielle Tatsache aber bliebe sich gleich. Wir spielen Rollen in einem Drama, das wir nicht kennen oder von dem uns jedenfalls nur eine Schicht zugänglich ist wie den Forschern der Erdoberfläche. Welchen Sinn maßen die archaischen Volksstämme ihrem Dasein bei? Bestimmt nicht den unsrigen, wobei der unsrige vermutlich ebenso abwegig und begrenzt ist wie der ihre. Da ist eine Schicht, die wir nicht kennen, und im Grunde werden alle unsere Geschichten nichts als kindische Maskeraden und Scharaden eines ganz anderen Märchens sein, solange wir nicht den Grundfels des Menschen berührt haben, seine wahre Bestimmung, die in einer winzigen Zelle enthalten ist.

Die mentale Brille muß fallen, damit wir die Bewegung der Welt wirklich verstehen. Wir müssen aus der mentalen Übertragung herauskommen. Wir erleben nichts in der Welt so, wie es ist, sondern wir leben in einer Übertragung der Welt. Aber möglicherweise gehören auch die Brillen zum evolutionären Plan, vielleicht waren sie eine Zeitlang notwendig, um die Welt auf eine gewisse Weise sehen und alle notwendigen “Fehler” machen zu können. Nie werden wir die unendliche Weisheit der Dinge genügend ermessen und wie selbst unsere Fehler einen ganz anderen Sinn haben. Die Evolution begeht keine Fehler, sie geht Schritt für Schritt mit allen Mitteln voran, mit allem guten und schlechten Willen, und selbst wenn gar kein Wille vorhanden ist, bewegt sie sich dennoch auf ein unvermeidliches Ziel hin, egal in welche Sprache wir es kleiden mögen. Denn die Evolution ist keine Evolution des Mentals sondern der Materie.

Alles schreitet zusammen voran, die Marxisten ebenso wie die kleinen Christen.

Der Wendepunkt der Geschichte

Dann kommt der Augenblick, wo die Brillen fallen können – im kollektiven und gesamtirdischen Ausmaß. Eine Zeit des Brillenwechsels. Das Ziel der Evolution ist ein reiner, vollkommen ungehinderter Blick. Es ist, als wären verschiedene Filter notwendig, um eine für uns zu blendende Realität zu verschleiern. Das Supramental ist die unmittelbare Sicht der Materie. Die Materie selbst ist es, die ohne die Vermittlung des Mentals sieht, handelt, bewirkt und weiß. Das der Materie eigene, innewohnende Bewußtsein gestaltet unmittelbar und unfehlbar seine eigene Welt. Wir sind außerstande, irgend etwas von diesem Supramental wirklich zu verstehen, weil wir immer das Mental darüberstülpen. Könnten wir dieses in der Materie, im Atom, in den Zellen vergrabene Bewußtsein nur erahnen, dieses Bewußtsein, das alle Bewegungen der Natur so unfehlbar lenkt wie den Flug der Vögel und für das nichts getrennt, nichts anders, nichts weit entfernt oder von gestern ist sondern alles ein einziges Pulsieren, ein einziger kontinuierlicher Raum, eine einzige irdische Bewegung, die sich überall und in jedem Augenblick ihrer selbst bewußt ist und infolgedessen in jedem Augenblick die richtige Aktion, die richtige Richtung und die genaue Koordination des Ganzen kennt – ohne daran zu denken: es ist ganz einfach, es ist so –, ja, dann fielen uns wahrscheinlich riesige Schuppen von den Augen, und die Welt wäre auf verblüffende Weise vollkommen anders. Alle unsere Geschichten würden sich wie sinnlose Hirngespinste in nichts auflösen. Dies ist eine neue Seinsweise. Der Körper bildet die “Brücke”, denn dieses Bewußtsein befindet sich im Körper und nicht im Kopf. Es handelt sich nicht um eine Verbesserung des Mentals, sondern um eine Klärung der Materie, die sieht und die das tut, was sie sieht. Das bedeutet eine phantastische Vereinfachung des Ganzen. Und eine große Genauigkeit. Wahrhaftig ein anderes Leben. Vielleicht das Leben.

Kurz, es ist eine Mutation des Körperbewußtseins im Körperbewußtsein.

Aber die Bezeichnung “Mutation” ist eine weitere mentale Anpassung des Phänomens, das wir hiermit noch lange nicht erklären, sie ist ein pseudo-wissenschaftliches Etikett, um ein Etwas zu beschwören, das uns entgeht – und dieses Etwas ist alles. Immer übersetzen wir mit physiologischen und materiellen Begriffen im Rahmen unserer gegenwärtigen, materiellen Wahrnehmung das, was einer anderen Ordnung oder einer anderen Ebene von Zeit und Realität angehört. So stellen wir uns unter “Mutation” möglicherweise physiologisch abartige Wesen vor, die rechts und links auftauchen, so wie sich der Schmetterling aus der Raupe entpuppt (obwohl Phänomene dieser Art vielleicht auch eintreten werden, aber nicht so, wie wir uns das vorstellen), und wir sehen uns plötzlich umgeben von seltsamen Varianten des menschlichen Typus in der Art pummeliger Megalozephalen oder Menschen, die sich ein drittes Auge oder telepathische Organe wachsen lassen oder die ihre Hautfarbe ändern – wir transponieren immer die Gegenwart wie unverbesserliche Kinder. Was aber als erstes und vor allem anderen mutieren wird, ist das Bewußtsein, die Wahrnehmung der Welt und der Materie oder vielmehr unsere falsche Wahrnehmung von etwas, das eine falsche Materie ist, weil sie falsch gesehen ist: Anstatt durch ein mentales Schlammbad zu sehen, wird der Körper unmittelbar in seinem eigenen Milieu sehen. Das ändert alles! Es ist wie die Geburt einer anderen Realität, einer anderen Welt, die dennoch immer die gleiche ist. Und wenn der Körper anders sieht, wenn er die Materie anders wahrnimmt, dann wird er sie natürlich auch anders handhaben mit Mitteln, die unsere Vorstellung übersteigen, weil wir uns nur Mittel vorstellen können, die “durch” etwas wirken, in Form von Skalpellen, Kränen, Teleskopen oder Brechwalzen… Wir verstehen nichts davon, wie sich die wahre Materie handhaben läßt, denn wir wissen nicht, was die wahre Materie ist. Und natürlich wird der Körper, indem er sich selbst anders sieht, auch anders leben, sich vielleicht neugestalten – weil er sich selbst anders gesehen hat. Der Körper kann nur das werden, was er für sich als Möglichkeit sieht. Im Moment ist seine einzige Möglichkeit, zu altern, zu verkalken, sich zu zersetzen und zu sterben, weil er in einem System oder in einer Luft eingeschlossen ist, die nicht die seine ist. Wie fanden die anderen evolutionären Übergänge oder Mutationen statt? Wir wissen nichts darüber, wir kleben nur Etikette darauf, das ist alles. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, daß die Krabbe sich infolge einer unserer pseudo-wissenschaftlichen Vorstellung entsprechenden Aberration plötzlich eine andere Art von Beinen wachsen ließ (obwohl auch das möglich wäre, alles ist möglich). Sehr viel wahrscheinlicher ist hingegen, daß auf allen Entwicklungsstufen (auf egal welcher Entwicklungsstufe) als erstes immer eine Veränderung der Wahrnehmung stattfindet, eine andere Weise, das Milieu zu empfinden, wozu vermutlich äußere klimatische oder sonstige Umstände den Anstoß geben, und daß dies automatisch eine Neugestaltung des Wesens und möglicherweise eine passendere Form auslöst. Immer ist es das Bewußtsein, das als erstes wirkt, die Wahrnehmung, die als erste die Materie anders berührt und sie somit anders handhabt. Wir ahnen nicht, wie wunderbar anpassungsfähig die Materie ist, weil wir sie als ebenso versteinert betrachten, wie unsere eigene Wahrnehmung versteinert ist. Wir leben und sterben, leben von neuem und sterben wieder, wir erkranken und genesen, werden wieder krank und sterben wieder – so ist das Gesetz. Aber es ist das Gesetz unserer mentalen Wahrnehmung. Mutation bedeutet eine Mutation des Bewußtseins. Sie bedeutet eine andere Ordnung derselben Realität – sagen wir, einer klareren Realität –, die sich uns enthüllt.

Das Supramental ist vielleicht eine neue Enthüllung oder neue “Klärung” in der Geschichte der Materie. Und natürlich muß sich diese neue Klärung ihre eigenen Mittel, ihre eigenen Instrumente und ihre eigene Seinsweise innerhalb dieser “anderen” Materie schaffen. Dann wird uns unsere große Geschichte in einem anderen Licht erscheinen, denn wir konnten sie nicht anders sehen als im Licht unserer mentalen Wahrnehmung und einzig im Sinne des Mentals. Wahrhaftig, eine neue Ära bricht an. Eine Ära, die sich so radikal von der gegenwärtigen unterscheiden wird wie damals, als das Leben inmitten der Kieselsteine ausbrach.

Ein Wendepunkt der Geschichte.

Der unbeirrliche Drang

“Wann wird es geschehen?” fragten die Kinder. Sie nahmen das alte Lied von Sri Aurobindos Schülern wieder auf: “Das Supramental ist für wann? Wann wird es herabkommen?” Denn für sie war es natürlich etwas, das vom Himmel fallen würde. Sie verstanden nicht, wieviel Weg zwischen jenem “Himmel” und dieser in jahrtausendealten mentalen Gewohnheiten versandeten Materie zu klären war. Die Materie ist vollkommen verstrickt und verfangen in einem mentalen Netz. Und was den “Himmel” betrifft, der leuchtet da oben für die Asketen des kosmischen Bewußtseins, die ehrwürdig und religiös darin dösen, aber zwischen den beiden ist ein ganzes “Schlammloch zu reinigen” – der Durchgang muß geschaffen werden! Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, mit unserem neuen mentalen Instrument zu spielen! Es ist ja so interessant, ein neues Spielzeug zu besitzen, sagte sie ihnen. Wir spielten damit, wir probierten alle Möglichkeiten aus, es zu benützen… wie Kinder auf dem Schulhof: sie erfinden, suchen, spielen, finden, sie schubsen und prügeln sich, zanken und versöhnen sich, sie entdecken, zerstören und bauen. Dahinter aber verbirgt sich ein Plan. Mehr und mehr kommt ein Plan zum Vorschein. Und vielleicht führt all das, was sich da an der Oberfläche abspielt, trotz alledem zu etwas, das sich eines Tages wirklich ereignen wird…1 “Wann? Wie wird es sein?” Geduldig antwortete sie ihnen auf dem Sportplatz: Das hängt von euch ab.2 Sie verstanden nicht, daß Mutter dabei war, sie selbst die Antwort ausarbeiten zu lassen, und zwar durch ihre eigenen kleinen, etwas klareren Gesten und ihre etwas weniger blockierten Körper. Wenn man all der Schwächen und Dummheiten des äußeren Bewußtseins gewahr wird, sagte sie ihnen, dieser ganzen Verlogenheit des sogenannten materiellen Wissens, der sogenannten physischen Gesetze, der sogenannten Bedürfnisse des Körpers und der “Realität” dieser Bedürfnisse, wenn man zu sehen beginnt, wie sehr das alles falsch, dumm, illusorisch, unklar und schwachsinnig ist, dann kommt man der Lösung schon sehr nahe.3 Sie versuchte die Schuppen des Mentals abzuschütteln, die den Körper mit ihren Gesetzen, ihren Du-darfst, Du-darfst-nicht, Du-mußt, Du-mußt-nicht reglementieren und tyrannisieren. Doch wie schwierig das war! Die erste Reaktion eines jeden lautete: “Aber schließlich ist dieses Vitamin doch notwendig, aber ich brauche Brot, und ich brauche acht Stunden Schlaf, aber schließlich…” Die Liste ist endlos, mikroskopisch, heimtückisch bei jeder x-beliebigen Gelegenheit. Genau hier, an diesem Punkt der mikroskopischen Säuberung, beginnt die neue Spezies. Irgendwo muß man schließlich anfangen, sauber zu machen. “Wann wird es geschehen?” – Für den Geist oder die höhere Intelligenz ist es einfacher, sich neue Dinge vorzustellen, für das vitale Wesen hingegen ist es weniger leicht, zum Beispiel die Dinge auf eine neue Art zu empfinden. Und für den Körper ist es noch schwieriger, eine rein materielle Wahrnehmung von dem zu erlangen, was eine neue Welt sein wird. Trotzdem muß diese Wahrnehmung der materiellen Transformation vorausgehen. Zuerst muß man auf ganz konkrete Weise die Fremdartigkeit der alten Dinge und, wenn ich so sagen darf, ihren Mangel an Aktualität fühlen. Sie müssen sogar materiell als überholt und der Vergangenheit angehörig empfunden werden, einer Vergangenheit, die heute völlig fehl am Platz ist.4 Der Körper muß anfangen, das wahrzunehmen, was die neue Art sein könnte, und dazu muß ihm in seinen Augen die alte Art einfach als veraltet erscheinen – der Vorgang ist immer der gleiche: Es geht nicht so sehr darum, den Körper zu erziehen, sondern man muß ihn von der Erziehung befreien, angefangen mit den mentalen Brillen. Das Bedürfnis nach etwas anderem muß erwachen. Dieses Bedürfnis ist der Schlüssel zu allen Übergängen in der Evolution.

Ja, das Bedürfnis, diese Erinnerung tief im Innern, die sich noch an die große Möglichkeit erinnert, die dem Zeitalter des Mentals vorausging. Es ist das, was im Innern drängt, diese Erinnerung der Erde, vielleicht der wahren Erde, die sich erinnert. Das mentale Stadium ist ein dunkler Übergang in der Evolution, dessen Sinn wir erst dann wirklich verstehen werden, wenn wir über das Mental hinausgekommen und in der wahren Materie angelangt sind. Dann werden wir sagen: “Oh, das ist es! Das war es!” Dies setzt allerdings voraus, daß jemand da ist, der sagt: “Oh, das ist es!” – während es vor der Ankunft des Mentals niemanden gab, der dies ausgerufen, empfunden oder sich darüber gefreut hätte: da war weit und breit nichts als eine enorme kosmische Suppe, die gleichgültig oder vielleicht auch in Wonne vor sich hin schwamm – darüber ist uns jedenfalls nichts bekannt. Aber dieses Bedürfnis muß die ganze Erde erfassen, ein paar mehr oder weniger aufsässige Wesen auf dem Sportplatz genügen nicht. Jeder Mensch, der über das Stadium des Tier-Menschen hinausgegangen und zum Mensch-Menschen geworden ist, fühlt ein Bedürfnis, das ich als unbeirrbar bezeichnen möchte – das Bedürfnis, etwas anderes zu sein als dieses höchst unbefriedigende Halb-Tier.5 Dieses “unbeirrbare” Bedürfnis muß wirklich ganz und gar unbeirrbar werden unter den Menschen. Es muß soweit kommen, daß sie es nicht mehr aushalten können in ihrer erstickenden Haut. Vielleicht dreht die Natur jetzt die Schraube fester, um das Ersticken sicherer und das Bedürfnis deutlicher werden zu lassen. Ich glaube, es wird in dem Augenblick geschehen, wo eine genügende Anzahl bewußter Menschen klar und deutlich fühlt, daß es unumgänglich ist… Alles, was war und jetzt noch ist, muß als absurd erscheinen und darf so nicht länger weitergehen – erst dann kann es geschehen, nicht vorher.6 Das war 1955. Die Schraube drehte sich schon damals fester. Es ist ganz eindeutig, daß in der heutigen Zeit mit all ihrem Aufruhr und Schwachsinn ein Bedürfnis, ja geradezu ein Gefühl dafür erwacht, wie es sein könnte und sein sollte – das bedeutet, daß der Augenblick nahe bevorsteht. Für lange, lange Zeit hieß es immer: “Es wird sein, es wird sein” – es wurde versprochen. Schon vor tausend und abertausend Jahren wurde der Anbruch eines neuen Bewußtseins, einer neuen Welt versprochen, etwas Göttliches, das sich auf der Erde offenbaren werde, aber immer hieß es: Es wird sein, es wird sein… – in einigen Jahrtausenden, in Millionen und Milliarden von Jahren. Man hatte nicht wie jetzt das Gefühl, daß es kommen muss, daß es ganz nahe ist. Allem zum Trotz wird der Augenblick kommen, wo es geschieht, der Augenblick, wo sich der Umschwung in eine neue Realität vollzieht.7

Das war es, was sie Tag für Tag in das Bewußtsein der Schüler einströmen ließ, diesen Durst nach dem Augenblick. Es war, als hätte sie die ganze Erde in die Faust genommen. Durch diese kleinen Musterexemplare hob und zog sie die ganze erstickende Masse empor wie einen Teig. Hier auf diesem Winkel des Sportplatzes konnte man fast die gesamte Erde spüren – wie weit und grenzenlos sie war, diese Mutter, wie sehr sie diesen dunklen Teig knetete und bearbeitete. Es gab einen augenblick. Es gab einen Augenblick, wo sich das mentale Wesen auf der Erde manifestieren konnte. Der Ausgangspunkt mag sehr beschränkt, sehr unvollständig, sehr partiell gewesen sein, dennoch gab es einen Ausgangspunkt. Warum sollte es also nicht jetzt geschehen?…8 Ein Augenblick wird kommen, wo ein menschliches Bewußtsein sich in einem hinreichenden Zustand befinden wird, einem supramentalen Bewußtsein zu erlauben, in das menschliche Bewußtsein einzutreten und sich zu manifestieren… Das wird sich nicht wie ein Gummiband in die Länge ziehen. Ein Augenblick kommt, wo es geschieht. Das kann ganz blitzartig eintreten.9

Die “Herabkunft”

Es war an einer “Mittwochsklasse”, am 29. Februar 1956. Sie hatte gerade einige Seiten aus Die Synthese des Yoga vorgelesen und ihre Fragen beantwortet – die ewig gleiche, alte Frage bezüglich der Unbewußtheit der Welt: “Wie kann das Unbewußte danach streben, bewußt zu werden?” fragten sie. Sie meinten damit den Stein, die unbelebte Materie. Aber hier irren wir uns gewaltig, denn der Stein ist bewußt, die Materie ist bewußt (zwar nicht auf unsere Weise, aber trotzdem…), man kann mit einem Stein Kontakt haben (manchmal leichter als mit einem Menschen), ein Amethyst antwortet nicht auf dieselbe Weise wie ein Granit, und ein Granit, der Berührung mit einem bewußten Wesen hatte, bleibt von diesem Kontakt geprägt: die Mauern von Theben tragen eine Prägung. Selbst unsere Häuser weisen manchmal traurige Prägungen auf. Wenn darin kein Bewußtsein wäre, könnten wir keinen Kontakt aufnehmen. Ein “unbewußter” Gegenstand wäre ganz einfach unsichtbar, denn nur das Bewußtsein stellt den Kontakt her, ohne Bewußtsein gibt es keinen Kontakt. In Wirklichkeit ist nicht die Materie unbewußt sondern das Mental. Es hat alles mit seinem Schleier der Unbewußtheit und der Trennung verdeckt. Es hat sich von allem abgetrennt – und haust wie der Kuckuck in seiner Uhr. An jenem Abend sagte sie ihnen: Das Göttliche im Unbewußten strebt nach dem Göttlichen im Bewußtsein. Ohne das Göttliche gäbe es keine Aspiration, und ohne das im Unbewußten verborgene Bewußtsein gäbe es keine Möglichkeit, das Unbewußte in Bewußtsein zu verwandeln.10 Manchmal fragen wir uns, ob die Materie, unsere körperliche Materie, nicht schon vor uns bewußt wird oder eher, ob ihr wahres, reines, schon existentes Bewußtsein das Mental nicht mit Hilfe irgendeiner evolutionären Strategie ganz einfach umgehen wird, um uns plötzlich und zu unserer großen Überraschung ganz unerwartete Dinge zu enthüllen. Es würde genügen, wenn wir sie selbst sprechen ließen, wenn das Mental seinen trübenden Griff lockern würde – darin bestand Sri Aurobindos und Mutters ganze Bemühung. Aber selbst wenn das Mental widerspenstig bliebe, wäre es nicht dennoch möglich, daß dieses Bewußtsein in der Materie, dieses wahrhaft göttliche, präzise, supramentale Bewußtsein unter dem Druck der Evolution anfinge, seine Antennen unbeirrbar und uns zum Trotz nach außen zu strecken, so wie sich die Raupe unbeirrbar in einen Schmetterling verwandelt, all ihren Gesetzen und Prinzipien der Raupe zum Trotz? Die Evolution geschieht ja nicht im Mental sondern in der Materie oder eher im Bewußtsein der Materie – in der Materie steckt der Keim und nicht in irgendeiner kleinen Gehirnwindung, und wenn der Keim hier steckt, muß er sich auch notgedrungen hier entwickeln. Es genügt, daß die “klimatischen”, evolutionären Bedingungen günstig sind. Heute hat diese Materie die Form eines mit einem Gehirn ausgestatteten Menschen angenommen, aber wer weiß, ob sie nicht morgen aus eigener Kraft eine andere Gestalt annehmen wird, ausgestattet mit einem anderen Instrument, um den Kontakt aufzunehmen. Dieser unabwendbare Gang der Evolution veranlaßte Sri Aurobindo, in seinem Werk Das Göttliche Leben folgendes zu schreiben: Wenn der Mensch sich als unfähig erweist, über seine Mentalität hinauszugehen, wird er übertroffen werden, und das Supramental und der Übermensch werden sich notgedrungen manifestieren und die Führung der Evolution übernehmen.11 Vielleicht richtete sich Mutters und Sri Aurobindos gesamte Bemühung einzig darauf, daß dieser Prozeß mit uns anstatt ohne uns stattfindet.

An jenem Abend geschah nun aus irgendwelchen mysteriösen und günstigen Gründen oder vielleicht ganz ohne Grund und spontan diese Manifestation. Die “allgemeine Herabkunft”, um die sich Sri Aurobindo so lange Zeit bemüht hatte, fand statt. Warum gerade zu diesem Zeitpunkt und nicht schon vor sechs Jahren? Das ist wieder eine andere Frage. Wir nennen es “Herabkunft”, wie fallender Regen, aber das liegt an unserer kindlichen Sprache. Tatsache ist, daß Sri Aurobindo und Mutter seit Jahren versuchten, eine Verbindung in ihrer eigenen Materie herzustellen, den Durchgang zwischen diesem reinen Bewußtsein, das sie auf ihren leuchtenden Höhen erblickten, und diesem selben, in der Materie vergrabenen Bewußtsein freizulegen. Es hatte Augenblicke gegeben, da die Verbindung zustande kam, aber dann blockierte sich alles wieder. Es öffnete sich wieder und verschloß sich von neuem. Vermutlich war der erste Menschenaffe einem ähnlichen Prozeß ausgesetzt (sagen wir der Pionier der Menschenaffen): Er nahm Verbindung auf mit diesem immer gleichen Ding (denn es gibt keine x-beliebigen), mit dieser immer gleichen Kraft, die seltsame kleine Schwingungen in seinem Kopf hervorrief – denn sein Kopf war sozusagen der am wenigsten behinderte, klarste Teil seiner selbst – und manchmal, aus den merkwürdigsten Gründen, “geschah es”. Er saß dort und “dachte nach”, entdeckte unvorhergesehene Zusammenhänge. Eine neue Kohärenz der Welt tat sich ihm auf. Dann verschloß sie sich wieder, denn schon wurde die Öffnung von den alten Gewohnheiten des Affendaseins blockiert. Schließlich kam der Augenblick, wo sich das “Ding” auf natürlichere Weise einstellte und sogar ansteckend wurde – vielleicht, als die allgemeine Vorbereitung ausreichte (wir vergessen immer, daß die Welt ein einziges Ganzes ist). Für einen Augenblick entschlüpfte er der Affenhaut und wurde des großen universellen, alles umfassenden Bewußtseins gewahr, und weil er ein Affe war, fand der Ausgangspunkt oder Kontaktpunkt auf der klarsten Ebene seines Körpers statt, in seinem entwickelten Gehirn. Beim Eintritt in diese Ebene übertrug sich der Funke dieses großen Bewußtseins durch eine gewisse Schwingung, die wir als “mental” bezeichnen. Dieses selbe große, alles umfassende Bewußtsein nimmt auf jeder Ebene, zu der es Zugang hat oder zu der ihm der Zugang gestattet wird, eine bestimmte Farbe oder eine bestimmte Art der Schwingung an, bis zu dem Tag, da es in einem unentstellten Milieu rein sich selbst sein kann. Dieses Milieu ist die Materie. Das erinnert uns an den Drachen, der sich in den Schwanz beißt. Die supramentale Verwirklichung ist die vollkommene Vereinigung dessen, was von oben kommt, mit dem, was von unten kommt. Am 29. Februar 1956 verwirklichte sich die Vereinigung, aber nicht mehr auf der Ebene des Gehirns und innerhalb eines mentalen Milieus, sondern auf der Ebene der Materie und an allen Punkten des Körpers: Die Schranke war gebrochen, und die Flut strömte hervor. Vielleicht gab etwas innerhalb der kollektiv-menschlichen Schranke nach. Warum? Um dies wirklich zu verstehen, bedarf es einer globalen Vision der Welt. Die universelle Bewegung spielt sich folgendermaßen ab: Einige Individuen, die Pioniere, die Vorkämpfer nehmen durch ihr inneres Bemühen, ihren inneren Fortschritt Kontakt auf mit der neuen Kraft, die manifestiert werden soll, und assimilieren sie innerlich. Weil es solche Rufe gibt, wird das Ding überhaupt möglich, und das Zeitalter, die Ära, der Augenblick der Manifestation kommt. So geschah es – und die Manifestation fand statt.12

Aber immer werden wir von unserer mentalen Sprache irregeführt. Wir sprechen von der “neuen Kraft”, was aber ist so “neu” daran? Sie ist so alt wie die Welt selbst. Nur wir sind noch sehr jung und werden einer sehr alten Welt gewahr. Vor einigen Jahren erwähnte ich Mutter gegenüber etwas von der Arbeit eines italienischen Wissenschaftlers, der sich mit der elektrischen Energie in den Körperzellen befaßte: Es ist doch alles die gleiche Kraft! rief sie aus. Die Kraft vermischt sich mit den jeweiligen Zuständen, seien sie mentaler, vitaler oder rein materieller Natur, wobei in letzterem Fall die Kraft die Form von Elektrizität annimmt: das Göttliche in Form von elektrischen Schwingungen! Und sie lachte. Es ist ihre Art, die Tatsache materiell zu verzeichnen. Da haben wir es! Von der Tatsache selbst verstehen wir noch immer nichts, weil die elektrische oder atomare oder magnetische Ebene noch eine oberflächliche Ebene darstellt, sozusagen eine Übertragung derselben Kraft in ein gewisses Milieu, von dem wir glauben, es sei die Materie, oder das wir als die Materie bezeichnen – aber es gibt noch etwas Grundlegenderes…, das vielleicht die wahre Materie ist, ohne unsere mentalen Brillen: die Tatsache. Wahrhaftig ein Mysterium. Genau jenes, das Mutter langsam zu enthüllen begann. Eines Tages öffnete der Affe in seinem Gehirn einen Durchgang für die Kraft und erschloß so die mentale Welt und die mentale Wahrnehmung der Materie – einschließlich der Wahrnehmung mit Teleskopen und Mikroskopen, denn was sieht, wenn nicht das Mental? Eines Tages wiederum öffnete in einem entlegenen Winkel Indiens ein Wesen in seinem Körper den Durchgang für die Kraft oder die Shakti, die Bewußtseinskraft, und eröffnete so die supramentale Welt und die supramentale Wahrnehmung der Materie – ein gleiches “Etwas”, nur anders gesehen. Ein und dieselbe Kraft, nur anders erlebt. Dieser Körper, sagte sie, ist allen übrigen der Erde gleich, aber aus irgendeinem Grund wurde er sich der anderen weise bewußt. Für das irdische Bewußtsein bedeutet dies normalerweise das Zeichen einer “Ankunft”, einer “Herabkunft”, eines “Anfangs” – aber ist es wirklich ein Anfang? Was hat “begonnen”!? Die Erfahrung kam wie die Erfahrung einer ewigen Tatsache und ganz und gar nicht wie etwas, das sich erst jetzt ereignet. Das Immer-da-Gewesene offenbart sich… auf immer klarere Weise. Das ewige Amazonien wird zum Amazonien durch die Tatsache unseres Hindurchschreitens – vielleicht wird die Materie zunehmend das, was sie wirklich ist.

Jetzt ist die Erde auf dem Weg, sich der “anderen Weise” bewußt zu werden.

Ein kleines Pulsieren

Wie sieht dieses Supramental aus?

Wenn wir es vollständig definieren und beschreiben könnten, wäre es bereits voll und ganz auf der Erde. Es handelt sich nicht um eine feste Größe wie Salzsäure oder den Mond, sondern es wächst und entwickelt sich, oder vielmehr unsere Fähigkeit, es wahrzunehmen, wächst und entwickelt sich. Diese Wahrnehmung sollte Mutter noch weitere siebzehn Jahre entwickeln, um menschliche Augen oder die menschliche Substanz gleichsam daran zu gewöhnen – sie bahnte den Weg des Übergangs. Diese außergewöhnliche Schwingung erkannte ich wieder, als die supramentale Welt herabkam… Es kommt und vibriert wie ein Pulsieren in den Zellen.

Nur sehr wenige erkannten es an jenem Abend des 29. Februars auf dem Sportplatz. Aber um es zu erkennen, muß das physische Bewußtsein schon sehr frei sein von seiner mentalen Kruste und dem ganzen mentalen Gewimmel, wie wir es nennen können. Aber tatsächlich nimmt man es zunächst eher negativ wahr, durch die Reaktion des “Gewimmels”. Die Lichter auf dem Sportplatz waren ausgeschaltet, die Lektüre der Synthese und die Fragen der Kinder verstummt. Sie saßen im Halbkreis am Boden um Mutter herum, man konnte das Rauschen des Meeres hören, der Schein des Leuchtturms fegte oberhalb der Wand entlang – zweimal kurz, einmal lang. Es war die “Meditation am Mittwochabend”. Mutters Silhouette war ein wenig nach vorne gebeugt auf einem niedrigen Stuhl im Halbschatten zu erkennen, mit einer Frangipaniblüte zwischen ihren unbewegten Fingern. Sie war immer sehr weiß, diese Mutter, auch wenn sie in Rot oder ganz bunt gekleidet war, als strahlte etwas durch ihren Körper, eine Art weißer Glanz, der zuweilen kompakt und selbst für unsere materialistischen Augen sichtbar wurde. Die Schüler saßen still da. Die Kinder in grünen Shorts waren rund um ihren Stuhl herum eingeschlafen. Sie “vereinte das Feld”, wie sie es nannte. Sie hatte all diese jungen irdischen Keimlinge um sich herum versammelt, um ihre “evolutionäre Wetterkunde” zu studieren – und sie lachte. Sie lachte über alles, diese Mutter, sie lachte vor allem den Schwierigkeiten mitten ins Gesicht, denn das war die beste Art, sie aufzulösen: Ich muß euch gestehen, sagte sie ihnen, daß ich viel mehr das Gefühl habe, ich selbst zu sein, wenn ich fröhlich bin und wenn ich (auf meine Art) spiele, als wenn ich sehr ernst und streng bin – viel mehr. Ernst und streng zu sein, macht auf mich immer den Eindruck, als müsse ich das ganze Gewicht dieser so schweren und dunklen Schöpfung mit mir herumschleppen, wenn ich aber mit ihr spiele – wenn ich spielen, lachen, mich amüsieren kann –, dann gibt es mir das Gefühl, wie wenn feine Flöckchen der Freude von oben herabfielen, die dieser Schöpfung und dieser Welt eine ganz besondere Farbe verleihen und sie dem, was sie ihrem Wesen nach sein sollte, viel näher bringen,13 denn die Freude ist die Wahrheit der Erde, nur haben wir das vergessen und sind traurig und leiden. Sie wollte ihren Freudenregen, ihren “sonnigen Weg”, wie sie es nannte, hier herabbringen. Warum leiden? Ich jedenfalls sage, daß man nicht zu leiden braucht, daß es nicht notwendig ist. Das Supramental ist in der Tat die Freude der Welt, die der Ankunft des Mentals vorausgeht. Der Schmerz besteht darin, nicht das zu sein, was man ist. Die wahre Erde ist eine Erde der Freude, denn schließlich entstand all dies um der Freude willen. Nur wir sind noch nicht darin. Sie wollte, daß es schneller geht, sie zog und zog ihren herrlichen supramentalen Regen auf diese Substanz herab. Die Stille. Der ungeheure Druck war spürbar (Mutter dachte, alle Leute auf dem Sportplatz würden davon plattgedrückt). Daß da eine Kraft am Werk war, daran war nicht zu zweifeln, die Luft war zum Schneiden dicht. Einige Male war es sogar erstickend. Dann wieder schmolz es dahin, öffnete sich, und man wurde vom ungeheuren Strom hinweggetragen, das Leben war erfüllt von Frische, und es prickelte in der eigenen Substanz – ja, vielleicht war das dieses kleine “Pulsieren”, obgleich es fast zu “natürlich” war, um erkennbar zu sein. (Das Wunder ist so natürlich, daß wir Idioten es erst hinterher bemerken, wenn es vorbei ist.) Auch ich war da an jenem Abend. Es waren die ersten Jahre meines Aufenthalts. Kaum waren die Meditation zu Ende und die Lichter wieder an, verspürte ich nur einen Wunsch: meine sieben Sachen zu packen und abzuhauen, so weit wie möglich, zum Teufel, wenn möglich… Ich verbrachte zehn Jahre damit zu versuchen, nicht abzuhauen und zum Teufel zu gehen – es einfach immer wieder zu versuchen. Das “Gewimmel” im Innern war erstickend.

Eine negative Erfahrung des Phänomens, könnte man sagen.

Ich ging in die Stadt und trank ein Glas auf das Wohl des “integralen” Yogas. Ah, ist man nun frei oder nicht! Genau das ist aber das Traurige im Grunde: etwas in uns klammert sich an den Schmerz, an die Freiheit des Schmerzes. Diese erstickende Nacht im Innern, die nicht nachgeben will und auf ihrem “Nein, Nein, Nein” beharrt. Das Supramental ist das ungeheure Ersticken dieser Nacht. Das Gewimmel wird aus seinem Versteck gescheucht, ans Tageslicht gezerrt durch dieses heimliche kleine Pulsieren, das die Freude der Welt trotz uns verwirklicht – es drängt alles hinaus, es verlangt nur, sich selbst zu sein, rein. Es ist unerbittlich, unwiderstehlich wie ein feines Sprühen im Innern, in der Materie, und man kann nichts dagegen tun. Wir mögen noch so schreien und jammern, es wächst und wächst. Es steckt in der Materie der Welt, vollkommen darin, unauslöschlich. Und es wird bis an sein Ziel gehen, bis zur ganzen inneren Freude, und uns vorher keine Minute Ruhe lassen. Es wird uns genausowenig loslassen, wie der erste Gedanke den höher entwickelten Pavian vor etwa zwei Millionen Jahren (oder waren es drei?) nicht losließ. Wir befinden uns erst im zwanzigsten Jahr dieses universellen Anfangs. Wir können die Lage ermessen. Wir brauchen bloß einen Blick um uns zu werfen: es wimmelt, es wimmelt. Dieses Bewußtsein behämmert sie von innen, ob sie es wollen oder nicht.14 Wie gut wir jetzt Sri Aurobindo verstehen, wenn er sagt: “Jedesmal löste der Versuch einer allgemeinen massiven Herabkunft lediglich einen massiven Ausbruch unbewußten Schlammes aus.” Dieser Schlamm steigt und steigt an zum Überfließen, es ist erschreckend. Damals, im Jahr 1956 war es noch diskret, beinahe charmant. Blicken wir kurz zurück: Frankreich tritt auf friedliche Weise Indochina an die USA ab, der Warschauer Pakt wird soeben unterzeichnet. Aufstand in Budapest und Einmarsch russischer Truppen. Präsident Nasser nationalisiert den Suezkanal, französische und britische Truppen landen in Port Said, um sich alsbald wieder zurückzuziehen – der Suezkanal wird geschlossen. Einmarsch der Israelis in die Wüste Sinai. Es folgen Unabhängigkeitserklärungen des Sudans, Marokkos, Tunesiens und Togos; dies leitet den Anfang der großen “Unabhängigkeiten” ein. Chruschtschow erhebt in einer Geheimsitzung der kommunistischen Partei Anklage gegen Stalin… genau vier Tage vor dem besagten 29. Februar. Aufstände polnischer Arbeiter in Posen, Budapest wird von den Russen besetzt. Erster Kongreß der kommunistischen Partei Chinas, die Mao Tse-tung als Präsidenten des Zentralkomitees ernennt…

Hier liegt bereits ein Samen.

Aber nicht der Same, den wir uns vorstellen.

Wir werden es sehen – immer mehr!

Es hätte zu einer Fortsetzung in verbesserter Form kommen können, zu einer Art Erweiterung der alten Welt, so wie sie war… aber, sagte sie, was sich ereignet hat, das wirklich Neue, ist die Geburt einer neuen Welt – sie ist geboren, geboren! Nicht die alte Welt, die sich transformiert, sondern eine neue Welt wurde geboren. Wir befinden uns mitten in diesem Übergangsstadium, wo die beiden Welten sich überlappen, wo die alte noch zäh verharrt und mit aller Macht das gewöhnliche Bewußtsein vollständig dominiert, während sich die neue Welt noch sehr bescheiden und unbemerkt hereinstiehlt – so unbemerkt, daß sie im Moment äußerlich nicht besonders stört [das war 1957] und für das Bewußtsein der meisten Leute gar nicht wahrnehmbar ist. Dennoch ist sie am Werk, sie wächst – bis zu dem Augenblick, wo sie stark genug ist, sich sichtbar zu behaupten.15 Vierzig Jahre zuvor äußerte Sri Aurobindo, als er den Arya schrieb: Wenn der bewußte Geist [das Supramental] eingreift, wird ein höchst konzentrierter Rhythmus evolutionärer Geschwindigkeit möglich.16

Die Beschleunigung verschlägt uns fast den Atem.

Aber warum gerade jetzt? Warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt?… Man hätte sich vorstellen können, daß diese neue supramentale Welt etwas friedlicher und angemessener mitten unter verfeinerten Menschen geboren wäre, wie zum Beispiel zur Zeit der Renaissance oder des Perikles – warum nicht? – zu einer Zeit jedenfalls, da die Menschen noch eine gewisse… fast hätte ich gesagt “Politur” hatten, aber das ist es ja, die Politur beginnt abzublättern, und darunter ist es überall gleich, in der Haut des Perikles oder des roten Khmer herrscht im Innern genau das gleiche Gewimmel. Nur herrscht es jetzt ungehemmt. Es wurde ans Tageslicht gezerrt, und so kann es niemand mehr übersehen. Dieses Supramental ist wie riesengroße Wäscheklammern, die sich die ganze schmutzige Wäsche der Welt schnappen und sie direkt vor unserer Nase aufhängen, solange bis wir genug erstickt und angeekelt sind… und uns zu etwas anderem bereit erklären. “Warum haben die Schwierigkeiten seit dieser supramentalen Herabkunft zugenommen?” beklagte sich eines Tages ein Schüler auf dem Sportplatz, vier Monate nach der berühmten “Herabkunft”. Wer sagt euch denn, daß es nicht deshalb ist, weil ihr bewußter geworden seid! Daß eure Schwierigkeiten schon vorher existierten und ihr nur nichts davon wußtet. Wenn ihr klarer seht und Dinge seht, die nicht besonders schön sind, dann ist daran nicht das Supramental schuld, sondern ihr selbst! Das Supramental gibt euch ein Licht, einen Spiegel, in dem ihr euch besser sehen könnt als zuvor, deshalb seid ihr ein wenig ungehalten, weil es nicht immer ein sehr hübsches Bild von euch zeigt! Aber was kann ich da tun?17 Tatsächlich ein ungeheuer greller Scheinwerfer, der alle kleinen Biester aus ihrem Versteck scheucht.

Dieses Supramental ist ein unerbittlicher Hinauswerfer.

1925 machte Sri Aurobindo eine sehr merkwürdige Äußerung, als man ihn nach den Zeichen fragte, die auf das Nahen der supramentalen Herabkunft hindeuten würden. Er nannte vier Zeichen, wobei uns das vierte zu denken gibt. Das erste Zeichen ist, daß das Wissen um die physische Welt so weit fortgeschritten ist, daß es kurz vor dem Durchbruch seiner eigenen Grenzen steht [vielleicht, um dahinter das kleine “Pulsieren” zu finden]. Das zweite ist ein allgemeiner Versuch überall auf der Welt, den Schleier zwischen dem inneren und dem äußeren Mental, dem inneren und dem äußeren Vital und sogar der inneren und der äußeren Physis zu zerreißen [die uns noch unbekannte “innere Physis” ist genau der Bereich der Schwingungsbasis, die unserer sogenannten Materie zugrundeliegt]: Die Menschen werden mehr “psychisch”. Drittens, die vitale Welt* versucht wie nie zuvor, Besitz von der physischen Welt zu ergreifen. Das ist immer das Zeichen, daß die höhere Wahrheit, jedesmal wenn sie herabkommt, die feindliche Welt an die Oberfläche zwingt, so daß man plötzlich alle möglichen vitalen Anomalien zu sehen bekommt, wie zum Beispiel eine zunehmende Anzahl geistesgestörter Menschen, Erdbeben und so weiter. Hinzu kommt, daß die Welt immer mehr eins wird infolge moderner wissenschaftlicher Entdeckungen: Flugzeuge, Eisenbahnen, Telegrafie und so weiter. Diese “Vereinigung” ist die notwendige Voraussetzung für die Herabkunft der höchsten Wahrheit – zugleich aber ist sie unsere größte Schwierigkeit [in der Tat!]. Viertens das zunehmende Erscheinen von Personen, die einen ungeheuren vitalen Einfluß auf große Menschenmassen ausüben.18

Das gibt uns Stoff zum Nachdenken.

Aber warum diese “Menschenmassen”? Warum diese zu einem einzigen Paket verschnürte Welt mit ihren “Flugzeugen”, ihren geschrumpften Entfernungen, ihrem Fernsehen? Ein kompakter menschlicher Knoten. Man braucht nur den kleinen Finger in Peking zu heben, und schon bewegt es sich in Berlin oder Terra del Fuego. Perikles ist seit langem von der Bühne abgetreten. Was aber hat sich seit Perikles wirklich entwickelt? Die Wissenschaft? Das ist nicht so sicher. Das menschliche Paket ist jedenfalls unentwirrbar – unauflöslich, könnte man sagen – ineinander verstrickt. Man kann kein Atom mehr bewegen, ohne daß nicht alles in Bewegung gerät. Eine hochgradige, alles erfassende Krankheit… oder etwas ganz anderes? Eine unvorstellbare Ansteckung. Perikles wäre das bestimmt nicht in den Sinn gekommen. Wir aber “sinnen” alle nichtsdestoweniger darüber nach.

In lichten Momenten ahnen wir, daß diese so erschreckenden Zustände tatsächlich die beste Voraussetzung für die supramentale Ansteckung ist. Denn nicht das Gehirn eines Perikles entwickelt sich im Laufe der Evolution – gewiß ist es nicht im Sinne der Evolution, einen Super-Perikles zu fabrizieren –, sondern die irdische Materie entwickelt sich als kompaktes Ganzes, in der Materie findet dieses kleine, noch so neue “Pulsieren” statt, das alles durcheinander bringt.

Die ganze Erde, wir alle zusammen sind im Umschwung begriffen, ob wir es wollen oder nicht. Mutter nannte es lachend die supramentale Katastrophe. Sie sagte: Alles, was die Trägheit stört, ist für die Trägheit eine Katastrophe. Auf der Welt (der irdischen Welt, der einzigen, von der ich mit Kompetenz sprechen kann, von den anderen habe ich nur einen Gesamtüberblick), auf dieser irdischen Welt ist die Trägheit die Basis der Schöpfung, sie war notwendig, um eine Stabilität zu schaffen und die Dinge zu konkretisieren. Alles, was diese Trägheit stört, ist hinfort eine Katastrophe. So war die Ankunft des Lebens eine ungeheure Katastrophe, die Ankunft der Intelligenz im Leben eine weitere ungeheure Katastrophe, und jetzt ist die Ankunft des Supramentals die letzte von allen. So ist es einfach!

Tatsächlich wäre es ein großer Irrtum zu glauben, daß alles wieder in Ordnung käme – nichts wird je wieder in Ordnung kommen, sondern alles wird vollständig aus den Fugen geraten, bis auch das letzte Atom der Nacht ans Tageslicht gezerrt worden ist. Bis wir auf das andere stoßen… das vielleicht uns zum Trotz unserer eigenen Materie entsprossen plötzlich vor unserer Nase auftaucht. Hier innen in unserer Materie spielt es sich ab, hier hinein müssen wir schauen. Je weniger mentale Brillen wir aufsetzen, desto besser können wir die Schönheit des Phänomens beobachten. Eine andere Geschichte beginnt, diejenige, die uns den Schlüssel zu allem geben wird: Von diesem Standpunkt aus betrachtet, sagte sie den Kindern, ist das Phänomen, das sich jetzt abspielt, absolut einzigartig in der Geschichte der Erde, und sobald wir ans Ende des Prozesses dieser Transformation gelangt sind, werden wir vielleicht (wenn nicht sogar mit Gewißheit) über den Schlüssel aller vorausgegangenen Transformationen verfügen. Mit anderen Worten, alles, was wir jetzt zu verstehen suchen, wird uns auf relevante Weise klar werden, sobald sich der Vorgang wiederholt hat – diesmal der Übergang zwischen dem mentalen und dem supramentalen Wesen.19

Den rebellischen Kindern, die da auf dem Sportplatz saßen – mich inbegriffen – erklärte sie ein wenig scherzhaft mit diesem Funken Humor: Ihr seid somit aufgefordert, eure Beobachtungsgabe besonders zu entwickeln, damit euch all das nicht wie im Halbtraum widerfährt und ihr nicht plötzlich in einem neuen Leben erwacht, ohne überhaupt zu wissen, wie euch geschah. Ihr müßt sehr aufmerksam und äußerst wachsam sein, und anstatt auf kleine innere, psychologische Einzelheiten zu achten, die ziemlich… antiquiert sind (sie gehören einer ganzen menschlichen Geschichte an, die ihre Aktualität inzwischen verloren hat), wäre es besser auf universellere, subtilere und unpersönlichere Dinge zu achten, die euch äußerst interessante neue Entdeckungen eröffnen.20

Kurz, wir müssen uns daran begeben, die Materie von morgen im voraus wahrzunehmen.

Aber dennoch sind da diese Menschenmassen, die im Hintergrund grollen…

5. Kapitel: Die Supramentale Welt

Wäre ich wie ein Entdecker, der aus einem unerforschten Land zurückkehrt, und sollte nun alle Wunder beschreiben, die ich erblickte – unvergleichliche Wälder, beflügelte Bewohner, Metalle, denen seltene Kräfte innewohnen –, dann wäre das gewiß einfach. Dies ist aber nicht der Fall. Die Welt der Zukunft ist völlig gegenwärtig, sie liegt direkt hier vor unseren Augen. Sie ist ein noch unerforschter Kontinent und liegt uns dennoch zu Füßen: Sie ist ein anderer Kontinent im Kontinent. Wir stehen darin, ohne sie zu sehen. Die Welt, in der die Affen ihre Sprünge machten, und die unsere ist die gleiche, und dennoch… Diese andere Welt, sagte sie, ist zwangsläufig eine vollkommen neue Erfahrung. Man müßte weit zurückgehen bis zur Zeit des Übergangs vom Tierreich zum Menschenreich, um eine ähnliche Epoche zu finden. Aber zu jener Zeit war das Bewußtsein noch nicht genügend vom Mental durchdrungen, um beobachten, verstehen oder mit Intelligenz empfinden zu können. Der Übergang muß demnach in vollkommen obskurer Weise stattgefunden haben. Folglich ist die ganze Angelegenheit absolut neu und einzigartig in der irdischen Schöpfung, etwas noch nie Dagewesenes, wirklich eine vollkommen ungewohnte und neue Wahrnehmung oder Empfindung oder Eindruck.1

Eine neue Wahrnehmung.

Wir sind uns nicht einmal ganz sicher, ob zwischen unserem und den vorausgegangenen Übergängen tatsächlich eine Ähnlichkeit besteht, denn es ist nicht nur der physiologische Unterschied zwischen Affe und Mensch gering, oder sogar der zwischen einer im Leib ihrer Mutter heranwachsenden Manguste und dem im Leib seiner Mutter heranwachsenden Menschenkind –, auch der Unterschied zwischen der Wahrnehmung des Affen und derjenigen des Menschen, wenn auch enorm, betrifft noch immer dieselbe Materie, von der aufgrund der neuen Wahrnehmung lediglich ein neuer Gebrauch gemacht wird: Wir nehmen die Materie anders wahr, deshalb benützen wir sie auch anders und entdecken neue Zusammenhänge und neue Wege, sie zu handhaben, es ist aber noch immer die gleiche Materie. Bis zu einem gewissen Punkt wird das auch mit uns geschehen. Die Affen pfropften lediglich einen neuen Apparat, das Mental, auf ihre alte irdische Substanz. Jetzt handelt es sich aber keineswegs um eine weitere Veredelung, einen neuen, supramentalen Apparat, um das irdische Arsenal zu bereichern, sondern die Materie selbst ändert sich. Mit anderen Worten, die Eigenschaften der Materie ändern sich oder sind dabei, sich zu ändern. “Nichts ist einfacher als dies”, wäre man versucht zu denken, “wenn es dann soweit ist, werden wir es ja sehen” – so nach dem Motto: “Wenn die Giraffe sich einen zweiten Hals wachsen läßt, werden wir es schon merken!” Nur… es ist durchaus möglich, daß unsere alte menschliche Wahrnehmung uns gar nicht erlaubt, die neue Materie zu sehen, und daß diese neue Materie überhaupt nicht die Absicht hat, sich irgendwelchen Absonderlichkeiten hinzugeben, so wie wir sie uns vorstellen, denn nur wir bilden sie uns ein, wir übertragen unaufhörlich und unverbesserlich unsere alte Seinsweise auf die neue, die nichts mit der unseren gemeinsam hat, sondern eben der neuen Materie eigen ist. Unsere Aufgabe ist es also, mit menschlichen Organen etwas wahrzunehmen, oder besser im voraus wahrzunehmen, was menschliche Organe nicht fassen können – also eine Evolution im voraus zu wagen, könnte man sagen. Das ist geradezu ein Ding der Unmöglichkeit. Da war die Aufgabe des Affen um einiges leichter… vielleicht. Trotzdem muß in unserer eigenen Substanz eine Verbindung bestehen, denn wie könnte sich sonst der Übergang, die Überbrückung von dem einen Zustand in den anderen vollziehen? Es muß einen Weg, sozusagen eine Art Wahrnehmung des Fluchtpunktes geben, der zumindest die Richtung anwiese, in der es uns entgleitet. Und wenn wir den Mut haben, uns durch diese für unsere alten Bezugspunkte eher schwindelerregende Öffnung gleiten zu lassen, ist es durchaus möglich, daß wir auf die neue Fährte stoßen. Den Fuß auf eine neue Fährte setzen bedeutet, den Übergang zu wagen. Was uns am anderen Ende erwartet, wissen wir nicht, es übersteigt unsere menschlichen Vorstellungen. Welch ein Abenteuer! Vielleicht sogar ein gefahrvolles Abenteuer.

Versteinerte Erscheinungen

Der Übergang wird als erstes in unserer Wahrnehmung gebahnt. Auch der Affe ändert seine Wahrnehmung, seine Augen aber blieben die gleichen: Er stellte lediglich neue Verbindungen zwischen den gewohnten Dingen her. Jetzt ist es aber nicht das Wahrnehmungsorgan, das sich ändert, verbessert oder erweitert, sondern der Gegenstand der Wahrnehmung als solcher ändert sich und somit das gesamte Wahrnehmungsfeld, denn in Wirklichkeit sind es nicht neue Augen, die sehen: die gesamte Materie sieht, nimmt sich anders wahr, als hätte sie überall ihre eigenen Augen – die Zellen selber sehen, bewußte Atome bewegen sich, und das Ganze spielt sich in einer vollkommenen Einheit ab, in der die oberflächliche und künstliche Trennung kleiner Körper in einer europäischen, chinesischen, literarischen oder mathematischen Haut nicht mehr existiert. Diese Art der Begrenzung ist ebenso unwirklich wie Stacheldraht rings um eine Alpenwiese. Das existiert nicht mehr, weil alles gleichzeitig existiert. Das individuelle, von der Evolution so mühsam geschliffene Bewußtsein dient lediglich dazu, einen Strahl auf den einen oder anderen Punkt in dieser Gesamtheit zu lenken und die Bewegung der Kraft in eine gewählte Richtung fließen zu lassen, je nach der Notwendigkeit des Augenblicks, wobei nichts “dort-hin” fließt oder gelenkt wird, denn alles ist in ihm enthalten. Ein Körper oder das gesamte Universum ist dasselbe. Beides ist bewußte Materie, natürlich nicht die Materie, so wie wir sie durch unsere Augen, Finger oder Fernseher wahrnehmen. Offensichtlich ist die Materie nicht das, was wir sehen und wie wir sie sehen: unsere Mikroskope schreien es geradezu heraus. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, sagte sie den Kindern, seid ihr eine Masse von… nicht einmal von Atomen, sondern von etwas, das unendlich viel schwieriger wahrzunehmen ist als ein Atom und das sich in ununterbrochener Bewegung befindet. Hier gibt es überhaupt nichts, das einem Gesicht, einer Nase, Augen oder einem Mund ähnlich wäre, dies sind lediglich äußere Erscheinungen. Auch die Wissenschaftler kamen zu diesem Schluß – zu genau demselben wie die unverbesserlichen alten Spiritualisten –, daß nämlich die Welt eine Illusion ist. Das ist eine ungeheure Entdeckung, ungeheuer… Einen Schritt weiter, und sie würden die Wahrheit berühren.2 Bereits in Tlemcen sahen wir eine andere Art Materie. Diesmal werden uns aber weder Super-Mikroskope noch die Visionen von Hellsehern oder okkulte Kräfte aufklären: die Materie selbst wird sie uns mitteilen, sie wird sich selbst sehen. Die wahre, direkte und ungetrübte Materie wird sehen und handeln: Das spontane Phänomen “natürlicher” vormentaler Evolution wird sich auf bewußter Ebene wiederholen. Nur wird statt eines auf seine transsibirische Flugbahn beschränkten Vogels die Gesamtheit des Bewußtseins und des Seins alle Distanzen in seiner eigenen Substanz umfassen. Das Leben wird nicht mehr “gedacht” sondern ganz einfach gelebt. Anstatt eines ewigen Nachsinnens über die Materie wird die Materie selbst leben. Wir hingegen sehen nichts vom Leben, wir leben das Leben überhaupt nicht, wir denken es nur. Alles erreicht uns wie durch einen mentalen Schleier. Dieser Schleier ist gefallen. Und all die Jahrtausende, die wir so mühsam damit verbrachten, diesen Schleier zu weben, dienten nur dazu, einem geeinten, individuellen Bewußtsein zu erlauben, sich dieser unvorstellbaren Gesamtheit der Materie und des Lebens bewußt zu werden und alles zu leben, alles zu sein, alles zu verstehen, alles zu fühlen… Wahrhaftig ein anderes Leben! Ja, um alles zu lieben und sich an allem zu erfreuen, denn schließlich ist das Ziel dieser ganzen Angelegenheit die Freude am Sein, die uns so jämmerlich fehlt.

Aber zuerst müssen wir die Verbindung mit dieser wahren Materie herstellen. Nur wie? Durch welche Art der Wahrnehmung? Unsere Sinne sind lügnerisch!3 rief Mutter aus. Wie können wir diesen anderen Kontinent im Kontinent freisetzen? Vermutlich – sogar gewiß – wird er ganz von allein auftauchen, das Supramental wird sich von selbst erklären. Das “winzige Pulsieren” ist bereits am Werk, und zwar ganz ungeheuer. Es ist dabei, alle Zellen der Welt zu beschwingen, unterschwellig, hinter all dem Lärm unserer mentalen Geschichten und oberflächlichen Revolutionen, die nichts, aber auch gar nichts revolutionieren. Hier im Innern findet unabwendbar die wahre Revolution statt. So sollten wir weniger um eine glücklichere Nachwelt besorgt sein und uns stattdessen um unsere unmittelbare Gegenwart kümmern, wenn wir an der besagten Angelegenheit teilnehmen, den Prozeß beschleunigen und den Übergang sehen wollen, anstatt nur im Alptraum des Mentals befangen hindurchzustolpern. Denn es ist durchaus möglich, daß wir dann erst in der zweiten oder gar dritten Generation wieder erwachen (wahrscheinlich sogar noch später), als kleinere oder größere Menschen von morgen, die all das so natürlich fänden, wie es uns heute natürlich erscheint, über ein Problem nachzusinnen oder den Telefonhörer abzunehmen und die Auskunft zu verlangen. Die zukünftige Geschichte wird uns zeigen, wie dumm wir waren, ohne noch zu jenen Dummköpfen zu zählen – im Augenblick jedenfalls stecken wir mitten in unserer Dummheit, wobei einige von uns sie immerhin als erstickend empfinden. Um sie geht es hier. Eines Tages, als ich Mutter betrachtete und sah, welch schrecklich mühsame Arbeit in der Materie sie auf sich nahm, war ich plötzlich von dem Gedanken frappiert: “Aber sie werden das ganz natürlich finden, nachdem es geschafft ist! Sie werden behaupten: Wir haben all das vollbracht, dies ist die Glanzleistung unserer eigenen Evolution!” Und Mutter lächelte: Die Welt wird weitergehen! Die Dinge werden ihren Lauf nehmen. Und es wird vielleicht eine Handvoll Menschen geben, die wissen, wie sie zustande kamen. Das ist alles.4

Diejenigen aber, die diesen Übergang mit weit offenen Augen erleben wollen, sollten zumindest eine erste Idee oder besser eine erste Wahrnehmung der supramentalen Funktionsweise haben, um zu wissen, in welche Richtung sie blicken sollen und auf welche Weise sie überhaupt imstande wären zu sehen, wo doch unsere Augen uns täuschen und unsere Gedanken uns irreleiten. In der Tat vollzieht sich hier der allererste Schritt der neuen Funktionsweise, nicht etwa im “Machen”, sondern im Rückgängigmachen: Ich fordere euch heraus zu versuchen, euren Körper zu transformieren, solange euer Mental nicht transformiert ist. Versucht es doch mal, nur um zu sehen! Keinen Finger könnt ihr rühren, kein Wort sagen, keinen Schritt tun, ohne daß nicht das Mental dazwischenfunkt. Mit welchem Instrument also wollt ihr euren Körper transformieren, wenn euer Mental es nicht schon ist?…5 Solange euer Mental für euch noch etwas Reales ist und eure Denkweise etwas Wahres, Reales, Konkretes, beweist das lediglich, daß ihr noch nicht so weit seid. Zuerst müßt ihr auf die andere Seite vordringen.6 Wir ahnen gar nicht, wie einfach und doch ungeheuer anders es dort ist. Ein einfaches persönliches Beispiel könnte am ehesten veranschaulichen, wie hinterlistig, unsichtbar und natürlich das ganze Phänomen ist, das uns in seinem Netz gefangen hält, ohne daß wir es merken – auf die natürlichste Weise, wohlgemerkt, denn sonst wären wir bestimmt schon längst draußen: Was am meisten Zeit braucht, sagte Mutter, ist, sich bewußt zu werden, was geändert werden muß! Aus der alten Natürlichkeit herauszutreten. Eines Tages fand ich mich allein in einem entlegenen Winkel der Welt, in Lumpen gekleidet an einem Flußufer und wusch eine kupferne Schale, mein einziges Besitztum auf dieser Welt. Während ich nun diese Schale mit dem Flußsand wusch, betrachtete ich mein ziemlich merkwürdiges und miserables Leben, das darin bestand, tagsüber meine Nahrung zu erbetteln und des nachts gegen Insekten zu kämpfen, und das in einem Körper, den jede anständige Gesellschaft als krank bezeichnet hätte – und der bestimmt sofort krank geworden wäre, hätte ich ihn etwas näher betrachtet. Wenn ich in jenem Augenblick ein Fieberthermometer zur Hand gehabt hätte, wäre ich zweifellos dem Fieber verfallen. Stattdessen überfiel mich ein plötzlicher Gedanke – der weniger ein Gedanke war als vielmehr eine Kraft: “Was macht es schon aus, was du darüber denkst!?” Augenblicklich fiel es wie Schuppen von meinen Augen, und die Krankheit verließ meinen Körper, die Situation war wie umgewandelt, die Welt war verändert: ich hatte einfach aufgehört, daran zu denken... und so verloren die Millionen Gedanken jede Bedeutung, sie rannten davon wie Ratten – alles war wie sonst und doch so vollkommen anders! Die Gedanken hatten sich das ganze Bild ausgemalt – ein verkehrtes Bild. Es genügt, es beiseite zu legen, und schon lebt man ganz vergnügt und munter. Der Körper selbst fühlte sich mit einem Mal fröhlich und erleichtert , als hätte man ihn aus einem Schlammloch befreit.

Wir leben ständig in diesem Schlamm. Er verschleiert, entstellt und verfälscht alles. Der erste Schritt besteht darin, da herauszukommen. Das ist der “Fluchtpunkt”, der zum Anderen führt. Was man darüber denkt, hat überhaupt keine Bedeutung und ist obendrein falsch. Lieber würden sie sterben und an ihren Gewohnheiten festhalten, als sie loszulassen und auf unsterbliche Weise zu leben.7 Auch der Tod beruht auf einer gewissen Gewohnheit, ebenso das Elend, die falsche Sichtweise, die Krankheiten und alle Lügen dieser Welt. Wir leben in einer ungeheuren falschen Gewohnheit: “Ich sehe es, also ist es wahr; ich berühre es, also ist es wahr; ich fühle es, also ist es wahr…” Aber genau diese Wahrheit muß wie Staub abfallen, dann bohrt ein erstes Mikroskop ein Loch in den Panzer und fängt an, die Wahrnehmung der wahren Materie freizulegen. Wir müssen uns befreien von dieser nebligen, unklaren Sicht, die nichts als nur die äußeren Erscheinungen erkennt, die so irreführend, so unwirklich – so versteinert sind.8 Unser mentales Quartär ist eine ebenso versteinerte und veraltete Epoche wie die primitiven Siegelbaummoose auf vorzeitlichen Kohleablagerungen.

Allerdings muß die Gewohnheit bis tief in die Zellen entwurzelt werden. Darin bestand Mutters ganze Arbeit. Und irgendwo müssen wir damit anfangen. Wir sind an einem Zeitpunkt angelangt, wo wir Dinge sehen werden. Es gibt lange, lange Zeiträume, in denen die Dinge sich vorbereiten; danach kommt ein langer, langer Zeitraum, in dem sie sich entwickeln, organisieren, etablieren und ihre Resultate zeigen. Zwischen den beiden aber gibt es einen Augenblick, wo es geschieht, wo die Dinge geschehen. Das dauert nicht immer sehr lange (manchmal dauert es länger, manchmal ist es eher kurz), jedenfalls passiert etwas. Und dieses Etwas wird der Welt den Anstoß zu einer neuen Entwicklung geben. Jetzt befinden wir uns genau in einem solchen Augenblick. Und wenn wir nicht blind sind, wenn wir unsere Augen offen halten, werden wir sehen, wir werden sie sehen… Manche Leute befinden sich völlig im Dunkel, leben in der Vergangenheit und stecken bis obenhin in der Lüge, sie sehen nichts, nichts, aber auch gar nichts – sie werden bis ans Ende gehen, ohne irgend etwas zu sehen. Diejenigen aber, die ihre Augen offen halten, werden sehen.

Immer wieder sagte sie den Kindern auf dem Spielplatz: Diejenigen, die es verstehen, sich nicht von der Last alter Gewohnheiten niederdrücken zu lassen…9

Die supramentale Substanz

Wenn wir nur wüßten, was uns am anderen Ende erwartet... Haben wir erst einmal die Gewohnheiten verloren, dann treten wir ein in den großen Wald, ein wenig wie Blinde, die sich in einer nicht vorhandenen Welt vorantasten, oder eher in einer Welt, die erst nach und nach durch unsere Schritte entsteht – was aber werden wir entdecken, wenn wir am anderen Ende dieses verheißungsvollen Perus angekommen sind? Eine wahre Welt liegt uns völlig konkret zu Füßen, nur sind wir blind dafür. Könnten wir doch ein klein wenig sehen, wie die supramentale Welt aussieht, oder wüßten wir nur, welchen Kurs wir einhalten sollen, dann wären wir vielleicht weniger blinde Passagiere. Das Wunderbare an den Pionieren ist ja, daß sie im Nichts vorangehen und daß es durch ihren Marsch etwas wird. Das ist ihr Verdienst, ihr Geschenk für die Welt.

Genau ein Jahr, bevor sie in diesen großen namenlosen Wald eintrat, in dem sie fünfzehn Jahre damit zubringen sollte, sich durch die Nacht, das Nichts, den Tod hindurchzuschlagen, hatte Mutter eine Vision, die wie ein Leuchtfeuer inmitten dieser unentwirrbaren Inexistenz aufgelöster Gewohnheiten und einer neuen, noch ungeborenen Gewohnheit aufblitzte. Es war am 3. Februar 1958. Der Februar ist entschieden ein schöner Monat. Leider konnte sie ihre Vision nicht zu Ende verfolgen, weil sich wie üblich jemand an ihre Rockschöße klammerte und sie brutal aus dieser Welt von morgen herausriß, um sie zurückzurufen... in die alte Gewohnheit bornierten Daseins. Es ist erschreckend, wieviel menschliche Dummheit sich in dieses großartige Abenteuer mischt, wie sehr sie bei jedem Schritt, in jedem Augenblick bis zum Ende davon umgeben war, als müsse sie nicht nur das Neue heraushauen, sondern zugleich auch das Alte entwurzeln. Aber so ist es nun einmal, die beiden gehen Hand in Hand: In jedem einzelnen dieser kleinen Musterexemplare, die sie umgaben, mußte sie die alte Gewohnheit der Welt entwurzeln, um dieses wundervolle Peru unter unseren Schritten entstehen zu lassen. Sie wollte so sehr die Schönheit der Erde. Im Grunde liebte sie die Welt sehr. Jeder andere hätte Dynamit genommen und das ganze Gewimmel in die Luft gejagt – aber genau das versuchen wir immer wieder zu tun, von einem Kleinkrieg zum nächsten, bis in alle Ewigkeit. Sie wollte so sehr, daß es nicht immer und ewig dasselbe sei. So nahm sie all das, was sich widersetzte, sich weigerte, alles, was so dumm, so engstirnig, so feige war, und schluckte und schluckte das Gift der Welt, während sie unermüdlich jede Engstirnigkeit umwandelte. Sie haute sich den Weg mit der Axt frei und ließ ihre ganze Liebe wie eine Lichtspur hinter sich, damit auch wir vorankommen... wenigstens ein wenig.

In dieser Vision sah sie plötzlich auf symbolische Weise die supramentale Welt. Es war ein kurzer Blick in die Zukunft, in das schon Bestehende, das sich nach und nach enthüllt. Und es scheint so weit, weit entfernt zu sein... aber nun. Dieser Wald birgt mehr als nur ein Wunder, wer weiß? Ein Eichhörnchen, das einen Menschen betrachtet, versteht gewiß nicht viel von ihm, es besteht kaum eine Verbindung zwischen seinen verwunderten Äuglein und unseren Anmaßungen im Anzug mit Krawatte – aber plötzlich entstand gleichsam eine Verbindung, eine Brücke wurde geschlagen zwischen dieser mysteriösen zukünftigen Spezies und unseren großen verwunderten Augen. Bekommen wir erst einmal einen Faden zu fassen, können wir daran ziehen. Wir müssen an diesem ungeheuren Faden ziehen, am Faden der Freude vielleicht. Diese Vision ist wie eine erste Brücke. Der Kontakt zu dem schon Bestehenden muß hergestellt werden. Die Jahrtausende vergehen damit, den Kontakt herzustellen, sich allein die Möglichkeit einer Verbindung vorzustellen. Dann zieht diese Verbindung uns aus dem Schlamassel, denn allein kommen wir da nie heraus. “Versucht es nur mal!” würde Mutter sagen. Die Evolution ist eine ungeheure Zukunft, die uns zieht – denn wie könnte die Nacht je etwas anderes als Nacht herbeiziehen?

Es war ein großes Schiff, das Symbol der Stätte des Übergangs, auf dem menschliche Menschen für das supramentale Leben vorbereitet wurden: es war eine Art Schulschiff für die supramentale Welt. Alle, die bereit waren und die notwendigen Bedingungen erfüllten, gingen von Bord, um in die supramentale Welt einzutreten. Am Ufer dieser Welt warteten hochgewachsene Wesen, supramentale Wesen. Sie musterten die jungen Lehrlinge des Schiffes einen nach dem anderen, um zu prüfen, wer fähig sei zu landen und wer nicht. Das Wort lautet fähig, denn es war wirklich eine Frage des Sauerstoffs oder vielmehr der Körpersubstanz, um in diesem neuen Milieu, in dieser supramentalen Welt leben, atmen und existieren zu können. Die nächste Substanz... welch einzigartige Entdeckung! So waren nicht nur die Wesen am Ufer sondern das Schiff selbst, die ganze Materie des Schiffes aus dieser supramentalen Substanz beschaffen: Die supramentale Substanz, die der physischen Welt am nächsten ist und sich als erstes manifestiert. Das Licht war eine Mischung aus Gold und Rot und bildete eine einheitliche, leuchtend orangene Substanz. Alles war so beschaffen: das Licht, die Leute, alles hatte diese Farbe, nur in unterschiedlichen Nuancen, wodurch man die Dinge voneinander unterscheiden konnte. Das Ganze machte den Eindruck einer schattenlosen Welt: es gab Nuancen, aber keine Schatten. Die Atmosphäre war erfüllt von Freude, Ruhe und Ordnung, alles verlief reibungslos und ruhig.10 Und nun kommt ein sehr sonderbarer und äußerst interessanter Punkt: Die Dinge auf diesem Schiff waren nicht so beschaffen, wie auf der Erde. Zum Beispiel waren die Kleider nicht aus Stoff; das Material, das wie Stoff aussah, war kein künstliches Fabrikat sondern ein Teil ihrer Körper, es war aus der gleichen Substanz geschaffen, fähig, unterschiedliche Formen anzunehmen. Es besaß eine gewisse Plastizität... Ja, Plastizität ist bereits das hervorstechendste Merkmal der supramentalen Welt: Von der Starrheit der (falschen) Materie, so wie wir sie kennen, gehen wir über zu etwas, das eher der Bewegung der mikroskopischen Materie ähnlich ist, wie die Wissenschaftler sie wahrnehmen. Wenn eine Änderung vorgenommen werden sollte, wurde sie nicht mit künstlichen und äußeren Mitteln bewirkt, sondern durch einen inneren Vorgang, durch einen bewußtseinsvorgang, welcher der Substanz Form oder äußere Gestalt verlieh. das leben schuf seine eigenen formen [meine Betonung]. Alles bestand aus einer einzigen Substanz, sie änderte die Beschaffenheit ihrer Schwingung entsprechend den Bedürfnissen oder ihrer Verwendung...10 Dies läßt uns erahnen, was diese “bewußte Materie” sein wird, die innerhalb dieser vollkommenen Einheit der Substanz eine beliebige Gestalt anzunehmen vermag. All das erscheint uns wie ein Märchen, aber unsere Evolution ist vielleicht ein phantastisches Märchen. Schließlich sind wir noch Neulinge des Mentals im zweiten Jahrtausend nach Christus. Was wissen wir schon? Vermutlich wäre es dem kleinen philippinischen Halbaffen sehr phantastisch erschienen, hätte man ihm erklärt, daß dieses Menschlein auf zwei Beinen sein Nachfahre sei. Hiermit ist uns also gegönnt, unsere Nachfahren etwas genauer zu betrachten: Die hochgewachsenen Wesen am Ufer waren nicht von derselben Farbe, sie hatten jedenfalls nicht diese orangefarbene Tönung, sondern waren blasser und durchsichtiger. Abgesehen von einem Teil ihres Körpers waren nur die Umrisse ihrer Gestalt sichtbar. Sie waren sehr groß und schienen kein Knochengerüst zu haben und konnten je nach Bedarf verschiedene Formen annehmen. Nur von der Taille bis hinunter zu den Füßen war eine konstante Dichte zu erkennen, die man im übrigen Körper nicht fühlte. Ihre Farbe war viel blasser und enthielt nur wenig Rot, sie ging eher in Gold oder sogar in Weiß über...10 Wie weit in der Zukunft das alles zu liegen scheint!

Aber weniger weit entfernt waren die jungen supramentalen Rekruten, die supramentalen Lehrlinge. Sie kamen aus allen Ländern und hatten alle Alter, im allgemeinen aber waren sie nicht alt. Einige wurden wieder auf das Schiff zurückverwiesen, als seien sie nicht genügend trainiert oder ihre Substanz noch nicht bereit. Es war eindeutig eine Frage der Substanz. Diejenigen, die zum weiteren Training zurückgeschickt wurden, hatten keine einheitliche Farbe, als hätten ihre Körper Flecken wie graue Schatten aus einer Substanz, die derjenigen der Erde ähnlich war: sie waren trüb, als seien sie nicht vollständig vom Licht durchdrungen, nicht transformiert. Sie waren nicht überall so, nur an einigen Stellen.10 Diese Trübheit ist wirklich das charakteristische Merkmal der falschen Materie, die wir kennen oder eher sehen, die unbewußte Materie (oder genauer gesagt, die von unserer Unbewußtheit verschleierte Materie). Da erhebt sich die Frage, ob der scheinbar enorme Unterschied zwischen diesen Wesen und uns, zwischen der anderen Materie und der unseren, nicht einfach ein dünner Schleier ist, der weggezogen werden kann – ein Schleier der Unbewußtheit, der die wahre Materie vor uns verbirgt und sie opak und starr erscheinen läßt. Was würden wir wohl sagen, wenn diese Schatten sich durch einen bloßen Bewußtseinsakt plötzlich erhellen und aufstrahlen würden und sich zu bewegen anfingen...? Dennoch ist es ein und dieselbe Materie, wir müssen keineswegs eine andere Materie erfinden oder fabrizieren: es ist die gleiche. In einem Fall ist sie strahlend, im anderen verdeckt – aber durch was? Vielleicht durch unsere Vorstellung von der Materie oder durch unsere mentale Sicht der Materie. Ein bestimmter mentaler Mechanismus muß bis in die Zellen hinein wieder rückgängig gemacht werden. Aber es ist keine andere Materie, sie ist da, sie ist genau die gleiche – nur ent-deckt. Der Unterschied ist in gewisser Weise derselbe wie zwischen versteinerten Moosschichten in einer Kohleablagerung und dem gleichen Moos, das im vollen Sonnenlicht sprießt.

Was hätte die Macht, diese Materie zu ent-decken oder zu entschlacken? Bestimmt nichts von all dem, was wir uns vorstellen, auch keine Super-Phänomenologien des sogenannten “Geistes” eines kleinen Hegels des Quartärs, geschweige denn unsere religiösen oder marxistischen Tugenden... Dazu bedarf es etwas anderem. Genau dieses “andere Etwas” interessiert uns. Was sind die “Tugenden”, die uns helfen, die nächste Spezies hervorzubringen? Wenn wir das wüßten, wäre der Weg schon etwas klarer. Die “trüben Kandidaten” wurden also wieder ins irdische Leben zurückgeschickt. Das Auswahlkriterium basierte ausschließlich auf der Substanz, aus der die Leute bestanden, das heißt, ob sie vollständig der supramentalen Welt angehörten, ob sie aus dieser so besonderen Materie beschaffen waren. Das Kriterium war weder psychologischer noch moralischer Natur. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Beschaffenheit ihrer Körpersubstanz das Resultat eines inneren Gesetzes oder einer inneren Regung darstellte...10 Was ist dieses Gesetz, diese Regung? Vielleicht eine gewisse Art Aspiration in der Materie – im Mental streben wir nach Schönheit und Wahrheit, im Herz streben wir nach Liebe und Einheit. So muß es möglich sein, eine ähnliche Regung auch auf der Ebene der Materie, also im Körper auszulösen – einen anderen Rhythmus. Wahrscheinlich muß man sich schon sehr aus allen mentalen und vitalen Verkrustungen befreit haben, um zu verstehen, was die wahre Regung der körperlichen Materie sein mag. Mein Körper – plötzlich frei von allen Gedanken – fühlte sich an jenem Flußufer mit der Kupferschale in der Hand sehr vergnügt und unbeschwert – ja, als ob sich in seinem Innern ein anderer Atem bemerkbar machte: klar, beschwingt und leicht. Vielleicht ist der Körper die Regung der Freude, die Welt der Freude. Die wahre Regung der Materie ist Freude. Nur bleibt sie nicht, weil die alte Gewohnheit wieder die Oberhand gewinnt: die alte Gewohnheit, krank zu sein, oder allein schon der Gedanke, krank zu werden oder dies und jenes... die ewige tödliche Routine. Die gewohnte Trübheit. Dieses Kriterium hatte nichts Mentales, es vermittelte einem das eigenartige innere Gefühl, daß zahlreiche Dinge, die wir als gut oder schlecht betrachten, es in Wirklichkeit gar nicht sind...10 Ja, der verkehrte Sinn! Das “Schlechte” besteht darin, nicht alles in seinem richtigen Sinn zu erfassen, denn für das Leben von morgen hat alles einen Sinn: entweder erfassen wir diesen Sinn oder nicht. Man könnte sagen, daß die “Sünde” für die supramentale Welt bedeutet, nicht alles in diesen kleinen beschwingten Rhythmus umzuwandeln oder nicht alles als eine Gelegenheit wahrzunehmen, diesen kleinen Rhythmus hervorzuzaubern und diese Materie aus ihrer Umnachtung zu befreien. Die Fallgrube, die einzige Sünde ist, opak zu bleiben, ob krank oder gesund, sündig oder tugendhaft – die Tugendhaften sind die Schlimmsten in ihrer Trübheit! Wir müssen diese ganze Armseligkeit am Kragen packen und ihr die Freude von morgen einflössen, ihrem Dickschädel die Leichtigkeit des richtigen Sinnes, des wahren Sinnes, des großen Sinnes einprägen – wo immer wir gehen. Denn alles geht in diese Richtung..., wenn wir wollen. Es gibt kein Gut oder Böse sondern nur verpaßte Gelegenheiten. Ganz eindeutig hing alles von der Fähigkeit der Dinge ab, die supramentale Welt zum Ausdruck zu bringen oder mit ihr in Verbindung zu stehen... In der einen Weise stehen wir in Verbindung, in der anderen sind wir verschlossen. Ein Affe, der seine Purzelbäume schlägt, ist dem mentalen Leben gegenüber völlig verschlossen; ein Mensch, der seine moralischen und mentalen Brillen aufsetzt, ist völlig verschlossen. Es war so vollkommen anders, manchmal war es unserer gewöhnlichen Beurteilung direkt entgegengesetzt! Ganz offensichtlich ist unsere Beurteilung dessen, was göttlich oder ungöttlich ist, unzutreffend...10 Wundert uns das? Manchmal fragen wir uns, ob Mutter und Sri Aurobindo nicht ein neues Göttliches entdeckten! Vielleicht ein Göttliches, das lacht, das endlich einmal zu lachen versteht nach all den Jahrhunderten der Kreuzigung und des Sinais unter dem Gedonner Jehovas und der Asketen in kosmischer Ekstase – eine ungeheure Wende, eine Wende der Heiligkeit! Vielleicht ein kosmisches Bewußtsein in der Materie? Und obendrein ein Bewußtsein mit Sinn für Humor. Ich sah, daß das, was den Leuten hilft oder sie hindert, supramental zu werden, sehr weit von unseren gewohnten Moralvorstellungen entfernt ist. Ich fühlte, wie sehr wir... lächerlich sind.10 Amen. Tatsächlich, folgerte sie, ist der kürzerste Weg von einem Punkt zum anderen nicht die gerade Linie, wie die Menschen es sich vorstellen!10 Und wir fragen uns, ob dieses famose Supramental – so weit, weit weg, irgendwo am anderen Ende von... von was eigentlich? – nicht vielleicht in einer Sekunde zu erreichen wäre. Es ist ganz da. Es ist überall. Wir müssen nur irgendwie die Verbindung herstellen. Wir müssen herausfinden, wie... Wir müssen den wahren Sinn hier finden. Und das Mysterium von morgen mag sich als ungeheuer einfach erweisen.

Etwas muß ent-deckt werden.

Das fehlende Bindeglied

Die Frage stellt sich nun, von was diese Ent-deckung abhängt? Keine psychologische sondern eine materielle Freilegung. Eine Freilegung der Materie – der wahren Materie, hier. Oder sollten wir sagen, der nächsten Materie? Wir ringen unbeholfen nach Worten des Repertoires der Raupe, um die Sprache der Schmetterlinge zu stammeln.

Trotz alledem haben wir es hier mit etwas höchst Mysteriösem zu tun. Als sie nämlich ihre Erfahrung in der supramentalen Welt schilderte, sagte Mutter: Am 3. Februar ging ich völlig konkret – so konkret wie ich früher durch Paris spazierte – in einer Welt umher, die außerhalb aller Subjektivität in sich selbst existiert...10 Wohlgemerkt, sie sagte deutlich: “konkret” und “außerhalb aller Subjektivität”, das heißt, eine objektive Welt... wie die Champs-Elysées. Verzeihung, aber ich bin extrem materialistisch: Du, mein Kind, wirst dich erst zufrieden geben, wenn du von Kopf bis Fuß supramental bist, sagte sie mir einmal. Ja, und wenn möglich mit den Füßen zuerst. Übrigens lautete meine Antwort: “Das ist nicht sicher”, denn ich war mir keineswegs sicher, ob ich mich je mit irgend etwas zufrieden gäbe. Ein unstillbarer Durst, könnte man sagen. Und ja keine Hirngespinste! Du wirst dich erst dann zufrieden geben, wenn es in der Materie ist. Das ist es vielleicht im Grunde: Wahre Zufriedenheit ist nur im Körper zu finden, alles übrige sind verschwommene Geschichten. Dennoch muß diese Materie vorbereitet, geschaffen und eröffnet werden. Davon war ich fest überzeugt. Offensichtlich ist die Materie nicht das, was sie sein sollte – oder eher, was sie ist. Aber wo ist dieses “Konkrete”? Tatsache ist, daß sie nicht sagte: “so konkret, wie ich über diesen Spielplatz gehe” – sie wählte als Beispiel Paris. Die Champs-Elysées sind weit weg, zehntausend Kilometer vom Spielplatz entfernt zuzüglich des Zeitunterschieds von viereinhalb Stunden im Sommer – aber auch dieser Unterschied ist letzten Endes eher subjektiv. Noch ein paar “Düsenantriebe” mehr, und wer weiß, ob wir nicht schon am Vortag landen. Und sie sagte: Es ist, als spanne sich eine Brücke zwischen diesen beiden Welten.10 Ihre Vision war wie eine erste Brücke. Wenn es also “konkret” oder in gewisser Weise materiell ist, so muß es sich wohl um eine andere Materie in der Materie oder hinter der Materie handeln – eine andere Welt in dieser hier. Und wenn es nicht zwei identische Arten der Materie, die eine in der anderen, geben kann, so bedeutet dies, daß es eine wahre und eine falsche Materie gibt... es sei denn, beide sind wahr und sind sich gleich, nur unterschiedlich wahrgenommen: zwei verschiedene Wahrnehmungsebenen. So wie sich Herrn Meiers Wahrnehmungsbereich von dem des Mikroskops unterscheidet. Eine andere Art von “konkret” – die nächste Art. Aber offen gestanden wissen wir überhaupt nichts davon, wir haben einfach nicht die geeigneten Augen dafür. Alles, was wir wissen, ist, daß etwas im Gange ist. Als ich zurückkehrte [von dieser supramentalen Welt], wußte ich zusammen mit meiner Erinnerung an die Erfahrung, daß die supramentale Welt permanent ist, daß meine Gegenwart dort permanent ist, und daß es nur eines fehlenden bindeglieds bedarf, um die verbindung im bewußtsein und in der substanz zu gestatten, und genau dieses Bindeglied ist dabei zu entstehen.10

Um sich freizusetzen, muß die Materie sich selbst anders wahrnehmen, das heißt, sie muß sich von einer gewissen Gewohnheit, sich wahrzunehmen oder von uns wahrgenommen zu werden, lösen und in eine andere Weise eintreten. Diese Änderung der Art und Weise wird der Übergang sein. In gewisser Hinsicht bahnt die Wahrnehmung den Weg der neuen Welt. Das supramentale Amazonien ist voll und ganz da, und indem wir es durchschreiten, nimmt es sichtbare Umrisse und Gestalt an, Flüsse und Vögel tauchen auf, die schon immer da waren. Im Durchschreiten entsteht zweifellos das fehlende Bindeglied zwischen einem ersten flüchtigen Erblicken dieses Amazoniens und seiner gesamten Übersicht. Wenn es vollständig wahrgenommen ist, wird es voll und ganz da sein – aber es muß in der materiellen Substanz wahrgenommen werden. Der Körper – und keineswegs der Kopf – durchquert das supramentale Amazonien und nimmt es nach und nach wahr. Gegenwärtig durchstreifen wir genau das gleiche Amazonien in unserem Kopf, und aus diesem Grund sehen wir es nicht (oder sehen es zumindest auf eine andere Weise). Das Körperbewußtsein ist in der Tat die “evolutionäre Brücke”, es bildet den Durchgang in seiner eigenen Substanz, wird sich der anderen Art und Weise bewußt und baut das “fehlende Glied” zwischen der veralteten, versteinerten Wahrnehmung und der anderen. Das ist entschieden ein sehr interessanter, wenn nicht merkwürdiger Vorgang. Früher suchten wir die fehlenden Bindeglieder zwischen einem gewissen Pithekanthropus und ein paar Vierhändern oder zwischen diesem Reptil und jenem Pterodaktylus lediglich in äußeren Formen. Jetzt ist das Bindeglied im Bewußtsein und in der Wahrnehmung des Bewußtseins zu finden. Es ist übrigens durchaus möglich, daß jeder evolutionäre Übergang zunächst im Bewußtsein stattfand, bevor er in der äußeren Form zum Ausdruck kam. Immer schien es uns, als müsse der Geburt der zukünftigen Möglichkeit eine Wahrnehmung oder Vor-Wahrnehmung eben dieser Möglichkeit vorausgehen. Etwas im Reptil mußte sich gewissermaßen zuerst innere Flügel wachsen lassen oder zumindest einen Drang nach Flügeln verspüren, damit diese materiell wachsen konnten. Wenn wir behaupten, daß in den Zellen plötzlich etwas “mutiere”, verschieben wir das Problem lediglich, übertragen es auf die mechanische Ebene, und übersehen dabei, daß die Zellen auf ihre Weise genauso bewußt und intelligent sind wie unsere kleinen anthropologischen Gehirne – ja, dort existiert ein zellulares Bewußtsein. Genau dieses Bewußtsein hier in unserer eigenen Substanz wird den neuen evolutionären Übergang ausarbeiten, und keinerlei kleine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die zehn Millionen DNS oder RNS in einen Sack wirft und das Ganze fest schüttelt, um daraus eine neue Spezies hervorzuzaubern. Nein, so findet es bestimmt nicht statt und hat auch so nie stattgefunden.

Eine jähe Veränderung?

Diese erste Wahrnehmung der “Zukunft” ermöglichte es Mutter, das Bindeglied in ihrer eigenen Substanz und somit in der gesamtirdischen Substanz herzustellen: sie begann, “die inneren Flügel” der kommenden Spezies wachsen zu lassen. Doch wohlgemerkt, diese Zukunft ist bereits voll und ganz da. So beginnt das Problem höchst... “wunderbar zu werden”, hätte ich fast gesagt. Aber, wie bereits erwähnt, ist Mutters großer Wald in der Tat zauberhaft – wohl zauberhafter, als wir ihn uns je vorstellen können. Wenn nämlich alles schon da ist und nur ein kleines Bindeglied in der Wahrnehmung fehlt, so heißt das, daß diese Zukunft keineswegs Millionen Lichtjahre oder geologische und anthropologische Äonen weit entfernt ist. Sie ist ein Morgen, das blitzartig in Erscheinung treten, sich in einem jähen Ausbruch der Freude ent-decken kann – ja, ein befreites Auflachen vermag uns vielleicht von diesem alten mentalen Alptraum zu erlösen und uns die wahren Augen der Materie zu öffnen, wer weiß? Oder die Augen der wahren Materie. Plötzlich brechen wir aus der alten Kohleschicht aus – und es ist da! Denn wo sonst soll sie sein, diese “supramentale Substanz”, die das neue Wesen schaffen wird, wenn nicht in einigen kleinen Freudenausbrüchen, die uns plötzlich eine ganz unerwartete Materie freilegen, einen ganz frischen und fröhlichen Körper, der sich “so” überhaupt nicht kannte. Der Körper muß lernen, daß er “so” sein kann. Er muß mit der wahren Regung seiner Zellen in Berührung kommen: die supramentale Regung ist hier, im Kern der ganzen Natur verborgen. Die supramentale Substanz ist hier, direkt hinter dieser falschen, von zehn Millionen mentalen, medizinischen, logischen und atavistischen Theoremen verschmutzten Substanz – Newtons Apfel und die ganze übrige falsche Schwerkraft unserer Köpfe miteingeschlossen. Am 29. Februar 1956 begann ein winziges wahres Pulsieren in den Zellen der Welt aufzublinken, oder besser gesagt: Ein erstes, mit einem irdischen Körper versehenes Wesen nahm dieses Pulsieren wahr. Eine erste Brücke zwischen der falschen und der wahren Materie wurde gespannt, und wer weiß, vielleicht findet die vollständige Verbindung, die endgültige Ent-deckung blitzartig statt. Eines kann ich euch versichern, sagte sie den Kindern, dank der Tatsache, daß ihr zu diesem Zeitpunkt auf der Erde lebt – ob ihr euch dessen bewußt seid oder nicht, sogar ob ihr es wollt oder nicht – absorbiert ihr mit der Luft, die ihr atmet, diese neue supramentale Substanz, die sich in der Erdatmosphäre verbreitet. Und sie bereitet Dinge in euch vor, die ganz plötzlich zum Ausdruck kommen werden, sobald ihr den entscheidenden Schritt getan habt.11 Der entscheidende Schritt muß im eigenen Bewußtsein gemacht werden. Wir müssen unsere Augen für die Möglichkeit öffnen. Wenn das Bewußtsein glaubt, daß es möglich ist, dann ist alles möglich! Die einzige Unmöglichkeit besteht darin, zu glauben, es sei nicht möglich: Das versperrt die Tür endgültig, und wir fallen zurück in die versteinerte alte Wahrnehmungsweise – jenes Reptil damals wäre stur und verbissen Reptil geblieben, es wäre in seinem Tümpel ausgedörrt und hätte nie den Übergang geschafft. Wir aber, die den Übergang zu wagen gewillt sind, müssen die Tür der Möglichkeit öffnen, welche die Tür der Wahrnehmung öffnet, die schließlich die Tür der großen Umwandlung der Welt, der Transformation öffnet. Das ist es, was von uns erwartet wird. An der Evolution mitzuwirken heißt, der neuen evolutionären Logik nicht ständig mit der alten evolutionären Logik in die Quere zu kommen. Denn offensichtlich handelt es sich nicht um dieselbe Logik! Aber logisch ist es trotzdem. Wenn ihr die materielle Welt in Betracht zieht, sagte sie den Kindern, und seinen winzigsten Bestandteilen auf den Grund geht (wie ihr wißt, ist man auf unzählige absolut unsichtbare Dinge gestoßen), wenn ihr also dieses Bestandteil als Basis und die materielle Welt als Ganzes nehmt und euch ein Bewußtsein vorstellt [ja, dieses große globale Bewußtsein, das wir zu werden im Begriff sind – behutsam und in kleiner Dosis, um nicht zu explodieren] oder einen Willen, der sich einen Spaß daraus machen würde, aus allen diesen Elementen eine unendliche Anzahl von Kombinationen zusammenzustellen, ohne jemals die gleiche zu wiederholen... dann kämen wir zu dem Schluß, daß das Universum in jedem Augenblick der Ewigkeit neu ist. Und wenn das Universum in jedem Augenblick der Ewigkeit neu ist, dann sind wir zur Feststellung gezwungen, daß absolut nichts unmöglich ist. Nicht nur das, auch all das, was wir als logisch bezeichnen, ist nicht unbedingt wahr.12 Nur die Wiederholung der Kombinationen verleiht dem Universum einen Anschein – wir sagen absichtlich Anschein – von Stabilität, woraus wir unsere Gesetze, Prinzipien und “Offensichtlichkeiten” ableiten, aber die Offensichtlichkeit des Vogels ist nicht die des Reptils. Ständig sperren wir das Universum in unser kleines Netz der Offensichtlichkeiten und Fakten ein, als sei das Universum für immer und ewig “vermenschlicht”. Aber vielleicht macht sich das Universum lustig über alle menschlichen Fakten, so wie es sich auch eines Tages über die Offensichtlichkeit des Halbaffen lustig machte. Ihr könnt verstehen, sagte sie ihnen, wenn ihr durch eure Aspiration oder durch eure haltung [die Betonung ist die unsere] ein höheres Element, ein neues Element – das wir jetzt als das supramentale Element bezeichnen können – in die bereits bestehenden Kombinationen einführt, daß ihr deren Natur ganz plötzlich ändern könnt, und all die angeblich notwendigen und unvermeidlichen Gesetze wären somit absurd. Mit anderen Worten, ihr selbst verschließt die Tür des Wunders mit euren Vorstellungen, eurer Haltung und der Anerkennung gewisser angeblicher Prinzipien... ihr selbst verschließt die Tür, indem ihr euch mit einer scheinbar vernünftigen Logik einredet: “Nun, wenn ich dies tue, geschieht zwangsläufig das, oder wenn ich es nicht tue, geschieht zwangsläufig etwas anderes.” Es ist, als ob ihr einen eisernen Vorhang zwischen euch und dem freien Wirken der Gnade errichten würdet... Wie herrlich wäre es doch, sich eine vollkommen andere Logik vorzustellen – die Logik des Unerwarteten. Könnt ihr euch vorstellen, wie charmant das wäre? Wir haben die Welt, so wie sie ist, gründlich satt! Warum sie also nicht wenigstens so werden lassen, wie sie unserer Vorstellung nach sein sollte?13

Die Welt steht kurz vor einem Wunder, es ist da, möglich, fast greifbar. Aber von was hängt es ab, damit diese Umkehrung aller Erscheinungen ausgelöst wird? Was kann bewirken, daß die Menschen plötzlich anders sehen? Oder müssen wir noch Jahrhunderte warten, bis sich langsam, langsam, fast unmerklich die Wahrnehmungsweisen eine nach der anderen ändern, aufgrund von Millionen sich wiederholender Erfahrungen, die nur allmählich die Materie klären und erleichtern würden – bis wir schließlich, fast ohne es zu merken, in eine andere Weise hinübergleiten? Das ist unwahrscheinlich. Das Phänomen wächst von innen heraus und wird uns eines Tages sehr plötzlich überraschen, denn es findet nicht im Kopf statt, es bedarf nicht einmal der Einwilligung unserer Vernunft, sondern hier in unserem Körper, in der gesamten Substanz der Erde spielt sich der Vorgang ab. Im Augenblick sehen wir das Phänomen nur von der negativen Seite, wir sehen, wie sich überall riesige Wellen irdischen Schmutzes aufbäumen, ein ungeheurer universeller Reinigungsvorgang der Materie – die ganze alte Lüge kommt hoch, wird ausgeschieden, alles wird ununterbrochen behämmert, geknetet und zerrieben, bis sich kein Mensch mehr zurechtfindet. Und vielleicht ist gerade dann der springende Punkt erreicht, wenn kein Mensch sich mehr zurechtfinden wird. Dann werden wir jeden Halt, jede Kontrolle verlieren, nichts wird noch irgend etwas erklären, nichts mehr wird funktionieren, und mit offenem Mund werden wir vor einer unerklärlichen, unkontrollierbaren Welt stehen, in der sich alles widerspricht, wo sich sämtliche Heilmittel gegenseitig aufheben und sich alles gegenseitig zunichte macht. Ein Chaos der Wahrnehmungen. Dahinter steckt aber ein höchst positives Element, das wächst und wächst und dabei ist, die alte Struktur aus den Angeln zu heben, um uns sein nacktes Wunder preiszugeben. Es ist da. Damit müssen wir in Kontakt kommen, davon müssen wir uns bezaubern und vorwärtsziehen lassen. Die Qualität selbst der Atmosphäre hat sich geändert 14, stellte sie fest. Denn sie war fähig, verschiedene “Lüfte” voneinander zu unterscheiden, sie, die eine Atomexplosion in einer Entfernung von mehreren tausend Kilometern an ihrem Geruch erkennen konnte. Nein, es hängt keinesfalls von einer langwierigen, nie enden wollenden Entwicklung unseres Bewußtseins ab. Es geht nicht darum, irgendwelche Instrumente zu verfeinern oder zu verschärfen, neue Antennen zu entwickeln, uns zu konzentrieren, zu meditieren und höhere Regionen zu erreichen; es ist hier, direkt vor unserer Nase. Wir fragen uns sogar, ob das Phänomen auf unserer Seite oder auf der anderen stattfinden wird, in anderen Worten: ob wir darauf zuschreiten oder ob es auf uns zukommen wird? Was aber ist der menschliche Ausgangspunkt, das irdische Momentum, das veranlassen wird, daß die beiden zusammentreffen? Irgend etwas unsererseits muß dazu beitragen, irgendeine Regung... Vielleicht muß ein äußerster Punkt der Unmöglichkeit erreicht werden, etwas, das überall im irdischen Bewußtsein aufschreit: als ob sich jeder einzelne vor eine spezielle Unmöglichkeit gestellt fände, die genau jener äußerste Punkt ist, durch den er die neue Tür erreicht. Die gesamte Erde, jede Nation wird vermutlich ihren äußersten Punkt der Unmöglichkeit erreichen, wo sie gezwungen wird, nach etwas anderem zu rufen. Ich weiß nichts, ich weiß wirklich nichts, ich spüre nur eine ungeheure Möglichkeit, eine unglaubliche neue Wahrnehmung, die lediglich verschleiert ist... vielleicht durch die Zeit, die es braucht, bis genügend Leute sie erkennen. Eine Ansteckung der neuen Wahrnehmung. Jedesmal, wenn ein neues Element zur gesamten Menge aller möglichen Kombinationen hinzugefügt wird, erklärte sie, löst dies etwas aus, das wir als ein Zerreißen der Grenzen bezeichnen könnten... Die Wahrnehmung der modernen Wissenschaft kommt gewiß näher an das gewisse Etwas der neuen Wirklichkeit heran als zum Beispiel die Wahrnehmung im Steinzeitalter, darüber besteht nicht der geringste Zweifel. Aber auch sie wird sich eines Tages plötzlich völlig veraltet, überholt und wahrscheinlich vollkommen erschüttert finden durch das Eindringen von etwas, das im bislang erforschten Universum noch nicht vorhanden war. Diese Veränderung, diese abrupte Transformation des universellen Elements wird höchstwahrscheinlich eine Art Chaos in den Wahrnehmungen mit sich bringen, aus dem ein neues Wissen hervorgehen wird. Das ist im großen und ganzen das Resultat der neuen Manifestation... Die Qualität, die Quantität und die Natur der universell möglichen Kombinationen werden sich plötzlich auf so drastische Weise ändern, daß es für all jene, die das Leben erforschen, bestürzend sein wird.

Jetzt werden wir sehen.15 Und sie ließ ihre Arme auf den Armsessel ruhen, mit einer Miene, die ihr inneres Lachen verriet, wie jemand, der eine gute Überraschung parat hat. Daraufhin erhob sie sich, warf auf alle einen sprühenden, schalkhaften Blick der Herausforderung – und ging.

Vielleicht bedarf es einer Regung der Freude und des Vertrauens in die wahre Erde.

Etwas sehr Einfaches, fast Treuherziges.

Das schmilzt den Panzer der Erscheinungen.

Wir sind an diesem Punkt angelangt.

Es war schon immer da.

Schon immer waren wir diese leichte Immensität.

Diesmal aber in einem Körper.

Eine irdische Mutation.

6. Kapitel: Ein Schleier

Diese Veränderung der Wahrnehmung der Materie, sei sie nun abrupter oder langwieriger, individueller oder mehr genereller Art, wird zwangsläufig eine Veränderung unseres Umgangs mit der Materie mit sich bringen. Eine tiefgreifende Veränderung. Schließlich besteht zwischen einem Affen, der mit seinen Zähnen an einer Liane nagt, und dem Menschen, der mit seiner Motorsäge einen Baum fällt, kein grundlegender Unterschied: Beide bedienen sich eines gewissen Mechanismus. Der Mensch stellt diesen Mechanismus in perfektionierter Form dar. Der Unterschied mag uns in seiner Wirkung enorm erscheinen, im wesentlichen aber befaßt sich eine Intelligenz mit der Materie und erfindet immer perfektioniertere Mittel oder Instrumente: sei es ein muskulöser Arm oder eine elektronische Zange. Die Materie selbst bleibt sich gleich, wir haben ihr nur auf mehr oder weniger sinnvolle Weise Gewalt angetan oder uns einiger ihrer Kräfte bedient, die wir ihr mit Hilfe einer immer komplizierteren Maschinerie entrissen haben. Wir sind voll und ganz des Affen Erben, abgesehen von einer vagen Illusion, die uns an eine Überlegenheit glauben läßt, die jetzt auch unter dem Gewicht dieses enormen, von uns erfundenen Mechanismus zerbröckelt. Nicht einmal in unserem eigenen Fleisch und Blut läßt sich ein bemerkenswerter Unterschied feststellen: die physiologische Funktionsweise des Affen und die unsrige ist identisch, obgleich die unsrige sich genau unter der Last des Mechanismus beträchtlich verschlechtert hat. Wir sind etwas zu intelligent geworden, ich wäre fast versucht zu sagen: Wir sind zu sehr Super-Affen geworden. Wir reden vom Übermenschen, wo aber ist schlicht und einfach der Mensch?

Die nächste evolutionäre Abzweigung wird eine radikale sein, denn sie bringt uns vollständig aus diesem Affen heraus, wie immer “verbessert” dieser auch sein mag, und führt uns… vielleicht zum wahren Menschen.

Die supramentale Schöpfung

Der Mensch war die Verbesserung der Methoden des Affen. Der nächste Mensch wird der Mensch ohne Methoden sein. Es wird sozusagen nur noch eine einzige “Methode” geben: Bewußtsein. Das gesamte Universum hat aber nie aufgehört, ein Bewußtseinsvorgang oder eher eine Bewußtseinstatsache zu sein, die uns nur durch dieses Ersatzbewußtsein verhüllt war, das wir als das Mental bezeichnen. Unfähig, das fundamentale Phänomen des Universums noch irgendwie zu verstehen und zu sehen, waren wir natürlich gezwungen, Hilfsmittel, Instrumente, “Tricks” und verschiedenartige Brillen zu Hilfe zu nehmen, um äußerlich das zu berühren, was wir nicht mehr direkt mit unserem Bewußtsein erfassen konnten: von Bewußtsein zu Bewußtsein. Selbst ein Kind versteht das. Die kleine Mirra jedenfalls verstand sehr gut die Aspiration einer Pflanze, die Regung eines Tieres, die Schwingung eines Steins: Ihr Bewußtsein berührte dasselbe Bewußtsein überall – selbstverständlich, denn es gibt ja nur es. Mit ihm und in ihm können wir uns gegenseitig ausgezeichnet verständigen, sei es in einer Entfernung von zehntausend Kilometern oder zwanzig Zentimetern, als gäbe es keinerlei Trennung. Und es gibt keine Trennung, außer in unseren schlauen kleinen Gehirnen, die sich mit einem Mal intelligenter vorkamen als alle kleinen Zellen des Universums. Trotzdem… das Mental war eine notwendige Phase der Evolution. Welche Idee aber zu glauben, dieser langwierige und mühevolle Evolutionsprozeß sei nur dazu da, ungarische oder blaue Rhapsodien zu komponieren und flotte Jungs auf den Mond zu schicken!… Wir haben eine so armselige Vorstellung unserer Zukunft. Verstünden wir die Funktionsweise des nächsten Menschen ein wenig besser, würde uns das vielleicht helfen, ihn heranzubilden. Sri Aurobindos und Mutters große Gnade besteht wahrhaftig darin: uns zu helfen, einen Blick in unsere eigene Zukunft zu werfen. Der Wald ist unermeßlich oder erscheint uns unermeßlich, und wir haben keine Ahnung, wann wir je das andere Ende dieses ganzen supramentalen Amazoniens erreichen werden. Aber zu wissen, was uns am anderen Ende erwartet, kann uns helfen, es schneller zu durchqueren. Was uns ständig fehlt, ist zu sehen: Was wir nicht sehen, können wir nicht verwirklichen, es ist inexistent und unbestimmt. Sobald wir es nur ein wenig in unserem Bewußtsein zu sehen beginnen, ist es, als sei eine erste Brücke geschlagen worden, und fast automatisch, geradezu notgedrungen arbeiten sich alsbald Mittel und Wege aus. Das Wunder der Pioniere besteht darin, daß sie die neue Vision dem scheinbaren Nichts entreißen.

Jetzt liegt es an uns, zu sehen und diese neue Vision in unserer Substanz wachsen zu lassen – aber vielleicht ist sie dabei, ganz von alleine zu wachsen! Sagen wir also: ihr zu helfen, schneller zu wachsen.

In Mutters Vision am 3. Februar 1958 an Bord des “supramentalen Schiffes”, das die bildliche Übertragung dieser nächsten Materie, der wahren Materie, der bewußten Materie darstellt – genau diejenige, die das Mental uns verschleiert –, traten einige höchst interessante Einzelheiten hervor, die es näher zu betrachten lohnt: Alles bestand aus ein und derselben Substanz – seien es nun die Dinge an Bord des Schiffes, das Schiff selbst oder sogar die hochgewachsenen Wesen am Ufer. In der Tat erscheint uns die gesamte Materie, selbst wissenschaftlich betrachtet, als eine einzige Substanz, nur wir haben Unterschiede der Haut, der Krawatte oder der Religion auf etwas gepfropft, das sich als ein einziges Ganzes bewegt oder zumindest bewegen sollte (stattdessen knirscht alles, weil es sich nicht mehr als Ganzes bewegt: es ist blockiert, zurückgehalten und entartet nur wegen diesem trügerischen Unterschied der Krawatte und dem ganzen Rest – alles ist verschlossen, ohne jede Kommunikation). Die Marxisten erkannten sehr wohl die Falschheit der Trennung und Spaltung, und das ist der Grund, warum wir sagten, daß sie dem evolutionären Sinn näher kamen als viele Spiritualisten, die diese Einheit oben in den Wolken zu verwirklichen suchen, oder die Idealisten, die nur große Reden der Einheit schwingen – vergebens übrigens, denn ihre Einheit webt sich im Mental oder versucht sich zumindest im Mental zu weben, also genau da, wo keine Einheit bestehen kann: Sie kann und muß sich in der Substanz selbst verwirklichen. Der Irrtum der Marxisten bestand darin zu glauben, diese Einheit ließe sich in der Art von Super-Affen noch mit Hilfe äußerer Mittel, repressiver Methoden und sozialer Mechanismen erreichen. Wir verpflanzen diese Maschinerie bis in alle Ewigkeit in jede nur erdenkliche Richtung. Der nächste Mensch aber ist ein Mensch ohne Mechanismen. Die Einheit kann nur auf der Ebene der bewußten Materie entstehen, weil sie das einzige auf der Welt ist, das EINS ist.

Die Materie muß bewußt werden oder besser, wir müssen das beseitigen, was sie hindert, bewußt zu sein, oder was uns hindert, ihr Bewußtsein zu erkennen und dementsprechend mit ihr umzugehen.

Diese einzige Substanz aller Dinge änderte die Beschaffenheit ihrer Schwingung entsprechend den Bedürfnissen oder ihrer Verwendung… Die hochgewachsenen Wesen am Ufer schienen kein Knochengerüst zu haben und konnten je nach Bedarf verschiedene Formen annehmen. Sollte an Bord dieses Schiffes selbst eine Änderung vorgenommen werden, wurde sie nicht mit künstlichen und äußeren Mitteln bewirkt, sondern durch einen inneren Vorgang, einen Bewußtseinsvorgang, welcher der Substanz Form und äußere Gestalt verlieh – das Leben schuf seine eigenen Formen. Genau hier liegt das außergewöhnlich Neue, wir könnten sogar sagen: das außergewöhnlich Logische und im wahren Sinne des Wortes Natürliche. Anstatt ein Bild zu malen, eine Nachahmung der Vision, eine Übertragung von etwas mit Hilfe eines Hammers, einer Schere oder mittels Zangen, wird es getan, indem man es sieht. Die Vision selbst bewirkt es. Was sich hier im Bewußtsein abspielt, wird automatisch dort in die Substanz übertragen, weil es dasselbe Bewußtsein ist, dieselbe bewußte Substanz, die ihre Form den Bedürfnissen, den Gefühlen, den Augenblicken anpaßt. Ein ständig neues, sich erneuerndes, verlängerbares Leben, das in keine andere Form eingeschlossen ist als die einer sich ständig ändernden, sich ständig entwickelnden Schönheit. Die einzige Grenze für das Wirken dieser neuen Substanz ist die Grenze der Beschaffenheit unserer eigenen Vision und unseres eigenen Bewußtseins. Das heißt, daß keiner irgend jemandem mehr irgend etwas vormachen kann: Wenn du grau bist, bewirkst du nur Graues, was sich mit keiner Krawatte, keinem Diplom, keinem Bankkonto mehr vertuschen läßt – wir sehen uns selbst vollkommen ähnlich. Die Welt, die wir gestalten, ist das genaue Ebenbild der Beschaffenheit unserer Seele. Die Mittel, über die wir verfügen, entsprechen sozusagen genau unserer Ausstrahlungskraft. Das entspricht also endlich einmal einer wahren Welt. Deshalb sagte Mutter, daß die supramentale Welt eine vollendet hierarchische, spontane und zutiefst wahre Manifestation sein wird – ohne jeglichen Zwang –, in der jeder sich seiner eigenen Perfektion bewußt sein wird.1 Welcher Zwang? Man ist selber sein eigener Zwang. Und der spontane Drang des gesamten Wesens wird dann nicht mehr danach streben, falsche äußere Mittel, falsche Kräfte und falsche Surrogate des Bewußtseins zu erlangen, sondern innerlich zu wachsen, sich innerlich zu vervollkommnen und die Qualität der eigenen Ausstrahlungskraft zu entwickeln, um unaufhörlich ein Leben und eine Umwelt neu zu formen, die zusammen mit der eigenen Vision wachsen. Wir werden uns durch die Qualität unserer Seele voneinander unterscheiden, oder sagen wir durch die Beschaffenheit unserer eigenen Schwingung und die Reichweite ihrer Ausstrahlung.

Denn das Supramental ist keineswegs ein Milieu, in dem sich alle gleichen. Hier in der falschen, vom Mental regierten Materie verwechseln wir ständig Einheit und Einheitlichkeit, wir mechanisieren die wahre, wesentliche Einheit, um daraus eine mechanische, plattgewalzte, stereotype Einheitlichkeit zu machen. Sie ist aber nichts weiter als eine häßliche Karikatur. Denn wir kennen nur eine Möglichkeit, Einheit zu schaffen, und zwar alles auf den niedrigsten Nenner zu bringen: Diejenigen, die ihren Kopf heraushalten, werden geköpft, und die zu Kleinen werden hochgeschoben. Dabei kann nichts Gutes herauskommen,2 sagte sie schlicht. Das wahre Gesetz der Welt ist ein Gesetz der Einheit in der Mannigfaltigkeit, es gibt keine zwei Blätter desselben Baumes, die sich vollkommen gleich wären. Aber die Einheit liegt nicht im Ausdruck oder in der Verhaltensweise, sondern im Bewußtsein und in der Substanz. Da wir uns aber des wahren Bewußtseins nicht bewußt sind, nicht in dieser wahren Substanz lebendig sind, sind wir ständig gezwungen, falsche Mittel anzuwenden, um auf eine falsche Substanz und ein falsches Leben einzuwirken – so ist alles falsch, alles ist unmittelbar entstellt. Wir fabrizieren Mittel aus unserer Unfähigkeit des Seins, wir reglementieren die Mittel aus unserer Unfähigkeit des Seins, wir mechanisieren alles, nur weil wir unfähig sind, den wahren Mechanismus der Welt zu berühren. In der wahren, supramentalen Einheit des Bewußtseins und der supramentalen Substanz hingegen ist alles ein unendlich vielseitiges Spiel eines einzigen Dinges. Dieses einzige Ding liegt aber nie im Wettstreit mit sich selbst, ebensowenig wie unsere Füße nicht der Feind unserer Arme sind, denn sie haben es nicht nötig, die liebenswürdigen Gesten der Mittelhand zu imitieren. Schließlich ist es ein und derselbe Körper inmitten einer unendlichen Vielfalt. Wie stellt ihr euch denn das supramentale Leben vor? fragte sie die Kinder. Etwa wie ein Paradies, in dem jeder das Gleiche auf die gleiche Weise tut? Wo alle zu Harfe spielenden Engeln werden…? Das wäre eine schreckliche Welt!3 In der supramentalen Welt hat es keiner nötig, dem anderen ähnlich zu sein, keiner hat es nötig, alles besser zu machen als der Nachbar oder mehr zu besitzen als der Nachbar. Jeder ist sich sein eigenes Vorbild und im Besitz der vollkommenen Freude, das auszudrücken, was er ist – seine Freude ist ganz einfach, er selbst zu sein. Und da es eine wahre Welt ist und keine versteinerte, ist sich jeder bewußt, daß die Vollkommenheit wächst, daß die Schönheit wächst, daß die Sicht wächst, daß die Freude wächst und daß es eine immer umfassendere Möglichkeit gibt, die persönliche Seinsweise auszudrücken, die jeder einzelne in der universellen Gesamtheit darstellt. Zugleich wird ihm zutiefst die Freude an allem zuteil, was im Universum existiert, denn es ist eine Welt, in der alles wirklich EINS ist… Uns bleiben noch viele Dinge zu entdecken, die unsere heutige Vorstellung weit überschreiten.

Unsere verkehrte Welt wird letztlich vollkommen verschlungen durch die Mittel, die wir zum Leben brauchen. Wir leben überhaupt nichts wirklich! Wir fabrizieren nur Mittel, um zu versuchen, ein illusorisches Leben zu leben, das nie gelebt wird. Wir tun dies oder das nur, um jenes zu erreichen. Nichts wird direkt und spontan gelebt: Ständig streben wir auf etwas zu, das aber immer nur für später, immer nur für nachher gilt – für “irgendwann”, für irgendwo dort. Der Ersatz wird vom Ersatz verschluckt. Der Vorgang erstickt sich selbst. Der wesentlichste Unterschied zwischen unserer und der supramentalen Welt (und erst nachdem ich bewußt dorthin ging – mit dem Bewußtsein, das normalerweise hier arbeitet –, wurde mir dieser Unterschied sozusagen in seiner Ungeheuerlichkeit klar) ist, daß mir hier alles, außer dem, was sich tief im Innern abspielt, als vollkommen künstlich erschien. Kein einziger der Werte des gewöhnlichen physischen Lebens basiert auf Wahrheit. Genauso wie wir uns Stoffe besorgen, uns daraus Kleider nähen und sie dann anziehen müssen, wenn wir uns kleiden wollen, sind wir auch gezwungen, Nahrung von außen in unseren Körper einzuführen, um uns zu ernähren – unser Leben ist in allem künstlich. Ein wahres, aufrichtiges, spontanes Leben wie dasjenige der supramentalen Welt läßt die Dinge unmittelbar entstehen, durch einen bewußten Willensakt, eine Macht über die Substanz, so daß die Substanz dem entspricht, was sie unserer Entscheidung nach zu sein hat. Derjenige, der im Besitz der Kraft und des Wissens ist, kann erreichen, was er will, hingegen stehen demjenigen, der sie nicht besitzt, keinerlei künstliche Mittel zur Verfügung, um sich das zu beschaffen, was er wünscht. Im gewöhnlichen Leben ist alles künstlich. Vom Zufall der Geburt und der Umstände hängt es ab, ob ihr eine mehr oder weniger bedeutende Stellung oder ein mehr oder weniger komfortables Leben habt, aber nicht weil dies der spontane, natürliche und aufrichtige Ausdruck eurer Seinsweise und eurer inneren Notwendigkeit wäre, sondern nur weil euch die Umstände des Lebens zufällig mit diesen Dingen in Berührung brachten… Eine absurde Welt, weil sie so künstlich ist. Jeder Dummkopf hat mehr Macht, sobald er über mehr Mittel verfügt, sich die notwendigen künstlichen Dinge zu beschaffen. In der supramentalen Welt hingegen hat der Wille nur in dem Maße Autorität über die Substanz, wie wir bewußt werden und mit der Wahrheit der Dinge in Berührung kommen. Diese Autorität ist eine wahre Autorität. Wenn ihr Kleider haben wollt, müßt ihr die Kraft haben, sie von selbst entstehen zu lassen – eine wirkliche Kraft. Wenn ihr diese Kraft nicht besitzt, dann bleibt ihr eben nackt. Da gibt es nichts Künstliches, um die fehlende Kraft wettzumachen. Hier hingegen ist die Autorität nicht ein einziges Mal unter Millionen der Ausdruck von etwas Wahrem. Alles ist so ungeheuer dumm.4

Oh, wie wahr!…

Und der Körper wird zum wahren Körper.

Ja, sogar der Körper nimmt die Form, Farbe oder Leuchtkraft an, die unserer wahren inneren Regung entspricht: so können wir nichts mehr vortäuschen, sondern sind das, was wir sind. Und wir können uns auch verändern je nach Belieben, je nach der Verfassung unseres Bewußtseins, je nachdem, wem wir gerade begegnen. Es gibt Tage, da fühlen wir uns wie der Leierschwanzvogel, andere Tage fließen wir dahin wie ein silberner Fluß und wieder andere, da sind wir schlecht gelaunt… und existieren dann einfach nicht. Eine unendliche fließende Welt, wie eine lebendige Musik, die einen sich unaufhörlich ändernden Klang der Seele zum Ausdruck bringt. Eine automatische Hierarchie des Lichts und der Schönheit.

Und den Tod gibt es nicht mehr! Denn nur das stirbt, was unbewußt, ohne eigenes Licht ist. Unsere Welt des widergespiegelten Lichts ist eine sterbliche Welt. Hier aber wohnt das Licht im Innern, die Substanz selbst ist bewußt und strahlt den Glanz ihres eigenen Bewußtseins aus. Denn wie könnte Licht je aufhören zu strahlen?

Etwas in unserer gegenwärtigen Materie blockiert das wahre Licht der Materie – was ist das?

Ein Schleier des Todes über… etwas.

Vielleicht sind wir hinter diesem Schleier bereits anders?

So müßte die Verbindung mit dem Schon-Anderen hergestellt werden.

Ein Schleier des Todes muß durchschritten werden.

Das Mysterium

Es ist sonderbar, sogar höchst mysteriös und trifft vielleicht den Kern des Mysteriums, denn wie es scheint, gibt es zwei und geradezu radikal verschiedene mögliche Arten des Übergangs von diesem lichtundurchlässigen Körper zum neuen Körper, von dieser falschen obskuren Materie zur wahren, bewußten Materie – kurz das, was Sri Aurobindo und Mutter “die Transformation” nennen. Vielleicht stehen diese beiden Möglichkeiten aber nicht im Widerspruch zueinander, sondern ergänzen sich oder treffen an einem gewissen Punkt im Verlauf des Übergangs aufeinander? Wenn wir dies klar zu definieren oder zu sehen verstünden, wäre wohl ein großer Schleier gelüftet. Es handelt sich aber nicht um eine arithmetische Rechenaufgabe, die im Nachdenken gelöst werden kann, es ist in keiner Weise ein mentales Problem – wir können es uns zwar mental vergegenwärtigen, auf dieser Ebene ist es aber nicht wirklich sichtbar, denn es befindet sich im Körper: Hier findet der Übergang statt, hier ist die Ebene, auf der wir verstehen müssen. Ist es dieser lichtundurchlässige Körper, dieser sozusagen falsche Körper, der sich nach und nach im Verlauf der Evolution “ent-trüben”, der leichter, klarer und leuchtender wird, oder wird die wahre Materie – die Materie, so wie sie in Wirklichkeit schon ist – auf die andere zukommen und ihren Platz einnehmen, auf eine Weise, die uns unverständlich scheinen mag, die sich aber erstaunlich einfach und geradezu unmittelbar abspielen könnte, wie das Lüften eines Schleiers: eine Art Bewußtseinsveränderung oder eine Veränderung der materiellen Sicht, etwas ebenso radikal anderes, wie sich die Sicht des Schmetterlings von der Sicht der Raupe unterscheidet…? In welcher Richtung wird das Phänomen sich abspielen: von uns zu ihm oder von ihm zu uns? Handelt es sich um eine Evolution oder um eine Offenbarung? In gewisser Hinsicht ist aber jede Evolution eine Offenbarung von etwas, das im Samen schon enthalten ist. Die Offenbarung ist langsam und scheint sich endlos Zeit zu lassen, von einer Form zur anderen überzugehen. Was aber ist letzten Endes eine “Form”? Eine Form ist ein gewisser Ausdruck des Bewußtseins, eine gewisse Art des Seins, und wir gehen Schritt für Schritt einem immer mehr erweiterten, immer umfassenderen Bewußtsein entgegen. Irgendwann muß aber der Augenblick, der Punkt in der Evolution kommen, wo die Schwelle dieses allumfassenden Bewußtseins erreicht wird, wo es bereit wäre, sich in einer genügend verfeinerten und durch Jahrtausende vorbereiteten materiellen Form zu verkörpern – kurz, wo es weniger eine Frage der Veränderung der Form als vielmehr der Bewußtseinsveränderung sein würde. Das Problem wäre dann zu wissen, ob die verfeinerte alte Form überhaupt fähig sein würde, dieses Bewußtsein eindringen zu lassen, ob seine obskur-geprägte alte Form sich von ihm durchdringen und “transformieren” ließe oder… Hier liegt das Mysterium. Oder was? Oder wird das Bewußtsein direkt aus sich selbst heraus seinen neuen Körper hervorbringen?… Das mag phantastisch klingen. In der Tat sind aber die Dinge in der Evolution immer auf diese Weise entstanden: Immer löste die Veränderung des Bewußtseins die Veränderung der Form aus. Dadurch, daß etwas im zellularen Bewußtsein des Reptils zu einer neuen Notwendigkeit erwachte, fand die Veränderung in seiner Materie statt. Das ist auch jetzt der Schlüssel zum neuen Übergang. Mutter sagte deutlich: Die wahre Transformation ist eine Transformation des Bewußtseins, alles übrige erfolgt automatisch.5 Sri Aurobindo sagte dasselbe in “Das Göttliche Leben”: Das Bewußtsein selbst wird durch seine eigene Mutation jede für den Körper notwendige Mutation bestimmen und durchführen.6 Nur heißt es diesmal nicht, in eine andere, höhere Form der gleichen Materie überzugehen, sondern es findet ein Übergang in eine andere Materie statt, die vielleicht die gleiche Materie ist – aber geklärt und bewußt. Hier stellt sich wieder die gleiche Frage: eine langwierige Transformation von der einen zur anderen oder sozusagen die Auflösung des Elements, das die Materie verdunkelt? Was verdunkelt sie? Was ist dieses Element? Wenn wir das wüßten, wäre das gesamte Problem wahrscheinlich gelöst – und genau das war es, was sie einige Monate später tastend in ihrem Körper zu suchen begann. Aber sowohl im einen wie im anderen Fall ist es die Bewußtseinsänderung, die den neuen Körper hervorbringt, sei es durch eine allmähliche Klärung oder durch ein plötzliches Sich-Freisetzen. Und es ist durchaus möglich, daß die beiden Vorgänge im Verlauf des Prozesses an einem bestimmten Punkt aufeinandertreffen oder sich überschneiden, daß erst ein gewisser Grad innerer Klarheit, eine gewisse Schwelle erreicht und vielleicht überschritten werden muß, bevor der alles überschattende Schleier falscher Materie endgültig zerreißt. Kann er sich aber für ein Individuum allein zerreißen, ohne für die ganze Erde zu zerreißen? Das ist eine weitere Frage. Die Materie ist EINS, wir vergessen es ständig.

Alles dreht sich um diesen Punkt: Ist es wirklich eine andere Materie, unbekannt und für unsere groben Sinne kaum wahrnehmbar, oder ist es die gleiche Materie, nur geklärt und transformiert? Im einen Fall hätten wir es mit etwas Übernatürlichem zu tun (oder jedenfalls mit einer anderen Art von Natur) und im anderen Fall mit einer logischen Entwicklung (oder mit einer zukünftigen Logik). Ich glaube, es ist dieselbe Materie, nur anders wahrgenommen – aber um den “anderen Blickwinkel” zu erreichen, bedarf es einer beträchtlichen Veränderung in der trüben Substanz des verbesserten Affen, der wir sind. Das heißt, die beiden Vorgänge überschneiden sich auch hier. Und was bedeutet dieser Blickwinkel? Wenn wir etwas anders wahrnehmen, gehen wir auch anders damit um (die Mikroskope beweisen es, sie bewirkten eine drastische Änderung in unserer Art, die Materie zu manipulieren), wenn wir also die Materie anders wahrnehmen, gehen wir anders mit ihr um, so wie die supramentalen Wesen an Bord dieses Schiffes anders mit ihr umgingen – diejenigen aber, die diese Wahrnehmung nicht besitzen, sehen nichts davon, weil für sie die Materie immer noch das gleiche obskure alte Ding ist. Das heißt, daß wir uns sehr gut dem Anschein nach weiterhin auf die gleiche Weise in der Materie verhalten können, während wir aber schon andere, für Außenstehende nicht wahrnehmbare Kontakte zu dieser selben Materie erreichen. Hier muß eine Grenzlinie, eine Mauer der Wahrnehmung überwunden werden. Da ist noch immer dieser selbe mysteriöse Übergang, der ein Problem des kollektiven Übergangs, der kollektiven Wahrnehmung zu sein scheint. Und was wird aus dem alten Körper, wenn er den Punkt der anderen Wahrnehmung erreicht hat? Wird das seine alte Struktur sichtbar verändern oder nur in den Augen seiner eigenen Wahrnehmung? Sie kann sich aber nicht “sichtbar” verändern, aus dem einfachen Grund, weil dieses Sichtbare ja nur unsere falsche Wahrnehmung, unsere alte Wahrnehmung der Materie widerspiegelt. Oder wird der alte Körper, nachdem er seine neue Wahrnehmung ausgearbeitet hat, nachdem er sogar einen neuen Körper hervorgebracht, also seine wahre (für uns unsichtbare) Materie enthüllt hat, einfach wegfallen, da seine Mission erfüllt ist? Man “entschwindet” in die wahre Materie. Übrig bliebe allein der neue Körper, der aber erst dann für alle sichtbar wird, wenn auch sie die Mauer der Wahrnehmung überwunden und in ihrem Innern ebenfalls die wahre Materie – den nächsten Körper – herangebildet, freigesetzt haben. Folglich könnten es wirklich zwei Welten sein, die eine in der anderen, ein Kontinent im Kontinent, beide gleichermaßen materiell. Die eine könnte man als eine rückständige Welt bezeichnen, die alt und verwirkt gerade noch fortdauert, während die andere hinter dieser alten Kruste wächst.

Weiter als dies können wir in unserer mentalen Vorstellung nicht gehen. Jetzt bleibt uns nur noch, die Entwicklung dieses Prozesses in Mutter selbst, in der Erfahrung ihres Körpers, in ihrem eigenen Fleisch und Blut weiterzuverfolgen. Ihr Körper ist gewissermaßen der Test-Körper der Welt, der evolutionäre Schmelztiegel, das lebende Beispiel dessen, was geschehen kann – was uns vielleicht allen hilft, den Übergang zu schaffen. Sie bahnte den Übergang in ihrem eigenen Körper.

Mutters Wald ist wirklich ein sehr geheimnisvoller Wald! Sie selbst lüftete das Geheimnis nur nach und nach – sie wußte selbst nicht wie geheimnisvoll es sein würde, als sie die ersten Schritte wagte. Bereits 1958, nach ihrer Erfahrung des supramentalen Schiffes, gestand sie den Kindern: Als ich euch zu einer Reise ins Unbekannte, einer Reise ins Abenteuer aufforderte, wußte ich nicht, wie wahr meine Worte waren, und denen, die bereit sind, das Abenteuer zu wagen, kann ich versprechen, daß sie höchst interessante Entdeckungen machen werden.7

Und das war nur der Anfang.

Der verbesserte Körper

Der Körper selbst muß also die wahre Materie freisetzen. Er ist das evolutionäre Instrument, das Mittel, die Brücke. Er muß das “fehlende Bindeglied” heranbilden. Mit anderen Worten, er muß bis zu einem gewissen Punkt in der falschen Materie arbeiten, in der Materie, so wie sie ist – oder jedenfalls erscheint –, so wie er sie erlebt, fühlt und wahrnimmt. Dann kommt der Augenblick, wo er anders wahrzunehmen beginnt, und hier ändern sich die Arbeitsweisen – oder sollten sich zumindest ändern. Wenigstens nehmen wir es an. Der erste Teil der Strecke, die wir zurückzulegen haben, der der konkretere Teil zu sein scheint, weil er sich noch in der alten, uns geläufigen Materie abspielt, ist aber nur eine Vorbereitung für das mysteriöse andere Ding, ein Vorwand, eine Arbeitsweise, um die andere Wahrnehmung zu erlangen. Ob sich dies genau so abspielt oder nicht, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen: Wir werden den Prozeß erst dann verstehen, wenn wir oder ein Wesen ans Ziel gelangt sind. Bevor wir das Ziel erreicht haben, können wir nicht sagen, auf welcher Stufe wir uns befinden. das end-stadium ist entscheidend. Erst jemand, der in einigen hundert oder tausend Jahren kommt und zurückblickt, wird uns sagen können: Es gab dieses und jenes Stadium, diese und jene Verwirklichung… Es wird Geschichte geworden sein, eine geschichtliche Wahrnehmung des Ereignisses. Bis dahin befinden wir uns alle mitten in der Bewegung, mitten in der Arbeit. An welchem Punkt sind wir angelangt, und wie weit können wir gehen? Das sollten wir uns lieber nicht fragen, denn jedes Spekulieren bringt uns ins Wanken und hindert uns im Rennen. Es ist besser, nur ans Rennen selbst zu denken und an nichts anderes.8 Der gegenwärtige Körper muß sich also erst einmal verfeinern, leichter und klarer werden, er muß seine begrenzten materiellen Wahrnehmungen erweitern, seine alten tierischen Gewohnheiten fallen lassen, aus der sterblichen Routine ausbrechen: kurz, ein verbesserter Körper werden.

Der entscheidende, klare und einfache Kurs dieser Schiffsreise ins Unbekannte wurde uns von Mutter in knappen Worten angegeben: Es geht in die Richtung eines bedingungslosen Gehorsams der Materie gegenüber dem Bewußtsein, sagte sie mir im Jahr 1970, folglich handelt es sich um etwas, das klar durch die Erfahrung erkannt war. Hier spielt die rein körperliche Disziplin wie Gymnastik und alle Arten von Sport eine Rolle, und das war der Grund, warum sie der körperlichen Disziplin im Ashram so großen Wert beimaß. Eine vollständigere körperliche Meisterschaft, wie sie durch den Hatha-Yoga erzielt wird, kann ebenfalls hilfreich sein – alle Mittel sind gut. In Wirklichkeit aber ist die unscheinbare winzige Methode einer gewissen “Haltung” in und gegenüber all den tausend Gesten des alltäglichen Lebens eine unglaublich reiche Quelle, die – ganz spontan – geradezu unendliche Entwicklungsmöglichkeiten der Materie in sich birgt. Wir erwähnten es bereits, aber es ist gut, sich dies wieder vor Augen zu führen, denn wir haben das unverbesserliche Bedürfnis, immer alles, was wir tun, zu mechanisieren, alles zu einem Mechanismus werden zu lassen – sogar zu einem Mechanismus der Transformation. Gelingt es uns, irgendeiner Geste jedesmal ein wenig Bewußtsein einzuflößen, kommen wir dem Ziel näher, als wenn wir zwei Stunden lang fünfzig Kilo Gewichte heben und im Spiegel prüfen, ob sich der Muskel schön entwickelt – der Muskel unseres materiellen Bewußtseins muß sich entwickeln. Und das kann auch beim Zähneputzen geschehen.

Auf diese Weise eröffnet sich uns ein riesiges Feld von Entwicklungsmöglichkeiten. Man kann authentische und gebührend aufgezeichnete Experimente in den Annalen fast aller Länder finden, und wenn sie auch außergewöhnlich erscheinen, so läßt sich das Außergewöhnliche verallgemeinern, das ist nur eine Frage des Trainings: Meisterschaft über die vitalen Körperfunktionen, über den Atem, den Puls, willkürliches Kanalisieren der Energien durch den Körper, Konzentration der Energien auf einen Punkt, Aussetzen der Energien, vollständiges Ruhen im Trancezustand (oder yogischer Katalepsie), Erneuerung der Energien durch eine Art Osmose aus der universellen Substanz wie zur Zeit der frühesten Evolutionsstadien oder noch besser durch eine Energiezufuhr aus den unerschöpflichen Regionen höheren Bewußtseins usw. Alle diese Meisterschaften führen ganz natürlich zu den wesentlichen Grunderfordernissen der Transformation: Immunität gegen Krankheiten und willkürliche Verlängerung des Lebens, denn dieser ganze mühevolle Prozeß scheint eine beträchtliche Zeit zu beanspruchen, allein um den Anfangspunkt zu erreichen.

Im Laufe der Zeit macht sich sodann eine andere entscheidende Entwicklung bemerkbar, durch die sich die Zukunftsaussichten des Körpers bereits drastisch verändern und sich der langwierige Prozeß ums Tausendfache beschleunigen kann: Es handelt sich um das Öffnen der Bewußtseinszentren oder Chakras, die auf den verschiedenen Ebenen unseres Körpers als Relais der universellen Energien fungieren. Die Körperorgane und unsere verschiedenen Nervengeflechte sind in Wirklichkeit nichts weiter als eine ungeschickte Übertragung oder materielle Annäherung eben dieser Energiezentren. Im allgemeinen lassen diese Zentren nur einen winzigen Strahl der Energie durchsickern, gerade genug für die notwendige Leistung unserer gewohnheitsmäßigen animalischen Funktionen. Sind diese Zentren aber erst einmal offen, dann stehen der Entwicklung des Körpers keine Hindernisse9 mehr im Weg, wie Sri Aurobindo in Die Supramentale Manifestation auf Erden notierte. Neue Kräfte und auch neue, universelle – auf jeden Fall weltweite – Kommunikationsmöglichkeiten werden sich dann in diesem kleinen Körper öffnen, der fortan direkt durch seine Zentren an alle nur möglichen Ebenen universeller Energie und universellen Bewußtseins angeschlossen sein wird: die Entfernungen sind aufgehoben, die Sicht, die Wahrnehmung reicht überall hin, ebenso breiten sich die Handhabung der Energien und die Aktionsmöglichkeiten überall aus, sogar die Funktion der Organe könnte sich verändern. Es wäre durchaus möglich, sagte Sri Aurobindo, daß der evolutionäre Drang eine Veränderung der Organe hinsichtlich ihrer materiellen Funktion und ihres Gebrauchs herbeiführen könnte, was die Unentbehrlichkeit ihrer Verwendung, ja selbst ihrer Existenz stark herabsetzen würde. Die Bewußtseinszentren würden ihre Energien direkt in das Nerven- und Gefäßgeflecht und das Zellgewebe einströmen lassen und so den ganzen materiellen Körper durchfluten. In dieser neuen Existenz könnten durch diese höheren Instrumente das gesamte physische Leben und seine notwendigen Aktivitäten in einer viel größeren Freiheit, in einem weit größeren Umfang und durch weniger schwerfällige und beschränkte Methoden versorgt und in Gang gehalten werden. Diese Veränderung könnte so weit gehen, daß die Organe selbst nicht mehr unentbehrlich wären und wir sie eher als hinderlich empfinden würden: Die zentrale Kraft würde sie immer weniger in Anspruch nehmen und ließe sie schließlich ganz fallen. Haben die Dinge einmal diesen Punkt erreicht, könnte es geschehen, daß die Organe durch Verkümmerung entweder schrumpfen, sich also auf ein Minimum reduzieren, oder eventuell ganz eingehen. Die zentrale Kraft wäre fähig, sie durch subtilere Organe mit vollkommen anderen Eigenschaften zu ersetzen oder, falls überhaupt noch irgendein materielles Mittel notwendig wäre, durch Instrumente, die statt der Organe, so wie wir sie kennen, “dynamische Behälter” oder “formbare Übermittler” wären.9

Dergestalt ist der verbesserte Körper.

Der Brechpunkt

All diese Resultate sind möglich… im Maßstab kommender Jahrhunderte der Evolution. Die Substanz verfeinert sich, und die neu erworbenen Eigenschaften können weitervererbt werden – eine endlose Geschichte ähnlich derjenigen, die wir nun schon seit Zeitaltern genügend schmerzvoll erleben. Eine Art Übermensch würde aus diesem mühevollen Prozeß hervorgehen. Aber nicht wie wir ihn uns vorstellen, mit einem imposanten Gehirn oder imposanten Muskeln, sondern mit einem bewußten Körper, der unendlich empfänglich für alle Schwingungen der Welt wäre, von Einheit durchdrungen, in der Einheit badend, Meister aller Kräfte und fähig, die Kraft in jeden Punkt der Welt fließen zu lassen, wo er heilen und seinen weniger entwickelten Brüdern helfen und die Umstände beeinflussen könnte, da er die Schwingungen, die die Umstände schaffen, zu lenken verstünde und ein klein wenig Harmonie in das qualvolle Chaos hineinbrächte. Dies mag als ein sehr begehrenswerter Höhepunkt erscheinen, und es ist durchaus möglich, daß sich die Dinge tatsächlich zum Teil so entwickeln, denn alles ist möglich, und wir können uns auf alle möglichen Arten von Übergängen gefaßt machen, wie dies immer in jeder Evolutionsetappe der Fall war: Die Natur probiert eine Formel aus, dann eine andere, Tausende von Formeln, um ihrer Knetmasse alle nur möglichen Arten bizarrer Exemplare zu entlocken, die entweder überleben oder aussterben, dahinvegetieren oder als Sprungbrett dienen zu anderen, vollständigeren, besser angepaßten Formeln, bis sie schließlich die letzte Stufe jedes Übergangs erreicht haben wird: Ich denke, sagte Mutter den Kindern, daß alle Möglichkeiten vorhersehbar sind, daß jedes aufrichtige Streben, jede vollständige Hingabe eine Antwort hervorrufen wird, und daß die Methoden, die Mittel, die Übergangslösungen und Transformationen von unzähliger Natur sein werden – kurz, daß die Dinge sich keinesfalls nur auf eine bestimmte Weise und keiner anderen abspielen werden.10

Aber dieser so mühsam errungene Übermensch wäre noch immer ein Mensch, besser zwar, aber er wäre noch immer im Besitz desselben alten Körpers, der, wenn auch verbessert, weiterhin wie alle tierischen Körper stirbt, auch wenn er die Fähigkeit erlangt hätte, das Leben fast nach Belieben zu verlängern oder fast auf Wunsch zu sterben – denn selbst dann noch stünde die Welt unter der Herrschaft des Todes, die Wurzel des Todes wäre noch immer unverändert vorhanden: Wir hätten lediglich die Macht des Todes überlistet… für eine Weile – bis eines Tages am Ufer eines schönen Flusses ein gewisser kleiner Nagel unvorhergesehen unseren Fuß sticht. Und was diesen “begehrenswerten Höhepunkt” betrifft, er kommt uns eher wie eine aufgeblasene, etwas allzu menschliche Menschheit vor – nebenbei bemerkt ist die Natur höchst selten geneigt, ein und dieselbe Spezies allzulange aufzublasen – ungefähr wie das kosmische Ziel der alten Wanderung der Peripathetiker. Vielleicht könnten wir sogar alle Idealisten der Welt zusammentun und diese charmante Elite ein wenig durcheinanderwürfeln, um aus ihr die ideale Spezies zu zaubern – die Natur wäre zweifellos zu dem Versuch bereit, sie zu verwirklichen, denn sie ist äußerst fügsam, diese Natur, und immer zu allen auch nur ein klein wenig aufrichtigen Launen bereit… eine Zeitlang. In Wahrheit büßt aber alles seinen Charme ein, solange noch irgendwo der Tod haust. Solange es auch noch einen einzigen sterbenden Menschen gibt, wird etwas in uns ein klein wenig sterben und mit ihm leiden. Und dreihundert Jahre im selben Hautsack leben… wozu eigentlich? Zugunsten eines Stalles voller Kinder von zweifelhafter Verbesserungsfähigkeit? Möglicherweise hätten wir es dann nicht mehr nötig, Bankkonten und Bibliotheken anzuhäufen, da wir gewiß einen etwas gerechteren sozialen Mechanismus und weniger trübe Mittel zur Fortbildung unseres Wissens gefunden hätten als unsere zerebralen Bibliotheken. All das ist möglich. Aber was dann? Da ist etwas, das wir den Tod nennen und das wie die Wurzel des ganzen Giftes der Welt ist, und es scheint mir, daß sich die Welt, solange diese Wurzel nicht ausgerottet ist, auf die eine oder andere, heute noch nicht vorhersehbare Weise immer wieder von neuem vergiften wird – und letzten Endes all unser Wissen und alle unsere Weisheiten und alle unsere “Verbesserungen” zunichte macht. Was verfault ist, kann nicht verbessert werden. Eine fundamentale Korruptheit beherrscht die Welt, die alles zersetzen wird, aller menschlichen oder übermenschlichen Mächte, die wir darüberkleben mögen, zum Trotz.

Das einzige Problem der Welt ist der Tod.

Die einzige Wurzel, die geändert werden muß, ist diese.

Und währenddessen drehen wir uns im Kreis, drehen uns immer im Kreis; manchmal ist es ein eiserner Kreis, manchmal ein goldener Kreis, aber nichtsdestoweniger drehen wir uns im Kreis, drehen uns immer im nur Kreis, und die Kinder werden sich im Kreis drehen, und die Enkelkinder werden sich im Kreis drehen – und so geht es ewig weiter.11 Wie wahr sie sprach.

Wenn wir wüßten, was der Tod wirklich ist, wäre das Problem bereits zu Dreivierteln gelöst, denn dann wüßten wir, wie wir es anzupacken haben, statt uns gegen das Phänomen – das sich uns völlig entzieht – mit Penizillin zur Wehr zu setzen. Der Tod steckt nicht dort, wo wir glauben. Wo ist der Tod? Wo versteckt er sich?… Er ist hier, direkt vor unserer Nase.

Vielleicht führt uns Mutters Reise geradewegs durch ihn hindurch.

Tatsächlich sahen Mutter und Sri Aurobindo eine andere Spezies, einen anderen Körper, eine andere Substanz – eine andere Materie, die nicht mehr der Herrschaft des Todes unterlag. Eine supramentale Welt. Sie sahen sie, sie existiert. Aber wie gelangt man dahin?… Vielleicht genau, indem man durch den Tod hindurchgeht. Aber wo ist er? Wo? Der Tod ist nicht der Leichnam, er fängt schon vorher an. Der Leichnam ist nur das Resultat. Die Krankheit ist nur das Resultat. Und die gesamte Dummheit der Welt, der ganze Wahnsinn der Welt ist das Resultat dieses… Etwas. Hieße es wirklich, Jahrhunderte über Jahrhunderte und verbesserte Körper und immer mehr verbesserte Körper abwarten zu müssen, um schließlich die Grenze zu erreichen und in die andere Materie, in die wahre Materie überzugehen…, dann wäre das entsetzlich. Der Schmerz der Welt ist erschreckend – eine geometrische und verheerende Progression des Schmerzes, beinahe ebenso erschreckend wie die wimmelnde und wachsende Anzahl von Neugeborenen auf den Straßen Indiens. Es ist nicht möglich. Wir fühlen deutlich, daß wir am Punkt der Unmöglichkeit angekommen sind. Etwas muß zerreißen, etwas muß sich ändern, umwälzen. Wir brauchen wirklich keinen Übermenschen sondern ETWAS ANDERES. Wir haben es nicht nötig, unsere Korruptheit zu verbessern oder zu reglementieren, denn unsere einzig wahre Notwendigkeit besteht darin, aus der Korruptheit herauszukommen, eine andere Luft zu atmen; und da wir nicht ans himmlische Paradies glauben, weil die Evolution nicht an himmlische Paradiese sondern an diese Erde hier glaubt und das der Grund ist, warum sie diese erschaffen hat, so muß wohl oder übel etwas in dieser Materie hier passieren! Aber nicht erst in einem Jahrhundert, sondern bald – denn es eilt.

Nur was?

Wir müssen in diese wahre Materie eintreten, denn sie ist da. Was aber verhüllt sie, was verhindert…? Wir können einfach nicht mehr länger warten, bis Millionen und Abermillionen von Augen sich auf der Welt öffnen, wo es doch nur eine Frage der Veränderung der Wahrnehmung ist. Und wer wird diese Millionen von Augen reinigen, die in den meisten Fällen überhaupt nicht gereinigt werden wollen, die sich sogar an ihrem Schmutz ergötzen? Wir können nicht, nein, wir können nicht mehr länger nur eine kleine Elite von Wesen hervorbringen, die kommen, um der Welt ein Beispiel zu geben, dafür bleibt keine Zeit mehr! Der große totale Tod steht vor unserer Tür. Die Erstickung ist ganz und gar erstickend, es bedarf fast des Heroismus, um darin weiterzuleben, wenn man selbst etwas wachsam und erwacht ist. Also was? Die Frage ist geradezu entsetzlich, wenn wir sie mit weit offenen Augen leben, mit Augen, die das Elend überall sehen und berühren, mit Zellen, die das Elend überall fühlen.

Dann ging Mutter. Sie versuchte es. Ist es ihr gelungen, oder ist ihr Versuch gescheitert – unser aller Versuch, denn all das spielte sich in den Zellen ihres Körpers ab? Sie war der Schmelztiegel der Welt, unsere Brücke, unser Durchgang… Was hat sie getan? Hat sie etwas getan? Hat sie den Durchgang geöffnet? Wenn wir das verstünden, könnte es uns helfen, den Durchgang vollständig zu öffnen: Es ist, als befände sich die Tür direkt hier vor uns, sie liegt geradezu in der Luft, wir können sie fühlen, und es würde genügen zu wissen, wo die Tür ist. Das Phänomen muß auf uns zukommen, das ist unsere einzige mögliche Hoffnung, denn es gibt nicht einen unter Tausenden, der bereit wäre, die aufrichtige Anstrengung zu unternehmen, bis ans Ende des Waldes zu gehen – nicht einmal bis an den Saum des Waldes –, und doch muß es unsererseits zu einer Tat kommen, die diese Tür entsiegeln würde, wüßten wir nur, wo sie ist – verstünden wir nur, wo sie ist.

Dies ist der Sinn unserer gemeinsamen Reise durch dieses Buch, wie durch den Tod hindurch zur Hoffnung der Welt.

Wir müssen die Tür finden.

Wird es eine Kontinuität oder ein plötzliches Erscheinen von etwas Neuem sein? Wird es ein stufenweiser Übergang sein von dem, was wir jetzt sind, zu dem, was unser innerer Geist zu werden strebt, oder wird es zu einem jähen Bruch kommen…? Wird die menschliche Spezies wie gewisse andere Arten sein, die von der Erde verschwanden?12

7. Kapitel: Krishna aus Gold

Ist diese ganze katastrophale Beschleunigung nicht gerade das Resultat dieses “anderen-Etwas”, das mit zunehmender Beschleunigung hervorbricht? Das Phänomen eilt uns entgegen. Wir schauen immer in die falsche Richtung, wir sehen ein “Dagegen”, wo es doch nur ein “Dafür” gibt. Die ganze Welt mit ihren Millionen Abirrungen oder “richtigen Richtungen” geht immer nur in eine Richtung, und dort geht sie hin, durch die Abirrungen genauso wie die richtigen Richtungen – letzten Endes wissen wir überhaupt nicht, was wirklich geschieht, wir spielen außen ein falsches Spiel, damit im Innern etwas ganz anderes heranwächst. Wir hielten die praktischen und pragmatischen Notwendigkeiten der Handlung für idealistische oder moralische Zwecke, weil die jeweilige Situation verlangte, daß wir entweder dafür oder dagegen handeln, aber diese Vorgänge dienen ganz anderen Zwecken, welche sämtlichen Kalkül unserer Ideale und unserer Moral weit übersteigen. Haben wir das erst einmal gesehen, sind wir ein für allemal vom Trugbild der äußeren Erscheinungen geheilt und fangen an, das Problem in seinem weltweiten Ausmaß zu verstehen. Dann sehen wir mit eigenen Augen die wachsende Beschleunigung des anderen Etwas inmitten des Chaos äußerer Erscheinungen, wobei es sich aller Mittel bedient. Ja, es stimmt, daß dies 1950 noch nicht so sehr der Fall war, aber seit 1956 kam eine neue Tatsache in die Welt, die sämtliche Gegebenheiten ändert und ihnen eine einzigartige Beschleunigung verleiht. Die Welt hat sich geändert. Sie hat sich wirklich radikal geändert – noch ahnen wir nicht wie sehr. Die äußeren Erscheinungen müssen uns ins Gesicht zerplatzen, bevor wir anfangen zu verstehen – und genau das geschieht jetzt.

Im Jahr 1958 ist sie noch sehr jung, diese Welt, sie ist zwei Jahre alt. Mutter entdeckte sie Schritt für Schritt – oder vielleicht sollten wir sagen “ent-deckte” sie. Sie zog die Verdeckung oder den Schleier weg. Ich erinnere mich an eine äußerst bemerkenswerte Vision eines jungen, sehr jungen indischen Mädchens, eines von Mutters Kindern, das selbst nicht recht verstand, was es sah, denn zu jener Zeit konnte man die Bedeutung dessen, was es sah, nur schwerlich verstehen – jetzt ist es recht klar. In ihrer Vision befand sie sich in Begleitung eines “ehrwürdigen” Herrn, eines Erwachsenen, der würdevoll einen Hut trug (dieser Herr versinnbildlicht das Mental), und sie selbst war sehr jung, ein Kind von höchstens zehn, zwölf Jahren. Die beiden erreichten die Tür eines Tempels, einer heiligen Stätte. Offensichtlich war dieser Herr nicht befugt, diese Stätte zu betreten, aber er besaß den Schlüssel, so traten sie ein. Im Innern des Heiligtums saß ganz brav und still auf seinem Thron der Gott Krishna: Krishna als Kind, ganz klein, in blaues Licht getaucht, so wie er allgemein in der indischen Mythologie dargestellt wird (blau ist das Licht des Mentals, und Krishna selbst ist das Symbol der höheren Regionen des Mentals), doch er war lebendig, er lächelte. Sobald er die junge Inderin sah, erhob er sich, ging auf sie zu, nahm sie bei der Hand und führte sie, trotz des Protests des ehrwürdigen Herrn, ins Freie… in die Welt hinaus. Er reichte dem kleinen Mädchen gerade bis zur Brust. Gemeinsam gingen sie Hand in Hand spazieren: “Warte, gleich wirst du sehen…”, sagte er mit einem so charmanten schelmischen Lächeln, wie nur Krishna zu lächeln versteht, “wir werden unseren Spaß haben”. So gingen sie zusammen einher, und dort, wo sie einherspazierten, gerieten friedliche Leute plötzlich in Streit, auf ruhigen Feldern wimmelte es plötzlich von Menschen, ganze Städte verfielen der Konfusion – überall säte er Chaos, während er lachte. Ein wenig beunruhigt drehte das Mädchen sich ihm zu, und verwundert stellte sie fest, daß sie nicht mehr auf ihn herabschaute, sondern er blickte von oben auf sie herab: Ihr Krishna war mit einem Mal sehr groß geworden, sogar seine Farbe hatte sich geändert. Krishna war aus purem Gold. Aus massivem Gold und hüpfte dennoch leicht, lächelnd und schelmisch mit ihr durch die Welt. Und er wuchs höher und höher. Und das Chaos wurde größer und größer. Angesichts des umsichgreifenden Chaos machte der so ehrwürdige, aber höchst schockierte Herr schließlich einen Versuch, Krishna wieder in das Heiligtum einzusperren (das Heiligtum des Mentals), damit man ihn hinter Schloß und Riegel anbeten konnte, wie es sich gehört – und damit er schleunigst wieder mit seinem Chaos aufhöre. Krishna ließ sich das eine Weile gefallen, und noch immer mit der Hand des kleinen Mädchens in seiner Hand kehrte er in das Heiligtum zurück, während er sie aus seinen Augenwinkeln amüsiert anlächelte: “Warte, gleich wirst du sehen!…” So kehrte dieser Krishna aus Gold wieder dorthin zurück. Dann fing er an zu wachsen und zu wachsen bis das Dach in tausend Stücke aufflog. Lachend streckte er seinen Kopf aus dem zertrümmerten Dach des Heiligtums hervor, und mit seinen bloßen Händen riß er die Mauern nieder, sprang mit einem Satz über die Ruinen, sprang über den unter Trümmern begrabenen Herrn… Die Vision des Kindes endete in einem riesigen Gelächter…

Das göttliche Gelächter der neuen Welt.

Gold ist die Farbe des Supramentals.

Krishna aus Gold wächst unter uns. Achtung vor den Heiligtümern!

Was ist eine Vision? Sie ist in einer bestimmten visuellen Sprache die Übersetzung eines Phänomens, das man in allen möglichen Sprachen sehen kann und auf allen Ebenen mit ebenso vielen Erklärungen, wie es Ebenen gibt. Wichtig ist, daß man die Dinge auf der richtigen Ebene sieht. Mutter wird die Dinge in ihrem Körper sehen, oder besser gesagt wird ihr Körper sie sehen, aber nicht mehr als eine symbolische Übertragung von “etwas”, das sich auf der mikroskopischen Ebene oder auf derjenigen des Mentals oder des Herzens abspielt, sondern das lebendige Phänomen selbst in seinem eigenen Milieu. Denn letzten Endes gibt es nur eines, das fähig ist zu verstehen, und zwar die Materie, der Körper – alles übrige sind Übertragungen. Ja, aber welche Materie?

Die Erfahrung wurde immer präziser oder, wenn man so will, immer mehr ent-deckt. Das Jahr 1958 – das letzte vor dem großen Wendepunkt, als Mutter sich “zurückzog”, um in ihren Körper einzutauchen (wie Sri Aurobindo 1926) – ist geprägt von zwei Erfahrungen, oder eher dreien, denn die erste datiert ein wenig vor 1958. Man könnte diese Erfahrungen numerieren: A2, G3, C4 usw., wie Laborexperimente, denn jede Erfahrung bringt eine ganze Reihe weiterer Erfahrungen in einer bestimmten Folge mit sich: A1, A2, A3 usw., die sich dann wieder mit einer anderen Reihe überschneiden: B1, B2, B3 usw., um schließlich ein ganzes Netz von Erfahrungen zu bilden, in dem sich bestimmte Linien und Kurven hervorheben. Es gibt Tausende von Erfahrungen, dies ist nur der Anfang eines großen Diagramms, auf dem sich eine neue Anordnung der Welt abzeichnet.

Oder vielleicht ist es eine neue Anordnung der Materie.

Wenn man aber mitten in der Erfahrung steht, dann ist man sich nicht im klaren darüber, daß “dies dahin führt” und “das dorthin”, man hat keine Ahnung, wo das Ganze hinführt: Es geschieht einfach. “Etwas” findet statt. Hinterher geben wir dem Ganzen eine Bedeutung oder versuchen es zumindest, aber im Augenblick der Erfahrung ist es bedeutungslos, man ist vollkommen eingetaucht in ein Bad, das gewisse Veränderungen des Körperbewußtseins bewirkt, die ziemlich unbegreiflich sind, es sei denn, sie haben sich zum tausendsten Mal wiederholt. Ja, dann ist es einfach: A2 + V4 = … X0. Und bei X0 beginnt eine neue Kurve. Jedenfalls ist man sich nie sicher, solange man nicht beim Ziel angekommen ist, denn, wie Mutter sagte, “das letzte Stadium ist entscheidend”. Was also gehört zum Weg und was nicht? Was ist bedeutend und was nicht? Vielleicht ist in einem vergessenen Staubkorn der Schlüssel zum ganzen Mysterium enthalten.

Ein schwieriges Diagramm, aber wäre die neue Welt bereits erklärt, würde sie nie und nimmer neu sein!

Ein brüchiger Körper

Immer deutlicher machten sich das Wirken, die Entwicklung und die Auswirkungen dieser neuen Kraft im Körper bemerkbar. Ein Körper, der, wie Mutter sagte, als eine Art “stellvertretendes Objekt” der Welt dient, um zu sehen, ob diese Kraft darin wachsen kann und ob diese irdische Substanz fähig ist, sie zu ertragen, und sich dann von da in der gesamten Materie auszubreiten. Eine neue Kraft ist immer sehr schwer zu ertragen. Hätte der Strom mentaler Energie sich mit einem Schlag im Gehirn des Affen entladen, so hätte seine eigene Dickfälligkeit einen solchen Widerstand oder eine solche Reibung hervorgerufen, daß er womöglich völlig benommen und ohnmächtig geworden wäre. Die Erfahrungen sind genau dosiert, die “Menge” oder das Quantum des Supramentals enthüllt sich nach und nach in dem Maße, wie der Körper sich daran gewöhnt und sich klärt. Zunächst wurde es als eine Art Pulsieren in den Zellen wahrgenommen. Es hinterließ eine Wahrnehmung, ein Gefühl oder einen Eindruck… so vollkommen fremd und neu1. Dann kam es zu einer zweiten Erfahrung (aber war es die zweite? Wir wissen nicht immer, wann etwas eine “Erfahrung” ist, denn es gibt Tausende von winzigen, diskreten, kaum wahrnehmbaren Kontakten, die flüchtig und subtil wie eine leichte Veränderung in der Luft oder eine Art bizarre flüchtige Empfindung sind, sie kommen und gehen und bereiten die Substanz in einer Weise vor, als ob gar nichts geschähe – in Wirklichkeit aber findet die Erfahrung ständig statt). Diesmal jedenfalls zeichneten sich einige “konstante Faktoren” des Supramentals deutlicher ab: Ein supramentales Wesen hatte mich völlig in Besitz genommen, notierte Mutter, etwas, das ein wenig größer war als ich… Tatsächlich vermittelt die Erfahrung immer den Eindruck, über den Körper hinauszugehen, als würden seine Grenzen nicht da aufhören, wo wir es vermuten oder wahrzunehmen glauben; der Körper ist eine Art verkümmertes und verhärtetes Ding, steif wie eine kleine Puppe, starr wie ein Abbild: ein Trugbild. Etwas, das ein wenig größer war als ich: die Füße reichten tiefer hinab als meine eigenen, und der Kopf überragte den meinen ein wenig. Ein solider Block… Etwas, das wie aus einem einzigen Stück war. Und es war von größerer Dichte als mein physischer Körper. Auf dieses Charakteristikum werden wir noch des öfteren stoßen. Bereits fünfzig Jahre zuvor in Tlemcen erwähnte Theon – was auch Mutter damals schon wahrnahm – “eine Substanz von größerer Dichte als die physische Materie”. Was diese dichte Materie genau ist, wissen wir heute noch nicht, sie ist aber eine Tatsache. Auch die Upanischaden sprachen von einem “dichten Bewußtsein”, chidghana, aber noch immer handelt es sich dabei um ein “Bewußtsein” – es sei denn, dieses Bewußtsein ist inzwischen materiell und konkret geworden, so wie sich die ersten Gaswolken im Weltraum verdichteten? Die wahre Materie wird jedenfalls “dichter” sein als die Materie, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen… Die nachfolgenden Erfahrungen mögen uns das näher erklären. In dieser Dichte erschien mir der Körper geradezu als etwas Unwirkliches – als sei er brüchig – wie Sand, der zerbröckelt.

Eines ist klar, wenn die supramentale Substanz sich so formen soll, wie wir sahen, und wenn die Formen die Fähigkeit erlangen sollen, sich beliebig zu ändern, dann muß die scheinbare Starrheit der Materie, so wie wir sie wahrnehmen, weichen. Der Körper selbst muß anfangen, sich anders wahrzunehmen, um letztlich anders mit seiner Substanz umzugehen. Solange er sich als hart und starr empfindet, ist er nichts weiter als ein lichtundurchlässiges und unwiderruflich sterbliches Stück Materie. Es ist unglaublich, wie sehr der Körper seiner eigenen Wahrnehmung von sich selbst unterworfen ist, er ist von seinen eigenen Sinneseindrücken geradezu hypnotisiert: Für ihn sind sie die reine Wahrheit, so wie Recht und Rechtschaffenheit die Wahrheit auf der mentalen Ebene darstellen mögen…, dennoch wissen wir, wie schwach, unbeständig und veränderlich diese Wahrheiten sind. Der Körper muß sich folglich selbst anders wahrnehmen können, damit ihm die geringste Hoffnung einer Veränderung bleibt – kurz, er muß die Gewohnheit der falschen Materie und seine falschen Empfindungen gegenüber der Materie loswerden: Die Wahrnehmung muß der materiellen Transformation vorausgehen,1 sagte Mutter. Wenn der Körper einmal zu begreifen anfängt, daß es anders sein kann, ist das für ihn eine ebenso große, wenn nicht sogar größere Revolution, als das Wissen in seinem Kopf, daß die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt. Das wirklich Bemerkenswerte am Körper ist, daß, wenn er einmal etwas weiß, sich seine ganze Seinsweise vollkommen ändert und etwas in seinen Zellen zu arbeiten beginnt, während wir Millionen Ideen und Kosmogonien in Bewegung setzen können, ohne daß sich auch nur ein Jota an unserem Leben ändern würde. Wissen bedeutet für den Körper, fähig sein zu handeln. Jedesmal, wenn ihr eine Einzelheit genau wahrnehmt, bedeutet das, daß sie dabei ist, sich zu verwirklichen… Das Körperbewußtsein kann erst dann etwas genau bis in alle Einzelheiten hinein wissen, wenn es dabei ist, sich zu verwirklichen. Und das wird das sicherste Zeichen sein.2 Ja, der Körper spekuliert nicht, er fühlt, daß er etwas entweder tun kann oder nicht, tauchen oder nicht tauchen, springen oder nicht springen: Er ist die “Brücke”, er muß die Möglichkeit seiner nächsten Seinsweise wahrnehmen. So fing Mutters Körper an, sich als porös oder “brüchig”, als durchlässig zu empfinden. Aber viele sich immer wiederholende Erfahrungen sind notwendig, damit alle Zellen es wissen.

Das also ist die Grundlage des supramentalen Transformationsprozesses.

Das strahlte von mir aus, resümierte Mutter: Myriaden kleiner Funken, die alle in der Welt durchdrangen… Nun fange ich an zu sehen, wie der supramentale Körper aussehen wird.

So kam das Licht der Materie zum Vorschein. Myriaden kleiner Funken. Dennoch bleibt die Frage offen: Was verschleiert das Licht?

Der Schatz im Felsen

Eine andere Erfahrung, im Juni 1958, sollte sich als noch bedeutungsvoller erweisen, denn sie stellte alles in Frage, was wir über das Phänomen denken mögen (aber genau das ist ja unser Pech: daß wir uns das Phänomen ausdenken). Diesmal spielte sich die Erfahrung in Mutters Badezimmer ab, wie um zu zeigen, daß es keineswegs notwendig ist, in Meditation oder Kontemplation versunken zu sein, damit einem derartige Erfahrungen zuteil werden. Immer spielen sie sich in den unscheinbarsten Banalitäten ab. Aber natürlich! Denn schließlich befindet sich das Supramental nicht im Himmel: Das Banale hört auf, banal zu sein. Mutter drückte es mit ihrem charmanten Humor so aus: Wollt ihr Erfahrungen über die Materie haben, so müßt ihr in der Materie stecken! Erstaunlicherweise war diese äußerst materielle Erfahrung eine Art Wiederholung – in der Materie – der Gotteserfahrungen, die wir außerhalb der Materie haben können, wenn wir uns in tiefer Meditation außerhalb unseres Körpers im sogenannten Zustand der Ekstase befinden, ganz oben auf den höchsten Höhen des Bewußtseins – ja, es war der Himmel hier in der Materie! Und wir erinnern uns plötzlich der Worte der alten vedischen Rishis: “Sie fanden den verborgenen Schatz des Himmels in der geheimen Höhle, wie das Junge des Vogels – diesen Schatz im ewigen Felsgestein.” (I.130.3). Nur war es hier kein Felsen sondern einige Fläschchen Zahnwasser. Ein Fläschchen besteht aber, genau wie wir, aus Materie – es sei denn, wir erbringen den Gegenbeweis. Diese Fläschchen und sämtliche Gegenstände im Badezimmer, Mutters Körper miteingeschlossen, fingen nun plötzlich an zu vibrieren… beschwingt von einem ganz sonderbaren kontinuierlichen Leben, ohne Trennung, einem Leben so harmonisch, einer Welt so kompakt geordnet und leuchtend, daß kein einziges Atom der Unordnung in dieser Harmonie hätte bestehen können. Alle Gegenstände im Badezimmer waren mit freudiger Begeisterung erfüllt – alles gehorchte, alles!… Die ganze Zeit, während sich die Erfahrung aktiv abspielte, war es vollkommen unmöglich, daß sich auch nur die leiseste Unordnung im Körper hätte bemerkbar machen können. [Mutter fühlte sich zu jenem Zeitpunkt nicht wohl]. Und nicht nur im Körper, sondern ebenso in der gesamten Materie der Umgebung. Es war, als gehorchten alle Gegenstände, aber ohne daß sie sich zum Gehorsam entscheiden mußten sondern ganz automatisch. Es war eine unentwegte göttliche Harmonie in allem. Wenn sich das erst einmal dauerhaft etabliert hat, dann kann es keine Krankheiten mehr geben, das ist unmöglich – dann kann es keinen Unfall, keine Störungen mehr geben. Alle Dinge müssen sich (wahrscheinlich allmählich) harmonisieren, so wie sie in jenem Augenblick harmonisch waren. Der Schleier über der Materie war gelüftet. Und automatisch war alles in Ordnung, harmonisch: keine Krankheit, kein Unfall, keine Konflikte. Alles antwortete. Eine Art Einheit der Materie, der auch der Körper angehört wie alles andere (nicht mehr und nicht weniger als alles andere), aber eine bewußte Materie, die überall antwortet und sich selbst antwortet, ohne Trennungen. Diese Materie ist schließlich nicht plötzlich, wie vom Zauberstab berührt, bewußt geworden…? Wahrscheinlich sind wir es, denen plötzlich etwas bewußt wird, das immer so ist, indem sich in unserem Bewußtsein etwas öffnet oder “enthüllt”. Aber Achtung! Bewußt zu werden, ist bereits ein erstaunlicher Schritt. Denn sollte es sich tatsächlich so abspielen, würde das bedeuten, daß eine ganz neue Art des bewußten Umgangs mit der Materie möglich wäre – und zwar mit der gesamtirdischen Materie, denn wo endet die Materie, bei welcher Schranke, wenn nicht an der Schranke unseres kleinen Gehirns? Ein direkter Umgang mit der Materie, von Materie zu Materie, vom Körper zu den Fläschchen oder zu jeder beliebigen Materie der näheren oder weiteren Umgebung. Ich hatte wirklich den Eindruck, daß es sich hier um eine erstmalige Erfahrung handelte, das heißt, daß es neu war auf der Erde. Denn die Erfahrung der vollkommenen Identität des individuellen Willens mit dem göttlichen Willen hatte ich schon 1910, und sie hat mich seither nie mehr verlassen… [Man wäre in der Tat versucht zu glauben, daß es sich hier um eine Art höheren Willen oder höhere Sicht handelt, welche die Materie von der Höhe ihrer Gipfel aus anders sieht und anders auf sie einwirkt, irgendeinem göttlichen Dekret zufolge.] Das ist es nicht, es ist etwas anderes. Die Materie selbst wird göttlich. Es kam wirklich mit dem Eindruck, daß es sich zum ersten Mal auf der Erde ereignete.

Wir fragen uns, ob der erste Hominide, der eines Tages von einer Gedankenwelle heimgesucht wurde, nicht auch fühlte, daß diese sonderbare kleine Schwingung in seinem Kopf – das “Mental” – das “Göttliche” war, das ihm einflüsterte, jene Liane mit diesem Holzstück zu verbinden, um daraus einen Bogen anzufertigen. Nur fand diese sonderbare kleine Schwingung jetzt in der Materie selbst statt (sogar in den Mundwasserfläschchen), und es war keineswegs etwas, das einem zuflüsterte, ein Stück Materie zu nehmen, um es einem anderen hinzuzufügen, damit die Kombination der beiden ein Resultat ergäbe – nein, da gab es nichts hinzuzufügen, nichts zu kombinieren, keine äußere Manipulation: Die Materie selbst setzt sich in Bewegung, antwortet sich selbst, wirkt auf sich selbst ein und erzielt ihre eigenen Resultate. Sie verhielt sich in etwa so wie die Materie in Madame Theons Sandalen, die sich automatisch, ganz von allein auf ihre Füße zubewegten: Die Schwingung eines Stücks Materie hier (die Sandalen) antwortete der Schwingung eines anderen Stücks Materie dort (Madame Theon), aus dem einfachen Grund, daß alles die gleiche bewußte Materie ist. Es handelt sich also nicht mehr um die göttliche Offenbarung auf den Gipfeln des Nirvana in einem schlummernden Bewußtsein, sondern um die göttliche Offenbarung… in einem Fläschchen Mundwasser (und warum auch nicht! Inwiefern wäre das Silikat weniger edel oder weniger materiell als die schlummernden zerebralen Bindegewebezellen).

Die Materie wird das Göttliche…

Wenn man das bedenkt, wird einem klar, welch phantastische Umwälzung dies bedeutet, denn es stürzt alle Religionen und sämtliche Spiritualitäten der Welt vom Sockel. Es stellt eine größere Revolution dar als diejenige des Kopernikus. Wenn aber der Himmel in der Materie ist, wohin rennen wir dann eigentlich? Wohin rennen alle? Und was kommt schon heraus aus all ihren phantastischen kosmischen, nirvanischen und himmlischen Bewußtseinsallüren? Kurz, wir Menschen waren viel zu blockiert, um uns Zugang zu diesem “Ding” zu verschaffen, das wir als das “Göttliche” oder “Gott” oder das “höchste Bewußtsein” bezeichnen, abgesehen von einer winzigen Öffnung im Mental, einem kleinen Loch in unserem Panzer, durch das wir in den Himmel entfliehen konnten. Amen. Nur unsere eigene Dickfelligkeit verhüllt uns etwas, das überall existiert, materiell existiert – Gott direkt unter unseren Füßen (und in unseren Füßen und beim Gehen mit unseren Füßen, und das trifft nicht nur für die Füße des Menschen zu sondern sogar für Mundwasserfläschchen). Aber “Gott” ist noch so ein verlogenes Wort, das man besser vermeiden sollte. Manchmal haben wir sogar den Eindruck, daß Gott die schönste Erfindung des Teufels ist – natürlich, die beiden gehören ja zusammen. Was bedeutet denn dieser allmächtige Weltenschöpfer, der die Erde aus der Höhe seines Himmels regiert? Das muß jedem einigermaßen klaren Verstand kindisch und empörend erscheinen, auch wenn er ab und zu seinen Sohn herunterschickt, um den Schlamassel wiedergutzumachen, dessen Urheber er nach alledem selbst ist, denn wenn er es nicht ist, wer soll es sonst sein? Der Teufel natürlich! – Da wären sie also, diese beiden unzertrennlichen und untrennbaren Komplizen, man wundert sich bloß, wer der Vater des anderen ist? Aber vielleicht sind wir inzwischen über die Versionen der Väter und auch der sogenannten “anderen” hinausgekommen, seien sie nun “Gott” oder der “Teufel”, sowie kleine Körper voneinander getrennter Stücke Materie oder große erleuchtete Himmel, die über der unveränderten alten Korruptheit der Erde schweben. Vielleicht dient der evolutionäre “Schlamassel” dazu, eine Spezies – egal welche und mit egal welchen Mitteln – zu dem Punkt zu führen, wo sie gezwungen wäre, ihr eigenes göttliches Geheimnis in der Materie zu entdecken. Vielleicht treten wir die Herrschaft der göttlichen Einheit der Materie an, in der es keine “anderen”, keine Entfernungen, kein “irgendwo dort” mehr gibt. Vielleicht beginnt unser Finger jenen Schlüssel zu berühren, der den Tod ändern wird. Denn wenn diese Materie bewußt ist, wenn diese Materie göttlich ist, kann sie nicht sterben: Bewußtsein stirbt nicht. Nur das Unbewußte stirbt. Nur unsere unbewußte Sicht bewirkt den Tod, so wie sie gezwungen war, Götter und Paradiese zu erschaffen, um das zu ersetzen, was sie mit ihrem Körper nicht sah. Jetzt wird der Körper sehen, und indem er sieht, wird er fähig sein zu handeln.

“Der Schatz im ewigen Felsgestein.”

Wie kam es, daß Mutter plötzlich diese göttliche Schwingung in der Materie sah (wie die Rishis vor siebentausend Jahren, die übrigens als einzige, wie es scheint, der kollektiven Verirrung entgangen sind)? Was löste es aus? Welcher Schleier lüftete sich? Gerne würden wir etwas über diesen kleinen Auslöser erfahren… Plötzlich dieses göttliche Mikroskop, das die Materie in Bewegung setzt. Aber selbst da irren wir uns noch, denn kein “Instrument”, auch kein Super-Mikroskop und überhaupt nicht irgend etwas der Materie Äußerliches vermag uns eine andere Sicht der Materie zu vermitteln, sondern die Materie selbst nimmt sich so wahr, wie sie wirklich ist, mit ihren eigenen Augen – Mutters Zellen, Mutters Körper nahm plötzlich aus sich heraus alles anders wahr. In ihrem eigenen Körper wurde sie auf einmal gewahr, daß die Gegenstände antworteten, so wie wir plötzlich in unserem Kopf einer Schwingung gewahr werden, die uns die Anwesenheit von Peter oder Paul anzeigt. Was aber löste diese neue Wahrnehmung aus? Es hatte nichts mit ihren Augen zu tun (besser gesagt hatte es auch etwas mit ihren Augen zu tun). Das Bewußtsein dort wurde des Bewußtseins hier gewahr, in vollkommener Kontinuität, als spiele sich alles im Innern ein und desselben Körpers ab.

Mutter gibt uns eine teilweise Antwort, sie erklärt das Warum, aber nicht das Wie (aus dem einfachen Grund, daß sie es wahrscheinlich selbst noch nicht wußte): Diese letzte Erfahrung ist das Resultat der Herabkunft der supramentalen Substanz in die Materie. Nur sie vermag das zu bewirken – das, was sie der physischen Materie einflößte. Es ist ein neues Treibmittel. Ja, vielleicht wie ein Tropfen Natriumhydrat in einer dunklen Jodtinktur: alles erhellt sich. Das Supramental ist das, was die Materie erhellt, was die gesamte Materie verbindet, so wie das Mental die ganze Materie in Millionen von Gegenständen zerteilt… nur um sie hinterher durch ein gedankliches Kalkül ungeschickt wieder zusammenfügen zu wollen. Aber all das erklärt uns noch lange nicht, wie das Phänomen funktioniert: Was verursachte den Schleier? Wie kam es überhaupt, daß es verhüllt war? Wenn wir den Mechanismus des Schleiers für die ganze Erde verstünden, wäre das die großartigste Revolution aller Jahrhunderte. Es wäre eine neue Erde. Und Mutter fuhr fort: Vom materiellen Standpunkt aus betrachtet, befreit die supramentale Substanz die physische Materie von ihrer Trägheit und unbewußten Schwerfälligkeit, vom psychologischen Standpunkt aus von ihrer Unwissenheit und Falschheit. Die Materie wird verfeinert… Eine Unbewußtheit, ein Schleier der Unbewußtheit lüftet sich also. Gewiß kam es nur als eine erste Erfahrung, um zu zeigen, wie es sein wird. Es ist wirklich ein Zustand absoluten Allwissens und absoluter Allmacht im Körper. Und das verändert alle umgebenden Schwingungen. “Allwissen”, “Allmacht” – das sind Worte, die uns ein wenig erschauern lassen, aber vielleicht ist es gerade unser alter menschlicher, im Hautsack eingesperrter Zustand, der so reagiert, denn wenn der Körper – ein Körper – sich des Bewußtseins der Materie bewußt wird, dann wird er sich des totalen Körpers bewußt: Alles ist ein einziger Körper, sein Körper, und es ist keineswegs erstaunlich, daß er sich dessen bewußt ist, was in egal welchem Winkel seines Körpers vor sich geht, oder daß er darauf einwirkt. Alles ist EINS, die Fläschchen Mundwasser wie alles übrige, Hongkong wie Berlin.

Wir werden sehen…

Aber diese bewußten Mundwasserfläschchen zeigen das Problem von einer ganz unerwarteten Seite und geben uns vielleicht einen unvorhergesehenen Hinweis (man möge mir verzeihen, aber in alledem muß auch ein wenig Humor stecken, denn wenn wir diesem Phänomen überall mit unserer todernsten menschlichen Feierlichkeit begegnen, verpassen wir womöglich die lächelnde Fröhlichkeit der Materie, die nun schon seit Jahrhunderten von “wissenschaftlich”-gravitätischer Schwerkraft verhüllt war). Dennoch ist es sehr ernst, aber auf eine charmante Weise, auf eine leichte Weise. Uff, was für ein Gewicht schleppen wir seit Hippokrates und Jerusalem nun schon mit uns herum! Nun, um beim Thema zu bleiben, wenn diese besagten Fläschchen also bewußt waren, warum dann nicht wir? Wir hätten doch eigentlich das Recht (!) gehabt, vor den Fläschchen dranzukommen, oder nicht? Das war in der Tat genau die Frage, die ich Mutter stellte, wahrscheinlich verletzt in meiner Würde als höheres Säugetier. Ihre schlagfertige Antwort lautete (und hier begann ich angesichts etwas völlig Unerwartetem, meine Augen erstaunt aufzureißen): Ich bin überzeugt, daß zum Beispiel in Pflanzen oder Tieren die Antwort viel prompter sein wird als in den Menschen. Es wird weitaus schwieriger sein, auf ein hoch organisiertes Mental einzuwirken; die Wesen, die in einem vollkommen kristallisierten und organisierten mentalen Bewußtsein leben, sind hart wie Stein. Sie widersetzen sich. Meiner Erfahrung nach wird das, was “unbewußt” ist, gewiß besser folgen können. Die sogenannte leblose Materie “antwortet” viel leichter, viel direkter, sie leistet keinen Widerstand. Wie bezaubernd war es doch, das Wasser zu beobachten, wie es aus den Hähnen floß, und das Mundwasser in der Flasche, das Glas, das Tuch, all das zeigte eine solche Fröhlichkeit und Bereitwilligkeit! Hierin kommt viel weniger Ego zum Ausdruck, jedenfalls kein bewußtes Ego. Das Ego wird um so bewußter und widerspenstiger, je mehr das Wesen sich entwickelt. Sehr primitive und einfache Wesen, kleine Kinder werden als erste antworten, da sie kein organisiertes Ego besitzen. Große Persönlichkeiten hingegen, Leute, die an sich gearbeitet und sich gemeistert haben, die organisiert sind und ein Ego wie aus Stahl besitzen, für sie wird es schwierig sein.

Auf einmal sieht es so aus, als sei der Mensch etwas ungeheuer Künstliches, mitten hineingepflanzt in “etwas”, das sich aufs Natürlichste der Welt abspielt. Ein Trugbild wahren Seins, eingesperrt in ein denkendes Goldfischglas, durch das er von dem, was wirklich existiert, weder etwas sieht noch fühlt und sich dennoch rühmt, alles zu wissen. Dabei stellt er nur ein lächerliches Gerüst der Machtlosigkeit dar und vermag nur künstlich auf seine eigene Unnatürlichkeit einzuwirken, die er nur mit seinen künstlichen Augen wahrnimmt. Die Welt ist in Wirklichkeit etwas vollkommen anderes. Das, was “unbewußt” ist, wird eher bereit sein zu folgen. Unser sogenanntes “Bewußtsein” ist der Schleier. Die Materie ist bewußter als wir – auf globalere Weise bewußter als wir, nur vermag sie es nicht in Worte zu fassen, sie schreibt keine dicken Bände, um uns ein falsches Wissen zu vermitteln. Sie gibt sich damit zufrieden zu leben – genau das, was uns entgeht. Dennoch ist das, was uns als so trostlos erscheint, unsere größte Hoffnung, denn hinge die Zukunft der Spezies wirklich von unserer mentalen “Bereitwilligkeit”, der allgemeinmenschlichen Bereitwilligkeit ab, dann bliebe nichts weiter, als den endgültigen und unvermeidlichen Zusammenbruch einer Spezies abzuwarten, die sich nur an ihre eigene Dummheit klammert. Stattdessen wird die Materie selbst – die bewußte Materie – vor uns bereit sein zu folgen, und sie wird ganz allein allen Anschein vor unseren verwunderten Augen zerplatzen lassen – ja, Krishna aus Gold wächst unter uns. Und das ist noch lange nicht alles: Wenn unser mentales Bewußtsein wirklich der Schleier ist, ein Schleier, der etwas anderes verhüllt, das die wahre Materie ist, die bewußte Materie, dann existiert das Böse der Welt grundsätzlich nirgendwo, außer im Schleier. Ein Schleier des Bösen, ein Schleier des Todes verdeckt die Welt. Aber ein Schleier läßt sich zerreißen. Der Tod ist der Welt nicht eigen, das Böse ist der Welt nicht eigen, die Welt wurde nicht damit geboren, sondern es wurde ihr hinzugefügt – wahrscheinlich vorübergehend, aus praktischen, evolutionären Gründen, um uns zu helfen, uns als Individuen zu verwirklichen (wenngleich schmerzvoll). Wenn wir den Schleier lüften, dann gibt es den Tod und auch das Böse nicht mehr. Wenn die Materie bewußt ist, hindert nichts sie im Grunde, unsterblich zu sein, etwas anderes verursacht den Tod: Die Unbewußtheit bewirkt den Tod, der mentale Schleier bewirkt den Tod. Es geht also nicht darum, mit übermenschlicher Anstrengung Eigenschaften zu erringen, die wir nicht besitzen: Diese Eigenschaften sind vorhanden, die Möglichkeiten sind da, die Unsterblichkeit ist da, die Vollkommenheit ist da – sie sind nur von einem Schleier verhüllt.

Das Supramental ist genau das, was jetzt den Schleier der Welt lüftet – uns zum Trotz.

Hier hinter dem Schleier befindet sich der unsterbliche göttliche Mensch (übrigens sprach Sri Aurobindo zum Schluß von einem göttlichen Körper und nicht von einem göttlichen Menschen, als verstünde der Körper besser und schneller als wir). Und der Beweis – denn ich habe den Beweis aus meiner eigenen Erfahrung – ist, daß, sobald man sich im anderen, wahren Bewußtsein befindet, all diese Dinge, die so reell und konkret erscheinen (all die angeblichen physischen Gesetze, Ursachen, Wirkungen und Konsequenzen – kurz, alles, was die Wissenschaft auf physischer, materieller Ebene entdeckt hat) sich augenblicklich ändern. Eine ganze Anzahl von Dingen, gewisse materielle Bedingungen meines Körpers – materielle Bedingungen – änderten sich im Nu. Es dauerte nicht lange genug, damit sich alles hätte ändern können, aber einige Dinge änderten sich und sind nie mehr in die alte Lage zurückgefallen, sondern sind verändert geblieben. Das bedeutet, wenn dieses Bewußtsein ständig beibehalten würde, wäre dies ein Zustand immerwährenden Wunders – ein phantastisches fortwährendes Wunder. Aber vom supramentalen Standpunkt aus betrachtet wäre es ganz und gar kein Wunder sondern das Natürlichste der Welt.

Eine phantastische Veränderung der Wirklichkeit erwartet uns.

Was wir als die konkrete Realität bezeichnen, ist in Wirklichkeit eine Scheinrealität.

Uns bleibt jetzt noch, den Mechanismus des Schleiers zu entdecken. Das ist Mutters nächste Geschichte.

Werden wir es alle schaffen, oder wird es nicht ohne Brüche abgehen?

Die allmächtige Sprungfeder

Dieser “Schatz im ewigen Felsgestein” begann, seine Natur, seine Kraft und auch sein Versteck – oder besser das, wodurch es verdeckt ist – ein wenig mehr zu enthüllen, dank einer dritten Erfahrung, im November 1958, kurz vor dem entscheidenden Wendepunkt in Mutters Leben. Ich versuche hier recht ungeschickt (dessen bin ich mir bewußt), etwas zu entziffern, das der Sprache von morgen angehört, mit Hilfe von armseligen Bildern, die wohl ebenso unklar anmuten, wie dem Steinzeitmenschen das Einmaleins eines Erstklässlers erschienen wäre. Aber jedenfalls besteht eine Tatsache, und diese Tatsache müssen wir erfassen. Wir sind keine Mystiker, wir arbeiten uns mühsam durch eine Realität hindurch, die für die Sinne der Kinder der neuen Welt, die wir sind, schwierig zu erfassen ist.

Diese Erfahrung fand während einer der letzten “Mittwochsklassen” statt. Mutter saß vor dieser amorphen und braven Menge, die gutwillig und höflich zuhörte, dabei jedoch das Leben unverändert in seinen gewohnten alten Bahnen weitertrottete. Man saß da auf dieser wundervollen Wiese aus Licht, weidend und wiederkäuend und stellte sogar Fragen, die den Eindruck erweckten, daß am Mental nach alledem doch etwas Gutes (!) sei, und Mutter hätte wie Sri Aurobindo bis in alle Ewigkeit reden und hundertsiebentausend Klassen halten können (statt hundertsiebentausend Briefe zu schreiben, wie Sri Aurobindo es tat), ohne daß dieser Ashram je einen wirklichen Fortschritt gemacht hätte. Das war es, was Mutter langsam zu begreifen begann. Sie war nicht am Problem des Ashrams sondern an dem der Welt interessiert: Ich bin nicht auf diese Erde gekommen, um einen Ashram zu gründen! Das wäre wahrhaftig ein sehr ärmliches Ziel.3 Und später sagte sie mir: Dort auf dem Sportplatz mußte ich kämpfen, um ein wenig Aufnahmefähigkeit zu finden… Später wird die Situation kaum besser, aber wie dem auch sei, an jenem Abend jedenfalls, nachdem sie alle ihre hoffnungslosen “Fragen” gestellt hatten und die Lichter für die übliche Meditation ausgedreht waren, fragte Mutter sich: Was steckt nur in diesen Gehirnen, die sich für nichts anderes als ihren eigenen kleinen Kram interessieren? Ich wunderte mich: “Ja, kann man denn mit einem solchen Material überhaupt etwas anfangen?…” So fing ich während der Meditation an, in die mentale Atmosphäre der Leute hinabzusteigen, auf der Suche nach einem kleinen Licht, nach etwas, das antworten würde. Dabei wurde ich buchstäblich nach unten gezogen, wie in ein Loch… In diesem Loch… ich habe noch genau vor Augen, was ich dort sah: ich stieg wie in eine Spalte zwischen zwei steil herabfallenden Felsen hinab, Felsen, die aus etwas Härterem als Basalt bestanden, schwarz, aber gleichzeitig metallisch, mit so scharfen Kanten… daß man das Gefühl hatte, bei der geringsten Berührung würde man zerfetzt. Es schien endlos und bodenlos und wurde enger und enger und enger, wie ein Trichter, so eng schließlich, daß kaum noch Platz war, um hindurchzukommen, nicht einmal für das bewusstsein. Der Boden war unsichtbar: ein schwarzes Loch. Und es ging hinab und hinab… als ob ich an dieser Felsspalte entlangglitt. Es schien überhaupt kein Ende zu nehmen und wurde immer beengender, erstickender, unerträglicher… Mutters Beschreibung frappierte mich, weil ich persönlich eine ganz analoge Erfahrung gemacht hatte, es war die Erfahrung des Todes.* Ich trat in einen Tod aus erstickendem schwarzen Basalt ein, genauso, wie sie es beschrieb. Ist das also der Sitz des Todes? Wenn ja, dann ist das Folgende höchst interessant…

So fragte ich mich: Aber was befindet sich bloß auf dem Grund dieses Loches?… Kaum hatte ich diese Frage formuliert, war es, als hätte ich eine Sprungfeder in der Tiefe des Loches berührt, eine Sprungfeder, die ich nicht gesehen hatte, die aber augenblicklich mit einer ungeheuren Macht in Aktion trat und mich mit einem Schlag emporkatapultierte, mich aus dieser Felsspalte hinausschleuderte in eine grenzenlose, formlose Unermeßlichkeit… in der die Saat der neuen Welt vibrierte. Es war allmächtig und von unendlichem Reichtum. Es war, als bestünde diese Unermeßlichkeit aus unzähligen unsichtbaren Punkten – Punkten, die keinen Platz im Raum einnahmen – aus warmem, tiefem Gold. Etwas, das einem mathematischen Punkt entspräche, aber wie lebendiges Gold war: ein Gestäube aus warmem Gold… [Auf dieses warme Goldgestäube werden wir noch des öfteren zurückkommen: es ist die supramentale Substanz – auf dem Grund des Loches, hinter dem “Tod”.] Man kann es weder als glänzend noch als dunkel bezeichnen. Es war auch kein Licht, sondern eine Vielfalt winziger goldener Pünktchen, sonst nichts. Sie schienen meine Augen, mein Gesicht zu berühren und enthielten eine solche Kraft und Wärme – es war ungeheuer! Das gibt uns den Eindruck, an einer mikroskopischen Beschreibung dessen teilzunehmen, was die Welt der wahren Materie wäre, “hinter” dem trüben Staubschleier unserer Atome und sonstigen Partikel – der wahre Kern der Dinge. All das war so vollkommen lebendig, lebendig dank einer Kraft, die unerschöpflich zu sein schien. Dennoch war es unbewegt. Eine vollkommene Unbewegtheit mit einem Gefühl der Ewigkeit, jedoch von einer so unglaublichen intensität der Bewegung und des Lebens!… Wieder treffen wir auf eines der Charakteristiken des Supramentals: das Supramental ist der Berührungspunkt der Gegensätze, ungeheurer Dynamismus im absoluten Frieden, als sei dieser Dynamismus selbst aus der Kraft dieser Unbewegtheit hervorgegangen. Ein solcher Friede – der Friede der Ewigkeit. Eine Stille, eine Ruhe, eine kraft zu allem fähig. Und alles Formlose besaß die Kraft, Gestalt anzunehmen.

Hiermit ist uns ein Einblick in die supramentale Substanz gestattet, sie wird die Körper von morgen, die Gegenstände von morgen hervorbringen – sie bringt sie vielleicht jetzt schon hervor – sie ist die wahre Materie, aus der alles besteht, die wir aber, so wie sie ist, weder sehen noch leben: Da ist noch ein “fehlendes Bindeglied” – ein Schleier. Aber das wirklich außergewöhnlich Interessante an dieser geheimnisvollen Geographie, in der wir uns vorzutasten beginnen, ist, daß Mutter diesen supramentalen “Ort” oder diese supramentale Welt auf der anderen Seite (oder auf dem Grund) des mentalen Unbewußten fand. Das ist eine ungeheure Entdeckung, die nach nichts aussieht – eine wirkliche Ent-Deckung. Denn all das, diese neue Welt, dieses all-mächtige Goldgestäube, das Formen erzeugen kann, befindet sich nicht irgendwo dort am anderen Ende einer wer weiß wie weit entfernten Evolution, am entlegenen Ende entwickelter Muskeln und mühevoller Jahrhunderte und einer endlos zu reinigenden, zu klärenden, zu verfeinernden Materie – es liegt direkt hinter dem mentalen Unbewußten. Es ist da, sofort, “eine Sprungfeder, die ich nicht gesehen hatte”. Es ist von uns nur durch das Mental getrennt: durch die Wurzeln des Mentals. Das Mental ist der Schleier – aber wie weit reichen diese Wurzeln in die Materie hinab, wie weit verschleiern und verdunkeln sie die Materie? Das ist das große Rätsel. Wir waren gewohnt zu denken, das Unbewußte, so wie Sri Aurobindo und alle Rishis es beschrieben, sei die Urmaterie der Welt, die evolutionäre Urschicht sozusagen, der erste Nährboden, auf dem alles übrige wuchs. Aber das ist nicht wahr! Es ist nicht mehr wahr. Dieser Nährboden ist nicht unbewußt, die Rishis sprachen ausdrücklich von dem “bewußten EINEN in den unbewußten Dingen”, und Sri Aurobindo selbst sagte: Die Verneinung der Materie [denn er vermied absichtlich, es das Unbewußte zu nennen] ist ein verschleiertes, involviertes oder schlafwandlerisches Bewußtsein, dem latent alle geistigen Kräfte innewohnen.4 Das wahre Unbewußte, also das Nicht-Bewußte, trat erst später im Verlauf der Evolution auf, ein Schleier der Unbewußtheit überfiel die Materie, verhüllte ihre Macht, ihr Licht, ihre geschmeidige Plastizität und machte aus ihr eine erstarrte, verhärtete, unveränderliche, degenerierende Karikatur – etwas, das stirbt, weil es sich nicht mehr zu erneuern vermag. Das ist genau die Welt der Felsen mit ihren scharfen metallischen Kanten – schwarz und ohne Luft, wie Mutter sie sah. Das ist der Tod. Der Tod ist ein mentales Phänomen und kein materielles. Nur unser mentaler Körper, so wie er vom Mental wahrgenommen, vom Mental empfunden, vom Mental erlebt wird, stirbt. Es ist also ein falscher Tod, genauso falsch wie unser Leben – das falsche Leben stirbt. Aber es ist ein Schleier… über etwas anderem, das materiell ist. Nein, es handelt sich keineswegs um ein Paradies des Bewußtseins da oben, nach dem “Tod”, sondern um eine materielle Welt aus der wahren Materie auf der anderen Seite dieses Todesschleiers, der lediglich der Tod des Mentals ist. Eine andere Materie in der Materie, ein anderer Kontinent im Kontinent. Aber um dahinzugelangen, ist es nicht nötig zu sterben. Wir brauchen nur den Schleier wegzuziehen und das wahre Leben in unser Leben einströmen zu lassen, die wahre Materie in unsere geklärten Augen, in unsere entschlackten Zellen – die wahre Bewegung der Materie, ihre wahre Geschmeidigkeit, ihr wahres Licht und ihr wahre Wärme, ihre wahre kreative Macht der Formgestaltung. “Die physischen Körper kamen mir «brüchig» vor”, notierte Mutter während ihrer ersten Erfahrung. Eine ungeheure Veränderung der Wirklichkeit – eine Wirklichkeit ohne Tod.

Eine ungeheure Entdeckung, großartiger vielleicht als an jenem Tag, da ein erster Hominide feststellte, daß die nächste Welt nicht in einem wunderbaren Traum jenseits des Schlafs zu finden ist sondern direkt hinter einer Minute des Nachdenkens.

Die ganze Schwierigkeit besteht darin herauszufinden, wo sich die neue Welt befindet.

Mutter brachte ihr Erstaunen zum Ausdruck, ohne aber alle Konsequenzen zu ermessen (die Konsequenzen mußten “ausgearbeitet” werden): Es war die mentale Unbewußtheit. Denn der Ausgangspunkt der Erfahrung war mental [sie war in die mentale Atmosphäre der Kinder hinabgestiegen, um zu sehen, warum sie so blockiert waren]. Eine ganz spezielle Unbewußtheit – starr, hart, widerspenstig – mit allem, was das Mental in unser Bewußtsein gebracht hat: Es ist viel schlimmer, viel schlimmer als eine rein materielle Unbewußtheit [sogar die Mundwasserflaschen sind nicht so!], sozusagen eine “mentalisierte” Unbewußtheit. Diese ganze Steifheit, diese Härte, diese Engstirnigkeit, diese Starrheit – eine Starrheit –, all das ist dem Einfluß des Mentals in der Schöpfung zuzuschreiben. Bevor das Mental sich manifestierte, war das Unbewußte nicht so, es war ohne Form und besaß die Plastizität des Formlosen – diese Plastizität jedoch existiert nicht mehr. Welch schreckliches Bild [die Basaltfelsen] der Wirkung des Mentals im “Unbewußten”. Es hat das Unbewußte aggressiv gemacht – vorher war es nicht so. Aggressiv, widerspenstig, starrsinnig. Vorher war das nicht so. Es ist nicht die “ursprüngliche” Unbewußtheit, könnte man sagen, sondern wir haben es hier mit einer mentalisierten Unbewußtheit zu tun, der all das anhaftet, was das Mental an Widerstand, an Abwehr, an Härte, an Starrheit mit sich brachte… So weigert sich die mentale Unbewußtheit, sich zu ändern – was für die andere nicht der Fall ist; denn die andere hat nichts, existiert nicht, ist in keiner Weise organisiert, hat überhaupt keine “Seinsart”, hingegen ist das hier eine “organisierte” Unbewußtheit – eine Unbewußtheit, die sich in ihrer Weigerung, sich zu ändern, organisiert hat. Hundertmal schlimmer!… Das ist eine völlig neue Erfahrung. Wir glauben in der Tat gerne, daß es sich um eine außergewöhnliche neue Erfahrung handelt, deren Konsequenzen wir noch nicht ermessen können. Denn das ändert sowohl die gesamte Bedeutung des Todes als auch die des Lebens, als ginge dieses Leben mit diesem Tod Hand in Hand, oder besser, als sei dieser Tod genauso falsch wie dieses Leben. Der Tod existiert nicht, es ist etwas anderes – das vielleicht den Schlüssel des Phänomens enthält. Ein Schleier des Todes muß durchschritten werden – und die ganze Erde muß ihn gemeinsam durchschreiten, mit weit offenen Augen. Während sie mir die Notizen der Erfahrung vom 7. September 1958 diktierte, hatte Mutter plötzlich eine Eingebung: Auf dem tiefsten Grund der härtesten, der starrsten, engsten, erstickendsten Unbewußtheit berührte ich eine allmächtige Sprungfeder, die mich mit einem Schlag in eine formlose und grenzenlose Unermeßlichkeit schleuderte, in der die Saat der neuen Welt vibrierte. Hier hielt Mutter inne, schaute mich an, als sei die ganze Erde vor ihr ausgebreitet: Diese allmächtige Sprungfeder ist genau das Bild dessen, was sich ereignet – was sich ereignen muß, was sich für alle ereignen wird: plötzlich wird man in eine Unermeßlichkeit geschleudert.

Die gesamte Erde.

Krishna aus Gold wächst unter uns. Ein “warmes Goldgestäube” ist dabei, den mentalen Felsen zu zersprengen, zu Staub zu zermalmen. Der Tod liegt im Sterben.

Wir müssen die Sprungfeder finden.

8. Kapitel: Das Dreifache Ende

Mutter erreichte den Wendepunkt.

Sie sah diese supramentale Welt, diese ungeheure supramentale Schöpfung zweifellos besser als wir, aber trotzdem war es für sie ein ebenso großes Mysterium wie für uns: wie kommt man dahin, wie kann man die Verbindung damit herstellen? Im Kopf kann man sich so viele Verbindungsmöglichkeiten ausdenken, wie man will, aber auf dieser Ebene wird es nicht stattfinden. Und wie wird es überhaupt im Körper stattfinden, wie kann es stattfinden? Wir sind geradezu mit einer Art lebendiger Unmöglichkeit konfrontiert. Dennoch ist da diese ungeheure Kraft – sie sah sie: eine Kraft, die alles auflösen und alles neu erschaffen kann. Ja, das ist schön und gut, und wenn wir wieder von vorne anfangen könnten, wäre das geradezu ein Kinderspiel, aber wir müssen mit dem beginnen, was schon da ist, mit einem alten Körper, der seine Lebensgewohnheiten, seine Zellfunktionen und Organe hat wie jedermann: Was das Herz betrifft, nun, das Herz müßte durch das Kraftzentrum ersetzt werden – eine ungeheure dynamische Kraft, sagte sie lachend. In welchem augenblick wird man den Blutkreislauf stoppen und an seiner Stelle die Kraft hineingeben?… Was so phantastisch erscheint, ist der Übergang vom einen zum anderen und nicht so sehr die Tatsache eines Körpers, der von supramentalen Energien aktiviert wird. Daß wir vom Blutkreislauf abhängen, um leben zu können, und essen müssen, um Blut zu haben, und so weiter, mit allem, was dies miteinbezieht, ist eine so schreckliche Einschränkung und Sklaverei! Solange das materielle Leben davon abhängt, können wir offensichtlich nicht erreichen, daß unser Leben göttlich wird.1 Wie kommt man dahin? Das erschien ihr als das Mysterium schlechthin. Und sie kam zu dem sehr logischen Schluß: Wir müssen zunächst die Fähigkeit erlangen, das Leben beliebig zu verlängern. Wenn nämlich die verschiedenen Funktionen der Organe, Nerven und Zellen eine nach der anderen transformiert werden sollen, dann braucht das Zeit. Über einige Jahrhunderte hinweg ist das vorstellbar. Wenn man sich also einmal entschlossen hat, seinen Körper zu transformieren, dann muß man auch die notwendige Geduld aufbringen – dreihundert, fünfhundert, tausend Jahre, was auch immer – wieviel Zeit auch immer es braucht, um sich zu ändern. Ich persönlich rechne mit mindestens dreihundert Jahren.2

Bis sie schließlich auf ihrem Weg einigen völlig neuen und unerwarteten Tatsachen begegnete. Vier Jahre später erklärte sie dann: Man nennt es nur deshalb Transformation, weil man nicht weiß, was es ist. Wüßte man, was es ist, würde das bedeuten, daß man bereits angefangen hätte, es zu verwirklichen. Zum Glück, denn offen gestanden jagt mir der Gedanke an all diese Jahrhunderte einen Schauder über den Rücken, und ich kann mir vorstellen, daß er allen einen Schauder über den Rücken jagt, außer denjenigen, denen sowieso alles egal ist oder die nichts anderes wünschen, als sich ohne allzu große Unannehmlichkeiten in ihrem kleinen mechanischen Trott weiterzudrehen – von denen gibt es einige hundert Millionen… Diese riesige Masse Unsinniger wirft einen weiteren Aspekt des Problems auf – “unsinnig” im buddhistischen Sinn: die, die keinen Sinn haben. Ja, was wird aus denen? Im Jahr 1958 hatte die “supramentale Katastrophe” noch nicht allzu sichtbar damit begonnen, ihren segensreichen Schaden zu verbreiten.

Der erste Schaden wird die Religionen treffen, die herrschende religiöse Ordnung. Den zweiten Schaden werden Politik und Finanzen erleiden mitsamt dem ganzen daraus entstandenen System: die herrschende materialistische Ordnung. Und der dritte?… Vermutlich wird es zu einer mysteriösen rapiden Degeneration jener Elemente kommen, die sich als entwicklungsunfähig erweisen.

Eine Stunde der Wahl.

Ein ganzer Teil der Menschheit, und zwar der Teil, der sich bewußt oder unbewußt den neuen Kräften geöffnet hat, wird sich mehr und mehr von dieser neuen Substanz und diesem neuen Bewußtsein durchdringen lassen, bis er zu ihnen aufsteigt, um als Bindeglied zwischen den beiden zu dienen… Diejenigen aber, die sich nicht erheben können, die sich dem Fortschritt verweigern, werden “entmentalisiert”, sie werden automatisch den Gebrauch des mentalen Bewußtseins verlieren und auf eine unter-menschliche Entwicklungsstufe zurückfallen. Man muß sich erheben, ins Licht und in die Harmonie emportauchen, oder man fällt zurück in die Einfachheit eines animalischen und gesunden Lebens, frei von Perversionen.3

Für einmal wenigstens hätte die Seelenwanderung einen Sinn.

Das war 1958, das Jahr von de Gaulle und Chruschtschow.

Das Ende der Religionen

Mutter war mit ihren eigenen irdischen Musterexemplaren konfrontiert… Wie schwerfällig und manchmal sogar erdrückend war doch diese Menge, wie wenig geneigt, sich vorwärtszubewegen, und sie hätten sich am liebsten mit irgendeiner kleinen hygienischen Insel und einigen guten kleinen Meditationen zufrieden gegeben, denn schließlich ist man ja “Spiritualist”, bereit, ein wenig zu arbeiten, nicht zuviel, sondern gerade genug, um mit seinem Gewissen im reinen zu bleiben, auch macht man körperliche Übungen, damit der Körper einem nicht allzu viele Scherereien bereitet. Was das übrige betrifft, nun ja, es geht weiter in seinem Trott. Die menschlichen Höhepunkte reichen nicht sehr hoch, und falls sie dennoch den Wunsch verspüren, etwas höher zu fliegen, bohren sie sich ein Loch nach oben und lächeln den Engeln zu… und fallen wieder schön auf die vier Pfoten ihrer guten alten Animalität zurück, die ihnen das Gefühl verleiht, daß das Leben trotz alledem “existiert”. In diesem Stil geht es dann weiter. Entsetzlich! Immer wieder fegte Mutter mit ihrem Orkan und ihrem Lächeln darüber hinweg, aber man hatte den Eindruck – und sie gewann diesen Eindruck mehr und mehr –, daß sie tonnenweise Orkane auf diese Menge hätte schütten können, ohne daß sich irgend etwas nennenswert geändert hätte. Eines Tages sagte sie ihnen auf dem Sportplatz mit ich weiß nicht welcher Mischung aus Traurigkeit und Empörung: Am Anfang meiner gegenwärtigen irdischen Existenz begegnete ich vielen Leuten, die mir zu verstehen gaben, daß sie eine starke innere Aspiration, ein Bedürfnis nach etwas Tieferem, Wahrerem verspürten, daß sie aber durch die zwingende Notwendigkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gebunden, gekettet und versklavt seien, was so sehr auf ihnen lastete und ihnen so viel Zeit und Energie raubte, daß sie sich keiner anderen Aktivität widmen könnten, sei sie innerlich oder äußerlich. Das hörte ich sehr oft. Ich sah viele arme Leute (ich meine nicht “arm” im finanziellen Sinn), arm, weil sie in einer materiell engen und geistestötenden Notwendigkeit gefangen waren. Ich war noch sehr jung zu jener Zeit und nahm mir vor, daß ich, wenn es mir jemals vergönnt sein sollte, versuchen würde, eine kleine Welt – oh, eine ganz kleine Welt – ins Leben zu rufen, in der die Leute leben könnten, ohne sich um ihre Nahrung, Wohnung, Kleidung und all diese zwingenden Notwendigkeiten des Lebens sorgen zu müssen, denn ich wollte sehen, ob sich alle durch die Gewißheit einer sicheren Existenz freigewordenen Energien dann spontan dem göttlichen Leben und der inneren Verwirklichung zuwenden würden. Ungefähr in der Mitte meines Lebens – was man im allgemeinen als die Mitte eines menschlichen Lebens bezeichnet – war es mir nun möglich, meinen Vorsatz zu verwirklichen, das heißt, die Voraussetzungen für ein solches Leben zu schaffen. Das Ergebnis war, daß ich erkannte, daß es nicht diese Notwendigkeiten sind, die die Leute hindern, sich einer inneren Verwirklichung zu widmen, sondern eine Willensschwäche, ein Mangel an Aspiration, ein elendes Sich-Gehenlassen, eine Dickfelligkeit, und daß im Gegenteil diejenigen, die den schlimmsten Lebensbedingungen ausgesetzt sind, manchmal am besten reagieren und in intensivster Aspiration leben.4

Auch das ist eine Bilanz.

Es fehlte übrigens nicht an achtbaren und höchst “spirituellen” Leuten, die meinten, daß dieser Ashram einer “Säuberung” bedürfe, worauf Mutter antwortete: Sie vertreten noch immer die Auffassung, daß alle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden müssen – das genaue Gegenteil dessen, was Sri Aurobindo tat. Sri Aurobindo akzeptierte alle mit offenen Armen und wirkte auf sie ein, bis sie aufhörten, Hindernisse zu sein. Aus dem Weg räumen, aus dem Weg räumen – das führt schließlich dazu, daß alles im Leben, was nicht auf das Göttliche antwortet, aus dem Weg geräumt werden müßte. Was bliebe da noch übrig…? Man wollte mir sogar zu verstehen geben, daß bestimmte Leute im Ashram seien, die “gar nicht hierher gehören”. Ich erwiderte, daß alle im Ashram sein sollten. Und da ich nicht die ganze Welt hier unterbringen kann, muß ich versuchen, wenigstens einen Repräsentanten jeden Typs aufzunehmen. Und mit ihrem charmanten Lächeln resümierte sie: Alle diese Leute, die eine spirituelle Anstrengung unternehmen, bringen Tonnen von Moral mit. Nein, es war keine Frage der Moral des Ashrams, auch nicht der Spiritualität des Ashrams, sondern es ging um ein ganz anderes Problem. In Wirklichkeit ging es darum, eine Umkehrung der Spiritualität zu bewirken – man könnte es beinahe eine Veränderung des Göttlichen nennen –, die göttlichen Türen der Materie zu öffnen, nicht um kleine Sünden zu reinigen oder Tugenden aufzupolieren. Sobald man die Leute dazu ermuntert, über ihre Moral hinauszugehen, fallen sie prompt auf das Niveau der Immoralität ab. Und so dreht man sich endlos im Kreis, mal heißt es ja, dann nein, mal heißt es Gott, dann der Teufel, mal ist es gut, mal böse… Einige tausend Jahre dauert dieses “spirituelle” Hin- und Hergependel nun schon. Da meditieren und meditieren wir, um aus diesem Engpaß herauszukommen, und je mehr wir meditieren, desto bestialischer wird das Biest und desto heiliger der kleine Heilige. Und so geht es weiter. Eine Menge kleiner Ashrams wird gegründet, damit es schön so weitergeht. Darin sind dann die “Guten” der Schöpfung. Amen. Und die Bösen sind draußen, wir sind es natürlich nicht. Aber Mutter hatte nie beabsichtigt, derartige Ashrams entstehen zu lassen. Übrigens kapierten die “Guten” ebensowenig wie die “Bösen” – keiner begriff, welche Revolution sie durchführen wollte. Es geht nicht darum, eine Religion zu gründen, sagte Sri Aurobindo schon fünfundzwanzig Jahre früher, sondern einen Weg zu öffnen, der noch versperrt ist.5

Der Weg war in erster Linie im Bewußtsein versperrt durch eine bestimmte gewohnheitsmäßige Art, die Welt zu betrachten, und es machte keinen Unterschied, ob man sie durch die spirituelle oder die materialistische Brille betrachtete; auf der einen Seite war es fast genauso falsch wie auf der anderen: ein und dieselbe Art der Entstellung, die eine oben, die andere unten. Wie sehr versuchte sie, ihnen das klar zu machen! Diese letzten Klassen der Fragen und Antworten auf dem Sportplatz – acht Jahre der Fragen und Antworten – wirken im Rückblick, wenn man sie liest, geradezu erschütternd: Man fühlt wirklich, wie sehr sie einen Weg im Bewußtsein der Schüler zu bahnen versuchte, wie sehr sie alle in ihren großen Augen aufnahm, als wollte sie die ganze Welt erfassen: wenn doch wenigstens einer oder zwei es verstanden hätten! Irgendwo mußte das Verständnis ja beginnen, in irgendeinem Winkel, und sei es auch nur ein einziges Wesen auf der Welt. Eine neue Welt fängt mit einem an. Eines Tages, nachdem auf dem Sportplatz wie jede Woche ein Film gezeigt worden war – ein sehr schöner indischer Film über Ramakrishna, den hinduistischen Religionskult und die Bedeutung der Götter im Leben, das “höchste” Etwas, das alle diese Götter versinnbildlichen mit diesem Gesang der Seele hinter allem, überall – kurz, etwas viel Höheres als unsere westliche Vorstellung von “Gott”, da sagte sie ihnen: Ich sah vor mir diese ganze Welt der religiösen Anbetung und Aspiration, die ganze Beziehung der Menschen zu den Göttern, das, was die Krönung der spirituellen menschlichen Bemühung auf der Suche nach etwas Göttlicherem als der Mensch darstellte (ich rede schon in der Vergangenheit), etwas, das der höchste und fast reinste Ausdruck seines Strebens nach dem war, was über ihn hinausgeht. Und plötzlich fühlte ich auf konkrete, materielle Weise, daß all das eine andere Welt war, eine Welt, die aufgehört hat, wirklich und lebendig zu sein, eine veraltete Welt, die ihre Realität, ihre Wahrheit verloren hat, die von etwas überholt und übertroffen wurde, das geboren wurde und das erst angefangen hat sich auszudrücken, dessen leben aber so intensiv, so wahr, so erhaben ist, daß all das falsch, unwirklich und wertlos wirkte. Da verstand ich es wirklich, weil ich es nicht mit dem Kopf, nicht mit der Intelligenz, sondern mit dem Körper verstand – seht ihr, was ich meine? – ich verstand mit den Zellen meines Körpers, daß eine neue Welt geboren wurde.6

Alles ist da, wir müssen die Dinge nur anders betrachten. Solange wir unseren Blick auf den Himmel oder die falsche Materie heften, werden wir nichts davon verstehen und sehen, wir befinden uns mitten im schieren Wunder, ohne es zu sehen. Nein, die großen Wendepunkte der Evolution werden nicht im Erlangen eines höheren und erweiterten Bewußtseins herbeigeführt, sondern allein dadurch, daß wir uns auf eine neue und präzisere Art dessen bewußt werden, was schon immer da war. Wir können es ein Wachsen der Genauigkeit nennen. Oh, wie sie alle wachzurütteln versuchte, es war geradezu erschütternd, ihr zuzuhören, als hinge das Schicksal der Welt von einigen weniger getrübten Augen ab. Aber alle jammerten nur: “Ich sehe nichts.” Ich selber fragte Mutter: “Aber kann nicht die Seele aus eigener Kraft die Materie ändern? Kann nicht auch sie, wie die Wissenschaftler, physische Wunder bewirken?” (Denn ich konnte es nicht lassen zu denken, dieses “andere Etwas” müsse etwas Wunderbares sein, eine Art außergewöhnlicher Umbruch, der käme, um sich wie ein Super-Wunder auf die Erdoberfläche zu pflanzen und sämtliche Wunder der Wissenschaft zu übertreffen. Wir nehmen also unseren heutigen Zauberer, den Wissenschaftler, und wollen es besser machen als der Zauberer, was nichts anderes heißt, als daß wir es genauso wie der Zauberer machen wollen – nur besser. Das ist aber keine Lösung!) Die Seele hat diese Kraft, antwortete Mutter, und ständig macht sie Gebrauch von ihr, nur ist sich das menschliche Bewußtsein dessen nicht bewußt. Der große Unterschied zeigt sich erst dann, wenn das menschliche Bewußtsein sich dessen bewußt wird. Aber es wird ihm etwas bewußt, das schon immer da war. Das Problem besteht nicht so sehr darin, auf die Materie einzuwirken – was ohnehin ständig geschieht – als vielmehr das Verständnis zu öffnen, das ist das Schwierige. Denn die Dinge, die man noch nicht erfahren hat, sind inexistent. Die Transformation kann sich bis zu einem gewissen Punkt vollziehen, ohne daß man sich dessen überhaupt bewußt wäre. Man sagt, daß heute ein großer Unterschied bestünde: denn als der Mensch in der Evolution auftauchte, hatte er keine Möglichkeit, dies mitzuverfolgen, hingegen jetzt… Aber da bin ich anderer Meinung, die Lage ist genau die gleiche: trotz allem, was der Mensch verwirklichte, hat er diese Möglichkeit immer noch nicht erlangt. Gewisse Dinge können eintreten, die er erst viel später erkennt, wenn “etwas” in ihm genügend entwickelt ist, um sie wahrzunehmen. Unsere Vorstellung des Wunderbaren gehört zu den falschen Möglichkeiten. Das Mental erfand den Begriff “Wunder”, denn in seiner Vorstellung folgt alles irgendwelchen Gesetzen, und sobald sich etwas außerhalb der Gesetze abspielt, ist es ein Wunder. Aber diese Gesetze sind mentale Gesetze, mentale Erfindungen, eine durch das Mental betrachtete Materie – außerhalb des Mentals ist alles ein Wunder, ein ständiges Wunder. Oder eher alles ist wunderbar natürlich. Eine Natürlichkeit, die wir nicht sehen. Das Supramental ist das natürliche Wunder der Materie. Die wahre Sicht ist die Sicht des immerwährenden Wunders. Es ist nicht nötig, Wunder und Märchen zu fabrizieren. Sie sind da. Wir brauchen sie nur zu sehen, wir brauchen sie nur zu leben, wir brauchen uns nur von ihnen formen zu lassen – ohne das Eisengitter unserer mentalen Unmöglichkeiten. Dann ändert sich alles, ändert sich materiell. “Das Göttliche wird zur Materie”, sagte Mutter. Das ist das nächste Evolutionsstadium, das jetzt entsteht und an den Tag tritt. Ja, es durchbricht die alte Kruste.

Zugleich waren all die höchsten Erfahrungen der Befreiung, des Nirvana, der kosmischen Unermeßlichkeiten und sämtliche göttlichen Visionen aller Zeiten, Länder und Sprachen durch diese neue Wahrnehmung wie aufgelöst oder “entthront”, als gehörten die Götter, Wunder, Befreiungen, Paradiese und all das noch dem Mental an, als seien sie nichts als mentale Spiegelungen, vielleicht die Wunderlampe des Mentals – aber nur eine Lampe, verglichen mit dem Goldgestäube der Materie. Das Supramental ist keine mentale Vision, die besser, weiter, umfassender und göttlicher wäre: Es ist nicht etwas, das über die höchste Höhe, die wir hier erreichen können, hinausgeht, versuchte Mutter zu erklären, es ist keine nächsthöhere stufe, keineswegs: wir befinden uns hier am Ende, wir sind am Gipfel angelangt, aber… die Beschaffenheit ändert sich. Wir stehen wirklich vor einer völlig neuen Bewußtseinswende. Wenn wir anfangen, ein spirituelles Leben zu führen, findet ein Bewußtseinswandel statt, der für uns das sichere Zeichen ist, daß wir in das spirituelle Leben eingetreten sind. Genauso findet ein Bewußtseinswandel anderer Art statt, wenn wir in die supramentale Welt eintreten. Und vielleicht kommt es jedesmal, wenn eine neue Welt sich öffnet, zu einer neuen Wende. So ist oder erscheint selbst unser spirituelles Leben, das im Vergleich zum gewöhnlichen Leben eine so totale Umkehrung darstellt, im Verhältnis zum supramentalen Bewußtsein und zur supramentalen Verwirklichung als etwas so vollkommen anderes, daß… es geradezu eine Umkehrung aller Werte bewirkt. Es ist, als bestünde unser ganzes spirituelles Leben aus Silber, das supramentale hingegen aus Gold, als sei das ganze spirituelle Leben hier eine silberne Schwingung, nicht kalt, aber einfach ein Licht, ein Licht, das bis zur höchsten Höhe reicht, ein vollkommen reines Licht, rein und intensiv, doch der anderen, der supramentalen Welt wohnen ein Reichtum und eine Kraft inne, die den ganzen Unterschied ausmachen. Dieses gesamte spirituelle Leben des psychischen Wesens und unser ganzes derzeitiges Bewußtsein, das dem gewöhnlichen Bewußtsein so warm, so erfüllt, so wunderbar und strahlend erscheint, nun, diese ganze Pracht wirkt armselig neben der Pracht der neuen Welt. Das ist es… ja, es ist beinahe, als sei der Höchste selber ganz anders.

Das ist das Ende der Religionen. Denn die Religionen sind nichts als das Mental, das etwas betrachtet, das es selbst nicht ist. Die andere Welt ist… so wie sie ist.

Unterdessen versuchten die Schüler noch immer eine “Synthese zwischen Westen und Osten” aufzustellen, eine “Vereinigung aller Weltreligionen”, eine “Kontinuität” höherer weltlicher Traditionen… und was weiß ich. Kontinuität ja, so wie der Vogel dem Reptil folgte, einverstanden, aber nicht im Addieren der Visionen aller westlichen und östlichen Saurier erlangen wir die Sicht des Vogels. Auch nicht, wenn wir die Upanischaden + das Evangelium + den Koran zusammenfassen und alles schön durcheinanderschütteln… Es ist eine ANDERE Welt! Wie schwer war es doch, das zu begreifen! Sri Aurobindo und Mutter lebten 78 bzw. 95 Jahre und fanden kaum drei Schüler, die etwas verstanden hätten, das vertraute Mutter mir an, bevor sie uns verließ – und es gibt jetzt bald sechs Milliarden Menschen auf der Erde.

Das Ende des Materialismus

Andere Mittel mußten gefunden werden. Die Welt läßt sich nicht mit “Fragen und Antworten” transformieren. Es mußte außerhalb und trotz der Köpfe der Leute stattfinden, sonst bliebe keine Hoffnung mehr. Und die Zeit drängte. 1958 war sie achtzig Jahre alt. Ihre ganze materielle Zeit war durch eine so erdrückende Arbeit völlig in Anspruch genommen, die jeden anderen sogar in der Blüte seines Lebens umgeworfen hätte. Offensichtlich schöpfte sie ihre Energie aus einer den Menschen noch unbekannten Quelle: es war einfach unglaublich, was sie in den zweiundzwanzig Stunden, die sie dem vierundzwanzig Stundenkreis entriß, alles leistete… ununterbrochen seit 1926. Inzwischen hatte sich der Ashram zu einem Großunternehmen entwickelt mit nahezu 1200 Mitgliedern im Jahr 1958, darunter mehr als 300 Kinder, und 250 Häusern. Sie kümmerte sich um alles, bis in jede kleinste Einzelheit, angefangen vom Auswählen der Papiersorte für den Druck eines Buches in der Ashramdruckerei bis zur Art und Weise, wie man Briefmarken auf ein Paket klebt oder den Umzug eines Schülers organisiert, damit er einen kleinen Garten mit einer frischen Brise vom Osten habe. Nichts wurde übersehen. Dazu endlose Briefe; ständig Zank und Streit; die Finanzen… unvorstellbar und an Wunder grenzend; die Kritiken… so engstirnig, so dumm! Man könnte einen Blick in die Archive des Quai d’Orsay werfen und würde auf giftige kleine Berichte stoßen, die von Generationen pflichtbewußter, in Pondicherry stationierter Beamter [der franz. Kolonialbehörde] verfaßt worden waren: unglaublich – kein einziger verstand, welche Bedeutung Mutter allein für Frankreich, für ihr eigenes Land hatte. Aber Mutter lachte nur. Eines Tages erzählte sie mir mit ihrem Humor, der die einzige Rettung vor dem ganzen Ausbruch an Dummheit sowohl von Seiten der “Guten” als auch der “Bösen” war: Ich erhalte überschwengliche Briefe voll überflüssiger Worte und andere, die unverblümten Zweifel zum Ausdruck bringen, indem sie mich ganz einfach beschuldigen, “trickreiche Methoden” anzuwenden, um das Unternehmen hier zu finanzieren!… Aber beide machen auf mich genau denselben Eindruck. Beide drücken ihre Vorstellung aus – und sie haben das Recht, sich vorzustellen, was immer sie wollen. Offengestanden wäre das einzige, was man ihnen antworten könnte: Habt die Vorstellungen, die euch zum Fortschritt verhelfen! So einfach strebte sie immer nur nach Fortschritt, diese Mutter, immer einen Schritt weiter und immer aus jedem Übel das Beste herausholend – sie interessierte der Fortschritt der Welt: Seid “gut” oder “böse”, das hat keine Bedeutung, denkt gut oder schlecht, es hat keine Bedeutung, aber um Gottes (oder um des Teufels) Willen, geht voran!

Es war nicht so sehr die erdrückende Arbeit, die schwer auf ihr lastete, als vielmehr die Zeit, die drängte. Eines Tages, während einer ihrer letzten “Mittwochsklassen”, rutschte ihr dieser Satz heraus (oder vielleicht auch nicht): Im Grunde geht es in diesem Rennen um die Transformation darum zu wissen, was von beiden zuerst ans Ziel kommen wird: derjenige, der seinen Körper dem Bild der göttlichen Wahrheit gemäß transformieren will, oder die alte Gewohnheit dieses Körpers, sich weiter zu zersetzen… Es ist ein Wettlauf zwischen Transformation und Verfall.7

Sind mit Transformation alle diese Jahrhunderte eines mühevollen, langwierigen Prozesses gemeint? Oder etwas anderes? Manchmal haben wir den Eindruck, daß es nicht so sehr ein Problem der Transformation ist als vielmehr des Todes: Ist dieses erst einmal gelöst oder erkannt oder außer Kraft gesetzt, dann wird sich alles übrige automatisch ergeben, als wäre es gerade der Tod, welcher der falschen Materie Substanz verlieh, die, die wir sehen und die so stumpf und starr ist und so unveränderlich, außer durch den Tod – denn nur im Sterben, im Zerfall und in ihrer Rückkehr zu Atomstaub vermag sie sich zu ändern. Dennoch ist da dieser “Goldstaub”. Was geschehen muß oder geschehen sollte, ist keine langsame, sich über Jahrhunderte hinausziehende Transformation dieser falschen Materie, sondern daß sie durch die wahre Materie ersetzt wird und das, was sie verhüllt, beseitigt wird. So könnte der Vorgang geradezu schlagartig stattfinden… vorausgesetzt, der Rest der Menschheit würde nicht durch die Gewalt des Vorgangs vernichtet – dieser Rest Menschen, die im Tod und durch den Tod leben, weil sie der Tod sind, der Tod ist ihr Gewebe. Kann ein Wesen wirklich den Schleier wegziehen, ohne ihn für alle wegzuziehen? Und wenn es den Schleier für sich allein wegzöge, könnte es dann weiterbestehen, ohne aus dem Blickfeld der Toten, die wir als lebendig bezeichnen, zu verschwinden? Mit welchen Augen würden sie es sehen, diese “Lebenden”, die nur den Tod und die Substanz des Todes sehen? Sobald etwas nicht mehr undurchsichtig ist, sehen sie es nicht mehr. Es bedarf einer minimalen Entsprechung mit den alten menschlichen Organen. Vielleicht war Mutter dabei, diese Entsprechung herzustellen oder vorzubereiten: die Augen der Welt vorzubereiten – die tausend Augen unserer Zellen. So wird eines Tages nur das Mental aufgelöst werden, während unsere Körper aus einem langen Alptraum erwachen. Manchmal habe ich das Gefühl, daß das ganze Mysterium der Zukunft ungeheuer einfach ist, von einer unvorstellbaren Einfachheit (ja, genau!), und daß uns etwas Überraschendes erwartet. Manchmal habe ich das Gefühl, daß alles da ist, wirklich alles, und es würde genügen, einen Auslöser zu finden – man müßte nur die Stelle finden. Einer wenigstens müßte den Mechanismus erfassen. Mutter sah alles und sagte alles – man kann es lesen, es steht tausendmal in ihren eigenen Worten geschrieben, nur begreifen wir nicht, daß es das ist. Denn es ist etwas, das unser Mental nicht fassen kann. Etwas, das gefunden werden muß. Wir tasten uns wie Blinde im Bereits-Entdeckten voran. Wir tasten uns in Mutters Entdeckung voran. Wir bewegen uns in einem großen Amazonien, das nur noch keinen Namen trägt; ein wenig wie ein erster Mensch, der seine Welt und seine Gegenstände zum ersten Mal zu benennen sucht und mit seinem Wort die Dinge aus ihrer Inexistenz hervorzieht, sie ins Sein ruft, indem er ihnen einen Namen verleiht. Werden wir die Stelle, den Schlüssel finden, der die Augen öffnet, das Wort entdecken, das die Dinge ins Sein ruft?

Ihre letzten Worte, ihre allerletzten Worte, die sie auf diesem Sportplatz an die um sie versammelte Schar von Kindern richtete, denen sie so sehr wünschte, daß sie die neue Welt sehen und berühren könnten, werden mir heute wieder in ihrer ganzen Schmerzlichkeit bewußt: Im Grunde ist die überwiegende Mehrheit der Menschen wie Gefangene mit all ihren Türen und Fenstern verschlossen, so ersticken sie (was ziemlich natürlich ist), sie besitzen aber den Schlüssel, der Türen und Fenster öffnet, nur benützen sie ihn nicht… Sie haben Angst – Angst, sich zu verlieren. Sie wollen “sich-selbst” bleiben, wie sie es nennen. Sie lieben ihre Falschheit und Versklavung. Etwas in ihnen liebt es und klammert sich daran. Sie haben das Gefühl, ohne ihre eigenen Begrenzungen nicht mehr zu existieren. Deshalb ist es ein so langer und schwieriger Weg.8

Das war am 26. November 1958.

Während sie sprach, fingen die Kleinen der “grünen Gruppe”, die neben ihr am Boden auf einer Matte tief und fest schliefen, auf einmal an, “Dinge zu sehen”. Inzwischen sind sie mehr als zwanzig Jahre alt und könnten uns erzählen, was sie damals sahen. Sie sahen eine seltsame Mutter, die größer war als sonst, in einem Körper, der aus einer anderen Substanz zu sein schien, einer Substanz, die von innen Licht ausstrahlte – eine wahre Mutter: für sie war es die “wahre Mutter”. Und einer von ihnen fragte: “Warum bist du so wie wir gekommen? Warum bist du nicht so gekommen, wie du wirklich bist?” Typische Reaktion eines noch nicht vom Mental manipulierten Kindes: Was ihm so erstaunlich vorkam, war nicht, daß Mutter strahlend und größer war, sondern daß sie sich nicht so in ihrer materiellen Form zeigte. “Warum bist du nicht so gekommen, wie du wirklich bist?” Und Mutters Antwort lautete ebenfalls ganz typisch: Wäre ich nicht so gekommen, wie ihr seid, hätte ich dir nie nahe sein können und dir nie sagen können: werde so wie ich.

Ja, natürlich! Denn schließlich soll die Welt nicht von einem Wunder überwältigt werden, auch nicht vom Wunder eines glorifizierten Körpers: Die Welt muß ihr eigenes Wunder finden. Wenn sie das gefunden hat, dann werden alle Wunder ganz natürlich sein. Mutters Mysterium ist nur unsere Unbewußtheit. Wir müssen den Schlüssel finden, wir müssen die Türen öffnen. Dann werden wir alle so wie sie werden – oder vielleicht sind wir schon so wie sie! Vielleicht existiert der wahre Körper schon, und es fehlt nur ein Bindeglied. Ein gewisser Schleier muß gelüftet werden… Die Materie ist so vollkommen anders, die Welt ist so vollkommen anders – wir haben überhaupt keine Ahnung! Ein Todesschleier überdeckt die Welt. Da sind Augen, die den Tod sehen und den Tod fabrizieren. Man wird uns für verrückt, schizophren, paranoisch erklären – denn sie klammern sich so sehr an ihren Tod, sie wollen unbedingt, daß die Dinge “so-und-nicht-anders” seien, das entspricht ihrem “Gesetz”, ihrem “gesunden Menschenverstand”, ihrem “Aber-ich-sehe-und-berühre-es-doch” – wie Affen, die den Schatten der Bäume betasten. Auch wir betasten den Schatten einer nie gesehenen Welt. Unsere Offensichtlichkeiten von heute sind wissenschaftliche Kindereien eines veredelten Affen. Im Grunde, sagte Mutter kurz und treffend, ist das materialistische Denken das Evangelium des Todes.

Aber angenommen, wir hätten ein für allemal genug von allen Evangelien, sei es das des Todes oder das des ewigen Paradieses? Angenommen wir fangen an, an die Wahrheit der Materie, an die göttliche Möglichkeit der Materie, an das göttliche Leben in einem wahren Körper zu glauben?

Ja, dann müssen wir uns auf die Suche nach der wahren Materie begeben, das ist alles, aber ohne jegliche Vorurteile den Tod oder das Leben betreffend, ohne die Vorurteile des veredelten Affen, seien sie wissenschaftlich, materiell oder spirituell. Unvoreingenommen! Mit offenen Augen für das Unerwartete. Denn es liegt genau dort, wo wir es am wenigsten vermuten.

Das wäre das Ende des Materialismus. Denn der Materialismus ist nichts weiter als das Mental, das sich mit etwas befaßt, das anders ist als es selbst. Die andere Welt hingegen ist ganz… so wie sie ist.

Dieser Materialismus geht mit jener Religion Hand in Hand.

Das Ende des Todes

Am 9. Dezember 1958, auf den Tag genau acht Jahre, nachdem Sri Aurobindo unter dem Flammenbaum mit den gelben Blüten bestattet worden war, wurde Mutter körperlich angegriffen und war gezwungen, alle äußeren Aktivitäten abzubrechen. Am 7. Dezember spielte sie ihre letzte Tennispartie und machte den letzten ihrer täglichen Besuche auf dem Sportplatz. So war sie in keiner Weise genötigt, irgend etwas zu entscheiden oder willkürlich zu unternehmen: die Umstände selbst veranlaßten sie – auf eine etwas brutale Weise –, genau das zu tun, was notwendig war. Und hierin zeigt sich sehr deutlich das Charakteristikum der neuen Kraft, die in der Welt wirkt: Diese Kraft arbeitet materiell, sie selbst schafft die Umstände, die uns zum Handeln zwingen. Besteht irgendein “Problem”, eine Schwierigkeit, ein Zögern, dann gibt sie nie eine mentale Antwort sondern liefert eine physische Antwort durch Tatsachen und Umstände. Sie ist eine Kraft, die ausschließlich und unwiderstehlich auf der Ebene der nackten Materie arbeitet – und zwar sehr brutal, durch “frappierende” Beispiele, wenn nötig. Während vieler Jahre beobachtete ich mit wachsendem Erstaunen, manchmal entzückt, manchmal verwirrt, das immer präzisere Wirken dieser Kraft – und immer noch wollen die Leute Wunder sehen, man fragt sich warum: Die Welt wimmelt nur so von Wundern. Allerdings muß man auf die richtige Stelle blicken und in der richtigen Weise sehen, ohne bestimmte Umstände anderen vorzuziehen, ohne sogar die eigene sogenannte Gesundheit vorzuziehen. Dann sieht man, wie das Ganze vor sich geht – bis in die kleinsten Einzelheiten. Dann fängt man an, die ungeheure totale Einheit der Materie zu erkennen, in der der winzigste Umstand, die unbedeutendste Begegnung, der leiseste Stoß wie durch die gleiche große Kraftwelle ausgelöst wird, die ein Erdbeben oder eine Revolution in Gang bringt. Und manchmal ahnt man sogar, wie ein winziger wahrer Stoß hier einen gewaltigen Stoß anderswo hervorrufen kann, wie sich eine winzige wahre Schwingung hier in irgendeinem Winkel der Materie auf die ganze Welt der Wesen und Dinge auswirken kann. Die neue Welt ist wirklich neu. Sie ist eine Welt, die sich nicht mehr des Mentals bedient: Sie ist Materie, die mit sich selbst spielt, bewußte Materie, wahre Materie, die jetzt wächst und die ganze sie überdeckende mentale Unbewußtheit durchbricht.

Mit achtzig Jahren begann Mutter mit dem Yoga der Zellen. Sie betrat das Warum und das Wie des Todes. Sie wagte den Versuch, den Schleier aufzulösen, durch den Tod zu gehen, ohne zu sterben, und in den Zellen ihres Körpers die tausend Augen unserer kleinen Zellen vorzubereiten, die vielleicht eines Tages erwachen, ohne daß wir wüßten wie. Und alles wird anders sein.

Der Tod wird tot sein, weil wir ihn nicht mehr sehen.

Außer für die, die noch wollen.

Es wird zu einem mysteriösen rapiden Verfall jener Elemente kommen, die sich nicht entwickeln lassen: derjenigen, die an die Wahrheit des Todes glauben.

Zweiter Teil. Das Durchschreiten des Schleiers oder die Reinigung der Zellen

9. Kapitel: Der Wald

Nun betreten wir den Wald.

Blindlings treten wir da ein, ohne wirklich etwas zu wissen. Es sprießt und wächst von allen Seiten, ein Dschungel von Erfahrungen. Erleuchtungen, Hunderte von Erleuchtungen tauchen plötzlich auf, man glaubt verstanden, das Ding, den Mechanismus erfaßt zu haben, aber schon gleitet man woanders hin, und es scheint genau das Gegenteil zu sein, man versteht überhaupt nichts mehr. Ob man aber versteht oder nicht, die Erfahrung wächst weiter, sie macht sich lustig über alles, was man darüber denken mag. Man stößt von einem Mysterium aufs andere, sie alle sind klar, transparent und eindeutig… aber so unvorstellbar – unverständliche Offensichtlichkeiten. Dennoch hat alles seinen Sinn, es strotzt nur so vor Sinn wie der Baum im Urwald mit all seinen Lianen in seinem prachtvollen Delirium, aber was für ein Baum ist es? Er hat keinen Namen. Wie viele Male, als ich 1950 mitten im Urwald, im “wahren”, materiellen, südamerikanischen Urwald lebte, fand ich mich vor dem Wunder eines riesigen, zerzausten, von Lianen überladenen Baumes im Geschrei der Vögel, aber dieser Baum hatte keinen Namen, diese Vögel hatten keine Namen, es war absurd, beim Anblick dieses Wunders, der tausend Wunder fühlte ich mich wie beraubt: Ich hatte keinen Namen für diesen Baum, keine Namen für diese Vögel, da waren tausend Dinge, Pflanzen, Tiere ohne Namen, namenlose Flüsse, namenlose Sümpfe in einem unglaublichen prachtvollen Taumel. So erfand ich Namen für die Flüsse und Vögel, um das Wunder zu zähmen, um es ein wenig vertrauter zu machen. Es war absurd, kindisch. Das Wunder war sehr reell, auch ohne alle meine Namen, aber es war, als ob es nicht voll und ganz existierte, nicht voll und ganz mir gehörte. Auch Mutter fand sich angesichts ihrer eigenen, ringsum wachsenden Erfahrungen wie in einem Wissen ohne Wissen. Eines Tages, als sie mit einer dieser namenlosen Offensichtlichkeiten konfrontiert war, sagte selbst sie mir: An dem Tag, da ich es wissen werde… wird es wahrscheinlich getan sein. Denn es wird wie eine massive Tatsache kommen: es wird so sein. Und lange nachdem es dann “so ist”, wird das Verständnis sagen: “Oh, das also ist es!” Erst kommt es, und hinterher weiß man es.

Tausende von Malen war es “so”, aber Mutter wußte es nie.

Mutter wußte nie.

Das scheint unglaublich, aber es ist so.

Sie durchquerte den ganzen Wald, ohne zu wissen, was es war, wo es hinführte oder welche Bedeutung es hatte, nie hatte sie einen Namen oder eine einzige Erklärung – oder vielleicht Tausende von Erklärungen. Jedes Ding war eine Erklärung, war seine eigene Erklärung. Es wuchs kerzengerade wie ein Baum, das war alles. Und da waren Tausende von Bäumen. Man mußte all das einfach durchqueren, und die Tatsache des Durchschreitens selbst brachte eine ganze Welt hervor… ohne Namen. Ein Dschungel von Erfahrungen, scheinbar ohne jeden Zusammenhang, jedenfalls nicht mehr als der, der zwischen diesem “Balata-Baum” am Ufer des “Marie-Louise”-Flusses und jenem “Eisenherz-Baum” besteht – dennoch ergab sich am Ende daraus eine Welt. Man mündete nirgendwo hin, denn man war überall darin. Auf einmal stieß man überraschend auf eine Savanne smaragdgrüner Palmen, und dann war da das Meer. Man konnte es nicht sehen, es war einige hundert Meter oder vielleicht Kilometer entfernt, hinter dem endlosen Sumpf dünner Baumstämme, wo “Insekten” und “Vögel” zirpten – aber man hörte es, roch den Geruch des Meeres. Es war wie ein Stück der Umrisse dieser Welt – aber welches Stück? Es gibt kein “Stück”. Wenn wir es wissen, wird es getan sein. Aber es ist bereits getan! Durch Mutters Hindurchschreiten ist es automatisch getan, nur weiß man nicht, daß es das ist, es gibt dafür keinen Namen, keine Landkarte. Sie legte den ganzen Weg ohne Landkarte zurück – ja, natürlich! Schließlich betritt man das Unbekannte nicht mit einer Karte des Unbekannten. Es wird bekannt, indem man darin voranschreitet. Haben wir die Karte erst einmal aufgezeichnet – falls wir sie überhaupt zustande bringen –, wird man sagen: “Ah, das ist es!” Dann wird es “klar” sein, wie man zu sagen pflegt: Die Bäume werden ins Wörterbuch registriert und die Flüsse in blauer Farbe in den Atlas eingezeichnet mitsamt den punktierten Linien und Höhenlinien. Einstweilen aber ist es nicht “getan”… jedenfalls nicht für uns. Kurz, wir schreiten in einem Nichtgemachten, das schon ganz gemacht ist.

Mutter wußte nie, was sie tat: sie ging einfach voran. Mehr und mehr, sagte sie, dient das Leben, das diesem Körper bestimmt ist, dazu, Dinge zu tun, ohne zu wissen, die Welt zu ändern, ohne zu sehen, und… sich nicht darum zu kümmern, sich absolut nicht um das Resultat zu kümmern. Das “Resultat” ist die Landkarte. Und manchmal fragen wir uns, ob nicht das Zustandebringen der Landkarte diese Welt erstehen läßt – wie durch Zauberei. Wenn ein Wesen es fertigbrächte, die Augen zu öffnen, und die Umrisse erkennen würde, die Linien miteinander in Übereinstimmung brächte, die Höhenlinien koordinieren könnte und die Ströme mit jenem Fluß und diesen Fluß mit jenem Berg in Verbindung brächte… würde das nicht diese ganze namenlose Masse, die sich einfach wie eine grüne Mauer vor uns erhebt, plötzlich lebendig werden lassen?

Sie ist die Welt von morgen.

Schritt für Schritt verfolgte ich Mutters Voranschreiten, ohne etwas davon zu verstehen oder eher mit tausend aufeinanderfolgenden Arten des Verstehens, und heute auf Seite bin ich kaum weitergekommen als vor achtzehn Jahren, als Mutter mit mir begann. Daß man sich aber nicht täuscht: Ich führe den Leser nicht geschickt in eine Richtung, die mir im voraus bekannt ist, die ich ihm aber erst am Ende enthüllen werde. Ich kenne die Richtung nicht. Ich führe den Leser “nirgendwohin”. Vielleicht aber ergibt sich im Dahingehen ein “Irgendwo”. Das ist alles. Ich gehe blindlings da hinein und klammere mich an Mutters Hand auf der anderen Seite des Schleiers und bitte sie, mich in die richtige Richtung zu führen – ich kenne die Richtung nicht. Es ist ein Abenteuer ins Unbekannte. Ich schreibe jede Linie hier, ohne die folgende zu kennen. Niemand kann sich vorstellen, was das bedeutet.

Die Geschichte begann eines Tages im Jahr 1957, nachdem ich schon seit drei Jahren in diesem Ashram lebte und jeden Tag dagegen kämpfte, nicht abzuhauen. Ich wollte zurück in den Urwald, der mir als der einzige Ort auf der Welt erschien, wo ich atmen konnte mit den Aras, den Tapieren, den Brüllaffen und Schlangen, jede Menge Schlangen, an die man sich aber sehr gut gewöhnt, denn nach einer Weile fühlt man sie, ohne sie zu sehen, und alles steht im Einklang zueinander, man schreitet über sie hinweg oder daneben vorbei. Man fühlt überall, man ist eins mit allem, alles ist Teil des Körpers, das Leben rieselt durch die Venen, die Bäume sprechen, die Beine rennen, als wüßten sie ganz von allein, wohin sie zu gehen haben – zig Male verlor ich den Kompaß in diesem Wald, und immer kannten meine Beine besser als der Kompaß die unfehlbare Richtung im grünen Gewirr, in dem die Richtung überall war. Ich hatte also ein großes Verlangen, wieder in diesen Urwald zurückzugehen, angeblich um Gold zu suchen, aber allein die Leguane waren ihr Gewicht in Gold wert, und das Gold lag vor allem im Suchen selbst. Doch ich war sehr hartnäckig: 1946-47 war ich Sri Aurobindo begegnet, und das hinterließ in mir ein Loch, eine unerklärliche Lichtung in meinem inneren Wald der Verneinung der Welt, und Sri Aurobindo folgte mir Schritt für Schritt mit seinem Lächeln (er schien immer zu lächeln, besonders sein linkes Auge), derweil ich durch die Wälder rannte und wie ein leichtfüßiger Anthropoid aus vormenschlicher Zeit umherhüpfte. Aber vage zog es mich wieder nach Indien zurück, “einfach so”. Nun gut, sagte ich mir, ich will es für zwei Jahre versuchen, “um zu sehen” – im Falle, es wäre wirklich eine Welt anders als die anderen, und vor allem nicht wie die, die mich zivilisierte.

Am ersten Abend nach meiner Ankunft in Pondicherry wollte ich sofort wieder fliehen, mit dem erstbesten Zug. Aber wie gesagt, ich bin hartnäckig, das ist meine Schwäche: Ich hatte mir “zwei Jahre” vorgenommen… und verbrachte mehr als zehn Jahre im Versuch, nicht wieder in meinen Urwald zurückzufliehen. Mutter hielt einen anderen für mich parat.

Ich begriff nicht, worum es ging, ich war gegen meinen Willen fasziniert und sehr zornig über diese Faszination. Mutter lachte viel – ich nicht. Sie ertrug alles von mir, während ich ihr zehn Jahre lang die Stirn bot. Denn das ist das Mysterium der menschlichen Musterexemplare, die sie umgaben, und ich war eines dieser Musterexemplare… ungewollt – und wenn ich hier von mir als Musterexemplar spreche, so deshalb, um zu veranschaulichen, welches Sortiment an Verneinung Mutter umgab. Jeder stellte eine ganz spezielle Verneinung dar. Im Grunde, eine spezielle Form des Todes. Da ich also physisch nicht von diesem Ort hier loskam, hatte ich einen ausgezeichneten “Trick” herausgefunden, um zu entwischen: den Trick der “Befreiung”. Ich hatte einen Weg entdeckt, oben aus meinem Panzer herauszukommen, eine winzige Dachluke, durch die ich entschwand – in eine Weite… oh! so unermeßlich, so klar, so rhythmisch, fast musikalisch, ohne die leiseste Bewegung, ohne Problem, ohne Frage: es ist, es ist wundervoll. Man badet darin wie in aller Ewigkeit… Bis zu jenem Tag, als ich Mutter sagte: “Aber eigentlich könnte man darin eine Ewigkeit lang verweilen…” – Nicht eine Ewigkeit, bis in alle Ewigkeit, unterbrach sie mich kurz und bündig. “… ohne, daß es irgend etwas ändern würde.” Da war ich also in eine schöne Falle geraten. Und niemand konnte mich daraus befreien, nicht einmal Mutter, nicht einmal “Gott”: es ist unbezwingbar vor lauter Schönheit und Licht. Vielleicht war es Gott selbst, wer weiß! Aber da klebte ich plötzlich in meiner Ewigkeit wie in einem Honigtopf – und ich wollte nirgendwo kleben, nicht einmal in der Ewigkeit. Das war der Anfang meines Zusammenbruchs… Mutter erwartete mich unten.

Aber an dem Tag, als ich verstand, verstand ich vollends und liebte Mutter vollends. Ich begann, in die neue Welt einzutreten. Bis zu Mutters letztem Tag lebte ich im völligen Vertrauen, es war für mich eine vollkommene Gewißheit, und meine ganze Verneinung der Welt warf ich in eine Verneinung des Todes. Denn ich verwarf nicht die Welt, jetzt verstehe ich es, sondern diesen Todesgeruch der Welt, die Welt des Todes. Ich bin vielleicht der einzige oder einer der beiden einzigen, die nie an Mutters physischen Tod glaubten, und ich glaube weiterhin nicht daran. Denn ich sah, berührte, fühlte – nur kann ich das, was ich sah, nicht in Worte fassen. Die Karte ist noch nicht vollständig. Wir werden die Karte zusammen machen. Vielleicht werden wir am Ende Mutter sehen. Wir glauben nicht an den Tod. Der Tod ist die Lüge der Welt.

Wir werden den Mythos des Todes zunichte machen.

Wir werden das, was wahr ist, sichtbar machen.

Für die, die da wollen.

Die Geburt der “Agenda”

Ich wollte sehen, das war mein Hauptanliegen, als ich in diesen Ashram kam: Für mich war Yoga in erster Linie eine Art Erziehung der Sicht, indem man die Augen schloß und lange meditierte. Jedenfalls war ich überzeugt, daß es etwas zu sehen gab – was? Das wußte ich nicht genau. Im Grunde wußte ich überhaupt nichts, ich war ein “guter” Abendländer, rebellisch genug, daß mir jede Art, Welten zu wechseln, von vornherein willkommen war. Europa war zum Ersticken. Ich wollte aber materiell die Welt wechseln. Der Geist interessierte mich nur auf der Ebene meiner beiden Füße. Da brach durch Mutters eigene Hand für mich erstmals und auf ziemlich ungeheure Weise alles zusammen: danach war ich tatsächlich für Jahre erschüttert. Sie ließ mich unter dem Vorwand irgendeiner Arbeit zweimal in der Woche zu sich kommen und unterhielt sich mit mir. Das war 1957. Ich akzeptierte die Arbeit, weil sie zu den “Pflichten” des Lebens gehörte, suchte oder selbst wünschte aber nie das Privileg, Mutter persönlich zu begegnen. Für mich war Yoga etwas, das man allein in seinem Zimmer macht oder auch auf der Straße, indem man einen gewissen Durst in sich trägt. Mutter lachte heimlich, nahm mich aber sehr ernst und erzählte mir wie nebenbei tausend und eine Geschichten aus ihrem Leben, aus ihrer Zeit in Tlemcen, von ihren Erfahrungen… die eine nach der anderen meine ganze Weltanschauung zunichte machten, ohne daß ich es merkte. Es waren Erfahrungen, da gab es nichts zu sagen, es waren keine Theorien – mit Mutter gab es nie irgendwelche Theorien. Und wenn sie redete… oh! welch wundervolle Mischung aus Donner, Zärtlichkeit und Lachen, immer dieses Lachen, diese kaum verhüllte Neckerei und dann dieses plötzlich aufstrahlende Licht, das einem unermeßliche Landschaften eröffnete: Man verweilte schwebend darin und begann mit ihr zu sehen. Man sah, was sie sagte, als würde die Kraft der Wahrheit greifbar, das Wort lebendig, eine Schwingung, die einen sehen ließ, und das im unerwarteten Augenblick, wenn sie gerade auflachte oder von “nichts” zu reden schien: Plötzlich öffneten sich ihre großen Diamantenaugen, und man trat ein in etwas anderes, es war da. Es gab nichts zu diskutieren, eine Sturzflut ist über jede Diskussion erhaben. Und jedesmal ging ich mit einem Kopfschütteln daraus hervor: oh, diese Mutter!… Ich hatte eine Heidenangst, gefangen zu werden, ich wollte von nichts gefangen sein – außer von mir selbst, leider, denn man ist sich selbst die gefährlichste Falle. Ich wußte nicht genau, warum sie mir all das erzählte – so viele verlorengegangene Schätze, die nie aufgezeichnet wurden, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung, daß all das der Anfang der Geschichte der neuen Welt war*. Aber trotz alledem war es sehr “interessant” (!). So ging ich Woche für Woche zu ihr, ohne zu merken, wie sehr sie mich mit ihren tausend unscheinbaren Geschichten entwurzelte: Es war, als formte sie langsam in mir eine andere Art und Weise, auf dieser Erde zu gehen. Ich brauchte den Abstand dieser vielen Jahre, um zu erkennen, wie grausam, verbissen und unerbittlich eingesperrt im Gefängnis eines gewissen Atavismus wir Menschen sind – es ist ein Gefängnis aus Glas. Aber es ist härter als Beton und läßt nur eine einzige Art von Strahl hindurchdringen. Da glauben wir, über das gesamte Spektrum der Welt zu verfügen. Wir sehen aber alles nur durch einen winzigen gefärbten oder, wenn wir wollen, entfärbten Strahl hindurch. Sie jedenfalls zerstörte die Mauern… sanft, denn sie mochte mich (ich wußte nicht warum). Sie konnte alles zerstören außer meiner kleinen Unendlichkeit da oben, die war unantastbar, sie war mein sicheres Versteck. Dennoch zerstörte sie auch das – ganz behutsam, nach zehn Jahren. Daraufhin war ich so fassungslos, daß es mir schien, als sei ich zum dritten Mal auf die Welt gekommen – auf eine Welt, die nicht mehr von der atavistischen Lüge der materiellen Geburt behaftet war, auch nicht von der Halblüge der spirituellen Geburt da oben… es war geradezu eine Wiedergeburt in der Materie. Aber welch sonderbare Materie, bis heute komme ich nicht aus dem Staunen heraus.

Meine allererste Verblüffung oder mein erster Zusammenbruch ereignete sich allerdings noch früher, in den ersten Jahren, als sie in Pavitras Büro zu mir sprach, während sie auf ihrem großen Stuhl mit seiner geraden, geschnitzten Lehne saß, der mich immer an den Thron der Königin von England erinnerte. Sie hatte die Miene einer Königin, diese Mutter, mit noch einem kleinen Etwas mehr. Man fühlte sich ihr unendlich nahe und war dennoch von allen Seiten von ihr übertroffen. Sie war bei mir und war zugleich doch unergründlich weit entrückt, Tausende von Lichtjahren, als gäbe es eine Mutter hinter Mutter und noch eine andere dahinter, und manchmal fiel ein Schleier, dann noch einer, und man sah andere Tiefen von Mutter, so radikal unterschiedliche Gesichter mit dennoch ich weiß nicht welchem gleichbleibenden Lächeln und Augen, die kohlrabenschwarz, golden, marineblau, azurblau sein konnten… und noch etwas anderes, keine Augen mehr, sondern eine über einer Unermeßlichkeit schwebende Unendlichkeit. Jedesmal betrat man eine neue Dimension: Man sah Mutter nicht von außen wie ein Zuschauer, sondern man trat in sie ein. Mit Mutter gab es keine Theorie, nicht einmal Bilder: Sie ließ einen das werden, was sie war oder was sie in diesem Augenblick sah. Jedes Mal, als ich von Mutter zurückkam, war es, als kehrte ich von einer neuen Reise zurück. Ich reiste in allen Zeiten, in vielen Welträumen. Aber trotz alledem bin ich schrecklich materialistisch, obgleich ein seltsamer Materialist, denn ich zweifelte nie daran, daß es eine andere Art des Sehens als diejenige der Wissenschaftler geben müsse, doch ich war mir gewiß, daß diese andere Art des Sehens eine materielle Art sein müßte. Kurz, ich war ein Materialist des Geistes, ohne es zu wissen. So war ich überzeugt, daß es sich bei “Visionen” um eine Art materiellen Niederschlags oder materieller Kondensation oder materieller Enthüllung handelte: Gott oder was auch immer trat in das Zimmer. Er durchschreitet vielleicht Mauern, aber er ist jedenfalls physisch da. Doch nein, so ist es nicht! Eines Tages sagte Mutter dem westlichen Barbaren, der ich war: Aber nein, mein Kind! Es ist nicht physisch, sondern du trittst in eine andere Bewußtseinsebene ein und siehst mit den Augen dieser anderen Ebene. Da brach alles zusammen. Wenn es nicht physisch ist, dann ist es ein Witz. Ein höherer Witz vielleicht, aber irreal, eine Art Traum auf zwei Beinen. Diesen Traum konnte ich nie entschuldigen. Alle Spiritualisten werden sich über meine Kinderei lustig machen – und es ist wahr, es ist sehr kindlich.

Aber ich hatte recht.

Ich wollte, daß es materiell sei.

Ich wollte, daß es eine andere Art von Materie sei.

Ohne es zu wissen, war ich auf der Suche nach der supramentalen Welt.

Und langsam reinigte sie mich, ohne daß ich es merkte, außer daß sie liebenswürdig war, diese Mutter, aber ich mißtraute dieser Liebe schrecklich. Erst als sie vollkommen hilflos und von Schwäche und Schmerz erdrückt war – vom Schmerz der Welt –, war ich eines Tages fähig zu verstehen, wer Mutter war. Und es war nicht einmal sie, die mich sehen ließ, mich zum Sehen zwang: Mein eigener Körper sah, mein eigenes Fleisch und Blut sah, mein menschlicher Schmerz sah, berührte, fühlte, liebte… und weinte auch.

Wochen und Monate, drei Jahre waren verflossen, unterbrochen von Fluchtversuchen, von denen ich immer wieder zurückkehrte, als ob ich das, was ich mit Mutter sah, nicht abzustreiten oder zu verleugnen vermochte, als sei mein Urwald dort nichts als eine Flucht vor mir selbst gewesen, eine Rückkehr in die Vergangenheit der Erde statt eines Sprungs in die Zukunft, bis zu jenem Tag, als Mutter mir “wie nebenbei” sagte – mitten im Gespräch, mit einer Miene, als sei es nichts, was mir aber dennoch einen winzigen, sonderbaren und unerklärlichen Schock versetzte: Wir haben etwas zusammen zu tun.

Dieses Etwas, das wir zusammen zu tun hatten, wuchs heimlich: Es waren diese Hunderte und Tausende Erfahrungen, die Mutter ihre Agenda nannte – mehr als 6000 Seiten, 13 Bände: das Dokument zukünftiger Zeiten – dieser große Wald, in den wir beide, sie und ich, eingetreten waren, ohne recht zu wissen, daß es der Wald der Zukunft war. Man weiß nicht, daß es der Wald, daß es die Zukunft ist, aber plötzlich steht man vor einem Baum, dann vor einem anderen und noch vor einem anderen… Hunderte, Tausende von Bäumen, die einer nach dem anderen emporwachsen. Und auf einmal sagt man sich: Aber das ist der Wald. Es ist ein Wald!

Wir werden gemeinsam in diesem Wald gehen.

Mutters großer Wald.

Der Wald der nächsten Welt.

Und dieses “Etwas, das wir zusammen zu tun haben” setzt sich hinter dem Schleier fort, als hielte sie meine Hand… als wolle sie mich den Punkt erreichen lassen, wo der Schleier endgültig fällt.

Dann werden wir sehen.

Wir werden materiell sehen.

10. Kapitel: Die andere Seite des Schleiers

Der Weg ins Nirgendwo

Wie läßt sich dieses Supramental im Körper fixieren?

Diese Frage stellte sich Mutter mehrere Tage vor ihrer ersten Krankheit Ende 1958. Die “Krankheit” war bereits eine erste Antwort in ihrem eigenen Fleisch und Blut. Tatsächlich werden uns alle materiellen Mittel gegeben, um ans Ziel zu gelangen, nur wissen wir nicht, daß es Mittel sind. Ein großer Teil des Körper-Yogas besteht in der einfachen Feststellung, daß alles ein Mittel ist. Dies ist eine ungeheure Entdeckung, die nach nichts aussieht – natürlich, denn ständig suchen wir nach mentalen Mitteln, einem mentalen System, einer mentalen Antwort. Wenn sich aber das Supramental in der Materie befindet, wird uns die Materie selbst die Antwort geben: Die ganze Materie gibt uns die Antwort. Materie bedeutet: Treppenstufen, Mundwasserfläschchen, ein vorbeifliegender Vogel, ein Schnupfen, eine Rasierklinke, die uns das Gesicht zerkratzt, und tausend kleine “benachbarte” Materien, die uns heimlich lehren, daß dein Körper mein Körper ist und daß alles der Körper ist. Die Materie ist immens. Die Materie ist ungeheuer gemischt. Mutters Frage mitten in diesem materiellen Dschungel vergegenwärtigt uns ziemlich genau jene, die sich der höhere Affe hätte stellen können angesichts dieser flüchtigen kleinen Vibration, die es ihm nicht in seinem Kopf zu fixieren gelang. Mutter hatte das Supramental einmal, zweimal, zehnmal wahrgenommen, aber jedesmal war es, als sei es “hinter” etwas: Es kam strahlend, allmächtig und entschwand wieder, ohne daß man wußte wohin oder wie. Im Grunde mußte sich der Affe lange Zeit dieselbe Frage gestellt haben, und vielleicht brachte gerade seine Frage, die Wiederholung seiner Frage, schließlich die Antwort hervor. Die einfache Tatsache, sich zu fragen “wie”, war bereits das Mittel. Es bewirkte das Denken. Das war bereits die Vibration, der Kontakt mit dem anderen Etwas. Aber hier in unserem supra-mentalen Übergang ist es ganz offensichtlich nicht der Kopf, der sich die Frage stellen sollte. Der Körper muß sich die Frage stellen. Aber stellt sich ein Körper überhaupt Fragen? Nun, nicht ganz, aber er lebt sie. Wenn er mit einer Krankheit, einem erstickenden Raum oder mit einem Todesgeruch konfrontiert ist, sucht er Mittel und Wege, um zu atmen oder sich der Schwierigkeit zu entziehen. Der Körper muß rufen und die Antwort finden.

Ein Körper ist sehr mechanisch: Er vergißt, er schläft ein, er kreist in seiner kleinen Routine, und alles, was seine Routine stört, empfindet er als ein furchtbares Unglück. Mutter sprach lachend von der “supramentalen Katastrophe”. Sie mußte feststellen, daß das Supramental in erster Linie die große Katastrophe des Körpers ist. Der Körper muß sich erst ganz “katastrophal” fühlen, bevor er überhaupt anfängt, sich Fragen zu stellen und die Frage zu lösen. Da ist das ziemlich intensive Gefühl, daß jedesmal, wenn die Welt, die Erde von einem Stadium zum nächsten übergeht, sich eine Art Übergangsphase einstellt, die wie ein Grat zwischen zwei Welten ist, und da ist ein sehr gefährlicher Augenblick, wo die geringste Kleinigkeit eine Katastrophe auslösen kann. Das hätte zur Folge, daß viele Dinge wieder von vorne angefangen werden müßten. Das gleiche Phänomen zeigt sich in viel kleinerem Maße bei Individuen: Sobald sie von einem Bewußtseinszustand (einem Komplex von Bewußtseinszuständen, der ihre Individualität ausmacht) zu einem höheren Zustand übergehen und ein Element in ihren Zustand einführen, das eine höhere Synthese ergibt, ist dies immer eine gefährliche Phase, wo eine Katastrophe eintreten kann. Dasselbe Phänomen tritt auf der Ebene des Körpers auf. Dieser Übergang der Erde, der inzwischen für jedermann frappierend zu werden beginnt, sollte Mutter zunächst in ihrem Körper und durch alle möglichen Arten von “Katastrophen” erleben. Das ist ein Gesetz des Fortschritts. Sei es der Fortschritt von Welten, Sphären oder ein individueller Fortschritt, das bleibt sich gleich, nur die Größenordnung ändert sich. Ich fühle, daß wir uns in einer solchen Phase befinden. Vielleicht muß auch der Körper der Erde rufen. Er muß anfangen, sich die Frage zu stellen. Man könnte sagen, daß die Infragestellung schon die Anwort ist, sie stellt den Kontakt mit dem anderen Etwas her, so wie die Frage des Affen den Kontakt mit der Gedankenwelt herstellte. Dieses Körperbewußtsein ist so stumpf, so dickfellig… es gibt einem den Eindruck von etwas Unbeweglichem, Unveränderlichem, das unfähig ist zu antworten, man hat das Gefühl, daß man tausend und abertausend Jahre warten könnte, ohne daß sich hier je irgend etwas rührt – es braucht Katastrophen, um etwas Bewegung hier hineinzubringen… Jetzt stecke ich seit Monaten mitten darin, und meine Art, darin zu stecken, heißt alle möglichen Krankheiten durchzumachen. Mutter drang langsam zur Quelle der Krankheit der Welt vor. Sie fing an, in ihrem Körper einen eigenartigen “Aufruhr” in Bewegung zu setzen, der bald zur Frage der ganzen Welt anwachsen wird. Die Welt ist nicht “krank”, genausowenig wie Mutter es war: sie ist betroffen.

Wie fixiert man das?

Man fängt an, indem man verschiedene Dinge ausprobiert, ohne genaue Methode, ohne zu wissen, wo man anfangen soll, und man hat das Gefühl, umherzutasten, zu suchen, sich im Kreis zu drehen und nirgendwo hinzugelangen…1 Aber gerade dieses “Nirgendwo” ist schon ein “Irgendwo”. Denn das, was der Körper sein “zu Hause” nennt, ist die jahrtausendealte Gewohnheit – offensichtlich muß man in Richtung “nirgendwo” gehen. Nur heißt es, dahinzugehen. Und die einfache Tatsache, dahin in dieses blinde “Nirgendwo” zu gehen, die einfache Tatsache, sich im Kreis zu drehen, ohne zu wissen, die einfache Tatsache, sich umherzutasten, ist bereits die Antwort: Es ruft von allen Seiten materielle Antworten hervor, wie kleine Tierchen, die man zuvor nicht unter den Blättern des Waldes gesehen hatte. Man setzt seinen Fuß darauf, und schon wimmelt es nur so. Wenn man erst einmal beim Körper angelangt ist und ihn einen Schritt weiter bringen möchte (oh, nicht einmal einen ganzen Schritt, nur einen winzigen!), fängt alles an zu klemmen und zu reiben. Es ist als setzte man seinen Fuß auf einen Ameisenhaufen. Unsere Hauptschwierigkeit ist zu verstehen, daß dieses Gewimmel die Antwort ist. Alles, was klemmt und reibt, alles, was “dagegen” ist, alles, was da auftaucht, ist die Antwort. Es ist bereits das “Irgendwo”. Nur sehen wir es schlecht, wir sehen es durch unsere mentalen Brillen, für die es natürlich weder mit der normalen Ordnung, der Wahrheit, der Gesundheit noch mit der Moral übereinstimmt – selbstverständlich stimmt es nicht überein! Hier versucht eine andere Art der Übereinstimmung seine Nase hereinzustecken, dem Mental zum Trotz. Aber eine Übereinstimmung, die mit nichts anderem als mit sich selbst übereinstimmt. Eine andere “Übereinstimmung”, die es zu verstehen gilt. Es ist sehr schwierig einzugestehen, daß die Unannehmlichkeit das Alte betrifft und nicht das Neue. Nach und nach erscheint das eine und das andere Ding.2 Die Dinge treten ganz von selbst in Erscheinung, das heißt, sobald wir akzeptieren, die Dinge nicht mehr mit unseren mentalen Reaktionen zu betrachten, zeigen sie automatisch ihr wahres Gesicht: “Siehst du, so bin ich!” Sie geben uns ihren reinen Sinn kund. Und alles erzählt uns seinen Sinn. Das Mental sperrte alles in einen Käfig ein: Beseitige den Käfig, und schon wimmelt es auf allen Seiten nur so von Sinn!

Aber es ist eine unermeßliche Welt. Je kleiner, desto unermeßlicher. Das ist schließlich nicht verwunderlich: Das ganze Universum läßt sich in einer kleinen Zelle einfangen. Es ist alles ein und dasselbe Ding! Es ist die gleiche Bewegung. Man wundert sich, warum Leute auf den Mond gehen. Sie wollen das Kleine im Großen ertränken. Doch das Große muß im Kleinen gefunden werden. Der Körper scheint euch eine ganz einfache Sache zu sein, nicht wahr? Es ist ein Körper, “mein” Körper, der letztlich nur eine einzige Form hat. Aber das stimmt nicht. Er ist eine Kombination aus Hunderten von Wesenheiten, die nichts voneinander wissen, die aufeinander abgestimmt sind durch etwas Tieferes, das sie nicht kennen…3 Mutter betrat den großen Wald. Wo aber führt das alles hin? Sobald man versucht, seine Nase dahineinzustecken, entsteht Unordnung und Chaos: “Ah, du möchtest es besser machen als unsere Automatik? Schau, wie naiv du bist!” Da muß man äußerst naiv sein, um den Mut für diese Arbeit aufzubringen. Man muß akzeptieren, alles wieder zu verlernen. Im Kopf ist das ganz nett, man macht ein paar hübsche mentale oder anti-mentale Purzelbäume, wenn man es aber mit dem Körper zu tun hat, das Gehen verlernt, das Atmen verlernt… Keiner wird je Mutters – ich hätte fast gesagt – Heroismus ermessen, aber es ist etwas anderes, fast Einfacheres und zugleich Schrecklicheres: Man darf nicht zaghaft sein. Es ist ein so langer Weg zwischen dem gewöhnlichen Zustand des Körpers, dieser fast völligen Unbewußtheit, an die wir uns gewöhnt haben, da wir “nun mal so sind”, und dem vollkommenen Erwachen des Bewußtseins, der Antwort aller Zellen, aller Organe, der gesamten Körperfunktion… zwischen den beiden scheinen Jahrhunderte von Arbeit zu liegen. Und jedesmal, wenn ein Element, das noch nicht in die Bewegung der Transformation eingetreten ist, schließlich erwacht, um einzutreten, hat man den Eindruck, daß man alles wieder von vorne anfangen muß – alles, was man geschafft zu haben glaubt, muß wieder von vorne angefangen werden. Aber das ist nicht wahr: Man fängt nicht das gleiche wieder von vorne an, es ist etwas Ähnliches in einem neuen Element, das man übersehen oder beiseite gelassen hatte, weil es noch nicht bereit war, und das nun, da es bereit ist, erwacht und seinen Platz einnehmen möchte. Das aber ruft eine so schreckliche Unordnung hervor, daß alles wieder von vorne angefangen werden muß. Und es gibt viele solcher Elemente…4

Sie ging Schritt für Schritt und ruhig voran. Man hörte das Rascheln ihres langen Seidenkleides im Korridor, und da war sie, lächelnd und über sich selbst lachend. Sie versuchte, mir den Weg ins Nirgendwo zu erzählen.

“Entpersönlichung”

Dieser Korridor für sich allein war schon ein ganzer Wald. Ein langer Korridor, der sich über das erste Stockwerk des Ashrams erstreckte und den westlichen mit dem östlichen Flügel verband. Mutters Zimmer befand sich ganz oben im zweiten Stock des östlichen Flügels, es war einer Schiffskabine ähnlich inmitten der gelben Blüten des Flammenbaumes und dem Rauschen der Kokospalmen. 1962 sollte sie sich in dieses Zimmer zurückziehen, ohne es wieder zu verlassen, außer 1973, um Sri Aurobindo unter den großen Flammenbaum zu folgen. Seit ihrer angeblichen “Krankheit” 1958 und bis sie sich 1962 von ihren äußeren Tätigkeiten zurückzog, war es wie eine erste lange Vorbereitungsphase, um diesen Wald urbar zu machen, der sich nach allen Seiten gleichzeitig vor ihr öffnete (oder verdichtete, wenn man so will). Aber der Wald fing im Korridor an. Um 9 Uhr 30 ging ich hinunter. Ich hatte damit gerechnet, daß eine halbe Stunde genügen würde, um den Korridor zu durchqueren und hier anzukommen [in Pavitras Büro, wo Mutter sich mit mir traf], aber das ist nicht der Fall! Und so wird es immer sein, bis zum Schluß, und sollte bis in jede Einzelheit schlimmer werden: Dutzende um Dutzende kleiner Musterexemplare kreuzten ihren Weg, jedes mit seinem Problem, seiner “Krankheit”, seiner Revolte, seiner Forderung. Mutter hatte seit langem aufgehört, eine im Hautsack eingeschlossene Person zu sein, sie schluckte all das königlich und vollständig, sei es ein Schnupfen oder die ganze übrige Last. Ah, du willst dich transformieren? Gut, dann mußt du alles transformieren!… Die Frage, die ihr Körper sich stellte: “Wie fixiert man es?”, wurde erst einmal von all dem verschlungen, was es hinderte, sich zu fixieren. Es war nicht das Problem eines Körpers, sondern aller Körper. Es sei denn, man zieht sich ganz zurück, aber was bedeutet schon ein einziger transformierter Körper, und ist das überhaupt möglich? Du kennst ja die Situation: Von den vierundzwanzig Stunden am Tag bleibt mir nicht eine minute für mich allein. Und zu der äußeren Menschenmasse kommt noch die innere Menge hinzu: es kommt und kommt und kommt von überall, die ganze Zeit… Oh! die ganze Zeit und mehr und mehr, mehr und mehr… Von all den Dingen, die ich mit Mutter sah – und darunter gab es geradezu grauenhafte Beispiele – fand ich nichts Übermenschlicheres oder Unmenschlicheres als dieses von den Menschen verschlungene Leben, ohne eine Minute Atempause – nicht einen Winkel, um sich zu verstecken, außer im Badezimmer, und selbst bis dorthin wird man sie verfolgen und heimlich überwachen. Keine einzige Sekunde, die ihr allein gehörte, allein in ihrem Zimmer, ohne jemanden, einfach um zu atmen – bis zum Schluß. Rein menschlich gesehen ist das unvorstellbar. Keine Sekunde, um die Last niederzulegen. Sie waren unbarmherzig, alle, und sie sollten bis zum Ende und ohne Ausnahme unbarmherzig sein. Es war, als wollten die Umstände Mutter ihrer eigenen Person berauben, sie sozusagen “entpersonalisieren”. Aber sie wußte nur zu gut, daß der Weg überall war, in jedem Augenblick, in allem, im Guten wie im Bösen, im Günstigen wie im Ungünstigen – alles ging der Transformation entgegen, alles ging in die richtige Richtung. Es scheint, wenn man diese Individualität, diesen Körper einsetzen will, um das Ganze zu transformieren, das heißt, wenn man die körperliche Anwesenheit dazu benützen will, um auf die universelle Körpersubstanz zu wirken – dann ist da kein Ende abzusehen. Kein Ende der Schwierigkeiten, kein Ende des Kampfes. Man muß wirklich ein “fighter” [ein Kämpfer] sein – “fighter” ist ein genaueres Wort als Krieger: Man führt Krieg gegen niemanden, aber alles erklärt einem den Krieg. Sogar den Kindern des Ashrams sagte sie schon auf dem Sportplatz: Sobald ihr einen Fortschritt machen wollt, stoßt ihr sofort auf den Widerstand all dessen, das sich in euch und um euch diesem Fortschritt verweigert.5 Und genau so ist es. Noch in den letzten Tagen, vierzehn Jahre später, sagte sie mir: Ich dränge unentwegt gegen eine Welt von Hindernissen.

Die Hindernisse bahnten aber auch den Weg. Das fällt uns so schwer zu begreifen. Die Hindernisse schafften die notwendigen körperlichen Voraussetzungen, um voranzukommen. Ohne diese erdrückende Erstickung von allen Seiten hätte der Körper nie das Mittel seines neuen Atmens gefunden. Die Schule der beschleunigten Evolution ist eine schreckliche Schule. Die Natur ruiniert und verkümmert eure Organe auf liebenswürdig sanfte Weise im Verlauf von Jahrhunderten, um daraus neue entstehen zu lassen, will man aber innerhalb von ein paar irdischen Jahren das Reptil in einen Vogel hineinzwängen, dann ist das eher quälend für das Reptil und sehr unverständlich für den noch ungeborenen Vogel. Das Bewußtsein der Ungeheuerlichkeit dieser Sache wird mir sozusagen tropfenweise zuteil – damit ich davon nicht erdrückt werde!… Es ist sehr einfach, ein Heiliger zu sein. Oh, es ist sogar sehr einfach, ein Weiser zu sein, ich habe den Eindruck, daß ich damit geboren wurde, das ist für mich spontan und natürlich und so einfach, so einfach! Man weiß alles, was man zu tun hat, und man tut es mit großer Leichtigkeit, das ist gar nichts. Aber diese Transformation der Materie! Was ist zu tun? Wie wird es gemacht? Was ist der Weg?… Gibt es überhaupt einen Weg? Gibt es eine Methode? Wahrscheinlich nicht. Es ist wirklich ein blindes Vorangehen, ohne Hilfe, in einer Wüste, einer Wüste voller Fallen, Schwierigkeiten und Hindernisse – sie häufen sich hier geradezu an. Es ist, als wären einem die Augen verbunden, man weiß nichts und geht voran… Ich bin voll und ganz dabei, einen Weg durch den Urwald zu hauen – schlimmer als einen Urwald. Manchmal hörte ich, wie sich ihr in den ersten Jahren ein Schrei entrang, als wäre es ihr eine Erleichterung, sich mir mitzuteilen – sie war auch sehr menschlich, diese Mutter, daß man sich nicht täuscht: Ihr Bewußtsein war nicht wie das unsere, ihre Energie war nicht wie die unsere, aber ihr Körper war aus unserer Substanz gemacht, aus derselben schmerzvollen Substanz. Über die Jahre hatte es den Anschein, als erdrückten alle Umstände diese ganze Kraft, diese ganze Energie, sogar diese ganze Unermeßlichkeit des Bewußtseins mit Faust- und Hammerschlägen, wie sie sagte, um sie schlicht und einfach auf den physiologischen Zustand des irdischen Körpers zu reduzieren, damit einzig und allein ihr Körper die Arbeit mache, ohne übermenschliche Energie, ohne übermenschliches Bewußtsein und ohne übermenschliche Kraft. Mutter wurde richtiggehend zerstört – wer kann das je verstehen? Ich sah sie auflodern von ungeheurer Macht: Ihre Macht wurde vernichtet. Ich sah sie über Kräfte und Elemente herrschen: Ihre Kraft wurde gebrochen. Ich sah sie immens und souverän: Sie wurde in zwei Quadratmeter höllischer Haut eingesperrt, um die arbeit zu verrichten. Die Arbeit vollzieht sich im Körper, ohne Tricks und Wunder. Ja, “ehrliche Arbeit”, wie Sri Aurobindo es nannte. Sie ließ alles gehen. Mehr und mehr öffnete sie ihre Hände: Was Du willst, was Du willst… Dies war die erste Lektion auf dem weglosen Weg und war in der Tat die einzig mögliche Tür: vollkommene Hingabe, die Annahme von allem. Das Reptil muß wahrlich seine Reptilhaut voll und ganz aufgeben, um etwas anderes zu werden. Und der ungeborene Vogel kann tatsächlich nicht wissen, was aus ihm einen Vogel machen wird. Das einzige, das immer klarer wird, ist, daß alle Schwierigkeiten, alle Hindernisse, alle Verneinungen, die “Krankheiten” der Weg der Trans-Formation sind. Da gibt es nichts anderes zu tun, als sich vollkommen und unwiderruflich hinzugeben. Mehr und mehr verstehe ich: Diese ganze Anordnung und Kombination, all diese Zellen und Nerven, all das, was die Gefühle vermittelt, ist ausschließlich für die Arbeit bestimmt, es dient keinem anderen Zweck als der Arbeit. Sämtliche Dummheiten, die man macht, dienen der Arbeit, alle Torheiten, die man denkt, dienen der Arbeit. Ihr seid so konstituiert wie ihr seid, denn nur so könnt ihr die Arbeit machen – und es ist nicht eure Sache zu versuchen, anders zu sein. Das ist meine Schlußfolgerung: “Gut, wie Du willst. Dein Wille geschehe!” Nein, nicht “geschehe”: er ist bereits geschehen. “Es ist, wie Du willst, genau wie Du willst.” Am Ende wird es geradezu lustig. Nicht immer. Manchmal schrie es in ihrem Körper auf: Wenn ich doch nur ruhig bleiben könnte, einfach so, für Stunden, ohne Briefe, ohne… oh! ohne all diese Leute zu sehen – vielleicht ginge es dann schneller… Ich weiß nicht… es ist sehr schwierig, beides gleichzeitig zu tun: die Transformation des Körpers und sich um die Leute kümmern, aber was soll ich tun? Ich versprach Sri Aurobindo, ich würde die Arbeit machen, also mache ich sie – ich kann nicht einfach alles fallen lassen.

Andere Male wurde sie von dieser totalen Finsternis erdrückt, die sie umgab. Denn es ist schön und gut zu sagen, man “gibt sich hin”, man “läßt es geschehen”, und man könne sowieso nichts machen, man könne den Vogel schließlich nicht im Reptil erfinden, aber gleichzeitig muß es etwas Positives im Körper geben, etwas, das drängt, das will, das ruft, das positiv erstickt, wenn man so sagen darf. Ein Leben in einem Körper bedeutet tausend Begegnungen und täglich zu verrichtende Gesten, und die Frage stellt sich in jedem Augenblick: tun oder nicht tun, sagen oder nicht sagen, und wie tut man es, wie sagt man es? Geht es in Richtung des Reptils oder des Vogels? Vermutlich weiß man es nicht, es geht voran aufgrund der qual, das ist alles. Man weiß nichts – nichts… Diese Spannung in jedem Augenblick, in allen Bewegungen, die man vollführt, genau das zu tun, was getan werden muß, genau das zu sagen, was gesagt werden muß: das Präzise in jeder Bewegung… Das ruft eine ständige, ständige Spannung hervor. Wenn man hingegen die andere Haltung wählt, sich der göttlichen Gnade anvertraut und alles dem Höchsten überantwortet, würde das nicht zum Zerfall des Körpers führen? – Von der Vernunft her weiß ich die Antwort, aber der körper muß es wissen! Wenn jemand zugegen ist, der die Erfahrung bereits gemacht hat, ist es ganz einfach. Früher, wenn irgendeine Kleinigkeit nicht stimmte, brauchte ich Sri Aurobindo nicht einmal etwas zu sagen, es regelte sich ganz von allein. Jetzt, wo ich die Arbeit selber mache, habe ich niemanden, an den ich mich wenden könnte, und das ist eine weitere Spannung. Man kann sich nicht vorstellen – man kann sich einfach nicht vorstellen, welcher Segen es ist, jemanden zu haben, dem man sich ganz anvertrauen kann, sich einfach führen zu lassen, ohne suchen zu müssen. Ich hatte das, und ich war mir dessen sehr bewußt, solange Sri Aurobindo hier war, und als er seinen Körper verließ, war das ein entsetzlicher Zusammenbruch… Man kann es sich nicht vorstellen. Jemanden, an den man sich wenden kann mit der Gewißheit, daß das, was er sagt, die Wahrheit ist. Es gibt keinen Weg, der Weg muß gebahnt werden!

Auch von Zweifeln wurde sie überfallen – zehn Jahre lang und bis zum Ende wurde sie von Zweifeln überfallen, auf die grausamste Weise: “Ja, aber Sri Aurobindo hat es selber nicht geschafft, wie kannst du also auf Erfolg hoffen, da, wo er keinen Erfolg erzielte?!” Noch 1965 sagte sie mir: Die härteste Prüfung, der man mich unterziehen konnte, war Sri Aurobindos Weggang. Es ist wie etwas, das einen überkommt und einem zuflüstert: “Siehst du, all das sind Träume für einige tausend Jahre später.” Das kommt immer wieder… Sobald man glaubt, die Dinge würden sich bessern (um einem zu beweisen, daß man Fortschritte macht), passiert einem etwas und möchte einem weismachen, daß all das doch eine Illusion ist. Das spitzt sich immer mehr zu. Immer ist da eine Stimme (die ich sehr wohl kenne), die einem zuflüstert: “Siehst du, siehst du, wie du dich irrst, siehst du, was für Illusionen du dir machst, siehst du, was für ein Trugbild all das ist, siehst du…” Und wehe, wenn man darauf hört, dann ist man verloren. Dann ist alles ganz einfach verloren. Das einzige, was man tun kann, ist, die Ohren zuzustopfen, die Augen zu schließen und sich da oben festzuklammern. Seit Sri Aurobindo weggegangen ist, kommt das immer wieder über mich, und weißt du, das ist grausamer als alle menschlichen Torturen und alles, was man sich an Grausamkeit nur vorstellen kann: “Du irrst dich, es ist nicht möglich…” Wie eine äußerste Boshaftigkeit. Und dann: “Siehst du, der Beweis, daß ich recht habe, ist, daß Sri Aurobindo, der doch wußte, selber gegangen ist.” Wenn man darauf hört und es glaubt, ist man vollkommen erledigt. Und genau das wollen sie. Nur muß man verhindern, daß sie Erfolg haben, man muß sich festklammern. Seit wievielen Jahren?… Fünfzehn Jahre, mein Kind, seit fünfzehn Jahren verging kein Tag ohne Angriffe dieser Art, keine Nacht ohne… Du sagst, du sähest abscheuliche Dinge – mein Kind, deine Abscheulichkeiten sind bestimmt sehr charmant im Vergleich zu den Dingen, die ich sah. Ich glaube kaum, daß ein menschliches Wesen fähig ist, das zu ertragen, was ich sah.

Sie ging durch alles.

Der einzige Beweis, daß sie vorankam, war schließlich ganz einfach, daß sie nicht vor Schmerz starb. Alle diese Schmerzen waren dazu da, sie so weit zu erdrücken, bis überhaupt keine Person mehr existierte: Allein die Unendlichkeit existierte durch sie. Als es kein menschliches Atom mehr gab, kein Atom alter Materie, die sich leiden fühlte, die sich obskur fühlte, die all das fühlte, was man in einem menschlichen Körper zu sein gewohnt ist, kam etwas anderes zum Vorschein. Der Vogel entschlüpfte dem Reptil. Aber erst mußte all das sterben. Eine systematische Verwüstung, akzeptiert und gewollt. Ein langsamer täglicher Tod in jedem Funktionsbereich, jedem Reflex, jedem Automatismus – bis nichts mehr übrig bleibt außer… das Andere.

Oh, Mutter, was hast du nicht durchgemacht?

Sri Aurobindos Wohnstätte

Das “Andere” tauchte sehr plötzlich auf – man weiß weder woher, noch wie –, ganz flüchtig in der Nacht vom 24. zum 25. Juli 1959. Es kam überraschend mitten aus diesem “Nirgendwo” hervor, ohne erkennbaren Grund, und es entschwand genauso schnell wieder, wie es gekommen war. Man kann es nicht als eine “erste Erfahrung” bezeichnen, denn es liegt auf der Linie A1, A2, A3… (das “winzige Pulsieren”, das “supramentale Schiff”, die “allmächtige Sprungfeder”), die jedesmal eine präzisere, bestimmtere, stärkere Dosis oder Modalität des Supramentals zum Vorschein brachte. Dann entschwindet die Linie erneut unter der grünen Mauer des Dschungels, und wieder ist es das erstickende “Nirgendwo” überall, der weglose Weg, der blinde Marsch. Dann taucht es plötzlich wieder unter den Füßen auf, ohne daß man wüßte warum, als sei dieses “Irgendwo” überall, in jedem Augenblick, als sei das Ziel, das Andere, das andere “Ende” nicht irgendwo dort am Ende, sondern überall, nur verschleiert von… etwas. Es gibt weder “Entfernungen” noch Jahrtausende oder Jahrhunderte zu durchqueren, man könnte sogar sagen, es gibt kein “Dort” zu erreichen, keinen Wald zu durchqueren: es ist voll und ganz hier, in jedem Punkt. Der “Wald”… was ist das? Es ist etwas im Körper, das einen Schleier wirft: etwas im Bewußtsein des Körpers. Der “Weg” bedeutet, das ausfindig zu machen, was verschleiert – aber es wirft seinen Schleier überall, in allen Punkten. Das Supramental ist immer überall unter dieser grünen Mauer gegenwärtig, es ist nicht etwas, das erreicht oder geschaffen werden muß. Übrigens ist es auch keine “grüne Mauer”, sondern eher eine Mauer aus Schlamm. Etwas Schlammiges im Bewußtsein des Körpers verhindert, daß es vollständig, unverzüglich, klar und in jedem Augenblick präsent ist. Gerade das läßt uns eine immense Hoffnung offen. Eine wunderbare Hoffnung. Auch der Affe hatte es nicht nötig, “dorthin” zu gehen, um zu einem weit entfernten Mental zu gelangen, das erst noch fabriziert werden mußte. Er brauchte nur das freizulegen oder zu klären, was den Kontakt verhinderte – sein “Wald” situierte sich hauptsächlich im Kopf. Hingegen ist unser Wald diesmal im Körper: Es gilt einen Kontakt mit dem gleichen Etwas herzustellen, das aber nicht mehr auf der Höhe des Schädels sondern von allen Zellen des Körpers wahrgenommen wird. Doch der Weg des Affen war lang und schwierig, weil die Wahrnehmungsweise oder das Wahrnehmungsorgan so eng war, so “persönlich”, könnte man sagen, daß dadurch alles verfälscht, entstellt, eingesperrt und auf persönliche Bedürfnisse zugeschnitten wurde – so mußte ein Käfig gebaut werden – dahingegen ist unser neues Wahrnehmungsorgan natürlich, körperlich, unpersönlich und hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was wir denken oder nicht denken, wollen oder nicht wollen. Es gilt nicht mehr, einen Käfig zu bauen, sondern einen zu öffnen, unter Beibehaltung des ganzen vom Affen erworbenen Verdienstes der Individualisierung. Ein Käfig läßt sich aber in einer Sekunde zerstören. Krishna aus Gold zertrümmerte Heiligtümer mit großer Leichtigkeit. Wir müssen den Auslöser, die Sprungfeder finden – den Mechanismus des Schleiers.

In jener Nacht sollte es sich entschleiern. Erst zukünftige Zeiten werden das Ausmaß und die Folgen dieser Erfahrung ermessen, die fast ebensoviele Geheimnisse aufwirft, wie sie enthüllt. In der Tat verfügen wir nicht – noch nicht – über geeignete Mittel, um sie zu verstehen. Die Tatsache aber existiert. In dieser Nacht nahm Mutter zum ersten Mal das Supramental direkt in ihrem Körper wahr: Es war nicht mehr etwas “hinter” oder in der Tiefe des Unbewußten, nicht mehr etwas “dort” in einer Art Vision der “Zukunft” (wieder diese irrealen Distanzen, es gibt keine “Zukunft”!). Man könnte sagen, die Distanzen hätten sich verringert oder wären plötzlich aufgehoben gewesen. Es war da in ihrem Körper. Es war sogar auf unerträgliche Weise da. Das supramentale Licht drang direkt in meinen Körper, ohne durch die inneren Wesen hindurchzugehen. Das geschah zum ersten Mal. Es kam durch die Füße herein… Welch äußerst symbolisches Detail! Eine rote und goldene Farbe, wundervoll, warm und intensiv. Es stieg immer höher und höher. Und je höher es stieg, desto höher stieg auch das Fieber, weil der Körper diese Intensität nicht gewohnt war. Als dieses ganze Licht meinen Kopf erreichte, glaubte ich zu bersten und die Erfahrung abbrechen zu müssen. Aber da bekam ich sehr klar den Hinweis, Ruhe und Frieden herabzubringen, dieses ganze körperliche Bewußtsein und alle Zellen zu erweitern, damit sie das supramentale Licht in sich aufnehmen können. Also weitete ich, und während das Licht immer höher stieg, brachte ich Weite und unerschütterlichen Frieden herab. Plötzlich überkam mich eine Sekunde lang eine Ohnmacht… und ich fand mich in einer anderen Welt wieder, die aber nicht “weit weg” war. Es war eine fast ebenso substantielle Welt wie die physische Welt… Hier bemerken wir bereits einen enormen Unterschied im Vergleich zu den Erfahrungen der Linie A1, A2 usw., wie zum Beispiel des “supramentalen Schiffes”: Es ist als habe diese “andere Welt” an Substanz gewonnen, als sei sie uns näher gerückt, als ob das “fehlende Bindeglied” weniger fehlte! Und plötzlich fand Mutter dort Sri Aurobindo wieder, lebendig – als sei der Schleier des Todes verschwunden. Als sei die Ursache des Todes auch das, was die Materie verdunkelt, die Verdunkelung unserer materiellen Wahrnehmung. In diesem Licht – diesem Licht in der Materie, in Mutters Körper (das ihr sogar ein Fieber gab) – war der Tod aufgehoben, oder der Schleier des Todes war gelüftet, man nahm ohne den Tod wahr. Der Tod ist ein Schleier, und “die andere Seite” des Todes ist nicht woanders, in etwas Unmateriellem, sondern in der wahren Materie. Die leuchtende Materie, die wahre Materie.

Eine fast ebenso substantielle Welt wie die physische Welt. Da waren Zimmer – Sri Aurobindos Zimmer mit dem Bett, auf dem er sich ausruht –, er lebte dort, er war die ganze zeit dort: das war sein Wohnsitz. Sogar mein Zimmer war da mit einem großen Spiegel, ähnlich dem, den ich hier habe, mit Haarkämmen und allen möglichen Dingen. Und diese Dinge hatten eine fast ebenso dichte Substanz wie diejenigen der physischen Welt, aber sie enthielten ihr eigenes Licht: sie waren nicht durchscheinend, nicht transparent, nicht strahlend, sondern in sich leuchtend. Die Gegenstände, das Material der Zimmer hatte nicht diese Undurchsichtigkeit der physischen Gegenstände: Sie waren nicht trocken und hart wie in der physischen Welt. Sri Aurobindo war da mit einer Majestät, einer prachtvollen Schönheit. Er hatte alle seine schönen Haare wie früher. All das war so konkret, so substantiell… Eine Stunde verweilte ich dort (ich schaute vorher und nachher auf die Uhr). Ich sprach mit Sri Aurobindo… Er sagte kein Wort. Er hörte mir ruhig zu und sah mich an, als seien alle meine Worte überflüssig: Er verstand alles sofort… Und als ich “erwachte”, hatte ich nicht wie gewöhnlich das Gefühl, von weit her zurückzukommen und in meinen Körper zurückkehren zu müssen. Nein, es war einfach, als sei ich in dieser anderen Welt gewesen, ging dann einen Schritt zurück und fand mich wieder hier. Ich brauchte eine gute halbe Stunde, um zu verstehen, daß diese Welt (die unsere) genauso existiert wie die andere und daß ich mich nicht mehr auf der “anderen Seite” befand, sondern hier, in der Welt der Falschheit. Ich hatte alles vergessen, die Leute, die Dinge, was ich zu tun hatte – alles war verschwunden, als hätte es überhaupt keine Realität. Siehst du, es ist nicht, als müsse man diese Welt der Wahrheit aus Nichts hervorbringen: Sie ist ganz bereit, sie ist da, direkt hinter unserer Welt. Alles ist da. alles ist da.

All das ist erfüllt von unverständlichen Mysterien. Vielleicht wird das Nachfolgende sie aufklären. Das erste aber, das mich persönlich frappierte, war dies: Wie ist es möglich, daß Mutter neun Jahre brauchte – von 1950 bis 1959 – um Sri Aurobindo wiederzufinden?… Neun Jahre lang fand sie den Weg nicht. Warum?

Sicher war sie ihm in der mentalen, vitalen und psychischen Welt begegnet, wie es uns allen möglich ist (wenigstens denen, die bewußt sind), den sogenannten Toten nach ihrem physischen Weggang wieder zu begegnen. Man geht einfach in die mentale oder vitale Welt. Hier aber entdeckte sie den Weg durch ihren eigenen Körper, das Bewußtsein ihres Körpers fand den Weg. Offensichtlich ist es also eine Welt der Materie, aber aus einer anderen als der von unseren gewöhnlichen Sinnen erfaßten Materie – aus einer anderen Materie oder derselben, nur anders wahrgenommen? Mit anderen Worten verbrachte sie diese neun Jahre damit, das fehlende Bindeglied in der Wahrnehmung oder in der materiellen Substanz zu schaffen (oder entstehen zu lassen). Als es dann geklärt war, sah sie: ihr körperliches Bewußtsein sah. Und es war bereits weniger “weit entfernt” als die Visionen der Linie A1, A2 usw., es war physischer, fast ebenso substantiell wie die physische Welt. Wenn das aber so “nahe zu rücken” vermag, wie nahe kann es dann kommen, wo ist die Grenzlinie? Wird es irgendwo haltmachen, oder wird es fortfahren, sich zu nähern? Wird die Grenzlinie sich an einem bestimmten Punkt auflösen? Und warum ist da überhaupt eine Grenzlinie, wo ist die Linie, wo ist der Schleier? Und was verursacht den Schleier?… Ein Schleier kann weggezogen werden. Etwas in unserer materiellen Substanz, in unserem materiellen Bewußtsein ist verschleiert. Dennoch, sagte sie, würde eine Kleinigkeit genügen – eine winzige Kleinigkeit –, um von dieser Welt in die andere überzugehen, damit die andere die wahre wird. Ein winziger Auslöser würde genügen, oder besser eine winzige Wendung in der inneren Haltung. Wie soll ich es ausdrücken?… Für das gewöhnliche Bewußtsein ist es nicht wahrnehmbar: eine ganz winzige innere Wendung, eine Änderung der Beschaffenheit würde genügen… Um von dieser Welt zur anderen zu gelangen, oder damit die andere hierher kommt? In welche Richtung wird es gehen? Wahrscheinlich gibt es überhaupt keine Richtung! Wenn sich der Schleier erst einmal auflöst, wird es nach allen Richtungen hin offen sein – aber er kann sich auflösen. Es genügt ein Auslöser. Diesen “Auslöser” müssen wir in unserer Materie finden. Vielleicht ist er dabei, sich ganz allein und ohne unser Wissen zu bilden, wie er sich über neun Jahre hinweg in Mutter bildete, ohne daß sie es merkte?… Vielleicht war Mutter auf dem Weg, diesen Schleier in ihrem Körper abzunutzen, eine endgültige Verbindung in ihrem Körper herzustellen. Wenn ein Körper, ein Stück Materie die Verbindung herstellen kann, heißt das, daß alle Körper, die ganze Materie es kann. Ich habe ein sehr starkes Gefühl, sagte sie, daß es genügen würde, diese Welt sozusagen zu verdichten, damit sie für alle sichtbar würde.6 Das sagte sie bereits 1956, nach der supramentalen “Herabkunft”. Von 1956 bis 1959 sind es nur drei Jahre. Was geschah 1973, als Mutter verschwand? Wohin verschwand sie?…

Im Verlauf der Erfahrung von 1959 stellte Mutter Sri Aurobindo eine Frage, eine einzige: Ich zeigte Sri Aurobindo diese ganze Welt, dieses ganze Arbeitsfeld und fragte ihn, wann diese andere Welt, die wahre, die hier so nahe ist, unsere Welt der Falschheit ersetzen wird… Mutter sagte ganz deutlich “ersetzen”. Also werden wir nicht in die andere eingehen, sondern die andere wird in diese hier eintreten – die andere, welche andere?… Es ist die gleiche! Es gibt keine zwei Welten der Materie sondern nur eine einzige: Die eine ist wirklich gesehen, die andere falsch gesehen. Wenn man aber wirklich sieht, dann bewirkt das einen enormen Unterschied. Es ist wie der Übergang vom Affen zum Vogel. Es ist wirklich ein Übergang in eine andere Welt, die dennoch dieselbe ist. Und alles ändert sich. Das Leben ändert sich, die Seinsweise ändert sich. Ein anderer Kontinent im Kontinent. Eine kolossale Wende… die von einem Nichts abhängt, von einem Auslöser. Diesen Auslöser muß man aushalten können. Werden nur einige wenige imstande sein, diesen Auslöser zu ertragen, zu sehen – sich auf den Auslöser vorbereiten und ihn sehen und leben können –, während die anderen in der gewohnten Weise fortfahren würden? Wird die Erfahrung nicht “ansteckend” werden, wird die Menschheit nicht als Ganzes die Linie überschreiten – außer denjenigen, die es nicht wollen, die fortfahren, an den Tod zu glauben und tatsächlich sterben werden? Vielleicht ist die Apokalypse nichts anderes als das. Aber jene, die die Apokalypse schrieben, wußten nichts von der supramentalen Welt, sie kannten diese Materie nicht und verlegten ihre Hoffnung in irgendwelche Himmel und machten so den wahren Sinn der Erde lächerlich. Die Apokalypse wird aus denjenigen bestehen, die auf dieser Seite der Linie stehen bleiben, sie werden mehr und mehr in ihrer immer erbärmlicheren Welt ersticken – niemand wird sie in die Apokalypse stürzen: Sie werden es ganz von selbst tun, mit Leib und Seele. Ihre eigene schwerfällige und erstickende Vibration wird sie automatisch dahin führen, wo sie hingehören: in den mysteriösen und rapiden Zerfall all jener Elemente, die unfähig sind, sich weiterzuentwickeln. Sie werden die Krankheit des Todes erwischen – die Krankheit dessen, was sie selbst sind. Wir müssen die leichte Schwingung vorbereiten. Wir müssen die andere Atmung vorbereiten. Uns ist vielleicht gerade genug Zeit gegeben, uns vorzubereiten. Wir werden vorbereitet. Wir sind betroffen.

Wann? fragte Mutter Sri Aurobindo. “Not ready”, war alles, was er antwortete. – Nicht bereit.

Aber der Schleier wird dünner. Seit 1959 ist er dünner geworden. Was tat Mutter in ihrem Körper zwischen 1959 und 1973? Vielleicht hat sich die “Distanz” auf null reduziert. Vielleicht wird es blitzartig und vernichtend in Erscheinung treten… wäre da nicht die Gnade, die nur auf unsere leichte Schwingung wartet, auf unseren Glauben an das wahre Leben, auf unsere Liebe zum wahren Leben, unser Verlangen nach einem wahren Leben. Verlangen wir danach? Verlangen wir wirklich danach? Das ist vielleicht die ganze Frage.

Die Schwerfälligen werden immer schwerfälliger.

Die Leichten werden geklärt der neuen Morgenröte entgegenlächeln.

Vielleicht genügt es, nur die Freude hinzuzufügen, sagte sie.

11. Kapitel: Die Mentale Magie

Dann entschwand alles wieder hinter der grünen Mauer. Oder vielmehr der Mauer aus Schlamm.

Wir werden in der Tat sehen, daß dieser berühmte Schleier oder diese Trennwand aus Schlamm, die uns die wahre Welt, die wahre Materie verhüllt, nichts anderes ist als eine Art zellularer Belag oder eine Schmutzschicht, und die ganze Aufgabe, dieses langwierige, langsame, gefährliche Durchqueren des Schleiers, ist ein Reinigungsvorgang der Zellen, ein Säubern ihrer gesamten atavistischen, genetischen und jahrtausendealten Schicht, um zur reinen kleinen Zelle zu gelangen. Der Ausweg aus dem zellularen Programm.

Den ersten Belag aber bilden nicht die DNS- oder RNS-Moleküle, wie wir uns das vorstellen, sondern das Mental: die Wurzeln des Mentals in der Materie.

Die erste Erfahrung auf der anderen Seite des Schleiers war übrigens weniger flüchtig, als ich es beschrieb, es war keineswegs ein “Traum”, der kommt und wieder geht: Zwei volle Tage verbrachte ich darin, zwei Tage reiner Wonne. Sri Aurobindo war die ganze Zeit mit mir, die ganze Zeit: Er begleitete mich beim Gehen, und wenn ich mich setzte, setzte er sich mit mir… Es war kein Traum, das Bewußtsein des Körpers machte die Erfahrung, genau jenes Bewußtsein, das Kälte und Wärme fühlt, das Undurchsichtige sieht und das Harte berührt. Ein Schleier war gelüftet. Zwei volle Tage bewegte sie sich in einer anderen Welt, die dennoch die unsere war. Sri Aurobindo gab mir zwei solche Tage: eine vollkommene Glückseligkeit… Hätte ich je ein persönliches Ziel angestrebt, wäre dieses Ziel damit gewiß erreicht gewesen – es ist unbeschreiblich, es übersteigt absolut jede Pracht, die man sich vorstellen und ausdrücken kann. In diesem Augenblick erhielt ich die Anweisung vom Höchsten – er war da, siehst du, so [Mutter berührte ihr Gesicht, ihren Körper, ihre Hände], und er sagte mir: “Das ist ein Versprechen für später. Jetzt aber heißt es, die Arbeit zu tun.” Das ist keine individuelle Arbeit, sondern die kollektive Arbeit. Und Mutter fügte folgendes hinzu, das mich auf einmal nachdenklich stimmte: Sri Aurobindo tat etwas Entsprechendes, aber auf eine viel umfassendere, vollständigere, absolutere Weise, indem er seinen Körper verließ – denn er hatte die Erfahrung, er hatte das, er hatte es, ich sah ihn supramental auf seinem Bett sitzen… Auch hatte er geschrieben: “Ich tue es nicht individuell für mich selbst sondern für die ganze Erde.” Das hier war genau das gleiche – oh, welche Erfahrung!… Nichts hatte da noch irgendeine Bedeutung, weder die Dinge noch die Leute, nicht einmal die Erde, all das war vollkommen belanglos. Sri Aurobindo hatte das also, er kannte die zweifache Welt, während er in seinem Sessel saß und auf die Wand schaute… Und er brachte es fertig, in beiden Welten gleichzeitig zu leben: Er hörte und sah die Schüler, wie sie um ihn herum ihre Späße trieben, hörte Mutters Schritte. Es war die gleiche Welt, die dennoch eine andere war. Und durch seine physische Gegenwart zog er die andere in diese hinein, verminderte die trennende Schicht, die, als Mutter diese Erfahrung hatte, schon keine Mauer mehr war, etwas war bereits dünner, klarer geworden – bis zu jenem Tag vielleicht, als er verstand, daß er auf der “anderen Seite” wirksamer arbeiten könnte, weniger eingesperrt wäre in den Äußerlichkeiten der Schüler mit all ihren Briefen und Dummheiten, die seine ganze Zeit für die wahre Arbeit verschlangen. Er wurde geradezu auf die andere Seite gedrängt. Fünfmal hatte er geäußert: “Ich habe keine Zeit.” Mutter blieb auf dieser Seite der Brücke zurück bis zu dem Tag im Jahr 1959, an dem eine erste Verbindung zustande kam. Aber er hatte es nicht nötig zu sterben, er besaß den “Schatz der beiden Welten”, wie die Rishis es nannten, “diesen Schatz in der Tiefe des Felsens wie das Junge des Vogels”. Können wir überhaupt verstehen, was das bedeutet?… Wahrscheinlich nicht wirklich. Er akzeptierte zu sterben, bewußt, mit einem bewußten, lebendigen Körper in das einzutreten, was das Gegenteil des Bewußtseins bedeutet: Nacht, Tod. Wie um diesen Samen des Seins in den Felsen, in das Nicht-Sein zu werfen. Vielleicht ist es Krishna aus Gold, der daraus hervorwächst, der größer und größer wird und die Mauern niederreißt. Das ist eher erschreckend. Ja, und da verließ also Mutter diese wahre Welt wieder, diese wirklich lebendige Welt, um in unseren Tod zurückzukehren, den wir Leben nennen. Sie tat genau das, was Sri Aurobindo tat, aber auf umgekehrte Weise. Sie begab sich daran, den Schleier sozusagen von innen heraus abzunützen. Sie wagte den Versuch, die Verbindung für die Erde herzustellen. Denn das, was uns als das Leben erscheint, ist der tod. Man könnte sehr richtig sagen, daß es so etwas wie verschiedene Grade des Todes gibt. Es gibt Grade des Lebens und Grade des Todes: Es gibt Wesen, die mehr oder weniger lebendig sind oder, wenn man es negativ ausdrücken will, die mehr oder weniger tot sind. Aber diejenigen – oh, für die, die wissen, daß diese materielle Form das supramentale Licht manifestieren kann – für sie sind diejenigen, die das supramentale Licht nicht in sich tragen, schon ein wenig tot. So ist es.

Das supramentale Licht in den Körper der Erde zu bringen, heißt den Tod entwurzeln. Es heißt, den Schleier dieses “Etwas” wegzuziehen, das den Tod verursacht, genau den Schleier, der zwei Tage lang gelüftet war.

Die dreifache Voraussetzung

Dann verschwand alles. Erneut war es der Wald. Das blinde, erstickende Vorangehen, Schritt für Schritt, ohne Weg. Wie ist es möglich, dieses supramentale Licht im Körper zu fixieren? Nicht als flüchtige Erfahrung, sondern dauerhaft. Was verhindert das? Wie immer besteht die Schwierigkeit nicht darin, herauszufinden, was gemacht werden muß, sondern was rückgängig gemacht werden muß, denn das, was rückgängig zu machen ist, ist so unsichtbar wie die Gewohnheit und so gewiß wie Newtons Apfel. Diese ganze Gewißheit der Gesetze des Todes muß rückgängig gemacht werden, und wo nisten sie, diese Gesetze, bevor wir sie in Gleichungen setzten? In ihrem Nest müssen sie aufgestöbert werden. Wir müssen alle “Offensichtlichkeiten” der Welt in ihrem Nest schnappen: warum wir fallen, warum wir schwer sind, warum B nach A kommt und C nach B, was immer mit einem kleinen Tod endet. Wir müssen diese ganze unwiderlegbare Kette zurückverfolgen, Glied für Glied, bis zum mikroskopisch kleinen Ursprung – da, wo das kleine Biest nistet. Diese ganze logische, offensichtliche, unanfechtbare und mathematische Kette bildet den Schleier. Eine enorme Lüge in all ihren Einzelheiten. Natürlich müssen wir als erstes anfangen zu denken, daß es eine Lüge ist – aber wir sind nicht die einzigen, die denken; auch die Zellen des Körpers haben ihre eigene Denkweise, sie haben die Krankheit des Todes aufgeschnappt wie alles übrige, das säuberlich in Anzug und Krawatte gekleidet ist. Wir müssen darangehen, diesen kleinen “Gedanken” aus seinem Nest aufzustöbern.

Der erste Schritt ist somit eine Arbeit der Klärung der Materie oder vielmehr der falschen Materie. Ist sie erst einmal klar, wird sie wahr sein, dann kann das Licht hindurch kommen, das wahre Leben wird in sie eintreten, wir werden die “andere Welt” hier mit offenen Augen sehen, beim Gehen, beim Sprechen… Aber gleichzeitig muß noch eine andere Arbeit geleistet werden: Wenn dieses Licht, diese ungeheure Kraft eintritt, ist es wie rasendes Fieber, man glaubt zu bersten und fühlt sich innerlich in allen Zellen des Körpers wie erdrückt – natürlich! denn hier innen stößt es auf Widerstand, Dunkelheit und Schwerfälligkeit, und das ruft eine unerträgliche Reibung hervor. Der Strom will durchfließen, er kommt aber nicht durch: so wird alles glühend rot. Und wenn man nicht nachgibt, kann sogar alles zum Platzen kommen. Schließlich handelt es sich nicht um einen kleinen mentalen Strom. Wir müssen aber einräumen, daß dieser Strom äußerst gut dosiert ist, man stellt ihn einfach ab, wenn es fehlzugehen droht, oder man fällt in Ohnmacht. Das Bewußtsein des Körpers ist wie das Bewußtsein eines Säuglings, es ist noch sehr jung, es hat nichts von den “Unermeßlichkeiten” des Mentals. Es genügt, sich den Finger in der Tür zu klemmen, um zu verstehen, was ich meine. Die Ohnmacht überkommt einen, nicht weil es schmerzt, sondern einfach weil die Intensität des Stromes als Reaktion einen Kurzschluß auslöst. Man darf keine Reaktionen mehr haben, alles muß innerlich fließen in einer körperlichen Unermeßlichkeit ähnlich der Unermeßlichkeit dort oben. Eine reibungslose Unermeßlichkeit. Wir müssen das Unendliche im Körper erlangen. In der Tat müssen wir all die “großen Erfahrungen” von oben hier im Körper erleben. Dann beginnen wir, dem Strom standzuhalten, ohne wie eine schwache Dame gleich in Ohnmacht zu fallen (obwohl Frauen viel solider sind als Männer, ihre Substanz ist unendlich mehr ausgearbeitet als unsere – Mutter sagte immer, daß sie eine entscheidende Rolle in der Transformation zu spielen hätten und weitaus fähiger seien, die Brücke zu bilden). Die erste Lektion der Erfahrung von 1959 war somit die Notwendigkeit, dieses körperliche Bewußtsein zu universalisieren, es zu erweitern bis ins unbewegte Unendliche, das jeden Orkan ohne das leiseste Beben einer Reaktion auszuhalten vermag – dort fließt es unbehindert. Genau diese Behinderung verursacht den Schleier. Klärung und Universalität gehen Hand in Hand. Als erstes muß der Körper – das Körperbewußtsein – lernen, sich zu erweitern, das ist unerläßlich, weil sonst die Zellen unter dem Druck des supramentalen Lichts zu einer Art kochendem Brei werden. Und Mutter blickte mich aus den Augenwinkeln an, wie ich oben in meiner blassen kleinen Unendlichkeit klebte: Ich bin dabei zu versuchen, die große Öffnung zu schaffen. Erst wenn die große Öffnung geschaffen ist, wird es wirklich… (wie soll ich es ausdrücken?) die nicht reduzierbare Sache erreichen, und weder der gesamte Widerstand der Welt noch ihre ganze Trägheit oder selbst ihre Dunkelheit wird es je verschlingen können – die ausschlaggebende, transformierende Sache. Ich weiß nicht, wann es kommen wird. Daraufhin fügte sie hinzu (und hier zeigte sie ihr schelmisches Lächeln): Siehst du, wenn man sich lange genug auf einen punkt konzentriert, stößt man auf das Unendliche, das X, Y und Z in ihrer eigenen Erfahrung fanden, man könnte es als ihr eigenes Unendliches bezeichnen. Aber das ist es nicht, was wir wollen… Es geht nicht mehr um einen individuellen oder persönlichen Kontakt mit dem Unendlichen sondern um einen alles umfassenden Kontakt. Sri Aurobindo bestand sehr darauf, er sagte, daß es vollkommen ausgeschlossen sei, die supramentale Transformation zu erlangen, ohne universell geworden zu sein, dies sei die allererste Voraussetzung: Man kann erst supramental werden, nachdem man universell geworden ist. Und “universell werden” bedeutet, alles anzunehmen, alles zu sein, alles zu werden – alles anzunehmen, ja, das ist es. Alle Leute, die in einem System eingeschlossen sind, und sei es selbst die höchste Gedankenregion – nun, es ist nicht das.

Das Unendliche in der Materie. Das Universum im Körper. Wie bringt man das zustande? Plötzlich ist es, als würde die “Spiritualität” eine ganz konkrete Angelegenheit, fast eine Frage der zellularen Mechanik. Es bedarf der Unendlichkeit, damit der Strom durchfließen kann, ohne alles zunichte zu machen, auch bedarf es einer gewissen Unpersönlichkeit oder “Entpersönlichung” der körperlichen Substanz, damit die reine, präzise Schwingung materieller Spontaneität (diejenige des Vogels, des Insekts – die aller Welt zu eigen ist außer uns) zum Ausdruck kommen kann, ohne gleich von unseren sogenannten “natürlichen” Reaktionen geschnappt, entstellt und gefälscht zu werden, die mental, moralisch, spirituell, marxistisch oder medizinisch gefärbt, also falsch sind, denn sie sind persönlich und bringen die Vibrationen – oder eher die Vibration – völlig durcheinander. Alle unsere Reaktionen sind sterbliche Reaktionen, die edelsten ebenso wie die dümmsten. Dieses Unpersönlich-Werden der materiellen Individualität ist sehr wichtig. Jetzt weiß ich auch warum. Das ist sehr wichtig für die Genauigkeit dieser Aktion, damit nur – nur – der göttliche Wille zum Ausdruck kommt, vollkommen rein, sozusagen minimal vermischt: Jede Individualisierung oder Persönlichkeitsbildung bringt notgedrungen eine Mischung mit sich. Dann versteht man alles, alles, alle Einzelheiten. Siehst du, es gibt Dinge, die man auf intellektueller oder psychologischer Ebene versteht (das ist ausgezeichnet, es hat seine Wirkung und ist hilfreich), aber immer scheint es so verschwommen zu sein, das heißt, es läßt immer einen Spielraum an Ungenauigkeit offen. Jetzt hingegen ist es das Verständnis des mechanismus, der Mechanik der Schwingung. Nun präzisiert es sich. Alle Haltungen, die der Yoga empfiehlt, angefangen damit, daß jede Handlung als Opfergabe vollzogen werden soll, dann die vollkommene Loslösung vom Resultat (das Resultat überläßt man dem Höchsten), dann der vollkommene Gleichmut in allen Lebenslagen, kurz, alle diese Dinge (die Etappen darstellen und die man intellektuell versteht und gefühlsmäßig erlebt), all das erhält erst dann seine wahre bedeutung, wenn es sozusagen zu einer mechanischen Wirkung der Schwingung geworden ist. Dann versteht man, warum es so sein muß.

Letztlich wird der Geist erst in der Materie verständlich. Hier ist er am verständlichsten – ich würde fast sagen, hier ist er am wahrsten, als sei der Geist dort oben nichts weiter als eine blasse Kopie, eine mentale Imitation. Es ist gut möglich, daß uns unsere ganze “Spiritualität” eines Tages wie eine phantastische Maskerade von etwas anderem vorkommt, das nur auf der Ebene der Materie wirklich voll und ganz verständlich ist. Und es wird die ganze Welt erklären.

Klärung, Universalität, unpersönlich werden.

Ja, aber wie bringt man das praktisch, im Körper, zustande?

Das physische Mental

Der Körper beginnt bei egal welchem Zipfel und in irgendeiner Minute am Tag.

Man geht die Treppe seines Zimmers hinunter, und schon fängt es an zu murmeln: “Oh, was für ein schwerer Tag!” – und man wird schwer. Man geht ins Badezimmer, und es murmelt: “Achtung, es ist glitschig, du wirst ausrutschen” – und man rutscht aus und fällt hin. “Achtung, du wirst dich schneiden” – und man schneidet sich. Man begegnet einer gewissen Person, und es murmelt schon wieder: “Nimm dich in acht, sie wird dir ihre schlechte Laune anhängen” – und schon fängt es innen an zu reiben. Man hustet, da ist ein Luftzug: “Es ist ein Schnupfen” – und tatsächlich, es ist ein Schnupfen. Endlose Schnupfen, unzählige und heimtückische Krankheiten werden auf diese Weise hervorgerufen, die weder Temperatur noch Krankenblatt haben, die aber alles vergiften, verkleben und verdichten – und alles verschleiern. Nichts wird so empfangen, wie es ist: Im voraus ist da schon ein Schleier. Im voraus besteht die Krankheit, die Unordnung, die Verwirrung – alles ist bereits vorgesehen bis in die kleinste katastrophale Einzelheit. Oder (obgleich seltener) es färbt alles rosarot – gelb, grün, blau –, und alles ist auch in dieser Mischung im voraus gesehen. Die Dinge kommen wie vorausgesehen, es ist erstaunlich, man könnte glauben, ein kleiner Zauberzwerg stünde neben einem. Aber man achtet nicht darauf, die winzige Stimme wird übertönt von unseren idealistischen Tiraden, unseren schwerwiegenden mentalen Entscheidungen, unseren Superorganisationen…, die sich wieder auflösen, ohne daß man wüßte warum, plötzlich untergraben von einem unvorhersehbaren lächerlichen Unfall. Und alles bricht zusammen. Manchmal braucht es zehn Jahre, bis es zusammenbricht oder Krebs bildet – aber der Zusammenbruch oder der Krebs wurzelt bereits hier im winzigen Geflüster, das unaufhörlich murmelt und murmelt, beim Gehen, beim Essen, beim Sprechen… “Paß auf, du wirst dich ermüden”, und augenblicklich ist man müde. “Paß auf, du bist dabei, eine Dummheit zu machen”, und augenblicklich macht man die Dummheit, fast wie aus Zwang, es ist schwindelerregend, den Tentakeln einer Krake gleich, die sich heimlich um die Zellen winden. “Und dann stirbst du” – ja, es ist der unabwendbare Tod. Und man stirbt. Wenn man erst einmal diese unübersehbare endlose Krake berührt, die alles verklebt, alles verschleiert, alles erwürgt, aber auf so leichte Weise, wie ein Hauch – es ist kaum zu glauben und auch nicht “denkbar”, keine Sekunde lang –, dann beginnt man eine ungeheure schwarze Magie zu berühren, die uns nur entgeht, weil sie das eigentliche Gewebe unserer Existenz ist. Subtil, fast wortlos, wie ein Hauch, wie das leichte Streicheln einer Schwingung um einen herum oder unter einem, manchmal ist es wie ein Geruch oder eine “Vorahnung”, ein “Vorgefühl”, etwas Verschwommenes, Embryohaftes, das unter einem toten Blatt vorbeihuscht – und alles zersetzt sich. Es ist eine unsichtbare, unaufhaltsame Zersetzung von allem. Nicht unbedingt die Leichenzersetzung (das heben wir uns fürs Ende auf), sondern eine unmerkliche Zersetzung der Farbe, die die Welt in eine Art schlammiges Schillern sinken läßt (“schlammig” ist sie aber nur für diejenigen, die klarere Augen haben, den anderen erscheint es wie ein charmantes Schillern). Das hat eine eigenartige Macht über die tausend kleinen Umstände des Lebens, manchmal auch über die großen, wenn die Dosis stärker ist. Und es hat eine nahezu hypnotische Wirkung auf den Körper.

Natürlich verjagt man all das, wenn man sich ein klein wenig bewußt wird, was hier vorgeht. Aber es klebt. Man verjagt es einmal, zehnmal, doch es kommt in einer anderen Form und Farbe wieder zum Vorschein. Man haut darauf: Es verschwindet unter dem Erdboden, es spielt den Scheinheiligen, ist hübsch brav wie ein Engel. Und dann, zack! schnellt es wieder hervor. Man hat diese Schwierigkeit überwunden, jene Unreinheit von vor zehn Jahren aufgelöst, und wie ein Hauch schlüpft es wieder ins Gedächtnis zurück: “Oh, das ist ja alt und vorbei, zum Glück!” – aber schon kehrt es zurück, augenblicklich herbeigerufen durch die Erinnerung, von der Erinnerung wachgekitzelt 1, wie Mutter es ausdrückte – frisch und munter, mit doppelter Kraft nach der langen Betäubung, und alles fängt wieder von vorne an, als sei gar nichts gewesen. Man hat sich einfach fünfzehn Jahre lang auf der Schwierigkeit schlafen gelegt. Aber ein Hauch der Erinnerung genügt – eine unmerkliche Vibration – nichts ist aufgelöst. Hier ist etwas, das Gewebe von etwas, das egal was benützt, sei es einen Luftzug, eine Begegnung, ein Niesen, um alles wieder zutage zu fördern. Hier ist nicht nur ein Ding, eine Schwierigkeit, eine Schwäche, eine Krankheit auszurotten, nein: es ist ein ganzes Gewebe, eine fast körperliche Substanz. Eine entartende Substanz. Nun beginnt man den Umfang des Problems zu ermessen, es ist, als müsse man alles ausrotten. Es ist, als bestünde schon im voraus eine Art Korruptheit, die so unentwirrbar mit dem Körper vermischt ist, daß man sich wundert, ob es überhaupt möglich ist, sich davon zu befreien, ohne dabei dem Körper das Leben zu nehmen.

Das ist das “physische Mental”. Eine Art ursprüngliches Denken der Materie.

Aber es ist nicht einmal ein “Denken”, es ist ein Hauch oder eher eine Prägung. Wahrscheinlich die Prägung aller Katastrophen, die es durchmachte, um zum Leben zu erwachen – das katastrophale Erwachen. Das Auftauchen aus dem großen ruhigen Schlaf. Das materielle Bewußtsein, das heißt das Mental in der Materie bildete sich unter dem Druck von Schwierigkeiten – Schwierigkeiten, Hindernissen, Schmerzen, Kämpfen. Es wurde sozusagen von diesen Dingen “ausgearbeitet”, was ihm eine geradezu pessimistische, defätistische Prägung hinterließ, und dies ist gewiß das größte Hindernis. Es ist der große Durst, aus der Katastrophe herauszukommen. Es ist die breite Basis des Lebens. Das Leben stützt sich darauf: auf dieses NEIN. Ein Nein, das Tausende und Millionen von Formen und kleine Krankheiten oder Schwächen annimmt, die alle nach dem endgültigen Nein dürsten: dem Tod. Endlich der Friede des Todes. Es ist so unmerklich und wird vollkommen übertönt von unserem mentalen Lärm, unseren Evangelien, unserem Sozialismus, all unseren Anhängseln, die alle nichts als ein kleines fiebriges Treiben auf einer Grundschicht des Todes sind. Eine Weile machen wir uns etwas vor. Dann hören wir auf, uns etwas vorzumachen (oder eher es hört auf, sich etwas vorzumachen), und man ruft nach Penizillin, nach dem Arzt oder Pfarrer, man ruft den ganzen Himmel zu Hilfe. Aber der Tod ist nicht von heute, er war schon immer hier, nichts hat sich wirklich geändert: es ist so geworden, wie es war. Und das nennt man das Leben. Wir gehen ständig mit dem Tod einher, beim Treppenhinaufsteigen und beim Treppenhinuntersteigen, beim Sprechen, Lachen… er flüstert, flüstert und flüstert… Und das bringt alles durcheinander. Wagt man es aber, dieses Geflüster etwas näher zu betrachten, um es zu korrigieren, ihm ein wenig die Leviten zu lesen, dann ändert es gewieft seine Taktik, wird zu zehn guten Gedanken, die alle ganz spezielle Fallen sind. Es ist die komplette, unbestreitbare Falle, egal wie man es betrachtet, von der guten oder schlechten Seite. Es überholt einen mit blitzartiger Geschwindigkeit, fängt unsere Gedanken im voraus auf und erwartet uns mit einem neuen unvorhergesehenen Trick. Gut zu denken ist ein Übel, schlecht zu denken ist ein Übel, alles ist ein Übel. Alles ist unklar. Aber natürlich! Es ist das mental, und niemand ist mental stärker als das Mental. Das Mental kann das Mental nicht korrigieren. Es handelt sich wirklich um eine totale Korruptheit, es klebt hier im Körper bei jedem Reflex, jeder Reaktion, jedem Bissen, den man zu sich nimmt, jedem Schritt, den man macht. Man kann sich dem intellektuellen Denken entziehen, den Gedankenmechanismus abschalten und in befreite Himmel entschwinden: Dort hoch oben geht es einem sehr gut, darunter aber wimmelt es nur so. Es ist tatsächlich ein Kampf gegen kleine, winzige Dinge, Seinsgewohnheiten, Arten des Denkens, Fühlens, Reagierens… ein un-ge-heu-rer Kampf gegen jahrtausendalte Gewohnheiten. Das ist nur für jemanden interessant, der sich für alles interessiert, für den alles interessant ist, das heißt, für jemanden, der eine Art Willen zur Vollkommenheit besitzt, der nichts außer acht läßt, keine einzige Einzelheit, sonst… Sobald man sich auf mentaler Ebene befindet, sagt das Mental: “Oh, nein, nein! Du verschwendest deine Zeit!” – Das ist nicht wahr, aber es betrachtet dies als Lächerlichkeiten. Diese Lächerlichkeiten sind die eigentliche Substanz des Todes. Unser Leben besteht aus einer Million sterblicher Lächerlichkeiten. Man könnte fast meinen, daß es wie ein kaum wahrnehmbarer Belag aus Lehm ist, aus winzig feinem Staub – lehmig, dicht und völlig schwarz. Es liegt auf dem Grund der Zellen oder lagert sich um sie ab. Ein Schleier aus Lehmstaub. Rührt man nur ein wenig daran, erhebt sich alles wie ein dichter Vorhang, füllt das Goldfischglas, und es ist Nacht – das ist die Nacht, die von den “Lebenden” als Tag bezeichnet wird. Sie baden darin, mitten in den Lächerlichkeiten. Wenn man es sich ruhig absetzen läßt, dann sieht man gewiß klarer, das Goldfischglas bleibt transparent, aber es ist dennoch heimlich in der Tiefe vorhanden. Was tun?

Es hat fast den Anschein, als sei diese Lächerlichkeit die Wurzel des Problems.

Doch gewiß gibt es da, wo eine äußerste Schwierigkeit besteht, auch einen äußersten Schlüssel, eine äußerste Macht. Das Hindernis selbst schafft den Weg. Es ist dazu da, uns in die Entdeckung zu locken. Der Tod ist das letzte Hindernis, das uns noch die größte Entdeckung verbirgt.

Anfangs war Mutter sehr stolz (man möge mir verzeihen, daß ich sie hier ein wenig necke, aber von Zeit zu Zeit können wir die Rollen etwas vertauschen), sie sagte mir: Wenn diese Drehmühle anfängt, nehme ich sie wie mit Zangen… [Mutter machte eine Geste, als zöge sie etwas nach oben über ihren Kopf] und halte sie dort oben, in diesem unbeweglichen Weiß fest – ich brauche sie nicht lange dort zu halten. Ja, und dann ließ sie die Zange los, und es fing wieder von vorne an. Oder man bringt die Kraft herab: Plötzlich ist man zum Bersten von einer Kraft des Lichtes erfüllt, die das ganze Gewimmel auflöst… fünf Minuten lang, solange die Kraft anhält. Mutter sah nur zu gut, daß auch dies keine Lösung war: Ich verstehe sehr gut, warum die Wahrheit, das Wahrheits-Bewußtsein nicht auf konstantere Weise zum Ausdruck kommt, denn der Unterschied zwischen ihrer Kraft und der Kraft der Materie ist so groß, daß die Kraft der Materie durch sie aufgehoben würde – das wäre aber keine Transformation sondern ein Erdrücken. Das war die Methode in früheren Zeiten: Man erdrückte dieses ganze materielle Bewußtsein unter dem Gewicht einer Kraft, gegen die nichts ankämpfen konnte, der sich nichts zu widersetzen vermochte. Und so hatte man den Eindruck: Endlich ist es geschafft!… Aber gar nichts war geschafft. Denn der Rest unten blieb so, wie er war, unverändert. Wenn man keine Kraft einschalten will oder kann, die das Gewimmel erdrückt, wenn man nicht nach oben in das unbewegliche Weiß entrücken will oder kann, was bleibt einem dann übrig?… Und wenn man sich obendrein auch nicht des Mentals bedienen kann, um gegen das Mental in der Materie anzukämpfen, was soll man dann tun?… Man ist nirgendwo. Oder besser, man steckt voll und ganz darin, auf der einzig möglichen Ebene, in der Tiefe des mentalen Schlammes der Materie, und man versucht von innen, im Hindernis selbst eine Kraft zu finden, die entweder durch das Hindernis hindurchgeht oder es transformiert. Die eigentliche Macht des Hindernisses enthält die Macht des Sieges. Man kämpft die ganze Zeit mit dem Sieg, und vielleicht besteht das Geheimnis darin, in die richtige Richtung zu schauen.

Die kleinen Todes-Sekunden

Wenn wir das Gewimmel dann etwas näher betrachten, stellen wir fest, daß es noch einige andere Überraschungen parat hält.

Mutter beobachtete, “war darin” im langen Korridor des ersten Stockwerks, mitten in den tausend kleinen Geschichten der Schüler, die alle “ihre” Geschichte, ihre Schwierigkeit, ihre Undurchsichtigkeit waren. Sie spürte das Gewimmel auf, verfolgte es in all ihren Gesten und Bewegungen, und es schien keine Lösung zu geben – kaum war es hier verjagt, kam es dort wieder zum Vorschein, proteisch und endlos – als bestünde die Lösung nur darin, die Schwierigkeit zu leben. Genau hier liegt die winzige Trennungslinie, die demselben Ding, derselben Schwierigkeit, derselben Unmöglichkeit zwei verschiedene Gesichter verleiht: ein Gesicht des Todes und ein Gesicht des Lebens, ein verschlossenes, negatives Gesicht und ein offenes – je nach der Haltung. Man lebt in der gleichen Dummheit, der gleichen Undurchsichtigkeit, aber auf der einen Seite wird es positiv erlebt mit einer Frage, einem Rufen, einer Art schmerzhaftem Verlangen nach Wahrheit oder Umarmung der Wahrheit, die man dahinter fühlt und will und die man ohne Unterlaß hinter diesem klebrigen schwarzen Leim sucht: man steckt darin wie ein Schrei. Und auf der anderen Seite weigert man sich, sagt nein, möchte es nicht sehen oder nicht wahrhaben, und es klebt trotzdem. Der Feind wird zurückgewiesen. Solange wir den Feind zurückweisen, haben wir keine Macht über ihn – er erwartet uns einfach am anderen Ende.

Mutter ging Schritt für Schritt in diesem Sumpf voran, und die einzige Lösung war, darin voranzugehen, auch wenn man dreihundert Jahre darin waten müßte. Dieses materielle Mental liebt Katastrophen und zieht sie an, schafft sie sogar, weil es den emotionellen Schock braucht, um seine Unbewußtheit zu erwecken. Alles, was unbewußt und träge ist, braucht extreme Gefühle, um sich wachzurütteln, und dieses Bedürfnis ruft eine Art morbide Anziehungs- oder Einbildungskraft dieser Dinge hervor – es ist unentwegt dabei, sich alle möglichen Katastrophen einzubilden oder schlechten Suggestionen kleiner böser Wesen die Tür zu öffnen, die sich einen Spaß daraus machen, die Möglichkeit für Katastrophen zu schaffen… Das wenige an Vorstellungskraft, das es hat (wenn man das überhaupt als Vorstellungskraft bezeichnen kann), ist immer katastrophal. Wenn es etwas voraussieht, sieht es immer das Schlimmste voraus. Und zwar ein Schlimmstes, das ganz klein, gemein und häßlich ist – das ist wirklich der widerlichste Zustand des menschlichen Bewußtseins und der Materie… Kaum hat man einen kleinen Schmerz – “oh! es wird doch nicht zu Krebs führen?” Und nachdem es sich das Schlimmste ausgemalt hat (in nur einer Sekunde, nicht wahr), präsentiert dieser bewundernswerte Kerl all das dem Höchsten und sagt ihm: “Hier, Herr, hier ist Dein Werk, es gehört Dir, mache damit, was Du willst!” Dieser Dummkopf! Warum muß er denn seine Katastrophen überhaupt erst anzetteln? Eine Katastrophe, immer eine Katastrophe, alles ist katastrophal – und obendrein macht er seine Katastrophe dann dem Herrn zum Geschenk! Natürlich käme es uns nicht eine Sekunde lang in den Sinn, daß es eine Katastrophe oder katastrophal sei: “Es ist unbedeutend”, es ist bloß eine flüchtige “dumme Idee” – aber hier irren wir. Es ist zwangsläufig katastrophal. Es ist der wandelnde Tod. Eine gewisse Anhäufung solcher Lächerlichkeiten genügt, um schließlich den wirklichen Krebs und den wirklichen Unfall hervorzurufen. In diesen winzig kleinen Dummheiten verfolgte Mutter langsam den Tod bis zu seiner Quelle. Sie ging “ohne Lösung” hindurch, ging einfach durch alles hindurch, “irrte” sich jedesmal, hatte jedesmal die “falsche Reaktion” und wiederholte jedesmal dieselbe oder eine andere Dummheit… Als sei man nichts als ein Gewebe aus Irrtum, Falschheit und Fehltritten. Das “Ich” ist nichts als ein andauernder Irrtum. Die “Klärung” scheint in erster Linie ein regelrechtes Schlammbad zu sein. Aber sie war darin, sie steckte mittendrin. Sie stand nicht darüber, sie blieb nicht “tadellos sauber”, sondern sie begab sich daran, den Schlüssel des Sieges dem Hindernis selbst zu entreißen. Es war ein grausiges Schlachtfeld.

Die Geschichte oder eher der Sumpf wurde immer tiefer. Wie viele Male mitten im Gespräch oder plötzlich dort auf dem Korridor, während sie mit jemandem sprach, sah ich sie unvermittelt innehalten, ihre Handflächen auf die Augen legen und mit ihrem Kopf zwischen den Händen fünf, sechs Sekunden lang weiß werden, aber nicht weiß wie eine Tote: Es war, als käme eine kompakte Lichtsäule auf sie herab und hüllte sie ein… dann war es vorbei, sie lächelte, fuhr fort, ging Schritt für Schritt vom einen zum anderen, überreichte die eine oder andere Blume, schluckte das eine oder andere Gift. Oder sie blieb vor mir sitzen, die Augen geschlossen, und war plötzlich von diesem weißen Licht überflutet, wie fixiert, unbewegt – man fühlte nicht mehr das leiseste Beben eines Seins in diesem Körper. Anschließend teilte sie mir dann in aller Ruhe mit: Die Dinge finden überhaupt nicht mehr in der Weise statt, wie sie sich im gewöhnlichen Leben abspielen… Während drei, vier Minuten, manchmal fünf, zehn Minuten bin ich ab-scheu-lich krank, mit allen Zeichen, daß es mit mir zu Ende ist. Aber das ist nur, damit ich herausfinde… damit ich die Erfahrung mache, um die Kraft zu finden. Und um dem Körper das absolute Vertrauen in seine göttliche Wirklichkeit zu geben – ihm zu zeigen, daß das Göttliche hier in ihm ist und hier sein will und hier sein wird… Nur in “solchen Augenblicken” (wo es logischerweise, entsprechend der gewöhnlichen physischen Logik das Ende ist) bekommt man den Schlüssel zu fassen… Man muß durch all das hindurchgehen, ohne zu schwanken. Dann schaute sie vor sich auf den großen Flammenbaum mit den gelben Blüten (immer saß sie Sri Aurobindo zugewandt, ihr Sessel und ihr Bett waren immer dieser Richtung zugekehrt, als sei das ihre lebendige Frage, als sei alles ihr Weg, der zu ihm führte – diesen Sumpf mußte sie durchqueren, um zu ihm zu gelangen, diese Dunkelheit mußte sie durchqueren, dieses gewisse Ding mußte sie auflösen, damit er hier sein könnte: Sie nützte den Sumpf ab, so wie er die Mauer abnützte), und sie fügte hinzu: Wieviel von alldem braucht es noch? Ich weiß nicht, siehst du, ich bin dabei, den Weg zu schaffen.

Es bedurfte noch viel “von alldem”, Hunderte und Tausende kleine Todessekunden mußten durchstanden werden, um “den Schlüssel zu erfassen”. Von allen Seiten kam es, mehr und mehr; je weiter sie sich in diesen ausweglosen Sumpf hinauswagte, um so mehr schienen die Schwierigkeiten von überall her aufzutauchen, nicht nur von ihrem Körper, sondern vom Körper aller, als breitete sich ihr Körper mehr und mehr aus. Je mikroskopischer es war, desto universeller schien es zu werden. Sie trat ein in den Körper der Welt. Ich bin buchstäblich überschwemmt von äußeren Dingen! Ein Ding nach dem anderen und wieder ein anderes. Eine solche Mischung! Von allen Seiten, von allen Leuten, von allem. Von weit, weit, weit her auf der Erde und manchmal von weit her in der Zeit – aus weit zurückliegenden Zeiten, aus der Vergangenheit. Dinge kommen aus der Vergangenheit, um geordnet, dem neuen Licht präsentiert, an ihren Platz gestellt zu werden: So ist es unaufhörlich, jedes Ding möchte an seinen Platz gestellt werden. Das bedeutet eine ständige Arbeit, es ist, als bekäme man unentwegt eine neue Krankheit und müsse sie heilen. Die Welt wurde zu etwas sehr “Konkretem”. Sie nahm alle Krankheiten der Welt auf sich.

Das Problem oder die Frage verengte, verdichtete sich mehr und mehr, als spiele sich alles in winzigen Sekunden ab: Eine Art beschleunigte Disziplin im Galopp: jede Minute zählt. Dann plötzlich eine ernsthaftere Krankheit, die das Problem einengte: eine Filariose. Eine häßliche Krankheit, die die Beine angreift, sie unmäßig anschwellen läßt, brennende Stiche von innen nach außen, von den Zehen bis hier hinauf überall im Rücken… Vier Stunden kleiner Torturen. Vier Stunden waren es an jenem Tag; insgesamt sollte es drei Jahre dauern. Die unteren Zentren sind an der Reihe, sagte sie einfach, wie Sri Aurobindo, als er sich das Bein brach. Sie erreichte denselben Punkt, den auch Sri Aurobindo Ende 1938 erreicht hatte, direkt nach München. Es ist das Unterbewußte, der universelle Sumpf. Und sie fuhr fort zu gehen, stundenlang zu stehen, um dem einen oder anderen zuzuhören, überreichte eine Blume, erteilte Rat – die übliche Arbeit. Aber diesmal sollte sie das Wirken der Krankheit bis in die kleinste Einzelheit der körperlichen Abläufe studieren. Und der wirklich interessante Punkt war, daß sie von dieser Filariose schon zwanzig Jahre früher durch einen Moskitostich auf dem Sportplatz befallen wurde. Damals wandte sie sofort ihre Kraft an, und Sri Aurobindo wandte seine Kraft an – so verschwand die Krankheit… tauchte unter. Das heißt, daß eine höhere yogische Kraft angewandt wurde, um den Körper zu heilen. Diese berühmte Kraft bewirkt alle Wunder, die man will, wenn man sie zu handhaben versteht. Mit dieser Kraft hätte ein Theon oder Super-Theon eine großartige Welt voller Wunder zaubern können. Dies sind die Kräfte des höheren Mentals, die wir nicht oder kaum kennen (zum Glück). Aber es sind Kräfte, die der Materie von oben aufgezwungen werden und nur wirken, solange man sich nicht den Bedingungen dieser Kraft entzieht, das heißt, solange man in den Höhen des Mentals verweilt. Doch die Materie wird dabei nicht wirklich berührt, sondern nur mundtot gemacht. Man kann sie ein ganzes Leben lang mundtot machen und kann so “geheilt” sein, ja – und am Ende stirbt man doch, wie jedermann. Der Tod selbst wurde nicht geheilt, die Materie wurde nicht geheilt. Aus diesem Grund könnten wir uns in einer Welt voller Wunder sonnen, ohne je mehr zu erreichen, als uns die bittere Pille zu versüßen, solange es eben hält. Die Ärzte wären natürlich pleite, mitsamt einem guten Teil unserer sperrigen Technik, aber die Wurzel des Übels wäre damit noch lange nicht berührt, und diese Welt bliebe weiterhin eine Welt des Todes. Unsere Aufgabe ist es, den wahren Schlüssel zu finden. Etwas viel besseres als verblüffende Wunder erwartet uns – das wahre Leben. Doch um das zu finden, müssen natürlich alle Kräfte, das heißt, die falschen Kräfte schließlich versagen. Der Schlüssel muß in der Materie aufgestöbert werden – im rein Natürlichen, das letzten Endes das einzige große Wunder der Welt ist. So verlor Mutter alle ihre Kräfte, eine nach der anderen, damit der Körper selbst die Lösung fände. Und liebenswürdigerweise gab man ihr ihre alte mundtote Filariose wieder, die zwanzig Jahre lang im Unterbewußtsein des Körpers untergetaucht war.

Die Erde selbst muß ihr eigenes Wunder finden.

Das zellulare Mental

Diese lange Schule des Schmerzes beschleunigte die Bewegung und führte Mutter zu einer zweifachen Entdeckung, die zwar nach nichts aussah, aber so ist es immer, diese Entdeckungen des Körpers sehen nach nichts aus, man ist sich nicht einmal genau im klaren darüber, daß es sich um eine “Entdeckung” handelt, so unscheinbar ist es… Das ist der Grund, warum es Jahrtausende dauerte. Die Entdeckung des Radiums ist eine ernste Sache, die Entdeckung der Relativität ist eine noch ernstere Angelegenheit, wir sind so voller ernster Entdeckungen, daß wir vollkommen am Kern des Problems vorbeigegangen sind. Wir gehen in der Tat vollkommen am Leben vorbei – natürlich, wir befinden uns ja im Tod. Eines Tages, als ich mich Mutter gegenüber beklagte, daß ich keine “Resultate” sähe, sagte sie mir folgendes in einem gewissen “Ton”, der Mauern aufzureißen vermochte: Man zeigte mir in vollkommen objektiver Weise, aber in ganz winzigen Nuancen, Auswirkungen, die in ihrer Dimension unscheinbar, aber in ihrer Qualität ungeheuer sind – ungeheuer… Mit einem Lächeln, als ob man sich über mich lustig mache, sagte man mir: “Ah, du willst Resultate? Hier hast du sie! Du willst Wirkungen? Hier hast du sie!” Und dann fügte man noch hinzu (weißt du, was ich “unscheinbar” nenne, betrifft die ganz winzigen Umstände jeder einzelnen Minute des Lebens): “Du willst irdische Resultate? Nun, diese hier sind wesentlich größer in ihrer Qualität, als du siehst.” Und tatsächlich sah ich winzige, ganz winzige Dinge, Regungen des Bewußtseins in der Materie, ganz winzige Dinge, die wirklich von verblüffender Qualität waren und die man nie bemerkt, da sie überhaupt keine Bedeutung haben (keine äußere Bedeutung). Nur wenn man genauestens beobachtet, erkennt man sie, ich meine diese Bewußtseinsphänomene der Zellen. Bist du dir deiner Zellen bewußt?… Nein? Dann werde dir deiner Zellen bewußt, und du wirst sehen, daß es Resultate gibt! Die ganzen letzten Tage kommt es wie zum Beweis, und zwar Beweise, die jeden Zweifel zunichte machen: Beweise der Allgegenwärtigkeit des Höchsten in der unbewußtesten – scheinbar unbewußten – Materie… etwas so Ungeheures, daß der logische Verstand es kaum glauben kann. Er wird gezwungen. Nur, siehst du, man erkennt das erst, wenn man diesen äußerst minutiösen Grad an Aufmerksamkeit erlangt hat, und anstatt große Dinge zu wollen, die viel Lärm machen, viel Aufsehen erregen und dem Anschein nach nur so blenden, gibt man sich damit zufrieden, ganz winzige, winzige Dinge zu beobachten, die für unsere dünkelhafte Vernunft vollkommen unbedeutend sind. Plötzlich zwickt man das physische Mental, wenn es gerade dabei ist, seine katastrophale Spule ablaufen zu lassen, und dann, “ganz ohne Grund”, sagt etwas im Körper spontan “nein!”, und die Spule stoppt ganz von allein, wie durch einen Zauberschlag: Die Kopfschmerzen sind weg, die rasenden Zahnschmerzen hören auf – alles ist wie in nichts aufgelöst, einfach durch dieses kleine “Etwas” im Körper, das “nein!” sagte. Das sieht nach nichts aus, ist aber ganz und gar ungeheuer. Etwas, das dem Tod nein sagt und das die Macht hat, die Bewegung des Todes zum Stillstand zu bringen (und daß man sich nicht irrt, Kopfschmerzen oder sonst irgendein Wehweh, oder ein Gegenstand, den man auf den Boden fallen läßt, das alles ist der Tod). Es bleibt uns nur zu entdecken, was dieses “Etwas” ist.

Mutter war also dem Schmerz genauso ausgesetzt wie dem gesamten übrigen unlösbaren Schlamm. Nur bewirkte der Schmerz ein intensiveres Verlangen, die Lösung zu finden. Mutter hätte sich in die höchsten Höhen erheben, den Strom abstellen und in voller Ekstase lächeln können – für ein entwickeltes Bewußtsein ist das elementar, es wirkt wie Morphium, nur besser und radikaler. Aber das spirituelle Morphium war noch ein Teil all jener Mittel, die sie ablehnte. Bis zum Schluß weigerte sie sich, den Strom abzustellen. So hatte ihre Art, im Schmerz zu baden, dieses Besondere an sich, daß der Schmerz physisch vollkommen akzeptiert war wie alles übrige: keinerlei Reaktionen in der Art “nein-nein-nein-das-will-ich-nicht, ich-lehne-ab, es-tut-weh” – alles war akzeptiert, der totale Schlamm. Und in dieser Annahme des Schmerzes (Achtung: keine mentale Annahme, sondern eine physische Annahme) änderte sich bereits unmerklich die Beschaffenheit des Schmerzes… als sei er weniger dicht. Als ob der Strom des Schmerzes, wenn man so sagen darf, besser hindurchflösse. Einige Grade mehr, und es ist nur noch Strom, der durchfließt. Zunächst stellt man fest, daß dieses physische Mental die Reaktion wütend aufbläht, es wird unruhig, gerät in Panik, stellt sich alles mögliche vor, windet sich in alle Richtungen und blockiert so gut, wie es nur kann, den Strom, der sich natürlich behindert sieht und den Durchgang erzwingt… schmerzhaft mitten durch die heulende Verneinung des physischen Mentals. Denn für es ist alles eine Katastrophe – man könnte fast meinen, daß es die Katastrophe will, um endlich Schluß zu machen mit alldem. Wenn dieser Kerl sich beruhigt hat, fühlt man auf einmal eine Art subtile Lüftung im Körper, als ob alles besser hindurchginge – der “Schmerz” geht besser hindurch. Und je mehr man es einfach geschehen läßt, ohne jegliche Reaktion, ohne jeglichen Willen (oder mit dem einzigen positiven inneren Willen, daß all das der “Höchste” ist, der spielt, wie Mutter es ausdrückte, daß alles ein gewisses verhülltes Wunder ist, das nur darauf wartet, daß wir es enthüllen), um so mehr ist es, als würde der Körper, die Körpersubstanz, das Körperbewußtsein weit, fließend, rhythmisch, fast wellenförmig, in einer Bewegung ganz anderer Art, einer Wellenbewegung, wo der Schmerz nichts anderes mehr ist als dieser gleiche Strom, der auf magische Weise sein Gesicht verändert hat. Es ist kaum wahrnehmbar, es dauert ein paar Sekunden, die “nicht zu glauben” sind – und sobald es “nicht zu glauben” ist, kehrt der Schmerz natürlich wütend zurück. Tausendmal wiederholt man den Vorgang, und es ist, als ginge man innerhalb einiger Sekunden von einer Welt in eine andere, von der einen in die andere, ein Hin und Her von einer Welt des Schmerzes in eine andere… die unerklärlich die gleiche und dennoch vollkommen anders ist. Man hat das Bewußtsein des Körpers berührt: den Körper allein, so wie er ist, sein wahres Bewußtsein, ohne dasjenige des lästigen Kerls, der es mit seinem heulenden und katastrophalen Magma übertönt. Es ist beinahe, als wären da zwei Körper: ein Körper des Schmerzes und der andere, ein eingeschlossener Körper und der andere, ein “wellenförmiger” Körper, wenn man so sagen darf, und der andere, zusammengekrümmt, abgekapselt, schmerzvoll und verkrampft wie ein Patient auf dem Behandlungsstuhl des Zahnarztes. Gleich nach einer dieser geradezu magischen Erfahrungen, wo die “Krankheit” sich verflüchtigte, wie aufgelöst von diesem wahren Körper im Innern, beobachtete Mutter erstaunt: Den Zellen ist es völlig egal. Ihnen kam das wie ein Unfall oder eine Krankheit vor oder wie etwas, das kein normaler teil ihrer Entwicklung ist, sondern ihnen aufgezwungen wurde.

Das ist der Anfang einer außerordentlichen Erfahrung.

Das erste Mal, als sie das erlebte, bemerkte Mutter: Es ist eine Art Erkenntnis der geradezu totalen Bedeutungslosigkeit des materiellen, äußeren Ausdrucks, der den Zustand des Körpers anzeigt: Ob die äußeren, physischen Zeichen nun so oder so seien, in dieser oder jener Weise, war diesem Bewußtsein des Körpers vollkommen gleichgültig… Zum Beispiel geschwollene Füße oder eine Leber, die schmerzt, das alles hatte absolut keine Bedeutung: dies ändert in keiner weise das wahre bewußtsein des körpers. Dahingegen haben wir die Gewohnheit zu denken, der Körper sei sehr gestört, wenn er krank ist, wenn etwas nicht stimmt – aber das ist nicht der Fall, er ist keineswegs gestört in dem Sinne, wie wir es verstehen. “Aber”, fragte ich Mutter, “was ist dann gestört, wenn nicht der Körper?” Oh, das physische Mental, dieses idiotische Mental ist der Urheber aller Schwierigkeiten, immer! “Es ist also nicht der Körper?” fragte ich noch einmal. Aber nein! “Doch was leidet dann?” Auch das geschieht durch das physische Mental, denn sobald man diesen Kerl beruhigt, leidet man nicht mehr. Genau das geschah mir. Siehst du, dieses physische Mental bedient sich der Nervensubstanz; entfernt man es aus der Nervensubstanz, fühlt man nichts mehr. es vermittelt die wahrnehmung der empfindung.

Hier beginnt ein riesiges Stück Mauer zusammenzubrechen. Eigentlich ist es gar keine Mauer, sondern ein Schleier aus Schlamm, eine Art schwarzer Belag, der wie ein unendlich feines, klebriges Pulver alles überdeckt – der die Körperzellen einhüllt. Es ist der klebrige schwarze Leim des physischen Mentals… Und man beginnt, sich aus dem Käfig zu befreien. Man beginnt, den Schleier des Todes ganz leicht, kaum merklich zu lüften. Man beginnt, den wahren Körper zu berühren. Man beginnt, die wahre Materie zu berühren. Denn die Entdeckung ist viel außerordentlicher, als wir denken; ich wiederhole: “Das physische Mental vermittelt die Wahrnehmung der Empfindung” – so sind alle Empfindungen falsch, absolute und komplette Lügen. Wir leben in einem Lügenkäfig. Wir leben unter einem Schleier der Lüge. Der Schmerz ist eine Lüge, und alles ist falsch: Was wir als schwer, leicht, groß, klein, verschlossen, offen, opak oder als klar ansehen… sämtliche Wahrnehmungen sind Wahrnehmungen, die im Käfig dieses Kerls fabriziert werden, von ihm selbst, genau um ein Individuum in einen “persönlichmachenden” Käfig zu drängen oder einzusperren, der ihm das Gefühl verleiht, von den anderen getrennt zu sein: ich, eine Person. Dies war das ursprüngliche evolutionäre Ziel. Mit Hieben der Unwahrheit wurden wir zu Individuen geformt. Jetzt bricht die Lüge zusammen – alles ist anders, wir sind ganz anders! Die physische Welt, die wir wahrnehmen, ist eine enorme Lüge, in Gleichungen gesetzt vom physischen Mental, das alles konditioniert. Der physische Körper, den wir wahrnehmen und erfahren, ist ein Körper der Lüge. Und der Tod ist eine weitere Lüge: er ist der Tod der Lüge.

So müssen wir zum wahren Körper werden, durch den alten.

Wir müssen zum wahren Leben gelangen durch den Tod.

Wir müssen mitten im Leben den Schleier des Todes durchschreiten, bevor er Zeit hat, uns zu zersetzen.

Mit einem Mal wird die Beobachtung äußerst interessant, unendlich klein wie immer (im Maßstab oder Abbild des feinen Pulvers aus schwarzem Lehm, das alles verklebt). Man stellt in der Tat fest, daß es ein Glied in der Kette zwischen diesem physischen Mental und der reinen Substanz des Körpers gibt: Das physische Mental wirkt durch einen Vermittler auf den Körper ein. Zwei Substanzen können sich nur berühren oder miteinander in Verbindung treten, wenn ein Minimum an Übereinstimmung besteht, das heißt, die Vibration eines Bereichs muß etwas Entsprechendes in der anderen Substanz erwecken oder schwingen lassen, nur dann kann ein Kontakt, eine Wechselwirkung, eine Kommunikation entstehen. Als Mutter mit der Mumie im Guimet Museum in Kontakt trat oder mit dem Python, den Geranien, dem Amethysten, berührte sie etwas, das darin vibrierte, eine Form des Bewußtseins, das in ihr eine mentale Übertragung fand. Demnach mußte eine Art “Mental” darin gewesen sein – obgleich dem unseren sehr unähnlich –, eine Vibration, wahrnehmbar auf einer Ebene, die natürlich nicht die Geistesebene des entwickelten Mentals darstellt: eine Vibration, die sie in ihrem Körper fühlte oder erlebte und die sich hernach durch Worte, Empfindungen und Bilder übertrug. Ein körperliches Mental. Ein zellulares Mental sollte sie es nennen oder sogar ein atomares Mental. Sri Aurobindo hatte dieselbe Entdeckung gemacht: Es existiert auch ein obskures Mental des Körpers, sogar der Zellen, Moleküle und Partikel. Haeckel, der deutsche Materialist, sprach irgendwo von einem Willen im Atom, und die moderne Wissenschaft, die sich mit den unberechenbaren individuellen Variationen im Verhalten der Elektronen befaßt, ist nahe daran festzustellen, daß das keine Metapher ist sondern der von einer heimlichen Realität geworfene Schatten.2 Dieses zellulare Mental ist das fehlende Bindeglied zwischen der rein materiellen Substanz und dieser ursprünglichen Form des entwickelten Mentals, das wir das physische Mental nennen. Durch den Körper, durch dieses zellulare Mental steht man mit der übrigen Welt in Verbindung. Es bewirkt, daß alles verbunden ist (außer uns). Wären wir plötzlich auf das Mental unseres Gehirns beschränkt mit einem kleinen Paar menschlicher Augen, so würden wir lediglich eine fotografische Welt, eine tote Kruste der Welt sehen (das ist übrigens genau das, was in den meisten Fällen jetzt schon geschieht). Aber dieses zellulare Mental wird vom physischen Mental überdeckt, beherrscht, unterjocht: Es gehorcht dem physischen Mental blind, es ist wie hypnotisiert von ihm. Hier beginnen wir, das Geheimnis etwas besser zu erfassen… Ein winziges Stück Schleier lüftete sich eines Tages, ohne Anlaß, wie durch Zufall, während sie die Hände einer Person hielt, die von der Parkinson’schen Krankheit befallen war. Das unwiderstehliche, nicht zu unterdrückende Zittern hörte für einen Augenblick auf, wie erstarrt durch den Druck ihres Bewußtseins: Einen Augenblick lang berührte sie den Körper, berührte das körperliche, zellulare Bewußtsein dieser Person direkt, und alles wurde still. Als hätte sie einen Schleier durchschritten. In derselben Sekunde, als der Schleier durchschritten war, hielt alles inne, nicht mehr das leiseste Zittern machte sich bemerkbar – es existierte nicht.

Das dauerte nur einige Sekunden, weil das physische Mental dieser Person sich natürlich sofort einschaltete: “Ah, ich zittere nicht mehr!” – und schon fing das ganze Zittern wieder an. Der Schleier war wieder zurückgefallen.

Hier beginnen wir, die Ungeheuerlichkeit dieses mikroskopisch winzigen, schwarzen Lehms zu ermessen. Wir sind an der Wurzel aller Krankheiten angelangt, vielleicht an der Wurzel des Todes selbst: Wenn dieses Mental der Zellen, dieses materielle Mental einmal von einer Idee erfaßt ist, dann ist es wirklich wie besessen von der Idee, bemerkte Mutter, und es ist ihm geradezu unmöglich (nicht unmöglich, aber äußerst schwierig), sich von ihr zu befreien. Krankheiten sind nichts anderes. Das gilt auch für die Parkinson’sche Krankheit: Dieses Zittern ist das Besessensein von einer Idee, es ist das, was von der bewußten Intelligenz als die Besessenheit mit einer Idee bezeichnet wird, eine Hypnose, die mit einer Angst in der Materie einhergeht. Die große Angst des physischen Mentals, die im Grunde die Angst vor dem Leben ist, die Verneinung des Lebens, das, was wir den “katastrophalen Willen” nennen können: endlich Schluß machen und den sterblichen Frieden erlangen. Es ist eine Art falte, die man zu glätten versucht, die sich aber automatisch und ganz dumm immer wieder bildet – man glättet es, und es zieht sich wieder zusammen, man verwirft es, und es beginnt wieder von neuem. Das ist äußerst interessant, aber so beklagenswert. Es ist beklagenswert. alle krankheiten sind so, alle, alle, was auch immer ihre äußere Form sein mag. Die äußere Form ist nur eine spezielle Seinsweise derselben Sache – denn die Dinge kombinieren sich auf alle möglichen Arten und Weisen (es gibt keine zwei gleichen Dinge, und alles kombiniert sich verschiedenartig), so folgen einige einer analogen falte, was dann von den Ärzten als “diese oder jene Krankheit” bezeichnet wird.

Es ist die Falte des Todes.

Die gesamte menschliche Materie steht im Bann einer ungeheuren Hypnose des Todes, der Krankheit, der obskuren, schwerfälligen, alternden Materie… also alles, was wir im Käfig des physischen Mentals unter dem klebrigen schwarzen Schleier des physischen Mentals wahrnehmen. Die Experten in Hypnose wissen, daß man das durchtrennen kann – und sie durchtrennen es… vorübergehend. Sie durchtrennen es willkürlich mit Gewalt. Der Schleier unserer eigenen Hypnose muß bewußt gelüftet werden. Der Körper muß sein eigenes Wunder vollziehen. Dann ist es nicht mehr eine kleine Krankheit, ein kleiner Schmerz, den wir heilen, auflösen, sondern die Krankheit der Welt, der Schmerz der Welt und vielleicht der Tod der Welt.

Es wird eine andere Materie sein… die dennoch die gleiche ist.

Es wird der wahre Körper sein, so wie er ist.

Es wird das Ende der Magie des Mentals sein.

Keine neue Welt ist zu schaffen, sondern ein Bann zu brechen.

Dreimal sagte es Sri Aurobindo in Savitri:

Es liegt ein Zauberbann auf seinen [des Menschen] wunderbaren Kräften 3

Und die vergöttlichten Gewebe unseres Körpers sollen tief erschauern

und seine Zellen eine leuchtende Metamorphose froh ertragen…

Als ob die Seele einen Zauberspruch der Mißgestaltung umkehrt…4

… und brachte eine wunderbare Umkehrung von Nacht und Tag.

Die Werte dieser Welt wandelten sich…5

Und plötzlich erkannte Mutter das Geheimnis: Das Mental der Zellen wird den Schlüssel finden.

12. Kapitel: Die Infiltration

Manchmal, ohne wirklich zu wissen warum, tauchte die wahre Schwingung, die Schwingung der supramentalen Kraft hinter dem schlammigen Schleier auf. Das einzige Erkennbare war, daß die Erfahrung sich öfters zu wiederholen schien. Zweimal ergriff die supramentale Welt regelrecht Besitz vom Körper, und beide Male war es, als sei der Körper – wirklich der physische Körper – nahe daran, vollständig aufgelöst zu werden durch… das, was man beinahe als die Gegensätzlichkeit der Verhältnisse bezeichnen könnte. Natürlich! Wir brauchen uns nur vorzustellen, was es bedeuten würde, wenn eines dieser “hochgewachsenen Wesen” vom supramentalen Ufer, dessen Körper geradezu eine Bündelung aus Kraft und Licht darstellt, in diesen starren Kasten hier eintreten wollte, dessen Nerven schon beim kleinsten Kratzer aufheulen… Bei dieser Vorstellung kommen uns unsere Körper plötzlich vor, als bestünden sie aus einer Art höherem Pappmaché, dem ungefähr soviel Leben innewohnt wie einer Schaufensterpuppe, verglichen mit diesem Leben und diesem Licht. Wir beginnen den ungeheuren Unterschied zu berühren – wir wissen überhaupt nicht, was das Leben wirklich ist. Wenn das supramentale Leben hier in dieses Trugbild oder diese Karikatur eintritt…, dann ist der Unterschied zwischen unserer gewöhnlichen Funktionsweise und dieser Funktionsweise etwas so ungeheuer Erdrückendes, daß es offensichtlich einer Anpassung bedarf. Aber ist Pappmaché überhaupt anpassungsfähig…? Tatsächlich fragen wir uns, ob diese falsche, lehmverkrustete und starre Substanz sich “anpassen” und langsam zur wahren Substanz werden muß oder ob sich ein anderer Mechanismus einschalten wird. Gewiß muß zunächst ein bestimmter Grad an Klärung und Erweiterung erreicht werden, der Anfang einer Infiltration durch diesen Schleier aus Schlamm – später werden wir verstehen, oder besser der Körper wird verstehen.

Die supramentale Vibration

Die Infiltration geschah langsam, auf dosierte und mehr und mehr “genährte” Weise im Laufe der Jahre mit gelegentlichen großen Anstürmen supramentaler Kraft. Jedesmal ist Mutters Beschreibung sehr ähnlich, der einzige Unterschied liegt im Maß, das immer ungeheurer wurde – so weit, daß ich beim Verlassen von Mutters Zimmer oft das Gefühl hatte, aus einem vom Blitz geladenen Bad aufzutauchen, und hinterher schien ich Stunden zu brauchen, um diese paar Tropfen zu verdauen, die in mich eingesickert waren. Aber Mutter nannte es nicht ein vom Blitz geladenes Bad sondern “le bain du Seigneur”, “das Bad des Herrn”. Warte, ich werde ihnen ein Bad des Herrn geben. Und sie lachte, woraufhin manchmal vollkommen zivilisierte Leute so rasch wie sie nur konnten die Flucht ergriffen und alle ihre guten Manieren vergaßen – sie waren unfähig, die Ladung zu ertragen. Das ist eine besondere Vibration. Fühlst du sie nicht?… Etwas wie eine Art reine Super-Elektrizität. Und Mutter fügte folgende Bemerkung hinzu, die ganz neue Perspektiven erschloß: Wenn man das berührt, sieht man, daß es überall ist, man nimmt es nur nicht wahr. Es ist überall. Es ist nicht wirklich etwas, das in die Welt hineingebracht werden muß, nicht einmal wirklich in den Körper: es ist hier, es ist die eigentliche Vibration des Atoms, des Minerals, der Pflanzen, der Tiere und all dessen, was existiert. Nur unsere Karikatur des Körpers, unser falscher Körper, scheint sich dessen nicht bewußt zu sein, oder es ist ihm verhüllt: für ihn ist es unerträglich. Was ist das so Besondere in unserem menschlichen Körper wenn nicht dieser mentale Käfig, den wir gebaut haben, der aber keineswegs ein “subjektiver” Käfig ist, wie wir annehmen könnten, sondern ein durchaus effektiver Käfig, der uns vom Strom abschneidet. Für jede andere Materie – jede wahre Materie – wie die der Tiere, Pflanzen, Mineralien ist dies nicht der Fall: Sie sind offen. Es fließt hindurch. Sie sind nicht blockiert. Diese Vibration (die ich fühle und sehe) vermittelt mir den Eindruck eines Feuers. Es ist wohl das, was die vedischen Rishis als “Flamme” oder Agni im menschlichen Bewußtsein bezeichneten, im Innern des Menschen, in der Materie; immer sprachen sie von einer “Flamme”. Tatsächlich hat diese Vibration die Intensität eines höheren Feuers. Mehrere Male, als die Arbeit sehr konzentriert oder kondensiert war, empfand der Körper sie sogar wie ein Fieber. Vielleicht wird es ja nur deshalb als “Fieber” oder “Feuer” empfunden, weil es in einem Käfig eingesperrt ist. Vögel haben kein Fieber, jedenfalls kein supramentales Fieber. Sie wissen aber nicht, daß sie “Vögel” sind.

Diese supramentale Schwingung beschrieb Mutter mir Dutzende von Malen im Laufe der Jahre und jedesmal in einer Art entzücktem Staunen. Höchst interessant ist, daß die Wahrnehmung dieser Schwingung eine dreifache Transformation oder Veränderung unserer materiellen Gegebenheiten zu provozieren scheint: eine Veränderung der materiellen Grenzen oder scheinbaren Abgrenzungen der Materie, eine Veränderung der zeitlichen Wahrnehmung – Raum und Zeit veränderten sich –, und eine radikale Veränderung in der Wahrnehmung des Lebens (was wir als “Leben” bezeichnen). Diese Beschreibungen sollten immer präziser und umfangreicher werden, aber das Wesentliche kommt schon in Mutters ersten Bemerkungen zum Ausdruck. Die Linie A1 A2, A3 beginnt sich zu verzweigen und in alle mögliche Richtungen zu verlaufen (zu meinem Leidwesen!). Zunächst verschwindet die Wahrnehmung der undurchsichtigen Materie in Form kleiner, voneinander getrennter und harter Gegenstände: Es ist wie ein Stäuben, kleiner als die winzigsten Punkte, ein atomarer Staub mit einer extremen Schwingungsintensität – ohne sich aber von der Stelle zu bewegen. Dennoch ist es eine ständige Bewegung. Es ist etwas, das sich im Innern von etwas rührt, das an Ort und Stelle schwingt, ohne sich zu bewegen. Es ist etwas Subtileres, das sich rührt und das wie ein ungeheurer Kraftstrom durch das Stäuben geht. Aber das Zentrum selbst bewegt sich nicht: Es schwingt an Ort und Stelle, mit äußerster Intensität. Eine Art universeller Strom, der durch alle diese pulverisierten Verdichtungen hindurchfließt, ohne jede Grenze. Das Mental möchte diesen ungeheuren Strom in einen Hasenstall einsperren – was ihm natürlich nicht gelingt, es ist nicht einmal fähig, ihn wahrzunehmen, denn ihn wahrzunehmen würde schon den Durchbruch zu etwas anderem bedeuten, als es selbst ist. In der Tat lösen sich die Grenzen bei dieser Wahrnehmung auf: Ich hatte den Eindruck, daß mein Körper von einem viel größeren (mit “größer” meine ich umfangreicher) und viel mächtigeren Wesen erfüllt war, als ich gewohnt bin. Es war, als passe es hier überhaupt nicht hinein, es überragte den Körper von allen Seiten. Es war so kompakt voll von Kraft, daß es fast unangenehm war… Immer diese “Dichte”, diese “dichte Materie”. Und wir fragen uns, ob diese Dichte nicht eine Super-Konzentration an Bewußtseinskraft ist, verglichen mit der die Materie, so wie sie im Mental und durch das Mental erlebt wird, wie ein substanzloser schwacher Strohhalm zu sein scheint, der davon nur einen Hauch aushält, eine Imitation aus mentaler Pappe, die im Vergleich zum Original natürlich ziemlich hohl anmutet. Als sei in jeder Zelle eine Schwingung, die alle zusammen einen einzigen Schwingungs blockergaben… Hier vermittelt nicht mehr die Lichtundurchlässigkeit oder Härte die Empfindung der Materie sondern die kompakte Dichte oder man könnte es auch die “Stärke” der Bewußtseinsschwingung nennen. Es überragte den Körper ungefähr so weit… Mutter machte eine Geste, um zu zeigen, daß ihr Schwingungskörper beträchtlich über die Grenzen ihres sichtbaren Körpers hinausging. Manchmal sogar schien sich der ganze sichtbare Körper aufzulösen (und Mutter wurde ohnmächtig): Es war wie geschmolzenes Gold – geschmolzen – und leuchtend. Es war sehr dicht. Und es hatte eine Kraft – ein gewicht – erstaunlich! Da war absolut kein Körper mehr, nichts mehr – nichts mehr, nichts als das. Was allerdings eine Menge Probleme aufwirft, wenn man im gegenwärtigen Körper weiterleben will, ohne ständig in Ohnmacht zu fallen. Wie bleibt man in einem Körper gesammelt, der in alle Richtungen auseinandergeht? Offenbar war die falsche mentale Wahrnehmung in ihrem Käfig ein Schutz. Wir stehen hier vor einem Problem der “Anpassung”.

Auch die Zeit ändert sich. Wenn man sich in der “Bewegung” gehen läßt, in der universellen Bewegung, die diese kleinen pulverisierten Ballungen durchfließt, dann ist es nicht mehr die gleiche Zeit, wie es auch nicht mehr der gleiche Raum ist: Eine Bewegung so umfassend – total und konstant, konstant –, daß es der Wahrnehmung den Eindruck vollkommener Unbewegtheit vermittelt. Eine Bewegung, die eine Art ewige Schwingung ohne Anfang und ohne Ende ist… Etwas, das seit aller Ewigkeit und für alle Ewigkeit besteht, ohne zeitliche Trennung: Nur wenn sie auf eine Bildwand projiziert wird, nimmt sie eine zeitliche Trennung an. Das klingt sehr schön, aber der sichtbare Körper – den wir jetzt den mentalen Körper nennen können, weil er ja unsere eigene mentale Fabrikation zu sein scheint – fährt fort, von einer Minute zur nächsten zu leben mit Tagen, Monaten und Jahren oder zumindest mit einer Wahrnehmung von Tagen und Jahren…, was vielleicht der Grund des Alterns ist. Unsere Bildwand “nimmt eine zeitliche Trennung an”. Wenn es aber keine Bildwand mehr gibt, was dann? Wenn man in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehen kann, wie soll dann für einen solchen Körper das “normale” Leben weitergehen, mitten unter Wesen, die perfekt mit Uhren ausgestattet sind? Auch hier besteht ein Problem der Anpassung: sich der Gegenwart zu erinnern, um nicht wer weiß wohin zu entschwinden… und vielleicht unterwegs diesen sichtbaren, fälschlicherweise an einem 25. Mai 1961 auf seinem Sessel festgenagelten Körper zu vergessen. Wie es scheint, muß eine Übergangslösung erfunden werden, um dieses Doppelleben im alten und im neuen Körper führen zu können, ohne den einen oder anderen dabei zu verlieren. Das sind rein physiologische und keineswegs metaphysische Probleme. Was aber tun, wenn die Metaphysik physisch wird?

Doch wir stellen das Problem vielleicht auf eine vollkommen mentale Weise, denn die Vögel haben keine Schwierigkeiten. Die Schwierigkeit beruht auf der mentalen Struktur und der Tatsache, mit anderen Wesen zusammenleben zu müssen, die selbst schrecklich vernunftbegabt sind. Hier muß wirklich ein Übergang von der einen zur anderen Spezies geschaffen werden.

Auch das Leben ändert sich – mit “Leben” meine ich nicht nur die Beziehung zu Menschen oder Dingen sondern selbst die Beschaffenheit der Luft, die wir atmen, dieser gewisse Atem, der uns beseelt: Ein goldenes und vollkommen unbewegtes Licht… Dann war es, als ob sich die Dinge blähten und füllten – wie von unendlichem Gehalt geschwollen. Es machte wirklich den Eindruck von etwas, das voll war, anstatt leer zu sein. Das Leben, so wie die Leute es leben, so wie ich sie es leben sehe, ist etwas Hohles, Leeres, Trockenes: Es ist hohl – es ist hart und hohl zugleich. Es ist leer. Dahingegen hat man bei dem Anderen das Gefühl: voll, voll, voll, voll – voll! Weißt du, es fließt über, hier gibt es keine Grenzen mehr. Es ist so voll, daß alles, alle Grenzen weggefegt, ausgelöscht, verschwunden sind – es gibt nichts anderes mehr als nur das, dieses Etwas.

Wie soll man dieses “Etwas” infiltrieren, wie soll man in diesem Etwas leben, es aushalten, es ertragen, während man doch scheinbar in einem Körper steckt, der genau aus dem Gegenteil all dieser Eigenschaften zu bestehen scheint?

Das Netz

Sie durchstreifte ihren Wald, der gelegentlich von flüchtigen Lichtstrahlen erhellt war, manchmal war es auch eher hoffnungslos. Wir machen uns Illusionen, was das Leben betrifft, wir umgeben es mit Idealen, Bewegung, Wirbel, Gewalt und Leidenschaften und behaupten, “das ist das Leben”, es ist “aufregend” – aber falsch! Es ist ein Dekor, das wir der Nichtigkeit jeder Sekunde aufkleben, in der nur Schritte und Schritte hallen und sonst nichts+nichts+nichts, und Gesten+Gesten, Tausende von Gesten für… etwas anderes, das nicht da ist und dem wir immer nachrennen. Das wirkliche, “reine” Leben, wenn man es so zu nennen wagt, besteht aus diesem Stoff, dieser Nullsubstanz, die wie ein Taxizähler die Nullstunden anzeigt, die es braucht, um “dorthin” zu gelangen. Die “volle” Zeit ist irgendwo dort am anderen Ende, wenn wir angekommen sind – aber man kommt nie an. Es ist immer das gleiche. Die Basis des Lebens ist so. Oh, aber das ganze Leben, was immer es ist, ist so! rief Mutter aus. Selbst die Ereignisse, die von weitem gesehen und für die meisten Leute außergewöhnlich zu sein scheinen, selbst historische Dinge, die zur Transformation der Erde, zu großen Umwälzungen beitrugen (die entscheidenden “Ereignisse”, die großen Werke, wie man sie nennt), sind aus dem gleichen Stoff gewoben, sie sind genau das gleiche. Wenn man sie von weitem und als Ganzes betrachtet, lassen sie eine gewisse Wirkung erkennen, aber das Leben jeder Minute, jeder Stunde, jeder Sekunde ist aus diesem gleichen eintönigen, farblosen, faden Stoff gewoben, ohne wirkliches Leben – bloß eine Spiegelung des Lebens, eine Illusion des Lebens – ohne Kraft, ohne Licht, ohne irgend etwas, das auch nur im leisesten der Welt der Freude ähnlich wäre. Es ist schlimmer als ein Horror, es ist wie eine Art… keine Verzweiflung, verstehst du, es hat nicht einmal die Intensität eines Gefühls: hier ist nichts. Es ist stumpf, stumpf, stumpf… grau, grau, grau, so eng, ein engmaschiges Netz, das weder Luft, Licht noch Leben hindurchläßt – da ist nichts. Wir sprachen von einem “Schleier”, einem “Käfig”, aber es ist dieses engmaschige Netz, das alles bis in die Körperzellen hinein umhüllt, als sei das ganze Leben durch etwas erstickt. Dann kam manchmal die flüchtige Invasion des anderen Lebens, ohne daß man den Mechanismus dieser Invasion richtig verstünde, geschweige denn fähig wäre, sie mehr als einige Sekunden oder Stunden zu ertragen. Ein Lichtglanz – so sanft, so süß, so voll wahrer Liebe, wahrer Anteilnahme, etwas so Warmes, so Warmes… das ist es, was hier ist, immer hier, es wartet nur auf seine Stunde, wo wir es hereinlassen. das muß in den Vordergrund treten und sich in der Vibration jeder Sekunde offenbaren – nicht als ein Ganzes, das man von weitem sieht und das euch interessant erscheint, sondern in der Vibration jeder Sekunde, im Bewußtsein jeder Minute muß es enthalten sein, sonst… Sonst kann man gleich in den Himmel entschwinden oder sich zum Teufel scheren. Aber den Schleier muß man nach unten ziehen und nicht nach oben. Hier unten müssen wir uns aus der Erstickung befreien.

Im winzig Kleinen jeder einzelnen Sekunde ist das ungeheure Geheimnis zu finden, gerade dort, wo wir es nie sehen wollten, weil es scheußlich ist – es ist “nichts”, wie Mutter sagte, ein erstickendes Nichts, das die Menschen in alle möglichen Verirrungen stürzt, damit sie nicht sehen, vor allem das nicht sehen, nur ja nicht damit konfrontiert werden. Sich damit konfrontieren bedeutet, sich in die Haut eines schwarzen Pygmäen zwängen zu müssen. Für Mutter, die all die unermeßlichen Weiten des Bewußtseins dort oben seit achtzig Jahren kannte, war es… erstickend. Denn dieses physische Mental ist nicht nur ein ewiger Schwätzer, ein unermüdliches Quasselmaul, das uns zehnmal nachprüfen läßt, ob wir die Tür gut abgeschlossen haben, es faselt und schwafelt auch endlos und gemein, es hält alles fest: In einer Sekunde nimmt es tausend Einzelheiten wahr, die es einem zehn Jahre später einwandfrei wieder serviert, angefangen von der Bemerkung des Arztes, der einem sagte: “Oh, diese Krankheit braucht zwei Jahre Behandlung” (und so dauert sie natürlich auch zwei Jahre), bis zu den flüchtigsten Eindrücken. Das ist ein unerbittliches Gedächtnis, vielleicht sogar ein jahrtausendealtes Gedächtnis. Es ist das ursprüngliche Mental der Materie. Alles ist darin fixiert, kristallisiert – ja, es ist der Erbauer des Käfigs. Alles hat eine Konsequenz, alles ist miteinander verkettet, alles bewegt sich unerbittlich von Ursache zu Wirkung. Es hat unseren Käfig auf mikroskopische Weise bis in alle Einzelheiten hinein vernietet. Und nichts kann je geheilt werden, solange dieses Geflüster hier nicht geheilt ist: In einem Atemzug vernichtet es alle Siege, die wir dort oben auf den Gipfeln der Bewußtseinskraft errungen haben. Hier sind die sexuellen Wurzeln versteckt und nicht in irgendeinem “Geschlecht” oder sogenannten “Instinkt”, von dem man sich sehr leicht lösen kann, nein, hier in dieser kleinen obskuren Fixierung, wo nur ein Wille herrscht… der Wille letztlich nach Nacht, Zerfall und totaler Auflösung. Es ist eine Art Schwindelgefühl in der Materie. Es wiederholt ununterbrochen sein kleines Todesgeflüster in jeder Geste, jedem Ereignis, jeder Bewegung, in allem. Die Parkinson’sche Krankheit ist ihm ein Genuß, hier ist es in seinem Element, das ist der “exemplarische” Gipfel seiner Kunst. Am liebsten würde es alles so tetanisch erstarren lassen, und genau das tut es heimlich. Seine Rolle ist, einen Käfig zu bauen. Am liebsten würde es die friedliche Starrheit des Steins neu erfinden.

Der Tod ist sein größter Erfolg.

Die Wurzel des Übels liegt in keinem abgrundtiefen und psychoanalytischen Unterbewußtsein, sie ist hier, greifbar oder eher hörbar. Nur dürfen wir es nicht mit all dem üblichen Lärm übertönen, wenn wir es wahrnehmen wollen – moralischer Lärm miteingeschlossen. Das, was die physische Transformation verhindert, sind gerade all die Dinge, die wir als unwichtig abtun, all das, eine ganze Masse von Dingen. Und weil es sich dabei um sehr winzige (oder besser scheinbar winzige und unbedeutende) Dinge handelt, stellen sie die schlimmsten Hindernisse dar. Ganz winzige Dinge, die dem unterbewußten Mechanismus angehören, so daß ihr in euren Gedanken, euren Gefühlen, sogar in euren Impulsen frei seid, physisch aber seid ihr Sklaven. All das muß man auflösen, auflösen, auflösen. Es ist nur noch eine mechanische Gewohnheit. Aber sie klammert sich fest, sie klebt, oh!… Wir wissen nicht einmal, was getan werden muß, um es aufzulösen! Im Kopf sagen wir: wir müssen klar, universell, unpersönlich werden – das ist schön und gut, aber das ist ein mentales Schema. Wie schafft man das körperlich? Wie bringt man ein Loch in dieses Netz? Wie soll man dieses schwarze Lehmpulver zu fassen bekommen? Wenn man es nur ein klein wenig anrührt, erhebt es sich wie ein schlammiger Vorhang.

Das Mantra

Das einzige Mittel, das Mutter auf diesem weglosen Weg benützte, auf dem es kein Mittel gibt außer einer gewissen Weise zu sein, einer gewissen Weise zu streben und voranzukommen, war das “Mantra”.

Alle bestehenden Formen, so wie wir sie sehen, sind ein Agglomerat von Schwingungen (Atome sagen die Wissenschaftler, denn sie sehen nur eine einzige Schicht der Materie und obendrein durch ihre mentalen Brillen), die eine besondere Eigenschaft eines Objekts zum Ausdruck bringen, seine “Aspiration”, wie Mutter sagte, und so konnte sie zum Beispiel Blumen einen Namen geben. Das ist gleichsam der wahre Name der Dinge, ihre spezielle Musik, die auf der menschlichen Ebene zu einer eher traurigen Musik wird. Die Wiederholung dieser Schwingung sichert den Formen ihre Stabilität. Eine Veränderung im Spiel der Schwingungen würde zum Bruch der Form führen (einer Formveränderung, falls sie erträglich wäre, oder zur Auflösung und zum “Tod”, falls nicht). Jedes Ding bewegt sich mit einem besonderen “Laut”, er ist die Bewegung seiner Kräftekomponenten. Das Mantra ist der reine Klang eines Dinges, was immer es sei, die Essenz seiner Schwingung, das, was es erzeugt oder in einer Form zusammenhält. Es existiert eine ganze Wissenschaft, tantrisch genannt, die diese Laute manipuliert und scheinbar “Wunder” bewirkt, indem sie den Laut der Dinge wiedergibt – sie auf diese Weise auflöst oder neu integriert, kombiniert oder entstellt. Dichtung und Musik sind eine Form dieser “Klang-Magie”, vorausgesetzt es ist wahre Musik und wahre Dichtung, das heißt, daß sie wirklich gewisse Kräfte und Aspirationen, gewisse Seinsformen wachrufen – und hier gibt es alle möglichen Ebenen bis hinunter zur gröbsten und niedrigsten. Auch ist dies unsere ganz alltägliche Magie, von der wir nicht wissen, daß es eine Magie ist, obgleich alle Auswirkungen vorhanden sind, traurig und schlammig, während wir die Straße entlang gehen und unsere tauben Wünsche und winzigen Sorgen vor uns hinmurmeln…, die sich natürlich alle verwirklichen, da wir sie ja herbeigerufen haben. Wenn die Menschen nur den ungeheuren farbigen Leim sähen (aber welche Farbe!), in dem sie leben, fänden sie das Kohlenmonoxyd ihrer Städte geradezu charmant verglichen damit. Wird hingegen der Materie ein reiner Laut eingeflößt, kann die Wirkung ebenfalls magisch sein; nur, da unsere falsche Materie so dickfellig und klebrig ist und ihre falschen Suggestionen ständig wiederholt, bedarf es dazu großer Ausdauer. Dieselbe Fähigkeit der Materie und des physischen Mentals, alles ständig gebetsmühlenhaft zu wiederholen, kann sich ebenfalls in die andere Richtung drehen, und wie durch ein “Wunder” könnte die Materie einen wahren Laut zu wiederholen beginnen, anstatt ihr übliches sterbliches Geschwafel – sofern sie dazu fähig wäre, ohne traumatische Folgen oder einen gefährlichen Bruch in ihrer Schwingungsweise zu provozieren. Hier liegt eine dünne Grenzlinie, die genau den Übergang von der alten materiellen Weise zur neuen Weise, der nächsten Weise der Materie darstellt.

Dieser “reine Laut” ist in keiner magischen Formel zu finden. Es gibt im Sanskrit den Laut OM, dem ein wundervoller Klang innewohnt, aber wie immer ist die wahre Magie die einfachste, denn es ist die, die wir besitzen, ohne es zu wissen, und die nach nichts aussieht, aber ungeheuer mächtig sein kann, wenn sie rein ist, rein zum Ausdruck kommt: Es ist der Schrei unseres Herzens, das Verlangen unseres Wesens in eine einzige Sekunde zwischen Leben und Tod gepreßt. Das letzte Wort, das wir ausstoßen, wenn alles am Ende ist. Das ist unser reiner Klang, der keinem anderen gleicht und dem wir es verdanken, daß wir diese Person sind und nicht ein anonymer Jemand mit Krawatte und einem Doktortitel in höherer Mathematik. Jeder kann diesen Laut oder einen Ausdruck dieses Lautes in einem Wort oder in wenigen Worten finden, die wie unser Paßwort sind, unser spezielles “Sesam öffne dich”: ein Laut, der eine Erfahrung zum Ausdruck bringt und die Macht hat, diese Erfahrung wiederzugeben. Das kann der Laut einer Flamme, der Gewißheit, der Freiheit, ein Freudenlaut, ein Laut reiner Liebe sein… das, was für uns einen vollkommenen Sinn hat. Diesen Schrei auf der höchsten Höhe unseres Wesens oder im tiefsten Abgrund unseres Wesens, wenn alles verloren ist, diesen Laut versuchen wir der alltäglichen Materie einzuflößen, in jeder Minute, jeder Sekunde, in jede Geste, jede Dummheit, jede Nutzlosigkeit, jeden Fehler, jede Traurigkeit, jede Freude, in alles. Er muß zur Musik unserer Materie werden.

Das ist das Mantra.

Es ist ein Versuch, die Substanz göttlich zu machen, sagte Mutter. Dem Laut wohnt eine Macht inne, und indem man den Körper dazu bringt, einen Laut zu wiederholen, zwingt man ihn gleichzeitig, die Schwingung zu empfangen. Das hat die gleiche Wirkung wie zum Beispiel tägliches Klavierüben: Man wiederholt mechanisch, und schließlich füllen sich eure Hände mit Bewußtsein – es erfüllt den Körper mit Bewußtsein.

Sie hatte ihr Mantra gefunden. Es war das erste, wonach sie seit ihrer ersten Krankheit im Jahr 1958 ein Verlangen fühlte: Mein Körper wünscht sich ein Mantra, um seine Transformation zu beschleunigen (um diese undurchsichtige Vibrationsweise zu verändern), schrieb sie mir damals. Sie fand es und wiederholte es bis zu ihrem letzten Atemzug, Tag und Nacht, in jeder Sekunde, fünfzehn Jahre lang, wie Sri Aurobindo es vielleicht tat, als er oben im Korridor auf und ab ging. Vielleicht wiederholt sie es noch jetzt. Denn wer vermag diese Schwingung je aufzulösen?

Dieses Mantra hatte eine überraschende Wirkung auf das Vibrationsnetz, den schlammigen Schleier, der uns umhüllt und alle unsere Krankheiten, unser Altern und unsere endlosen Unfälle verursacht. Dieses Mantra hat eine Wirkung auf meinen Körper, bemerkte sie das erste Mal. Es ist merkwürdig, es festigt etwas: Das ganze zellulare Leben wird zu einer soliden, kompakten Masse von ungeheurer Konzentration – und zu einer einzigen Schwingung. Anstatt all der gewohnten Vibrationen des Körpers gibt es nur noch eine einzige Schwingung. Eine einzige Masse. Das unaufhörliche Zittern, das Gemurmel und Geflüster des Körpers, dieses heimtückische Netzwerk tausend kleiner widersprüchlicher Kräfte, die in alle Richtungen zerren, sind plötzlich zu einer einzigen Schwingungsmasse gesammelt. Kein Tod kann hier eindringen. Keine Krankheiten, keine Unfälle können hier durchkommen. Der Körper ist wie erfüllt von einer unanfechtbaren Substanz. Allerdings muß man diese “Substanz” ertragen können. Ein anderes Mal am Anfang notierte sie: Sobald ich eine Minute ruhig bin oder mich konzentriere, setzt immer dieses Mantra ein, und das ruft eine Antwort in den Zellen des Körpers hervor: Sie beginnen alle zu schwingen. Vor ein paar Tagen kam es, nahm den ganzen Körper in Besitz und stieg an: Sämtliche Zellen bebten. Mit solcher Macht! Die Schwingung wurde immer stärker, immer kraftvoller, während der Laut selbst stärker und stärker wurde, und die Körperzellen wurden von einer intensiven Aspiration erfaßt, als schwelle der ganze Körper an – es wurde geradezu ungeheuerlich. Ich hatte das Gefühl, alles würde platzen. Das hatte eine solche Kraft der Transformation! Ich hatte den Eindruck, wenn ich weitermachte, würde etwas passieren, in dem Sinne, daß eine Veränderung im Gleichgewicht der Körperzellen eintreten würde… Der gefährliche Zerreißpunkt. Immer wieder werden wir vor dasselbe Problem einer “Anpassung” der Substanz gestellt. Von welcher Seite man das Problem auch anpackt, dieses alles umschlingende alte Netz ist hier: Kann man dieses Netz, dieses sterbliche Netzwerk der Vibrationen überhaupt aufbrechen, ohne dabei dem Leben selbst ein Ende zu bereiten und die Form aufzulösen?

Dies sollte für viele Jahre Mutters größtes Problem sein, ein Problem, das physiologisch, von Minute zu Minute gelebt war. Sie versuchte, den “ersten neuen Körper” zu schaffen. Oder vielleicht den wahren Körper freizulegen. Das bedeutet… eine gefährliche Passage.

Mutters Mantra hatte sieben Silben:

OM NAMO BHAGAVATÉ

Mutter gibt es der Welt.

Die umgebenden Gedanken

Mutters Wald befand sich nicht nur in ihrem Körper sondern auch (im Jahr 1960) in den 1300 kleinen Musterexemplaren um sie herum, von denen jedes eine besondere kleine Art des Todes darstellte, eine gewisse Weise, im Netz zu stecken und das Netz zu pflegen. Seitdem sie ihre äußeren Tätigkeiten eingestellt hatte, verengte sich das Problem, anstatt nachzulassen. Jetzt, wo sie Mutter nicht mehr auf dem Sport- oder Tennisplatz, oder wo auch immer sie ihren Fuß hinsetzte, überfallen konnten, kamen sie stattdessen in die Korridore, zur Badezimmertür oder bis zum Kühlschrank, wo sie ihre Blumen aufbewahrte – sie kamen zu jeder Tür, in jeder Minute. Es war eine regelrechte und gutgeregelte Invasion. Hatte sie einer Person einmal erlaubt, zu kommen und eine Blume oder ihren Blick zu empfangen, wurde dies zu einem bis in alle Ewigkeit erworbenen Recht – und natürlich “warum nicht ich?” Jeder war ich, ich, ich. Alles war voll von lauter kleinen Ichs, die alle Mutters Blume stolz wie eine Fahne schwangen…, während sie fortfuhren, das Netz zu kultivieren. Und wehe, wenn Mutter nicht ganz genau so tat, wie sie wollten, dann wurde das Netz undurchlässig und aggressiv und versprühte eine Menge heimlicher kleiner Vibrationen, die Mutter fortwährend schluckte. Nie sagte sie nein zu irgend jemandem. Mutter sagte nie nein, die Leute mußten die Erstickung ihres eigenen Netzes selbst entdecken. Sie richtete einfach ihr ruhiges Licht auf dieses Netz…, und es drehte und wandte sich um so mehr unter dem Druck. Dann die Briefe… Sie ermorden mich mit ihren Briefen. Oh, wenn du wüßtest, all diese Briefe, die sie mir schreiben!… Erstens einmal das ungeheure Maß an Dummheiten, die es gar nicht wert wären, daß man sie schreibt. Hinzu kommt ein solches Aufgebot an Unwissenheit, Egoismus, schlechtem Willen, totalem Unverständnis und eine Undankbarkeit ohnegleichen. All das… mit einer Selbstverständlichkeit, mein Kind! Damit überschütten sie mich Tag für Tag, und es kommt von den unerwartetsten Quellen. Sie antwortete und antwortete. Manchmal entrang sich ihr ein Schrei: Sri Aurobindo wurde blind, ich möchte nicht blind werden!… Sie ließ sich im großen Armstuhl mit der geschnitzten Lehne nieder und saß einen Augenblick mit geschlossenen Augen vor mir, die Arme auf den Armlehnen ruhend, so blaß: Das Schwierige ist der Kontakt mit den Leuten im Ashram. Siehst du, allein das endlose Stehen, vom einen Fuß auf den anderen tretend, um Blumen zu verteilen… Und sie sind dermaßen unbewußt egoistisch! Wenn ich mich nicht wie üblich auf jeden einzelnen konzentriere, fragen sie: “Was ist? Stimmt etwas nicht, habe ich etwas falsch gemacht?” Und schon beginnt eine ganze Geschichte. Ihre Füße, die sie sorgfältig in ihren japanischen Tabis versteckte, waren geschwollen von der Filariose, wie Eisenstangen. Und sie ging weiterhin ihren Pflichten nach, ging hierhin und dorthin, während sie das Mantra wiederholte. Aber das Problem blieb: Jede Person, jeder Brief, jede Handlung bringt seinen eigenen Grad an Unordnung, Störung und Auflösung mit sich. Es ist, als würde einem all das kübelweise über den Kopf gegossen. Das muß man ertragen… Alles, was von außen absorbiert wird, ruft augenblicklich eine Unordnung [im Körper] hervor, stört alles, schafft falsche Verbindungen, bringt die Organisation durcheinander; und manchmal braucht es Stunden, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Das bedeutet, wenn ich wirklich diesen Körper als Instrument benützen wollte, ohne gezwungen zu sein, ihn zu wechseln, weil er nicht imstande ist, der Bewegung zu folgen, dann müßte ich materiell so weit wie möglich aufhören, alle möglichen Dinge zu schlucken, die mich hundert Jahre zurückwerfen.

Bis zum Schluß fuhr sie fort zu “schlucken” – mehr und mehr. Je näher sie dem Ziel kam, desto unerbittlicher wurde das Netz um sie herum, wehrte sich und kämpfte bis auf den Tod. Es war nicht “ihr” Netz: es war wirklich das Netz der Welt. Das Problem wurde immer komplizierter, denn es ging nicht nur um die physische Anwesenheit von 1000 oder 1300 Musterexemplaren, die alle ihren Tanz in Mutters Körper aufführten, sondern hinzu kam noch die ganze unsichtbare Menge. Das waren in erster Linie alle Gedanken. Solange wir warm und gemütlich im Netz gefangen sind, verstehen wir nichts, aber sobald sich die Maschen etwas lockern, kommt alles herein. Die Gedanken sind nicht unschuldig: Gedanken sind Aktionen. Es bedarf unserer üblichen Dickfelligkeit, um nicht davon in Stücke gerissen zu werden. Manche Gedanken sind genauso tödlich wie ein Skorpion, und es gibt ein ganzes Gewimmel verschiedenartiger Skolopender. Es ist ein scheußliches Gemisch, ja, “als ob man ständig eine neue Krankheit erwische, die geheilt werden muß”. Mein Kind, wenn du wüßtest, was für eine Atmosphäre man mich atmen läßt! [Mutter nahm ihren Kopf in beide Hände, als sei sie gehämmert und geschlagen] Diese Albernheiten, dieser Schwachsinn, diese Gemeinheiten, diese Dummheiten! Alles ist voll, voll, voll davon – voll. Man kann nicht atmen, ohne all das einzuatmen. Schon auf dem Sportplatz hatte sie versucht, es ihnen begreiflich zu machen: Wenn ich um mich herum etwas mehr Empfänglichkeit fände, wäre das für meinen Körper eine enorme Hilfe, denn alle Schwingungen gingen durch meinen Körper, und das würde ihm helfen.1 Aber wer verstand, außer der kleinen Handvoll stiller Schüler, die nie um etwas baten, nie versuchten, sie zu sehen, und die irgendwo in ihrem Winkel arbeiteten? Je mehr Zeit verging, desto mehr lockerten sich Mutters eigene Maschen: Der Körper ist schrecklich empfindlich geworden. Zum Beispiel ruft jemandes schlechte Reaktion oder Verkrampfung oder eine ganz gewöhnliche Reaktion eine plötzliche Müdigkeit im Körper hervor, als sei er völlig erschöpft. Nach und nach wurde ihr Körper alle Körper. Die unschuldigen (oder weniger unschuldigen) kleinen Gedanken, das winzige Geflüster der sie umgebenden Körper zeigten ihre wahren Gesichter: den Tod, der innen steckt. Jedes dieser kleinen Gemurmel ist wirklich, effektiv, materiell eine Klaue des Todes. Wir sterben nur deshalb nicht daran, weil die Dosis nicht stark genug ist und es Zeit braucht. Außerdem sind wir dickfellig. In Mutter hingegen drang all das ein, so wie es war, “rein”, wenn man es so zu nennen wagt. So begegnete sie einem riesigen Problem: Die Gedanken der Leute sind lästig, oh!… Alle, alle denken die ganze Zeit an Alter und Tod, an Tod und Alter und Krankheit. Oh, wie lästig sie sind! Uns ist überhaupt nicht klar, daß ein Todesgedanke der Tod ist. Uns ist die wahre Bewegung der Kräfte ebensowenig bewußt wie einem altsteinzeitlichen Primaten, wir wissen nichts vom Spiel und der Macht der Vibrationen, wir sind hinter unserem mentalen Netz vermauert! Doch was ist mit denen, die es nicht mehr sind? Man ist wie gesteinigt von all dem. Das war bereits 1961 – und bis zum Schluß wird sie deren Todesgedanken schlucken. Jeden Tag (und jede Nacht) und bis zum Schluß destillierten sie ihr den Tod. Dennoch siegte immer wieder ihr Humor: Unter ihnen sind viele – viele – die denken, daß ich sterben werde, und die bereits Vorkehrungen treffen, damit sie sich nicht auf der Straße finden, falls ich gehe: ich weiß das alles. Aber das sind Kindereien, insofern sie, wenn ich gehe, recht haben, und wenn ich nicht gehe, es sowieso keine Bedeutung hat. Das war im April 1961. Noch zwölf Jahre sollte es in diesem Stil weitergehen.

Das Problem lag klar vor Mutter oder besser in Mutter.

Was tun? Oder eher, wie löst man dieses Netz auf, ohne endgültig daran zu sterben, ohne buchstäblich an der umgebenden Luft zu ersticken? Man könnte beinahe sagen: Wie stirbt man, ohne daran zu sterben?

Unpersönlich werden

Zwischen 1958 und 1962 ging Mutter daran, die große Lektion zu lernen, eine mikroskopische Lektion, deren materielle Folgen aber für unsere Spezies von gewaltigerer Bedeutung sind als die Kernspaltung des Urans. Noch ermessen wir nicht, wie ungeheuer diese mikroskopischen Entdeckungen sind – die nicht einmal einen Namen tragen. Sie sind zu radikal neu, um irgendeine Äquivalenz in unserer Sprache zu finden. Mutter wußte nicht einmal, was sie tat! Manchmal äußerte sie ein Wort oder einen Satz wie “nebenbei” in der Unterhaltung, die mich vollkommen sprachlos machten, und Jahre später sagt man sich dann: “Oh! Aber…” Hier zerplatzt kein Atom sondern die gesamte Konditionierung einer Spezies. Die eigentliche Kraft des Atoms taucht hier mit einem Lächeln vor uns auf, als mache sie sich über uns lustig: “Aha! Du willst Wunder sehen, gut, dann schau… Schau dir dieses und jenes Gesetz an!” Es ist geradezu wie die Essenz des Wunders, das seine Nase zur Tür hereinsteckt oder durch die Maschen des Netzes, und es vollbringt nichts Sensationelles, sondern pustet einfach auf eines dieser “unabwendbaren” kleinen Gesetze, damit man genau sieht, wie es funktioniert – auf natürliche Weise. Da reibt man sich eine Sekunde lang die Augen: “Aber wie ist das denn möglich…?” Und schon ist es weg. Hier muß noch ein “Aber-wie-ist-das-denn-möglich” verschwinden. Dann versteht man wirklich, daß sich die Welt auf der Schwelle zu einem Wunder befindet und daß es nur abhängt… von etwas, das noch ein Mysterium ist, das man aber wie ein winziges Mysterium empfindet, ein “Nichts” – ein ungeheures Nichts. Etwas Ungeheures, das nach nichts aussieht, bemerkte Mutter ganz am Schluß. Vielleicht werden wir darüber stolpern, wenn uns Mutter von der anderen Seite des Schleiers fest an der Hand hält.

Die erste Lektion – und vielleicht die einzige – ist, daß wir wirklich nichts tun können. Wir bewegen uns im Netz und stoßen uns überall, verkleben uns überall, verwickeln uns mit jeder Geste, in unserem Willen, Gutes zu tun, genauso wie in unserer zum “Bösen” tendierenden Dummheit. Alle Reaktionen sind falsch, die guten wie die schlechten. Wir sagen nein, und es schnellt uns wie ein Tennisball ins Gesicht zurück; wir sagen ja, und es entschwindet in endlosen Mäandern. Alle unsere Empfindungen sind falsch. “Ich möchte nicht blind werden”, und schon ist es, als wollte augenblicklich etwas blind werden, und man sieht zehnmal schlechter; “ich bin erschöpft”, und man fühlt sich total erschöpft, wie ein Sack voll Blei – “aber ich spucke ja Blut! Das ist ernst…” Ja, und schon schnappt man innen nach einem kleinen Etwas, das will, daß es ernst sei und daß man es ernst nähme, und es wird äußerst erbittert, wenn man es nicht ernst nimmt. Eines schönes Tages, als Mutter mir kurz und bündig erklärte: Sage doch deinen Zellen, daß sie idiotisch sind, Blut zu spucken! fühlte ich mich sehr gekränkt. Aber die Dummheit ist unbegrenzt und überall, in allen Ecken und Enden – sie jedenfalls ist “ernst”. Sie ist tödlich. Die ganze Medizin ist in Frage gestellt, die ganze Physik, die ganze Physiologie… Diese ganze enorme Dummheit, die uns in ihrem undurchdringlichen, unwiderlegbaren Netz umschlingt, schlimmer als eine Hydra: ein Skolopender mit abertausend mikroskopischen Köpfen – und er hat recht. Er hat immer recht, er ist vollgepfropft mit stichhaltigen Gründen, schmetternden Beweisen: Er macht einen krank – “Da siehst du es!” Er läßt einen hinfallen – “Da siehst du es!” Unermüdlich und mannigfaltig liefert er einem alle Dementis, alle Mißerfolge, alle Niederlagen, alle seine Beweise. Man muß wirklich etwas idiotisch sein, um Newtons Apfel zu widersprechen. Und man muß schrecklich idiotisch sein, sich aus dem Netz befreien zu wollen. Wir aber sind zu intelligent, um idiotisch zu sein. Mutter ging mitten hier hinein, stieß sich bald auf der einen, bald auf der anderen Seite, stopfte ein Loch hier, um es dort wieder aufgehen zu sehen, verjagte eine Dummheit, um tausend andere zu finden: Man entdeckt sich voller Dummheiten, voller Fehler, voller Schlamm. Eine Myriade kleiner blitzartiger Krankheiten. Eine Myriade kleiner blitzartiger Tode allein schon in der kurzen Zeit, in der man den Korridor durchschreitet. Man ist vollgestopft mit latenten Krankheiten, vollgestopft mit latentem Tod. Es wimmelt und wimmelt nur so – unglaublich! Es ist unendlich klein. Nur weil es sich millionenfach vermehrt, gewinnt es an Bedeutung – aber es ist nichts. Nichts! Und all das versperrt den Weg. All das bildet das Netz. All das verhindert die wahre Schwingung – das “Wunder”… das natürliche Wunder. Es macht auf mich den Eindruck einer Miniaturarbeit, die man mit Hilfe einer Lupe mit ganz winzigen Punkten ausführt – Miniaturen werden mit einem ganz kleinen, sehr spitzen Pinsel angefertigt, mit dem man winzige Pünktchen zeichnet, und man benützt dazu eine große Lupe. Es bedarf vieler, vieler kleiner Pünktchen, um auch nur ein kleines Stück der Wange zu malen. Ganz winzige Pünktchen, ganz winzige Pünktchen.

Sobald man diese kleinen Pünktchen zu betrachten beginnt, vergrößern sie sich auch maßlos. Man weiß nicht mehr, was man tun soll, von allen Seiten fühlt man sich getäuscht. Das Gute ist eine Täuschung, das Böse ist eine Täuschung. Und da sind all die kleinen Musterexemplare ringsum, die das Problem noch vervielfachen. Man steckt darin wie im Problem der Erde schlechthin. Es ist die gesamte Erde, es ist das Labor der Erde. Man sagt nein zu jemandem – oder eher nein gegenüber einer schädlichen Reaktion in jemandem – und augenblicklich ist es, als errichte man eine Mauer zwischen sich und dem Übel: Nichts kann einen da noch berühren, aber das Übel selbst bleibt ebenso unberührt – es zappelt auf der anderen Seite der Mauer. Schließlich kommt es wieder auf uns zurück, denn irgend jemandes Übel ist unser Übel, und alles ist unser Übel. Denn das, was in uns “nein” sagt, ist genau das, was von diesem Übel berührt werden kann: Es ist hier in uns, das gleiche Ding, versteckt, nur sagt es nein statt ja, das ist alles. Solange in uns etwas antwortet, stecken wir im selben Brei. Und natürlich ist jedermanns Nein ein in Heiligkeit gekleidetes Ja – es ist der heilige Brei. Man kommt da nicht heraus. Es ist alles dasselbe. Natürlich! Schließlich bestehen alle Körper aus derselben Materie. Es gibt weder eine heilige noch eine teuflische Materie, sondern nur Die Materie. Mutter lernte auch diese Lektion: Man wird mit Faust- und Hammerschlägen bearbeitet, bis man begreift – bis man sich im Zustand befindet, wo alle Körper euer eigener Körper geworden sind. Dann kann man zu lachen anfangen. Man war aus diesem Grund gekränkt, es tat aus jenem Grund weh, man litt wegen diesem oder jenem – oh, wie lächerlich einem das auf einmal erscheint! Ja, alles ist dasselbe. Der Körper erstreckt sich bis zum anderen Ende der Erde. Da ist keine einzige Dummheit, die nicht absolut, total, integral unsere eigene Dummheit wäre. Nur spiegelt sie sich auf unterschiedliche Weise in uns. Wir sagten wohl “spiegelt”. Ja, denn die Dummheit wird in uns von einer Bildwand festgehalten, fixiert – selbst, wenn es auch nur eine mikroskopische Bildwand ist, nicht größer als der Kopf einer Zelle. Aber es ist eine Spiegelung der Dummheit und keine Realität der Dummheit – eine Spiegelung der Krankheit, eine Spiegelung des Todes… Tausend Spiegelungen ein und desselben Dinges, das in oder auf allen Körpern spielt und schillert. Man könnte fast sagen, die Bildwand fabriziert die Dummheit.

Mutter tastete sich in einer einfachen und ungeheuren Entdeckung voran, die andere auf den Höhen ihres befreiten Mentals machten und die sie nun in ihrem Körper vollziehen wird. Wenn man fertig ist mit all diesen winzigen Pünktchen, dieser endlosen winzigen Tüftelei, wenn man sich überall stößt, überall krank ist – krank in dieser und in jener Person – wenn man sich täuscht und immer wieder täuscht und alles sich als eine Täuschung herausstellt, das Ja wie das Nein, das Gute wie das Böse, die Bemühung wie die Mühelosigkeit, wenn der Wille zur Klärung zu einem immer dichteren Schleier aus Schlamm wird, der Wille zur Universalität zu einem immer schwereren Gefängnis, das Streben nach Transformation zu einer immer größeren Verfinsterung, weil man nicht weiß, wonach man streben soll, wie man streben soll – man kennt den Weg nicht, man weiß nicht was und was nicht zum Ziel führt, man weiß nicht einmal, welches die notwendigen Eigenschaften oder vielleicht die notwendigen Fehler sind… wenn man von allen Seiten wie erschlagen ist, von Müdigkeit gerädert (wobei auch das eine vorgespiegelte Müdigkeit sein mag), wenn man überall auf Unmöglichkeit stößt, überfallen wird von wimmelnden Gedanken und sich fast wie ein Betrunkener im Nebel des Schmerzes voranbewegt, dann… dann öffnet man beide Hände: Das einzige, was ich zu tun vermag, ist das: [Mutter öffnete ihre Hände auf den Knien, sehr weiße Hände mit violetten Äderchen, sie schienen durchsichtig zu sein] Die ganze Zeit so, in allem, in den Gedanken, Gefühlen, Empfindungen, in den Körperzellen, die ganze Zeit: “Für Dich, für Dich, für Dich. Du bist es, Du bist es, Du bist es.” Das ist alles. Sonst nichts. Mit anderen Worten, eine immer totalere, immer integralere Bereitschaft, mehr und mehr so: [eine Geste, als ob sie sich tragen ließe] Da fühlt man, daß man ganz wie ein Kind sein muß. Wenn man anfängt zu denken: “Oh, ich wäre gern dies oder das! Oh, ich sollte so oder so sein!”, verliert man seine Zeit. Die Bemühung ist nur die andere Seite der Bildwand. “Ich will nicht krank sein” ist noch eine andere Krankheit. “Ich will nicht sterben” ist noch der Tod. “Ich möchte unsterblich sein” ist noch ein anderer Tod auf der Bildwand. Und was das “ich will keine Fehler mehr machen” betrifft, es löst prompt den Fehler aus: Schon hat sich sein Schatten auf der Bildwand abgezeichnet. Es darf überhaupt keine Bildwand mehr geben, dann fließt die Krankheit durch uns hindurch, der Fehler fließt durch uns hindurch, der Tod fließt durch uns hindurch – und übrig bleibt die Ewigkeit. Das Netz ist zerrissen. Die Dummheit existiert nicht mehr. Die Dummheit liegt in der Bildwand. Der Tod liegt in der Bildwand. Die Dummheit als Tatsache gibt es nicht. Die Krankheit als Tatsache gibt es nicht. Den Tod als Tatsache gibt es nicht: die tatsache ist die Bildwand.

Das physische Mental ist die Bildwand.

Beseitige die Bildwand, und der Tod existiert nicht mehr.

Das, was die Bildwand bewirkt, verursacht auch den Tod.

Unpersönlich werden bedeutet unmittelbare Universalität und unmittelbare Klärung, die Klärung des Todes miteingeschlossen.

Jahre später sagte mir Mutter: Ich habe viele, viele Dinge ausprobiert, habe vieles studiert und sehe nur eine Möglichkeit, die absolut ist und ein absolutes Resultat zu bewirken vermag, es ist dies: [Mutter öffnete ihre beiden Hände] vollständige Annullierung von allem, alles lassen: “Es gehört Dir, Herr – Dir, Dir, es gehört Dir…” Das gilt für jede Schwierigkeit, jedesmal, was auch immer es sei, einfach das: “Alles gehört Dir, Herr, alles ist für Dich, alles gehört Dir. Du allein vermagst es zu tun, Du, Du allein. Du allein, Du bist die Wahrheit, Du allein bist die Macht…” Diese Worte sind nichts, sie sind bloß der sehr ungeschickte Ausdruck von… etwas… einer ungeheuren Macht. Nur das, was wir dem an Ungeschicklichkeit und Mangel an Glauben beimischen, mindert seine Macht. Von der Minute an, da wir wirklich rein sind, das heißt ausschließlich unter Seinem Einfluß stehen, gibt es keine Grenzen, keine Grenzen – nichts, nichts, da ist nichts, kein einziges Naturgesetz, das sich widersetzen könnte, nichts, nichts.

Kein einziges Naturgesetz.

Tatsächlich schlüpfen nun eine ganze Reihe physischer, physiologischer, unglaublicher Folgen (unglaublich für unser physisches Mental) durch die Maschen, als stünden wir einer anderen physischen Natur gegenüber – vielleicht der wahren Natur. Wir sind so vollends getäuscht, nicht nur von der falschen Materie sondern auch von diesem falschen Gott, der über diese falsche Materie herrschte. Die Wirklichkeit ist so ganz anders: ein ganz anderer “Gott” und eine ganz andere “Materie”. Dieser Gott geht mit dieser Materie und diesem Tod Hand in Hand. Mutter sagte “Du”, weil es noch keine Sprache für diese materielle Wirklichkeit gibt: Das ist ein Problem. Sobald man vom Göttlichen spricht, verstehen sie darunter “Gott” – es gibt nur das: Das allein existiert. Was “das”? Das allein existiert! Sie nannte es “le Seigneur”, “der Herr”, man kann es nennen, wie man will – es ist das Andere. Es ist das Etwas, in dem es kein “Ich” mehr gibt: das ist plattgedrückt und verschwunden. Ein totales Bewußtsein. Eine totale Bewegung, eine totale Macht. Man ist die Totalität. Ohne Bildwand. Das kommende Bewußtsein. Eine andere Spezies, die nicht mehr der Menschheit und auch nicht dem Übermenschentum angehört und keine verbesserte Animalität mehr darstellt: etwas anderes. Etwas, das einem anderen Gesetz folgt, das nicht mehr der universellen Schwerkraft unterworfen ist und sich dennoch in einem physischen, materiellen Körper befindet. Eine materielle göttliche Realität. Eine “Göttlichkeit”, die keineswegs “anders” ist… sondern das ist, was wir sind, die alles ist. Kein “Du” dort oben, weit, weit entfernt, das wir nicht kennen: Es ist überall, es ist ständig hier, es befindet sich im Innern des Wesens – und daran klammert man sich auf diese Weise. Das ist die einzige Lösung. “Gott” diente dazu, um auf die andere Seite zu gelangen – wenn aber alles die gleiche Seite ist, wie wird man es dann nennen?

Der erste Schlüssel, der totale Schlüssel ist, sich hinzugeben. Dies ist aber keine mystische Selbstaufgabe auf den höchsten Höhen des Wesens sondern eine materielle, körperliche Selbstaufgabe. Solange eine persönliche Bemühung dahinter steht… uff! Das ist wie der Mann, der sein Faß den Hügel hinaufschiebt, das aber ständig wieder herunterrollt… Denn je mehr sich das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Teilen des Wesens verändert und das, was leuchtend ist, zunimmt, desto unangemessener, unerträglicher wird der Rest, bis man schließlich vollkommen angewidert ist. So macht sich mehr und mehr eine sehr spontane, sehr einfache und sehr vollständige Regung bemerkbar: “Ich vermag nichts. Es ist unmöglich, ich kann nicht, es ist eine so kolossale Arbeit, daß es einfach unmöglich ist – Herr, mache Du es für mich.” Wenn man das mit der Einfachheit eines Kindes tut, gerade so, wirklich überzeugt, daß man es selbst nicht schafft: “Es ist nicht möglich, ich werde es nie schaffen – mache Du es für mich!”, oh, das ist phantastisch! Er tut es, mein Kind, und hinterher ist man völlig sprachlos: Wie ist das möglich!… Eine ganze Menge von Dingen, pfft! die verschwinden einfach und kehren nie mehr zurück – vorbei! Nach einer Weile fragt man sich: “Wie ist es möglich, es war da und…” Einfach so: pfft! weg! in einer Sekunde… Das ist die einzige Lösung, eine andere gibt es nicht. Alles andere sind… Aspirationen, Vorstellungen, Hoffnungen… Das ist noch immer der Übermensch aber nicht das Supramental. Das ist die höhere Menschheit, die versucht, ihre ganze Menschlichkeit in die Höhe zu ziehen, aber das nützt nichts. Das nützt nichts. Sie muß sich annullieren. Dann kann das Ding kommen, kann ihren Platz einnehmen. Darin liegt das ganze Geheimnis… ja, sich plattdrücken lassen, bis man verschwindet.

Die beste Art, durch das Netz hindurchzukommen ist, wie ein Luftzug zu sein.

“Ich bin ein Reptil” muß verschwinden, damit “es ist ein Vogel” zum Vorschein kommen kann. Die Kompetenz eines Reptils ist völlig nutzlos für den Vogel.

Schließlich ist das einzige, was verschwindet, die Bildwand. Dann sind wir.

Allerdings, fügte Mutter hinzu, darf man keine Angst haben – wenn man Angst hat, wird es fürchterlich. Zum Glück hat mein Körper keine Angst!

Die Auswirkungen sind in der Tat sehr radikal. Verglichen damit sind unsere Kernspaltungen makabre Kindereien ohne Macht, außer der zu sterben, denn das ist die einzige Macht in dieser falschen Welt.

Jetzt treten wir wirklich in den Zauberwald ein.

Jetzt kann die Schwingung eindringen.

Jetzt treten wir in eine andere Welt ein, die dennoch dieselbe ist.

13. Kapitel: Die Wege der Universalisierung

Das Netz wurde nicht über Nacht aufgelöst, das Mental der Zellen trat nicht vom einen Tag zum nächsten rein und von der Hypnotisierung des physischen Mentals befreit hervor. Das dauerte bis 1965. Der wahre Körper muß der Nacht der Welt entrissen werden, der Nacht aller. Tatsächlich besteht das Hindernis – das, was uns hindert, „dorthin“ zu gelangen – nicht in den bedauernswerten Fehlern, dem nutzlosen Ballast, und wenn man all das freigehauen hat, hätte man die hübsche supramentale Lichtung erreicht. Die Dinge bewegen sich in einem komplexeren Rhythmus, und die Erfahrung scheint einer endlosen fernen Kurve durch den Wald zu folgen, mit Tagen über Tagen des Marschierens: Man berührt Punkt B, dann C, D… – Veränderungen der Zeit, des Raumes, des Schlafes, der Sicht, der Sinnesorgane –, eine andere kleine Lichtung, ein anderer Fluß, jeder wie eine eigene kleine Welt, und die Erfahrung A1, A2, A3 usw. liegt weit, weit „zurück“, als gäbe es sie schon gar nicht mehr. Man schreitet von einer Welt zu nächsten, von einem Ort zum nächsten, ohne Verbindung. Dann stößt man am Ende der Kurve plötzlich wieder auf die Erfahrung A, aber eigenartig erweitert, vertieft, mit einer ganz neuen Wellenfolge und neuen Konsequenzen, als hätte sich dieselbe Erfahrung heimlich verändert, eine andere Bedeutung und andere Folgen erhalten durch die Tatsache, in der Zwischenzeit B, C, D usw. berührt zu haben. Dann bricht man wieder in eine weite Kurve auf, verläßt die Linie A1, A2 usw. und trifft auf ein B2, C2, D2…, die sich auch inzwischen unmerklich veränderten. Es ist ein globales Fortschreiten, bei dem kein einzelner Punkt „richtig“, kein Punkt endgültig oder errungen ist: Nichts liegt „dort“, alles ist überall. Manchmal steht man in einem unerwarteten Punkt des Weges gleichsam vor dem vollständigen Geheimnis: In einem Blitz scheinen sich alle Linien zu versammeln…, dann ist es wieder verschwunden. Man geht, geht, und wo liegt das Geheimnis? Mutter berührte es hundertmal, tausendmal. Man könnte fast sagen, daß sie nie wußte, wo das Geheimnis lag: Sie lebte es, „erarbeitete“ es ohne Namen. Sie ging, und durch ihr Gehen entstand es. Das ist kein mentaler Weg durch eine Mathematikaufgabe, deren Lösung am Ende liegt, sondern ein Weg in den Zellen, ein Gehen im Körper. Ein neuer Körper entsteht im alten oder wird im alten freigelegt: eine neue Welt wird in der alten freigelegt. Alle Punkte sind richtig, sind das, aber sie müssen alle gleichmäßig die Entwicklung erreichen, die durch die Reise über all die anderen Punkte entsteht. In gewisser Weise könnte man sagen, der Wald entsteht plötzlich in irgendeinem Punkt, wenn alles durchwandert wurde. Mutter ist der symbolische Körper, in dem der Körper der neuen Welt freigelegt wurde. Es fehlt nur noch ein Verbindungsstück, damit es für alle sichtbar wird: der lichte Wald, die vollständige Bahn, das Geheimnis in allen Punkten. Das entschleierte Amazonien. Die neue Welt unter unseren Schritten. Der neue Körper hier. Es fehlt einzig, daß wir etwas wahrnehmen. Denn die Kurve ist vollendet, Mutter durchlief sie bis zum Ende. Was fehlt jetzt? Das Geheimnis besteht darin zu wissen, was fehlt, nicht in der Kenntnis des Vorhandenen.

Eine Art Vorhang muß irgendwo in unserem Bewußtsein weggezogen werden.

Ich frage mich immer noch, ob dieser Vorhang nicht das vielbesprochene physische Mental ist: der „Zauberspruch der Mißgestaltung“, von dem Sri Aurobindo sprach. Ein Zauberbann auf den Zellen.

Die wahre Materie

Wenn die Maschen des Netzes durch die Einwirkung des Unpersönlichwerdens und durch das Hämmern des Mantras ein wenig nachgeben, treten die verschiedensten Phänomene auf. Zunächst sind sie kaum wahrnehmbar, wie ein Hauch, dann werden sie präziser, verstärken sich über die Jahre. Zunächst beginnt die wahre supramentale Schwingung, in die Materie einzudringen – nicht als erdrückender und „zersprengender“ Ansturm, sondern ganz leicht, wie Mutter es oft beschrieb: Ich sehe, indem es hier arbeitet, um sich zu etablieren, verursacht es diese kleine Schwingung – ein Tüpfeln von Schwingungen –, die unerläßlich zu sein scheinen, um in die Materie eindringen zu können. Man fragt sich allerdings wirklich, in welchem Sinn die Operation zu verstehen ist: Wenn es heißt „in die Materie eindringen“, meint man, es handele sich um etwas, das dahinter oder außerhalb liegt und in die Körpermaterie eindringt, aber ist es wirklich ein „Eindringen“ von außen oder ist es eher ein Erhellen, durch das man sieht oder erkennt oder spürt, was immer hier war, nur unter den Maschen des Netzes? Ich fragte mich immer, wie das Phänomen zu verstehen war. Die Frage hört sich sehr einfach an, aber die beiden Fälle führen zu radikal verschiedenen Konsequenzen mit unterschiedlichen Perspektiven des Vorgangs: Im einen Fall dringt die „andere“ Schwingung allmählich in die alte Materie ein und verändert sie – also eine Transformation der einen durch die andere; im anderen Fall wird der wirkliche Zustand, die wirkliche Schwingung, die wahre Form innerhalb der Maschen des Netzes oder des Schlammschleiers freigelegt und ersetzt ihn – also ein Ersetzen, ein Entschleiern. Diese Frage wird sich bis zum Ende stellen. Jahre später, nach einem ganzen Verlauf und vielen Erfahrungskurven, kam Mutter auf dieses „tüpfelnde“ Eindringen zurück und ließ „nebenbei“ im Gespräch eine Bemerkung fallen, die mich völlig überwältigte. So ist es immer bei Mutter, ungeheure Entdeckungen, aus denen die Gelehrten ganze Bände zögen, hatten nie den Anschein von „Entdeckungen“, sondern sie notierte einfach die Tatsache im Vorbeigehen, oder besser gesagt erkannte sie, machte eine Bemerkung, und damit hatte es sich, man geht weiter. Mutter war voller ebenso transparenter Entdeckungen wie die Luft, die wir atmen, und sie machte sich nicht immer die Mühe, es mit einem Namen zu versehen, um einem zu sagen: Dies ist eine Entdeckung. Sie begnügte sich damit, die Sache zu leben, ohne sie zu mentalisieren – die Entdeckung ist für später, wenn es mit Namen versehen wird. Im Grunde wird mit Mutters Reise alles entdeckt, aber nichts benannt, deshalb ist es, als existierte es nicht – für uns. Dieses Mal benannte sie es. Sie bemerkte, daß dieses tüpfelnde Eindringen eine ganz neue Seinsart im Körper auslöste: Eine leuchtende, harmonische Seinsart. Sie ist noch sehr schwer definierbar, aber in dieser Suche kommt die ständige Wahrnehmung (die sich durch eine Vision ausdrückt) eines vielfarbigen Lichts, mit allen Farben: alle Farben, nicht in Schichten, sondern wie ein Tüpfeln, eine Zusammenstellung von Punkten, mit allen Farben… Da erinnerte ich mich an das „regenbogenfarbige Licht“, das sie am Anfang des Jahrhunderts in der Tiefe des Unbewußten wahrgenommen hatte. Das bedeutet eine ungeheure Wegstrecke (man könnte es als einen Weg der Erde bezeichnen: Mutters Körper ist ein irdischer Körper wie alle anderen auch), denn dieses Licht war jetzt nicht mehr dort unter abgründigen Schichten begraben, in einer tiefen „Grotte“, sondern hier, dicht am Körper, tüpfelte sozusagen aus all seinen Poren. Der Schleier war abgetragen worden. Und sie setzte fort: Das sehe ich jetzt ständig, mit allem verbunden. Man könnte es als eine Wahrnehmung der wahren Materie bezeichnen. Alle nur möglichen Farben sind verbunden, ohne vermischt zu sein, in leuchtenden Punkten verbunden. Alles besteht gleichsam daraus. Ich glaube, danach benutzte sie nie wieder das Wort „wahre Materie“: Es war gekommen und wieder gegangen; ein anderes Mal war es etwas anderes, das sie nicht benannte. Immer häufiger sprach sie jedoch von einer „falschen Materie“, als wäre dieses vielfarbige Schwingungstüpfeln die wahre Seinsart der Materie, die immer vollständiger freigelegt oder wahrgenommen wurde, je mehr das Netz sich lichtete – dieses Netz bezeichnete sie als „falsche Materie“. Das Phänomen scheint also immer mehr die Richtung des Ersetzens durch die wahre Materie oder ihres Entschleierns anzunehmen, statt einer Transformation der alten Materie in etwas „anderes“. Damit erklärt sich vieles. All jene, die erwarteten, daß Mutter plötzlich verjüngt, faltenlos, ungebeugt und strahlend in derselben alten Körpersubstanz erscheinen würde, betrachteten das Phänomen von der falschen Seite. Vielleicht betrachten wir die gesamte Erde von der falschen Seite: Die neue Welt ist vielleicht nicht die Transformation der alten, sondern das Hervortreten der bereits vorhandenen wahren. Eine ungeheure Wandlung des Blickpunkts. Die große Auflösung des Netzes. Dann gilt es zu wissen, auf welcher Seite man steht.

Die Wahrnehmung der wahren Materie – in ihrem Körper, in den Dingen, in allem – beschränkte sich auch nicht auf die Sicht, denn schließlich sind Visionen gut für jene, die sehen können, sondern sie drückte sich materiell, körperlich durch eine ganze andere Seinsweise in der Materie aus, als wären die Gesetze nicht mehr völlig dieselben. Dann begreift man, daß eine Anpassung erforderlich ist, wenn sich der Körper nicht unter dem Einfluß der neuen Gesetze plötzlich auflösen oder verflüchtigen soll – durch das abrupte Verschwinden der alten Gesetze, die ihn wie Blei beschwerten. Das Blei erscheint uns leicht. Der Käfig existiert nicht mehr. Wir müssen herauskommen, um zu begreifen, daß es Blei und ein Käfig ist. Der Augenblick des Herauskommens bedeutet für den alten Körper einen etwas sonderbaren Übergang – wie kann man sozusagen in zwei Körpern oder in zwei Materien zugleich sein? Wie in die eine übergehen, ohne in der anderen zu sterben oder zumindest in Ohnmacht zu fallen? Es ist, als müßte man zwei völlig verschiedene Lüfte atmen, die eine tödlich, die andere lebend – und wie weiterhin in der tödlichen sein und dabei lebendig bleiben? Wie in der wahren Materie sein, darin leben, ohne die andere zu verlieren, die die Brücke, die Verbindung mit dem alten irdischen Dasein bedeutet und erlaubt, fortzubestehen, zu leben, scheinbar wie alle weiterzumachen, mit den anderen zu sprechen, ihnen zugänglich zu sein – man ist nur in dem Maße zugänglich, wie man sterblich ist wie sie, falsch, undurchsichtig, schwer, alternd, schmerzlich… Immer mehr wird dies Mutters Problem sein. Ein wenig das Problem der ersten Amphibie. Insgesamt also die Frage, wie man beiderseits des Netzes sein kann. Im Tod sein, ohne darin zu sein.

Die neue Seinsweise

Diese neue Seinsweise der Materie (oder in der Materie) wurde sehr allmählich präziser, mit vielen Vorsichtsmaßnahmen, aber dennoch… Zunächst einmal: bei welchem Anlaß tritt sie ein? Was löst die andere Bewegung aus? Ein Körper ist in gewisser Weise äußerst einfach: Er atmet leicht oder atmet schlecht, fühlt sich wohl oder ist ermüdet, er dreht sich im Kreis, führt die gewohnten Gesten aus. Sobald eine Gewohnheit verändert wird, knirscht es. Für den Körper gibt es Millionen Gewohnheiten, alles ist Gewohnheit. Seine Gewohnheiten, welche es auch seien – gute, schlechte, nützliche, schädliche, leicht atmen, schlecht atmen – sind Teil des Netzes, sind im Netz. Das Netz ist letztlich eine Gewohnheit, Millionen Gewohnheiten. Eine Gewohnheit guter Gesundheit oder schlechter Gesundheit, und schließlich eine Gewohnheit zu sterben, weil „es sich so gehört“, weil alle Körper es so machen, das ist die Art der Körper. In all dem neigt die neue Bewegung dazu aufzutreten, wenn man eine Gewohnheit zu verlassen sucht, welche es auch sei, wie mikroskopisch und nichtig auch immer. Sofort knirscht es. Sehr leicht wird es krank, weil es unzufrieden ist, dann wird es sehr mühselig: „Diese Welt ist entschieden sehr widerlich.“ Alles ist angewidert. Das Netz ist unzufrieden. Es möchte sogar sterben (oh, bloß ein Hauch, ein so großes Wort würde es vielleicht nicht flüstern!), doch in der Tat führt das geringste Knirschen direkt dorthin, wenn man ein wenig daran rührt, es sozusagen reizt. Dieses Netz kann man an jedem beliebigen Zipfel anrühren, in jedem Winkel. Es ist wirklich überraschend, wie man stets wieder mit dem Tod konfrontiert wird – ein verstohlener kleiner Tod, so idiotisch, daß man darüber lacht oder ihn fortjagt, wenn man ihn bemerkt. Aber er vergißt nicht, er erwartet seine Stunde, das ist alles. Nicht unser mentales Herumposaunen bewirkt schließlich die Dinge, sondern er, insgeheim.

Man kann das Netz der Gewohnheiten folglich bei jedem beliebigen Zipfel erfassen, aber wenn man aufmerksam hinsieht, erkennt man eine Gewohnheit, die wie die Quelle aller anderen ist oder zumindest ausgeprägter als die anderen: die Gewohnheit der Niederlage. Diese können wir als Beispiel eines hervorragenden Anlasses nehmen, um die neue Bewegung auszulösen. Beim geringsten Wehwehchen ist der Körper sofort wie resigniert: Oh, es ist die und die Krankheit, die dauert x Monate oder x Jahre, und man muß sich operieren lassen und… die ganze Liste. Es gibt sogar bestimmte Träume des physischen Mentals, in denen man sich stoisch stundenlang operieren läßt (mit ich weiß nicht welchem Entzücken der Resignation). Das physische Bewußtsein, das die Zellen steuert [genauer sollte man sagen: das die Zellen hypnotisiert] ist an die Anstrengung, den Kampf, das Elend, die Niederlage gewöhnt, ist so sehr daran gewöhnt… daß es universell so ist. Bei den Leuten hält nur das mentale Bewußtsein stand, aber das physische Bewußtsein neigt dazu, die Katastrophe vorherzusehen, so sehr ist es daran gewöhnt – eben das Ende. Dieses Ende, das seit Jahrhunderten unvermeidlich war, das wiegt. Das ist sehr schwierig. Es erfordert eine sehr langsame, stetige Arbeit, um diese Gewohnheit… ja, der Niederlage, im Grunde, durch ein Vertrauen, das wahre Bewußtsein zu ersetzen. Das wahre Bewußtsein, daß die Wahrheit die Harmonie ist, der Fortschritt, das Licht… Und der Körper, das physische Bewußtsein fällt ständig in seine alte Gewohnheit zurück, was Mutter „die alte Art“ nannte: Dieser Körper hat etwas so Idiotisches! In jedem Augenblick (innerhalb von Sekunden oder Minuten), in jedem Augenblick hat er die Wahl zwischen der Weiterführung der alten Gewohnheit oder dem Fortschritt zum Bewußtsein. Das ist die ganze Zeit so. Und aus… Schlaffheit (was ist es? es ist kein schlechter Wille, denn es ist idiotisch: es ist idiotischer als schlechter Wille) neigt er spontan dazu, den Zerfall zu wählen anstatt der Bemühung zum Fortschritt. Das ist aus Schlaffheit. Wenn er es aber weiß und die Bemühung macht, dann drückt es sich immer, immer durch Lichter aus, ja, wie Schwingungswellen, und die des Fortschritts sind vielfarbig, dieses Tüpfeln in allen Farben. Das sind jene, die die augenblickliche Bemühung wählen, die Schlaffheit abzuweisen. Das sind keine bedeutenden Ereignisse, sondern Dinge in jeder Minute, für alles, die ganze Zeit, die ganze Zeit – für alles.

Eine bestimmte Bemühung oder Seinsweise bewirkt also eine gewisse Durchlässigkeit des Körpers.

Wenn diese Bemühung gemacht wird, ist es eher wie ein Rufen im Innern, ein Bedürfnis, etwas anderes zu sein als diese fahle Masse, die die leeren Minuten wie ein Taxizähler mißt. Wenn das Mantra diese schwere Undurchsichtigkeit behämmert, tritt gelegentlich – und dann immer häufiger – eine Art leuchtende Ausweitung im Körper ein, wie ein Aufgehen, das wirklich die Aspiration des Körpers ist, sein Schrei, sein Ruf nach wahrer Luft inmitten der umherstolpernden Erstickung: Plötzlich erstickt er, als bemerkte er das Netz. Diese Ausweitung, die in den Zellen und überall bemerkbar wird, ja, wie ein „leuchtendes Aufgehen“, kann sogar in anderer Weise ziemlich erdrückend und bedrängend werden, als gäbe es nicht genug Raum darin, als wäre es noch zu verrußt. Das ist ein Zeichen des Eindringens der anderen Bewegung, die immer müheloser und „fließender“ wird, je mehr die Substanz gelichtet und unpersönlicher wird. Die Intelligenz tut dasselbe, wenn sie die ersten Hüllen des Unwissens verläßt, in denen sie steckte: Sie erstickt, hat das Gefühl, sich überall an Häßlichkeit, Dummheit, Kleinheit zu stoßen, wie in einem Käfig zu stecken. Derselbe Vorgang wiederholt sich im Bewußtsein des Körpers. Aber hier besteht die Dummheit in all den physiologischen Gesetzen. Dort beginnt sich eine neue Seinsweise abzuzeichnen, zunächst unmerklich und fast wie ein Hauch, die aber ungeheure Folgen zeitigen muß. Wir kennen noch nicht die unermeßliche Keimkraft dieser mikroskopischen Operationen. Dieses leuchtende Tüpfeln… scheint die wahre Seinsart zu sein, sagte sie anfangs – ich bin mir noch nicht sicher, aber es ist jedenfalls eine sehr viel bewußtere Seinsart. Ich sehe das die ganze Zeit: mit offenen Augen, mit geschlossenen Augen, die ganze Zeit. Der Körper hat dabei eine sonderbare Wahrnehmung zugleich von Subtilität, „Durchlässigkeit“, Formbarkeit – Flexibilität der Form – und nicht die Aufhebung aber eine beträchtliche Verringerung der Starrheit der Formen. Als er das zum ersten Mal in irgendeinem Teil spürte, hatte der Körper selber das Gefühl… Er ist ein wenig verloren, als entginge ihm etwas. Tatsächlich begann dort die Reihe der Ohnmachtsanfälle. Bleibt man aber sehr ruhig und wartet gelassen, weicht das einfach einer Art Plastizität, einer Fluidität, die eine neue Seinsart der Zellen zu sein scheint. Das wäre es wahrscheinlich, was materiell das physische Ego ersetzen soll. Hier stehen wir vor etwas, das nach nichts aussieht, das aber die Auflösung all dessen bedeutet, was die Stütze oder den Zusammenhalt unseres Körpers ausmacht: das, was bewirkt, daß man sich als Körper fühlt, „mein“ Körper – das heißt, die vom Netz gebildete Gewohnheit. Millionen Gewohnheiten, die in einem Schwingungsnetz verknüpft und zentriert sind, die ein physisches „Ich“ bilden, wie es ein mentales „Ich“ oder ein emotionales „Ich“ gibt. Das Netz verlassen zu wollen, bedeutet ein sonderbares Abenteuer – nicht leicht. In gewisser Weise eröffnete Mutter den Weg in ihrem Körper, ein wenig wie ein erster alter Saurier die Art, Flügel zu haben, erlernte – nur noch radikaler. Das bedeutet, daß die Starrheit der Form anscheinend einer neuen Seinsart zu weichen hat. Die erste Berührung ist jedenfalls immer sehr… „überraschend“. Nach und nach gewöhnt sich der Körper aber daran. Der Augenblick des Übergangs von der einen Art zur anderen ist etwas schwierig. Es geschieht sehr allmählich, aber dennoch kommt ein Augenblick… Im Augenblick des Übergangs gibt es einige Sekunden… Das mindeste, was sich sagen läßt, ist, daß sie „unerwartet“ sind. Alle Gewohnheiten werden auf diese Weise aufgelöst. Für alle Abläufe geschieht es so: für den Blutkreislauf, die Verdauung, die Atmung – alle Abläufe. Im Augenblick des Übergangs wird nicht das eine abrupt durch das andere ersetzt, sondern es ist ein fließender Zustand zwischen beiden, und das ist schwierig.

Der Körper der Welt

Anfangs trifft dieses Eindringen auf einigen Widerstand, alles wird gestört, wie eine dumpfe Revolte: „Als setzte man den Fuß in einen Ameisenhaufen“, hatte sie gesagt, und genauso ist es. Alles wird sehr aggressiv, und sonderbarerweise könnte man meinen, alle materiellen Dinge, sogar die Gegenstände, die Tiere oder Menschen in der Umgebung würden aggressiv, als gäbe es eine stille Verschwörung in der Materie. Persönlich bemerkte ich ein seltsames Phänomen, das sich mehrmals wiederholte, damit man es gründlich versteht. Denn auch das ist eine sonderbare Erfahrung: Sobald man zu verstehen versucht, wie die Dinge in der Materie wirklich geschehen, gibt einem alles eine Veranschaulichung – wie eine Komplizenschaft im anderen Sinne – alles erwacht und scheint zu antworten, überall kleine Echos zu geben, zehntausend Kilometer entfernt oder direkt vor den Füßen. So bemerkte ich, daß an Tagen, wo eine „Störung in die Atmosphäre drang“, nicht nur alle möglichen winzigen Unfälle wie Wogen kommen, eine nach der anderen, in den umgebenden Menschen, den Dingen oder in den eigenen Gesten, sondern sogar die Tiere fingen an zu knirschen, und unweigerlich fand ich einen Skorpion auf der Türschwelle oder auf den Treppenstufen… als folgte alles demselben mikroskopischen üblen Rhythmus. Man könnte fast sagen, als knirschte die gesamte Materie im Einklang. Da gibt es kleine Störungen und große Störungen. Als die supramentale Kraft 1961 zum zweiten Mal ihren Körper übernehmen wollte, bemerkte Mutter: Alle nur möglichen Schwierigkeiten erhoben sich zusammen – wie es kommen mußte und wie es gewiß auch Sri Aurobindo passierte, das verstand ich. Ich verstand. Weißt du, das ist kein Witz! Ich fragte mich immer, warum ihn all das so wütend befiel – jetzt weiß ich es. Weil sich genau derselbe Ausbruch gegen mich richtet. Im Grunde ist es all das, was im materiellen Bewußtsein noch gegen Angriffe der gegnerischen Kräfte anfällig ist – nicht direkt im Bewußtsein des Körpers, aber man könnte sagen, in der substanz, wie sie vom mental angeordnet wurde: die erste Bewegung des Mentals im Leben, das, was den Übergang vom Tier zum Menschen ausmachte. Ich meine die erste Mentalisierung der Materie. Etwas darin protestiert, und durch den Protest verursacht es natürlich all die Störungen… Somit stehen wir vor dem ewiggleichen physischen Mental, und bemerkenswert ist, daß dieses physische Mental etwas ist, das mit dem Menschen entstand, es machte den Übergang vom Tier zum Menschen aus. Beim Tier gibt es kein physisches Mental, sondern nur ein Mental der Zellen. Den Käfig gibt es nur für uns. Das „Unbewußte“, das alle Überlieferungen wie einen Urfels am Anfang der Zeiten plazieren, ist tatsächlich ein menschliches Phänomen. Ein Phänomen des physischen Mentals: es ist der Schleier, oder die Schlammwand. Das Netz. Dahinter ist alles verbunden: Es gibt keine Wand. Die Evolution errichtete sich ihren Käfig, verschleierte sich erst Millionen Jahre später, aus Gründen der Individualisierung, die wir bereits beschrieben. Wenn diese Tatsache zutrifft und wirklich das physische Mental die Mauer bildet, dann stehen wir vor einer ungeheuren Möglichkeit: Wir müssen keine „Evolution“, keine Transformation, keine Mutation über Jahrhunderte und launiges Elend hinweg mehr vollbringen, sondern die Mauer umstürzen. Alles liegt hier. Das vollständige Bewußtsein ist hier, die vollständige Bewegung liegt hier, die vollständige Shakti und Macht ist hier. Wir wollten die Mauer hoch oben durchstoßen, doch sie muß unten in der Materie durchbrochen werden. Wir versuchten, im Netz Supermenschen zu fabrizieren, doch das Netz muß zerstört werden, dann sind alle „super“ hier, unvorstellbarer, als wir ersinnen können. Allein das Netz knirscht, und alles knirscht, wenn man es anrührt: „Alles erhob sich auf einmal“, sagte Mutter, und wie einen Nachgedanken fügte sie hinzu: Das ist es. Es ist das Eindringen von etwas völlig Neuem in diese Materie, und da protestiert der Körper.

Der Körper der Welt protestiert.

Er protestiert heftigst gegen dieses heimliche kleine Lichttüpfeln, das seine gesamte Seinsart stört.

Doch wie kann ein Körper – ein einziger kleiner Körper in einem Winkel in Pondicherry – den Körper der Welt verändern? Das war meine ständige Frage während meiner ersten Jahre bei Mutter. Denn mich interessierte das Problem der Welt, und ich sah nicht ein, wie diese lächelnde kleine Mutter, die inmitten der knirschenden Muster einherschritt, „die Welt transformieren“ konnte. Das erschien mir wie ein Märchen. Wie kann die Tatsache, eine kleine Gewohnheit hier aufzulösen – wirklich ein Staubkorn in der großen Weite der Welt –, die riesige Gewohnheit der Welt entknoten? Gewiß, ich sah deutlich, daß all die kleinen Gewohnheiten in der Umgebung um die Wette knirschten, aber… „Wie kann die Arbeit, die du an deinem Körper tust, eine Auswirkung auf die allgemeine Körpersubstanz außerhalb von dir haben?“ – Stets auf dieselbe Weise, antwortete sie: Weil die Schwingung sich ausbreitet. Zum Beispiel jedes Mal, wenn ich etwas beherrschen konnte – damit meine ich, die wahre Lösung für eine sogenannte „Krankheit“ oder eine Funktionsstörung zu finden (die wahre Lösung, keine mentale Lösung, kein gewöhnliches Wissen, sondern die spirituelle Lösung, die Schwingung, welche das Übel auflöst oder die Dinge richtigstellt) –, dann konnte ich hinterher stets mit Leichtigkeit andere Leute heilen, die an derselben Sache litten: durch die Ausstrahlung dieser Schwingung. So funktioniert das. Denn die gesamte Substanz ist EINS. Alles ist EINS, wir vergessen das ständig! Wir haben immer das Gefühl der Trennung – das ist die komplette Lüge. Weil wir uns auf das stützen, was unsere Augen sehen, was unsere Hände fühlen… das ist wirklich die Lüge. Sobald man sein Bewußtsein ein wenig verändert, erkennt man… Verstehst du, das ist wie ein darübergeklebtes Bild, aber das ist nicht wahr, überhaupt nicht wahr. Selbst in der materiellsten Materie, selbst in einem Stein – selbst in einem Stein –, sobald man sein Bewußtsein verändert, verschwindet all diese Trennung, all diese Teilung, vollständig. Das sind… (wie soll ich sagen?) Konzentrationsarten, Schwingungsarten innerhalb derselben sache.

Derart ist der Vorgang spiritueller Ansteckung. Alle Vibrationen sind ansteckend, auch die guten.

Vorübergehend war ich überzeugt, denn Mutter ließ einen die Dinge sehen, wenn sie sprach, man spürte sie in seinem Körper. Trotzdem stellte ich diese Frage wieder und wieder in der einen oder anderen Form. „Wie kann diese lächerliche kleine Bewegung, der ich in meinem Bewußtsein den Hals umdrehe, anderswo in der Welt entwurzelt werden?“ Hier stellte ich Mutter eine viel schwerere Falle, und mit Recht, denn in jener Zeit hatte sie noch nicht den wahren Mechanismus gefunden: Mit „Faust- und Hammerschlägen“ wurde sie dorthin geführt. Sie antwortete: Es ist ein Fehler zu glauben, es gäbe irgendeine „persönliche“ Bewegung in der Welt. Erst das unwissende Bewußtsein des Menschen läßt es persönlich werden, aber an sich ist es das nicht: es sind irdische Einstellungen. Und sie setzte hinzu: Das kam mit dem Mental; die Tiere haben das nicht, deshalb spüre ich auch bei den Tieren, selbst bei den angeblich wildesten, eine Sanftheit, die es beim Menschen nicht gibt. Schön und gut, aber selbst wenn es Wellen eines allgemeinen Stroms sind, wie kann die Tatsache, sie aus meinem persönlichen Netz beseitigt zu haben, sie aus dem weltweiten Netz entfernen? Eine Wurzel muß irgendwo berührt werden. Und Mutter erklärte mir ihre damalige Vorgangsweise, die sie über Jahrzehnte angewandt hatte (und ich glaube, man könnte sie über Jahrhunderte anwenden, ohne daß eine wirklich radikale Veränderung einträte). Das ist die spirituelle Vorgangsweise aller wirklichen Yogis (jene, die still für die Welt arbeiten). Mutter verließ ihren materiellen Körper, dieses erste kleine Netz, und sobald man das Netz verläßt, wird alles notgedrungen universell. So arbeitete sie an den verschiedenen universellen Bewußtseinsebenen: den mentalen, vitalen, unterbewußten Schichten, die all unsere leuchtenden oder weniger leuchtenden Ideen weben, unsere skurrilen oder schlimmeren Reaktionen: Wenn man hinabgeht, um eine Transformationsarbeit zu verrichten, um zum Beispiel Licht in die verschiedenen Schichten des irdischen Lebens zu bringen, trifft man nicht mehr auf ein individuelles Unterbewußtsein, und die Arbeit geschieht nicht mittels Individualisierung sondern durch die entgegengesetzte Bewegung, durch eine Universalisierung. Sobald du dich universalisierst, wirkst du auf das Ganze ein. Gedanklich trennt man sich ab, aber tatsächlich kann man es nicht. Das heißt, wenn du das Unterbewußte in dir beseitigen willst, muß deine Bewegung umfassend sein; sie kann nicht persönlich sein, es würde niemals gelingen.

Und Mutter erzählte mir die Arbeit, die sie besonders nachts tat, wenn sie ihren Körper verließ und einigermaßen friedlich arbeiten konnte: Das geschieht jede Nacht. Es drückt sich durch verschiedene Szenen aus, alle möglichen Symbole, Erinnerungen, von Worten bis zu Bildern. Es kommt in Gruppen und Kategorien von Tendenzen: Das stellt verschiedene menschliche Tendenzen dar, in allen Einzelheiten. Diese „Kategorien von Tendenzen“ oder „irdischen Einstellungen“, die Tausende idiotischer Reaktionen, die es aufzulösen galt, nahmen die verschiedensten Gesichter an, manchmal sehr sonderbare zusammengesetzte Gesichter, als stellte ein Gesicht Dutzende oder vielleicht Hunderte dar – sie stellte keine einzelne Person dar sondern eine Einstellung: Manchmal tragen diese Personen die Merkmale von mehreren zugleich, um deutlich zu zeigen, daß es sich um Bewußtseinszustände und nicht um Individuen handelt. Nur selten sind es Individuen: es sind Bewußtseinszustände. Ich erinnere mich, schon in Japan gab es vier Personen, die ich in meiner nächtlichen Arbeit nie unterscheiden konnte. Die vier waren immer vermischt (und Gott weiß, sie kannten sich nicht einmal!), vermischt, weil ihre unterbewußten Reaktionen identisch waren. Einer war Engländer, einer Franzose, einer Japaner und noch ein anderer, jeder von einem anderen Land. Aber nachts waren sie alle gleich. Gleich, als sähe man den einen durch den anderen. Dort nahmen die Muster im Ashram ihre universelle Bedeutung an: Die Leute in meiner Nähe sind in all dieser Arbeit wie Familien in diesen Welten, das heißt es gibt Typen: jeder repräsentiert einen Typus… Diese Typen nehmen das Aussehen einer Person an, mit der ich eine persönliche Beziehung habe oder hatte, aber für mich stellen sie Typen dar: „Ah, es ist dieser Typ!“ – er kann tausende Menschen repräsentieren. Und die Arbeit an dem repräsentativen Typus hat Rückwirkungen auf all jene, die er vertritt. Aber Mutter fügte hinzu: Diese Arbeit erscheint unendlich – jedenfalls ohne Ende.

Da fragt man sich, ob das wirklich die Lösung ist, ob die Wurzel auf diese Weise wirklich berührt wird. Und Mutters Arbeit des Tages – inmitten all der Leute, die es zu empfangen galt, der zu lösenden Schwierigkeiten, der zu überwindenden Widerstände, der Tausenden kleinen Reaktionen in ihrem Körper und in der Umgebung – hatte denselben symbolischen Charakter: Die Details an sich haben keine Bedeutung, aber sie sind symptomatisch für das Ganze… Ja, wie die kleinen Skorpione, die vor der Tür herlaufen. Eine Krankheit bedeutet eine Million gleicher Krankheiten. Das heißt, die Schwierigkeiten, die Hindernisse, die Schlachten, die Siege, die Fortschritte sind nichts an sich sondern nur Anzeichen einer allgemeinen Bewegung – in manchen Augenblicken kommen phantastische Fortschritte, die wunderbar erscheinen; insgesamt, umfassend betrachtet, spürt man es: wie ein Drängen – ein umfassender Vorwärtsdruck.

Ein überwältigender Druck, das ist gewiß.

Verschwindet dadurch aber die Spezies Skorpion?… Vielleicht nach einigen Jahrhunderten „umfassenden Drängens“.

Kann das Netz der Welt auf diese Weise wirklich zerstört werden?… Die Frage stellen heißt, alle spirituellen Methoden, seit es die Spiritualität gibt, in Frage zu stellen. Heißt, im voraus allen Materialismen der Welt Recht zu geben, die ohne Unterlaß die Macht des Geistes verneinten, und die Überlegenheit ihrer materiellen Verbesserungsmechanismen zu bejahen…, obwohl diese in letzter Zeit ziemlich wackelig erscheinen.

Die Antwort, die einzige Antwort – jene, die Mutter bald in ihrem Körper entdeckte – lautet, daß es nur eine einzige Art gibt, den Körper der Welt zu heilen, und zwar der Körper der Welt zu sein. Es gibt nur eine Art, das Netz zu zerstören: es in einem Körper zerstören, der der ganze Körper der Welt geworden ist. Man muß das Netz verlassen, ohne seinen Körper zu verlassen. Ekstase ist ein harmloser Traum. Völlig einwirken kann man nur auf das, was man geworden ist. Will man auf die irdische Materie einwirken, muß man die ganze irdische Materie sein. Es erfordert eine materielle Ansteckung. Nicht von oben oder von innen oder außen, nicht in Meditation oder Andacht oder indem man seinen Körper in vier oder sechsunddreißig Dimensionen verläßt, wird die Lösung zu finden sein, sondern indem man jedes Atom, jede Schwingung des irdischen Körpers wird.

Wie ist das möglich? Mental ist verständlich, daß man das kosmische Bewußtsein werden und in das universelle Mental eingehen kann; sogar vital begreift man, daß man die große Lebensenergie werden und in den universellen Dynamismus eingehen kann (obwohl wir davon kaum irdische Beispiele kennen, außer vielleicht in winzigem Maßstab bei Napoleon, Alexander dem Großen oder Tschingis Khan). Doch körperlich, wie kann ein kleiner Körper alle Körper werden und in alles Elend der Welt eintreten, ohne daran zu sterben? Wie kann er überhaupt physiologisch sein Zellbewußtsein weiten, ohne zu bersten oder sich aufzulösen?

Schließlich konnte dieses kleine Tüpfeln nur dann wirklich in den Körper der Welt eingehen, wenn Sri Aurobindos oder Mutters Körper in irgendeiner Weise der Körper der Erde geworden war.

„Jedes Atom“, sagte Sri Aurobindo.

Die kleinen Tore

Mutter sollte die Antwort leben, die Materie selbst gab sie ihr. In der Tat stehen wir immer in der Antwort. Sie wird uns ständig gegeben, für alles, in allen Einzelheiten, nur verstehen wir es nicht, sie zu sehen, wir verstehen nicht einmal, daß es die Antwort ist, wir legen immer einen Schleier über alles, was geschieht – unsere Ideen, Vorlieben, Reaktionen, Empfindungen –, nichts erreicht uns rein, alles wird im voraus verschleiert, verdreht, im einen oder anderen Sinn interpretiert, stets heißt es „dies ist gut“, „jenes ist schlecht“, „dies ist nützlich“, „jenes ist schädlich“, „das ist schrecklich“, „das ist hervorragend“… Der Vogel stellt keine Fragen, er fragt sich nicht, wo Sibirien liegt: er fliegt unmittelbar darauf zu. Wir sind stets in diesem „Sibirien“ oder Amazonien, in dem wahren Land, das wir suchen, die Antwort all unserer Fragen, die „Verwirklichung“, die niemals zukünftig war sondern gleich hier, vor unseren Augen, unter unseren Schritten – nur wissen wir nicht, daß es das ist. Wir leben in einer falschen Zukunft, unser Zeitgefühl ist eine Lüge wie alle anderen Wahrnehmungen unseres Netzes, wie die Tuberkulose, der Tod, die Schwerkraft und die „Ferne“. Es ist ein unglaubliches Gewebe der Unwirklichkeit. Mutter sagte: eine objektive Unwirklichkeit 1, und es wird leicht verständlich, was sie meinte. Es genügt allerdings nicht, es zu denken und mental zu verstehen, sondern wir müssen es im Körper leben lernen, müssen die Gewohnheit auflösen. Wir müssen das vollständige, gegenwärtige Amazonien wiederfinden, in jedem Augenblick, mit allen Antworten.

Mutter lebte die Antwort, dort inmitten ihrer Mustersammlung. Sie wußte nicht – oder noch nicht –, daß es die Antwort war. Mit Erstaunen begann sie zu lernen, daß alles die Antwort ist. Ich sagte, sie erfuhr nie, was das Geheimnis war, dennoch berührte sie es, lebte es tausendmal – aber weiß der Vogel, daß es „Sibirien ist“? Er bemerkt vielleicht bestimmte klimatische Veränderungen. Mutter bemerkte ebenfalls viele kleine klimatische Veränderungen – Sibirien heißt es für die Geographen. Ich bin hier wie Mutters Geograph. Im gewöhnlichen Leben denkt man die Dinge, und dann führt man sie aus – hier ist es genau umgekehrt. In diesem Leben muß man sie zuerst tun, und erst nachher begreift man, aber lange nachher. Zuerst muß man es tun, ohne zu denken. Wenn man denkt, bewirkt man nichts Gutes, das heißt, man kehrt zurück zur alten Weise. Und sie setzte hinzu: Darüber kann man nicht reden. Der Beweis ist: könnte man darüber reden, wäre es bereits hier. Und selbst dann würde man wahrscheinlich nicht darüber reden. Sie ging zwischen ihnen einher, es gab Schecks zu unterschreiben, unmögliche Termine einzuhalten, Beschwerden hier, Krankheiten dort, Lehrer, die sich quer stellten, Schüler, die sich quer stellten, „ich will“ und „ich will nicht“ hier und dort, die Schmerzen ihres eigenen Körpers und die aller Körper, das große Elend überall, in große Worte gekleidet: Dieses allgemeine Leiden und Elend wird beinahe unerträglich… Es wurde in mich gelegt wie eine stechende Bedrängnis – gewiß ist das eine Notwendigkeit, um herauskommen zu können. Herauszukommen bedeutet heilen, verändern – nicht um zu fliehen. Flüchte mag ich nicht. Das war mein Haupteinwand gegen die Buddhisten: alle ihre Anweisungen dienen nur dazu, euch die Flucht zu ermöglichen – das ist nicht hübsch. Aber verändern, das ja. Und sie erkannte, daß bereits ihre Bedrängnis eine Art Antwort war: Man schafft alle nötigen materiellen Bedingungen, um die Lösung zu finden. Das Ersticken bedeutet bereits einen ersten Schritt zur Pforte. Die Bedrängnis ist idiotisch, aber sie ist das falsche Gesicht, die mentale Übersetzung eines notwendigen physiologischen Zustands, um zur Lösung zu gelangen. So ist alles falsch, und alles ist richtig. Der Zustand ist wahr, er ist genau so, wie er sein muß, aber die mentale Übersetzung und die Empfindung, die wir im Netz hinzufügen, ist eine völlige Falschheit. So ist alles in der Welt falsch, und alles ist vollkommen wahr. Ja, sie lernte, daß „alle Dummheiten, die man begeht, der Arbeit dienen“; wegen dem falschen Sinn ist es idiotisch, wegen der falschen Reaktion ist es schädlich, katastrophal, kann zum Tod führen – und dasselbe, anders betrachtet und anders aufgefaßt, eröffnet ein Tor zum Sieg. Man beginnt zu sehen, zu fühlen, zu berühren, daß man in einer Welt der Trugbilder lebt, und das wird höchst interessant, manchmal beinahe wunderbar: Ein winziges Etwas läßt es ins Wunder umschwingen, und durch ein anderes winziges Etwas kippt es ins Schwarze – es ist dasselbe, dieselbe angeblich materielle, „konkrete“ Tatsache. Immer wieder erkennt man, daß es wegen all dem ist, was das physische Mental hinzufügt, darüberklebt, auf die Tatsache wirft und sie heimlich mit Schwarz verkrustet. Mutter lernte die Lektion. Eines Tages rief sie dann wie von der Offenbarung erfaßt aus: In jeder Sekunde, in jedem Augenblick des Universums ist alles genau so, wie es sein soll… Das ist die Allmacht. Diese wenigen Worte hören sich rätselhaft an, sind aber von überwältigender Macht, wenn man alles versteht. Die Allmacht, die Kraft, das große Sesam-öffne-dich besteht vielleicht nur darin zu erkennen, daß alles in wunderbarer Weise genau so ist, wie es sein soll – es aber im Körper zu erkennen. Dann sieht der Körper, und das Trugbild löst sich auf. Dann stirbt er nicht, ist nicht krank, und all die falschen mentalen Konsequenzen brechen zusammen. Er ist. Er ist allmächtig, unbesiegbar – er ist.

Man muß es aber leben. In jeder Sekunde leben.

Das erscheint fabelhaft, und es ist von unglaublicher Einfachheit, so einfach, daß man nicht daran glauben kann. Das Mental kann nicht an das Einfache glauben – das ist seine Aufgabe: alles zu verkomplizieren, einzusperren, zu verkleben.

In gewisser Weise muß der Körper ent-mentalisiert werden.

In mentaler Übersetzung sagen wir, Mutter erlernte das „Unpersönlichwerden“, aber das ist ein fürchterliches Wort, und man spürt bereits die Schikanen der kleinen Person. Es gibt nichts zu schikanieren! Man muß sich nur allmählich in die Offensichtlichkeit gehen lassen. Dann wird alles anders. Die Hingabe an die Offensichtlichkeit bedeutet aber kein verklärtes Lächeln für alles (obwohl es das werden kann, aber das kann es nicht wirklich, solange der Körper im Tod ist – oben kann man lächeln, das ist sehr schön, sehr buddhistisch und ergibt ein schönes Bild, doch das Lächeln muß man im Körper haben), dieses Fließen bedeutet, das kleine Tor von allem, in allem zu öffnen – alles hat ein Tor. Jedes Ding, jedes kleinste Ereignis hat sein „Tor“: Man öffnet es, oder man läßt es verschlossen. Sagt man ja oder nein, bleibt das Tor gleichermaßen verschlossen; läßt man sich aber ins Herz der Sache fließen, schließt sich ihr an – schließt sich auch zum „Schlimmsten“ an –, so öffnet sich das Tor, und man erhält ihren Sinn, ihr wahres Gesicht, das Heilmittel im Herzen des Übels oder hinter der Tür des Übels. Das „Übel“ ist gerade die mentale Tür, die man über die Sache legte – die weder „gut“ noch „schlecht“ ist sondern „etwas anderes“. Das gewiefte Mental wird alsbald ausrufen: Dann muß man alles akzeptieren, sogar die Zerstörung, sogar… Man sieht es die Ohren spitzen, denn natürlich erwartet es die Zerstörung – und es wird sie haben. Akzeptiert es auf seine Weise, wird es gewiß die Zerstörung haben, samt einigen Rutenschlägen. Sein schwarzer Teer verklebt alles, ist ohne Hoffnung, mit ihm darf man diesen Weg nicht gehen, es verleimt einen an der ersten Wende. Das Fließen in der Offensichtlichkeit muß man kosten, die tausend kleinen Tore aller Minuten und aller Schritte, in allem, muß man öffnen – nicht einmal öffnen, sondern hindurchgehen wie ein Luftzug, während man das Mantra wiederholt… mit einem Willen sonniger Wahrheit oder einem Ruf der Wahrheit überall. Das nannte Mutter die aufrichtigkeit. Sie definierte sie wunderbar: Das nenne ich Aufrichtigkeit: sich in jeder Minute erwischen zu können, wie man der alten Dummheit angehört. Die alte Dummheit der wimmelnden mentalen Gewohnheit, die ihre Katastrophen vor sich hinmurmelt, ihre kleinen Sünden, ihre kleinen „nein“, ihre kleinen „ja“, ihr Knirschen, ihre alte Gefräßigkeit des im Käfig bestraften Kindes, das so gerne durch seine Gitterstäbe den Kosmos verschlingen würde. In all das muß man wie ein Luftzug gehen. Man dringt hindurch, nimmt es mit sich, trägt es überall mit hin, es ist „unumgänglich“, aber durch eine bestimmte Art hindurchzufließen erwischt man es beim Ohr…, weil man sich nicht täuschen läßt, aber man fließt darin, dringt hindurch.

Sogar durch die Krankheiten – sogar durch den Tod. Mutter lernte es. Der Körper lernt auch die Lehre der Krankheit, sagte sie. Das ist äußerst amüsant. Der Unterschied zwischen der Sache an sich, wie sie ist – welche Störung es auch sei, und der alten Gewohnheit, sie zu fühlen und aufzunehmen: die normale Gewohnheit, die man als Krankheit bezeichnet, „ich bin krank.“ Das ist äußerst lehrreich. Wenn man wirklich ruhig bleibt, kommt immer ein kleines Licht – ein warmes, sehr helles und wunderbar ruhiges kleines Licht dahinter. Als wollte es sagen: Du brauchst nur zu wollen. Dann empören sich die Zellen: Wie das, „wollen“? Wie kann ich, es ist eine krankheit! – Die ganze Komödie. Das ist „eine Krankheit“. Dann sagt etwas, das von umfassender Weisheit ist: Beruhige dich, beruhige dich… klammere dich nicht an deine Krankheit! Und sie willigen ein – „willigen ein“ wie ein gescholtenes Kind: Gut, gut, ich will es versuchen. Sie versuchen es – augenblicklich kehrt dieses kleine Licht zurück: Du brauchst nur zu wollen. Ein oder zweimal, in diesem oder jenem Fall, willigt man in diesem punkt ein – in der nächsten Minute ist es weg! Keine Krankheit mehr. Nicht einmal eine Minute: in einigen Sekunden ist sie weg. Dann erinnern sich die Zellen: Aber wie kommt das, ich hatte dort Schmerzen?… Plumps, kommt alles zurück! Diese Komödie spielt sich ständig so ab. Folglich, wenn sie wirklich ihre Lektion lernten… Oh, sie lernen sie die ganze Zeit, die ganze Zeit. Alle Dinge, alles, was geschieht, ist stets eine Lehre, immer. Immer, immer: Alle Streitigkeiten, alle Schwierigkeiten, alle sogenannten Krankheiten, alles, alle Störungen bringen euch eine Lektion – sobald man die Lektion lernt, ist es vorbei. Aber es ist so langsam und schwerfällig, man braucht so viel Zeit, bis man es als Lehre erkennt, daß es lange, lange dauert… Der Körper beginnt, seine Lektion zu lernen. Anstatt der egoistischen Antwort: „Ah, nein! Davon will ich nichts wissen, damit will ich nichts zu tun haben! Ich stehe «über» [und Mutter lachte] dieser Schwäche und dieser Störung…“ – laßt es kommen, akzeptiert, seht, welche Lösung es bringt. Das heißt anstatt des alten Problems: Verneinung des Lebens, Verneinung der Schwierigkeit, Verneinung der Störung und Flucht ins Nirvana, wird es die Akzeptation von allem – und der Sieg.

Die vollkommene Akzeptation, um den wahren Sinn jeder Sache zu finden, das, was hinter dem Tor liegt. Das andere Gesicht der Dinge, was wirklich ist, ohne die mentale Entstellung, die Entstellung der Gefühle, die Entstellung der Reaktionen, die Entstellung der „Krankheiten“ und des Todes – von allem. Das Netz. Mutter setzte hinzu: Das Leben steht kurz davor, wunderbar zu werden – aber wir verstehen es nicht zu leben. Wir müssen es noch lernen. Wenn wir es gelernt haben, wird es wirklich etwas sein. Je vollkommener die Einwilligung wird, je mehr man aufhört, „ja“ und „nein“ auf die Dinge, die Umstände und die Begegnungen zu kleben, um so mehr fließt man in der „Sache“, dem Anderen, der Offensichtlichkeit, und man entdeckt die wunderbare Anordnung: Alles geschieht, um euch so schnell wie möglich fortschreiten zu lassen, alles: die Hindernisse, die Widersprüche, die Unverständnisse, die überflüssigen Beschäftigungen, alles, alles, alles, um euch weiterzubringen. Um einen Punkt zu berühren, dann einen anderen und euch so schnell wie möglich fortschreiten zu lassen. Wenn man sich nicht mit dieser Materie befaßt, wie könnte sie sich ändern?

All diese kleinen Tore, die sich auftun – links, rechts, unter jedem Schritt und in jeder Minute, jeder Geste, jeder Dummheit –, bringen eine Luft ins Wesen und in das umgebende Leben, sogar in den Körper. Alles wird wie durchlässig.

Ohne es zu merken, haben wir das Große Tor erreicht: die physische Universalisierung.

Wie durch einen Zauber werden wir weiter.

Das kleine Tüpfeln tüpfelt überall.

14. Kapitel: Der Mechanismus der Ansteckung

Die Lichter der Zelle

Es ist eine seltsame Tatsache, daß man, um das reine Funktionieren einer kleinen Zelle zu finden, bis an die Grenzen des Universums gehen muß, und wenn man einmal die Zelle, so wie sie ist, erreicht hat, dort ebenso wirken kann wie im Rest des Universums und dort leben kann wie überall im Universum. Der kleine reine Punkt, so wie er ist, enthält nicht nur unvorstellbarerweise alles: ein gigantischer Punkt1, sagte Sri Aurobindo, sondern – noch unvorstellbarer – bläht sich dieser Zellenpunkt keineswegs maßlos auf, um alles in seinem Bewußtsein zu verschlingen oder alles zu umfassen, nein: er ist alles, augenblicklich; er ist nicht die plötzliche Summe von Milliarden Punkten, sondern er ist jeder der Milliarden Punkte wie sich selbst. Wie können wir das begreifen? Zweifelsohne muß es nicht verstanden sondern gelebt werden. Jedenfalls würden die Naturwissenschaftler gut daran tun, die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen. Einstein hätte ohne Zweifel Sri Aurobindos “mathematische Formel” sehr gut verstanden wie auch Mutters stammelnde Nicht-Formeln, während sie rechts und links in ihrem unverständlichen Wald anstieß und Kreise über Kreise beschrieb… vielleicht genau um denselben Punkt herum. Eines Tages – später –, fragte ich Mutter auf Geheiß eines Lehrers: “Wie sieht eine wahre, reine Zelle denn aus, wie handelt sie, wie findet die Verbindung statt?” Mit ihrer leisen, langsamen Stimme antwortete sie, mit Worten wie Tropfen, die von weit her zu kommen schienen, Lichtfelder durchquerten, irgendwo dort in den schweigenden Schneeweiten schwebten und sich dann plötzlich wie Tropfen sehr reinen Taues auf einem Lotosblatt kondensierten: sehr leuchtend, es waren keine Worte mehr sondern eine Schwingung, die die volle, offensichtliche Bedeutung enthielt – nie werden wir das auf dem Papier wiederfinden, wenn die kleinen Offensichtlichkeiten in Tinte gesetzt wurden… Die Zellen, sagte sie, haben eine innere Struktur, die der des Universums entspricht. So entsteht die Beziehung durch identische innere und äußere Zustände, das heißt die Zelle empfängt in ihrer inneren Zusammensetzung die Schwingung des entsprechenden Zustands in der Zusammensetzung des Ganzen. Dann schloß sie die Augen (aber sie sprach fast immer mit geschlossenen Augen, wie von sehr fern, und dennoch so sehr hier, als spürte man alles im eigenen Körper): Jemand – ich weiß nicht, wer es ist – kam und zeigte es mir… Eine große Männerhand hielt… Es war kein Ei, aber er sagte mir, es wäre die Darstellung einer Zelle. Dieser Gegenstand war ungefähr so groß [ca. 7 cm], durchsichtig und lebendig – es war lebendig. Er zeigte mir die verschiedenen inneren Bestandteile der Zelle und ihre Beziehung zum Zentrum. Die Vision war absolut präzise, so präzise, daß es mich überwältigte, ich sagte “Ah!”… Es hatte eine seltsame Form: nicht wie ein Ei, aber an einem Ende war es dünner… Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Es war leuchtend, und er hielt es so zwischen zwei Fingern. Ich weiß nicht, welche Form die Wissenschaftler der Zelle geben, aber hier sah sie so aus. Er zeigte mir die verschiedenen Strahlungen. Der Rand war am dunkelsten [man kann sich fragen, ob dieser dunkle Teil nicht gerade der Anfang des Netzes ist, das, was die Zelle umhüllt, der dunkle Mantel des physischen Mentals], und je mehr es nach innen ging, um so leuchtender war es. Das Zentrum war völlig leuchtend, hell, es war strahlend. Da waren verschiedene Farben, nicht sehr ausgeprägte, aber verschieden getönt. Manche Stelle waren bläulich, andere… Die verschiedensten Dinge, es war sehr komplex, mit verschiedenen Strahlungen. die verbindung geschah von licht zu licht.

Sofort fragte ich Mutter, ob dies bedeutete, daß das zentrale Licht wirkt, indem es alle die entsprechenden Lichter berührt? – Ja, so ist es, durch die innere Verbindung des Wesens. Dies gab den Eindruck, jede Zelle wäre eine Miniaturwelt, die dem Ganzen entspricht.

Hier halten wir beinahe den Schlüssel der “materiellen Ansteckung”. Wir beginnen, die Leuchten der wahren Materie blinken zu sehen… Um einen Pulsar am Rande des Universums empfangen zu können, erfordert es ein synchrones Radioteleskop, das auf dieselbe Wellenlänge eingestellt ist. Die zentralen Lichter der Zelle sind vollkommen synchron. Sie sehen und kennen sich und antworten einander durch alle Räume und alle Körper.

Natürlich werden die Wissenschaftler sagen, sie hätten noch nie Lichter in der Zelle beobachtet. Aber Demokrit und Lucretius hatten auch nie Atome gesehen, dennoch waren sie die ersten Atomiker.

Die Wende

Zuerst galt es jedoch, aus der dunklen Ummantelung des physischen Mentals herauszukommen, aus dieser dichten Kruste, die das ganze reine Funktionieren verschleiert und in seinem Käfig alles voneinander trennt. Mutter “lernte die Lektion”, wie sie sagte, und sie öffnete die kleinen verschlossenen Tore: in den Umständen, den Begegnungen, den Gesten. Alles wurde in vollkommener Transparenz aufgenommen, oder sie versuchte zumindest, immer vollkommener zu werden. Weist man eine einzige Kleinigkeit zurück, verschließt sich augenblicklich ein Tor – ein winziges Tor, das wie das gesamte Tor ist: man bleibt im Käfig. Das bedeutet eine vollkommene Neutralität, wie ein Kristall das Licht durchläßt. In ihren allerersten Erfahrungen hatte Mutter bereits bemerkt: Um ein vollkommenes und umfassendes Bewußtsein der gegenwärtigen Welt in all ihren Einzelheiten zu erlangen, darf man als erstes keine persönliche Reaktion auf irgendeine dieser Einzelheiten mehr haben, nicht einmal eine spirituelle vorliebe in Bezug auf das, was sie sein sollten. Mit anderen Worten ist eine vollkommene Akzeptation in völliger Neutralität und Gleichgültigkeit eine unerläßliche Voraussetzung für ein Wissen durch völlige Vereinigung. Wissen durch Vereinigung bedeutet, man weiß, weil man ist: Man kennt den Amethysten oder Herrn Schulze, weil man der Amethyst ist bzw. der besagte Jemand ist. Entgeht eine Einzelheit, so klein sie auch sei, dieser Neutralität, so entgeht sie auch der Vereinigung.2 Das Tor verschließt sich. Und seltsamerweise bedeutet ein einziges verschlossenes Tor, daß alle anderen Tore auch nicht wirklich offen sind. Auch hier enthält ein winziger Winkel oder eine winzige Ecke die Mauer des Ganzen. Jeder hat irgendwo eine mikroskopische Mauer.

Bis zum Beweis einer anderen Spezies bleiben die Mauern im Körper allerdings außerordentlich nützlich! Wie soll man mittellos allen standhalten, allen ausgeliefert sein, von allen enthusiastisch verschlungen werden, aber gleichzeitig noch auf zwei persönlichen Beinen aufrecht bleiben? Die “Lektion” war ziemlich grimmig – grimmig, weil irgend jemand wohl oder übel den Weg bahnen mußte: irgend jemand muß die Arbeit tun! sagte sie. Danach ist es der Stadtwald mit schön angelegten Alleen und kleinen Hinweisschildern. Sie unterzog sich einer ungeheuren Zertrümmerung, ich weiß nicht, bis zu welchem inneren Punkt sie reichte, wo es scheint, man könne “das nicht loslassen”, ohne den eigentlichen Faden seines Lebens zu verlieren. Sogar der Yoga fiel weg, sogar die höchsten und göttlichsten spirituellen Verwirklichungen – fast hätte ich gesagt, sogar das Göttliche selber fiel weg –, auch der Gedanke oder der Wille, man “müsse” die Transformation vollziehen, man “müsse”… Alles stürzte ein, sogar das Ziel. Niemand kann sich vorstellen, was diese “Neutralität” bedeutet. Doch es ist die Verwüstung des Käfigs: des goldenen Käfig wie des anderen. Des spirituellen Käfigs samt des anderen. Diese Losgelöstheit verschärft sich, jetzt reicht es soweit, daß sie alles umfaßt, was die Handlung auf der Erde betrifft – wahrscheinlich war das nötig… Das ist wie Dinge, die sich auflösen. Dort bestanden Bindungen zwischen meinem Bewußtsein und der Arbeit (keine Bindungen von mir selbst, denn ich hatte keine, aber der Körper, das ganze physische Bewußtsein, alles, was ihn mit den umgebenden Dingen und der Arbeit und den Mitmenschen verbindet), das löst sich auf, löst sich auf, löst sich auf… Das wird immer ausgeprägter. Früher hatte ich die Macht, mich anzuklammern und festzuhalten, aber jetzt ist es diese Losgelöstheit: überall fällt das weg… Aber weißt du, diese Transformation ist kein Scherz. Gestern hatte ich so deutlich den Eindruck, daß alle Konstruktionen, alle Gewohnheiten, alle Anschauungsweisen, alle gewohnten Reaktionen, all das zusammenbrach – gänzlich. Ich schwebte in… etwas vollkommen anderem. Etwas… Ich weiß nicht.

Dieses “Etwas” war der Anfang der neuen Spezies. Das war am 27. März 1961. Eine neue Spezies kann man nicht fabrizieren, während man in der alten bleibt, soviel steht fest, wenn aber sogar das Licht der alten Spezies wegfällt…, dann wird es heikel. Mutter ist dreiundachtzig.

Wirklich das Gefühl, daß alles, was man lebte, alles, was man wußte, alles, was man tat, all das eine vollkommene Illusion ist – das erlebte ich gestern abend… Eine Sache ist es, wenn man die spirituelle Erfahrung hat, daß das materielle Leben eine Illusion ist (manche Leute empfinden das als schmerzhaft; ich fand das so wunderbar schön und freudig, daß es eine der schönsten Erfahrungen meines Lebens war), aber hier wurde die gesamte spirituelle Konstruktion, so wie man sie lebte, vollkommen zur Illusion! – Nicht dieselbe Illusion, sondern eine weitaus schwerwiegendere. Und ich bin keine Baby mehr: Seit siebenundvierzig Jahren bin ich hier. Und seit sicherlich an die sechzig Jahre mache ich einen bewußten Yoga, mit allem, was die Erinnerungen – die Erinnerungen eines unsterblichen Lebens – einem geben können, und sieh, wo ich jetzt bin! Deshalb… Als Sri Aurobindo sagte, man müsse ausdauernd sein, glaube ich, hatte er recht… Die Absolutheit des Sieges steht ausser zweifel, doch ich rede nicht vom Maßstab unserer kleinen Gedanken. An uns liegt es, die wende zu vollziehen – das wird von uns erwartet: die Wende zu vollziehen, anstatt uns weiter im Kreise zu drehen. Es nützt nichts, aufzugeben, denn dann muß man beim nächsten Mal wieder beginnen. Deshalb sage ich stets: “Jetzt ist die Gelegenheit, geht bis ans Ende!” Es nützt nichts zu sagen: “Ah, ich kann nicht!”, denn nächstes Mal wird es noch schwieriger sein.

Diese “weitaus schwerwiegendere Illusion” gibt uns zu denken. Niemand ermaß wirklich, wie tiefgreifend die Revolution war, die sie vollzog – keine (weitere) Revolution im Kopf, sondern im Körper, in der Materie. Die Schüler befaßten sich noch mit der Bhagavat-Gita und Meditationen oder mit Vergleichen zwischen Sri Aurobindo und Teilhard de Chardin. Jetzt verstehen wir besser, warum Sri Aurobindo seinem schriftlichen Werk so wenig Bedeutung beimaß: Das Supramental wird sich selber erklären. Mutter selber sagte mir eines Tages zu meiner großen Bestürzung, daß ihre gesamte Agenda verschwinden könne, aber die Handlung wird stattfinden. Immerhin war diese Zerstörung (man könnte sagen die Verwüstung der “alten Art und Weise”, der Umschwung ins Andere) ein wenig schwindelerregend. Schließlich wurde sie nicht nur innerlich entwurzelt, sondern auch in ihrem Körper. Etwas Sonderbares überkommt mich plötzlich: ich kann nicht mehr die Treppe hinaufsteigen, gestand sie mir. Ich weiß nicht mehr, wie man es anstellt, um hinaufzugehen. Einmal ergriff mich das auch mitten im Mittagessen: ich wußte nicht mehr, wie man ißt. Alle gewohnten Mechanismen wurden an ihrer Wurzel gekappt. Arbeiten kann ich nicht mehr. Ich kann nicht mehr arbeiten. Selbst die einfachsten Dinge kann ich mir nicht mehr merken. Aber sie lächelte: Das wird solange dauern, wie es muß. Trotzdem empfing sie weiterhin all die Leute, einen nach dem anderen, und jeder brachte ihr sein “Maß an Störungen”, samt ihren halbbewußten Gedanken: “Mutter wird kindisch, Mutter wird verrückt, Mutter ist alt, Mutter…”, und damit drang jedesmal das Altern und die Krankheit in ihren Körper – es entbrannte in ihrem Körper, das gehörte zu den Tausenden Hypnotismen, die aus der Substanz entwurzelt werden mußten. Dann die Suggestionen der gegnerischen Stimmen: “Du glaubst, du transformierst dich? Du glaubst, diese alte Materie wird sich ändern? Du glaubst… Aber sieh dich doch nur an, das ist ein Witz…” Und der Körper ist sich sehr bewußt, daß er Millionen Meilen von der Transformation entfernt ist. Da… da ist es nicht schwer, ihn zu überzeugen. Schwieriger ist, ihm die Gewißheit zu vermitteln, daß es anders sein wird. Er begreift nicht recht, wie es anders werden kann. Wie auch etwas begreifen, das keine Fortsetzung oder Verbesserung eines alten Zustands ist, das wirklich “etwas anderes” ist – etwas anderes ist ein schwarzes Loch. Es existiert nicht. Wenn es existierte, wäre es bereits getan. Wir müssen es entstehen lassen, es ent-decken. Um dorthin zu gelangen, muß man akzeptieren, während ziemlich langer Zeit völlig idiotisch zu sein. Da sehe ich die Umwelt, die Leute, die mich umgeben, die mich ansehen und sich sagen: “Ah, Mutter wird wieder kindisch!” Ihre Schwingungen erreichen mich. Manchmal haben sie leider die Macht, mich zu erschüttern… Das Notwendige ist, alles hinzugeben: alle Macht, alles Verständnis, alle Intelligenz, alles Wissen, alles, alles, vollkommen inexistent werden – das ist wichtig. Die Zerstörung der alten Spezies. Was die Dinge erschwert, ist gerade die Atmosphäre: Was die Leute von einem erwarten, von einem wollen, von einem denken – das ist äußerst lästig. Oh, es ist wie ein Fliegenschwarm, der einen ständig überall befällt, hier, dort, von oben, von unten… Man müßte sich ständig fächeln, um es wegzuscheuchen. Eine ziemlich ungeheure Entdeckung steht uns noch bevor: die des kollektiven Hypnotismus… Als steckte die gesamte Welt in einem Netz der Hypnose, das sie auf eine bestimmte Weise sehen läßt, auf eine bestimmte Weise fühlen, wahrnehmen und leben läßt, und der Körper steckt sozusagen in diesem hypnotischen Netz – nicht nur in sich selbst muß das ausgerissen werden, sondern in allen. Mutter ließ einmal eine Bemerkung fallen, die sehr zu denken gibt, als berührte sie dort ein Geheimnis, das unmöglich zu übersetzen ist: Der Körper, die sichtbare Form, ist wenigstens ebensosehr das Ergebnis der Art, wie die anderen euch sehen, als wie man selber ist.

Die gesamte Erde muß umschwingen.

Der Zustand der Harmonie

Nichtsdestotrotz begannen die Schlüssel sich einer nach dem anderen zu zeigen, kleine Schübe des “anderen Zustands”, den Mutter häufig den “Zustand der Harmonie” nannte und den Sri Aurobindo das “Supramental” genannt hatte. Mit zunehmender Losgelöstheit wächst die Wirklichkeit der Schwingung, besonders der Schwingung göttlicher Liebe – über die Proportionen des Körpers hinaus: ungeheuer, ungeheuer!… Allmählich spürt der Körper nur noch das. Es ist, als lebte ich, als lebte der körper – trotz all der Krankheiten, all der Angriffe, all des gegen ihn entfesselten schlechten Willens – als lebte er in einem Bad göttlicher Schwingung. Ein Bad, etwas… Es ist unermeßlich, unermeßlich, grenzenlos, von solcher Beständigkeit! Eine Universalität der Zellen. Es war beinahe, als trat eine neue Art von Göttlichkeit aus der Materie hervor oder begann durch die Maschen zu schlüpfen. Und wenn wir “eine neue Art” sagen, neigen wir noch dazu zu glauben, es wäre dasselbe mit Verbesserungen oder Unterschieden, ein Super-Gutes unserer Welt: Die guten Dinge taugen nicht mehr als die schlechten, rief Mutter aus. Es ist nicht das. Das Göttliche ist etwas anderes. Was mag das Göttliche für den Körper letztlich wohl sein? Offensichtlich keine neue Sorte Testament: Ein Körper pocht, atmet, schwingt – er hat keinerlei Ideen (“Gott” sei dank!). Es ist eine andere Art zu pochen, zu atmen, zu schwingen, sich auszubreiten, zu kommunizieren. Das ist kein Glaube, sondern eine Atmung. Es ist kein Gebot Gottes, sondern die unfehlbare Schwingung, die einen genau zum gewollten Ort trägt wie den Aal zum Golfstrom, und einen genau die gewollte Geste ausführen läßt. Es ist eine andere Seinsart. Es ist ein anderer Zustand. Wir haben uns völlig vergiftet mit unseren mentalen Vorstellungen von Gott. Alle großen Schulen, alle großen Verwirklichungen, alle großen… (und die Religionen liegen noch tiefer), all das, oh, wie kindisch das ist!… Ich betrachtete meine Beziehung mit all diesen großen Wesen der Welt der Götter und darüber, meine völlig objektive und familiäre Beziehung mit diesen Wesen – all das ist schön und gut, aber für mich ist es fast eine alte Geschichte. Was mich jetzt interessiert, ist hier, auf Bodenhöhe, im Körper. Es geht um den Körper, die Materie, auf der Erde. Um die Wahrheit zu gestehen, schert sich das nicht allzu viel um die Eingriffe dieser Wesen, die im Grunde nichts wissen. Sie kennen nicht das wahre Problem: Sie befinden sich in einem Bereich, in dem es keine Probleme gibt. Sie kennen das wahre Problem nicht – das wahre Problem liegt hier… Mit einer Gewißheit, in der Tiefe der Materie, daß die Lösung hier liegt – dieses Gefühl ist sehr stark, sehr stark. Oh, wieviel Aufhebens! Wie sehr ihr es vergeblich versucht! – Geht ins Innere hinab, tief genug, bleibt ruhig genug, dann wird das sein! Ihr könnt es nicht verstehen: es muß lediglich sein. Das kann nicht verstanden werden, weil ihr Werkzeuge verwendet, die des Verstehens unfähig sind. Aber das braucht nicht “verstanden” zu werden: es muß sein. Wenn ihr es seid, werdet ihr es sein, das ist alles, es wird keine Probleme mehr geben. All das liegt hier, auf Bodenhöhe.

Auf einmal berührte Mutter einen Schlüssel. Diese Schwingung – immer “ungeheurer” und “grenzenloser”, unermeßlich – kam nur, wenn Mutter beinahe gänzlich mittellos war, wenn alles durch sie ging wie ein Windhauch – aber man begreift leicht, daß die geringste Sperrwand, die kleinste Masche darin alles bersten lassen könnte, deshalb war die Schwingung anfangs auch so unerträglich, “wie ein Fieber”. Das mußte unbehindert durchziehen können; alle “Störungen” stammten von den Hindernissen. Der Körper weiß eines: nur wenn (und weil) er völlig friedlich sein kann – friedlich wie etwas vollkommen Transparentes und Unbewegtes –, nur dann kann diese Macht wirken. Eine vollkommene transparente Unbewegtheit. Dann begann diese Macht verschiedene sehr überraschende Eigenschaften zu zeitigen. Tatsächlich zeichnete sich eine ganze Welt ab, und die Erfahrungen sprangen auf allen Seiten hervor; zunächst jedoch eine allmächtige – und sozusagen natürliche – Absolutheit. Man brauchte nichts zu tun: das tut es. Man brauchte nichts zu “können”: das kann. Man brauchte nur zu sein – das zu sein. Die erste Erfahrung geschah mit einem ziemlich bösartigen kleinen Muster, das sich (innerlich) mit einer Gewalt auf Mutter stürzte, die für einen Körper wie den ihren hätte tödlich sein können in ihrem Zustand “durchlässiger” Hingabe. Der Vorfall an sich ist nichtssagend, aber in dem Moment geschah eine Art Invasion von Macht, und das “Muster” wurde nicht aufgelöst oder unterworfen, wie man meinen könnte, sondern geheilt. Augenblicklich geheilt. Es ist keine Macht, die überwältigt oder verteidigt oder schützt, sondern eine Macht der Ordnung. Sie stellt in allem die Ordnung wieder her – sie richtet alles wieder, so wie es wirklich ist. Die (für uns) wunderbare Wiederherstellung des Natürlichen. Es war eine wahrlich ungeheure Erfahrung. Sie entfernt, was der Substanz hinzugefügt, auf sie geklebt wurde. Vielleicht vernichtet sie an irgendeiner Stelle eine der Maschen, einen Winkel der Hypnose des physischen Mentals. Damit wird alles wieder als hätte es das nicht gegeben. Und das Muster, das Mutter hatte umbringen wollen, kehrte munter um und hatte sogar seinen Haß vergessen. Das ist eine Art wunderbarer Harmonie, die aber kein Wunder ist.

Anfangs begriff ich nicht, was sie damit meinte, bis es eines Tages wie eine wirkliche Offenbarung für mich wurde. Zunächst fragte ich Mutter, warum sie nicht die sehr materiellen okkulten Kräfte einsetzte, wie die Theons zum Beispiel? – Völlig nutzlos. Völlig nutzlos, hatte sie erwidert. Und sie erklärte, Sri Aurobindo und sie hätten sich stets geweigert, sogenannte Wunder zu benutzen, denn um diese sogenannten Wunder zu vollbringen, müsse man verschiedene vitale oder andere Kräfte einsetzen, die genau die Verewigung der Lüge auf der Erde sind, die Erbauer des Netzes, könnten wir sagen, die es sich ab und zu leisten, eine Masche zu lockern…, um sich noch mehr verehren zu lassen. Sie ziehen einen Stab aus dem Käfig, und man sagt: “Ah!” Sie haben das Verdienst, euch das von ihnen selbst geschaffene Übel wegzuzaubern. Im gegenwärtigen Zustand der Welt, sagte Mutter, muß ein direktes, materielles oder vitales Wunder notgedrungen eine Fülle lügenhafter Bestandteile berücksichtigen, die man nicht zulassen darf – es sind notgedrungen lügenhafte Wunder. Hingegen, sagte sie (und hier kam für mich die Offenbarung), habe Sri Aurobindo eine Vielzahl von Wundern im Mental vollbracht… Was mögen diese Wunder im Mental bloß sein?… Dazu Mutters Antwort: Er brachte in das mentale Bewußtsein (das mentale Bewußtsein, das die materiellen Bewegungen beherrscht*) eine Formation oder eine Macht oder eine supramentale Kraft, die augenblicklich die anordnung veränderte. Das hatte eine sofortige, dem Anschein nach unlogische Wirkung, weil es nicht den normalen Bewegungsabläufen entsprechend der mentalen Logik folgte. Noch immer begriff ich nicht recht. Ich dachte, Sri Aurobindo bewirkte “Wunder”, indem er eine höhere Kraft einsetzte, welche die Krankheiten oder den Tod stoppte. Da setzte Mutter folgendes hinzu: Nur das Mental kennt den Begriff des Wunders. Denn das Mental entscheidet mit seiner eigenen Logik, daß unter diesen und jenen Voraussetzungen jenes andere sein kann oder nicht sein kann. Aber das sind gerade die Begrenzungen des Mentals. Plötzlich ermaß ich das ungeheure Netz. Es war überhaupt kein “Wunder” sondern das genaue Gegenteil – man könnte es das Verschwinden des mentalen “Wunders” nennen. Das Mental entscheidet, daß bei dieser oder jener Krankheit soundsoviel Ruhe + Medikamente + Monate Krankenhausaufenthalt erforderlich sind, daß jene Entfernung soundsoviele Reisestunden und Züge und Flugzeuge nötig sind, daß man mit diesen Augen und Ohren usw. nicht weiter als einige hundert Meter sehen und nicht ohne Telefon hören kann, daß… alles. Es entscheidet alles. Es entscheidet die Krankheit und den Tod. Es hat alles entschieden. Das ist mathematisch und unausweichlich, wie Newtons Apfel. Unter diesen Bedingungen kann man jenes nicht tun. Das ist der vollständige, unfehlbare, medizinische und unwiderlegbare Käfig. Alles ist logisch. Sri Aurobindo veränderte die Logik, und alles wurde… natürlich. Alles war, wie es ist. Damit verändert sich “die ganze Anordnung”.

Eines Tages im Februar 1962 wurde Mutter plötzlich von ihrer Filariose geheilt – verschwunden, keine Spur mehr davon. In einer Sekunde war sie fort – keine langsame Genesung, nein: in einer Sekunde. Wie eine Zustandsumkehrung. Eine wirkliche Genesung, die Krankheit tauchte also nicht bloß unter, sondern sie existierte nicht mehr. Als hätte ich ein neues Paar Beine. Dabei benutzte sie keine yogische Macht: sie war einfach diese natürliche Schwingung. Damit existierte das nicht mehr. In diesem Punkt wich das Netz zurück. Mutter erklärte mir den mikroskopischen Mechanismus, man könnte beinahe sagen die mikroskopischen “Nicht-Wunder” dieser natürlichen Harmonie, die wir Supramental nennen: Das ist wie ein äußerst empfindliches Räderwerk; die geringste Kleinigkeit kann alles stören. Die “geringste Kleinigkeit” ist genau das Eingreifen oder Wieder-Eingreifen des physischen Mentals. Bei einer schlechten Reaktion, einem bösen Gedanken, einer Vibration der Aufregung oder der Besorgnis oder sonst irgend etwas löst sich die ganze Harmonie auf. Es sind nicht immer die Ereignisse, die man für bedeutend oder schwerwiegend hält, die die schädlichste Wirkung haben – bei weitem nicht. Manchmal ist es ein völlig unbedeutendes Eindringen der Lüge, aus einem völlig unbedeutenden Grund, was man als Dummheit bezeichnet… Aber wenn diese Harmonie kommt, ist es so schön: Man sieht eine freudige, lichtvolle Gnade sich in allem manifestieren – in allen Dingen, selbst denen, die wir für völlig belanglos halten. Wenn sie sich aber wieder zurückzieht, wird alles, unter genau denselben Bedingungen – dieselben Dinge, dieselben Umstände – oh, mühselig, ärgerlich, langwierig, schwierig… Dann fügte sie etwas außerordentlich Aufschlußreiches hinzu: Damit merkt man, daß nicht die Dinge an sich zählen – was wir “an sich” nennen, stimmt nicht! Das ist nicht wahr, sondern es ist die beziehung des bewußtseins zu den dingen. Ja, die sogenannten “Dinge an sich” machen den Käfig aus: unsere mentale Wahrnehmung der Dinge, das klebrige Netz, das alles einfängt, alles umgibt und in seiner unerbittlichen Logik fixiert… und auf der anderen Seite die Formbarkeit, das wunderbare Fließen “ohne Folge” der supramentalen Harmonie. Das hat eine ungeheure Macht, denn im einen Fall nimmt man zum Beispiel einen Gegenstand und läßt ihn fallen, oder zumindest kommen die Dinge falsch zu liegen, während es im anderen so schön ist. Alles ordnet sich, sogar die schwierigsten Bewegungen geschehen mühelos. Das ist eine unvorstellbare Macht. Nur weil es keine großartigen Wirkungen zeigt, schreiben wir ihm keine Bedeutung zu. Gänzlich unsichtbare Wunder, weil sie völlig natürlich sind. Es muß aufhören, natürlich zu sein, damit wir es merken. Im Grunde begann der mentale Mensch, die Welt zu bemerken, weil er alles zu stören begann. Darin liegt der ganze Schlüssel, der vollständige Schlüssel. Sucht man das Wunder der Welt, muß man diese winzigen Wunder genau betrachten… und wie das Netz in einem kleinen Winkel weicht oder sich wieder schließt. Kann man es in einem Winkel lösen, so kann es sich überall lösen – nichts ist mehr unwiderruflich, nichts ist die Konsequenz mehr von was auch immer es sei. Es gibt keine Konsequenzen mehr. In jedem Augenblick ist es, und es ist, was es ist. Derart ist die Harmonie ohne die mentale Hülle. Zwischen dem Zustand, der einen auf der Treppenstufe stolpern läßt, und dem, der einen sterben läßt, besteht kein nennenswerter Unterschied – entweder ist es die Harmonie, oder es ist der Tod. Alles, was nicht diese Harmonie ist, ist der Tod oder der Anfang des Todes. Dort muß man den Tod schnappen: in der kleinen Geste, in der kleinen ungeschickten Unachtsamkeit. Die Schwingung überträgt sich oder nicht, es ist hell oder dunkel, es ist harmonisch oder knirscht. Dort fängt alles an.

Damit verändert sich die gesamte Organisation.

So begreifen wir wirklich, vollkommen, was Mutter anfangs sagen wollte: “Das läßt sich nicht verstehen: es muß sein.”

Sein, sagte sie, ist das einzige, das Macht hat.

Eine “unglaubliche” Macht.

Die Befreiung der wahren Materie

Dieser “durchlässige” Zustand, der Mutter oft den Tücken der Mitmenschen aussetzte, vor allem den Störungen der anderen, gab ihr auf einmal den Schlüssel für die Heilung, als läge das Gegenmittel wirklich immer im Zentrum des Übels. Jetzt sehe ich, daß diese ganze sonderbare Zeit, die ich durchgemacht habe, einen ungeheuren Fortschritt bedeutete, und ich wußte es nicht. Diese Bemerkung ist so genau wahr, wir wissen überhaupt nicht, worin der Fortschritt besteht, er entspricht in keiner Weise unserem “Besten”, öfter entspricht er sogar unserem Schlimmsten. Wir nähern uns nichts “Besserem” sondern etwas anderem. Ich bin noch nicht ans Ende gekommen, aber ich begriff, was es ist. Es ist etwas Entscheidendes. Dieser durchlässige Zustand ohne Nein oder Ja, ohne Mauer, ist keineswegs ein verschwommener Zustand, wie man meinen könnte. Vielleicht ist es wie ein Lufthauch, aber ein sonderbarer Lufthauch: Diese unüberlegte Nichtigkeit heftete sich gleichsam an alles wie an einen Strauch, plötzlich befand man sich in jenem Wesen, in seinen Reaktionen, in seiner Krankheit, als wäre es die eigene – man wird plötzlich das “eigene”, weil man sich daran heftet oder eher dort hängen bleibt. Das “eigene” ist überall dort, wo der Strom sich anheftet oder reflektiert. Man wird der Stein, die Blume, die Zahnwasserflasche. Anstatt im eigenen Körper heften zu bleiben, heftet man sich an (oder in) alles, was vorbeikommt. Man ist die Gebrechlichkeit dessen, der euch für alt hält, man fühlt sich sterben im Gedanken des Todes. Dies sind all die kleinen “Blitzkrankheiten”, die Mutter unaufhörlich durchmachte. Nein, das ist kein verschwommener Zustand sondern ein außerordentlich präziser, schmerzlich präziser Zustand – man ist genauestens alles, was man berührt, alles, was man sieht, alles, was geschieht, auf die Schwingung genau. Des weiteren “sieht” oder “berührt” man es nicht, sondern ist darin. Man ist, wie es ist. Und je mehr die Nichtigkeit nichtig und “wehrlos” wird, um so mehr erfüllt sie sich spontan mit der Schwingung, einer Schwingung wie die Liebe, als bliebe am Ende von allem, wenn nichts anderes mehr bleibt, das: die reine Liebe. Als wäre die Welt, wenn man sie von allen Umkleidungen befreit hat, wirklich aus Liebe beschaffen. Die supramentale Schwingung ist wirklich die Schwingung reiner Liebe. Das ist der natürliche Urgrund der Welt. Das ist der wahre Zustand der Welt. Und das widerfuhr Mutter, als sie sich plötzlich angesichts oder im Innern dieses böswilligen Musters befand, das sie hätte töten können: Plötzlich war sie die Liebe in oder im Grund dieser kleinen Böswilligkeit, und dadurch wurde die kleine Böswilligkeit plötzlich sozusagen durch seine eigene Schwingung der Liebe geheilt – durch das geheilt, was es wirklich ist. Alle sind krank, weil sie nicht das sind, was sie sind.

Auf einmal begriff Mutter den gesamten Mechanismus: Das war die Erkenntnis der Macht, die von der Liebe stammt – ungeheuer! Das gab mir eines zu verstehen: Der Zustand, dem ich ausgesetzt wurde [all diese Krankheiten, Störungen, Schmerzen], diente dazu, diese Macht zu erlangen, die von einer Vereinigung mit allen materiellen Dingen stammt – manche Hellseher haben zum Beispiel eine solche Macht. Das sah ich bei Madame Theon. Sie ließ willentlich einen Gegenstand zu sich kommen, anstatt ihn holen zu gehen: Wenn sie ihre Sandalen brauchte, ließ sie sie zu sich kommen, anstatt sie zu holen. Sie tat dies durch die Fähigkeit ihrer Materie, sich auszustrahlen, sie hatte einen Willen über diese Materie: Ihr zentraler Wille wirkte auf die Materie, wo immer sie wollte, weil sie dort war. Da erkannte ich diese Macht in methodischer, geordneter Weise (nichts Zufälliges oder Sporadisches wie bei einem Medium), eine organisation der materie. Da wurde verständlich: damit hätte man auch die Macht, jedes Ding an seinen Platz zu stellen – soweit man nur universell genug ist. Da begriff ich. Jetzt weiß ich, wo ich stehe. Wenn man zu dieser materiellen Fähigkeit der Vereinigung und des Einsatzes des Willens DAS hinzufügt, das “etwas”, das in dem Augenblick zugegen war [die Schwingung der Liebe], dann ist es ungeheuer. Das hat die Macht, alles zu verändern. Und wie! Einfach, indem man das ist: eins, eine Schwingung von dem. Man ist das, und dadurch setzt man jedes Ding wieder so, wie es ist. Es erfordert keine Wunder, um die Welt zu verändern: man braucht sie nur wieder so zu stellen, wie sie ist. Die Verbindung wiederherstellen. Wir nennen es “das Netz entfernen”, das ist vielleicht eine negative Ausdrucksweise. Überall muß dieses kleine “Tüpfeln” vielfarbigen Lichts gesät werden, diese Wirklichkeit der Materie, diese wahre Materie, dann wird sie den Schleier von innen abtragen – automatisch. Dies ist die “automatische” Macht, von der Sri Aurobindo sprach. Mutter setzte hinzu: Seit dieser Erfahrung [des böswilligen kleinen Musters] vervielfältigen sich die Fälle der Vereinigung – das heißt, man ist das, und folglich tut man das –, ständig, für alle Kleinigkeiten der Materie, die unscheinbarsten materiellen Dinge. Das ist der Schlüssel! Das ist der Schlüssel.

Der Schlüssel der materiellen Ansteckung.

Allerdings muß die Universalisierung des Körper umfassend genug werden, um überall das kleine Tüpfeln wahren Lichts säen oder erwecken (oder wieder aufwecken) zu können.

Eine ungeheure Neuordnung der Materie. Vielleicht sollte man sagen, eine ungeheure Befreiung der wahren Materie: die Freisetzung des kleinen Kerns hellen Lichts unter seiner dunklen Außenschicht, im Herzen der Zelle. Man ist das, folglich tut man das. Nichts muß verändert werden: man muß nur das leuchten lassen, was da ist. Nicht einmal ein Netz muß zerstört werden: es zerfällt von alleine, nur durch den Einfluß dieser Ausstrahlung.

Genau das geschieht jetzt.

Am Rande

Um diese Arbeit vollbringen zu können, mußte Mutter allerdings das Netz verlassen können. Eine mikroskopische Arbeit an kleinen Reaktionen, kleinen Gedanken, kleinen Reflexen, Tausenden von Gewohnheiten: Da findet eine Wechselfolge statt: das [der Zustand der Harmonie, die supramentale Schwingung] kommt für einige Zeit, einige Stunden. Dann verwischt sich wieder alles und diese… Müdigkeit kommt, ich kann sie nicht direkt als unerträglich bezeichnen, aber… Wenn ich zum Beispiel abends um halb sechs wieder nach oben gehe, nachdem ich eineinhalb Stunden lang hier mit den Leuten verbracht habe, dann ist das Treppensteigen eine Mühsal, ich bin zum Zerreißen gespannt. Nach einer kurzen Zeit fange ich oben an zu gehen (ich halte nicht inne, ich ruhe mich nicht aus), ich fange an, mit meinem Mantra zu gehen: Nach einer halben Stunde ist es aufgehoben! Das ist wirklich wie ein Schleier, der weggezogen wird und dann wieder zurückfällt. Es ist der Schleier von jedermann: Die kleinen Muster erfüllten ihren Zweck bestens, sie lieferten Mutter genau die Schwierigkeit oder die Erfahrung, die sie brauchte, um die Lösung zu finden (gefühlsmäßig mögen wir das schmerzlich oder empörend finden, aber dies wäre eine falsche Sicht, die Muster waren niemals Personen, sondern “Tausende Leute”). Kehrt die Harmonie zurück, verfliegt die Ermüdung augenblicklich. Wie ihre Filariose verschwunden war. Wie auch alle die anderen mikroskopischen Tode verschwinden. Das ist wirklich der Schlüssel des Todes in einem winzigen Maßstab. Dort ist der Tod nicht mehr. Er hat keinen Platz mehr, kann nicht sein – er ist eine Lüge von der anderen Seite des Netzes. Dann, wegen einer Dummheit, einem Luftzug, einem Nichts, vergißt der Körper plötzlich – er zieht sich zusammen, hat Angst zu verschwinden, die Angst, nicht mehr zu sein –, da muß alles von vorne begonnen werden. Sobald sich der Körper als “ich” empfindet, fällt er zurück ins Netz. Er wird wieder zum Reptil. Da sieht man, daß dieser Zustand der Universalisierung ein notwendiger sonderbarer Zustand ist, um die reine Funktionsweise einer kleinen Zelle wiederzuentdecken, die direkt darunter liegt, nur einige Millimeter entfernt. Als könne man nicht die kleine reine wahre Zelle sein, ohne das gesamte Universum zu sein! Dann kehrte die Harmonie zurück, für einige Stunden und immer häufiger: Ich schritt in einem Universum, das ausschließlich das Göttliche war: Es war fühlbar, spürbar, innen, außen, überall. Eine dreiviertel Stunde lang nur DAS, überall. In dem Augenblick gibt es keinerlei Probleme mehr, das ist gewiß. Eine solche Einfachheit! Nichts zu denken, nichts zu wollen, nichts zu entscheiden – sein! Sein! Sein… in einer unendlichen Komplexität von vollkommener Einigkeit: Alles war dort, aber nichts war getrennt, alles war in Bewegung, und nichts bewegte sich fort. Das war wirklich eine Erfahrung. Eine Erfahrung, stehend, während sie mit dem Mantra in ihrem Zimmer umherging. Keine Erfahrung in Meditation, sondern eine Erfahrung des Körpers. Der Körper spürt, atmet, lebt das – und in diesem Zustand tut er das, spontan, weil er hier und dort und dort ist, ohne Trennungen. Nur das Mental bildet die Trennung, es steckte alles in Schachteln, und dann wundert es sich, daß er ein Telefon und Fernsteuerungen braucht.

Mutter kämpfte Fuß um Fuß, Punkt um Punkt – ohne wirklich zu kämpfen, es war kein Kampf, sondern eine Seinsweise darin, wie mit einem Schrei inmitten dieses dichten Netzes, einem Ruf nach Luft, nach Licht in dieser Erstickung: Ich sah, welcher Bereich vom Denken abhängt – die Macht des Denkens über den Körper – ungeheuer! Man kann sich gar nicht vorstellen, wie ungeheuer das ist. Selbst ein unterbewußter Gedanke, manchmal sogar ein unbewußter, wirkt und verursacht phantastische Resultate. Denkt man an den Tod, ist er da. Denkt man an die Müdigkeit, ist der Körper müde – man denkt, und alles wird vergiftet. Das wurde immer deutlicher, genauer, als entblößte sich die Mechanik der Lüge auf allen Seiten, in allen Gesten und Begegnungen: je mehr man sich “täuscht”, um so deutlicher sieht man es. Der Mechanismus wird immer schwerfälliger, weil man ihn immer deutlicher erkennt. Allmählich kann man den Mechanismus erwischen: Auf der einen Seite, mit einer bestimmten Haltung, schwingt alles in die Harmonie; auf der anderen, mit jener anderen Haltung, kippt alles in die Störung. Ein kaum merklicher Wechsel, immer schneller, vom einen Zustand in den anderen, durch die tausend “Dummheiten” des alltäglichen Lebens. Plötzlich verstand Mutter: Ich verspüre eine Gewißheit (nicht mit genauen Worten beschreibbar, sondern eine Gewißheit der Empfindung, des Eindrucks), daß nach der Vollendung dieser mikroskopischen Arbeit das Ergebnis wahrlich überwältigend sein wird. Jegliche Handlung der Macht durch das Mental wird ja verdünnt, verringert, angepaßt, umgewandelt, und was kommt dann noch unten an? Wenn es hingegen durch die Materie geschieht, wird es offensichtlich ungeheuer sein… Es erfordert eine direkte Macht! Eine Macht, die sich direkt spürbar macht, das heißt eine Macht von Zelle zu Zelle: Schwingungen derselben Beschaffenheit… So stehen wir wie an der Schwelle zu einer ungeheuren Verwirklichung, die von einer Winzigkeit abhängt.

Wenn das Netz zurückweicht, ist das gesamte Universum unmittelbar zugegen. Wir könnten sagen, das gesamte Universum in einem Körper. Nicht nur das, sondern die wahre Materie tritt hervor, die Lichter der Zelle treten hervor, die Welt der Wahrheit, die supramentale Welt tritt hervor, und durch einen Körper beginnt sie in den gesamten Körper einzudringen.

Mutter fügte hinzu: Erst wenn diese kleine Arbeit, sozusagen der “lokalen” Transformation vollbracht wurde und das volle Bewußtsein der vollen Beherrschung in der direkten Handhabung der Kraft ohne jeglichen zwischenträger erlangt wurde, dann… Dann ist es wie ein chemisches Experiment, das man gründlich gelernt hat: Man kann es beliebig wiederholen, wann immer es notwendig ist.

Mutter blickte auf den großen gelben Flamboyanten über Sri Aurobindos Grab. Man könnte meinen, sie sah Sri Aurobindo immer mehr und immer deutlicher, als wollte sie genau dieses Netz, diesen Schleier abtragen: das, was Sri Aurobindo von ihrem Körper und vom Körper der Welt trennte, vielleicht das, was Sri Aurobindos Wohnstätte von der unseren hier trennte. In Sri Aurobindos Epos machte sich Savitri doch auf die Suche nach Satyavan im Tod… Oder zerstört sie den Tod, und die andere Seite liegt hier? Weißt du, wir stehen gerade am Rand. Das ist wie ein halbdurchsichtiger Vorhang, und wir sehen die Dinge auf der anderen Seite, wir versuchen sie zu erfassen, können es aber noch nicht. Aber das Gefühl ist das einer solchen Nähe! Manchmal sehe ich mich plötzlich als eine ungeheure konzentrierte Macht, die drängt, drängt, drängt, in einer inneren Konzentration, um hindurchzudringen. Das passiert mir überall, jederzeit: Ich sehe eine ganze Sammlung von Bewußtsein in einer ungeheuren geballten Kraft, die drängt, drängt, drängt, um auf die andere Seite zu gelangen. Wenn wir auf die andere Seite stoßen, wird es gut sein.

Das war 1961.

Das Jahr des ersten amerikanischen Raumflugs.

Die Eroberung eines anderen Raums oder die einer anderen Art auf der Erde?

15. Kapitel: Der erste Ausgang aus dem Netz oder. Der Neue Typus

Dann kam die große Wende.

Es war im März 1962. Der Anfang des Entstehens eines “neuen Typus” auf der Erde, in einem ersten irdischen Körper – oder vielleicht der zweite, nach Sri Aurobindo, aber das wußte vorerst noch niemand. Auch Mutter nicht! Erst 1967, fünf Jahre später, erkannte sie plötzlich: “Ah, aber das geschah ja 1962!” Und auch dann nur, weil ich sie befragte. Vorerst weiß man nichts: Es ist “ein Phänomen, das sich abspielt”. Mutters Agenda ist voller unbenannter “Phänomene”. Wer hätte den neuen Typus “Homo sapiens” unter den Primaten erkannt? Jetzt sagen wir “die wahre Materie”, aber wenn man gerade das erste Lichttüpfeln erblickt, was ist es dann? Das tüpfelt, mehr nicht. Und wenn man mit einem sonderbaren Gefühl in Ohnmacht fällt, zählen die Ärzte den Puls und geben einem Koramin für das Herz. Wer würde Kolumbus Koramin verschreiben, um ihn von Amerika zu heilen?

Insgesamt treiben wir also eine Vor-Geographie oder vielleicht eine Paläontologie im umgekehrten Sinne, bevor es fossilisiert. Für spätere Zeiten werden wir eine andere Geographie anfangen müssen.

Es wird immer neue Geographien einer ewigen selben Welt geben.

Eine Wellenbewegung

Eigentlich hatte das Phänomen bereits vor März angefangen.

Allmählich, mit “Wechselbewegungen” – manchmal Hunderte am selben Tag, wie ein Schleier, der sich lüftet und wieder zurückfällt, oder ein Tor, das sich öffnet und wieder verschließt, je nach… je nach was? – Mutter hatte eine körperliche Transparenz erreicht, in der ihr eigenes Dasein kaum noch mehr als ein bestimmter Strahl war, der sich “bestimmter Dinge” bewußt wurde, wenn er sich an irgend etwas heftete oder auf einen Schirm traf. Manchmal war der Schirm noch im Innern, unter dem Einfluß eines schärferen Schmerzes, der augenblicklich irgendwo ein “Ich” entstehen ließ. Aber selbst dieser Schmerz konnte irgendwie “ausgebreitet” werden, wenn man so sagen darf, man konnte hindurchfließen und ihn gleichsam auflösen, indem man keinerlei Reflexe von “ich spüre Schmerzen” damit verband – mit dem Gedanken von “ich spüre Schmerzen” des physischen Mentals verschwand auch der Schmerz. Ich ist in jedem Fall der Schmerz, die große Störung, der Käfig. Die falschen Empfindungen verschwanden, die falschen Reaktionen verschwanden, die falschen “ich und die anderen” verschwanden. Doch wie wir bereits sagten, ist es mikroskopisch und schleicht sich mit einem Luftzug, einer Dummheit, einem Nichts wieder ein – ein Nichts, das immer wieder ein ungeheures neues Amerika blockierte.

All das ergab einen sonderbaren Zustand, der nur von mehr oder weniger aggressiven Mustern bevölkert war (natürlich wollen alle immer nehmen) und der ziemlich genau einem Alptraum glich, in dem manchmal noch genügend “ich” blieb, um des Alptraums ungeduldig zu werden: In den inneren Welten ist es wohlverstanden sehr schön, dort lebt man sehr glücklich. Aber hier liegt es – hier –, um aus diesem Leben, aus dieser Welt etwas zu machen, das es wirklich wert zu leben wäre. Das haben wir noch nicht gefunden. Mehr kann ich nicht sagen. Daran stoße ich mich. “Trotz allem gibt es «hier» im physischen Leben sehr schöne Dinge”, erwiderte ich, denn ich begriff noch nicht, wie sehr Mutter etwas radikal anderes für die Erde suchte, und ich träumte noch vom Urwald oder einer Weltumsegelung, “Abenteuer auf dem Meer…” – Oh, das ist so klein! unterbrach sie mich. Das ist nichts, Kinderspiele. Das physische Leben ist nichts (so, wie es jetzt ist). All die Dinge des physischen Lebens sind gar nichts! Das sind Kinderspiele, an die es sich nicht lohnt, auch nur eine Sekunde lang zu denken. Sogar all die Augenblicke, die es im Leben geben kann, bevor man die Wahrheit findet, wenn man unterwegs ist und plötzlich weite Ausblicke auf ein unsterbliches Bewußtsein gewinnt, die Berührung mit einer Wahrheit, sogar all diese Erfahrungen sind zwar schön und gut, aber es ist noch auf dem Weg, es ist nicht das. Die wahre bedeutung des Lebens: Was bedeutet es wirklich? Was steht dahinter? Warum hat der Herr das gemacht? Wohin will Er gehen? Was will Er? Was will Er, daß geschehen soll? – Das haben wir nicht gefunden. Was will Er!… Offensichtlich hat Er ein Geheimnis, und Er hütet es. Ich suche aber Sein Geheimnis. Warum ist es so? – Es ist gewiß nicht so, um so zu bleiben: es ist so, um etwas anderes zu werden. Dieses Andere suche ich. Sie wünschte sich so sehr die Schönheit dieser Welt und die Sanftheit und Wahrheit dieser Welt. Eine wahre Erde.

Sogar dieses “ich will” sollte schmelzen. Man ließ sie das Geheimnis leben, lehrte sie langsam das Geheimnis in ihrem Körper – was will schließlich wissen? Das Mental will wissen, der Körper will nur leben. Unten im Flur und vor jeder Tür war es ganz und gar “höllisch” geworden. Manchmal fiel sie in ihrem Badezimmer in Ohnmacht – der einzige ruhige Ort, wo sie es ohne Umstände tun konnte. Dann machte sie weiter. Sie fiel aber nicht in Ohnmacht, weil sie übermüdet war (obwohl die Müdigkeit auch da war – genug um einen Dreißigjährigen flachzulegen –, aber sozusagen aufgelöst, verteilt), sondern sie durchdrang alles plötzlich so sehr, daß ihr Körper ihr entwischte, als gehörte ihr Körper ihr nicht mehr genug, deshalb fiel er hin…, um sie an ihn zu erinnern. Das ist ein sehr unpersönlicher Zustand, in dem die ganze Gewohnheit der Reaktionen auf die äußeren, umgebenden Dinge völlig verschwunden ist. Es wird aber durch nichts ersetzt. Es ist… eine Wellenbewegung. Das ist alles. Sie folgte der Wellenbewegung. Wann wird sich das in etwas anderes verwandeln? Ich weiß es nicht. Man kann es nicht versuchen. Man kann keine Bemühung machen, man kann nicht suchen, denn dann greift sofort diese intellektuelle Tätigkeit ein, die nichts damit zu tun hat. Deshalb gelange ich zu dem Schluß, daß es etwas ist, das man werden, sein, leben muß – aber wie? Auf welche Weise? Ich habe keine Ahnung. Man kann nicht versuchen, die neue Spezies zu werden. Denn das wären die Versuche der alten Spezies mit ihren superalten Mitteln. Es gibt keine Mittel! Man kann nicht versuchen, das zu werden, was nicht ist (oder scheinbar nicht ist), wie könnte man es auch? Man kann versuchen, Mathematiker oder Dichter zu werden oder sogar Yogi im kosmischen Bewußtsein, aber wie das versuchen, was nirgendwo ist? Es gibt keinen Weg, niemand ist dorthin gegangen! So lebte sie diese Wellenbewegung, unterbrochen von brutalen Einbrüchen der Rückkehr in den Käfig.

Die doppelte Welt

Hinter diesen Rückfällen in den Käfig verbirgt sich jedoch unser Geheimnis. Von einem anderen Zustand zu sprechen ist sehr schön, sogar sehr aufregend – Mutter zu beobachten bedeutete ein Abenteuer, ein nie versiegendes Abenteuer: Jedesmal war es neu, als beträte man eine Zukunft im voraus –, aber der Übergang dorthin birgt das ganze Rätsel. Wie gelangt man dorthin, und warum kehrt man in den alten Zustand zurück. Dieses Hin und Her erlebte Mutter Hunderte Male über Jahre hinweg, und stets kam sie auf diesen Augenblick des Übergangs vom einen zum anderen zurück wie auf das große Mysterium. Ihre Beschreibung war jedesmal ziemlich ähnlich (es ist eine Winzigkeit), und jedesmal war es ein Rätsel. Eine Winzigkeit schien das ganze Mysterium der Welt zu enthalten. Die Subtilität des Problems ist das eigentlich Bestürzende. Du kannst identische Umstände nehmen… nicht einmal mit einem Tag Abstand, nur wenige Stunden von einander – identische Umstände: dieselben äußeren und inneren Umstände, das heißt der “Seelenzustand” ist derselbe, dieselben Lebensumstände, dieselben Ereignisse, die Leute sind ohne nennenswerte Unterschiede… Im einen Fall spürt der Körper (ich meine das Bewußtsein der Zellen) eine Eurhythmie, eine allgemeine Harmonie, alles trifft wunderbar zusammen, ohne Reibung, ohne Widerstand: alles, alles läuft, ordnet sich in voller Harmonie… Und im anderen (alles ist gleich, das Bewußtsein ist gleich und…) da… entweicht etwas. Diese Wahrnehmung der Harmonie ist nicht mehr da. Warum? – Man begreift es nicht mehr. Dann fängt der Körper an fehlzugehen. Wir müssen festhalten, daß man ebensogut sagen könnte: die Welt fängt an fehlzugehen – es ist dasselbe. Es handelt sich wirklich um das Problem des Erdenkörpers. Es ist, als liefe man hinter etwas her, das entweicht, und es hat keinen Sinn mehr. Aber in absolut identischen Umständen: vielleicht sogar dieselben Körperbewegungen (ich meine dieselben Funktionsabläufe), und man empfindet sie als unharmonisch (aber die Worte sind viel zu kraß, es ist viel subtiler), ohne Sinn, ohne Harmonie. Was entweicht? – Man begreift es nicht… Immer stärker habe ich den Eindruck… Was? Wie das erklären?… Eine Frage der Schwingung in der Materie. Es ist unbegreiflich. Das heißt, es entzieht sich allen mentalen, psychologischen Gesetzen – es hat eine unabhängige Existenz… An Fragezeichen mangelt es nicht. Je mehr man ins Detail geht, um so mysteriöser wird es. Mutter verharrte mit geschlossenen Augen, als lauschte sie den Pulsschlägen dieser Materie: Was bewirkt, daß die Welt verkehrt ist? – Weil die Harmonie doch hier ist! Es ist von solcher Subtilität, setzte sie fort, es ist beinahe, als stünde man auf der Schwelle zwischen zwei Welten. Es ist dieselbe Welt, und doch… Sind es zwei Aspekte dieser Welt?… Nicht einmal das kann ich sagen. Dennoch ist es dieselbe Welt: alles ist doch der Herr; trotz allem ist es Er und nur Er, aber… Das ist so subtil, so subtil. Macht man so [Mutter neigte ihre Hand geringfügig nach rechts], ist es vollkommen harmonisch; macht man so [leichte Geste nach links], uff, es wird… zugleich absurd, bedeutungslos, und mühselig, schmerzlich. Dabei ist es dasselbe! Alles ist dasselbe… Wollte man große Worte benutzen, könnte man sagen: All das [leichte Geste zur einen Seite] ist die Wahrheit, und all das [die andere Seite] ist die Lüge – und es ist dasselbe! Im einen Fall fühlt man sich getragen (nicht nur der Körper, sondern die gesamte Welt, alle Umstände), man wird getragen, schwebt in einem glückseligen Licht auf eine ewige Verwirklichung zu; und im anderen Fall ist es mühselig, schwer, schmerzlich – genau dasselbe. Fast dieselben materiellen Schwingungen. Das ist so subtil und so unverständlich, daß man ganz und gar den Eindruck hat, es entzieht sich gänzlich sogar dem höchsten bewußten Willen. Was ist es? Was ist es?… Wenn wir das fänden, hätten wir vielleicht alles – das totale Geheimnis.

Zwei Welten, in derselben.

Ein mikroskopisches “Etwas” läßt einen hierher oder dorthin schwingen. Mutter kannte die mikroskopischen Schlachten gut: Darin verbrachte sie ihre Zeit. Mit einem Hauch gelangte man dorthin. Es war beinahe, als kehrte sie zum dunklen Ursprung zurück. Der Augenblick, wo das Übel in der Materie umschwang (nicht im Kopf, denn dort ist der Idiotismus glasklar, sondern der Ursprung, der erste Augenblick). So muß die Wahrheit zur Lüge geworden sein, fügte sie hinzu, aber was bedeutet dieses “so”, was ist es?… Vor dieser Tatsache stehe ich: Wie wurde die Wahrheit zur Lüge? Wie wurde es der Tod, könnte man auch sagen, der Augenblick des Todes in der Welt. Der Tod ist nicht die Natur der Welt, da sehen wir die falsche Welt, etwas… das sich verfälschte – und das muß richtiggestellt werden. Für alle. Ein kosmischer “Unfall”. Ich stelle die Frage nicht intellektuell, das interessiert mich nicht im geringsten! Aber das, hier, in der Materie… Es ist doppelt, es ist doppelt. Oh, wie lange hallten diese Worte in meinen Ohren und hallen noch immer: Es ist doppelt, es ist doppelt… Wie geschah es? Nicht “wie” als Geschichte, sondern der mechanismus. Und wie kommen wir heraus?… Da ist eine Vorahnung, daß allein der Körper es wissen kann – das ist das Außerordentliche!

Hätten wir diesen Mechanismus, würden wir den Tod verlassen. Wir sähen Mutter, wir sähen Sri Aurobindo, wir sähen die supramentale Welt – denn das ist hier, alles ist hier! Es liegt nicht “auf der anderen Seite”: der anderen Seite von was? Es ist doppelt, es ist doppelt… Ein Schleier des Todes über etwas Gleichem – der das ganze Leben verändert. Es ist dieselbe Welt.

Offensichtlich muß man sich auf die Suche im Körper begeben.

Mutter machte sich auf die Suche. Sie wollte den Mechanismus auflösen.

Den Tod auflösen.

Was geschah? Was geschieht?

Sie ging, scheinbar. Mutter mochte ja nicht die Fluchten.

Die physische Universalisierung

Sie lebte diese “Wellenbewegung”, dann kam wieder der schmerzliche Käfig, zehnmal, fünfzigmal am Tag. Läßt sich überhaupt sagen, das “ich” bilde den Käfig? Schon seit langem hatte sie kein “ich” mehr – ein “ich” in der Materie? Vielleicht… Wir wissen wirklich nichts, wir gehen mit ihr im Wald. Manchmal kam die “andere Seite”, oder entschleierte sich, stieß in die Materie hervor – ja, es war hier, es war deutlich dieselbe Welt, Mutter ging in kein anderes Bewußtsein über (es sei denn, der Körper selber geht in ein anderes Bewußtsein: in die wahre Materie vielleicht, die Zellmaterie, die von ihrem bedrückenden Schleier befreit wird?): Die ganze Atmosphäre wurde konkret… Hier ist das Überraschende: Jedesmal, wenn Mutter das Andere berührte, sagte sie “die Welt wird konkret”, als wäre sie zuvor abstrakt gewesen! Als hätte es zuvor niemanden darin gegeben, als wäre es nur eine Kopie von etwas: Alles, alles hatte den Geschmack des Herrn. Ich weiß nicht, wie ich das erklären kann, es war völlig materiell, als hätte man den Mund voll davon. Überall war es so. Dabei war es so physisch! Wie… Man könnte es mit dem köstlichsten nur vorstellbaren Geschmack vergleichen. Äußerst materiell: als würde man, wenn man die Hand schließt, etwas Festes darin halten – eine so warme, so sanfte und starke Schwingung, so mächtig, so konkret!… Es war, als wäre mein Mund voll von den köstlichsten Speisen, die man sich vorstellen kann, und meine Hände sammelten das in der Atmosphäre, das war so sonderbar! Seltsamerweise schienen die Annäherungen dieser Zellmaterie – die doch direkt hier, gerade darunter liegt – von dieser Bewußtseinsausbreitung begleitet zu sein, als würde man hinausgeschleudert… man weiß nicht wohin, vielleicht an die Grenzen des Universums. Eine immer schnellere, unermeßlichere Wellenbewegung. Bis zu dem Tag Anfang 1962, kurz vor der großen Wende, als Mutter wieder einmal in Ohnmacht fiel, diesmal das Phänomen aber genauer erkannte: Diesmal war ich allein im Badezimmer und… Seit einiger Zeit sagte mir mein Körper schon: “Ich müßte mich hinlegen, ich müßte mich hinlegen…” Ich antwortete ihm trocken: “Dazu hast du nicht genug Zeit.” Da passierte es. Er hatte seine eigene Art, sich hinzulegen! – Er legte sich dort hin, wo er war und… Ich verbreitete mich in der Welt, verbreitete mich physisch – das ist das Sonderbare: es war eine Empfindung in den zellen. Ich folgte einer immer schnelleren und intensiveren Bewegung der Verdünnung, da lag ich plötzlich auf dem Boden. Und sie lachte, dann erklärte sie noch: Das ist eine Dezentralisierung. Um einen Körper zu bilden, werden die Zellen durch eine Art Zentripetalkraft zusammengehalten; hier ist es das Gegenteil: als würde eine Zentrifugalkraft sie ausbreiten. Wenn das ein bißchen zu viel wird, verlasse ich meinen Körper, und das äußere, augenscheinliche Ergebnis ist, daß ich in Ohnmacht falle – ich falle nicht “in Ohnmacht”, denn ich bleibe voll bewußt. Das ergibt natürlich eine sonderbare Desorganisation.

Daraufhin wollten sie ihr das Koramin verabreichen, um sie von der neuen Welt zu heilen.

Zuletzt, als sie dann nicht mehr kämpfen konnte, schluckte sie das Koramin trotzdem, um ihnen den Gefallen zu tun. Mit katastrophalen Folgen für ihr Bewußtsein. Eine Droge bildet augenblicklich einen Schleier über das Zellbewußtsein. Das physische Mental nimmt es wieder in Besitz – man könnte sagen, der Tod nimmt es wieder in Besitz.

Das Problem blieb jedoch bestehen, und es wurde immer häufiger und zugespitzter: Ich stehe dauernd vor diesem Problem, das ein völlig konkretes, absolut materielles Problem ist, wenn man es mit den Zellen zu tun hat und sie Zellen bleiben müssen, daß sie sich nicht in einer außerphysischen Wirklichkeit verflüchtigen! Zugleich sollen sie die Plastizität ohne Starrheit haben, um sich endlos weiten zu können… Um diese überwältigende supramentale Schwingung aufnehmen oder ertragen zu können, muß man sich weiten (“überwältigend” ist sie nur wegen der Kleinheit und Verkrustung der Zellen). Wenn man sich dann weitet oder das “Sammlungszentrum” verliert, wie sie sagte, was geschieht? Wie das leben?… Wahrscheinlich ist es stets dasselbe: Es erscheint unmöglich, weil es noch nie getan wurde. Wurde es einmal getan, so erkennt man, daß nur ein kleines “Etwas” verhinderte, daß es möglich sei. Ganz am Anfang, 1959, erschien es auch unmöglich, daß der Körper das “brodelnde Kochen” des Supramentals ertragen könne. Der Vorgang muß einfach gefunden werden. Alles ist eine Frage des Vorgangs. Allerdings muß man ihn mit dem Körper finden. Mental ist das vergleichsweise ziemlich leicht: die Grenzen des Egos beseitigen, sich unendlich weiten, die Bewegung folgt dem Rhythmus des Werdens. Vital auch… Aber dieser Körper! Das ist sehr schwierig – sehr schwierig, daß er nicht (wie soll ich sagen?) sein Sammlungszentrum verliert und sich nicht in der umgebenden Masse auflöst. Wenn man dann wenigstens an einem Ort in der Natur wäre, mit Bergen, Wäldern, Flüssen – einer großen Schönheit in der Natur, mit viel Raum –, dann wäre es eher angenehm! Doch man kann materiell keinen Schritt außerhalb seines Körpers tun, ohne schmerzlichen Dingen zu begegnen. Manchmal kommt man in Verbindung mit einer angenehmen Substanz, die harmonisch und warm ist, mit einem höheren Licht schwingt. Aber das ist selten. Ja, die Blumen, manchmal die Blumen… Aber diese materielle Welt, oh!… Überall wird man gestoßen, gekratzt, gepeitscht – gestoßen von allen möglichen Dingen, die sich nicht entfalten. Oh, wie schwierig es doch ist! Wie wenig das menschliche Leben entfaltet ist! Zusammengeschrumpft, verhärtet, ohne Licht, ohne Wärme, ohne überhaupt von Freude zu sprechen. Genau das spürte sie neunundsiebzig Jahre zuvor in ihrem kleinen Kindersessel, im Alter von fünf Jahren.

Mutter war auf der Suche nach dem Etwas, das diese Schrumpfung der Materie verursachte. Dieser Augenblick der Evolution, wo es falsch wurde. Da ist nur eine Sache, nur eine Wurzel, egal von welcher Seite man das “Problem” angeht. Ein mikroskopisches Etwas bewirkt, daß dieselbe Welt doch nicht mehr dieselbe ist. Es ist weit, und es schrumpft zusammen. Es lebt, und es stirbt. Wo ist das Leben, das nicht mehr dieses Leben und dieser Tod ist, das dennoch das Leben ist? Das wahre Leben.

Es ist doppelt, es ist doppelt…

Trotz allem darf man nicht zaghaft sein.

Die großen Pulsationen

Mutter sollte die Antwort in Tatsachen erhalten, wie es sich gehört: eine brutale Antwort. Es ist 1962, das Jahr der Kuba-Konfrontation, China greift Indiens Nordgrenze an. Anstatt die Dinge in “Ordnung” zu bringen, sollte die Kraft (sagen wir jene, die die Welten lenkt und bewegt, die Shakti) alles stören – das totale Durcheinander, im Körper. Man könnte meinen, so ginge sie überall vor: Ihre Art, Ordnung zu schaffen, besteht darin, alles in Unordnung zu versetzen – offensichtlich, um eine neue Ordnung hineinzubringen. Wenn es aber um den Körper geht… und er nicht mehr recht weiß, wie er pochen, atmen soll? Im letzten Gespräch, das ich mit Mutter im Erdgeschoß hatte, bevor sie sich nach oben in ihr Zimmer zurückzog, das sie nicht mehr verlassen sollte, außer um elf Jahre später Sri Aurobindo unter den großen gelben Flamboyanten zu folgen – noch elf Jahre –, da lachte sie viel. Tatsächlich machte sie sich über mich lustig, und ich war ziemlich verärgert, trotzdem ließ sie aber einen kleinen Hinweis fallen, der mich hätte warnen sollen, wenn ich weniger wütend gewesen wäre. Zunächst wollte sie nicht mehr, daß ich unsere Gespräche auf Band aufzeichne: das wäre Verschwendung von Tonbändern. Ich versuchte ihr klar zu machen, daß der Entwicklungsweg von Interesse für die Welt sein würde, später… Reden wir in fünfzig Jahren wieder darüber. Ob du dann wohl einen weißen Bart hast? Weil mir der Scherz zweifelhaft erschien, sagte Mutter noch, um das Maß zur Fülle zu bringen, daß ihre Agenda “keinerlei Bedeutung” habe: Wenn ich das Ende erreiche, wird es vollbracht sein, wir werden es sehen; und wenn ich weggehe… Ich habe keinerlei derartige Absicht! Und sie lachte, während ich mit den Zähnen knirschte. Hör zu, ich will es dir sagen: wenn ich so bin und mich scheinbar lustig mache, so ist das, weil es in manchen Augenblicken wirklich gefährlich ist. Ich hasse das Drama. Ich will nicht tragisch sein, ich würde mich lieber über alles lustig machen, als tragisch zu sein. Statt hochtrabend zu erklären, es wäre schwierig, scherze ich lieber. Ich mag das Drama nicht. Die größten, höchsten, edelsten Dinge, die erhabensten Dinge kann man mit Einfachheit sagen. Man braucht nicht dramatisch zu sein, man braucht die Lage nicht tragisch zu betrachten. Schließlich will ich weder ein Opfer noch eine Heldin sein, keine… keine Märtyrerin, nichts von all dem! Weißt du, die Geschichte von Christus mag ich nicht. Das ist es. Der gekreuzigte Gott: nein. Wenn er seine Haut läßt, läßt er seine Haut – das ist alles. Das hat keinerlei Bedeutung. Verstehst du? So ist es. Genau das ist der Punkt.

Das war am 13. März. Drei Tage später konnte Mutter keinen Schritt mehr tun, ohne in “Ohnmacht” zu fallen. Nicht nur das: keine einzige mentale Schwingung kam mehr durch ihren Kopf, das heißt der Anschein völliger Verdummung – alle vitalen und mentalen Kräfte hatten sie verlassen. Es blieb einzig ein Körper… der sich nicht mehr alleine aufrecht halten konnte. Wie eine leere Hülse, sagte sie später lachend. Man muß akzeptieren, idiotisch zu sein – bist du bereit? fragte sie mich später, weil ich die Mäander des Mentals leid war und nach radikaleren Mitteln verlangte. Ich war bereit, die Verdummung störte mich nicht besonders, weil mir das Mental in jedem Fall als ein idiotisches Mittel erschien, außer vielleicht um bei Bedarf ein Buch zu schreiben! (Und selbst da erkannte ich später, daß man auch ohne Mental Bücher schreiben kann, ich erlebte sogar eine Art Demonstration, wie Sri Aurobindo es anstellte, Zehntausende Zeilen direkt durch die Zellen seiner Hände fließen zu lassen.) Aber ich begriff nicht das Ausmaß des Schocks, und Mutter wollte mich verschonen: Wegen der vielen Jahre mußte ich schnell vorgehen, da wurden die drastischen Mittel eingesetzt. Tatsächlich begreift man leicht, was die ungeheure Verkrustung des Körpers bedeutet, die ihn daran hindert, sich selbst zu sein: Man kann keinen Schritt tun, ohne zu denken und vitale Kräfte zu ziehen – der Körper funktioniert nie alleine, außer wenn hin und wieder die Ärzte ihn verloren geben und aufhören, ihn zu vergiften. Dann hat er seine eigene Art, “wunderbarerweise” zu genesen, das heißt, er entwischt den Wundern der Medizin und vollbringt sein natürliches kleines Wunder. Im allgemeinen ist die Kruste allerdings zu dick, und der Körper kann sich nicht von der kollektiven Suggestion befreien. Mutter wurde radikal “ent-suggeriert”, damit sie wieder lerne, im bloßen Körper zu leben. Da war sie nur noch ein Körper, eine Sammlung von Zellen… die vergaßen, auf die gewohnte Weise zu leben. Nach einem Monat dieser Vorgangsweise bekam das Herz Schwierigkeiten – selbst dieses Pochen wußte nicht mehr recht, welcher Gewohnheit es folgen sollte –, also etwas, das für einen Körper dem Tod nahekommt. Da stellt sich in diesem “Tod” eine neue Art von Pochen ein, fast wie ein neuer Körper im alten, eine neue Art zu sein, zu leben, zu sehen, zu atmen, zu verstehen, zu fühlen. Im Grunde eine neue Spezies auf der Erde. Ein erster Embryo der neuen Spezies. Der Mensch war es gewohnt zu denken, die Wesen der zukünftigen Evolution oder der nächsten Spezies würden… göttliche Wesen sein, das heißt, sie hätten keinen Körper, würden im Licht erscheinen, eben wie all die Götter, die sie sich vorstellen – aber so ist das überhaupt nicht.

Nein, so war es überhaupt nicht.

Der Anfang der radikalen Erfahrung kam in der Nacht vom 12. zum 13. April 1962, während des totalen Ausfalls des alten Körpers. Mutter hatte nicht viele Worte, um zu beschreiben, was geschah. Als sie dann allmählich wieder sprechen konnte, sprach sie auf Englisch, als bewegte Sri Aurobindo ihre Lippen, und ihre Worte waren kurz gefaßt: Es waren ungeheure Pulsationen der ewigen, überwältigenden Liebe, nur die Liebe. Jede Pulsation der Liebe trug das Universum weiter in seiner Manifestation. Dies ging weiter und weiter und weiter… Die Himmel vibrieren mit den Gesängen des Sieges. Und die Gewißheit, daß das, was zu tun ist, getan wurde, und die supramentale Manifestation wurde verwirklicht… In diesem Augenblick war es vollbracht. Sri Aurobindos und Mutters Werk war vollbracht, als hätte diese eine Berührung mit dem, rein, in einem irdischen Körper, das Werk entstehen lassen. Vielleicht wie das erste Mal in der Welt, als ein mineralischer Körper mit dem Leben in Berührung kam – oder sich genügend auflöste, um das erste krabbelnde Leben zu ermöglichen. Mutters Körper war halb aufgelöst. Das neue “Etwas” war mit der Erde in Berührung gekommen. Es war in einen irdischen Körper eingetreten… Was war eingetreten? – Wir haben keine Worte für das, was einer anderen Spezies angehört. Mutter nannte es Höchste Liebe, aber es war das in der Tiefe der Zellen, ohne Umhüllungen, und es war gleichsam augenblicklich überall: es war das gesamte Universum. Ein pochendes Universum, sagte sie später. Ohne seinen mentalen und vitalen Käfig war das materielle Universum wie ein Pulsschlag, ein einziges pochendes Etwas: Alle Folgen der Lüge waren verschwunden: der Tod war eine Illusion, die Krankheit war eine Illusion, Unwissenheit war eine Illusion – etwas Unwirkliches, Nichtexistierendes. Nur die Liebe und die Liebe und die Liebe – unermeßlich, ungeheuer, überwältigend, alles mit sich forttragend… Und es ist getan. Dann fügte sie auf Französisch hinzu: Später werde ich es besser erklären können. Das Instrument ist noch nicht bereit… Nun an die Arbeit!

An die Arbeit, um das in einem möglichen Körper leben zu lassen. Dieses “Neue” (Das ist überhaupt nicht neu! rief Mutter aus, nur die Fähigkeit, es wahrzunehmen, ist neu), dieses Ding auf dem Grund der Zellen mußte normal in einem Körper pochen können. Ein neuer Körper mußte sozusagen im alten geschaffen werden oder mit dem alten als Stütze. Mutters Erfahrung war überhaupt keine neue kosmische Supervision und patati und patata, wie all die anderen sie auf den Gipfeln des Bewußtseins pflückten: Es war die Erfahrung ihres Körpers, eines irdischen Körpers wie alle anderen. Ich esse dasselbe, und er wurde genauso geschaffen, absolut, er war genauso dumm, genauso düster, genauso unbewußt und stur wie alle anderen Körper in der Welt. Das begann, als die Ärzte erklärten, ich wäre schwer krank. Das war der Anfang. Weil der ganze Körper all seiner Gewohnheiten und Kräfte entleert wurde, da erwachten die Zellen ganz langsam zu einer neuen Empfänglichkeit. Insgesamt ist es also das kosmische Bewußtsein des Körpers – sein natürliches Bewußtsein. Damit das Tier zum Menschen werden konnte, erforderte es einzig das Eindringen eines Bewußtseins: des mentalen Bewußtseins. Jetzt erwacht dieses Bewußtsein ganz in der Tiefe. Das zentrale Licht der Zelle. Und Mutter sagte: Das ist die Widerlegung aller vergangener spiritueller Behauptungen: “Wenn ihr völlig bewußt das göttliche Leben leben wollt, verlaßt euren Körper – der Körper kann nicht folgen.” Aber Sri Aurobindo kam, uns zu sagen: Der Körper kann nicht nur folgen, sondern kann die Grundlage sein, die das Göttliche manifestiert… Die Arbeit bleibt zu tun. Alle gingen sie ganz nach oben in ihrer tiefen Meditation, es wurde immer blasser und dünner und “wunderbarer”, was ihnen die Welt als Illusion erscheinen ließ. Und die Welt unter der Kruste ist tatsächlich eine Illusion: “Der Tod ist eine Illusion, die Krankheit ist eine Illusion”, sagte Mutter, aber hinter oder unter dieser Kruste gibt es eine körperliche, materielle, universelle Wirklichkeit, die unendlich wunderbarer und konkreter ist – das wahre Konkrete –, ohne Tod und ohne Krankheiten und ohne all unsere Unwissenheit, aber dennoch ein körperliches Leben in einem wahren irdischen Körper: die wahre Materie. Die Fähigkeit, das Bewußtsein aufzunehmen und zu manifestieren, mußte in diesen materiellen Zellen erlangt werden [geht es um “aufnehmen” oder darum, das zu entfernen, was hinderte?], dann wird die radikale Transformation ermöglicht, denn es ist nicht mehr ein beinahe endloser, ewiger Aufstieg [durch all die Bewußtseinsebenen, wie es alle Yogaanleitungen seit viertausend Jahren predigen, und dann löst man sich dort oben auf], sondern das Erscheinen eines neuen Typus. Das Erwachen des Bewußtseins, das ganz in der Tiefe war. Das Mental wurde zurückgezogen, das Vital wurde zurückgezogen, alles wurde zurückgezogen: Als ich angeblich krank war, waren das Mental und das Vital verschwunden, der Körper war sich selbst überlassen – absichtlich. Aus diesem Grund, gerade weil das Vital und das Mental verschwunden waren, gab das alle Anzeichen einer schweren Krankheit. In diesem sich selbst überlassenen Körper erwachten die Zellen dann allmählich zum Bewußtsein: Das Bewußtsein, das dem Körper durch das Vital eingeflößt worden war (vom Mental ins Vital, und vom Vital in den Körper), trat sehr langsam hervor, als die beiden anderen verschwunden waren. Dasselbe Bewußtsein, das Monopol des Vitals und Mentals war, wurde körperlich: das Bewußtsein wirkt in den Körperzellen. Die Zellen werden jetzt vollkommen bewußt. Ein unabhängiges Bewußtsein, das in keiner Weise vom vitalen oder mentalen Bewußtsein abhängt: ein körperliches Bewußtsein. Wenn es gründlich durchgearbeitet wurde (wie lange wird das brauchen? – Das wissen wir nicht), wird daraus eine neue Form geboren werden, die Sri Aurobindo supramental nannte… Der Name hat keine Bedeutung – ich weiß nicht, wie diese Wesen heißen werden. Wie wird ihre Ausdrucksweise beschaffen sein? Wie werden sie sich verständlich machen? All das… Gewiß wird es Etappen in der Manifestation geben, vielleicht mit einem Vorläufer, der sagt: so sieht es aus. Und Mutter schloß die Augen: Das sieht man… Bloß, als der Mensch aus dem Tier entstand, gab es kein Mittel, den Vorgang aufzuzeichnen. Jetzt ist das völlig anders, so wird es interessanter sein… Obwohl Mutter auch da einige Zweifel hatte: Aber bis jetzt ist der weitaus größte Teil der Intellektuellen völlig damit zufrieden, mit sich selbst und ihren kleinen kreisläufigen Fortschritten beschäftigt zu sein. Sie haben nicht einmal… sie verspüren nicht einmal das Bedürfnis nach etwas anderem! Dadurch kann es durchaus passieren, daß die Ankunft des übermenschlichen Wesens völlig unbemerkt stattfindet oder nicht verstanden wird. Es läßt sich nicht sagen, weil es keine Vergleichspunkte gibt. Wenn einer der großen Primaten einem ersten Menschen begegnet wäre, hätte er ihn sicherlich einfach als etwas… fremdartig empfunden – das ist alles.

Insgesamt bedeutet die Erfahrung von 1962 den ersten Durchbruch durch den Schleier oder durch das Netz. Das ungeheure Netz, das unser gesamtes menschliches Dasein im Körper vorprogrammiert. Die jahrtausendealte genetische und atavistische Hülle, die das direkte Funktionieren einer kleinen reinen Zelle blockiert. Eine so neue evolutionäre Erfahrung wie die erste mentale Schwingung in einer grauen Zelle – die schließlich alles in Grau tauchte. Jetzt wird das Dasein von dem Grau befreit. Die reine Zelle drückt das Bewußtsein direkt aus. Eine andere Welt in der Welt. Als ich Mutter fragte, wie ihre Erfahrung in irgendeiner Weise die Welt als ganze berühren könnte, rief sie aus: Aber wenn es in einem Körper geschieht, kann es in allen Körpern geschehen! Ich bin auch nicht aus etwas anderem beschaffen als die anderen.

Jetzt an die Arbeit! Mutter ist vierundachtzig. Nun ging es darum, “auszuarbeiten”, “das Instrument zu fabrizieren”, das diese “andere Welt” in die unsere tragen könnte, oder um die wahre Funktionsweise der Zellen, den neuen Körper zu entwickeln, der sich nicht einmal mehr so sicher auf den Beinen hielt – darum ging es in den elf Jahren, die Mutter noch blieben, bevor sie dem Mysterium von 1973 begegnete, dem wahren großen Mysterium aller Dinge, das vielleicht das Mysterium der Welt ist. Elf Jahre, in denen Schritt für Schritt der unglaubliche “Vorgang” ablief, mit all seinen Wandeln von Zeit, Sicht, Raum, Sinnesorganen: wirklich die Fabrikation eines neuen Körpers. Bis zum Jahr 1973, wo etwas geschah. Etwas fand statt… was? Vielleicht die völlige Verschmelzung beider Welten. Manchmal meine ich, Sri Aurobindos “mathematische Formel” zu verstehen… bis auf eine Unbekannte. Es gibt eine Unbekannte.

Vielleicht werden wir sie am Ende entdecken.

Doch nun gibt es eine Gewißheit, schloß Mutter ab. Das Ergebnis liegt noch sehr fern – sehr fern, noch viel bleibt zu tun, bis die Kruste, die Erfahrung der äußerlichsten Oberfläche, so wie sie jetzt ist, das manifestiert, was innen geschieht (nicht “innen” in spirituellen Tiefen, sondern innen im Körper), bis sie fähig ist zu manifestieren, was innen ist… Das wird als letztes kommen, und das ist gut so, käme es nämlich früher, würden wir unsere Arbeit vernachlässigen – wir wären so glücklich, daß wir vergäßen, unsere Arbeit zu vollenden. Alles muß innen getan werden, wirklich gründlich verändert worden sein, dann wird das Äußere es ausdrücken. Sri Aurobindo hatte dasselbe gesagt: von innen nach außen.

Das “außen” ist vielleicht die Kruste der Welt.

Am Ende wird es nichts sein: ein Hauch, und es ist da. Der Rest ist das Schwierige.

Vielleicht stehen wir ganz dicht vor diesem Hauch.

Dann wird der Schleier zerreißen.

Etwas gänzlich Neues, gänzlich Unerwartetes, an das sie nie gedacht hatte.

16. Kapitel: Der Körper ist überall!

Hier beginnt der Wald sehr dicht zu werden, und ich muß gestehen, daß ich mich etwas verloren fühle. Elf Jahre lang war ich Zeuge Tausender Erfahrungen gewesen, hatte mit Mutter Reisen über Reisen in der Zukunft erlebt, aber wie nun eine ganze Welt in Worte bringen? Wie könnte ein Mensch, der plötzlich in Rueil-Malmaison auf dem Planeten landet, den Rest der Welt beschreiben? Alles, von A bis Z ist neu. Also?… Wo ist die “richtige” Erfahrung, die zählt? Hier ist Chantilly, dort Hongkong, dann Alaska und… Ich kam in Mutters großes Zimmer im Obergeschoß, mit seinen weiten Fenstern zum gelben Flamboyanten, mit Kokospalmen und Himmel ringsum. Eine kleine weiße Silhouette, ganz alleine in ihrem Rollstuhl. Über der Rückenlehne hingen Jasminguirlanden, der Boden war mit einem großen gelben Wollteppich bedeckt, auf dem man wie auf einem bemoosten Waldboden ging. Dann ihre kühlen, fast kalten Hände, Augen, in denen alles anderswohin umschwingt, so sehr anderswo, in das Wahre, wie wenn man endlich atmet. Dort wünschte man die Stirn hinzulegen und sich nicht mehr wegzurühren, in diese Weite des Zuhauseseins, sanft und hell, so sanft, wo man wie in die Liebe des eigenen Herzens versank, eine ungeahnte Liebe, als entdeckte man sich plötzlich als jemand anders, als hätte man so lange in einer Karikatur gelebt, und dann ist es plötzlich da, alles ist verändert, man legt seine Bürde ab und bricht in ihre Jahrtausende auf. In Mutter ging man, bis man sich aus den Augen verlor, ging in ein großes sanftes, immer gekanntes Land, dort wäre man gerne für immer geblieben.

“Nun an die Arbeit!…” Wir sind hier, um zu arbeiten, um das auf diese Seite herüberzubringen. Dann wird alles erfüllt sein, jede Sekunde erfüllt mit allen Jahrtausenden und allen Weiten. All das drang immer mehr durch Mutter hindurch, als hätte sie seit März eine andere Dichtigkeit angenommen. Vorher hatte man stets diese geballte Macht gespürt, man war im Strahl erfaßt worden, jetzt… war es etwas anderes. Ja, vielleicht als wäre der Strahl überall: Man wurde nicht darin erfaßt, sondern machte sich in ihr auf den Weg. Das war wie bei Sri Aurobindo. Dennoch war es mächtig, ungeheuer mächtig, aber wie auf allen Seiten zugleich mächtig, ohne ein bestimmtes Zentrum: ein Bad, genau das. Ein ungeheures Bad in etwas, das ins Unendliche reichte. Sehr sanft. Frisch wie ihre Hände.

Der große Rhythmus

Die “Krankheit” hatte Spuren hinterlassen, sie sah so gebrechlich aus, und so außerordentlich ruhig, das war das Auffallendste: Nichts vibrierte in ihrem Körper, man könnte meinen, sie wäre transparent, alles ging durch sie hindurch und prallte… man wußte nicht wohin, vielleicht ins Unendliche, oder nirgendwohin, verschwand in dieser schneeigen Unbewegtheit. Dann hatte sie dieses kleine verschmitzte Lächeln, als hätte sie der ganzen Welt einen guten Streich gespielt, und da fand man Mutter wieder. Ruhig erzählte sie ihre letzten Abenteuer, dieses universelle Pulsieren (und plötzlich erinnerte ich mich, wie sie 1956 diese “supramentale Herabkunft” zum ersten Mal spürte, gleich einem “Pulsieren in den Zellen”): Es war wie große Luftschübe – große Schübe, die in einem Bersten endeten. Jeder dieser Schübe stellte ein Zeitalter des Universums dar. Es war die Liebe in ihrem höchsten Wesen, aber das hat nichts mit dem zu tun, was wir mit diesem Wort verbinden… Das Universum, wie wir es kennen, existierte nicht mehr, es war eine sonderbare Illusion, die keinerlei Beziehung zu DEM hatte. Es gab nur noch die Wahrheit des Universums mit diesen großen farbigen Schüben – sie waren farbig: große farbige Schübe; etwas wie das eigentliche Wesen der Farbe. Die gesamte Schöpfung bestand aus farbigen Wellen, aber keine Farben, wie wir sie hier kennen. Es war… das unendliche Entfalten dieser schöpferischen Schwingung. Da fragte ich mich, wie es möglich wäre, mit diesem höchsten Bewußtsein eine Beziehung zum gegenwärtigen entstellten Universum zu haben. Wie die Verbindung herstellen, ohne dieses Bewußtsein zu verlieren? Die Beziehung zwischen den beiden erschien unmöglich. – “Du hattest aber deinen Körper verlassen, oder was?” fragte ich, denn diese Art Erfahrung kann man sehr leicht haben, wenn man nach oben ins kosmische Bewußtsein klettert. Mutter gab eine etwas rätselhafte Antwort (sie begriff das Phänomen selber noch nicht recht): Eine Zeitlang, kann man wirklich sagen, daß der Körper aus meinem Bewußtsein getreten war, vollkommen. Ich hatte nicht meinen Körper verlassen, sondern der Körper hatte mein Bewußtsein verlassen!… Es ist das erste Mal, daß ich das zu erklären versuche. Tatsächlich betrachte ich es überhaupt zum ersten Mal. Das ist interessant. Ein interessantes Phänomen… Zum Beispiel gehe ich ein wenig im Zimmer auf und ab, um den Körper wieder daran zu gewöhnen (jemand begleitet mich). Dabei habe ich einen ziemlich sonderbaren Zustand bemerkt… Ich könnte es so ausdrücken: das, was mir die Illusion des Körpers gibt! [Jetzt verstehe ich gut, was Mutter meinte: es war die Illusion, ein Körper zu sein.] Ich vertraue ihn der Person an, mit der ich gehe (das heißt, er steht nicht unter meiner Verantwortung: Die andere Person kümmert sich darum, daß er nicht fällt und sich nicht stößt), und das Körperbewußtsein ist wie grenzenlos, wie eine materielle Entsprechung dieser farbigen Schübe, wie Wellen, aber… keine einzelnen Wellen, sondern eine Wellen-bewegung; eine Bewegung materieller, körperlicher Wellen, könnte man sagen, weit wie die Erde, aber… weder rund noch flach… etwas sehr Unendliches in seiner Empfindung, das aber einer Wellenbewegung folgt. Diese Wellenbewegung ist die Bewegung des Lebens. Und das Bewußtsein (des Körpers, nehme ich an) schwebt darin wie in einem ewigen Frieden… Es ist aber keine “Weite”, das wäre das falsche Wort: eine grenzenlose Bewegung in einem sehr harmonischen und sehr ruhigen Rhythmus, sehr weit, sehr ruhig. Diese Bewegung ist das Leben. Ich gehe im Zimmer umher, und es ist diese Bewegung, die geht. Das ist sehr still: keine Gedanken, nur gerade eine Beobachtungsfähigkeit, und eine Unendlichkeit von Bewegungen, Schwingungen, etwas, das wie das eigentliche Wesen des Denkens wäre, das dort einer rhythmischen Bewegung folgt, wie eine Wellenbewegung ohne Anfang oder Ende, mit einer Verdichtung in dieser Richtung [vertikal] und einer Verdichtung in dieser Richtung [horizontal], darauf folgt eine Bewegung der Ausweitung. Es ist also eine Art Sammlung, eine Konzentration, und dann eine Ausweitung, eine Verbreitung. Ein Pochen. Ein pochender “Körper”, der der Körper aller und jeder beliebige Körper wäre. Wenn ich jetzt spreche, ohne acht zu geben, könnte ich sagen: “mein ehemaliger Körper”, obwohl ich sehr wohl weiß, daß er noch lebendig ist! Und sie lachte.

Wie nun die Verbindung zwischen dem und dem herstellen?

Die Welt ohne Netz und die Welt im Netz.

Der Ort der Schlacht

An den Schmerzen merkte sie nur zu gut, daß ihr Körper lebte. Sonderbarerweise schien der Schmerz die einzige Verbindung oder Brücke zwischen dieser “Wahrheit des Universums” und der alten Körpersubstanz, dem alten Körper zu sein: Das erste Zeichen der Rückkehr zur Individualität war ein Schmerz, eine Stelle. Sonst gab es nichts mehr: keinen Körper, kein Individuum, keine Grenzen. Dabei machte ich eine seltsame Entdeckung: Ich dachte, durch die Individualität entstünde die Empfindung von Schmerz, Gebrechlichkeit, all die Widrigkeiten des menschlichen Daseins; aber ich erkannte, daß es nicht die Individualität ist, nicht mein Körper, der die Mißgeschicke empfindet, sondern daß jedes Mißgeschick, jeder Schmerz, jede Gebrechlichkeit ihre eigene Individualität besitzt und daß jede eine Schlacht darstellt. So ist mein Körper eine Welt von Schlachten. Dort ist der Ort der Schlacht. Da glaubte ich plötzlich zu verstehen: dieser Körper, diese kleine Form in ihrem Rollstuhl war wie die einzige irdische Brücke zwischen der ganzen, einen, wahren Materie, die sich in einer ungebrochenen Harmonie bewegt, und der alten trüben, geteilten, schmerzlichen Materie – unseren Körpern. Sie befand sich zugleich auf beiden Seiten, und durch sie, in ihr, in dieser Form mußte der Schmerz der Welt überwunden werden, damit das Andere hereinsickern kann. Das war nicht “ihr” Schmerz, sondern die Wand der Welt, die verhinderte, das zu empfangen und das zu leben. Durch ihre alte Substanz konnte das von der einen Welt in die andere sich ausbreiten. Was würde ein Fisch uns erzählen, wenn er den ersten freien Sauerstoff zu atmen bekäme, und über sein Ersticken, wenn er wieder ins Wasser zurückfällt? Andererseits, wenn er nicht dorthin zurückfiele und mit den anderen erstickte, was könnte dann die Brücke zwischen den beiden bilden? Mutter war in gewisser Weise die Stelle des Schleiers – ja, der Ort der Schlacht. Die Verbindungsstelle. Die einzige Empfindung, die in der alten Art verbleibt, ist der physische Schmerz. Ich halte das… für die symbolischen Punkte der Überreste alten Bewußtseins: den Schmerz. Nur den Schmerz empfinde ich so wie vorher. Nahrung, Geschmack, Geruchssinn, Sicht, Gehör – all das hat sich völlig geändert. Es folgt einem anderen Rhythmus. Die ganze Geschichte ist wie eine Fabel… Das einzige, was materiell, konkret in dieser Welt bleibt – in dieser Welt der Illusion –, ist der Schmerz. Das scheint mir der eigentliche Kern der Lüge zu sein. Der Teil, der ihn empfindet, empfindet ihn allerdings sehr konkret (!). Ich sehe deutlich, daß es falsch ist, aber das verhindert nicht, daß ich es spüre – es gibt einen Grund: dort ist das Schlachtfeld. Es ist mir sogar verboten, mein Wissen, meine Macht und Kraft einzusetzen, um den Schmerz auf diese Weise aufzulösen, wie ich es früher tat – ich konnte das sehr gut. Das wurde mir jetzt gänzlich verboten. Aber ich erkenne, daß etwas anderes beabsichtigt wird, etwas anderes entsteht… Das ist noch… man kann es nicht Wunder nennen, weil es kein Wunder ist, aber es ist das Staunen, das Unbekannte… Wann wird es kommen? Wie wird es kommen? Ich weiß es nicht. Aber es ist interessant.

Ein Märchen für die ganze Welt?

Dazu machte Mutter eine so mysteriöse unscheinbare Bemerkung: Nicht der Körper leidet, sondern das Leiden leidet. Das ist der Punkt. Bei diesem Satz gerät man ein wenig ins Schwanken. Genau das Schwanken der Welt. Vielleicht sollte es besser offen gelassen werden…

Dann vervielfältigten sich die Erfahrungen, sobald ihr Körper sich ein wenig erholt hatte. Als würde eine Weisheit sie dosieren, vielleicht genau die Weisheit der Gesamtheit des Bewußtseins, von der wir uns in einem mentalen Körper abschnitten, denn die Vögel, die “dummen” Tiere sind nicht so, ihre Körper sind nicht so – vielleicht sind wir tatsächlich die einzig Dummen. Das Leiden der Tiere gleicht in keiner Weise dem menschlichen, außer bei den von uns Gezähmten, die uns nachzuahmen beginnen. Ihr Leiden hat keine Individualität, wird nicht in den Maschen eines brüllenden und medizinischen “Ichs” aufgehalten und festgeklammert. Vielleicht gefällt es ihrem Leiden nicht, zu leiden. Aber das ist eine andere Geschichte. Manchmal werde ich zum Beispiel gestoßen, jemand stößt mich versehentlich, direkt oder mit einem Gegenstand: Das ist nie etwas, das mir von außen widerfährt, es geschieht innen – das Bewußtsein des Körpers ist viel größer als mein Körper… Wenn jemand entspannt ist oder sich verkrampft, spüre ich es: Ich erlebe die Entspannung oder die Verkrampfung; aber nicht “ich” hier, in meinem Sessel, sondern ich dort, im “anderen”. Das wird immer mehr so. Die Reaktion hier, in diesem Gebilde, ist nicht inniger als die in den anderen. Und sie ist kaum wahrnehmbarer: Alles hängt vom Zustand der Aufmerksamkeit und der Konzentration des Bewußtseins ab. Aber das Bewußtsein ist überhaupt nicht mehr individuell, das kann ich mit Bestimmtheit sagen. Ein Bewußtsein… das immer umfassender wird. Von Zeit zu Zeit – von Zeit zu Zeit –, wenn alles “günstig” ist, wird es das Bewußtsein des Herrn, das Bewußtsein des Ganzen, und dann ist es… ein Tropfen Licht. Nur Licht.

Dann wurden die Erfahrungen heftiger, sozusagen gedrängter, Stunde für Stunde. Wieviele Male sah ich Mutter plötzlich innehalten, die Augen schließen, als floß sie nach innen, manchmal sogar wie ein Kind klagen, und dann wieder weitermachen, als sei nichts geschehen, außer daß sie etwas blasser war – ein Schlüssel mußte gefunden werden, ein Schlüssel für die Welt, für den Schmerz der Welt. Es ging nicht nur darum, den Schmerz des einen oder des anderen zu schlucken, sondern der Mechanismus mußte gefunden werden, die Schwingung, die das auflöst. “Auflösen”: nicht heilen, sondern das Wahre wieder an seine Stelle rücken, dort, wo es das andere nicht gibt.

Schließlich wurde die Erfahrung sehr deutlich – auf brutale Weise –, gerade ein Jahr nach der Erfahrung der großen Pulsationen. Es war der 6. April 1963. Ich habe das Bewußtsein des Körpers, aber nicht das Bewußtsein dieses Gebildes, sondern das Bewußtsein des Körpers! Es kann der Körper jeder beliebigen Person sein. Ich habe das Bewußtsein der Vibrationen der Störung (die meistens als Suggestionen von Störungen kommen, um zu sehen, ob sie aufgenommen werden und eine Wirkung haben). Nimm als Beispiel die Suggestion einer Hämorrhagie (ich nehme das Beispiel der Gehirnhämorrhagie, weil es Teil eines größeren Bildes ist)! Unter dem höheren Einfluß weist das Körperbewußtsein sie zurück. Dann beginnt die Schlacht (all das ganz unten, in den Zellen und im materiellen Bewußtsein) zwischen dem, was man als den “Willen der Hämorrhagie” bezeichnen könnte, und der Reaktion der Körperzellen. Das ist tatsächlich wie eine richtige Schlacht, ein wahrer Kampf. Doch plötzlich tritt etwas wie ein General auf und empört sich: “Was soll das alles!…” (Dieser General hat das Bewußtsein der höheren Kräfte und des göttlichen Eingreifens in der Materie). Nachdem er versuchte, sich des Willens, verschiedener Reaktionen, der Empfindungen des Friedens usw. zu bedienen, wird der Körper plötzlich von einer starken Entschiedenheit eingenommen und ergreift die Führung; das hat dann seine Wirkung, und allmählich kehrt alles in Ordnung zurück… All dies geschieht im materiellen Bewußtsein: Der Körper spürt all die physischen Empfindungen, aber ohne die Hämorrhagie selber zu haben; er hat jedoch sämtliche Empfindungen der Sinnesorgane. Nachdem die Schlacht dann vorüber ist, betrachte ich all das, sehe meinen Körper (der ziemlich mitgenommen war) und sage mir: “Was kann das wohl alles bedeuten?…” Einige Tage später erhalte ich einen Brief von jemandem: die ganze Geschichte des Angriffs, der Blutung, und plötzlich das Gefühl, von einem ungeheuren Willen ergriffen zu werden und dieselben Worte zu hören, die ich hier aussprach. Und die Wirkung: geheilt, gerettet (beinahe wäre er daran gestorben)… Ich erinnerte mich an mein Erlebnis (!). Damit begann ich zu verstehen, daß mein Körper überall ist. Dabei geht es nicht nur um diese Zellen: Es sind die Zellen in Hunderten, vielleicht Tausenden von Leuten… Es ist der Körper! – Dieser Körper ist nicht mehr mein Körper als die anderen. Da wird er ständig von solchen Dingen erfaßt – die ganze Zeit fällt es von allen Seiten über ihn her. Dann muß ich ruhig bleiben und in die Schlacht gehen… Welch ungeheure Macht muß man in den physischen Zellen verkörpern, um all dem widerstehen zu können!…

Zwanzigmal am Tag ging sie durch den Tod.

Sie verkörperte das Andere im Körper der Welt. All dieses Elend war der Verbindungspunkt mit dem Anderen, man könnte fast sagen das Verbindungsmittel. Kein kleiner Schmerz hier oder da, der geheilt werden mußte, nicht einmal Tausende kleine oder große Schmerzen, sondern der Schmerz mußte verwandelt werden – daß der Schmerz von seiner eigenen Wirklichkeit der Liebe erfaßt würde. Oder, wenn man es “wissenschaftlicher” ausdrücken will: diese Dunkelheit, diesen trüben Punkt (der schmerzlich ist, weil er trüb ist) durch das leuchtende Fließen der wahren Materie ersetzen – diese Pulsation, die großen Wellen ungeteilter Harmonie. Daß es überall zu tüpfeln beginnt.

Durch die schmerzliche alte Materie ihres Körpers begann es im ganzen Körper der Welt zu tüpfeln.

Nach der Lehre dieser Geschichte erhob sich plötzlich etwas im allgemeinen Körperbewußtsein: eine Aspiration, etwas so Reines und Sanftes – so sanft –, ein Flehen, daß die Wahrheit und das Licht hierin manifest werde. Das bedeutete nicht hier, in diesem Gebilde, sondern überall. Da entstand eine Verbindung – und ein hellblaues Licht, sehr sanft, sehr hell, und eine Zusicherung. Das geschah innerhalb einer Sekunde, aber auf einmal war es wie der Anfang eines neuen Kapitels.

Einzig die Verbindung – mit dem, was da ist.

Dann wird es das Märchen für alle sein.

Die dritte Stellung

Mit demselben Streich stürzte ein großer Teil des spirituellen Lebens ein. Auch ein großer Teil des materiellen Lebens. Oder besser gesagt bedeutete das Einstürzen dieser materiellen Mauer, dieser materiellen Abtrennung, dieses Netzes, automatisch und gleichzeitig den Zusammenbruch der ganzen spirituellen Machart auf der Erde – als wäre das eine die Kehrseite und der Komplize des anderen. Was werden die Materialisten sagen, wenn sie erfahren, daß alles, was sie verachten und ablehnen, ihr Hegekind war? Dennoch geschah genau das im April 1962 (und wahrscheinlich schon früher, aber Sri Aurobindo sprach nicht darüber).

Seit der Mensch Mensch ist, vernahm er vage zunächst im Schlaf, dann mit geschlossenen Augen, in “verlorenen” (für das materielle Leben verlorenen) Augenblicken alle möglichen Kräfte und Einflüsse, die dieses oder jenes schreckliche oder sanfte, leuchtende oder dunkle, drohende oder gütige Gesicht annahmen. Er spürte unermeßliche Bewegungen, die ihn ins “Paradies” trugen, wie ein anderer Schlaf innerhalb des Schlafes, ein leuchtendes Tauchen, eine strahlende Ohnmacht, von der man nie wieder ganz zurückkehrt. Manchmal bemerkte er andere mysteriöse Reisen, als reiste sein eigener Körper oder ein anderer Körper im Körper, und er wurde Zeuge unerwarteter Szenen, die zufällig einige Stunden oder Tage später materiell stattfanden. Oder er sah dort, tausend Kilometer entfernt, irdische Ereignisse, Freunde, vertraute Landschaften, als wanderte man nach Belieben (aber noch nicht ganz) in allen Winkeln der Erde. Er erkannte sonderbare Zauberbanne, die alle möglichen kleinen Banne in seinem Leben und um ihn verursachten, oder verklärende Lichter. Er empfing Wissen, in Besitz dessen er noch nicht war, Neuigkeiten, die er nicht vermutet hatte. Und manchmal erwachte er geheilt, ohne zu wissen wie (oder auch krank, ohne zu wissen wie). Über die Jahrhunderte systematisierte er sein Wissen, pflegte eine Art bewußten Schlaf, Meditationen und Transzendenzen sowie sonderbare und nicht immer glückliche Mächte. Er lernte, die Bewußtseinsebenen und Welten zu unterscheiden, sah Erlöser hier, Erlöser dort und viele kleine Teufel überall. Um in diesem großen Mysterium der Welt zu navigieren, waren die Religionen ein sehr bequemes und beruhigendes Mittel, wie die Zauberer und Eingeweihten – außer für die, die auch beim besten Willen gar nichts spürten. Doch das ist vielleicht nur, weil sie eine dickere Haut hatten. Trotzdem gab es “Denker”, sogar Genies, die nicht einmal notwendigerweise getauft waren und die deutlich “etwas” dort oben spürten, wie eine Flut der Inspiration, einen musikalischen Fluß, “Intuitionen”, Bereiche der Offenbarung und des lebenden Lichts – etwas, das über diesen kleinen verschlossenen Körper hinausging, das sogar über sein Gehirn hinausging, als wäre das Gehirn nur ein Empfänger für etwas anderes. Dann gab es auch all die kleinen Tiere, die sich so unfehlbar verhielten, sogar ohne daran zu denken (!), und was ist der “Instinkt”? Man sprach von “Gott”, von “Teufel”, von “Chromosomen” und dem ganzen heiligen oder wissenschaftlichen Klimbim. Man hat alles benannt und gezähmt, mit Gleichungen, Gräco-Lateinisch oder Weihwasser. Dann verfaßte man Wörterbücher oder Enzyklika, je nach Geschmack und Klima. Mehr oder weniger zuversichtlich begab man sich dorthinein – aber…

Da blieb trotzdem ein “aber”. Weder auf der einen noch auf der anderen Seite fühlte man sich wirklich in Sicherheit. Wenn man alles “materialisiert” hatte, blieb das andere, das einem irrationelle Überraschungen bereitete, und wenn man alles “spiritualisiert” hatte, zog einen das andere beim erstbesten Abweg brutal wieder in den Schlamm. So stolperten sie voran, die Materie und der Geist, wie zwei unglückliche Eheleute, unfähig sich zu trennen, unfähig sich zu einigen, als wären sie nicht auf entgegengesetzten Seiten sondern die beiden Seiten einer selben Mauer des Unverständnisses.

Genau diese Mauer stürzte am 13. April 1962 ein. Es ist leicht verständlich, daß sie nur in der Materie, auf materieller, körperlicher Ebene einstürzen konnte, denn dort befindet sie sich tatsächlich. Die Trennung zwischen Materialisten und Spiritualisten liegt nicht auf dem Gipfel des bewußten menschlichen Denkens sondern in der Zelle. Es ist keine metaphysische Trennung sondern eine physische. Dort befindet sich die Mauer. Und wenn sie fällt, gibt es keinen Materialismus und keinen Spiritualismus mehr, sondern… etwas anderes. Man könnte sogar sagen, es gibt keine Materie mehr, wie wir sie verstehen, und keinen Geist, wie wir ihn verstehen, sondern etwas anderes. Etwas, das ganz eins ist – aber nicht eins auf den Gipfeln des Denkens (dort gibt es kein Denken mehr!) sondern körperlich eins, zellular, physiologisch – und universell. Wirklich eine andere Welt, und dennoch dieselbe. Alles ist gleich, und alles ist verändert1, sagte Sri Aurobindo.

Dies war auch eines der ersten Dinge, die Mutter mir einen Monat nach der Erfahrung sagte: Durch den Yoga hatte ich eine Beziehung mit der materiellen Welt erreicht, die auf dem Begriff der vierten Dimension basierte (die inneren Dimensionen – im Yoga werden sie unzählig), auf der Verwendung dieser Einstellung und dieses Bewußtseinszustands. Ich untersuchte die Beziehung zwischen der materiellen Welt und der spirituellen Welt mit der Wahrnehmung der inneren Dimensionen und durch die Vervollkommnung des Bewußtseins der inneren Dimensionen… [Mutter verließ ihren Körper, wanderte überall, auf allen Ebenen umher]. Aber jetzt erschien mir die ganze Verwendung des Begriffs der vierten Dimension mit allem, was sie beinhaltet, als oberflächlich. Das ist so stark, daß ich sie nicht mehr wiederfinde… Aber natürlich! Die sogenannte “vierte Dimension” war in die unsere eingetreten. Die Wahrnehmung war anders. Mutter brauchte nicht mehr die Augen zu schließen, zu meditieren und von Ebene zu Ebene zu klettern, um irgendein Höchstes dort oben zu erwischen, brauchte ihren Körper nicht mehr zu verlassen, um zu erfahren, was dort drüben geschieht, auf das Bewußtsein des einen oder des anderen einzuwirken, jenen anderen zu heilen, in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu gehen – es ist alles hier. Der Körper ist überall! Keine Notwendigkeit mehr zu “schlafen”, wie wir es tun, oder sich in Bewußtseinstiefen zu versenken: Es gibt keine Tiefen mehr! Die Tiefen liegen hier draußen, mit weit offenen Augen und in allen Zellen des Körpers – dort ist hier, morgen ist hier, gestern ist hier. Und das Göttliche ist hier, alles ist er, es gibt nur Das. Aber keine Sorte Göttliches, das nur eine Verlängerung der anderen Seite der Mauer ist – es gibt keine “andere Seite” mehr: eine bestimmte Art zu sein, zu atmen, ist das Göttliche. Jetzt erhebt sich der starke Verdacht, daß die Menschen den “Schlaf” und die “Trance”, “Meditation” oder “Konzentration” nur dazu brauchten, um durch die Maschen des physischen Mentals schlüpfen zu können. Wenn dieses Mental “schläft”, öffnet sich der Käfig, und alles ist da. Da erscheint es uns wie eine “andere Seite”, ein “Traum” – aber es ist nur die andere Seite des physischen Mentals, es ist der mehr oder weniger dunstige und entstellte “Traum” des alten Körpers, der sich zu erinnern bemüht, was er durch die Maschen sah und erlebte. Jetzt, wo die Maschen natürlich aufgelöst wurden – nämlich im Körper, in den Körperzellen –, gibt es genauso wenig “Träume” wie andere Seiten, “Bewußtseinsebenen” oder “Welten”: All das ist die Geographie des Mentals. Alles wird erlebt, augenblicklich erlebt. Alles wird berührt, könnten wir sagen. Die gesamte Welt wird konkret, greifbar, unmittelbar. Alles ist eine einzige Ebene, eine einzige Dimension aller Dimensionen. Wir brauchen keine “Visionen” mehr, oder alles ist eine erlebte Vision, egal wo in Zeit und Raum. Es ist eine andere Welt… in der Welt. Aber nicht im “Innern” dieser hier: Die wahre Welt tritt hervor, und die andere ist wie eine entstellte Karikatur, ein Traum, ja – dort liegt der Traum. Wir träumen die Welt… wissenschaftlich.

Jetzt merken wir, daß es ein Alptraum ist.

Denn nicht nur die vierte Dimension bricht zusammen sondern auch die drei anderen – die mit der vierten einhergehen. Beide Kategorien sind unwirklich (nicht im buddhistischen Sinn der Illusion, denn der buddhistische Illusionismus ist eine weitere Illusion: eine Illusion der Illusion), beide sind eine angeborene “visuelle”, taktile, physiologische Entstellung einer selben Wirklichkeit, die nur auf zellularer Ebene voll und ganz wahrgenommen werden kann: Die andere Welt, die in drei Dimensionen, ist völlig unwirklich, und diese [die vierdimensionale] erscheint mir… wie soll ich sagen?… konventionell. Als wäre es eine konventionelle Übersetzung, um eine bestimmte Annäherungsweise zu gestatten. Wie jetzt sagen, was die andere, die wahre Stellung ist?… Das liegt so weit außerhalb aller intellektuellen Zustände, daß ich es nicht in Worten fassen kann. Aber die Formulierung wird kommen, ich weiß es. Allerdings wird sie in einer Reihe erlebter Erfahrungen kommen, die ich noch nicht habe. Das ist mein gegenwärtiger Zustand. Mehr kann ich nicht sagen. Ich will lieber weitere Fortschritte abwarten, bevor ich mehr sage.

Diese Reihe erlebter Erfahrungen war ihr ganzes neues Leben während der nächsten elf Jahre, die langsame Verbindung zwischen der Erfahrung des Zell-Lebens, was wir als das Bewußtsein der wahren Materie bezeichnen könnten, und der Erfahrung des alten Körpers in der alten Materie. Etwas hatte noch einen Fuß auf der einen Seite und einen auf der anderen, die Brücke zwischen den beiden mußte geschaffen werden – nicht intellektuell geschaffen sondern physiologisch. Eine neue Seinsweise. Eine andere “Stellung”. Wie ein neuer Körper mit neuen Organen. Mit vierundachtzig Jahren erwachte Mutter mit den alten äußeren Organen, die eine falsche Wahrnehmung der Welt ergaben, und inneren Organen, die eine andere falsche Wahrnehmung ergaben. Ihr Körper mußte gleichsam den Übergang von der alten dreidimensionalen Welt in die andere vollziehen… ein wenig, wie wenn man plötzlich innerhalb desselben Körpers vom Fisch zum Vogel übergehen müßte.

Aus diesem Grund erschien es ihr auf einmal konkret, materiell, physiologisch, daß die wissenschaftliche Stellung genauso wenig die Lösung des Problems erbringen konnte wie die spirituelle Stellung. Es ging nicht darum, zwischen den beiden zu wählen, sondern um etwas anderes. Die neuen Organe oder die neue Seinsweise und Atemweise konnte ebenso wenig geschaffen werden, indem man mit falschen Augen hinter einem Mikroskop sucht, wie indem man mit anderen falschen Augen in der Andacht sucht: Lange Zeit dachte ich, wenn die Wissenschaft bis ans Ende ihrer Möglichkeiten vordränge, aber in absoluter Weise (falls das möglich ist), dann könnte sie auf das wahre Wissen stoßen. Daß zum Beispiel, indem sie ihre Suche nach der Beschaffenheit der Materie genügend weit vorantreibt, die beiden sich begegnen würden. Doch im Augenblick, als ich die Erfahrung des Übergangs vom ewigen Wahrheitsbewußtsein [das universelle Pulsieren] zum Bewußtsein der individualisierten Welt hatte, erschien mir, daß das unmöglich ist. Wenn du mich aber jetzt fragst, glaube ich, daß das eine wie das andere – die Möglichkeit der Verbindung, indem man die Wissenschaft bis ans Ende verfolgt, und die Unmöglichkeit jeglicher wahren bewußten Verbindung mit der materiellen Welt – beide unzutreffend sind. Da ist etwas anderes. In den letzten Tagen befand ich mich in Gegenwart des gesamten Problems wie noch nie zuvor… Weil sie das Problem in ihrem Körper sah. Da war es keine Metaphysik mehr sondern reine Physiologie. Das “Andere” ist wirklich etwas anderes. Keine Verbesserung, keine Super-Genauigkeit, keine Verherrlichung des Alten: etwas Anderes. Vielleicht sind das zwei Wege [die Wissenschaft und die Spiritualität], die zu einem dritten Punkt führen, den ich… nicht direkt studiere, aber suche – wo beide sich in einem Dritten träfen, das das Wahre wäre. Das sagte sie mir genau einen Monat nach der radikalen Erfahrung. Gewiß ist, wenn das objektive, wissenschaftliche Wissen bis an seine Grenze geführt wird und es ihm gelingt, absolut zu sein, dann führt es zumindest an die Schwelle. Das sagte auch Sri Aurobindo. Er sagte aber auch, es wäre fatal, weil alle, die sich diesem Wissen hingaben, daran glaubten wie an eine absolute Wahrheit, und das verschloß ihnen den Zugang zur anderen Annäherungsweise. In diesem Punkt ist es fatal. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich hinzufügen: für jene, die an die ausschließliche spirituelle Annäherungsweise glaubten – die der inneren Erfahrung –, zumindest wenn es ausschließlich ist, dann ist es auch fatal. Weil sie ihnen einen Aspekt offenbart, eine Wahrheit des Ganzen, aber nicht das Ganze. Die andere Seite erscheint mir genauso unerläßlich, denn als ich so vollkommen in dieser höchsten Verwirklichung war, erschien mir unbestreitbar, daß die andere Verwirklichung – die äußere, lügenhafte – nur eine (wahrscheinlich versehentliche) Entstellung von “etwas” war, das ebenso wahr ist wie die andere. Dieses “etwas” suchen wir – und vielleicht suchen wir es nicht nur sondern schaffen es… Das, was noch für alle unvorstellbar ist, weil es noch nicht besteht. Das ist ein zukünftiger Ausdruck.

Mutter verharrte lange schweigend, nach vorne gebeugt, als lauschte sie dem Pochen dieser Zukunft in ihrem Körper. Das ist wirklich mein gegenwärtiger Bewußtseinszustand. Ich stehe sozusagen angesichts dieses zeitlosen Problems, aber mit einer anderen stellung. Diese Stellungen, die spiritualistische und die “materialistische” (wenn man es so nennen darf), die sich für ausschließlich halten, sind unzureichend, nicht nur, weil sie die jeweils andere nicht zulassen, sondern weil beide zuzulassen und zu vereinen nicht genügt, um das Problem zu lösen. Etwas anderes – ein Drittes, das nicht die Folge dieser beiden ist, sondern etwas, das es zu entdecken gilt, wird vermutlich das Tor zum totalen Wissen öffnen. Dort stehe ich jetzt.

Eine dritte Stellung muß in der Materie geschaffen werden.

Etwas, das sich in diesen großen Wellen bewegen kann, ohne in alle Richtungen zu zerlaufen. Etwas, das sich in allen Körpern erkennen kann, ohne “seinen” Körper unterwegs zu vergessen, das in allen Zeiten leben kann, ohne die Gegenwart zu vergessen, das seine Wahrnehmungen durch noch nicht existierende Organe ausdrücken kann… und das mit anderen Körpern kommunizieren kann, die im alten Rhythmus verblieben sind – ohne durch ihre Stöße zu sterben.

Etwas, das außerhalb des Todes leben kann, während es noch in einem sterblichen Körper und in einer Welt des Todes lebt.

Wie kann man physisch durch den Tod dringen?

Denn all das ist das Bewußtsein des Körpers, ein Zellbewußtsein – und wenn der alte Körper sich auflöst, was bleibt? Selbst wenn sie bewußt sind, brauchen die Zellen einen Körper, der sie zusammenhält.

Ein neuer Körper?

Der aus was besteht?

Oder hat dieses Bewußtsein der Zellen die Macht, den alten Körper zu verwandeln, so wie es die Raupe in den Schmetterling verwandelt?

17. Kapitel: Wo ist denn der Tod?

Mutter spürte deutlich die Dringlichkeit der Lage. Der “Wettlauf zwischen Transformation und Tod” wurde sehr konkret. Die dritte Stellung, die es “herzustellen” galt, mußte im Körper herstellt werden, dabei ging es nicht um irgendeine intellektuelle Stellung. (Hier wirken sämtliche intellektuellen Geschichten von rot oder weiß, für oder gegen und all die “ismen” wirklich so kindisch, daß man sich fragt, wie die Menschen noch darin leben können, wo doch das Wahre, die Bestimmung der Welt, das Ende des Schmerzes, die Überwindung des Todes hier in einer kleinen Zelle liegen!) Im Mental, auch im Herzen und im tiefen Wesen leben wir ein unsterbliches Leben, und sobald man auch nur im geringsten sein Bewußtsein entwickelt hat, erkennt man die Kontinuität der Leben und erinnert sich mehr oder weniger deutlich der vergangenen Umstände, sieht ihre Fortsetzung in diesem Leben und das Entfalten der ewigen Geschichte. Doch der Körper löst sich auf, daran ist nicht zu rütteln. In allen Tonlagen wurde uns zum Trost immer wiederholt, daß all unsere Arbeit nicht verloren geht und diese ganze Bemühung, um die Zellen des höheren Lebens bewußter zu machen, nicht verloren geht – aber das stimmt nicht: es ist völlig verloren. Gesetzt, ich verlasse morgen meinen Körper: dieser Körper wird (nicht sofort, aber nach einiger Zeit) wieder zu Staub, und alles, was ich für diese Zellen tat, nützt nichts mehr, außer daß das Bewußtsein aus den Zellen herauskommt – aber das tut es sowieso! – “Es muß also zu Lebzeiten des Arbeiters vollbracht werden?” fragte ich. – Aber ja! Bevor es zu Ende geht, muß etwas hineinkommen. Ich beharrte mit meiner Frage: “Ja, in deinem Körper, durch deinen Körper muß eine andere Form erarbeitet werden. Nach dem Tod ist es vorbei…” – Folglich ist es Verschwendung. In physischer Hinsicht ist es reine Verschwendung. Beim Mental und Vital ist das eine andere Angelegenheit, das ist nicht weiter interessant; schon sehr lange wissen wir, daß ihr Leben nicht vom Körper abhängt. Aber ich rede vom Körper, daran bin ich interessiert, an den Körperzellen; und dort ist der Tod nichts anderes als Verschwendung. – “Ja, die Transformation muß innerhalb eines Lebens vollzogen werden. Da gibt es kein nächstes Leben sondern nur ein einziges. Der Fortschritt deiner Zellen kann nicht auf einen anderen Körper übertragen werden – außer du bringst einen anderen Körper hervor.” Das hieße, daß vor der Auflösung des Körpers eine neue Schöpfung stattfinden müßte… Eine bestimmte Beschaffenheit der Zellen müßte bewirken, daß die Form zwar verschieden sein kann (die Form kann sich ändern, sie ändert sich ständig und bleibt nie dieselbe), daß aber die bewußten Beziehungen zwischen den Zellen erhalten blieben. – “Das ist nicht unmöglich!” – Es ist mehr als nur möglich, erwiderte sie lachend, man muß nur lernen, es zu tun!

So stellte sich also das “Problem”, doch was bedeutete die “Transformation”? Niemand wußte es, auch Mutter nicht – wie kann man versuchen, etwas zu werden, das man nicht kennt! Was ist dieser neue Körper? Eine Transformation des alten oder etwas anderes, ein unbekanntes Anderes? Das einzig Offensichtliche war, daß diese Zellen etwas anderes hervorbringen mußten, bevor sie sich auflösen, es sei denn, sie fänden ein Mittel, sich nicht aufzulösen. Was ist das Problem in seiner Wahrheit?… In der Wahrheit ist das Wahre unsterblich; einzig die Lüge kann sterben – unsere Körper sind voller Lüge und zersetzendem Gehalt. Wenn die Zellen aber wahr sind, rein wahr, rein Licht sind wie dieses helle Licht im Zentrum, wie könnten sie sich dann zersetzen? Sie können sich nicht zersetzen. Genauso wenig, wie die Seele sich zersetzen kann – es ist dasselbe… Ein trüber Rand umhüllt das zentrale Licht der Zelle. Auf einmal stellt sich uns die Frage, ob das Problem nicht gänzlich falsch ist – ob die gesamte Materie, die wir sehen, nicht falsch, lügenhaft, illusorisch ist: Eine undurchsichtige Hülle verdeckt “etwas” – eine wahre Welt, einen wahren Körper. Dann ist die gesamte Komödie des Todes wirklich eine Komödie: Zieht man den Schleier weg, ist man, genau gleich, und die Welt ist, genau gleich, aber in ihrer Wahrheit. Die Lüge braucht nicht “transformiert” zu werden: Man muß nur die Wahrheit hindurchscheinen lassen. Man muß den Schleier wegziehen. Man muß den Tod verschwinden lassen – das, was den Tod bewirkt. Vielleicht bestand die Arbeit dieser Zellen in Mutters Körper nicht so sehr darin, sich zu transformieren, als den Schleier aufzulösen, das aufzulösen, was alles hindert, hier zu sein, wahr, rein, unsterblich – so, wie es ist. Die Auflösung des trüben Randes um die Zellen.

Der Rand des Todes.

Aber in weltweitem Maßstab?…

Wir haben keine Ahnung, es genügt, das Phänomen weiterzuverfolgen.

Die zwei Zustände

Auch Mutter verfolgte das Phänomen, sogar mehr noch, als daß sie irgend etwas “tat”: Sie wiederholte das Mantra und durchlebte die Schmerzen der Reihe nach. Sie trug den Schmerz der Welt ab. Alles hängt von der Fähigkeit ab, die nötigen Erfahrungen durchzumachen, sagte sie. Es ist nicht etwas, das “getan” werden muß, sondern vielmehr etwas, das es durchzustehen gilt – und aufgrund der Tatsache, daß man es durchsteht, es ohne zu wanken durchstehen kann, entsteht es, automatisch. Das ist die Bedeutung von Mutters langer Durchquerung, in der unterwegs etwas Unaussprechliches entstand.

Immerhin ein sonderbarer Zustand. Wenn eine dritte Stellung sich wirklich abzeichnete, dann geschah es sehr negativ. Selbstverständlich ist der Vogel zunächst sehr “negativ” zum Fisch. Man spürt sehr viel mehr den Fisch, den man hinter sich läßt, als den Vogel, der man wird, und zweifelsohne erkennt man erst, wenn man ihn völlig verlassen hat, plötzlich: “Ah, das ist also der Vogel!” Einen Körper völlig zu verlassen, ohne ihn zu verlassen.… Schwierig. Diese elf Jahre sind das überraschendste Paradox, das die menschliche Spezies je durchmachte. Mutters Paradox ist unser Geheimnis – unser nächstes Geheimnis. Alle gewohnten Rhythmen der materiellen Welt haben sich verändert. Der Körper hatte sein Gefühl des Gesundseins auf bestimmten Schwingungen begründet, und in Gegenwart dieser Schwingungen fühlte er sich gesund; kam etwas, das diese Schwingungen störte, fühlte er, daß er krank wurde oder krank war, je nach Intensität. Jetzt hat sich all das verändert. Diese grundlegenden Schwingungen wurden schlichtweg beseitigt, weggefegt. Die Schwingungen, auf denen er sein Ermessen von Gesundheit oder Krankheit begründete, wurden durch etwas anderes ersetzt, dessen Eigenheit derart beschaffen ist, daß “Gesundheit” und “Krankheit” keinen Sinn mehr ergeben. Nicht nur Gesundheit oder Krankheit schienen in etwas anderes umzuschwingen (obgleich dies ein bedeutendes Grundelement für den Körper ist: darauf basiert sein Funktionieren), das gesamte Leben kippte sonderbarerweise in etwas um, das nicht mehr das Gefühl des “Lebens” hatte, augenscheinlich aber dennoch nicht der Tod war, als wären Leben und Tod ein weiteres Paar Komplizen mit einer unbestimmbaren dritten Bedeutung. Dieses “Unbestimmbare” ist schön und gut für den Intellekt, der schließlich problemlos seine Definition verfehlen kann, ohne daran zu sterben, doch was ist mit dem Körper? Ein Körper, der seine Definition nicht mehr weiß… Mit diesem Humor, der sie nie verließ, erklärte Mutter eines Tages (Juni 1962): Das geht so weit, daß ich, wenn ich nicht die Gemütsruhe der Leute respektierte, sagen würde: Ich weiß nicht, ob ich lebe oder ob ich tot bin! Diese Bemerkung äußerte Mutter dutzendemale, immer häufiger, man könnte sagen immer heftiger, im Laufe der folgenden Jahre. Man hatte das Gefühl, das ganze Geheimnis wäre dort, in diesem Etwas, das nicht mehr “das Leben” ist und das nicht “der Tod” ist – wirklich eine dritte Stellung. Denn es gibt ein Leben, eine bestimmte Schwingung des Lebens, die ist gänzlich unabhängig von… Nein, ich will es anders ausdrücken: Die Art, wie die Leute das Leben gewöhnlich fühlen, ihr Gefühl, lebendig zu sein, ist eng verknüpft mit einer bestimmten Empfindung von sich selbst, die sie haben: ein Gefühl von sich selbst und ihrem Körper. Jetzt beseitige völlig dieses Gefühl, diese Empfindung – diese Beziehung, die die Leute als “ich lebe” oder “ich lebe nicht” bezeichnen: sie existiert nicht mehr! Für mich wurde das völlig beseitigt. In dieser Nacht [im April 1962, die “großen Pulsationen”] wurde das endgültig bereinigt. Es kam nie zurück. Das erscheint unmöglich… Tatsächlich war Mutters Leben elf Jahre lang etwas ganz und gar “Unmögliches”. Das bezeichnen sie aber als “ich lebe”. Ich kann nicht wie sie sagen: “ich lebe” – es ist etwas ganz anderes. Verstehst du, noch ein kleiner Schritt, und ich würde sagen, daß ich starb und… wieder auferstanden bin. Auch dann noch, nicht “auferstanden” in dasselbe Leben, sondern in etwas anderes. Das war wie eine Art Tod, das ist gewiß – vollkommen gewiß –, ich sage es nur nicht, denn… schließlich muß man doch das Gleichgewicht der Leute respektieren! Elf Jahre lang sagte Mutter nichts (und jetzt verstehe ich gut, warum Sri Aurobindo nichts sagte – ich verstehe es immer besser –, weil die ganze Geschichte völlig “unmöglich” ist): Es ist besser, nichts zu sagen, denn sonst fragen sie sich noch, ob sie mich nicht lieber psychiatrisch behandeln lassen sollten! Und sie lachte. Ich habe ein wenig das Gefühl, wie ein brütendes Ei zu sein… das heißt, es braucht eine bestimmte Inkubationszeit, oder nicht? Die Inkubation dauerte bis 1973 – was geschah 1973, als sie dieses sogenannte Leben verließ, das nicht mehr das Leben war, um in diesen angeblichen Tod zu gehen, der auch kein Tod mehr war? Natürlich “lebte” sie nicht mehr – schon seit langem. Und natürlich ist sie nicht tot. Man stirbt nur in diesem “Leben”.

Wo ist sie?

All das geschah ja in einem körperlichen Bewußtsein, das war nicht ihr Mental, das von Unsterblichkeit träumte, sondern ihr Körper, der anders lebte, anders wahrnahm, anders schritt, in etwas anderem war. Was ist dieses “Andere”? Dieses materielle, körperliche Andere. Ein anderer Zustand der Materie in der Materie?

Wie Mutter sagte: an Fragezeichen mangelt es nicht! Und daß der Leser sich nicht einbilde, ich kenne das Geheimnis und hielte es im Ärmel versteckt – ich habe nicht die leiseste Ahnung! Es ist als wollte Mutter es uns von der anderen Seite des Schleiers Schritt für Schritt entdecken lassen; und diese Entdeckung wäre vielleicht der Vorläufer oder Anfang von… ich wage es nicht zu sagen. Wir werden ja sehen.

Vielleicht die “Stunde Gottes”, von der Sri Aurobindo sprach.

Mutter suchte stammelnd Worte, diese dritte Stellung zu beschreiben: Man hat das Gefühl einer so ungeheuren Macht, so frei, so unabhängig von allen Umständen, allen Reaktionen, allen Ereignissen – es hängt nicht davon ab, ob der Körper in diesem oder jenem Zustand ist. Etwas anderes… etwas Anderes. Und sie fügte hinzu: Nur eines hängt vom Körper ab: das Sprechen, der Ausdruck. Wer weiß?… Und Mutter blickte vor sich, in die Zukunft. Ich frage mich, ob dieses “wer weiß” nicht auf meine Feder hier blickte, die jetzt Mutters Geheimnis zu stammeln sucht. Ah, das reicht für heute! brach sie lachend ab.

Ein körperliches Leben, das unabhängig vom Körper wäre?

Welcher Körper?… Eine uns unbekannte Materie. Vielleicht eine Materie, die dabei ist, sich zu entschleiern. Es tüpfelt ja überall.

Trotzdem wollte ich näheres wissen. Wenn es keine “Gesundheit” und keine “Krankheit” mehr gibt (vielleicht auch kein “Leben” und keinen “Tod” mehr), was ist es dann, was spürte sie?… Sie tastete sich in dieser neuen Empfindung voran, die mit den Jahren immer präziser wurde. Gewiß ist es anfangs sehr “mikroskopisch”, es sind keine “wunderwirkenden” Phänomene – wir werden von unseren Vorstellungen des Wunders völlig in die Irre geführt. Das Wunder ist mikroskopisch: es sind Zellen. Wenn eine kleine Zelle sich anders verhält als ihr menschliches genetisches Programm, ist das ein weit ungeheuerlicheres Wunder, als in den Lüften zu fliegen. Es ist genau der Anfang einer anderen Spezies. Es ist das Gefühl einer Harmonie, die unter den Zellen entsteht und immer stärker wird. Dies stellt das richtige Funktionieren dar, welches es auch sei: das hängt nicht mehr vom Magen, vom Herz, von diesem oder jenem ab… Entweder die Harmonie oder der alte tödliche Zustand, wo man Herz, Magen usw. spürt, denen es leicht “schlecht gehen” oder angeblich “gut gehen” kann. Hört man auf dieses Herzklopfen, ist einem der Infarkt sicher. Darauf darf man nicht mehr hören, man muß auf das Andere hören. Hört man nur auf das Andere, geht alles in natürlicher Weise gut, sogar wenn das Herz ins Flimmern geraten zu scheint. Trotzdem besteht die Gewohnheit, auf die alte Art zu hören; darin liegt die ganze Schwierigkeit des Übergangs: diese Gewohnheit in allen Winkeln und unter allen Gesten. Die geringste Kleinigkeit, die diese Harmonie stören will, ist äußerst unangenehm… Typische Untertreibung von Mutter, um zu sagen, daß man sich auf die alte Art sterben fühlt – spürt man es zu sehr, stirbt man wirklich. Zugleich ist da das Wissen, was getan werden muß, um diese Harmonie augenblicklich wiederherzustellen, und wenn die Harmonie wiederhergestellt wird, gibt es keine Störung in den Abläufen. Konkret bedeutet dies, daß Mutter Dutzende Krankheiten des Herzes oder andere durchmachte – kleine tägliche Blitztode –, um den Mechanismus des “richtigen Ablaufs” zu erlernen. Sie lernte die Lektion der Harmonie. Wenn die Harmonie wiederhergestellt wird, gibt es keine Störung in den Abläufen. Wenn man sich aber zum Beispiel aus Neugierde Fragen stellt (eine Geistesstörung beim Menschen) – “Was ist das denn? Was bewirkt das? Was wird passieren?” (sie nennen das “lernen wollen”) –, hat man das Pech, so zu sein, wird einem mit Gewißheit etwas sehr Unangenehmes zustoßen, das den Ärzten zufolge (den Unwissenden zufolge) zu einer Krankheit oder Funktionsstörung wird. Ohne diese ungesunde Neugierde und wenn man im Gegenteil den Willen hat, daß die Harmonie nicht gestört werde, genügt es, um es poetisch auszudrücken [Mutter zeigte ihr kleines neckendes Lächeln], einen Tropfen des Herrn auf die Stelle zu bringen, und es richtet sich. Dann fügte sie hinzu: Der Körper kann nicht mehr auf dieselbe Art wissen, wie er früher wußte.

Insgesamt mußte der Körper eine ganze Welt vergessen, um die neue Welt zu erlernen.

Für eine gewisse Zeit ist man in der Schwebe: nicht mehr dies, noch nicht das [nicht mehr Fisch, noch nicht Vogel]. Gerade dazwischen. Das ist eine schwierige Zeit, wo man sehr ruhig und sehr geduldig sein muß, und vor allem – vor allem – darf man nie Angst haben, nie ungeduldig werden, sich nicht ärgern, denn diese Dinge sind katastrophal. Schwierig ist, daß von allen Seiten und ständig alle idiotischen Suggestionen des gewöhnlichen Denkens kommen: Alter, Zerfall, Möglichkeit des Todes – Krankheit und Verfall, Gebrechlichkeit. Das kommt die ganze Zeit, die ganze Zeit. Dieser arme Körper wird die ganze Zeit davon belästigt, so muß er sich sehr ruhig halten und nicht zuhören, sich einzig damit beschäftigen, seine Schwingungen in einem harmonischen Zustand zu bewahren. Mutters ewiges Problem – vielleicht das einzige Problem: die kleinen umgebenden Muster, die sie ständig mit ihren Suggestionen oder ihrer wohlmeinenden, aber dennoch tödlichen Besorgnis übergossen. Mutters Problem war nicht der Tod sondern der Gedanke des Todes seitens der anderen. Das begriff niemand. Wahrscheinlich gehörte aber auch das zur allgemeinen Arbeit, denn schließlich mußte dieser Schleier für alle und in allen gelüftet werden, was nützte es sonst? Der “dunkle Rand” begann gleich hier.

Der Zustand ohne Tod

Langsam, vorsichtig wurde Mutter im Kreise geführt, und es wird erkenntlich, daß all diese mikroskopischen Erfahrungen zu einem bestimmten Punkt oder einem fast unmerklichen Augenblick führten: dem Übergang von einem Zustand, den wir “Leben” nennen, zu einem anderen, den wir “Tod” nennen. Ihr wurde der Mechanismus des Todes beigebracht. Der Tod ist nichts Aufsehenerregendes sondern etwas sehr Winziges, das einen hinübergleiten läßt. Im Leben muß man den Auslöser des Todes erfassen, in diesen wenigen Sekunden des Übergangs: ein Grenzaugenblick, wo man wie auf beiden Seiten zugleich ist. Die aufsehenerregende Tatsache eines Kadavers ist nur die Vergrößerung oder das Endergebnis eines unmerklichen Abrutschens, das überall stattfinden kann, inmitten der besten gesundheitlichen Verfassung. Dutzende flüchtige Erfahrungen schienen den Schlüssel zu ergeben, dann verschwanden sie wieder, kamen erneut und verschwanden; jedesmal ist man etwas mehr verwundert, jede Erhellung offenbart ein weiteres Mysterium… Mutter tastete sich im Tod voran. Sie hatte keine Angst, sie hatte nie Angst. Ich kenne genügend furchtlose und heldenhafte Menschen, doch diese schwindelerregenden mikroskopischen Fallen erfordern eine Furchtlosigkeit jeder Sekunde, in den Körperzellen: dort darf nichts vibrieren. Dort erhält der “Gleichmut” seine absolute Bedeutung. Alles drehte sich anscheinend um diesen Übergang vom Zustand der Harmonie zum gewöhnlichen Zustand aller Welt, den Mutter manchmal als die Störung bezeichnete (tatsächlich befindet sich unsere gesamte Welt in einem Zustand des Todes, sie stirbt lediglich mehr oder weniger schnell daran, und selbst ihre “Ordnung” ist ebenso tödlich wie der Rest, selbst ihre “Gesundheit” ist so tödlich wie der Rest; im Grunde ist es also der Übergang vom Zustand der Harmonie zum gewöhnlichen alten evolutionären Zustand). Diese “Harmonie” hat offensichtlich wenig mit dem zu tun, was wir normalerweise unter diesem Begriff verstehen. Die Tiere würden besser verstehen, was das bedeutet; hätten sie aber die Fähigkeit zu verstehen, wäre es augenblicklich damit vorbei. Das ist genau, was uns geschah. Dieser Zustand der Harmonie ist gerade der supramentale Zustand. Man muß den Zustand mentalen “Verständnisses” verlassen, der in Wahrheit nicht sonderlich viel versteht (er individualisiert mehr, als daß er verstünde, er baut den Käfig), um in das umfassende Super-Verständnis einzutreten, das “versteht”, weil es der Gegenstand ist, den es verstehen will. Es braucht nicht einmal zu versuchen zu verstehen: es ist einfach, also weiß es automatisch. Und weil es weiß, handelt es automatisch, ohne Fehler. Das ist die Harmonie. Oh, jetzt sehe ich ständig den Unterschied zwischen… (wie soll ich sagen?) dem Leben in geraden Linien und Winkeln und dem wellenförmigen Leben. Das eine Leben ist zerhackt, alles ist schneidend, hart, kantig, und man stößt sich überall; und dann gibt es das wellenförmige Leben, sehr sanft, sehr charmant – sehr liebenswürdig. Aber nicht allzu solide! [Tatsächlich hielt sich Mutter zu dieser Zeit nicht allzu sicher auf den Beinen.] Sonderbar, es ist ein gänzlich anderes Leben… Die Kunst, sich vom Höchsten in die Unendlichkeit tragen zu lassen. Doch es ist eine Unendlichkeit des werdens. Ohne die Härte und all die Stöße des Lebens, die man gewöhnlich fühlt. Die Kunst, sich vom Höchsten in das unendliche Werden tragen zu lassen… Alles, was von hier kommt [Mutter berührt ihre Stirn], ist hart, trocken, widerstrebend – gewalttätig und aggressiv. Sogar guter Wille ist aggressiv, selbst Zuneigung, Zärtlichkeit, Anhänglichkeit – all das ist genauso aggressiv wie alles andere. Wie Rutenschläge. Im Grunde ist das gesamte mentale Leben hart… Stattdessen müßte man das erreichen: diese Kadenz, eine Wellenbewegung von solcher Weite und Macht! – Das ist ungeheuer. Und das stört nichts, es versetzt nichts, stößt nichts. Es erfaßt das Universum in seiner Wellenbewegung – so weich!… Das Gefühl, daß man nicht existiert; das einzige Existierende, also das, was man gewöhnlich “sich selbst” nennt, knirscht und widersetzt sich. Mutter nannte es das “Dornengewand”. Die alte überholte Spezies.

Sie schloß die Augen, und die Worte flossen in kleinen Tropfen von fern, fern, wie durch die Weiten des Raumes: In jedem beliebigen Augenblick, sobald ich aufhöre zu sprechen, zu schreiben oder zu arbeiten, ist es… wie große glückselige Flügel, weit wie die Welt, die sich langsam bewegen… Das Gefühl von riesigen Schwingen – nicht zwei, sondern das breitet sich in alle Richtungen aus. Ständig. Ich habe aber nur daran teil, wenn ich ruhig bleibe… Doch das verläßt mich nie… Die Schwingen des Herrn.

Daß man sich auch nicht täuscht: dies ist kein “poetischer” Zustand, sondern ein sehr konkreter körperlicher (dies muß gesagt werden), genau der Zustand, der die kleine Mirra so sanft auf den Pflastersteinen in Fontainebleau niedersetzte. Die Yogis kennen diese Kraft sehr gut, sie nennen sie laghimâ: die Macht der Leichtigkeit. Hier war es jetzt aber keine “Macht” sondern der natürliche Zustand des Körpers. Mutter hatte allerdings keinerlei Absichten, “Wunder” zu vollbringen und Flugkunststücke vorzuführen, sie suchte etwas viel Ernsthafteres: den Schlüssel zum wahren Leben – das Etwas, wo der Tod nicht mehr ist. In diesem “Wellenzustand” war der Tod natürlich nicht mehr, darin konnte man nicht sterben, es war ein Zustand “ohne Abnutzung”, sagte Mutter: Nichts reibt, es fließt durch den Körper. Eine Ruhe, aber keine harte, inaktive, stagnierende Ruhe, sondern eine Ruhe in der Wellenbewegung… man läßt sich schwimmen. Auf einmal erinnerte ich mich dieser Worte, die mir höchst rätselhaft erschienen, als Mutter sie 1959 aussprach: Man muß den Zustand ohne Tod erreichen. Nicht die Unsterblichkeit, die mir ziemlich kindisch vorkommt: warum wollte man auch tausend Jahre in diesem alten Gerippe verweilen, nein, sondern ein Zustand von solcher Flexibilität, daß er die einschränkende Form in ihrem starren Käfig wandeln kann – der Tod ist in Wirklichkeit die Starrheit. Der Zustand ohne Tod, sagte sie, käme in Zukunft für den physischen menschlichen Körper in Betracht: Es wäre eine ständige Wiedergeburt. Anstatt nach hinten zurückzufallen und sich aufzulösen wegen mangelnder Plastizität und einer Unfähigkeit, sich der universellen Bewegung anzupassen, könnte sich der Körper sozusagen nach vorn auflösen. Das ist leuchtend! Plötzlich begriff ich die wahre Bedeutung dieser Wellenbewegung… der Körper löst sich nach vorn auf. Dabei muß man sich allerdings noch auf den Beinen halten können. Der Übergang zu dieser neuen Spezies ist das Schwierige. Wie kann man sich “auflösen”, ohne alles aufzulösen? Mutter lernte den Übergang von der wahren Bewegung zur falschen (die, in der wir gewöhnlich leben und die letztlich die Bewegung des Todes ist) oder zurück vom tödlichen Zustand zum Zustand ohne Tod: Das ist, als ginge man von etwas Hartem, Präzisen, Definierten zu etwas Sanftem, Fließenden… sanft, hell, hell, und ein solcher Friede!… Als könnte nichts in der Welt diesem Frieden widerstehen. Tatsächlich werden wir entdecken, daß dieser “Friede”, diese “Wellenbewegung” recht überraschende und “wunderbare” Eigenschaften zeitigt, aber es ist ein mikroskopisches Wunder, das eigentliche Wunder der Welt, vor dem alle Flugfähigkeiten Kindereien kleiner Sterblicher sind – nichts widersteht dem, nicht einmal der Tod. Der Tod ist nicht darin. Ich erinnere mich an den Orkan, der nicht in Sri Aurobindos Zimmer eindringen konnte. Allerdings muß man diese wahre Bewegung in der alltäglichen Kleinigkeit finden; der Vogel muß im Fisch hergestellt werden, er muß dort sozusagen in kleinen Dosen eingerichtet werden, damit diese alte Materie sich anpaßt, die Bewegung aushält, ohne sich zu verflüchtigen oder allzu brutal “aufzulösen”. Für die normale äußere, oberflächliche Sicht ließe sich sagen, daß eine drastische Verschlechterung stattgefunden hat [in Mutters Körper], doch der Körper empfindet das überhaupt nicht so. Er fühlt, daß diese oder jene Bewegung, Anstrengung, Geste oder Handlung der Welt der Unwissenheit angehört [d.h. der Welt des Todes] und nicht in der wahren Weise ausgeführt wird: Es ist nicht die wahre Bewegung, nicht auf die wahre Weise ausgeführt, nicht richtig. Er hat das Gefühl oder die Wahrnehmung, daß dieser weiche, sanfte, kantenlose, fließende Zustand sich in bestimmter Weise entwickeln muß und körperliche Ergebnisse bewirken wird, welche die wahre Handlung und den Ausdruck des wahren Willens ermöglichen. Vielleicht wird es äußerlich das gleiche sein (ich weiß es noch nicht), nur auf andere Weise ausgeführt. Ich meine die alltäglichen Gesten jeder Minute: aufstehen, gehen, die Körperpflege – nichts “Großartiges”… Eine Art muß gefunden werden. Aber nicht einfach so mit dem Kopf “finden”, sondern eine Art, die irgendwo entsteht.

Das ist unsere dritte Stellung. Der Zustand, der weder der uns geläufigen Materie angehört noch dem Geist, wie wir ihn uns vorstellen, weder der Gesundheit noch der Krankheit, weder dem “Leben” noch dem “Tod”. Der nächste Zustand der Körper.

Ich verstehe gut, warum Mutter sagte: “Ich weiß nicht, ob ich lebe oder ob ich tot bin!”

Dann fügte sie lachend hinzu: Das geht so weit, daß ich beim Übergang in den alten Zustand plötzlich das Gefühl habe, mein Körper wäre umgeben von Raspeln und Holzstücken… während er sehr bequem in Federkissen gebettet ist. Auch das Zeitgefühl verschwindet gänzlich in… einer inneren Unbewegtheit. Aber eine bewegte Unbewegtheit!… Wenn das so weitergeht, werden sie mich in eine Zelle stecken. Ich höre noch ihr Lachen eines kleinen Mädchens, so hell, so belustigt: Wie amüsant das alles ist!

Es ist sonderbar, erklärte sie abschließend.

Die falsche Stellung

Die schwindelerregenden kleinen Erfahrungen vervielfältigten sich – und ich muß an all das denken, was Sri Aurobindo ertragen, erleiden mußte, dort in seinem großen grünen Armsessel, von so vollkommenem Unverständnis umgeben. Ich weiß nicht, ob die Erde je ein Beispiel von so absoluter Zurückhaltung gesehen hat. Er sagte nichts, kein Wort, beantwortete die tausend idiotischen oder eingebildeten Fragen, und er lebte diesen kleinen Tod, ließ sich sogar sterben, ohne ein einziges Wort darüber zu verlieren, was er für die Erde tat – er wollte tun, sonst nichts. Niemand erfuhr es. Wenn das nicht Liebe ist, was ist es dann?… Doch für alle Zeiten und durch alle Räume gibt es eine große Schwingung, die Sri Aurobindo heißt und die unendliche Schätze für jene eröffnet, die die Wahrheit bis in ihren Körper und in den geringsten Gesten lieben. Da ist ein Geheimnis in der Materie, ein Geheimnis des Lebens in einem Körper, ein winziges und ungeheures Geheimnis. Mutter pochte an die kleinen Türen, an alle Türen, jeder Atemzug ihres Lebens seit 1950 hatte keinen anderen Seinsgrund mehr, als zu finden, zu tun – Sri Aurobindo diesem Tod zu entreißen oder besser das zu entreißen, das ihn verschleiert, den Tod der Welt entreißen, dann wird er hier sein, und die Welt wird wahr sein. Was ist der Tod? Was ist das?… Wir werden völlig irregeführt durch den Kadaver – der Tod ist vorher. Wann ist er? Wie lange schon? Und wo? Wo ist der Punkt des Todes?… Mutter war in diesem weiten rhythmischen Bewußtsein, das Bewußtsein ihres Körpers bewegte sich unerklärlich dort, wie in einer einzigen Bewegung mit dem Körper der Welt – wie der eigentliche Körper der Welt; dort konnte es nicht sterben, es war der Zustand ohne Tod. Aber wie konnte das, was diesen Körper einschloß, diese Hülle, die all diese Zellen zusammenhielt, dieses so Falsche, so Sterbliche, das dennoch die Nicht-Sterblichkeit aufrechthielt, diese Unermeßlichkeit aufrechthielt – ohne es würde sich alles in der großen Unkenntlichkeit verflüchtigen –, wie kann das am anderen Zustand ohne Hülle teilhaben? Was verhindert es? Genau das, was den Tod bewirkt, verhindert es, aber was bewirkt den Tod? Wo ist er?… Mutter ging vom kleinen Körper zum Großen Körper, vom Tod zum Zustand ohne Tod – das ist wie ein Paradox: man könnte meinen, man müsse sterben, um nicht mehr zu sterben… Sterben, was bedeutet das?

Wieder einmal hatte Mutter eine drastische kleine Operation durchgemacht: Wie etwas, das das Leben aus dem Körper hinausschleudern will. Seit drei Tagen ist es eine solche Schlacht… Es ist in keiner Weise mehr das Gefühl einer Krankheit oder so etwas, sondern… Ein sonderbares Gefühl, eine seltsame Wahrnehmung beider Funktionsweisen – man kann nicht einmal mehr sagen, sie würden sich überlagern –, der wahren Funktionsweise und der durch das individuelle Gefühl des individuellen Körpers entstellten Funktionsweise. Das kommt fast gleichzeitig, dadurch ist es so schwierig zu erklären. Das Bewußtsein wird gleichsam in eine bestimmte Stellung gezogen oder geschoben, versetzt, und dort treten die Funktionsstörungen augenblicklich auf – nicht als Konsequenz, sondern das Bewußtsein bemerkt ihre Existenz… Dieses “bemerkt” enthält etwas wie ein flüchtiges Geheimnis. Verbleibt das Bewußtsein lange genug in dieser Stellung, führt das zu dem, was man als Folgen bezeichnet (die Funktionsstörung hat Folgen, Kleinigkeiten, ein physisches Unwohlsein). Wenn aber durch… (ist es durch yogische Disziplin oder das Eingreifen des Herrn? – man kann es nennen, wie man will) wenn das Bewußtsein seine wahre Stellung wieder einnimmt, hört das augenblicklich auf… Die Erfahrung sollte so radikal werden, daß Mutter erkannte, wie man im Bruchteil einer Sekunde unheilbare, chronische oder sogar tödliche Krankheiten heilen konnte (die Filariose ist ein Beispiel): Das ist wie die Umkehrung eines Prismas, sagte sie, genauso plötzlich, genauso “wunderbar” plötzlich, allein durch die Tatsache, daß die wahre Stellung wiedererlangt wird – als würde die Krankheit tatsächlich in einem bestimmten Zustand nicht existieren und in einem anderen wieder existieren. Manchmal sind die beiden Funktionsweisen auch vermischt [schnelles Hin- und Herziehen der Finger der rechten Hand durch die der linken], das heißt, es ist das, dann dies, das und dann dies… von dieser Stellung zur anderen, von der anderen zu dieser usw. – innerhalb einiger Sekunden macht es diese Bewegung [wie vom Leben zum Tod zu gehen, oder besser gesagt vom Tod zum Leben – wir täuschen uns immer in der Richtung – in einem schwindelerregenden Hin und Her]. Da hat man fast die gleichzeitige Wahrnehmung beider Funktionsweisen. Das gab mir die Kenntnis des Phänomens; sonst könnte ich es nicht verstehen, ich würde einfach glauben, es wäre ein Zustand, von dem ich danach in den anderen fiele. Aber… dann ist es gar keine “Krankheit”, gefolgt von einer “Genesung”, sondern etwas anderes. Hier zeichnet sich ein ungeheures Geheimnis ab. Das ist es nicht… Alles, die gesamte Substanz, alle Schwingungen folgen ihrem normalen Lauf, und nur die Wahrnehmung des Bewußtseins ändert sich. Das bedeutet – wenn man dieses Wissen bis an die Grenze verfolgt, es also verallgemeinert –, daß das Leben (was wir gewöhnlich als “Leben” bezeichnen, das physische Leben, das Leben des Körpers) und der Tod dasselbe sind, sie sind gleichzeitig; einzig das Bewußtsein macht so oder so, verlagert sich hierhin oder dorthin. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich mache, doch das ist phantastisch!

Es ist ganz und gar phantastisch. Das Leben und der Tod bestehen gleichzeitig. Es ist nicht erst das Leben und dann der Tod, nicht erst die Krankheit und dann die Genesung, sondern eine selbe Umgebung in etwas, und in dieser selben Umgebung verlagert sich das Bewußtsein von einer Stellung in eine andere, von einer wahren in eine falsche Stellung. Aber wo ist dann der Tod? Es gibt keinen Tod. Nirgendwo! Oder er ist gleichzeitig mit dem Leben, überall, und man geht von einer falschen Stellung des Bewußtseins in eine wahre. Der Tod ist ein Bewußtseinsphänomen… verhärtet, könnte man sagen, oder eingesessen, ein chronischer Zustand falschen Bewußtseins. Doch in der Substanz des Lebens gibt es nichts, das der Tod wäre. Es gibt kein “ich habe Krebs, ich habe Tuberkulose” sondern nur: Ich habe eine falsche Bewußtseinsstellung, die den Krebs bewirkt, die Tuberkulose bewirkt und den Tod bewirkt. Man kann alle Krankheiten vom Kalender streichen, es gibt keine einzige wahre: Es gibt nur ein wahres Bewußtsein und ein falsches Bewußtsein. Es gibt nur eine Krankheit des Bewußtseins, einen Tod des Bewußtseins. Alle Wunder, die keine Wunder sind, sind hier, sobald man das Natürliche wiederherstellt, das die wahre Stellung ist. In einer Sekunde verschwindet die Filariose – sie existiert nicht. In einer Sekunde durchdringt man die Parkinson’sche Krankheit, sie existiert nicht. Der Tod existiert nicht. Es gibt keine physischen Keime, die den Tod verursachen – es gibt keine Keime, nirgendwo. Ist man in der falschen Stellung, kann man an allem sterben, von einem Kratzer oder einem Lufthauch, denn die falsche Stellung bewirkt den Tod. Dies ist der einzige Krankheitserreger.

Mutter sagte “man bemerkt” die Funktionsstörung – man “bemerkt” den Tod –, das heißt, er springt augenblicklich im “normalen Ablauf” hervor. Er ist nicht da, und dann bemerkt man ihn: Die Tatsache, daß man ihn bemerkt, bedeutet, daß man in die falsche Stellung gekommen ist, da tritt automatisch, augenblicklich die Krankheit oder der Tod auf. Das ist kein “anderer” physischer Zustand sondern derselbe reine physische Zustand, mit einem anderen Bewußtseinszustand. Man verfällt nicht der Krankheit, sondern man fällt in die falsche Stellung, und dort ist es der Tod. Man bemerkt ihn.

Diese zwei Stellungen kennzeichnen genau die Durchquerung des Netzes: Man befindet sich außerhalb des Netzes und fällt wieder in das Netz; man ist in der neuen Spezies und fällt wieder in die alte. Die gesamte Erfahrung dieses Hin und Her ist die Durchquerung des Netzes.

Das Netz befindet sich allerdings auf der Ebene der Zellen.

Es ist der dunkle Rand.

Diese Erfahrung hatte ich mit Beispielen, die gar nicht konkreter und banaler sein könnten. Zum Beispiel (dies ist nur ein Beispiel) findet plötzlich diese Verlagerung des Bewußtseins statt (sie ist unmerklich, man bemerkt es nicht, denn ich vermute, wenn man die Zeit hätte, es zu bemerken, würde es nicht geschehen), und man hat das Gefühl, daß man ohnmächtig wird, das heißt alles Blut geht vom Kopf zum Herz und hopp!… Wenn das Bewußtsein jetzt schnell genug wieder in die richtige Lage zurückkehrt, passiert es nicht; wenn es nicht schnell genug zurückkehrt, passiert es tatsächlich. Das scheint zu bedeuten (ich weiß nicht, ob sich das für alle Fälle verallgemeinern läßt oder ob es nur ein Sonderfall ist, der ausgearbeitet wird), aber es ist ein sehr klarer Eindruck, daß das, was sich für das gewöhnliche Bewußtsein der Leute allem Anschein nach durch einen Tod ausdrückt, tatsächlich nur das Bewußtsein ist, das seine wahre Stellung nicht schnell genug wiedererlangt hat… Mir ist klar, daß sich das nichtssagend anhört. Ich spüre deutlich, daß die Worte fehlen oder daß der Ausdruck völlig fehlt, um diese Erfahrung zu erklären. Aber vielleicht liegt es auf dem Weg zur Kenntnis des Phänomens – Kenntnis bedeutet die Macht, es zu ändern. Die Macht über das Phänomen bedeutet, es zu kennen. Kenntnis bedeutet, die Sache erzeugen oder ändern zu können, sie fortdauern zu lassen oder anhalten zu können. Das ist Kenntnis. Alles andere sind Erklärungen, die das Mental sich selber gibt. Ich spüre deutlich, daß etwas mich zur Entdeckung dieser Macht führt – zu diesem Wissen –, natürlich auf dem einzig möglichen Weg: der Erfahrung. Mit großer Vorsicht, denn ich fühle deutlich, daß…

Bleibt eine einzige Frage: Woher stammt die falsche Stellung?

Wenn man es genau betrachtet, ist es ganz und gar ungeheuer…

Und wenn man die Wahrnehmung des Todes beseitigte?

Wenn man wirklich, physisch erkennen würde, daß er nicht existiert…, dann würde er nicht mehr existieren. Etwas Verdrehtes, Falsches, Entstelltes bewirkt die Wahrnehmung des Todes, und durch seine Wahrnehmung bewirkt es, erzeugt es den Tod und alle seine geheiligten Folgen. Doch der Tod ist nirgendwo, in keinem Punkt des physischen Raumes und des physischen Körpers.

Unsere Wahrnehmung ist das Tödliche.

Wo liegt die Wurzel dieser Wahrnehmung?

Das Problem stellt sich in keiner Weise mehr so, daß wir etwas in der Materie ändern müßten, um sie zu hindern, sterblich zu sein: im Bewußtsein muß etwas geändert werden. Es ist ein reines Bewußtseinsphänomen. Nichts hindert diesen Körper, unsterblich zu sein; nichts hindert diese Welt, wahr zu sein – sie sind bereits wahr, bereits unsterblich, außer durch eine bestimmte Wahrnehmung, die sich darüberklebt, sie verdeckt und die tragische Entstellung einer strahlenden Wirklichkeit ergibt.

Offensichtlich bewirkt ein Käfig die Entstellung.

Es ist ein tödlicher Käfig.

Ein Netz.

Doch der Tod ist tot.

Bleibt nur, es “auszuarbeiten”… mit Vorsicht.

***

Jetzt erinnere ich mich mit einem Gefühl der Überwältigung an Worte, die Mutter nur zwei Jahre vor dem Mysterium von 1973 aussprach: Ich bin auf dem Weg zur Entdeckung, welche Illusion zerstört werden muß, damit das physische Leben ununterbrochen sein kann.

Dem Tode sterben

Man könnte einwenden, daß die Vögel in einem vollkommen natürlichen Zustand leben und trotzdem sterben – existiert der Tod aber wirklich für sie? Um den Tod zu bemerken, erfordert es ein “ich”, in Bezug auf das “der Tod existiert”, es erfordert ein “ich sterbe” oder “ich werde sterben”. Dies ist unsere traurige Geschichte (vorübergehend). Bleibt die Tatsache des Todes, ein kleiner erstarrter Körper auf dem Weizenfeld, und man wird uns erwidern, wenn das Bewußtsein des Vogels immer in der wahren Stellung ist, dann dürfte der Tod nicht existieren: der Kadaver. Folglich existiert der Tod irgendwo, selbst wenn er völlig anders empfunden wird als bei uns. Tatsächlich glaube ich, daß der Tod ebensowenig eine feststehende evolutionäre Notwendigkeit ist wie die Außenkiemen der Kaulquappe: Der Tod entwickelt sich, wie das Leben, er ist ein Evolutionsmittel unter Tausenden und Millionen anderen. In einem bestimmten Augenblick braucht die Kaulquappe ihre Kiemen nicht mehr wie auch die Raupe ihren Kokon. In einem bestimmten Ausmaß brauchte das Leben den Tod, um die stagnierenden alten Formen zu brechen – genau gesagt, um die Unfähigkeit, sich fortwährend weiterzuentwickeln, zu brechen: Die Unfähigkeit des Fortschritts bewirkte automatisch den Tod. Das leben hatte Millionen Leben, um sich nach vorn zu katapultieren, es starb nie – mit dem “ich sterbe” begann es zu “sterben”. Mit dem Menschen in seinem Käfig. Das heißt, ein winzig kleiner Zipfel des Lebens bemerkte das “ich sterbe”, während es genau wußte, daß es vollkommen weitergeht. Dieses “ich” ist das ganze Mysterium des Übergangs von einem scheinbar sterblichen Individuum zu einem Individuum, das genügend ich errungen hätte, um alle anderen und den Rest der Welt darin mitzuerfassen, das den Tod – diese alte evolutionäre Krücke – nicht mehr braucht, um sich im universellen Rhythmus weiterzuentwickeln. Das Ziel der Evolution ist ein totales Bewußtsein, so wie das Ziel des Samens der gesamte Baum ist – natürlich auch eine Form, die der Geschmeidigkeit und der Schönheit dieses gesamten Werdens immer besser angepaßt ist. Der Tod hat keinen Seinsgrund mehr, wenn er durch ein anderes Mittel des Fortschritts ersetzt wird: Er verkümmert, muß verkümmern, wie ein überflüssiger Körperteil. Genau das geschieht auf allen Ebenen des individuellen Menschenwesens, sobald es seine Grenzen sprengt: Ein mental bewußtes Individuum (kein diplomierter Papagei oder die, die nur endlos wiederholen, was sie im alten chromosomischen und kulturellen Kreisverkehr sahen-lasen-hörten, sondern ein Wesen, das sich des universellen Mentals bewußt ist, das ein unabhängiges mentales Leben hat) löst sich mental nach dem Tod nicht auf, es bewahrt den errungenen Dynamismus, die besondere Form seines mentalen Lebens, die Eindrücke und Erinnerungen dieses Lebens und trägt sie mit in das nächste Leben als bestimmte Anlagen oder spontane Öffnungen, besondere Begabungen oder Schwierigkeiten. Dies ist eine offensichtliche, konkrete Tatsache für alle, die ein wenig bewußt sind, und auch wenn die Millionen Unbewußten es bestreiten, ist daran nicht zu rütteln. Die Raupe kann den Schmetterling bestreiten, so viel sie will – doch früher oder später wird die Raupe zum Schmetterling. Dasselbe gilt für das Affektivleben, wenn es genügend universell geworden ist, wenn es seinen kleinen sentimentalen Kreis hinreichend gebrochen hat, um größere Dinge als einen genetischen Rundlauf miteinzubeziehen – es kennt keine Auflösung mehr: man begegnet wirklich geliebten Wesen wieder, setzt ein gemeinsames Werk fort. Nur der kleine Kadaver bleibt, er konnte noch nie am universellen Bewußtsein teilnehmen – und solange irgendwo auch nur ein Zipfel des Todes bleibt, kann der Baum nicht vollständig sein. Der Körper ist der letzte Beweis.

Jetzt haben wir das Evolutionsstadium erreicht, wo wir den Körper dank des “ich” zum Bewußtsein seines eigenen Todes bringen konnten – das Bewußtsein des Hindernisses bedeutet bereits das Mittel, es zu überwinden (tatsächlich ist das einzige Hindernis, nicht zu wissen, wo das Hindernis ist). Dank desselben “ich” gelingt es uns nicht, aus dem Tod herauszukommen. Ein Übergang, wo das alte Mittel zur Hinderung wird, so wie gerade die Tugenden des Reptils es hinderten zu fliegen. Die Tugenden der alten Spezies sind das Hindernis der neuen. Das ist die Geschichte aller evolutionären Übergänge. Wenn dies die Bedingungen sind, dann muß der Tod sich weiterentwickeln wie alles andere: entweder aus der Evolution ausscheiden oder sich in das verwandeln, was er verdeckt.

Dies ist genau der Untersuchungsgegenstand.

In der “wahren Stellung” gibt es den Tod nicht mehr. Allerdings müßte der gesamte Körper es wissen: Wenn der Körper vollkommen wahr ist, wird er vollkommen außerhalb des Todes stehen. Nur die Lüge kann sterben, sie ist der Kern des Todes. Wahres stirbt nicht, auf keiner Ebene, nicht einmal auf der des Körpers. Was ist die Lüge in einem Körper? Die Lüge ist der Käfig. Sie ist das “ich bin ganz allein in diesem kleinen Körper, getrennt vom Rest der Welt und den anderen”. Der Käfig bewirkt den Tod. Man muß sich “nach vorn auflösen”, sagte Mutter. Die Lüge ist der nicht fortschreitende Käfig des Vogels oder jeder anderen stagnierenden Spezies, die unfähig ist, ihre zwei Flügel oder vier Pfoten oder Flossen zu verlassen, und dieser Käfig schafft den Tod. Es ist ein anderer Käfig als der unsrige. Es ist nicht derselbe Tod. Es gibt keinen “Tod”, sondern nur ein bestimmtes Phänomen des Lebens, das einen Umweg einschlagen muß, um immer leben, sich immer weiterentwickeln zu können, weil es eingeschlossen wird. Der Tod ist kein grundlegendes Phänomen der Zellen, sondern ein Phänomen des Lebens, das schlecht fließt. Der Tod ist nicht das Gegenteil des Lebens, erklärte Mutter nach einer ihrer Erfahrungen. In diesem Augenblick verstand ich das, und ich vergaß es nie wieder: Der Tod ist nicht das Gegenteil des Lebens.

Das Mysterium ist aber noch viel größer, als wir denken, und vielleicht auch viel einfacher. Eine seltsame Erfahrung wurde Mutter anläßlich des Todes eines Schülers zuteil, der hinfiel, während er in seiner Meditation umherging: Wahrscheinlich wurde er ohnmächtig, fiel hin und brach sich den Schädel. Er hatte eine Gehirnblutung, die ihn “unbewußt” werden ließ (“unbewußt” sagt die moderne Wissenschaft!). Im Augenblick des Unfalls suchte er mich auf, nicht in einer präzisen Form aber in einem Bewußtseinszustand, den ich sofort wiedererkannte. Er blieb hier [bei Mutter], in vollem Vertrauen und in glückseligem Frieden, ohne sich zu rühren… Sie versuchten alles, kämpften, operierten – er rührte sich nicht, nichts rührte sich. Dann erklärten sie eines Tages, er wäre “tot”. Während dieser ganzen Zeit war er hier [bei Mutter], unerschütterlich, bis ich plötzlich ein Zittern verspürte: Ich schaute, und er war verschwunden. Ich war beschäftigt und sah nicht auf die Uhr, aber es war nachmittags. Dann kam jemand und teilte mir mit, daß sie beschlossen hatten, ihn zu verbrennen – und daß sie ihn genau zu dem Zeitpunkt verbrannten… Dieser Mann hatte sich abrupt exteriorisiert, als er auf den Kopf fiel; in dem Augenblick muß er gerade in diesem Zustand des Vertrauens an mich gedacht haben. So kam er und rührte sich nicht mehr – er erfuhr nie, was mit seinem Körper geschehen war. Er wußte nicht, daß er tot war, und wenn sie ihn nicht… Da sagte ich mir: dieser Brauch, die Leute zu verbrennen, ist von schrecklicher Brutalität. Er wußte nicht, daß er tot war, und auf diese weise erfuhr er es! Durch die Reaktion des Formlebens des Körpers… [Hier ist zu vermerken, daß Mutter mit “Formleben” genau das Bewußtsein der Zellen bezeichnet, das zum Beispiel in einer Mumie fortbesteht, wenn sie gut erhalten ist; auf diese Weise ist es möglich, mit ihr in Verbindung zu treten, wie Mutter es im Guimet Museum tat. Durch die heftige Reaktion der Zellen erfuhr dieser Mann also, daß er tot war.] In seinem Zustand hingegen hatte es keinerlei Unterschied für ihn gemacht, tot oder lebendig zu sein… Dies ist das Interessante. Er befand sich in einem gleichbleibenden glückseligen, vertrauenden, friedlichen Zustand – er hätte nie erfahren, daß er tot war.

Das war wie eine Offenbarung für Mutter… eine Offenbarung in ihrem Körper, nicht im Kopf. Plötzlich sagte ich mir: Aber er fuhr fort zu sein, zu leben, Erfahrungen zu haben, vollkommen unabhängig von seinem Körper, ohne in irgendeiner Weise seinen Körper zu brauchen, um seine Erfahrungen fortzusetzen. Was ist dann dieser “Körper”, den man verbrennt? Und dieser andere “Körper”, der seine Erfahrung fortsetzt, unabhängig von dem, den man verbrennt?… Heißt das, es gäbe sozusagen einen Körper des Zellbewußtseins, unabhängig vom Leben oder “Tod” des sichtbaren materiellen Körpers – vielleicht eine falsche Materie? Und eine wahre, in der wir weiterleben? Eine weitere zu erleuchtende Frage, aber die Tatsache, die plötzliche Offenbarung ist, daß Mutter sich ihres eigenen Übergangs in der umgekehrten Richtung erinnerte – nicht mehr vom Leben zum “Tod” wie dieser Schüler, sondern vom angeblichen “Tod” zum Leben –, während der Erfahrung vom April 1962, als sie wie tot war, in diesen großen Pulsationen verschwunden, auf der anderen Seite des Netzes, und dann “wieder auferstand”… Im Augenblick des Übergangs, kurz bevor sie wieder an den Körper anknüpfte (die Leute hatten noch nicht die Zeit gehabt, ihn zu beerdigen), sah oder erkannte sie etwas Unbestimmbares, Leuchtendes, das wie das gesamte Geheimnis war: Aber man braucht doch nur dem Tode sterben, dann ist es geschafft!… Dem Tod sterben, das heißt unfähig werden zu sterben, weil der tod keine wirklichkeit mehr hat… Das war hell… Das war von überwältigender Macht. Dazu das Gefühl: leicht, leicht! Keine Frage von schwierig oder leicht, sondern spontan, natürlich und so lächelnd! Dieses “dem Tod sterben” war so voller Freude. Eine solche Freude!… Ich hätte gesagt: Aber das ist doch offensichtlich! Seht ihr denn nicht, daß es selbstverständlich ist? Das ist es, man braucht nur dem Tode zu sterben, dann ist es geschafft!

Das war, wie wenn man am Rande von etwas steht, wie ein Blitz: Es ist geschafft! Ich werde es einfangen, hier ist es, es ist geschafft!… Eine Erfahrung weniger Sekunden, die das Gefühl gab, das wesentlichste Problem wäre gelöst. Dann…

Dann verflüchtigt sich wieder alles – man ist wieder hineingefallen.

Es war eine Frage der Zellen und des Zellbewußtseins, schloß Mutter ab.

Ein Bewußtsein der Zellen, für das der Tod unwirklich ist, nicht existiert… Sich des Todes bewußt zu werden, heißt sterben. Etwas wird sich des Todes bewußt und stirbt – stirbt, weil es sich “dessen” bewußt wird. Weil es in die falsche Stellung rutscht. Allerdings muß man zu Lebzeiten den Tod vergessen lernen (nicht erst danach, wie der Schüler). Der Körper muß lernen, den Tod zu vergessen – er vergißt, und der Tod existiert nicht mehr. Man muß dort leben, wo das Todesbewußtsein nicht mehr existiert. Im Körper gibt es sozusagen zwei Schichten: eine zellulare Schicht, für die es den Tod nicht gibt, und die andere… die Kruste. Der dunkle Rand. Da ist etwas wie eine Mauer im Körper zwischen zwei Arten von Leben. Eine Illusion des Todes auf der Oberfläche – man muß die Illusion verlieren, und es ist geschafft. Man muß dem Tod sterben. Es gibt keinen Tod, sondern nur einen Schleier von etwas, der den Tod schafft. Eine wahre Stellung, eine falsche Stellung. Einfach, einfach… natürlich. Ein Stellungswechsel muß im Körper vollzogen werden.

Doch der Körper muß das begreifen.

Was ich begreifen nenne bedeutet, die Macht zu haben, es zu tun und es aufzulösen. Das nenne ich begreifen. In diesem Fall würde das bedeuten, den Tod gleichermaßen geben und verhindern zu können, die nötigen Kräftebewegungen zu vollziehen: fast eine Wirkung auf die Zellen, fast eine mechanische Wirkung auf der Ebene der Zellen. Diese Macht würde bewirken, daß man den Tod geben kann und den Tod verhindern kann – man kann sehr leicht verhindern, daß er hier oder dort auftritt; man kann so oder so machen [Geste, das Bewußtsein zur einen oder zur anderen Seite zu ziehen].

Ein Schleier muß im materiellen Bewußtsein der Erde gezogen werden. Ein Umschwingen in die richtige Stellung.

Nichts wird verändert: nur die Stellung des Bewußtseins ändert sich. Die Welt bleibt die gleiche, und alles ist wahr. Das Leben bleibt dasselbe, und der Tod ist nicht mehr. Der Tod ist die Lüge der Welt… Eine notwendige Illusion, um die Illusion der mentalen Individualisierung zu überwinden, ihr die Kraft und das Bedürfnis zu verleihen, ihre eigene Falle zu zerbrechen.

Offensichtlich wird das eine neue Phase des irdischen Lebens sein.

Ich sehe deutlich eine Kurve von Erfahrungen, die dorthin führt – wo der Tod nichts mehr bedeutet. Dort wird man sagen können: Jetzt bedeutet er nichts mehr. Erst da wird man sicher sein… Man kann den Tod erst überwinden, wenn er keinen Sinn mehr hat.

Dies ist die wahre Stellung: die, wo der Tod keinen Sinn mehr hat.

Keine intellektuelle Stellung, sondern eine zellulare.

Ein dunkler Rand der Zellen muß geheilt oder gereinigt werden.

18. Kapitel: Die Zeitveränderung

Jahrelang sollte Mutter in einer schwindelerregenden mikroskopischen Wechselbewegung vom Leben in den Tod und vom Tod ins Leben gehen – ein Sterben in jeder Minute könnte man es nennen –, wie um das Geheimnis des Übergangs zu erlernen, diese winzige Sekunde, wo das Leben vergeht und man in den Tod eintritt, da muß man schnell sein… Jetzt, wo wir den Vorgang mehr oder weniger verstehen, erscheint er uns einigermaßen rational, aber versuche doch einmal einer, einem sterbenden Körper zu erklären, sein Tod sei “rational”! Es bedurfte wahrhaftig solider Nerven – denn wenn man nicht weiß, daß sich hier ein bestimmter Vorgang abspielt, fragt man sich ganz einfach, ob es das “Alter” ist oder das Zeichen des “Endes”? Genau das fingen die Musterexemplare ihrer Umgebung heimlich an zu denken – aber die Musterexemplare “umgaben” sie nicht mehr, sondern waren voll und ganz in Mutter, und es war, “als ob” ihr eigener Körper all ihre Reaktionen selber erlebte. Was tun…? Natürlich war mir Mutters winzige “Wechselbewegung” in den “prekären” Zustand (!), wie wir es nennen könnten, nicht entgangen, und ich konnte auch beobachten, wie dies selbst mich in einen Zustand unterdrückten Sturms versetzte: alles knirschte. Bis ich Mutter schließlich sagte: “Merkwürdig, jedesmal wenn du in Schwierigkeiten bist, knirscht es innen.” – Oh, mein Kind, gerade wollte ich dir sagen: sei nicht schlecht gelaunt, du machst mich krank! Und so ist es. Da waren all die Krankheiten der kleinen Musterexemplare ihrer Umgebung (oder auch in beträchtlicher Entfernung, Tausende von Musterexemplaren: sie waren überall). Sie mußte wohl oder übel durch den Tod jedes einzelnen gehen. Jeden Augenblick ertappe ich mich dabei, dies oder jenes zu sein, dies oder jenes zu tun – alle Dinge, die man gar nicht zu sein hat. All das kommt in dieser Weise auf mich zu, als sei es in mir, und ich ertappe mich dabei, so oder so zu sein… Dann sagt etwas (all das spielt sich im Körperbewußtsein ab), der Körper sagt: “Oh, so bin ich also noch, wie jämmerlich!” Und die augenblickliche Antwort lautet: “Aber siehst du denn nicht, siehst du denn nicht den Nutzen, der darin liegt?” Woraufhin man mir ein ganzes Geflecht von Bewegungen, Vibrationen, Reaktionen, Handlungen zeigt… Und alles erklärt sich, alles ist an seinem Platz. Daran kann man deutlich sehen, daß es reiner Egoismus ist, die individuelle, persönliche Perfektion anstreben zu wollen: Anstatt den globalen Fortschritt zu wollen, verlangt es ihn nach persönlichem Fortschritt, und obendrein bringt er Teilungen mit ins Spiel, da, wo es gar keine gibt, Trennungen da, wo gar keine existieren, während es doch darum geht, daß man einer Bewegung den Durchgang [durch den Körper] erlauben muß, damit die gesamtheit ihren Weg gehen kann – das ist höchst interessant. Mutter konnte einem das sehr nüchtern sagen, nur wenige Minuten, nachdem sie in ein anderes Etwas “gekippt” war, das jeden anderen erschreckt hätte. Und sie fügte hinzu: Das Ganze muß gleichzeitig vorangehen, man kann nicht einfach ein Stück heraustrennen, um es zu vervollkommnen – das geht nicht! Das ist unmöglich. Nicht daß es nicht sein darf: es kann nicht sein. Alles hängt zusammen.

Aber es ist eine unübersehbare Arbeit…

Jetzt mögen wir den Grund dieser schrecklichen Wechselbewegung verstehen – aber Mutter selbst verstand nicht genau, wohin das alles führte. Es muß eine gewisse Gesetzmäßigkeit geben (eine Gesetzmäßigkeit, die eine uns weit übertreffende Weisheit zum Ausdruck bringt), denn es scheint einer Art Kurve zu folgen, die mir unverständlich bleibt, weil ich mich in der Kurve befinde. Erst wenn es zu Ende ist, wenn man das Ziel erreicht hat, versteht man die Sache. Doch ich bin noch mittendrin, vielleicht erst ganz am Anfang… Mutter wird es nie “verstehen” (es liegt gewissermaßen an uns, es zu verstehen): Sie schuf den Weg. Sie lebte das Phänomen. Und das Ziel?… Erst wenn alles getan ist, werden wir das Phänomen wirklich begreifen. Vielleicht versuchen wir hier, es zu bändigen, damit es sich uns schneller erschließt.

Das andere Zimmer

Dennoch schien die “Kurve” jedesmal auf einen ganz bestimmten Punkt zu stoßen: Es ist sehr seltsam, mindestens fünfzigmal am Tag passiert mir etwas (vor allem nachts ist es sehr, sehr deutlich), es ist… als ginge man von einem Zimmer in ein anderes oder von einem Haus in ein anderes, und man durchschreitet die Tür oder die Mauer, ohne es zu merken, automatisch… Hier taucht plötzlich wieder Sri Aurobindos “Wand” in strahlender Bedeutung vor uns auf. In dem einen “Zimmer” zu sein, drückt sich äußerlich durch einen sehr behaglichen Zustand aus, in dem es überhaupt keinen Schmerz gibt, nirgendwo, nur ein großer Friede, ein heiterer Friede in vollkommener Stille – jedenfalls ein idealer Zustand, der manchmal sehr lange dauert. Dann plötzlich, ohne erkenntlichen Grund (noch ist mir nicht gelungen herauszufinden, wie und warum) scheint man… in das andere Zimmer oder in das andere Haus zu fallen, so als hätte man einen falschen Schritt getan, und schon schmerzt es hier und schmerzt es dort… Mit anderen Worten sind die beiden Zustände jetzt voneinander unterscheidbar – spürbar unterscheidbar –, aber ich habe noch nicht das Wie und das Warum herausgefunden, ob es etwas ist, das von “außen” kommt, oder ob es sich einfach um eine alte Falte handelt – ja, es macht auf mich den Eindruck einer alten Falte in einem Stoff: Weißt du, da kannst du so viel bügeln, wie du willst, die Falte bildet sich immer wieder. Und wenn ich mich im Zustand der alten Falte befinde, dann… Aller Schmerz der Welt in einer alten Falte. Aber wo liegt die “Falte”? Mutter kehrte immer und immer wieder zu dieser Erfahrung zurück, wie um ihr das Geheimnis zu entreißen, als sei der Tod wirklich dieses winzige Etwas, das einen ins “andere Zimmer” kippen läßt – sozusagen, um den Tod lebend am Kragen zu packen. Ich befinde mich in einer Lage, wo alles wie ein ruhiger Fluß des Friedens fließt – es ist wirklich wunderbar: Die ganze Schöpfung, das ganze Leben, alle Bewegungen, alle Dinge, all das ist wie eine einzige masse, und dieser Körper inmitten von all dem ist ein sehr einheitlicher Teil davon. Es fließt wie ein Fluß des Friedens, friedlich, lächelnd, unendlich weit. Dann stolpert man plötzlich, klack! und erneut ist man festgelegt: Man ist irgendwo, es ist irgendein Zeitpunkt, und dann gibt es Schmerzen hier, Schmerzen dort, Schmerzen… Dieses “Festgelegtsein” erinnert uns sehr deutlich an den Käfig. Dieser Käfig scheint auch an eine gewisse zeitliche Wahrnehmung gebunden zu sein. Könnte man doch den Mechanismus herausfinden! rief Mutter aus… Es handelt sich offensichtlich um etwas, das eng mit den anderen Leuten verbunden ist und das antwortet. Aber ich kann diese Bindung nicht lösen. Schließlich will ich es nicht für mich allein herausfinden, das wäre völlig bedeutungslos für mich, dafür bin ich nicht geblieben. Ich muß den Mechanismus herausfinden.

Dann konnte Mutter den Schuldigen plötzlich beim Namen nennen – und zwar einen kolossal Schuldigen, vielleicht sogar denjenigen, der den Tod verursacht und gewiß alle unsere Schmerzen. Ihn beim Namen zu nennen, bedeutet schon den Anfang der Teufelsaustreibung. Eine amüsante “visuelle” Erfahrung: Ich wollte einige Leute auf dem anderen Ufer eines Flusses aufsuchen. Gewöhnlich war das Wasser dieses Flusses keineswegs sauber, und man benötigte ein Boot oder etwas, um es zu überqueren, aber gestern befand ich mich in einem besonderen Zustand, wo ich mich auf das Wasser setzte und sagte: Ich gehe dorthin. Völlig natürlich wurde ich getragen: Eine reine, kristallklare Strömung trug mich einfach dorthin, wo ich wollte. Das war ein sehr angenehmes Gefühl: Heiter lächelnd saß ich auf dem Wasser und wurde, prrt! auf die andere Seite getragen. Ich sagte mir: Ah, das ist hervorragend! Ob das wohl so weitergeht? Dann sagte ich erneut: Ich gehe dorthin, das heißt zurück, und prrt! kehrte ich zurück… Dann kam jemand (dies sind symbolische Personen, die zum Teil mit den Leuten meiner Umgebung wesensgleich zu sein scheinen: Nicht daß ich sagen könnte, es sei “dieser” oder “jener”, aber in diesem oder in jenem ist etwas vertreten). Hier kam also einer, der wie ein “großer Bruder” in gewissen Situationen hilft (auf einem Schiff wäre der große Bruder zum Beispiel derjenige, der das Schiff steuert). Er kam und sagte mir: “Ja, ich kenne ein Mittel”, und fing an zu versuchen. Ich sagte: “Nein! Du Unglückseliger, du wirst alles verderben! Ich brauche nur zu sagen, ich will dorthin gehen, und es geschieht.” Als er mich mit seinen Mitteln übers Wasser befördern wollte, wurde das Wasser trübe, und ich fing an, darin zu versinken! Deshalb protestierte ich und sagte ihm: “Nein, nein, nein, nicht so, denn so geht es auf keinen Fall! Wichtig ist, daß das (ein gewisser Wille) sagt: ich will dorthin gehen, dann klappt es…” Das Wasser war so echt! Klar, klar, transparent, mit winzigen Wellenbewegungen und dunkelblauen Tiefen, aber an der Oberfläche war es vollkommen hell und transparent, wie farblos. Diese Erfahrung war so wirklich, daß ich die Frische des Wassers spürte. Dazu das angenehme Gefühl, auf etwas sehr Weichem, sehr Schnellem und sehr Frischem zu sitzen, das mich davontrug… Als dann der “große Bruder” kam und sich brüstete, er wüßte es auch und könnte mich hinüberbringen, wurde es trübe. Geradeso wie das Wasser der Flüsse immer ist: schlammig, gelblich oder grau. Und Mutter schaute eine Weile… Es muß sich um die Fortsetzung der Erfahrung der Wechselbewegung vom einen Zimmer ins andere handeln. Ich war gerade dabei, den Schlüssel zu finden. Tatsächlich verdeutlicht dies den gesamten Mechanismus, der uns von einem klaren Leben in ein schlammiges Leben, von einem einfachen und unmittelbaren Leben in ein schmerzliches, kompliziertes und letztlich tödliches Leben kippen läßt. Das Leben im Netz und außerhalb des Netzes.

Wer ist dieser “große Bruder”?

Nach einigem Nachsinnen sagte Mutter plötzlich: Ich glaube, es ist das materielle Wissen, mit anderen Worten die höhere Instanz des physischen Mentals, das den Zutritt zum wahren Zimmer verwehrt. Denn ich sagte bloß: ich will dorthin gehen (das heißt, es war ein kristallklarer, eindeutiger Wille). Ich muß sagen: ich will gehen – jedenfalls nicht das, nicht auf deine Weise!

Das physische Mental läßt uns ins sterbliche Zimmer kippen.

Sogleich erinnerte ich mich an die kleine Geschichte, die Madame Alexandra David-Neel Mutter anfangs dieses Jahrhunderts erzählte: von einem kleinen Fluß in Indonesien, den sie, ohne zu wissen wie, meditierend überquert hatte (sie meditierte beim Gehen), und dem sie dann, nachdem sie aus ihrer Meditation zurückgekehrt war, abermals gegenüberstand und (diesmal) wohl oder übel durchschwimmen mußte. Eine ebenso klare Sache wie Mutters Vision! Das physische Mental schläft (betäubt von der Meditation), es bemerkt den Fluß nicht und überquert ihn ausgezeichnet. Man erwacht (oder kehrt aus der Meditation zurück) und bemerkt den Fluß – ja, dann heißt es, ihn zu durchschwimmen, oder man braucht ein Boot, ein Mittel: die Millionen Mittel und Tricks, die das physische Mental in seinem Käfig fabriziert hat. Es selbst bemerkt seine Schwierigkeit, bemerkt seine Krankheit, bemerkt den Tod, bemerkt das schlammige Wasser – es ist der katastrophale “große Bruder”. Es ist der sehr gelehrte große Bruder, der alle Katastrophen, die er erfunden hat, aufzulösen weiß. Er hat alles erfunden… Er hat sogar den Tod erfunden – den Schmerz erfunden, die Last, die Schwerkraft, die Medizin (das schlimmste Unheil der ganzen Menschheit) und Düsenflugzeuge, um seinen eigenen Wahn zu besiegen.

Er ist es, der als erster die Welt bemerkt.

Er ist der finstere Rand, der die Zellen wie eine Krake umschließt.

So läßt sich das “man muß dem Tode sterben” wirklich vollkommen verstehen – all das darf keinen Sinn mehr haben. Genau dieser Sinn muß im Körper aufgelöst werden, diese Art Hypnose des physischen Mentals, die das klare und freie Bewußtsein des zellularen Mentals gefangen hält, für das all das nicht existiert. Man geht in das andere Zimmer, wo es nicht mehr existiert.

Ein anderes Leben im Leben.

Man muß das erkennen, was ist.

Es gibt ein “ich will” im Körper zu entdecken.

Dann wird es wirklich eine “neue Phase des Lebens auf der Erde” sein.

Einfach, einfach! Natürlich.

Die Freude der Zellen

Der hübsche Fluß wurde trübe. Dennoch war es derselbe Fluß…

Wir beginnen zu ahnen, mit welchem Mechanismus der Mensch sich von einer Anzahl schwerfälliger Gesetze und Mittel befreien könnte, um zu einem Leben zu gelangen, das man als “unmittelbarer” bezeichnen könnte. Sich in die Lüfte zu erheben oder auf den Wassern zu wandeln, trifft allerdings wirklich nicht den Kern des Problems und kann den Zirkusleuten überlassen bleiben – alles, das Lebensprinzip selbst, muß sich ändern. Ein weitaus unklarerer Vorgang: eine langwierige Arbeit, untergründig, unsichtbar, kaum wahrnehmbar, um bis zur Quelle des Übels zurückzugehen und das herauszufinden, was den hübschen Fluß des Lebens trübt. Das Übel aufzulösen, das war es, was Mutter suchte. Es bedeutet einen unendlich langwierigen physischen Prozeß, um den Augenblick und das Wie des Übels herauszufinden. Ursprünglich war das Wasser klar, das ist sicher – es existiert ein klares Wasser des Lebens. Wie wurde es zu dieser Lüge und zu diesem… künstlichen Tod? Manchmal schien es, als bekäme Mutter einen Schlüssel zu fassen, und jedesmal war es vielleicht tatsächlich der Schlüssel, aber scheinbar mußten viele Schlüssel berührt und viele Punkte umkreist werden, um auf den zentralen Punkt zu stoßen, wo alle Schlüssel gleichzeitig und möglicherweise auf einen Schlag passen. Ich steckte mitten in diesem Lügenbrei, erzählte mir Mutter nach einer weiteren dieser unzähligen schwindelerregenden “Wechselbewegungen”, es war wirklich qualvoll, und ich verfolgte es bis in die feinsten Vibrationen – jene, die zum Ursprung des Augenblick führen, wo die Wahrheit zur Lüge werden konnte: wie es geschah. Aber diese Entstellung, diese ursprüngliche Verzerrung ist so fein, kaum wahrnehmbar, daß man ein wenig den Mut verliert und sich sagt: wie leicht könnte ich wieder kippen. Die geringste Kleinigkeit genügt, und schon kippt man wieder in die Lüge: in die Entstellung. Ich erinnere an Sri Aurobindos Worte: “Ein verzerrender Zauber”. Denn es ist wirklich und genau wie eine Verzerrung – ja, ein gewisser Brechungsindex, und schon ist alles krumm und schief und sterblich. Es ist wie etwas Klebriges, das einen umgibt, das einen von allen Seiten berührt: Man kommt nicht voran, man kann nichts tun, ohne diesen schwarzen und klebrigen Fingern der Lüge zu begegnen. Es war ein sehr trauriges Gefühl. Letzte Nacht kam es dann wie eine Antwort: Es war, als ließe man mich das mittel leben, diese Lüge in Wahrheit zu verwandeln, das war so freudig… Es kommt offensichtlich einer Schwingung der Freude gleich, die fähig ist, die Schwingung der Lüge aufzulösen und zu überwinden. Es war sehr klar: Nicht die Anstrengung, nicht die Rechtschaffenheit, weder Skrupel noch Starrheit vermögen das – nichts von alledem – das hat überhaupt keine Wirkung auf diese Traurigkeit (es ist eine Traurigkeit) der Lüge, es ist etwas so Trauriges, so machtloses, so Miserables… Die ungeheure grundsätzliche Machtlosigkeit dieser die Welt umschließenden kolossalen Mechanik, die wie ein Gelähmter sich ständig neue Arme und Beine erfinden muß, um das zu ersetzen, was ihm verloren gegangen ist, die sogar versucht, sich verbesserte genetische Kode zu basteln. Es ist traurig, es ist lächerlich auf allen Seiten. Nur eine Schwingung der Freude vermag das zu ändern. Es war eine Schwingung, die wie silbriges Wasser floß. Das bedeutet, daß weder Strenge noch Askese, nicht einmal eine intensive und strenge Aspiration, jede Art von Strenge, daß all das keinerlei Wirkung erzielt – die Lüge bleibt im Hintergrund bestehen, ohne sich zu rühren. Nur dem Sprudeln der Freude kann sie nicht widerstehen. Und Mutter fuhr fort: Ich hatte sogar die Vision der Art und Weise, wie die Zellen im Innern vibrieren: Es war eine ganz silbrige, sprudelnde, bebende, aber sehr gleichmäßige und präzise Schwingung. Wie soll ich es erklären?… Es war in den Zellen der Gegensatz zur Lüge. Es war wie winzige Explosionen silbrigen Lichts.

Immer wieder werden wir zur Zelle zurückgeführt. Man wird uns sagen, daß man die Freude nicht auf Befehl hervorzaubern kann – aber das ist nicht nötig! Die Zellen sind die Freude. In ihnen steckt eine Freude, so als lebe endlich alles ganz natürlich. Als sei die Grundlage der Existenz diese Freude und diese Liebe. Wenn wir darin sind, darin leben, ist mit Sicherheit alles gelöst, es ist das klare Leben, das wahre Leben, das “göttliche Leben”. Aber kann man allein darin leben? Die kleine Zelle ist genau das, was man nicht vom Rest der Welt abtrennen kann: sie ist die ganze Welt, das Universum. Der Durchgang muß für alle gefunden werden. Und was bewirkt eigentlich, daß man ins alte Zimmer kippt? Diese kleine Grenzlinie oder Trennwand vom einen zum anderen: von der Entstellung zum unverzerrten Zustand? Wir haben ein hübsches Etikett gefunden: “das physische Mental”. Das ist sehr bequem und ähnelt dem Arzt, der feststellt: Das ist Tetanus! Mutter stellte kein neues Lexikon für die Super-Wissenschaftler von morgen auf. Sie tastete sich im Mechanismus voran. Oben im Mental und darüber geht alles bestens – alles geht bestens. Die wirklich große Schwierigkeit besteht darin, das Physische zu ändern, die Materie zu ändern. Man hat den Eindruck, etwas berührt zu haben, ein Geheimnis berührt zu haben, einen Schlüssel erfaßt zu haben – aber eine Minute später, pfft! funktioniert es nicht mehr, es ist ungenügend… Und plötzlich – ganz plötzlich [die Schlagartigkeit des Phänomens frappierte Mutter jedesmal] eine überwältigende Antwort: Sämtliche Unordnung verschwindet, nicht nur innerlich, auch ringsum (manchmal in einem sehr weiten Umfeld), und alles ordnet und harmonisiert sich automatisch, ohne die geringste Mühe, und beginnt, sich in einer außergewöhnlichen wachsenden Harmonie zu bewegen; dann, ohne erkennbaren Grund, ohne daß sich irgend etwas im Bewußtsein und in den äußeren Umständen geändert hätte, prrt! kehrt es zu dem zurück, was es vorher war – Unordnung, Konflikt, Chaos, Reiberei. Wohlbemerkt reichten “die Reibereien” von einer kleinen schmerzhaften Nevritis bis zu den Grenzen Turkistans, wo die Chinesen Indien angriffen – es war ein und dieselbe Bewegung; alles war immer ein und dieselbe Bewegung, es war eine Art Allgemeinkörper: Es ist ein intensiver Kampf [im Körper] gegen die ständige Verneinung des gesamten höheren Lebens… Äußerlich kehrten die Schwierigkeiten zurück, indem die Chinesen erneut mit Eroberungslust erfüllt zu sein scheinen – sie sammeln Streitkräfte an der Grenze. Im Grunde handelt es sich vielleicht wirklich um einen ziemlich heftigen Konflikt zwischen dem Ja und dem Nein, das heißt zwischen all dem, das darum kämpft, die Ankunft des Neuen zu beschleunigen, und all dem, das sich widersetzt – das sich mit steigender Gewalt widersetzt. Das war 1963, das Jahr, in dem Kennedy ermordet wurde… Da man sich des Warums [dieser Wechselbewegung] nicht bewußt ist, verfügt man auch nicht über den Schlüssel. Mit anderen Worten, je weiter man vorangeht, je näher man dem Ziel kommt, desto… unerklärlicher scheint es zu sein.

Je näher sie dem Ziel, dem Mechanismus dieser winzigen Wechselbewegung kam, desto mehr schien es sich in ihrem Körper ebenso wie “draußen” zu entfesseln – etwas, das nein sagt. Wir scheinen immer zu diesem Etwas im tiefsten Grund des Lebens zurückgeführt zu werden, für das das Leben eine Katastrophe bedeutete. Etwas im Innern der Körpersubstanz, das nicht will, das nein sagt – das sterben will, als sei der Tod das Ende all seines Leids. Die selige Unbeweglichkeit des Steines. Etwas, das auf hoffnungslose Weise im Innern des Körpers in Panik geraten ist und nun unermüdlich seine winzige spasmische Bewegung, sein winziges sterbliches Zittern fortsetzt, um alles zum Erstarren und Innehalten zu bringen, um das Leben endlich in einer unveränderlichen Lage zu versiegeln. Die gewaltige Lahmlegung der Mechanik. Und direkt darunter (unter was?) befindet sich die Freude der Zellen. Das Sprudeln dieser Zellen, das freie universelle Fließen wie ein kleiner silbriger Fluß… Da ist dieses nein im Körper der Welt und direkt darunter das ja. Zwei Körper in einem. Was trennt die beiden?

Das sterbliche Zittern

Mutter folgte dem Phänomen “bis in die feinsten Schwingungen”. In dieser für uns unvorstellbaren Transparenz, die ihr eigen geworden war, wurden die feinsten Schwingungen mit einer sozusagen mikroskopischen Präzision wahrgenommen: Es gleicht einem äußerst empfindlichen Empfangsgerät, aber ohne jegliche Reaktion [alles ging durch sie hindurch, ohne den geringsten Schauder einer Reaktion – und so konnte alles hindurchkommen, angefangen von dieser ungeheuren supramentalen Kraft, die auf mich persönlich den Eindruck machte, als würde ich auf der Stelle erdrückt, bis hin zum winzigsten, für uns kaum wahrnehmbaren Hauch, ja, selbst bis zum Geruch einer Atombombenexplosion]. Die physische Realität ist ausschließlich zu einem Schwingungsfeld geworden, wo die verschiedenen Schwingungen vermischt sind und unglücklicherweise auch zusammenstoßen und miteinander in Konflikt geraten; und der Schock, der Konflikt ist der Höhepunkt dieser Art von Störung, Unordnung und Verwirrung, hervorgerufen durch gewisse Schwingungen, die im Grunde Vibrationen der Unwissenheit sind (weil man nichts weiß), und zu winzig, zu eng, zu begrenzt – zu kurz. Das Problem wird überhaupt nicht mehr vom psychologischen Standpunkt aus betrachtet: es handelt sich ausschließlich um Schwingungen. Diese Kenntnis der Schwingungen (eine Kenntnis, die ich nicht direkt als “wissenschaftlich” nüchtern bezeichnen kann, weil dies ein mentales Konzept mit ins Spiel brächte) ist von einer Weisheit! Von einer Weisheit und Stille, von einer so unerschütterlichen Ruhe und so vollkommen frei von allen Vorstellungen von gut und böse, von göttlich und von richtig und falsch, absolut unabhängig von all dem: rein materiell… Und Mutter fügte mit einem so charmanten Lächeln hinzu: Aber es ist um so viel wunderbarer, wenn man weiß, daß du es bist!… Vielleicht verstünde der moderne wissenschaftliche Geist, der die Atome studiert, dies eher. Es entspricht der Art von Verständnis, die einen Wissenschaftler auszeichnet, der die Zusammensetzung der Materie analysiert – jede psychologische Erklärung ist sinnlos. Aber sämtliche Probleme (seien es psychologische, rein materielle oder chemische Probleme), das gesamte Problem läßt sich auf dies zurückführen: es sind nichts als Schwingungen*. Der gesamte Schwingungskomplex wird zusammen mit dem wahrgenommen, was man etwas grob und annähernd ausgedrückt als den Unterschied zwischen aufbauenden und destruktiven Vibrationen bezeichnen könnte. Wir könnten (vereinfacht ausgedrückt) sagen, daß alle Schwingungen, die dem einen entstammen und die Einheit zum Ausdruck bringen, aufbauend sind, und daß alle Komplikationen des gewöhnlichen trennenden Bewußtseins zerstörend wirken. Das kann man an allem beobachten, von der kleinsten Angelegenheit bis zu den großen Weltereignissen. Ich erinnere mich, wie sehr mich eines Tages Mutters Bemerkung bezüglich einer Person, die einen Gegenstand fallen gelassen hatte, frappierte: Da ist ein ständiges Zappeln, es ist schrecklich, wenn man seiner gewahr wird! Eine Art winziges Zittern, oh, abscheulich!… Und es ist für alles dasselbe: Erdbeben, Flutwellen, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen oder auch Kriege, Revolutionen, Menschen, die sich gegenseitig umbringen, ohne zu wissen warum… Es ist dasselbe, dieselbe Vibration, die einen auf dem Gehsteig stolpern läßt oder Menschenmassen entfesselt. Ja, wir könnten den Tod wirklich in einer winzigen Geste erwischen – diesen Tod, den sie seit Sri Aurobindos Abschied überall und in jeder Minute verfolgte. Wir werden vollkommen irregeführt von den grandiosen oder winzigen äußeren Erscheinungen: Um Natriumchlorid zu verstehen, benötigt der Chemiker nicht alle Salzmeere Europas – eine Prise Salz genügt. Eine Prise Tod. Eine winzige Vibration irgendwo. Es ist alles das gleiche.

Überall begegnete Mutter dieser winzigen zerstörerischen Vibration, in dem unentwirrbaren “Lügenbrei” war sie mit allem vermischt, aber noch spürbarer, noch klarer erkennbar war sie an der Grenze des wahren Körpers, wie man ihn nennen könnte, aufgrund ihrer Trennung von allen anderen Mischungen. Ein sehr enger Grenzbereich, wo sich vielleicht der erste Übergriff des Mentals in der Materie abspielte, genau da, wo das Mental die Zellen zu berühren beginnt: die subtilste Form des physischen Mentals, so wie es gerade geboren wird, könnte man sagen. Eine Art winziges Zittern. Ich studiere gerade, auf welche Weise die Materie, der Körper ständig mit der göttlichen Gegenwart in Einklang stehen kann, und das ist so interessant: Es besteht überhaupt kein Widerspruch, da ist nur eine winzige mikroskopische Verzerrung. Wollten wir Worte verwenden, um das Phänomen grob zu vergrößern (denn es ist winzig), könnten wir von einer Hast in der Materie sprechen (jedenfalls in einer gewissen Materie). Eine Ungeduld, aus dem gegenwärtigen Augenblick herauszukommen, um zum nächstfolgenden Augenblick überzugehen, und zugleich eine Besorgnis, was dieser nächste Moment mit sich bringen wird. Das ruft eine Vibration von “restlessness” [fiebriger Hast?] hervor… Ständig ertappe ich meine Zellen dabei, so zu sein. Natürlich reagiere ich, aber für sie ist das ein ganz normaler Zustand: immer angespannt den nächstfolgenden Augenblick anstreben, nie die Ruhe des gegenwärtigen Augenblicks. Das äußert sich in dem Gefühl, dulden und aushalten zu müssen, und in einer Hast, aus diesem Zustand des Duldens herauszukommen, in der sehr schwachen und unbeständigen Hoffnung, daß der nächstfolgende Augenblick besser sei (die Worte, die wir verwenden, verleihen einem eher fließenden Etwas einen sehr konkreten Anschein). So ist es von einem Augenblick zum nächsten… Natürlich sprach sie nicht von dieser Hast, die unserem unausgeglichenen Leben eigen ist, sondern von ihrer Ursache: der kleinen Prise Tod. Im Grunde ist es eine Art Hast, daß all das möglichst schnell zu Ende gehe, daß diese ganze Verwirrung aufhöre und man Luft bekomme, ein wenig atmen könne. Aber im Innersten der Materie, an diesem Grenzbereich geht es sogar noch radikaler zu: Das Atmen selbst ist noch eine Hast. Hier herrscht eine Sehnsucht nach radikaler Ruhe: dem Tod. Der Stillstand von all dem: der Zustand des Steins (und selbst dann?). Hier liegt vielleicht einer der Ursprünge des neins im Innern der Materie (jedenfalls an diesem Grenzbereich).

Nun hat die supramentale Schwingung eine merkwürdige Eigenschaft unter vielen anderen… (was aber nennen wir eigentlich “supramental”, wenn nicht die Schwingung der wahren Materie, den natürlichen göttlichen Zustand der Materie, dieses kleine leuchtende Pulsieren der reinen Zellen auf der anderen Seite des Netzes): Sie lähmt diese Hast. Das Außergewöhnliche dieser Schwingung liegt darin, daß sie zwei widersprüchliche Eigenschaften in unserer Materie vereint: die absolute unbegrenzte Bewegung und die absolute Unbewegtheit. Besonders merkwürdig ist, daß diese Schwingung eine andere Art von Zeit hervorruft. Das Eintreten in diese Schwingung ist wie das Eintreten in eine Weite der Zeit (ohne Ausmaß), wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinbar Seite an Seite oder gleichzeitig bestehen. Sie ist tatsächlich zeitlos. Und alles existiert. Es ist das Unmittelbare. Auch ist der gesamte Raum vorhanden, unmittelbar: Es gibt kein dort, kein morgen. Trotzdem ist es nicht unbeweglich. Es ist das, was das ganze Universum in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit mit sich fortträgt, ohne sich zu bewegen. Es hat nichts mit der höchsten statischen Höhe zu tun, die man in den “Unendlichkeiten” des Bewußtseins hoch oben mit geschlossenen Augen findet: Es ist gleichzeitig die Ungeheuerlichkeit des kosmischen Ansturms und die Unbewegtheit des “Brahman”, wie man in Indien sagen würde. Das ist das Leben, das wahre Leben. Die physiologisch gewordene Metaphysik. Es ist etwas, das bei offenen Augen existiert, das aber (noch nicht) leicht zu leben ist, weil wir es überhaupt nicht gewohnt sind. Es ist die Vernichtung unseres Zitterns und all dessen, was uns das Gefühl des “ich lebe” verleiht – es ist in der Tat der Ausbruch aus dem Käfig. Die Vögel leben es auf ganz natürliche Weise, ohne so viel Philosophie darüber zu stülpen, und vielleicht sind sie deshalb fähig, direkt nach einem Sibirien zu fliegen, das nicht “dort” ist sondern voll und ganz in ihnen und das ganz von allein abläuft. Nur wissen sie es nicht. Auch das zellulare Leben ist so: Es ist unmittelbar überall, ungeteilt und kennt keine Müdigkeit, alles fließt, fließt reibungslos. Kurz, alles spielt sich in einer Art vollkommener Unbewegtheit ab. Mutter sollte viele Entdeckungen machen, auf die ich später zurückkommen werde, die mit dem zu tun haben, was sie eine “zellulare Allgegenwart” nannte. Sobald es überall ist, ist selbstverständlich die Zeit nicht mehr dieselbe. Dann herrscht eine Art Zeitlosigkeit, die alle Zeiten bewirkt oder ist. Vorher [das heißt vor der Erfahrung von 1962], wenn der Körper sich ausruhte und in diesen statischen Zustand reiner Existenz eintauchte, war es (oder gab es mir) das Gefühl einer totalen Unbewegtheit, ich weiß nicht, wie ich sagen soll… Es handelt sich nicht um den Gegensatz zwischen etwas, das sich nicht bewegt, und etwas, das sich bewegt, das ist es nicht, sondern es war gar keine Möglichkeit einer Bewegung vorhanden [derart war auch das gesamte Universum in eine Art Illusion getaucht]. Jetzt spürt der Körper nicht nur eine irdische Bewegung sondern eine universelle Bewegung von so ungeheurer Schnelligkeit, daß sie nicht wahrnehmbar ist, sie überschreitet das Wahrnehmungsvermögen. Es ist, als gäbe es jenseits von Sein und Nichtsein etwas, das sich nicht in einem Raum bewegt sondern gleichzeitig über die Unbewegtheit und die Bewegung hinausgeht, so daß seine Geschwindigkeit für alle Sinne absolut nicht wahrnehmbar ist – von den physischen Sinnen rede ich erst gar nicht: für alle Sinne in allen Welten. Eine so blitzartige Schnelligkeit, daß sie wie unbewegt ist.

Mutter fing ganz behutsam an, die Erfahrung dieser ungeheuren unbewegten Bewegung zu machen, und hier an diesem Grenzbereich der Materie ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges (viele Dinge übrigens): Für das gewöhnliche Bewußtsein hat es den Anschein der Verdummung, des Schwachsinns, der Ohnmacht oder Benommenheit – es hat all diese Anzeichen. Etwas, das unbewegt, reaktionslos, auf der Stelle gestoppt wird. Man vermag nicht mehr zu denken, nicht mehr zu beobachten, nicht mehr zu reagieren, man kann gar nichts mehr… [Mutter hatte keine Angst; das Problem war, daß einige der Musterexemplare um sie herum dies mehr und mehr wie eine Art höhere Form von Dekadenz oder Senilität betrachteten oder wie einen langsamen Rückzug aus der Materie, während es das genaue Gegenteil war, ein Eintauchen in den Kern der Materie selbst.] Aber dann kommen all die Gedanken der Leute von außen auf mich zu, es kommen Dinge, die das zu stören versuchen. Wenn ich es fertig bringe, sie abzuwehren, diesen Zustand beizubehalten, dann wird es nach einer Weile etwas so massives. So konkret in seiner Macht und so massiv in seiner Unbewegtheit, oh!… es muß zu etwas führen. Tatsächlich führte es behutsam zum Zustand der anderen Spezies. Im Grunde bedeutet die ganze Schwierigkeit nichts; lediglich das Neue daran erscheint dem Körper als Schwierigkeit. Alles, was für ihn neu ist, ist wie der Tod: Es ist ein Zustand, in den er noch nie eingetreten war, also ist es für ihn der “Tod”. Doch dieser Zustand massiver Unbewegtheit (und phantastischer Schnelligkeit, die ja gerade diese “Massivität” ausmachte) war wirklich der Anfang eines Zustands, den man als wunderbar bezeichnen könnte, wo nicht nur die Krankheit oder der Tod unmöglich waren, sondern wo auch keine Abnutzung mehr stattfand und wo sich (sofern der Zustand anhielt) eine Art Verjüngung oder sehr radikale Veränderung in allen Rhythmen des alten Körpers und auf Dauer vielleicht sogar in seiner Substanz einstellen konnte. Das, was wir Schlaf nennen, ist eine Art Karikatur dieses Zustandes (dieser “stagnierende, harte, stillstehende” Schlaf, wie Mutter ihn nannte), und alle Gifte, die darin verbrannt werden, was uns nach acht oder sechs Stunden ein Gefühl von Ruhe verleiht, werden in diesem anderen Zustand wie automatisch und augenblicklich verbrannt. Es ist kein Schlaf sondern ein vollkommen wacher Zustand, eine Überwachsamkeit sogar, ein vielschichtiges, unzähliges und überall aktives Wirken in absoluter Ruhe. Hier erinnern wir uns an Sri Aurobindos Unbewegtheit in seinem großen grünen Sessel. Als läge ich auf einem Kraftteppich von so hoher Geschwindigkeit, daß er unbewegt bleibt, sagte Mutter. All das winzige Zittern des materiellen Mentals ist darin erstarrt – als sei das nein der Materie hier endlich in sein absolutes ja, seine Ruhe gebettet. Aber eine Ruhe, die nicht die des Todes ist: die Ruhe des höchsten Lebens. Im Grunde ist diese Todessehnsucht die dunkle Suche nach dem wahren Leben, das Leben hat noch nicht herausgefunden zu leben. Der Tod ist die Karikatur des ewigen Lebens: Er kann sich nur im höchsten Leben auflösen… auf der Erde. Darauf werden wir immer wieder und wieder zurückgeworfen, bis wir das Geheimnis finden.

Mutter pochte an die Tür des unendlich kleinen Geheimnisses.

Du kennst das ja, man fühlt sich ganz und gar unwohl, elend, man kann nicht frei atmen, empfindet Übelkeit, fühlt sich machtlos, kann sich nicht einmal bewegen, kann nicht denken, nichts – ganz und gar elend –, und dann plötzlich… das Bewußtsein – das körperliche Bewußtsein der Schwingung der Liebe, der eigentlichen Essenz der Schöpfung: In einer Sekunde leuchtet alles auf. Pfft! Weg, all das, was man vorher fühlte, ist weg. Man schaut sich ganz erstaunt an – alles ist fort! Man fühlte sich wirklich miserabel – und dann ist das alles spurlos verschwunden.

Man hat das Netz durchschritten.

Der alte Körper oder die alte Gewohnheit des Körpers behält allerdings noch lange seine dumme Gewohnheit: Man gönnt mir dies von Zeit zu Zeit – zwei oder dreimal am Tag – einige Minuten lang. Das ist eine herrliche Entspannung. Aber ich kehre (das heißt, der Körper kehrt) immer mit einer Befürchtung daraus zurück, die ihn ausrufen läßt: “Oh, ich vergaß zu leben!” Das ist sehr sonderbar. Da ist eine Sekunde, nur eine Sekunde der Furcht: oh, ich vergaß zu leben! – und schon fängt der ganze Zirkus von vorne an. Das winzige sterbliche Zittern, das dem Körper das Gefühl gibt, “ich lebe”. Man ist in den Käfig zurückgefallen. Wahrscheinlich ist dieses winzige Zittern das, was der Materie half, zum Leben zu erwachen – zur Katastrophe des Lebens. Aber ich glaube, es ist nur die Katastrophe eines individuellen Lebens, eingeschlossen in einen individuellen Körper, wo die Schwingung nicht fließen kann, wo wir in der falschen Zeit eingesperrt sind, die ein falscher Raum ist, zerteilt in Entfernungen des Nicht-ich. Das Ich schafft alle Entfernungen, weil es alles übrige als außerhalb seiner selbst betrachtet. Das ergibt ein fernes, zerteiltes, getrenntes Leben, ganz außer Atem – sich abnützend und sterblich.

Nur ein winziges Zittern im Grenzbereich.

Doch anstatt der spirituellen Illusion des Universums zu verfallen, erobern wir die ungeheure Wahrheit des Universums. Anstatt des Ausgangs kosmischer Flucht entdecken wir den kosmischen Eingang in eine neue Zeit, einen neuen Raum im eigentlichen Herzen der Materie, in absoluter Ruhe, absoluter Weite, im absoluten Wissen einer kleinen allgegenwärtigen Zelle.

Ein anderes leben im Leben, hinter diesem sterblichen Zittern.

Eine andere Spezies hinter dem Netz.

19. Kapitel: Die falsche Materie

Die Krankheit der Erde

Diesen Übergang von einem “Zimmer” ins andere oder von einer Zeit zur anderen (oder eher von einer Zeitlosigkeit zu einem schmerzvollen Raum) lebte Mutter von einer Minute zur nächsten und unter den schrecklichsten Umständen. Aber wahrscheinlich entspricht unsere Auffassung des “Schrecklichen” lediglich unserer menschlichen Sentimentalität, und die Umstände waren genau so, wie es notwendig war, um die Aufgabe zu erfüllen. Wir befinden uns immer in den bestmöglichen Umständen, nur entgeht uns die wahre Geschichte, und wir kämpfen gegen eine Schwierigkeit, die in Wirklichkeit unsere große Geheimpforte ist. Die Zeitlosigkeit eroberte sie inmitten einer grausamen Zeit und wahrhaftig nicht in irgendwelchen glückseligen Meditationen eines idyllischen kleinen Ashrams. Das neue Leben befindet sich mit Gewißheit im Leben. Sie hatte geglaubt, die “Krankheit” von 1962 hätte dazu gedient, sie aus dem “höllischen” Leben zu befreien, das sie im Erdgeschoß führte, stattdessen war ihr Leben hundertmal höllischer geworden. Denn nun konnte sich das “Problem” nicht mehr über einen gewissen physischen Raum von Gängen, Türen und Zimmern ausbreiten, sondern alles konzentrierte sich in einem einzigen Zimmer ohne Ausweg, außer dem Badezimmer, das als Durchgang zu einem kleinen “Musikzimmer” diente, wo sie die Besucher empfing… und wo sie manchmal Zuflucht an ihrer Orgel nahm, sich über die Tasten beugte und mit geschlossenen Augen auf ihrem kleinen Schemel hin und herwiegte, während ich einer seltsamen Musik lauschte, die wie ein Bad für die Seele war, als durcheile man schwerelose Räume, etwas, das einen im tiefsten Innern ansprach, als entdecke man ein altes, vertrautes, schon tausendmal erlebtes Land wieder, wo man wie ein kleiner Fluß dahinfloß – hier hätte man für immer dahinfließen wollen. Und alles war gesagt. Hier war alles getan. Vielleicht war das die Zeitlosigkeit. Wir enteilen so weit, doch alles ist hier. Vielleicht ist es die Musik der neuen Welt, ja, dieses silbrige sprudelnde Licht wie das leichte Pulsieren der aus ihrem Dornengewand erlösten Zellen. Aber auch das Musikzimmer sollte sich bald schließen, und das ganze “Problem” konzentrierte sich unentrinnbar auf einen Raum von 31 m2. Es gab keinen Ausweg mehr! Der Ausweg mußte innen gefunden werden, aber in einem Innern, das nicht “innen” war, denn für sie war es mit geschlossenen Augen auch nicht angenehmer als mit offenen: Auch wenn sie den Körper physisch in Ruhe lassen, heißt das noch lange nicht, daß sie ihn innerlich in Ruhe lassen! Wahrhaftig ein anderer Seinsmodus im Leben. Täglich mußte sie 150 bis 200 Leute sehen, bis 1973, ausgenommen die Zeiten, als die Wechselbewegung ein wenig zu weit ging und ihr Körper den Tod passierte, wie 1968, dem zweiten großen Wendepunkt. Ein unglaubliches und für kein menschliches Wesen vorstellbares Leben, nicht einmal im Frühling seines Lebens. Sie haben das recht zu kommen – und ich habe die pflicht, sie zu sehen. Und wenn ich sage, ich habe keine Zeit, dann sind sie unzufrieden. Was für ein Theater, du weißt es ja! Dieses Theater dauert nun schon seit 1929… Von Yoga kann keine Rede sein, das ist unendlich weit von ihrem Bewußtsein entfernt. Man hat den Mund voll schöner Worte, aber das ist nur der Mund. Befände man sich aber nicht in diesen Umständen, dann würden viele Dinge einfach übergangen, viele. Dann würden viele Dinge nicht getan. Alle möglichen Schwingungen stehen nicht in Einklang mit diesem Aggregat hier [Mutter deutete auf ihren Körper], und sie hätten nie die Gelegenheit, die transformierende Kraft zu berühren, wenn ich nicht mit all diesen Leuten in Verbindung käme.

Tatsächlich ist es nicht der Käfig eines Wesens sondern der Käfig der Welt. Je mehr sie sich dem Kern des Problems näherte, desto globaler erschien ihr das Problem. Oben in den kosmischen Weiten kann man sich ganz allein befreien (oder sich zumindest der Illusion der Befreiung hingeben), aber in der Materie ist das Problem radikal eins. Das, was den Anschein einer unmöglichen Enormität hat, ist vielleicht das eigentliche Zeichen einer ungeheuren Einfachheit – nur muß jemand den Übergang, den Auslöser finden… Das Umschwingen für alle. Schritt für Schritt drang sie ein in das Phänomen: Es gibt alle möglichen Dinge; zum Beispiel beobachtete ich des öfteren folgendes: Eine Krankheit oder eine Störung beginnt, mit anderen Worten, eine Gruppe von Zellen versagt. Aus irgendeinem Grund sind sie einer Störung ausgesetzt, gehorchen einer Störung. Ein bestimmter punkt wird “krank”. Aber dieses Eindringen der Störung wird überall spürbar, es wirkt sich auf alles aus: Überall dort, wo ein schwächerer oder dem Angriff weniger widerstandsfähiger Punkt vorhanden ist, manifestiert es sich. Nimm zum Beispiel jemanden, der oft Kopfschmerzen, Zahnweh oder Husten oder sonst etwas hat, eine Menge solch kleiner Dinge, die kommen und gehen, die größer oder kleiner werden. Wenn also die Störung irgendwo ernsthaft angreift, dann treten sofort alle diese kleinen Behinderungen in Erscheinung, hier, dort und dort… Die entgegengesetzte Bewegung folgt demselben Schema: Wenn es uns gelingt, die wahre Schwingung – die Schwingung von Ordnung und Harmonie – auf die angegriffene Stelle zu lenken und die Störung zu stoppen… dann kommen auch die anderen Dinge wie automatisch in Ordnung. Ich spreche hier von den Körperzellen, aber das betrifft ebenso die äußeren Ereignisse bis hin zu den Weltereignissen. Sogar bei Erdbeben, Vulkanausbrüchen usw. ist es bemerkenswert… Es scheint, daß sich die ganze Erde wie der Körper verhält: Wenn ein Punkt versagt und die Störung zum Ausdruck bringt, dann werden auch alle anderen sensiblen Punkte angegriffen. Vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet ist die Ansteckung einer Schwingung innerhalb einer Menschenmasse äußerst deutlich – besonders was die Schwingungen von Unordnung betrifft (aber auch die anderen). Das ist ein sehr konkreter Beweis der Einheit. Das ist sehr interessant. Hunderte von Malen beobachtete ich das schon bezüglich der Körperzellen. Auf dieser Ebene hat man überhaupt nicht mehr den mentalen Eindruck einer “Störung, die zu einer anderen hinzukommt, was das Problem noch schwieriger macht” – das ist es überhaupt nicht, sondern… wenn man das Zentrum berührt, kommt alles übrige ganz natürlich wieder in Ordnung. Ein sehr konkreter Beweis der Einheit! In dieser Erkenntnis der Einheit hält man den Schlüssel. So mag man sich zum Beispiel fragen, wie das Handeln eines Menschen oder eines Gedankens die Dinge wieder in Ordnung bringen kann – nun, es geschieht auf diese Weise. Nicht, daß man an alle gestörten Punkte denken müßte, nein: man muß das Zentrum berühren.

Und die Krankheit der Erde wird geheilt sein.

Ein dünnes Häutchen

Mehr und mehr hatte man den Eindruck, daß dieses “Zentrum” sich hier, in diesem Grenzbereich der Zellen, befand, in diesem Augenblick des Übergangs vom einen Zustand zum anderen: Wenn wir natürlich anfangen, an alle Bereiche, alle Ebenen des universellen Bewußtseins zu denken, und daß es dort ganz am anderen Ende liegt, dann ist es allerdings sehr, sehr weit entfernt, sehr weit entfernt, sagte sie lachend. Wenn wir aber denken, daß Er in allen Dingen ist, daß Er überall ist, daß Er alles ist, und daß nur unsere Wahrnehmung uns davon abhält, Ihn zu sehen und zu fühlen, während wir nur dies zu tun brauchen [Mutter drehte ihre Hand in die eine und dann in die andere Richtung], das ist eine sehr konkrete Bewegung: Man macht so, und alles wird künstlich, hart, falsch, verlogen; man macht so [Mutter wendet ihre Hand], und alles wird weit, ruhig, leuchtend, friedlich, immens, fröhlich. Es erfordert nicht mehr als dies oder das. Wie? Wo? Das läßt sich nicht beschreiben. Jedenfalls ist es nur – nur – eine Bewegung des Bewußtseins, nichts anderes. Der Unterschied zwischen dem wahren und dem falschen Bewußtsein wird immer… präziser und zugleich dünn – man braucht überhaupt nichts Großes zu tun, um da herauszukommen. Vorher [vor 1962] hatte man den Eindruck, in etwas zu leben, bei dem es einer großen Verinnerlichung, Konzentration, Zurückgezogenheit bedurfte, um herauszukommen. Jetzt hingegen habe ich das Gefühl, daß das etwas ist, das man annimmt, das wie ein feines, dünnes Häutchen anliegt, sehr hart (sehr hart, aber biegsam), doch sehr, sehr trocken, sehr dünn, sehr dünn, als ob man eine Maske aufsetzte – dann macht man so [Mutter drehte ihre Hand], und es verschwindet… Der Augenblick ist voraussehbar, wo es nicht mehr notwendig sein wird, sich der Maske bewußt zu werden. Genau das ist es ja! Etwas in uns wird der falschen Weise gewahr: ein Gewahr-Werden, so wie man eine Krankheit, eine Lüge, eine Störung oder den Tod aufschnappt – ohne eine einzige Mikrobe! Oder eher eine Mikrobe des Bewußtseins, ein mikroskopisches Bewußtsein, etwas sehr Mikroskopisches und sehr Dünnes, aber sehr Klebriges. Und Mutter fügte hinzu: Dies wird so dünn werden, daß man hindurchsehen, hindurchwirken kann, ohne die Maske aufsetzen zu müssen. Genau das beginnt jetzt.

Diese “Maske”, die sich über die Wahrnehmung zieht, dieses feine Häutchen ist ein außerordentlich interessantes und unglaublich verzweigtes Phänomen. Man hat das Gefühl, hier das Ersticken der Welt zu berühren, und es braucht nicht viel: eine winzige Dosis genügt. Mutter bearbeitete diese winzige Dosis viele Jahre lang, um den Mechanismus herauszufinden. Eine Art Umkehrung des Bewußtseins, das alle materiellen Umstände auf den Kopf stellt, tatsächlich alle Bedingungen der menschlichen Spezies auf den Kopf stellt. Man betritt das “Zimmer” der neuen Spezies. Nur darf man keinem Größenwahn verfallen: Man muß das Phänomen in der feinsten Schwingung entwurzeln, dort wo es seinen Anfang nimmt. Ihr war “vergönnt”, diesen Vorgang mit den Musterexemplaren um sie herum tagtäglich immer wieder von vorn anzufangen. In diesem wahren Bewußtsein (das Sri Aurobindo das Wahrheitsbewußtsein und Mutter manchmal entsprechend der vedischen Überlieferung das gerade Bewußtsein, ritam, nannte, weil darin alles einfach, gerade, unmittelbar, allmächtig und wirklich so ist, wie es ist, von einer allmächtigen Einfachheit, ohne daß man überhaupt daran zu denken braucht, es ist automatisch und auf automatische Weise wahr), in diesem geraden Bewußtsein sagte sie zum Beispiel einem Schüler: “Gehe zu jener Person und sage ihr dies, um jenes zu erreichen!” Wenn der Schüler vollkommen transparent und in seinem Bewußtsein unbewegt ist, ohne Fragen zu stellen, wenn er nur einfach geht und die Worte ausrichtet, dann ist auch augenblicklich das Erforderliche getan, ganz einfach. Wenn sich die Person in einem aktiven mentalen Bewußtsein befindet, erläuterte Mutter, dann sieht sie die Schwierigkeiten, sieht die zu lösenden Probleme, sieht sämtliche Komplikationen – und natürlich tritt all das ein. Je nach der Proportion (alles ist immer eine Frage der Proportionen) ruft das Komplikationen hervor, raubt Zeit, verzögert die Sache oder, schlimmer noch, verzerrt sie, und sie findet nicht so statt, wie sie sollte, und geschieht zu guter Letzt überhaupt nicht. Hier gibt es viele, viele Abstufungen, aber all das gehört dem Bereich der Komplikationen (der mentalen Komplikationen) und der Begierden an. Die andere Weise hingegen ist direkt. Da sagen die Leute dann: Oh, du hast ein Wunder bewirkt! – Es ist überhaupt kein Wunder geschehen: so sollte es immer sein. Nur fügte keine vermittelnde Instanz etwas der Aktion hinzu.

Der Vogel fügt der Handlung nichts hinzu, er fliegt direkt auf sein unbekanntes Ziel zu; ein “Ich” fügt sich hinzu, und augenblicklich wird alles schief und krumm – ein mentales “Ich”. Das Häutchen. Das Häutchen, das alle möglichen Komplikationen sieht: eine Maske über der direkten Wahrnehmung, der gleichzeitig die Aktion und die Macht innewohnt, das Wahrgenommene zu bewirken – wahrzunehmen bedeutet hier, automatisch das, was wahrgenommen wird, auch zu bewirken. Das kann sich bis auf eine gesamtirdische Aktion ausdehnen. Dafür gibt es Beispiele im irdischen Geschehen, Dinge, die so bewirkt wurden: Niemand verstand, wie es geschah, warum es geschah – ganz einfach kam auf diese Weise alles wieder in Ordnung*. In anderen Fällen muß man Berge versetzen, nur um ein einfaches Visum oder eine Genehmigung zu bekommen. Angefangen von der kleinsten Angelegenheit, vom kleinsten physischen Unwohlsein bis zum größten Weltereignis läßt sich alles auf das gleiche Prinzip zurückführen.

Eine gerade Schwingung, eine krumme Schwingung. Die Aktion verzerrt sich beim Durchgang durch das Häutchen, als trete sie in ein anderes, entstelltes Milieu ein. Es ist das, was wir zuvor das “Goldfischglas” nannten. Es ist wie ein dünner Film von Schwierigkeiten und Komplikationen, hinzugefügt vom menschlichen Bewußtsein. Hier kommt uns prompt der “große Bruder” in den Sinn, der so sehr darauf bedacht war, das Überqueren des Flusses zu “vereinfachen”, indem er irgendwelche phantastischen Boote erfand, wo es doch genügte zu sagen: “ich will”. Das Tier hat das nicht, fügte Mutter hinzu, es ist etwas, das nur dem Menschen und der mentalen Entwicklung eigen ist. Es ist etwas sehr Dünnes: Es ist so dünn wie eine Zwiebelhaut und ebenso trocken – und trotzdem verdirbt es alles. Diese dumme Zwiebelhaut der menschlichen Mentalität. Es sind Zwiebelhäute, alle Schwierigkeiten sind Zwiebelhäute. Wie du weißt, ist die Haut einer Zwiebel ungeheuer dünn, aber nichts geht hindurch.

Die ganze Veränderung der Welt liegt in diesem mikroskopischen Übergang, wo sich der Strahl plötzlich verzerrt. Um diesem Dilemma zu entrinnen, erfordert es keine “großen Dinge”. Nur auf der zellularen Ebene kann es getan werden, dort, wo das Mental in die Materie eingreift. Und je mehr sie sich der zellularen Ebene näherte, desto mehr entdeckte Mutter die mikroskopische Ungeheuerlichkeit des Problems, wenn man so sagen darf, oder dessen mikroskopische Universalität, wirklich ein winziges universelles Etwas: Über der gesamten materiellen Schöpfung liegt ein Stoff, den man als katastrophal bezeichnen könnte, ein Stoff schlechten Willens. Mit anderen Worten: eine Art Netz. [Das erste Mal, daß Mutter dieses Wort gebrauchte, war acht Jahre zuvor.] Ja, ein defätistisches Netz – defätistisch, katastrophal –, in dem alles, was man tun möchte, schief geht, alle möglichen Unfälle passieren und das alle Arten schlechten Willens in sich vereint. Es ist wie ein Netz. Dem Körper wird jetzt beigebracht, da herauszukommen. Es ist wie vermischt mit der Kraft, die sich verwirklicht und zum Ausdruck kommt, es ist wie etwas, das sich mit der materiellen Schöpfung vermischt. Dem Körper wird nun beigebracht, sich davon zu befreien. Aber das ist sehr schwierig, sehr schwierig. Es ist die Ursache der Krankheiten, die Ursache der Unfälle – es ist die Ursache aller destruktiven Dinge. Dieses Netz ist ständig, ständig so da und hüllt die Erde ein.

Ein kleines dummes und sterbliches Häutchen, das die ganze Erde umhüllt. Ein finsterer Grenzbereich, der die materielle Ebene (jene, die wir kennen und die wir “die Materie” nennen) von der zellularen Ebene abtrennt.

Was ist dieses Milieu, das wir “die Materie” nennen, letztlich?

Kann ein Körper das Netz für den gesamten Körper der Erde auflösen – und ist das ohne ein vernichtendes Trauma überhaupt möglich?

Der umgekehrte Illusionismus

Es war eine merkwürdige Zeit bis zum Jahr 1968, in der Mutter sich zwischen zwei Welten auf der Suche nach der neuen Spezies oder dem neuen Typus vorantastete – allen Gleichgewichtsstörungen beim Verlassen einer “soliden” Welt ausgesetzt und mit einer neuen Welt konfrontiert, deren Gesetze sie kaum kannte. Aber bezeichnen wir nicht lediglich das als “solide”, was sich als Gewohnheit kristallisiert hat? Für den Fisch ist das Wasser vollkommen solide. Die Welt ist eine ungeheure Gewohnheit. Es wäre deshalb richtiger, von einem Milieuwechsel zu sprechen. Ein Milieu erfindet man nicht. Es ist, und es ist seit eh und je. Es ist ein ewiges Milieu, in dem wir leben, mit unterschiedlichen und scheinbar ans Wasser oder ans Land gebundenen Gewohnheiten, aber dieses Wasser oder dieses Land sind lediglich die Berührungs- und Sichtweise eines gewissen Bewußtseins, das wächst und das in dem Maße, wie es wächst, die Grenzen seines Milieus überschreitet und anfängt, anders zu berühren, anders zu sehen und anders zu leben. Es ist die immer reinere, immer umfassendere Entdeckung des ewigen Milieus: Die Gesetze sind kleine provisorische Wanderstöcke, eine Gewohnheit unterwegs. Es ist die langsame Entdeckung des großen Gesetzes, das allen kleinen Gesetzen unterwegs zugrunde liegt. Die Evolution ist die bewußte Entdeckung des großen Milieus und des großen Gesetzes: Tausende und Millionen kleiner Gebilde, die einzeln das Wunder des großen Ganzen entdecken, das sie selbst sind. Der Mensch repräsentiert den individuellen Übergang von diesem großen Ganzen, das seiner selbst nicht bewußt ist, sich sozusagen selbst nicht betrachtet – ähnlich den Vögeln und allen Geschöpfen der Tierwelt –, zum großen, sich seiner Vielfalt in der Einheit bewußten Ganzen: die Rückkehr zur großen Natürlichkeit der ganzen Welt, von der der Mensch sich zeitweilig trennte, um diese kleine reflektierende oder sich widerspiegelnde Facette zu bilden. Das ist unser großer “kosmischer Unfall”, der schmerzvolle Bildschirm, unser sogenannter Sündenfall aus dem irdischen Paradies. Aber das irdische Paradies ist vollkommen hier, dafür ist kein Himmel nötig; notwendig ist nur, daß wir das große Bewußtsein, das wahre Milieu, das umfassende Gesetz wiederfinden. Wir müssen das wiederfinden, was wir sind. Unser großer Schmerz besteht darin, nicht das zu sein, was wir sind – es gibt keinen anderen. Dann werden sich alle kristallisierten kleinen Gewohnheiten im großen glücklichen Rhythmus auflösen, im unmittelbaren Wissen, in der Macht, das zu sein, was wir sehen. Das ist der große Übergang vom verzerrten Bewußtsein in seinem verzerrten individuellen Milieu zum geraden Bewußtsein, exakten Bewußtsein, zum Wahrheits-Bewußtsein, das wir das Göttliche nennen können oder den Herrn oder was auch immer – Hauptsache wir kosten es.

Tatsächlich läßt es sich kosten: Ich war wie eingetaucht in das Bad der Liebe des Höchsten. [Für den Körper ist es ein Bad, nicht etwas Emotionelles.] Es ist eine Art homogene, unbewegte Schwingungsmasse und dennoch von einer Schwingungsintensität ohnegleichen, die in einem warmen goldenen Licht zum Ausdruck kommen kann. Das ist überall gleichzeitig, es ist sich überall gleich, ohne Wechsel von hoch und tief, unveränderlich, in einer gleichbleibenden Intensität der Empfindung. Dieses “Etwas” ist zugleich absolute Unbewegtheit und absolute Schwingungsintensität. Und das… liebt. Da ist kein “Herr”, kein “Etwas”, kein “Subjekt”, kein “Objekt”. Das liebt. Wie aber könnte man beschreiben, was das ist?… Es ist unmöglich. das liebt überall und alles, immer und gleichzeitig. Hat man das einmal erlebt, dann wird man sich auf so unwiderrufliche Weise bewußt, daß alles vollkommen von der individuellen Wahrnehmung abhängt, und diese individuelle Wahrnehmung hängt natürlich wieder von der Unzulänglichkeit, der Trägheit, dem Unverständnis, der Unfähigkeit der Zellen ab, diese Schwingung in sich halten und beibehalten zu können, von all dem, was der Mensch seinen “Charakter” nennt, der von seiner animalischen Entwicklung stammt. Aber Er ist hier, Er ist hier, hier! Er ist beständig – ist die Beständigkeit. Diese Beständigkeit, die Buddha suchte, sie ist hier. Buddha behauptete, sie im Nirvana gefunden zu haben – sie ist hier in dieser Liebe. Sie ist hier, sie ist hier, sie ist hier – sie ist hier. Nur die Dinge selbst sind unfähig, mehr davon zu fühlen, als sie ertragen können. Es ist die Welt von morgen oder übermorgen. Es ist von unbeschreiblicher Pracht… Ich weiß nicht, ob dieser Welt (ich spreche hier nicht allein von der Erde, sondern vom gegenwärtigen Universum), ob dieser Welt andere folgen werden, oder ob sie selbst fortdauern wird oder… Aber das, wovon ich spreche und das ich die Liebe nenne, das ist der Meister dieser Welt hier. Der Tag, an dem die Erde das manifestiert, wird von einer Pracht sein (denn dies wurde uns versprochen, und das sind keine leeren Versprechungen)… Es ist so merkwürdig: die vitale Welt ist herrlich, die mentale Welt hat ihren Glanz, die Welt der Götter (die existente Wesen sind, die ich gut kenne) ist wirklich sehr schön; aber stell dir vor, seitdem ich diesen Kontakt habe, erscheint mir all das hohl – es erscheint mir hohl und… es fehlt ihm das Wesentliche. Dieses wesentliche Etwas ist im Prinzip hier auf der Erde vorhanden.

Das ist eine Erfahrung des Körpers, der Zellen.

Wie hieß doch der “Gott” der Affen? – Wahrscheinlich Blitz oder Donner… jedenfalls etwas sehr Natürliches und Materielles. Das, was wir “Gott” nennen, ist vielleicht noch natürlicher und materieller, als unser mentales Zeitalter es sich vorstellt – und weniger dumm. O Aristophanes des Universums!… rief Sri Aurobindo aus1.

Dieser Übergang zum großen Bewußtsein, zum wahren, umfassenden Milieu, ist sehr “überraschend” für einen animalischen Körper, der seine alten Gewohnheiten zerbröckeln sieht und von Zeit zu Zeit seinen Fuß in eine völlig illegale Pracht setzt: Das ist keine Philosophie sondern Physiologie. Aber eine andere Physiologie zu erlernen, ist nicht immer leicht. Mutter erlernte die Physiologie der neuen Spezies, aber sie erlernte sie sozusagen im umgekehrten Sinn: nicht wie die andere ist, sondern wie diese hier ist, wenn sie nicht mehr ihre alte Gewohnheit hat. Wahrscheinlich wird man erst am Ende, wenn alle alten Gewohnheiten verschwunden sind, sagen: Ah, das ist also die andere! Wenn gar nichts mehr übrig bleibt als nur noch das. Sie entdeckte also Schritt für Schritt die illusorische Falschheit (oder die provisorische Wahrheit) der alten Gewohnheiten des menschlichen Milieus: Sie verlernte alle Gesetze. Ein interessantes Thema für die Schüler von Newton, Lavoisier, Claude-Bernard, Niels Bohr und alle übrigen, die unsere heiligen oder verdammten Tricks kodifizierten. Ich habe den sehr deutlichen Eindruck, daß wir etwas zu lernen haben. Das ist sehr stark. Ich weiß nicht was. Es ist… etwas wie das Funktionsgeheimnis. Die ganze Zeit wird mir ganz einfach, an kleinen Begebenheiten gezeigt, daß der Vorgang, wie wir ihn uns vorstellen, wie wir ihn verstehen oder wie wir ihn erlernt haben, falsch ist, er entspricht so nicht der Wirklichkeit, und wir müssen den wahren Vorgang der Manifestation* entdecken, das Warum und das Wie finden – aber hier im leben entdecken. Dies ist der Bewußtseinszustand, in dem ich mich ständig befinde. Es ist, als würde ich drücken, drücken…

Tatsächlich drückte sie gegen die Mauern des Käfigs oder gegen die Maschen des Netzes, und jedesmal, wenn es ein wenig nachgab, war es, als ob sich alle legalen, sprich vernünftigen Gesetze in Luft auflösten – eine mikroskopische Auflösung, eine kleine Prise “Wunder”. Hier wurde die Frage sehr deutlich: Was ist eigentlich “die Materie”? Als sei das nicht mehr ganz so sicher. Ungefähr so wie ein Fisch, der zu fliegen anfinge und sich fragen würde: Was ist eigentlich das Wasser? Nach alledem wissen wir überhaupt nicht, was die Materie ist, weil wir mit Leib und Seele vollkommen in ihr stecken. Der Fisch kann nichts von seinem Wasser verstehen, außer daß er prima darin gleitet, das ist sicher. Aber hier handelt es sich um etwas noch viel Radikaleres, denn wir haben es nicht mit einem Fisch zu tun, der eine bestimmte Form von Materie verläßt, um in eine andere, sei es sogar eine fliegende, einzutreten, sondern es ist… etwas anderes. Ja, ein anderes Milieu, das wie das wahre Grundelement aller möglichen Formen wäre und in dem das, was wir “Materie” nennen, gewiß… etwas anderes und dennoch Materielles ist: Schließlich war Mutter mit einem Körper ausgestattet wie jedermann, sie war keineswegs reiner Geist. Und dieser materielle Körper begann, seine eigene Körperlichkeit anders wahrzunehmen. Plötzlich oder schrittweise entdeckte sie eine Art Illusionismus, der keineswegs buddhistisch war: er war zellular. Das, was andere auf den Gipfeln des Bewußtseins entdeckten, während sie das Universum seiner unglückseligen Illusion oder seinem “Tal der Tränen” überließen, das entdeckte sie in ihrem Körper – aber basierend auf einer ungeheuren Realität, wir könnten sagen, basierend auf einer ungeheuren “Materie” anderer Art. Dabei war es nicht einmal etwas, das sich “unter” oder “hinter” unserer materiellen Illusion befand, nein: es ist innen, im Innern selbst der “Illusion”, es ist das gleiche Ding, dieselbe Materie, aber anders. Als wäre alles mit falschen Augen oder mit falschen Sinnen gesehen und erlebt worden. Eine Überlagerung der Lüge auf einer reellen Tatsache, sagte sie. Das, was wir sehen, ist nicht das Ding sondern eine Spiegelung, ein verzerrtes Bild in unserem Bewußtsein. Aber das Ding als solches existiert außerhalb dieser Spiegelung, und so, wie es existiert, hat es keineswegs die Beschaffenheit, die wir ihm zuweisen.

Es ist merkwürdig: eine Art konkreter Illusionismus – ein Illusionismus im umgekehrten Sinn. Wenn die Fatamorgana sich in der Wüste auflöst, sieht der unglückliche Durstende seine goldene Stadt im Sand verschwinden. Da war gar keine Stadt. Hier aber verschwindet die Fatamorgana, und es taucht eine Stadt auf. Die Fatamorgana hinderte uns, die bezaubernde goldene Stadt zu sehen.

Da stehen wir nun in der Wüste auf der Suche nach der wahren Stadt der Menschen – und vielleicht auf der Suche nach unserer wahren Haut.

Man muß einen großen Durst nach dem Anderen verspüren, um anzufangen, das Andere zu berühren. Man muß gegen die Maschen des Netzes drücken, drücken.

Ein dünnes Lügenhäutchen ist abzuschälen.

Die wahre Funktionsweise der Welt.

Die vertikale Zeit

Es ist schwer zu sagen, welche unter den Tausenden von Erfahrungen oder Vorgängen zählt, denn alle sind bedeutsam für etwas, das wir nicht kennen. Die Agenda ist wirklich ein Labornotizbuch, und ich denke an die Metallurgen, die ihre nutzlosen Proben in den Hof des Labors warfen, bis einer von ihnen eines Tages mitten im rostigen Haufen eine alte Probe entdeckte, die noch wie neu glänzte: das war rostfreier Stahl. Alle unsere wahren Entdeckungen entstehen wie aus Versehen, weil wir nicht wissen, was zu entdecken ist. Ich bitte Mutter, daß sie uns das gesuchte Peru nicht über Bord werfen läßt, nur weil wir glauben, es sei bloß ein weiteres Stück nutzloser Wald. Im Grunde machte Mutter eine etwas ähnliche Entdeckung: sozusagen eine Entdeckung des Unentdeckten.

Seit dieser Zeitveränderung, diesem Zustand “massiver Unbewegtheit”, der merkwürdige Eigenschaften zu haben schien, hat sich etwas noch kaum Wahrnehmbares in sie hineingestohlen: eine andere Schwingung, die sie die gerade Schwingung oder die Schwingung der höchsten Liebe nannte oder… eine andere Seinsweise des Lebens. Ganz gleich auf welcher Ebene wir uns befinden, es gibt immer ein Ziel. Wir selbst sprechen von der “supramentalen Verwirklichung”. Aber vor kurzem, ich weiß nicht, was geschah, nahm etwas geradezu Besitz von mir mit dieser Wahrnehmung, daß der Höchste alles und überall ist, daß Er alles bewirkt, was war, was ist und was sein wird, was geschieht, alles, alles. Plötzlich kam eine Art… (es war kein Gedanke, kein Gefühl, sondern eher wie ein Zustand): die Unwirklichkeit des Ziels. Nicht Unwirklichkeit: Zwecklosigkeit. Nicht einmal Zwecklosigkeit: die Inexistenz jeglichen Ziels. Selbst der Rest Wille im Körper, diese Erfahrung zu machen, auch er ist verschwunden. Es ist etwas… ich weiß nicht. Da war etwas wie eine Sprungfeder, die ihren Zweck erfüllte (und das war der Grund, warum sie immer noch vorhanden war): Tu dies, um das zu erreichen, und dies führt dazu (aber es ist noch viel subtiler als das). Nun scheint diese Sprungfeder plötzlich nicht mehr vorhanden zu sein, weil sie nutzlos geworden ist. Jetzt herrscht eine Art Unbedingtheit in jeder, jeder Sekunde, in jeder Bewegung, von der subtilsten, der spirituellsten Bewegung bis zur materiellsten. Diese Verkettung ist verschwunden. Die Verkettung ist verschwunden: Dies ist nicht die “Ursache” von jenem, und dies wird nicht “für” das gemacht – man geht nicht “dorthin”. All das erscheint… Vielleicht sieht der Höchste auf diese Weise? Vielleicht ist das die höchste Wahrnehmung – eine Unbedingtheit. Eine unzählige, fortwährende, simultane Unbedingtheit… Es ist wie das Pulsieren der Erfahrung vor zwei Jahren [1962], das Pulsieren der Liebe, das explodierte und die Welt hervorbrachte. Ein Pulsieren folgte dem anderen, aber es hatte keine Ursache und Wirkung: Ein Pulsieren war nicht das Resultat des vorangegangenen und auch nicht die Ursache des nächstfolgenden – ganz und gar nicht –, jedes Pulsieren war ein Ganzes in sich selbst. Jeder Augenblick des Herrn ist ein Ganzes in sich selbst… Das Gefühl einer Verbindung ist verschwunden, das Gefühl von Ursache und Wirkung ist verschwunden – all das gehört der Welt von Raum und Zeit an. Jedes… (jedes was? was ist “es”? man kann es nicht “Bewegung” oder “Bewußtseinszustand” oder “Schwingung” nennen, all das gehört noch unserer Wahrnehmungsweise an – deshalb sagen wir “Ding”: Ding bedeutet nichts), jedes “Ding” birgt in sich sein absolutes Gesetz.

Das heißt, daß alles, was die Grundlage und die Verknüpfung unserer Gesetze der Materie ausmacht, verschwand. Unsere “Gesetze” sind die Konsequenz, die wir aus der Wiederholung eines gleichen Phänomens herleiten: es gibt kein gleiches Phänomen! Es gibt ein immer neues Phänomen. Jede Sekunde [wenn wir hier überhaupt von Sekunden sprechen können] hat ihr eigenes Gesetz. Aber das ist ein wunderbares Universum! Jede Sekunde ist neu. Jede Sekunde ist frei. Da gibt es kein: “morgen-bin-ich-neunundachtzig-Jahre-alt”, sondern ich bin null Jahre alt in jedem “Augenblick”. Da gibt es kein: “ich-leide-vier-Jahre-lang-an-TBC”, sondern ich bin von der TBC geheilt, noch bevor ich sie erwische oder sobald ich sie erwische: Sie existiert einfach nicht. Alle Krankheiten sind Krankheiten des Zeitlichen. Unsere Zeit ist sehr krank.

Wie sagte doch Mutter: Die Lösung kommt vor dem Problem.

Diese Art [horizontale] Verbindung gibt es nicht. Es ist so [Mutter macht eine senkrechte Armbewegung]… Etwas, das weder Ursache noch Wirkung, weder Folgen noch Absichten hat. Welche Absichten? Da ist nichts, was “zu tun” wäre! Es ist so [dieselbe senkrechte Armbewegung].

Eine vertikale Zeit.

Sehr wichtig dabei ist, daß dies eine Erfahrung des Körpers ist, des Körperbewußtseins – denn würde sie sich oben im Mental abspielen, könnte das Mental sich endlos im ewigen Kreis der Zeitlosigkeit drehen und wäre hier unten weiterhin zweiundneunzig Jahre alt + 1 Tag + 2 Tage + das Grab. Wenn hingegen der Körper das fühlt, das lebt…? Derart war vermutlich die Erfahrung, die im Gange war. Der Körper mußte das ununterbrochen leben, ohne diese “Wechselbewegung” vom einen Zimmer ins andere, vom einen Zustand in den anderen, von einer geraden Schwingung in eine verdrehte Schwingung, von einer Zeitlosigkeit in eine kranke Zeit. Wenn der Körper, die Materie fähig ist, das zu leben… dann bringt das selbstverständlich alles aus der gewohnten Ordnung. Mutter wurde mehr und mehr “aus der Ordnung gebracht” – und merkwürdigerweise (oder auch nicht) die Erde mit ihr. Die menschlichen Wesen tun immer etwas für etwas, sagte sie noch, für irgendeinen Zweck, aus einem Grund oder Anlaß; sogar das spirituelle Streben ist für den Fortschritt des Bewußtseins, für das Erlangen der Wahrheit, für… es ist eine Schwingung, die immer einen Schwanz hat – einen nach vorne gerichteten Schwanz. Diese Zellen erkannten jetzt, daß, wenn man es fertigbringt, die Schwingung ohne den Schwanz zu leben, sich dann die Kraft verzehnfacht – “verzehnfacht” ist milde ausgedrückt! Manchmal ist der Unterschied phantastisch.

In dieser “vertikalen Zeit” wurde die Materie sehr… gleitend oder seltsam fließend. Hier erreichen wir den Punkt, wo diese Agenda ein magischer Wald zu werden beginnt. Aber eine mikroskopische Magie oder eher das Gegenteil einer Magie: wie ein ungeheurer böser Zauber, der sich in den kleinsten Details auflöst. Es geschehen keine “Wunder”, sondern der böse Zauber weicht von dem einen oder anderen Punkt. So ist es auf ganz natürliche Weise wunderbar. Es gibt nichts zu “tun”, nur zu sein… ganz natürlich. Doch unser Körper ist alles andere als natürlich. Ja, das sein. Wenn man das ist, dann ändert sich alles, aber nicht auf subjektive Weise, sondern objektiv, materiell. Diese mikroskopischen Phänomene zehnmal und hundertmal Tag für Tag ergeben einen Wald mit unglaublichen Abgründen des Lichts und manchmal verblüffenden Fragezeichen. Und diese winzigen “Wunderprisen” oder diese Löcher im bösen Zauber treten im Körper auf… Aber der Körper, das bedeutet viele Leute, vielleicht sogar die ganze Welt. Also…? Das ist das große Netz. Das Netz der Welt auflösen? Vielleicht war es das, was Mutter eines Tages mit geschlossenen Augen und vornübergebeugt betrachtete, das Kinn wie so oft auf die Hand gestützt, während ich ihr zu Füßen auf dem großen goldgelben Teppich saß; und plötzlich schaute sie mich an, ohne mich zu sehen, mit diesem unendlichen blauen Blick wie Sri Aurobindos Augen am Ende, und sie fing an, auf Englisch zu reden (… so oft höre ich Sri Aurobindo sprechen…), es war Sri Aurobindo, der sprach: After some time I will be able to say… [Mutter verharrte lange Zeit und schaute vor sich hin, schaute vielleicht auf den großen Flammenbaum mit den gelben Blüten vor dem offenen Fenster] what is meant exactly by the irreality of this apparent matter. “In einiger Zeit werde ich sagen können, was genau die Unwirklichkeit dieser scheinbaren Materie bedeutet.” Nach dieser langen Stille, die so ganz konkret aus Ewigkeit zu bestehen schien, als sei die Ewigkeit präsent und in der Qualität selbst der Luft erlebt, aber einer so leichten Luft, fügte sie sodann auf französisch hinzu: Ich habe den Eindruck, daß ich dabei bin, den Schlüssel zu finden (einen Schlüssel oder einen Vorgang, ich weiß nicht, wie ich sagen soll, all diese Worte sind eine allgemeinverständliche Annäherung), aber etwas, das, wenn man es besäße, ohne vollkommen der wahren Seite anzugehören… in einer Sekunde eine furchtbare Katastrophe auslösen könnte. Das ist der Grund, warum die integrale Vorbereitung des Bewußtseins gleichzeitig mit der Wahrnehmung der Macht einhergehen muß. Da gibt es so feine Unterschiede, daß… scheinbar eine ganz winzige, geringfügige, kaum wahrnehmbare Bewegung eine Katastrophe herbeiführen könnte. Welche Katastrophe? Ich weiß es nicht… wie eine Auflösung der Welt.

Die Auflösung der Welt oder des Netzes? Die “Unwirklichkeit” unserer scheinbaren Materie? Die wahre Materie, entschleiert?

Da steht man nun, wie an einer unsichtbaren Grenzlinie mit einer außerordentlichen, unbeschränkten Macht, die einen gleichzeitig wissen läßt und hindert zu wissen, mit außergewöhnlich winzigen Feinheiten der Bewegung, damit sich nichts zu früh ereignet, das heißt, bevor nicht alles bereit ist.

Das war 1967, Jahr des ersten israelischen Kriegs und der ersten Thermonuklearexplosion in China.

Es scheint, daß wir uns dem Kernpunkt des Problems nähern.

Es gibt nureinen Körper.

Die Irrealisierung der Lüge

Je weiter Mutter voranschritt, desto mehr schien sie sich etwas sehr Einfachem und zugleich sehr Mysteriösem zu nähern, etwas, das von einer Leichtigkeit zu sein schien, die… unmöglich war. Das Universum ist vielleicht nichts anderes, als eine äußerste leichte Unmöglichkeit – schließlich muß es doch für “jemanden” oder in einer gewissen Art und Weise leicht sein, nur muß diese Art noch gefunden werden. Nehmen wir zum Beispiel diese Wechselbewegung ins andere “Zimmer”: Mutter stellte fest, daß es nicht wirklich ein anderes Zimmer war. Auch hier vereinfachte sich etwas, rückte näher, als befänden sich all die Trennwände der Unmöglichkeit nur in unserem Bewußtsein oder in unserem Blick. Die Einheit ist einfach; jedesmal, wenn uns etwas “anders” oder “unterschiedlich” oder “daneben” oder sogar “nicht als das” erscheint, sind wir im Irrtum, denn alles ist unmittelbar das – nur schlecht gesehen, schlecht erlebt oder schlecht empfunden. In einem gewissen Zustand, im Zustand, der Dem entspricht, in diesem wesentlichen Zustand ist alles harmonisch und von einem lebendigen, lächelnden, glücklichen Frieden, aber sobald ein… ein Nichts eindringt, weißt du, wenn nur einfach etwas Unharmonisches in die Atmosphäre eindringt – ein Nichts –, dann fühlt es sich an wie etwas äußerst Heftiges und Schmerzhaftes. Es ist etwas, das jeder auf seine Weise erklärt: Die einen nennen es “von der Wahrheit in die Lüge fallen”, die anderen sagen “vom Licht in die Finsternis stürzen”, wieder andere sagen “vom Ananda [Freude] ins Leiden versinken” und wieder andere… [die Ärzte würden sagen “von der Gesundheit in die Krankheit fallen”]. Jeder fand seine Erklärung dafür, aber es ist etwas… Ich habe keine Worte dafür, doch der Körper fühlt es, er fühlt es auf eine sehr heftige Weise, und er sieht, daß das Ende davon, die Folge, der Zerfall ist. Sein ganzes Bemühen richtet sich darauf, diese innere Harmonie wiederherzustellen: diesen Zustand, in dem alles harmonisch wird, alles – und wo die Dinge sich scheinbar nicht bewegen. Dennoch sind die Dinge in der einen Weise wunderbar und in der anderen abscheulich. Dieser Gegensatz zwischen den beiden Dingen spitzt sich immer mehr zu, von Minute zu Minute: Einen Augenblick lang ist alles göttlich, und im nächsten Augenblick ist alles abscheulich – und es ist das gleiche Ding. Aber dies hat nichts mit dem Denken, nicht einmal mit dem Gefühl zu tun, es ist rein materiell [Mutter berührte ihren Körper], es ist der Unterschied zwischen einer wachsenden und ununterbrochenen Harmonie, die gar keinen Grund hat aufzuhören, “etwas”, das so natürlich ist, so natürlich und… den Rhythmus der Ewigkeit besitzt – kurz, es ist das; und plötzlich fällt man zurück in… genau das gleiche ding. Alles ist das gleiche, und alles ist das Gegenteil. So sehr, daß die Wahrnehmung – die materielle Wahrnehmung – einer vollkommenen Harmonie sich im Bewußtsein in eine schwere Krankheit verwandeln kann.

Man fällt zurück in dasselbe Zimmer. Ein und dasselbe Zimmer, getrennt durch was? Der Unterschied liegt lediglich im Bewußtsein oder in der Wahrnehmung, die aber nichts Subjektives an sich hat, sondern sehr “konkret” ist, denn im einen Fall bedeutet es am Ende den Tod, und im anderen ist es eine ununterbrochene Harmonie; ja, der Tod und das Leben gleichzeitig, im gleichen Zimmer. Eine Wahrnehmung des Todes, eine Wahrnehmung des Lebens, aber keine Wahrnehmung von etwas, das der Tod ist: Die Wahrnehmung selbst ist der Tod.

Dabei ist dieser andere “Zustand” nicht einmal ein Bewußtseinszustand: Es ist eine seinsweise, nicht einmal ein “Bewußtseinszustand”, denn dieser setzt “etwas” voraus, dessen man sich bewußt ist, aber das ist es nicht: es ist eine Seinsweise. Diese Seinsweise ist das, was sich im menschlichen Bewußtsein ausdrückt mit: “Ah, das Göttliche!”– als Gegensatz. Es ist eine völlig natürliche, spontane Seinsweise. Schließlich ist das Göttliche das natürlichste Ding der Welt. Das ist der Grund, warum man es nicht wiedererkennt, außer wenn man eine gewisse Dosis philosophischer und religiöser Lüge hinzufügt. Wie aber wird das zu dem? Wie verzerrt sich das?… Ständig, ständig gehe ich vom einen zum anderen über, vom einen zum anderen [Geste einer winzigen unaufhörlichen Hin- und Herbewegung], wie um zu lernen – um zu lernen, wie das das ist: der Mechanismus.

Eine Harmonie, die zur tödlichen Krankheit wird? Wir stehen wirklich an der Grenze eines gewissen Illusionismus – eines erschreckend konkreten Illusionismus. Mutter drückte es in ihrem unfehlbaren Humor folgendermaßen aus: Erklär doch einmal einem, der an einer Gallenkolik leidet, sein Schmerz sei eine Illusion! Wie kann man die Illusion des Todes und des Schmerzes auflösen? Das ist die Frage.

Und wer ist eigentlich der Illusionist?

Die Erfahrung setzte sich fort, unzählig, mikroskopisch, nicht nur in ihr, sondern in all den kleinen kranken Musterexemplaren um sie herum. Plötzlich ist es zwei, drei Sekunden lang, als bekäme man den Schlüssel zu fassen. Alles, was wir normalerweise als “Wunder” bezeichnen, scheint das einfachste Ding der Welt zu sein: “Aber das ist ja ganz einfach, man braucht nur das zu tun!” Dann… verschwindet es. Wenn es verschwunden ist, sucht und probiert man – aber völlig vergebens. Wenn es da ist, ist es so einfach, so natürlich! Und vollkommen allmächtig… Da ist zum Beispiel etwas, das anscheinend im Kommen ist, und zwar die Macht zu heilen – aber überhaupt nicht so, wie es im allgemeinen beschrieben wird, keineswegs, denn dies vermittelt gar nicht den Eindruck zu “heilen”, verstehst du? Sondern es… bringt die Dinge wieder in Ordnung. Aber es ist noch nicht einmal das… Es ist ein winziges Etwas, das verschwindet, und dieses winzige Etwas ist… im wesentlichen die Lüge. Das ist sehr merkwürdig. Im Grunde ist es das, was dem gewöhnlichen menschlichen Bewußtsein das Gefühl der Realität vermittelt. Das muß verschwinden. Das, was wir “konkret” oder “die konkrete Wirklichkeit” nennen, ja, das, was einem wirklich das Gefühl der reellen Existenz gibt, das muß verschwinden und muß ersetzt werden durch… Das ist unsagbar… Ich erinnere mich, als ich zurückkehrte, nachdem ich dieses Bersten, dieses schöpferische Pulsieren der Liebe war, als ich zum gewöhnlichen Bewußtsein zurückkehrte, da wurde mir klar, daß dieser Zustand – das – hier dieses Bewußtsein der konkreten Realität ersetzen muß, die unwirklich ist, unwirklich wird. Es ist wie ein lebloses Ding (hart, trocken, träge und leblos), und für unser gewöhnliches Bewußtsein vermittelt das den Eindruck: “Dies ist konkret, dies ist wirklich”! Ja, genau “das”, dieses Gefühl muß ersetzt werden durch das Bewußtseinsphänomen des Pulsierens. Es ist zugleich äußerstes Licht, äußerste Macht und äußerste Intensität der Liebe und eine solche Fülle… Wenn das im Körper, in den Zellen zugegen ist, dann genügt es, das auf jemanden oder auf etwas zu lenken, und sofort bringt es alles wieder in Ordnung. In einfachen Worten “heilt es”: es heilt die Krankheit. Besser: es heilt sie nicht, sondern es annulliert sie. Ja, es annulliert sie. Jede beliebige Krankheit. Es irrealisiert sie.

Den Tod irrealisieren!

Aber “irrealisiert” es denn nicht auch unser Leben? Schließlich hängen wir doch an all unserem “Konkreten”. Wir haben überhaupt keine Lust, in eine Welt verschwommenen Bewußtseins zu entschwinden, auch wenn sie auf eine andere Weise sehr reell ist – wir hängen sehr an dieser irdischen Weise, denn warum zum Teufel wären wir sonst auf diesen verdammten Planeten gekommen? Mutter lächelte, sie las meine Gedanken wie ein offenes Buch, sie spielte, dort in ihrem Sessel äußerlich anders zu sein als ich: Es schließt nichts aus, das ist das Wunderbare daran. Alles ist vorhanden, nichts ist ausgeschlossen. Hier geht es nur um die Unwirklichkeit der Lüge, nicht die Unwirklichkeit der Welt. Es handelt sich lediglich um ein Bewußtseinsphänomen. Ich will damit sagen, daß nichts aus der Manifestation ausgeschlossen wird; man hat nicht einmal das Gefühl, die Lüge würde ausgeschlossen: Sie existiert einfach nicht, es gibt sie nicht. Alles kann genau so bleiben, wie es ist. Es ist nur noch eine Frage der Wahl. Alles wird zu einer Frage der Wahl: Man wählt entweder dies oder das. In einer Pracht der Freude, der Schönheit, der Harmonie und einer Fülle leuchtenden Bewußtseins, frei von jeder Dunkelheit: sie existiert nicht mehr. Es ist sozusagen wirklich eine Wahl zwischen Leben und Tod… Wäre das in Worten beschreibbar, so wäre es, als spräche diese unaussprechliche Präsenz: “Siehst du, Ich war immer da, nur wußtest du es nicht.” Das wird im Innersten der Zellen erlebt. “Siehst du, siehst du, Ich war immer da, du wußtest es nur nicht.” Und dann… ein winziges Nichts – das alles ändert. So kann ein Toter wieder zum Leben erwachen.

Aber wie funktioniert dieses Bewußtsein des Nicht-Todes, wo kann man es zu fassen kriegen? Was tat Mutter, um dieses verfluchte Ding zu “irrealisieren”? Unbestreitbar ermöglicht der Zustand, in dem sich alle Zellen befinden (die Schwingungen, aus denen der Körper besteht), die Heilung, das heißt, entweder dient er als Übermittler oder ist im Gegenteil ein Hindernis, je nach der Verfassung des Körpers. Denn hier handelt es sich nicht um das Wirken einer “höheren Macht”, die durch die Materie in den anderen Menschen wirkt, sondern es ist ein direktes Wirken von Materie zu Materie. Was die Leute im allgemeinen die “Macht zu heilen” nennen, ist eine sehr starke mentale oder vitale Macht, die den Widerstand der Materie bricht und sich ihr aufzwingt – darum handelt es sich hier ganz und gar nicht. Es ist vielmehr die Ansteckung einer Schwingung. Diese ist dann unwiderruflich… Hier im Körper gibt diese Schwingung das Gefühl eines Anschwellens. Der Normalzustand des Körpers ist abhängig, gefesselt, verhärtet, könnte man sagen; in diesen Augenblicken aber ist es, als würde er anschwellen, sich ausweiten.

Offensichtlich handelt es sich um eine andere Art von Materie oder von Stofflichkeit oder um einen anderen Modus der Materie. Etwas auf der Ebene der Zellen, wo die Lüge nicht existiert, nicht ist. Wo es keinen Tod gibt. Wo unsere Verhärtung, unsere falsche Lichtundurchlässigkeit nicht existiert. Wo unser “Konkretes” nicht existiert – und wo dennoch das Leben vollkommen gleich bleibt… nur ohne Lüge. Das ist ein natürlicher Zustand. Es ist die große Natürlichkeit der Welt. Ein Lügennetz klebte sich über die Materie, so wie sie ist, ein Etwas, das eine Mauer in ein und demselben Zimmer bildet – immer wieder kehren wir und kehrte Mutter zu dieser ursprünglichen Mentalisierung der Materie zurück, zu diesem katastrophalen, defätistischen Mental, und das ist der Illusionist. Wir sehen nichts so, wie es wirklich ist, wir befinden uns nie in Kontakt mit der Welt und der Materie, nicht einmal mit unserer eigenen Materie, wir stehen immer nur durch das Mental in Verbindung: es ist eine mentale Wahrnehmung der Materie. Das Mental sieht etwas außerhalb seiner selbst und sagt: Das ist die Materie, das ist der Vogel, das ist Krebs, das ist Hans Müller, während der Körper – der zellulare Körper – die Welt sozusagen nicht wahrnimmt, die Materie nicht wahrnimmt, weil sie für ihn nicht etwas ist, das er von außen in sich aufnimmt und in Form von Gefühlen, Gedanken oder Definitionen wieder von sich gibt, sondern er wird es oder ist darin, er befindet sich im Innern der Welt, in den Dingen, in den Menschen, im Rhythmus, ungetrennt. Für ihn ist die Materie… etwas anderes. Es ist wirklich wie eine andere Welt. Anstatt die Erfahrung auf das Maß des Individuums zu reduzieren, erweitert sich das (körperliche) Individuum gemäß der Erfahrung. Und je mehr sich Mutter der rein zellularen Ebene näherte, je mehr sie die Maschen des Netzes aus dem Weg räumte, desto “wunderbarer” wurde es, wunderbar auf natürliche, universelle Weise, ohne daß irgend etwas hätte getan werden müssen: außer einfach zu sein. das sein. Nicht nur verschwand damit das ganze Drum und Dran der Krankheiten und des Todes, sondern die Materie selbst war anders, als sei sie mit anderen Eigenschaften ausgestattet, die scheinbar nichts mehr mit denen der Physiker zu tun hatten (obwohl…). Sobald man in diesen Bereich hinabsteigt, in den Bereich der Zellen selbst, der Beschaffenheit der Zellen, um wieviel weniger schwer erscheint einem dort alles! rief Mutter aus. Diese Schwerfälligkeit der Materie verschwindet: es wird wieder fließend, schwingend. Dies läßt vermuten, daß die Schwerfälligkeit, die Dicke, die Trägheit, die Starrheit etwas hinzugefügtes ist, es sind keine wesentlichen Eigenschaften… Es ist die falsche Materie, diejenige, die wir denken und fühlen, aber nicht die Materie als solche, so wie sie ist.

Eine Umkehrung des irdischen Bewußtseins?

Somit eröffnet sich uns ein ungeheures Feld der Entdeckungen. Es gibt nichts zu heilen! Nichts zu ändern! Ein Netz muß aus dem Weg geräumt werden. Und der Tod existiert nicht mehr. Wahrhaftig ein neues Leben auf der Erde. Aber Mutter wollte es für die Erde, nicht für sich selber. Sie war nicht daran interessiert, eine “Heilkundige” zu sein, in den Lüften zu schweben oder über die Wasser zu wandeln. Sie wollte die Heilung der Welt – die Heilung dieser falschen Materie: sie im irdischen Bewußtsein irrealisieren. Doch wer hätte das verstanden, selbst und vor allem unter denjenigen, die sie umgaben? Siehst du, der Glaube der Menschen ist ein Aberglaube – das ist kein Glaube sondern ein Aberglaube. Immer mehr Leute bilden sich jetzt ein, sie hätten den Glauben gefunden, und sie bitten mich um die lächerlichsten Dinge. Man bringt mir ein Kind, das mit einem krummen Arm geboren wurde, und ihr Aberglaube ist, daß, wenn ich meine Hand auf den Arm des Kindes lege, es geheilt würde… Dinge dieser Art. Das ist so idiotisch. Das nenne ich nicht Macht. Weißt du, sie brauchen ein kleines Wunder nach ihrem Maß. Die Menschheit ist noch sehr, sehr klein, sehr klein. Aber selbst diejenigen, die zu einer Macht fähig wären… sieh doch, wie es sich verhält: Gewisse Leute könnten Macht haben, sie brauchten nur die wahre Inspiration zu empfangen – aber sie haben Angst davor, mein Kind. Sie lehnen die wahre Inspiration ab, weil sie denken, die Dinge sollten ihren natürlichen – den sogenannten natürlichen – Weg gehen. Die Menschheit stößt das wahre Wunder zurück! Sie glaubt nur an… Es gibt Augenblicke (Sri Aurobindo nennt sie die Stunde Gottes), Augenblicke, wo das Wahre, das wahre Wunder möglich ist. Wenn man diesen Augenblick verpaßt, dann trottet die Welt weiter… in ihrem Schildkrötentempo. Und es ist hart – viele Schmerzen, viele Komplikationen. Der Glaube, wer hat schon den Glauben? Den wahren Glauben. Den Glauben, daß es hier ist, daß alles möglich ist, hier, hinter dem Netz unseres mentalen Illusionismus – und ohne “Wunderkräfte”, ohne “Tricks”: direkt und natürlich – vorausgesetzt, wir bohren ein Loch dahinein, in diese ungeheure Mauer dessen, was man denkt, was die ganze Wissenschaft denkt, die hartnäckig darauf besteht, “Kräfte” zu fabrizieren, um ihre eigene Illusion zu überwinden. Das ist keine Macht. Die Macht ist… transparent. Die Macht ist überall – das Wunder ist überall, in jeder Minute, nur durch dieses Netz von uns getrennt. Genau dieses Wunder brauchen wir. In seinem ursprünglichen natürlichen Zustand ist der Mensch allmächtig – er vergaß, es zu sein. Sein natürlicher Zustand ist, allmächtig zu sein. In diesem Zustand des Vergessens werden alle Dinge “konkret”, ja, so daß man ein rotes Auge bekommen kann [Mutter deutete auf eine Blutung des linken Auges], mit derartigen Folgen, aber nur… weil man erlaubte, daß es passiert. Die “konkrete” Wirklichkeit ist nur für das physische Mental konkret, das die Welt in eine tödliche Krankheit verwandelte, weil es die Welt in seinen Käfig sperrte und dann die Gesetze seines Käfigs proklamierte und entschied: So ist die Welt. “Aber das ist doch Krebs! Aber das ist doch die Schwerkraft! Aber das ist doch zehntausend Kilometer entfernt…” Wohlgemerkt, im Käfig ist es so. Geht man aber hinaus, dann ist es anders. Wenn man hinausgeht, ist es göttlich. Es ist das Göttliche. Alles bleibt genauso konkret und genauso wirklich – es wird keinesfalls verschwommen. Es ist genauso konkret, genauso wirklich, aber… es wird göttlich, weil… nun, weil es das Göttliche ist. Es ist das Göttliche, das spielt… Spielend verändert es die Positionen. Sieh den Herrn, wieviele Dinge Er besitzt, Er spielt mit all dem, er spielt, und er spielt damit, die Positionen zu verändern. Wenn man das sieht – dieses Ganze –, dann hat man das Gefühl des grenzenlosen Wunders, und so wird alles, was Gegenstand unserer wundervollsten Aspirationen ist, sich nicht nur erfüllen, sondern sogar weit übertroffen. Du kannst also getrost sein. Denn sonst wäre dieses Dasein… untröstlich. Er spielt den Materialisten. Er spielt den Spiritualisten, Er spielt im Käfig und außerhalb des Käfigs, Er durchspielt alle nur möglichen Positionen, quer durch die Zeit und den Raum – vielleicht ist die Stunde gekommen, eine dritte Position zu spielen… endlich eine natürliche, göttliche Position. Eigentlich gab es auf der Welt nie etwas anderes als das, nur wählten wir, es für einige Zeit zu vergessen, um das in seiner Gesamtheit wiederzufinden, dank unserer Myriaden individueller Augen.

Es ist das wahre Wunder der Welt. Die einfache und allmächtige Position, denn sie bezieht alles mit ein, anstatt alles als außerhalb des Käfigs zu betrachten.

Wie sonderbar, daß unsere Zukunftsromane oder Jugendzeitschriften ständig eine Welt heraufbeschwören, die mit immer wundersameren Supermaschinen ausgestattet ist – niemand blickt in die Richtung einer Vereinfachung der Mittel, einer direkten Macht. Je phantastischer ihre Maschinen sind, desto mehr gleichen die Gesichter der Menschen, die sie handhaben, Grimassen.

Den Übergang zu dieser dritten Position der Erde suchte Mutter. Das Wunder der Erde.

Der Körper ist ständig – ständig, ununterbrochen – ständig mit dieser Erfahrung konfrontiert, daß, wenn es so ist [Mutter dreht zwei Finger zur einen Seite], wenn man also dem Göttlichen zugewandt ist, sich die Dinge auf wundervolle Weise harmonisieren – auf unglaublich wundervolle Weise; es genügt aber, nur so zu sein [Mutter dreht ihre Finger zur anderen Seite, als durchbräche sie eine unsichtbare Wand], und schon ist es abscheulich, alles geht schief, alles knirscht: eine ganz winzige Bewegung. Verstehst du, das bezieht sich auf ganz mikroskopisch kleine Dinge, ohne Bedeutung – das heißt auf alles, ob es nun “bedeutend” oder “unbedeutend” ist, das spielt überhaupt keine Rolle – alles wird einfach wunderbar und bleibt dennoch gleich. Nur hat man im einen Fall Schmerzen, leidet und fühlt sich miserabel, und im anderen Fall… Aber es ist das dasselbe. Entweder ist es so oder so [Mutter dreht ihre Finger abrupt von einer Seite zur anderen], und dies erfordert weder Zeit noch Vorbereitung oder sonst irgend etwas, es geschieht einfach: hoppla! als wollte es zeigen, wie dumm doch der Körper ist. Es ist etwas ganz Einfaches, wie der lebende Beweis dieses wunderbaren Bewußtseins, das im Kommen ist und in dem sich all das in nichts auflöst… wie etwas, das gar keine Konsistenz hat, das völlig unwirklich ist und sich in nichts auflöst. Auch wie ein Beweis, daß es keine bloße Einbildung ist sondern eine tatsache: Es zeigt die Macht, die all das… diesen ganzen vergeblichen Traum des Lebens, so wie es derzeit ist, in ein Wunder verwandeln kann, einfach so, in einer Bewußtseinsumkehrung. Diese Erfahrung wiederholt sich in allen Einzelheiten, in allen Bereichen, wie ein lebendiger Beweis. Und es ist keineswegs ein “langwieriger Transformationsprozeß”, sondern es ist wie etwas, das sich plötzlich umkehrt… Alles bleibt sich gleich, nichts hat sich bewegt, außer dem Bewußtsein. Man könnte es folgendermaßen ausdrücken: Der Körper hat das Gefühl, in etwas eingesperrt zu sein – ja eingesperrt – wie eingesperrt in einem Kasten, er kann zwar hindurchsehen, er sieht, und es ist ihm auch ein gewisser (beschränkter) Handlungsspielraum gegeben durch etwas, das noch existiert, das aber verschwinden muß. Dieses “Etwas” vermittelt den Eindruck des Eingesperrtseins. Wie soll es verschwinden? Das weiß ich noch nicht genau.

Ein universeller “Kasten”.

Auf der Ebene der Zellen.

Mutter verharrte eine Weile nachdenklich: Es muß eine Beziehung zwischen dem Bewußtsein eines Körpers und dem Bewußtsein des Ganzen gefunden werden. Auch inwieweit Abhängigkeit und Unabhängigkeit besteht, das heißt, wie weit sich der Körper in seinem Bewußtsein (und als notwendige Folge auch in seiner äußeren Erscheinung) zu transformieren vermag, ohne… ohne daß sich das Ganze transformiert – ja, wie weit? Inwieweit ist eine Transformation des Ganzen notwendig für die Transformation des Körpers? Das bleibt noch zu entdecken… Und sie fügte hinzu: Die Vision des kollektiven Fortschritts, der auf der Erde stattfindet, ist sehr klar (unser Erfahrungsfeld ist die Erde), aber gemessen an der Vergangenheit hat es den Anschein, als würde es noch ungeheuer viel Zeit erfordern, bis alles bereit ist, sich zu ändern… Dennoch ist es beinahe wie ein Versprechen, daß es… zu einer abrupten Änderung kommen wird. So ist der Körper dabei zu drücken, zu drücken, um das Geheimnis fassen zu können.

Ein Umschwung des irdischen Bewußtseins?

Der von Sri Aurobindo angekündigte letzte “Aufstand”, das Ende des Eingesperrtseins im mentalen Kasten.

Doch das Mental wird den Umschwung nie vollziehen, es ist viel zu sehr damit beschäftigt, seine höheren Kapriolen zu vollführen: ein Umschwung im Körperbewußtsein… der unseren Kasten, uns zum Trotz, zerbrechen wird?

Wie wird die Transformation der Welt vor sich gehen – oder wie findet sie vielleicht bereits statt?

Wie wird der Übergang von der falschen Materie zur wahren Materie vor sich gehen?

Und was ist diese wahre Materie, wie verhält sie sich?

Mutters Körper war wie zum Labor der Neuen Welt geworden.

20. Kapitel: Die Funktionsänderung

Die zellulare Brücke

Die Antworten auf ihre Fragen erhielt Mutter im Körper. Sie lebte die Antworten, ohne äußerlich genau zu wissen, was das alles bedeuten sollte, außer daß es ein seltsames Leben war, das immer absonderlicher wurde und in dem sich die beiden Extreme einer unglaublichen Pracht und eines gleich bevorstehenden Zerfalls ständig zu vermischen schienen: Eine gefährliche Gratwanderung zwischen zwei Abgründen. Es gab nie die Gewißheit, daß es auch der “richtige” Weg war – aber wahrscheinlich war alles der richtige Weg. Der Weg bestand darin, voranzugehen. Als ich Sri Aurobindo zum ersten Mal sah, sagte er mir: “Die anderen kamen, um vorzubereiten, und sie gingen, doch dieses Mal ist es, um zu handeln…” Auch er ist gegangen. Er ist gegangen. Es ist wahr, daß er mir sagte: “Du wirst es tun”, aber nie sagte er mir… Nun, er sagte es mir “einfach so”, wie er die Dinge immer zu sagen pflegte. Es war nicht etwas, das einem die absolute Gewißheit gab… Ich kann nicht sagen, daß ich mir die Frage stelle, das stimmt nicht, ich stelle sie nicht, aber die beiden Möglichkeiten sind vorhanden; und weder auf die eine noch auf die andere gibt es eine Antwort. In manchen Augenblicken habe ich die Vision, daß alles zu Ende ist, und eine Minute später taucht die Möglichkeit auf, bis ans Ziel der Transformation zu gelangen. Manchmal, wenn alles vollkommen verwirrt ist, bitte ich um eine Gewißheit – und ich sehe deutlich, ich sehe deutlich, wenn man den Zellen meines Körpers, dem Körperbewußtsein sagen würde: “Du bist unsterblich; all das, diese Schwierigkeiten sind lediglich Erfahrungen; was du leidest, hat überhaupt keine Bedeutung, dieser scheinbare Zerfall hat überhaupt keine Bedeutung: all das sind notwendige Erfahrungen, und du wirst das Ziel der Erfahrung erreichen, das heißt, die Transformation”, wenn man ihm das versichern würde, wäre es selbstverständlich nur noch ein Kinderspiel – das Durchstehen von Schwierigkeiten ist nichts. Aber nie wurde mir dies gesagt. Diese Gewißheit wurde mir nie geschenkt – von Zeit zu Zeit ist der Körper in einem Zustand der Unsterblichkeit. Aber das hält nicht an, es ist abhängig von etwas anderem; und sobald es “abhängt”, besteht keine äußerste Gewißheit mehr. Gleichzeitig kommt eine Einsicht, daß das Bemühen der Zellen erschlaffen könnte, wenn man ihnen sagte: “Das macht nichts, all das hat überhaupt keine Bedeutung, denn ihr werdet standhalten, bis alles getan ist”, vielleicht würden sie sich dann gehen lassen?… So ist es nun, ich gehe voran und weiß nicht, was morgen geschehen wird. Gestern noch hätte ich sagen können: Ja, das ist vielleicht das Ende… Dann, wenn dieser Zustand vorbei ist und der andere kommt, sagt man: Was soll das heißen, sterben? Wie kannst du so etwas sagen? Es ist nicht etwa so, daß die beiden “Zustände” sich in einer Gegensätzlichkeit abwechseln – ganz und gar nicht –, sie bestehen beinahe gleichzeitig. Nur, mal sieht man dies, mal sieht man das. Es ist ein und dasselbe Ganze eines “Etwas”, das… die Wahrheit ist. Es fällt uns schwer zu glauben, daß der Höchste ständig alles bewirkt… So ist es aber. Und, fügte sie lachend hinzu, wir sind nur Wirrköpfe und wünschen, daß die Dinge anders wären, nur weil wir nichts, aber auch gar nichts verstehen. Weil wir denken: Oh, wenn es nach uns ginge, wäre alles sofort sehr gut! – und dieses “sehr gut”, Gott weiß, was das wäre.

Mutter erhielt nie die Gewißheit – nie. Und man kann sagen, daß sie bis zum Ende nichts wußte. Ich vermute, daß darin ein größeres Geheimnis verborgen liegt, als wir ahnen können. Mutter sollte nicht wissen – warum? Nicht nur, damit das Bemühen nicht nachließ… Vielleicht galt es, eine schreckliche Prüfung durchzustehen. Manchmal ist es, als ahnte ich das Geheimnis des Endes.

Die oben zitierten Worte stammen aus dem Jahr 1965. Noch acht Jahre dieses sonderbaren Zustandes lagen vor ihr, wo Leben und Tod in jedem Augenblick gleichzeitig zu bestehen schienen, fast ohne Übergang vom einen zum anderen. Ich weiß nicht, ob ich lebe, ich weiß nicht, ob ich tot bin, sagte sie mir oft. Vielleicht erlernte sie einen neuen Zustand, der weder das Leben noch der Tod war. Eine neue Seinsart.

In diesem hybriden Zustand, wo man sich im Grunde gleichzeitig auf beiden Seiten der Barriere befindet, war alles so merkwürdig anders, sogar beunruhigend (für jeden anderen außer Mutter). Vielleicht verstehen wir nicht buchstäblich genug, daß sie zur gleichen Zeit auf einer gewissen Seite wirklich lebendig und auf der anderen (der unseren) wirklich tot war, während sie äußerlich das gewöhnliche alte Leben fortsetzte. Ja, tot und dennoch lebendig – versuche doch einer, das zu verstehen! Aber es war nicht einfach, in diesem Zustand zu leben. Wie wäre wohl dem Fisch zumute, wenn er sich außerhalb des Wassers befände? Doch um das Geheimnis der Barriere zu finden, muß man tatsächlich auf beiden Seiten zugleich sein. Als Mutter sagte, sie wüßte nicht, ob dies nun “das Ende” sei, war es sozusagen das Ende des Todes: Der Körper war das seltsame Bindeglied zwischen den beiden Seiten… als seien die Körperzellen der Treffpunkt von Leben und Tod, die Brücke, der Punkt, der beiderseitig ist. Genau hier liegt die “Barriere”, oder besser, genau hier löst sie sich auf. Tatsächlich liegt hier das Geheimnis. Es ist gut möglich, daß alle sonderbaren Erfahrungen von Mutter nichts als eine einzige Erfahrung sind: die Auflösung der Barriere. Eine Art Hereinfluten der Unsterblichkeit in diesen Tod, den wir leben, eine Invasion der “anderen” Welt in diese hier. Es ist ein wenig wie ein Zustand fortwährender Auferstehung. Mutter ist die einzigartige evolutionäre Zeugin, die uns nicht nur sagt, wie die andere Welt ist, sondern auch, wie sie in diese hier eintreten kann. Und wie sie schließlich diese hier transformieren kann. Mit nur einem winzigen Angelpunkt der Zellen. Eine zellulare Brücke.

Vielleicht ist Mutter das Ende der Barriere zwischen Leben und Tod.

Das ist der Grund, warum ihr nie eine Gewißheit gegeben wurde: Sie mußte das Leben im Tod finden. Mit neuer Einsicht erinnern wir uns an die Worte der vedischen Rishis: “Er ent-deckte die beiden ewigen Welten (Erde und Himmel) in demselben Nest” (Rig-Veda I.62.7). Ein Lebender versucht herauszufinden, was im Zustand geschieht, in dem man angeblich tot ist, dort in der sogenannten “anderen Welt”, und er entdeckt ein anderes physisches Leben, das mit anderen Gesetzen ausgestattet ist und sich keineswegs in “der anderen Welt” befindet, sondern von uns nur durch eine gewisse zellulare Barriere getrennt ist: ein lichtundurchlässiger Grenzbereich. Das Jenseits der Fische ist nicht das Reich der Toten sondern einfach eine andere physische Form von Atmung. Leben und “Tod” in demselben Nest. Die Zellen sind die Stelle eines sehr subtilen Umschwingens, wo der Tod sich in etwas anderes verwandelt… Es hat den Anschein, als sei es aus und vorbei, und dann… ist es etwas anderes.

Ein paradoxaler Zustand

Ich bin mir wohl bewußt, daß ich mich hier mit ungeschickten Worten oder armseligen Vergleichen herumschlage, um diese neue Welt zu beschreiben, aber was tun? Wie könnte ich geschickt etwas beschreiben, das noch nicht existiert, ich kenne die Sprache der nächsten Welt nicht! Wie dem auch sei…

Die grundlegende Schwierigkeit all ihrer physischen Erfahrungen – sie sind in der Tat physiologischer und nicht psychologischer Natur: Eine neue und unbekannte Physiologie – besteht darin, daß vom Körper verlangt wird, in einem allen Gesetzen des Körpers widersprechenden Zustand weiterzuleben; man könnte fast sagen, daß der Körper so leben muß, als hätte er gar keinen Körper. Aber vielleicht ist das wirklich das Phänomen der Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelt: Wie wird man in einem Raupenkörper zum Schmetterling? Wie behält man die Verbindung zum alten Körper, das heißt, wie bleibt man nach außen hin lebendig, während man eine Seinsweise angenommen hat, die nicht mehr der Raupe angehört? Das ist ein Widerspruch, der bis in die Zellen des Körpers gelebt wird – ein gefährlicher Widerspruch. Bin ich nun “tot”, das heißt, bin ich der fliegende Schmetterling, oder “lebe” ich, das heißt, krieche ich auf der Erde, so wie alle anderen Körper – und wo ist das Leben, wo ist der Tod? Verbleibt auch nur ein Zipfelchen des Körpers in der Betrachtungsweise der Raupe, so ist er tot; dieses Zipfelchen fühlt sich sterben; und wenn sich alle Teile zusammen transformieren, hat es den Anschein eines radikalen Todes – wie soll man da nicht alles einfach loslassen? Und was ist das für ein kriechender, todgeweihter, finsterer und starrer Zustand auf der anderen Seite für den Zipfel, der fliegt oder zu fliegen anfängt? All das wurde zusammen und gleichzeitig im selben Körper erlebt. Sonderbar… Die Erfahrung spielte sich auf allen Ebenen des Körpers und in allen Einzelheiten ab, als würden die Organe oder Körperfunktionen der Reihe nach vorgenommen und ihres ganzen alten und beruhigenden Naturells beraubt, um mit einer anderen… erschreckenden Fähigkeit ausgestattet zu werden (erschreckend für das von der Erfahrung betroffene Organ). Das “Andere” ist immer erschreckend für das Alte – es ist ein erschreckendes Wunder. Mutter sagte so oft und immer öfter: Ich weiß nicht, ob es eine Glückseligkeit oder eine Tortur ist; in manchen Augenblicken möchte ich schreien, und gleichzeitig sage ich mir: Ah, das ist die Glückseligkeit!… Ich sage lieber nichts mehr, sonst hält man mich für verrückt.

Unter den Dutzenden von Erfahrungen, die immer zahlreicher und schwieriger wurden, kann ich eine erwähnen, die bereits von Anfang 1968 stammt. Mutter sah einerseits die ewige Tatsache des globalen Bewußtseins ohne Trennung und andererseits unser kleines individuelles Bewußtsein, das alles zerstückelte, zerteilte, zertrennte und außerhalb seines Käfigs verbannte – und im Grunde ist unser Übergang von der Raupe zum Schmetterling lediglich der Übergang vom getrennten Bewußtsein zum totalen Bewußtsein, das natürlich seine physiologischen Folgen haben muß und das vielleicht letzten Endes eine Mutation der Form hervorrufen wird. Das Universum scheint geschaffen zu sein für die Verwirklichung dieses Paradoxes des Bewußtseins des Ganzen, aber lebendig (nicht nur wahrgenommen, sondern erlebt) in jedem einzelnen der Teile, in jedem Bestandteil des Ganzen… Genau dieses Paradox wurde von Mutters Körper physiologisch nachvollzogen. Die Bildung dieser Elemente begann mit der Trennung, fuhr sie fort, und aus der Trennung entstand die vermeintliche Unterscheidung zwischen “gut” und “böse”, schwarz und weiß, Tag und Nacht… Aber vom Standpunkt der Sinneswahrnehmung der materiellsten Ebene kann man es Schmerz und Ananda (Glückseligkeit) nennen, die Tendenz, zwei Pole zu bilden: das Angenehme oder Gute und das Unangenehme oder Schlechte. Sobald man zum Ursprung zurückkehren will, neigen beide wieder dazu zu verschmelzen. Und im vollkommenen Gleichgewicht, wo also keine Trennung mehr möglich ist und das eine keinen Einfluß auf das andere ausüben kann – wo beide wirklich eins sind –, dort liegt diese berühmte Perfektion, die wir zurückzuerobern versuchen… Der Irrtum des Mentals liegt gerade darin, ein Ding wählen zu wollen und ein anderes zurückzuweisen: Alle Dinge gehören zusammen – was wir als gut bezeichnen, was wir als böse bezeichnen, was wir als richtig bezeichnen, was wir als falsch bezeichnen, was uns als angenehm erscheint und was uns als unangenehm erscheint, all das gehört zusammen. Die Ablehnung des einen und die Akzeptanz des anderen sind Kindereien. Das ist Ignoranz. Alle mentalen Begriffe wie der des ewig Bösen, dem die Idee der Hölle zugrunde liegt, oder des ewig Guten… all das, all das ist ausgesprochen kindisch. Das ist der Punkt, wo Metaphysik und Physiologie, das Paradox des Universums und das Paradox von Mutters Körper sich berühren. All das ist für mich viel zu philosophisch und nicht konkret genug, aber die Erfahrung heute morgen war konkret, und sie war deshalb konkret, weil sie durch äußerst konkrete Empfindungen im Körper ausgelöst wurde; es war die Erfahrung der Anwesenheit dieser (scheinbaren) ständigen Dualität oder dieses Widerspruchs (nicht nur des Widerspruchs, sondern der Verneinung), der zwischen dem besteht, was wir als Symbol betrachten können: zwischen Schmerz und Ananda. Der wahre Zustand (der scheinbar noch nicht in Worte gefaßt werden kann, der aber erlebt und empfunden wurde) ist ein Ganzes, das alles in sich birgt, aber anstatt alles in Form widersprüchlicher Elemente in sich zu bergen, ist es eine Harmonie, ein Gleichgewicht des Ganzen. Wenn dieses Gleichgewicht in der Schöpfung verwirklicht ist, dann wird die Schöpfung sich ohne Unterbrechung weiterentwickeln können. Mit anderen Worten, wäre ich versucht zu sagen: ohne Tod… Aber auch hier verfallen wir wieder der Falle mentaler Teilung der Dinge in gegensätzliche Pole. Sehen wir, was Mutter hinzufügte: Diese Tage herrschte wiederholte Male (aber auf methodische und organisierte Weise dank einer Ordnung des Ganzen, die alles für uns Vorstellbare weit überragt) ein Zustand, der zum Gleichgewichtsbruch, das heißt zur Auflösung der Form führt, was man gewöhnlich als den “Tod” bezeichnen würde (und dieser Zustand war extrem zugespitzt, sozusagen als Demonstration), aber es ging gleichzeitig mit dem Zustand einher (nicht der Wahrnehmung: dem Zustand), der diesen Gleichgewichtsbruch verhindert und eine Weiterentwicklung ohne Unterbrechung erlaubt. Dies vermittelt dem Körperbewußtsein die gleichzeitige (so gut wie gleichzeitige) Wahrnehmung dessen, was man einerseits die äußerste Bedrängnis der Auflösung und andererseits das äußerste Ananda der Vereinigung nennen könnte – beides zugleich. Um es in einfachen Worten auszudrücken: die äußerste Vergänglichkeit der Form (mehr als Vergänglichkeit) und die Ewigkeit der Form… Ein Zustand des Todes und gleichzeitig ein Zustand des Lebens.

Mutter fügte noch folgendes hinzu, das auf der physischen Ebene außerordentlich erstaunlich wirken muß: Es ist nicht nur die Vereinigung sondern die Verschmelzung, die Identifikation der beiden, die die Wahrheit ausmacht. Die Vereinigung der beiden Zustände bringt das wahre Bewußtsein hervor – “Vereinigung” impliziert noch eine Trennung: die Identifikation der beiden Zustände ergibt das wahre Bewußtsein. Die Verschmelzung von “Leben” und “Tod”?… Ein dritter Zustand von… etwas. An der Grenze von “Leben” und “Tod”, an dieser äußersten Grenze der Bedrängnis der Auflösung wurde etwas anderes geboren, das gleichsam aus der Verschmelzung der beiden entstand.

Dann, setzte sie hinzu, hat man das Gefühl, daß dieses Bewußtsein höchste Macht bedeutet. Denn die Macht wird durch die Widerstände und Verneinungen begrenzt (jetzt überwiegt lediglich die jeweils größte Macht, aber das ist völlig unzulänglich). Es gibt jedoch eine unumschränkte Macht, die aus der Verschmelzung der beiden entsteht. Das ist die absolute Macht. Wenn sich Das physisch verwirklichen würde… wäre das wahrscheinlich das Ende des Problems.

Es wäre nicht mehr ein Sieg des Lebens über den Tod sondern eine Umwandlung von Leben und Tod in einen dritten Zustand, unmittelbar hier an der qualvollen Grenzlinie zwischen den beiden Welten, an dieser zellularen Schwelle, die, wie es scheint, als Brücke zwischen “Leben” und “Tod” dient. Der Kern des Paradoxes. Der Ort des dritten Zustandes. Wir verstehen immer besser, was Mutter meinte, wenn sie sagte: “Ich weiß nicht, ob ich lebe oder tot bin… Ich weiß nicht, ob es eine Glückseligkeit oder eine Tortur ist.”

Sauerstoff in freier Luft bedeutet eine Tortur für den Fisch.

Ein paradoxaler Zustand. Oder eher der paradoxale Zustand.

Ein amphibischer Zustand.

Der Übergang zur fliegenden Spezies besteht nicht wirklich darin, sich neue Flügel wachsen zu lassen, sondern den Tod in eine neue Art Leben zu verwandeln – ein Leben ohne Barriere zwischen der einen und der anderen Seite. Denn Tod und Leben sind gleichzeitig… und sind etwas anderes. Es gibt keine Seiten mehr. Das Ganze fließt ohne Trennung.

Vielleicht ist das der Sitz der wahren Materie.

Die Lektion des Wunders

Dieser paradoxale Zustand ohne Barriere nahm im Laufe der Jahre zunehmend Gestalt an. Es dauert lange, bis diese Grenze der Zellen erreicht wird: da sind evolutionäre Schichten über Schichten abzutragen und zu klären, Überreste aus der Welt der Tiere, Pflanzen und Mineralien – eine ungeheure Gewohnheit, bestehend aus Millionen von Gewohnheiten, die unsere “natürliche” Seinsweise ausmachen. All das ist der Schleier, das Netz: diese obskuren Aufzeichnungen auf der Oberfläche der Zellen, die sich unaufhaltsam und ständig wiederholen – eine Art “Magnetisierung” der Zellen, ähnlich wie unsere Tonbänder. Negativ ausgedrückt könnten wir sagen, man müsse die Aufzeichnungen löschen, aber es bedarf eher einer Art positiver Transparenz, um die aufgezeichnete Gewohnheit aufzulösen. Es gibt Konglomerate oder kleine Gruppen von Zellen, die noch Spuren aufweisen, Spuren, die ihnen aufgeprägt wurden; da sind kleine Nischen – viele Nischen – kleine dunkle Nischen; und sofort spult sich hier die Erinnerung an die Umstände, die Ereignisse, die Gefühle, die Wahrnehmungen ab, die diese Spuren prägten: Sie werden im neuen Licht gesehen, um beseitigt zu werden. Das… ja, das ist die Reise. Siehst du, man reist in einer unermeßlichen Welt. Und man begegnet nicht vergangenen Dingen, sondern… man bewegt sich in einer unermeßlichen Gegenwart. Die ganze Vorgeschichte und Geschichte ist augenblicklich gegenwärtig, ohne Gestern. Hier muß eine ganze Erinnerung aufgelöst werden, eine ungeheure Erinnerung – tatsächlich muß die gesamte “natürliche” Funktionsweise aufgelöst werden. Worin besteht eigentlich dieser Vorgang? Mutter nannte es einen ungeheuren Machtwechsel. Es ist der Übergang vom kleinen individuellen Bewußtsein, das wieder und wieder seine Furchen zog und sich langsam im einen oder anderen Käfig einschloß, das seine Zellen und andere Zellen magnetisierte und hypnotisierte und seine Substanz in einer bestimmten Funktionsweise erstarren ließ – was einen Zusammenhalt ergab, seinen eigenen Zusammenhalt –, bis zum ungeheuren globalen Bewußtsein, ohne Trennung, für das jede “Sekunde” eine neue Schöpfung ohne Folgen ist, man könnte sagen, ohne Erinnerung: ein Pulsieren. Ein phantastisches alles umfassendes Pulsieren, das jeden seiner “Augenblicke” unfehlbar präzise und automatisch anordnet: es ist, und es ist vollkommen. Das ist eine vollkommen neue Seinsart auf der Erde. Eine andere Zeit, ein anderer Rhythmus, eine andere Funktionsweise. Ein Fließen, genau das Gegenteil unserer Starrheit, denn “sein” bedeutet für uns, sich festlegen: Wenn da keine Mauer ist, droht uns ätherisches Nichts. Das ist der Grund des Todes, die Notwendigkeit des Todes: damit diese Kruste durchbrochen und eine weitere Entwicklung ermöglicht wird. Wir führen ein versteinertes Leben, wir sind von unserer Wiege an versteinert. Die Belehrung des Bewußtseins der Zellen besteht darin, ihnen beizubringen, das göttliche Bewußtsein, die göttliche Gegenwart, die göttliche Macht zu wählen (ohne all diese Worte), das “Etwas”… Das bedeutet eine Wahl in jeder Sekunde zwischen der Herrschaft der alten Naturgesetze und der Herrschaft des höchsten Bewußtseins. Wir könnten es auch die Herrschaft der freien Luft statt der Herrschaft des Aquariums nennen.

Eine “Wahl”, das ist leicht gesagt, wie aber läßt sich das auf der zellularen Ebene bewerkstelligen? Das Mental kann von seinem hohen Sitz aus schwadronieren, während sich unten die Aufzeichnungen unverändert weiter abspulen. Für die Zellen gibt es nur eine Art zu lernen, und zwar indem sie völlig durcheinander gebracht werden – dieses Bewußtsein, das wir als supramental bezeichnen, ist ein ungeheurer Störenfried auf allen Ebenen: Es erschüttert alles von Grund auf. Vor ihm ist kein Käfig mehr sicher, sei er moralisch, spirituell, national oder zellular (und letzten Endes gibt es nur einen, genau den, der Mutter langsam zerstörte – bricht dieser erst einmal zusammen, dann stürzen auch die anderen zusammen; unsere “großartigen” politischen oder religiösen Geschichten hängen nur an einer einzigen blockierten Zelle). Dieses Bewußtsein fängt also damit an, dem Körper eine oder gleich mehrere handfeste Krankheiten zu verpassen, um ihn zu lehren, anders zu funktionieren (das gleiche macht es mit den verschiedenen Nationen), und das wiederholt es solange, bis man begriffen hat. Mutter nannte es “die Transformationskrankheit”. Davon bekam sie ein gutes halbes Dutzend am Tag. Die größte Schwierigkeit ist, daß die Substanz des Körpers aus Unwissenheit besteht, deshalb muß man jedesmal, wenn die Kraft, das Licht, die Macht irgendeinen Teil durchdringen will, zuerst diese Unwissenheit vertreiben [wir könnten es auch die alte Atmungsweise nennen]. Jedesmal ist es eine bis in alle Einzelheiten ähnliche Erfahrung. Es handelt sich um eine Art Verneinung aus unwissender Dummheit (es ist kein schlechter Wille, da ist kein schlechter Wille), es ist eine träge und unwissende Dummheit, die, weil sie so ist, die Möglichkeit göttlicher Macht [oder freier Luft] verneint, und das ist es, was jedesmal aufgelöst werden muß. Immer muß bei jedem Schritt, in jeder Einzelheit dasselbe aufgelöst werden. Das heißt, das Natürliche, das uns Sicherheit verleiht: alles übrige sind grauenvolle “Wunder”. Tatsächlich ist für die Zellen das “Wunder” eine ernsthafte Form von Krankheit. Das Wunder muß viel Geduld haben, bis es als das Natürlichste der Welt verstanden wird. Wüßte unsere kranke Erde doch nur, daß sie gerade dabei ist, ein Wunder zu leben… vielleicht ginge dann alles viel schneller. Auch sie lernt ihre Lektion, wie Mutter.

Und die Erfahrung wiederholt sich. Es ist nicht wie im Bereich der Ideen: Wenn man dort einmal etwas klar sieht und weiß, dann ist es erledigt; es können Zweifel oder Absurdes von außen kommen, aber die Sache steht fest, das Licht ist da, und automatisch werden die Dinge zurückgewiesen und transformiert. Doch bei den Zellen ist es nicht das gleiche. Es ist ja nicht so, daß jedes kleine Aggregat von Zellen Dinge von außen empfängt, sondern es ist so gebaut! Es ist aufgebaut aus träger und dummer Unwissenheit. Ein träger und dummer Automatismus. Deshalb verneint es automatisch (es “verneint” nicht einmal, hier gibt es ja keinen Willen, der verneinen könnte: es kann nicht verstehen; es ist das Gegenteil – das feststehende Gegenteil – der göttlichen Macht). Jedesmal kommt es zu einer Art Aktion – wirklich in jedem Detail und auf wunderbare Weise –, und plötzlich ist es gezwungen, die göttliche Kraft als allmächtig anzuerkennen. Von einem anderen Blickwinkel aus gesehen ist dies ein fortwährendes kleines Wunder. Als du zum Beispiel das letzte Mal bei mir warst, spürte ich einen Schmerz hier [auf der linken Seite], einen furchtbaren Schmerz, die Art Schmerz, die die Leute aufschreien läßt (denn sie glauben, sie seien sehr “krank”). Aber du hast nichts gemerkt, ich ließ mir nichts anmerken. Und solange du bei mir warst, kümmerte ich mich einfach nicht darum – ich dachte an etwas anderes. Als du fortgegangen warst, sagte ich mir: Es besteht kein Grund, daß das so weitergeht. Also konzentrierte ich mich, rief den Herrn und richtete ihn darauf [auf die “kranke” Stelle], und das wirkt dann fast sofort: Als erste Reaktion tritt ein zustand ein, der die Möglichkeit des göttlichen Wirkens verneint (es ist kein Wille, sondern eine automatische Verneinung), darauf antwortet immer ein Lächeln (interessanterweise ist es nie Zorn, nie eine sich aufzwingende Kraft, nur ein Lächeln), und beinahe augenblicklich verschwindet der Schmerz – Das etabliert sich, leuchtend und ruhig… Aber verstehst du, es ist nicht endgültig, es ist nur ein erster Kontakt: Die Erfahrung wiederholt sich bei einer anderen Gelegenheit und aus einem anderen Anlaß, aber dann besteht immerhin bereits ein Anfang der Zusammenarbeit. Die Zellen haben erkannt, daß Das die Lage ändert (sie erinnern sich, das ist sehr interessant), und so beginnen sie mitzuarbeiten, was die Aktion beschleunigt. Dann, nach einigen Stunden, wiederholt es sich ein drittes Mal, und die zellen selbst rufen die göttliche Aktion herbei, weil sie sich erinnern. [Sie erinnern sich der freien Luft.] Da kommt Es auf eine so herrliche Weise, wie etwas Beständiges… Nicht, daß sich die Störung verändert hätte! Nein, diese tritt mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks ein, das ist ihr Metier, sondern die Empfänglichkeit, die Reaktion der Zellen ruft die Veränderung hervor. Wir müssen nicht die Störung heilen sondern das “Empfangen” der Störung… Wenn die Welt das verstünde, würde sie über ein allmächtiges Geheimnis verfügen. Es gibt keine Störung! Es gibt nichts zu heilen – keinen Krebs zu heilen, sondern eine Haltung zu heilen. Mit dieser Haltung schmilzt die Störung, als hätte es sie nie gegeben. Eine Illusion schmerzhafter Störung…, vielleicht um uns zu helfen oder zu zwingen, unsere eigene automatische Allmacht zu entdecken. Störung heißt, ihn nicht zu empfangen! rief Mutter eines Tages aus (dieses Etwas, dieses lächelnde und wunderbare Das, überall und immer). Denn es gibt eine beständige Realität, eine beständige göttliche Ordnung, und nur die Unfähigkeit, sie wahrzunehmen, verursacht die Störung, die gegenwärtige Lüge. Und die Störung ist letzten Endes der Käfig, der verhinderte freie Fluß des großen Bewußtseins – die Krankheit, der Tod, das wahnsinnige tödliche Zittern der Welt. Mutter faßte es folgendermaßen zusammen: Jetzt kenne ich den Trick! All das geschieht einzig in der Absicht, die Zellen zu belehren. Verstehst du, da ist nicht einfach eine Person, die krank ist und die nun vollkommen geheilt werden müßte: Hier geht es um die Erziehung der Zellen, es geht darum, sie zu lehren… zu leben. Dennoch fügte Mutter hinzu: Das Schwierige an der Sache ist bloß, daß diese ganze Atmosphäre des physischen Mentals voll ist von allen möglichen Dummheiten, ständig muß man auf der Hut sein und sie wegfegen – die Meinungen der Ärzte, die Beispiele anderer Leute, dieses ganze… das schreckliche vorherrschende Gewirr der Unwissenheit, das man ständig zurückweisen muß. Das ist unser altes Problem. Es ist nicht die Atmosphäre eines Körpers sondern die Atmosphäre rings um uns herum, überall. Wir baden in diesem Gewirr.

Die Machtübertragung

Doch das ist erst der Anfang, um die Zellen zu lehren, daß es Das gibt, das lächelnde Wunder. Die radikaleren kleinen Vorgänge werden ihnen für später aufgespart – in Wirklichkeit spielt sich ein einziger Vorgang ab: eine Übertragung der Macht. Es vollzieht sich ein Übergang von jahrtausendalten zu kleinen Gesetzen kristallisierten Gewohnheiten zum großen Gesetz, das eher eine Gesetzlosigkeit oder eine spontane Erfindung in jeder Sekunde ist. Kann man sich einen Körper vorstellen, der in jeder Sekunde von neuem lernen muß zu leben oder der das Leben in jeder Sekunde neu entdecken muß – der ununterbrochen neugeboren wird?… Genau darin besteht das Phänomen. Die Arbeit besteht darin, die bewußte Basis aller Zellen zu verändern – aber nicht bei allen zugleich; das wäre unmöglich. Sogar nach und nach ist es sehr schwierig: Der Augenblick der Veränderung der bewußten Basis der Zellen verursacht… geradezu eine Panik in den Zellen und das Gefühl: Oh, was wird passieren? Von Zeit zu Zeit ist es da schwierig. Und Mutter schloß die Augen, wurde sehr blaß, oder, wenn die Dosis zu stark war, wurde alles gestört – aber in Wahrheit war die Dosis nie zu stark, es war genauestens dosiert. Hinzu kamen aber die Schwierigkeiten, die sie umgaben: Ich kämpfte, kämpfte, aber… um mich herum ist zu viel Lüge. Diesen kleinen Satz werde ich bis zum Ende hören. So werden die verschiedenen Funktionen eine nach der anderen vorgenommen, in einer wundervoll logischen Ordnung entsprechend der jeweiligen Körperfunktion. Das geschieht gruppenweise, beinahe entsprechend den Funktionseinheiten oder Teilen von Funktionseinheiten, und bei einigen ist es etwas schwierig [die Übertragung der Nerven und des Herzens werden in der Tat am gefährlichsten und am schmerzvollsten sein, besonders die der Nerven]. Ich weiß nicht. Weil es vollkommen neu ist, weiß ich nicht, ob es leichter wäre, nichts tun zu müssen. [Eine lange Menschenschlange wartete vor ihrer Tür oder war schon bis in ihr Zimmer eingedrungen.] Wahrscheinlich nicht, darum geht es nicht: Es geht um die allgemeine Haltung der anderen. Sie wirkt wie eine kollektive Stütze im Augenblick des Übergangs. In dem Augenblick, wo das Bewußtsein, das normalerweise die Zellen stützt, sich zurückzieht, damit das andere seinen Platz einnehmen kann, brauchen die Zellen (“brauchen”, ich weiß nicht, ob sie es sind), jedenfalls ist eine Stütze notwendig… (wie soll ich sagen?) eine Art Zusammenarbeit der kollektiven Kräfte. Es braucht nicht viel, es ist nicht unbedingt notwendig, aber es ist eine gewisse Hilfe. Da ist geradezu ein Augenblick der Bedrängnis, weißt du, man hängt wie in der Luft – es braucht nur einige Sekunden, aber diese Sekunden sind schrecklich. [Genau in diesen Augenblicken schauten ihre Schüler sie an und dachten: Mutter ist sehr krank, Mutter ist dabei, uns zu verlassen, Mutter… Eine finstere kollektive Atmosphäre, die ihre Zellen direkt aufsaugten.] Auch das kommt noch von dem dummen Selbsterhaltungstrieb in der Tiefe jedes zellularen Bewußtseins – er weiß es. Er weiß es. Es ist eine alte Gewohnheit. Die allerersten Stäbe unseres Käfigs entstanden aus diesem Selbsterhaltungstrieb. Die erste individualisierte Materie, die nicht mehr wahrnimmt, daß sie über das ganze Leben und die Unermeßlichkeit der Macht des gesamten Universums verfügt – sie ist “ich” und hat Angst. Sie ist in den Tod eingetreten. Mutter näherte sich dieser Wurzel. Und jedes Mal war es der gleiche Vorgang: Im kritischen Augenblick, wenn ein vollständiger Verzicht auf alles besteht, wenn der Körper auf seine Existenz, auf alles verzichtet, wird er mit Licht und Kraft erfüllt. Das ist die Antwort. Der Käfig weicht, und alles ist da. Die alte Spezies dankt ab. Kein Tag vergeht ohne die Erkenntnis, daß es nicht einmal einer vollen Dosis bedarf, daß schon eine ganz kleine Dosis, ein unendlich kleiner Tropfen von Dem, einen in einer Minute heilen kann (“es kann” nicht nur, es heilt einen), daß man ständig in der Schwebe hängt und die geringste Schwäche alles durcheinanderbringt und das Ende bedeutet, während ein winziger Tropfen von Dem genügt… und alles wird Licht und Fortschritt. Die beiden Extreme Seite an Seite.

Ein Augenblick wird kommen, wo sie nicht mehr Seite an Seite stehen, sondern unentwirrbar ineinander übergehen werden. Es ist das langsame Vordringen zur mysteriösen Grenze, zu diesem paradoxalen Zustand, der wie der Tod und das Leben gleichzeitig ist: auf dieser und auf der anderen Seite. All diese Jahre verbrachte Mutter mit der “Vervollkommnung der Hingabe”, wie sie es nannte. Wir reden von Transformation, sogar von Transfiguration, aber hier geht es um den Übergang von der alten zur neuen Bewegung, vom alten zum neuen Status, und das bedeutet einen Gleichgewichtsbruch. Für das, was noch der alten Schöpfung angehört, ist es immer ein gefährlicher Gleichgewichtsbruch, und man hat den Eindruck, daß alles entweicht, daß einem nichts mehr bleibt, auf das man sich stützen kann. Hier erfordert es einen unerschütterlichen Glauben. Kein Glaube wie der mentale Glaube, der sich selbst trägt: ein Glaube im Bereich der Sinneswahrnehmung. Das ist sehr schwierig. Jahr für Jahr können wir in einem geradezu lakonischen “Bericht” den Fortschritt zu diesem neuen Zustand verfolgen, man kann fast die Kurve erkennen, die sich abzeichnet: Während des Übergangs zwischen den beiden Bewußtseinszuständen kommt ein Augenblick, wo man das Gefühl hat, ein vollkommener Idiot zu sein – man kann nicht mehr denken, kann nichts mehr tun, ist zu nichts nütze, hat den Kontakt zu den Dingen verloren. Bei jedem Teil hat man in dem Augenblick, wo er sich verändert (was ich den “Wechsel des Meisters” nenne), das Gefühl: jetzt ist es aus. Anfangs ist man beunruhigt, dann gewöhnt man sich daran und bleibt ruhig; dann, ganz plötzlich, scheint das Licht. Und weiter: Die tausendjährige Gewohnheit, anders zu sein, ist so stark, daß man den Eindruck hat, als zöge man an einem Gummiband: Solange man zieht, spürt man die Wirkung, läßt aber die Spannung auch nur eine Sekunde lang nach, fällt es rein aus Gewohnheit wieder zurück. Dies zwingt einen, unter ständiger Spannung zu leben. Aber es wird nicht immer so sein. Es ist der Übergang von einer Gewohnheit zur anderen. Dann [in der “anderen” Gewohnheit] kommt das außerordentliche Gefühl der Unwirklichkeit des Leidens, der Unwirklichkeit der Krankheiten, der Unwirklichkeit… Es ist ganz sonderbar [die Unwirklichkeit der Gesetze im Goldfischglas]. Gleichzeitig kommt diese jahrtausendalte Gewohnheit und versucht zu widersprechen – und behauptet, dieser Eindruck sei das Unwirkliche!… Weißt du, es gibt Augenblicke von so unbeschreiblicher Pracht, aber sie sind nur flüchtig. Da ist das andere, das einen umzingelt und drängt. Die Bewegung wird immer präziser und intensiver: Die Arbeit dieses Übergangs ist in allen Einzelheiten im Gang, und das ist nicht leicht… Nehmen wir zum Beispiel diese Gewohnheit der Zellen, sich die Kraft von unten, durch die Nahrung usw. zu holen, will man das umwandeln in eine ständige Gewohnheit, die Kraft jeden Augenblick von oben zu schöpfen, und zwar in jedem kleinsten Detail, dann kommt ein schwieriger Augenblick… (von “oben” ist nur eine Redensart, denn hier gibt es weder oben noch unten oder irgendeine Richtung). Jedenfalls geht es darum, seinen Stützpunkt nicht mehr auf der Oberfläche zu suchen, sei es um zu stehen, zu gehen, zu sitzen oder sich zu bewegen… Und wenn die Erinnerung an die andere Methode zurückkehrt – an die gewöhnliche Methode, die universelle Methode aller menschlichen Wesen –, dann ist es plötzlich, als ob… (es ist ganz merkwürdig) als könnte der Körper überhaupt nichts mehr tun, als würde er gleich in Ohnmacht fallen.

Und es ist nicht “als ob”.

Dann wird die Kurve deutlich: Was einen zum Handeln veranlaßt, ist nicht mehr das gleiche – “handeln”, das heißt alles: sich bewegen, gehen, egal was. Das Zentrum ist nicht mehr das gleiche. Heute morgen zum Beispiel fühlten die Körperzellen, das heißt, die Körperform, mehrere Male eine ganze Weile, daß es von einer gewissen Haltung abhängt, ob sie zusammenbleiben oder sich auflösen. Und gleichzeitig bestand die Wahrnehmung (die manchmal fast doppelt, gleichzeitig war: das eine ist eine Erinnerung, das andere etwas Erlebtes), die Wahrnehmung dessen, was einen veranlaßt, sich zu bewegen, zu handeln, zu wissen: die alte Art wie eine Erinnerung und die neue, in der es überhaupt keinen Grund gibt, sich aufzulösen – es sei denn, man wählt es –, das ist sinnlos, es ist etwas, das keinen Sinn hat: warum sich auflösen! Auf der anderen Seite des Käfigs hat der Tod keinen Sinn, er existiert nicht. Aber da ist diese Grenzlinie zwischen den beiden. In dem Augenblick, wo man in die alte Gewohnheit zurückfällt, oder besser, wenn die alte Gewohnheit wieder an der Oberfläche erscheint, da fällt man, wenn man nicht sehr aufpaßt, in Ohnmacht… Man hat gleichzeitig das Gefühl der Unwirklichkeit des Lebens und das Gefühl einer Realität, die man ewig nennen könnte: Hier existiert der Sinn des Todes nicht, er hat keine Bedeutung. Er kommt nur als Wahl in Frage. Und das Auseinanderfallen hat dann keinen Sinn, keinen grund mehr, es ist reine Phantasie. Der Tod bedeutet einfach, eine falsche Position, eine falsche Haltung annehmen. Oder eine verhängnisvolle alte Gewohnheit. Es gibt nichts Sterbliches außer einer falschen Bewußtseinshaltung. Der Kontrast oder Widerspruch [zwischen den beiden Zuständen] ist quälend und schmerzhaft; beide beklagen sich: der eine, weil er das Gefühl hat, daß er ohnmächtig wird, und der neue, daß man ihn nicht in Ruhe läßt [draußen warten fünfzig Leute vor Mutters Tür]. Wenn man in dem einen oder anderen Zustand ist, geht es, wenn aber beide zusammen sind, ist es nicht sehr angenehm. Dann kommt ein Gefühl der Unsicherheit auf: Man weiß nicht mehr genau, wo man ist, ob man hier oder dort ist, man weiß es nicht mehr genau. Dann wird die Dummheit der Leute und Dinge grausam, denn selbst im gewöhnlichen Bewußtsein erscheinen mir all diese Geschichten sinnlos, und um so mehr in dieser Notwendigkeit, zwei fast entgegengesetzte Zustände beizubehalten – wenn man dem dann noch eine Ladung von Dummheiten hinzufügt, ist das nicht mehr angenehm.

Dennoch lag der Schlüssel gerade in diesem außergewöhnlichen oder paradoxalen Zustand verborgen. Denn es ging in Wirklichkeit nicht darum, von einer Seite zur anderen überzugehen, von einer Position zur anderen, von einer Welt in die andere, sondern den Übergang selbst in einen dritten Zustand zu verwandeln, der die beiden vereinen würde. Es ist also beinahe, als müsse zwischen den beiden eine Schleuse oder Brücke gebaut werden, um die Wechselbewegung von der einen in die andere Welt zu ersetzen. Die Brücke mußte im Körper und nicht außerhalb gebaut werden. Die Brücke ist im Körper. Der Übergang vom “Leben” zum “Tod” ist die Stelle, wo eine dritte Wirklichkeit entstehen muß. Die Maschen des Netzes oder die Stäbe des Käfigs, die eine Art Umkehrung des Lebens zum Tod bewirken (oder eher des Todes zum Leben), müssen sich in ein kontinuierliches Leben ohne Unterbrechung verwandeln. Dieser Körper, genau der Ort unserer Gefangenschaft, muß in sich selbst, und gerade wegen seiner Gefangenschaft, den Schlüssel des fortdauernden Lebens finden. Jenes, das beiderseitig ist und schließlich keine “Seiten” mehr hat. Es darf keine “Seiten” mehr geben – dann gibt es auch keinen “Tod” mehr sondern etwas anderes. Etwas anderes, das auf beiden Seiten ist. Offensichtlich eine neue Lebensweise.

Dies war, was langsam in Mutters Körper heranreifte – langsam und gefährlich und verletzlich: Nein, es ist wirklich ein merkwürdiger Zustand… In manchen Augenblicken hat man sogar das Gefühl, daß man wegen einem Nichts die Verbindung verlieren könnte, und daß es nur weitergehen kann, wenn man völlig unbewegt und sehr gleichgültig bleibt – ja, gleichgültig. Dennoch sind die Minuten lang. Um die beiden Seiten zu vereinen, war es notwendig, dem Tod eine völlige Gleichgültigkeit entgegenzusetzen, ihn zu irrealisieren, damit er sinnlos werde. Der Tod mußte jeden Sinn im Körper verlieren, nichts anderes als nur noch Das durfte ungehindert hindurchfließen – kein Stützpunkt mehr, keine Gewohnheiten mehr: die einzige Gewohnheit war Das. Die Kurve näherte sich ihrem Ende: “Bist du zu allem bereit?” – Natürlich antwortete ich: zu allem. Und die Präsenz wird zu einer so wundervollen Intensität… Keine Wahl, keine Vorliebe für etwas, nicht einmal eine Aspiration, eine totale, totale Hingabe… Alle Versklavungen, alle Bindungen an äußere Dinge, all das ist vorbei, ist vollkommen von mir abgefallen, eine absolute Freiheit. Mit anderen Worten, es gibt nur noch Das, der höchste Meister ist Meister geworden. Das weite, allesumfassende Bewußtsein. Die alte Spezies hat abgedankt. Und Mutter fügte hinzu: Der Körper hängt nicht mehr von den physischen Gesetzen ab.

Dies ist der “Machtwechsel”.

Das war 1966.

Es ist der Übergang vom obskuren Automatismus der alten zellularen Aufzeichnungen zum bewußten Automatismus des großen präzisen Bewußtseins.

Dennoch könnte man wegen einem Nichts die Verbindung verlieren.

Eines Morgens sagte Mutter mir dann mit ihrer leisen ruhigen Stimme wie ein silberner Fluß: Ich stehe an der Schwelle einer neuen Wahrnehmung des Lebens… Es ist als verwandeln sich gewisse Teile des Bewußtseins vom Zustand der Raupe in den Zustand des Schmetterlings.

Das grenzenlose Leben.

Der Ort, der beiderseitig ist.

Der Ort der wahren Materie.

21. Kapitel: Die Ebene der Zellen

Die evolutionäre Bedeutung dessen, was sich in Mutters Körper abspielte, werden wir nie voll ermessen können – bis die neue Stufe hier ist, sichtbar, verwirklicht. Dann können wir sagen: Ah, das war es! Wir werden also sozusagen aufgefordert, etwas im voraus zu verstehen, und unser Verständnis könnte den Evolutionsprozeß durchaus beschleunigen oder fördern. Das ist mit bewußter und willentlicher Evolution gemeint, anstatt der endlosen Panscherei im großen natürlichen Schmelztiegel, in dem die kleinen menschlichen Bestandteile immer wieder durchgemischt, verknüpft und ausgesondert werden, bis die neue Zusammensetzung gelingt. Mutters “Das” mag uns als eine neue Form von Mystizismus erscheinen – aber was hätten die Primaten von der beunruhigenden kleinen Schwingung gehalten, die wir heute wie weiterentwickelte Erwachsene handhaben? Auch sie vollzogen die Übertragung der Macht von einer Seinsart zu einer anderen. Das Übernatürliche, sagte Sri Aurobindo, ist ein Natürliches, das wir noch nicht erreicht oder verstanden haben oder dessen Mittel wir noch nicht erobert haben.1 Es gibt nichts Übernatürliches sondern nur aufeinanderfolgende Natürlichkeiten. Die ganze Arbeit der Evolutionstätiger besteht darin, daß es natürlich werde. Wenn es dann “natürlich” ist, werden wir wieder einmal nichts davon merken, es wird so natürlich erscheinen wie die Luft, die wir atmen, und wir werden sagen: Wo ist denn das Göttliche in alledem? Das Göttliche oder kein Göttliches, es ist alles gleich – da ist nur ein kleines Lächeln…, das den Unterschied ausmacht. Dieses kleine Lächeln ist vielleicht alles.

Das muß allerdings jeder für sich selbst entdecken.

Es hat keinen Katechismus.

Nur unsere wissenschaftlichen Gesetze sind voller Katechismen – die anderen hatten 10 Gebote Gottes erfunden, diese hier erfanden 10000 Gebote der Physik. Das ist die letzte Religion der Welt. Vielleicht sogar der letzte Aberglaube.

Zeit und Materie

Wie funktioniert dieses neue Natürliche?… Es sieht überhaupt nicht natürlich aus und ist manchmal unverständlich, unfaßbar (für uns). Wir versuchen zu verstehen. Wir versuchen, eine Ordnung in Mutters Wald zu bringen! Und Gott weiß, ob unsere “Ordnung” morgen der vollbrachten neuen Spezies nicht lächerlich erscheinen wird, aber nun… Jeder, der Mutters Agenda durchschreitet, wird darin selber unerwartete Wege entdecken können. Der Weg ist überall. Ich versuchte, die Linien und Kurven der Phänomene herauszubringen, und sprach von Universalisierung, Unpersönlichwerden, Irrealisierung, falscher Materie, Harmonie, vertikaler Zeit, Übertragung…, weil man die Dinge eins nach dem anderen aussprechen muß, dies ist das Gesetz des Mentals, es sieht einen Grashalm, dann den nächsten; doch all das ist ein einziges unzählbares und gleichzeitiges Phänomen, das abläuft und in dem jeder kleine Fortschritt in einem Punkt die Stellung und den Wert aller anderen Punkte mitverändert, und jedesmal wenn man dort, bei X4 in diesem Augenblick vorankommt, öffnen sich gleichzeitig zahllose kleine Fenster anderswo. Tatsächlich begann eine neue Luft überall einzufließen. Eine neue Wahrnehmung.

Auch ein neuer Atem.

Was ist dieses selbe Phänomen, das unzählig abläuft? Es ist das Netz, das am einen oder anderen Zipfel oder bei allen Zipfeln nachgibt – mit verschiedenen physiologischen Folgen. Wir werden irregeführt, weil wir Mutter nicht durch die Luft fliegen sehen, doch es ist viel ernsthafter – diese Sorte Wunder ist im Grunde nur eine Verlängerung des Mentals, das sich außerhalb des Käfigs projiziert und sich vorstellt, was es tun würde. Wenn man den Käfig verläßt, braucht man nicht zu fliegen: man ist augenblicklich überall. Man sieht augenblicklich überall. Und man sieht nicht dieselbe Materie wie die Leute im Käfig – das ist offensichtlich, denn ihre Materie wird genau von dem gebildet, was sie hindert, überall zu sein, überall zu sehen. Das sind ihre unerbittlichen Gesetze: Gesetz des Todes, Gesetz des Lebens, der Schwerkraft, alles ist Gesetz. Das ist ihre grobe, trübe, starre Materie – obwohl ihre Mikroskope weniger starr sind als ihre Augen. Das ist die Materie, die sie denken und fühlen. Das Phänomen, das jetzt in Mutters Erfahrung immer genauere Form anzunehmen schien, ist eine bestimmte Flüssigkeit der Materie. Diese selbe Schwingung von unvorstellbarer Schnelligkeit und zugleich wie unbewegt (in diesem supramentalen Bewußtsein ist entschieden alles widersprüchlich, oder besser gesagt, alle Gegenteile sind gleichzeitig vereinigt) drang durch die Maschen des Netzes und zeitigte höchst sonderbare Eigenschaften, heilte die Krankheiten, als gäbe es sie nicht, heilte den Tod, als gäbe es ihn nicht, heilte alles Elend und alle Gesetze unserer Materie, als gäbe es sie nicht – dabei “heilt” sie nicht so sehr, als daß sie einen in eine andere Art Materie versetzt (während man dennoch anscheinend in derselben blieb: Mutters Körper blieb hier, solide, “konkret” und greifbar in seinem Sessel), wo es all diese Dinge nicht gibt. Eine Umkehrung des Bewußtseins, sagte Mutter. Eine Veränderung der Schwingung, die alles verändert. Man könnte sagen, eine Veränderung der Materie. Eine Schwingung, die die Trübheit, die Starrheit der Materie aufhebt, so wie sie ihre Krankheiten, ihren Tod, ihre Entfernungen, ihre Gesetze und all ihr Zittern aufhebt, die genau das Ergebnis dieser Trübheit und Starrheit sind. Das Verhalten dieser sonderbaren Schwingung sollte also genauer betrachtet werden. Könnte unsere “konkrete” Materie nicht einfach das Ergebnis einer bestimmten Wahrnehmung der Zeit sein? Verändert man die Zeit, so verändert sich auch der Raum samt allem, was darin enthalten ist, und dennoch bleibt man in derselben Sache. Diese Schwingung von äußerster Geschwindigkeit (und wie unbewegt) verändert tatsächlich das Zeitgefühl, hält sie sozusagen an, während sie einen gleichzeitig überallhin versetzt, als wäre New York und alles andere zugleich hier vor unseren Füßen, ohne Entfernungen und ohne “Raum” – in diesem körperlichen “Nicht-Raum”, dieser “Nicht-Zeit” (es ist ja eine Wahrnehmung des Körpers) verschwinden Alter, Verschleiß und ihre unabwendbaren Folgen. Dennoch ist es dieselbe Materie, aber wie eine andere Materie. Der Raum ist, wie wir wissen, eine Eigenschaft der Zeit, doch alles, was sich in diesem so “konkreten” Raum befindet, verändert seine Beschaffenheit wie durch ein Wunder, sobald sich die Wahrnehmung der Zeit verändert – sobald diese supramentale Schwingung ins Spiel tritt. Man könnte sagen, eine bestimmte Geschwindigkeit (oder eher Langsamkeit) der Schwingung gibt uns das Gefühl, daß wir uns überall an einer harten Materie stoßen, die von weiten Entfernungen getrennt ist, während eine andere Schwingungsgeschwindigkeit die Entfernungen samt der starren Trübheit, die unser “Wahrnehmungsfeld” ausmacht, schmelzen läßt. Man wird einwenden, daß sich Mutters Zehe weiterhin am Tischbein stieß und einen blauen Fleck bekam, auch wenn ihr Bewußtsein gleichzeitig in New York und Hongkong weilte und durch die Maschen des Netzes schlüpfte. Und daß am Ende die Tatsache des Kadavers bleibt und daß sämtliche Veränderungen von Zeit und Bewußtsein nichts an dieser Tatsache ändern. Der Kadaver ist der Beweis. “Ihr lebt in einem Wahn «höheren» Bewußtseins” (es sei denn, der Wahn ist höher, während der andere ein niedrigerer Wahn ist). “Eure Schwingung ändert nichts.”

Es stimmt, daß auch der Affe sagen konnte (falls er sprach), daß diese dumme mentale Schwingung nichts an seinem Affenleben änderte – aber dennoch… Die “Zeit” des Menschen ist nicht mehr die des Affen, und sie veränderte auf einzigartige Weise unseren Raum und unsere Materie (nicht unbedingt zum besseren, das ist offensichtlich). Wir können also einfach feststellen, daß die Erfahrung im Gange ist, daß es ein erster Anfang neuer Evolution ist – was wird am Ende geschehen, inwieweit wird die “andere Materie” oder die “andere Zeit” die alte Materie, in der wir leben und wohnen, verändern können (die “Rinde”, wie Mutter sagte)?… Diese Frage stellte sich Mutter sehr oft. Vielleicht ist das die Frage. Vielleicht ist es auch eine falsche Frage: Wenn die Raupe zu fliegen beginnt, was wird sie über ihre kriechende Materie sagen? Es bleibt lediglich die Hülle der Raupe und ein Schmetterling in einer anderen Zeit, einer anderen Materie – die dennoch dieselbe Welt und dieselbe Materie ist. Kann man ein Schmetterling werden, ohne seinen Raupenkörper zu verlieren? So ungefähr präsentiert sich die Frage. Kann man den einen in den anderen verwandeln, anstatt den einen für den anderen aufzugeben? Dieses Mysterium wurde noch nicht gelöst.

Die Tatsache der Hülle widerlegt jedoch in keiner Weise den Schmetterling. Unsere Schwingung ist vielleicht noch zu langsam, um den Schmetterling zu begreifen, das ist alles.

Besteht zwischen Leben und “Tod” einfach ein Unterschied der Schwingung?

Mutters Erfahrung ist die Stelle, wo beide zusammentreffen.

Auf der Ebene der Zellen liegt das Geheimnis aller Verwandlungen und der beiden Welten wie in einer einzigen.

Der Durchgang durch das Netz

Hier müßte wiederholt werden, daß die Einzigartigkeit all dieser Erfahrungen – ihr vorrangiges Interesse vom Standpunkt der Erfahrung irdischer Evolution – darin besteht, daß sie alle in der Materie stattfinden, an der rätselhaften Grenze, wo die alten zellularen Prägungen verlöschen – in ihrem dunklen Kode, könnte man sagen, dem Raster oder Netz, das sie umhüllt und hypnotisiert – und wo die reine Zelle zu strahlen beginnt, der große Kode des Universums ohne Vergangenheit, das in jedem “Augenblick” neu entsteht: dieser einzige Pulsschlag, wo alles zugleich pocht. Was wir “Vergangenheit” nennen, ist unsere Bemühung herauszufinden, was wirklich ist – es ist unser dunkler Weg hierhin, unsere Millionen und Milliarden schmerzhafter Aufzeichnungen und vergeblicher Versuche und wiederholter Anstrengungen. Wenn es da ist, wenn man das erreicht, was wirklich ist, gibt es nichts mehr herauszufinden, keine Vergangenheit mehr: Es ist immer gegenwärtig. Es war immer gegenwärtig. Es wird immer gegenwärtig sein. Und das wird im Herzen der Materie erlebt. Wo ist dann der Tod in dem, was keine Zeit mehr kennt? Oh, hoch oben kann man Ewigkeiten des Bewußtseins und ewige Fluten des Werdens leben, Wüsten leuchtenden Friedens2, wie Sri Aurobindo sagte, und danach… Schließlich werden wir nicht geboren, um in Andacht zu entschwinden. Ein Mensch geht voran. Wir werden in der Materie geboren, um die Wahrheit der Materie zu entdecken und nicht die Wahrheit des Himmels – das Sonderbarste ist, daß sie dort tatsächlich eins sein könnten.

Der Himmel in seiner Ekstase träumt von einer vollkommenen Erde

Die Erde in ihrem Schmerz träumt von einem vollkommenen Himmel…

Verwunschene Schmerzen halten ihre Einheit zurück;

Auf rätselhafte Weise durch kilometerlanges Denken getrennt

Betrachten sie sich durch Abgründe schweigenden Schlafes.3

Diese alte “Verwünschung” löst sich auf der Ebene der Zellen, und auch der Schlaf wird zu etwas anderem.

Hier wird der Abgrund gefüllt.

Dieses Stammeln des neuen Lebens, diese tastende neue Wahrnehmung verfolgen wir in und hinter Mutters Worten: Wir brauchen eine neue Sprache! rief sie so oft… Das läßt sich noch nicht ausdrücken. Durch Worte und Ideen läßt sich das nicht aussprechen [natürlich, es ist das konkrete Leben, das Leben der direkten Materie]. Die Ausdrucksweise muß gefunden werden. Im Grunde ist der große Unterschied beim Menschen, daß er die Sprache erfand – dazu natürlich auch die Schrift und all das. Jetzt muß ein höheres Mittel als die Sprache und die Schrift gefunden werden… In der vedischen Zeit sprachen sie vom “Wort” – das schöpferische Wort… Das Wort als vollkommene Übertragung der Schwingung. Daß die Worte eine Macht haben, ihre eigene Bedeutung tragen! Vielleicht durch Hinzugabe einer bewußten und willentlichen Handhabung bestimmter Lichtschwingungen zum Ton?… Doch diese modernen Sprachen sind so künstlich (ich meine damit oberflächlich, intellektuell): Das zerschneidet alles in kleine Stücke und beraubt es des dahinterliegenden Lichts. Es ist die Sprache des geteilten, getrennten Lebens – was wird das runde, volle Leben sagen, das überall ist? Manchmal setzte sie sich an die Orgel: Ich versuchte, Musik zu spielen, gerade um etwas zu sagen.

Andere werden kommen und die Sprache der Musik erfinden, das schöpferische Wort, das Mantra der Materie, doch in der Zwischenzeit galt es einfach, in diesem sonderbaren Leben weiterzugehen oder besser gesagt in dieser sonderbaren Materie, dieser sonderbaren Zeit, diesem anderen Rhythmus – alles war anders! Es ist wirklich, als gäbe es auf der Ebene der Zellen eine vollkommen andere materielle Welt. Wenn die alten Prägungen verlöschen, muß man noch “auf die andere Weise” aufrecht bleiben können, wie Mutter sagte, der Übergang ist das Schwierige. All diese Erfahrungen hatte sie ja keineswegs in Andacht, sondern während sie ging, sich bewegte, und meistens im Badezimmer, weil dort der einzige Ort war, wo man sie noch halbwegs in Frieden ließ: Diese Erfahrungen sind so konkret und spontan und wirklich (sie sind nicht das Ergebnis eines Willens und noch weniger einer Anstrengung), daß sie keine Ruhe erfordern: ich machte gerade meine Toilette! Das Meerbad läßt sich nicht meditieren: man muß hineinspringen. Man springt in das Bad des neuen Lebens, ganz prosaisch, weil es überall gleich ist. Man geht es, trinkt es, atmet es. Soll einer nur versuchen, das Meerbad zu katalogisieren! Ich verstehe immer besser, warum Mutter so oft von ihrem “Bad des Herrn” sprach.

Die ersten Male ist es immerhin etwas schwankend, wenn man den Halt verliert (was sie die “Stütze” der alten Gewohnheit nannte, des staubigen wenn auch beruhigenden alten Kodes). Die Beschaffenheit dieser beiden Schwingungen ist unbeschreiblich (noch überlagern sie sich, so daß man sich beider bewußt ist). Die eine ist eine endlose Zerstückelung und absolute Instabilität: wie ein atomarer Staub in unaufhörlicher Bewegung. Die andere ist eine ewige Unbewegtheit, eine endlose Unermeßlichkeit absoluten Lichts… Noch wechselt das Bewußtsein von der einen zur anderen. Dann entwickelte sich die Erfahrung weiter, die beiden Schwingungen schienen zu verschmelzen, wie wir bereits bemerkten: Der Körper hat jetzt nicht nur das Gefühl einer irdischen sondern einer universellen Bewegung von so ungeheurer Schnelligkeit, daß sie unmerklich ist, sie übersteigt die Wahrnehmungsfähigkeit. Da ist “etwas”, das sich nicht in einem Raum bewegt sondern zugleich jenseits von Unbewegtheit und jenseits von Bewegung ist, es ist eine Schnelligkeit, die für alle Sinne unmerklich ist… Das ist die supramentale Schwingung, die entschieden alle Gegensätze vereinigt. Ich bemerkte, daß in diesem Zustand die Bewegung stärker ist als die Kraft, die die Zellen in einer individuellen Form zusammenhält… Das heißt, man hat das Gefühl, in alle Richtungen in Staub auseinanderzugehen, das geschah auch zu Beginn: Mutter verlor den Halt. Dieser Zustand scheint allmächtig zu sein. Die Wirkung ist automatisch (nicht willentlich): sobald etwas auftritt, das sich durch einen physischen Schmerz ausdrückt, verschwindet es augenblicklich… Als käme der Schmerz, das Übel und der Rest nur durch den alten Kode zustande, durch eine zu langsame Schwingung – auch der Tod stammt vom alten Kode. Ja, der Käfig des Schmerzes, um zu lernen…, was man wirklich ist. Dort wird es äußerst interessant, denn sobald der Körper zu seinem normalen Zustand zurückkehrt, erwischt er die erinnerung dessen, was vorher passiert war, und mit der Erinnerung wird die Rückkehr der Störung möglich… Es muß der Übergang von der wahren Sache zu der sein, die es nicht mehr ist, das bedeutet bereits eine Veränderung im Vergleich zur reinen Schwingung. Es macht den Eindruck einer falschen Falte, es bleibt nur noch die Frage der schlechten Gewohnheit. Dort muß etwas gefunden werden, um zu verhindern, daß diese Wirkung sich automatisch wiederholt, um ihr ein Ende zu setzen. Das kommt ständig. Es ist ständig: vom einen zum anderen, vom einen zum anderen [Geste des Hin und Her, von einer Schwingung zur anderen, von einem Zustand zum anderen], das geht so weit (wird so stark), daß man für eine Sekunde oder eine Minute – jedenfalls irgendeinen Zeitraum – weder das eine noch das andere ist. Dort hat man das Gefühl, daß nichts mehr da ist. Das ist fast augenblicklich: wenn es andauerte, würde man wahrscheinlich in Ohnmacht fallen oder etwas ähnliches. Aber ständig ist es so: Das, das. Und zwischen Dem und dem ist ein Übergang… Es ist ein sonderbares Leben, weder Das noch das, nicht die Mischung beider, nicht die Gegenüberstellung beider, sondern wie eine Funktionsweise des einen durch das andere. Es muß auf der Ebene der Zellen sein, das heißt die Mischung muß sehr mikroskopisch sein, an der Oberfläche. Das macht genau den Eindruck der Durchquerung des Netzes oder des dunklen Randes: An der Oberfläche der Zelle findet das Zurückrutschen in die alte “Erinnerung” statt. Es ist die lange Lehrzeit am dunklen Saum zwischen Leben und Tod, nicht nur, um nicht von der einen Seite zur anderen zu “rutschen”, sondern um den eigentlichen Übergang zu verwandeln.

Langsam wird dann die “neue Gewohnheit” oder die neue Weise geläufig, die erste Bestürzung der Zellen schmilzt in völliger Hingabe – dieser “idiotische Selbsterhaltungstrieb”, sagte sie –, doch den alten Organen fällt es noch schwer, das “Zerstäuben” (oder genauer gesagt das Gefühl des Zerstäubens) zu ertragen: “Du siehst blaß aus”, sagte ich ihr eines morgens. – Ich habe das Gefühl, nicht hier zu sein… Mein Körper ist fern von mir… Ich bin in einem sehr verdünnten Zustand – sehr verdünnt. Natürlich, denn sie war überall! Es ist wirklich äußerst schwierig, die neue Bewegung nicht mit der Auflösung zu verwechseln. Das ist so: un-be-wegt [und sie breitete die Arme aus wie auf einem unermeßlichen Meer], aber mit einer großen Intensität der Schwingung… Es ist das wachsende Gefühl einer Macht, die allmählich grenzenlos wird, doch gerade dieser Zustand ist mit den Schwierigkeiten verbunden [Probleme mit Herz und Kreislauf]. Ich bin in diesem “etwas”, das ewig so sein zu können scheint, und darin erkenne ich Wellen, Schwingungen, Bewegungen (und manchmal Verdichtungen, wenn es um irdische Geschehnisse geht) von ungeheurer Macht. Dann lächelte sie: Man muß nur ruhig bleiben, dann werden wir schon sehen, was kommt.

Sie mußte lernen, in einem Körper zu sein, während sie überall zugleich war: “Ein Nichts könnte einen die Verbindung verlieren lassen.”

Ein neues Leben mußte erlernt werden.

Eine zellulare Ebene, wo das Leben wie überall verbreitet war. Eine fließende Materie, ohne Trennungen.

“Mein Körper ist fern von mir…”

Die Dezentralisierung

Was wir “Materie” nennen, erschien darin immer mehr als etwas Problematisches, das ausschließlich mit dem Käfig unserer mentalen Wahrnehmung verbunden war und das eine ganz andere Wirklichkeit hatte – nicht daß die Materie eine Illusion wäre, sondern sie wurde illusorisch wahrgenommen, gelebt, und diese Illusion war die Ursache allen Unglücks. Es ging nicht darum, die Materie zu verlassen, wie man einen Alptraum verläßt, so wie es alle Spiritualitäten behaupteten, sondern es galt, diese Brille oder das Etwas zu entfernen, das den Alptraum verursachte, dann ist man in derselben Materie, der wahren statt der falschen. Alles ist verändert. Dieser Alptraum oder diese Entstellung kam mit dem “ich”, das anfing, die Welt um sich herum aufzubauen: es mauerte sich in der Welt ein. Die andere Materie hat kein “ich”, oder alles ist “ich”, und sie “fließt” ohne Mauern – die Materie fließt. Man wird einwenden, es sei das Bewußtsein, das vielleicht fließt, aber nicht die Materie, oder es sei eine Einbildung des Bewußtseins. Wir können aber auch erwidern, daß die andere Einbildung des Bewußtseins die Härte der Materie verursacht. Tatsache ist, daß es keine eingebildete Wahrnehmung des Mentals ist, sondern eine Wahrnehmung der Zellen – sie erwischen sehr leicht die Gehirnblutung einer unbekannten Person in zehntausend Kilometer Entfernung. Und bis zum Beweis des Gegenteils sind die Zellen Materie. Zum ersten Mal in der Geschichte der Erde legte jemand die Brille ab und sah, spürte, erlebte die Erde, wie die Materie selber sie sieht und lebt: direkt. Dies ist der Untersuchungsgegenstand. Die ganze Frage ist zu wissen, ob das Phänomen, die neue Wahrnehmung, die Macht hat, den Körper zu verwandeln – diesen Körper falscher Materie, könnte man sagen –, der evolutionär, auf der Ebene seiner Zellen, dazu diente, die Brücke zur anderen Wirklichkeit der Materie zu bilden (ohne ihn, ohne diesen “alten Apparat”, wie Mutter sagte, hätten wir die Brücke nie geschaffen), oder ob die Illusion sich auflöst und der Körper mit ihr: die Hülle der Raupe. Das heißt, wir gelangen auf die andere Seite, in die wahre Materie, die vollkommen hier ist, nur unerkenntlich für unsere lügenhafte, entstellte Wahrnehmung, und der Körper verschwindet.

Das schiene nicht den Gegebenheiten der Evolution zu entsprechen, die bisher stets die Kontinuität ihrer Körper bewahrte und aus jedem Körper den jeweils nächsten hervorgehen ließ.

Sei es, um “auf die andere Seite zu gehen” oder auf dieser hier zu bleiben und beide in einem neuen Wesen zu vereinen, wie kann man ohne physisches “ich” leben, ohne dieses Etwas, das uns unsere solide und getrennte Sicherheit inmitten der bewegten Ungeheuerlichkeit der Welt gibt? Auf der Ebene der Zellen gibt es kein “ich”, dort braucht man nicht in Bezug auf “jemanden” wahrzunehmen, weil dieser jemand alles zugleich ist, ich ist alles. Wie geht man dann vor? Was nimmt man wahr? Anfangs ist es gewiß nicht leicht – wie ein Fisch, der plötzlich fliegen sollte: Lange hat man das Gefühl, wenn das Ego verschwände, würde auch das Wesen und die Form verschwinden – das stimmt aber nicht. Es ist nicht wahr. Die Schwierigkeit liegt darin, daß die gewöhnlichen Gesetze der Welt nicht mehr wahr sind; da ist die ganze alte Gewohnheit und dann das Neue, das es zu lernen gilt. Das ist, als müßten die Zellen (nicht die Körperzellen selber sondern die Anordnung, die die Form bildet, die all das zusammenhält und die Form ergibt, die wir menschlich nennen), als müßte das lernen, daß es ohne das Gefühl einer getrennten Individualität fortbestehen kann. Seit Jahrtausenden ist es gewohnt, nur durch das Ego getrennt fortzubestehen. Doch ohne Ego geht es weiter, durch ein anderes Gesetz, das der Körper noch nicht kennt, das für ihn unverständlich ist, aber… Das ist kein Wille, kein… ich weiß nicht, etwas… eine Seinsart.

Eine universelle Seinsart.

Ich sehe deutlich, daß der Körper und das ganze Körperbewußtsein sich jahrelang als Rettung in die alte Seinsart zurückstürzte – als Rettungsmittel –, um zu entkommen [tatsächlich war es “wie” eine Ohnmacht], jetzt ist erreicht worden, daß er es nicht mehr tut, daß er im Gegenteil einwilligt: “Gut, wenn es die Auflösung bedeutet, ist es eben die Auflösung. Was auch geschieht, wir werden ja sehen – das große Abenteuer.”

Die Stadien dieses Abenteuers erscheinen etwas schwindelerregend, und ich kann nur Mutters Worte notieren, hier und da im Laufe der Jahre: Der Körper ist sozusagen transparent geworden, beinahe inexistent, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll… Er bildet kein Hindernis für die Schwingungen: alle Schwingungen dringen hindurch. Ich sehe, daß dies sehr allmählich eintrat, aber es ist ziemlich neu, deshalb ist es schwer auszudrücken. Der Körper selber fühlt sich nicht mehr begrenzt: Er fühlt sich ausgebreitet in allem, das er tut, das ihn umgibt, in allen Dingen, den Leuten, den Bewegungen, den Empfindungen, all dem… Er ist so ausgebreitet. Das ist sehr lustig und interessant geworden. Es ist wirklich neu. Da muß man etwas aufmerksam und vorsichtig sein, um sich nicht zu stoßen, um die Dinge zu halten: die Gesten sind etwas schwebend. Das muß eine Übergangszeit sein, bis sich das wahre Bewußtsein einstellt, dann wird es eine völlig andere Funktionsweise haben als früher, von einer Präzision, die sich als unvorstellbar abzeichnet… [Tatsächlich, denn wenn man alles ist, bis ins kleinste Granitteilchen oder Molekül in jedem beliebigen Körper, wo gibt es dann ein “Geheimnis”? Wo gibt es etwas “zu wissen” oder “zu messen”? – Es ist bis auf die Millionstel Sekunde und den Millionstel Millimeter genau.] Und von völlig anderem Rang. Die Sicht ist zum Beispiel für viele Dinge deutlicher mit geschlossenen Augen als mit offenen. Man braucht nicht mehr “dort” zu schauen, etwas “anderes” zu betrachten: es ist hier; man ist, was man betrachtet. Und es erfordert keine Sichtorgane: das Organ ist überall.

Für alles, alles ist es eine Veränderung der Seinsweise. Und das Bewußtsein… ja, es ist ständig außerhalb des Instruments [des Körpers], wie etwas sehr Weitläufiges – sehr weitläufig und sehr flexibel –, aber ständig so, Tag und Nacht. Dennoch ist es das Bewußtsein des körpers. Anstatt daß das Bewußtsein im Körper ist, ist der Körper im Bewußtsein, und trotzdem ist es noch das Körperbewußtsein. Es würde scheinen, daß der Körper – was wir als Körper bezeichnen, diese verhärtete kleine Kruste an der Oberfläche – wie getragen, umhüllt oder enthalten in diesem grenzenlosen zellularen Körper ist, der überallhin geht, überall fühlt, überall wahrnimmt wie bei sich selbst. Diese kleine Kruste ist nicht mehr besonders bei sich. Es gibt kein Zentrum mehr: das Zentrum ist überall. Es ist dezentriert, völlig dezentriert, sagte sie bald. Es ist nicht einmal wie eine Person, die sich vergrößert hätte, um die anderen in sich aufzunehmen, sondern es ist eine Kraft, ein Bewußtsein, das sich über die Dinge ausbreitet. Ich habe nicht das Gefühl einer Grenze sondern von etwas, das ausgebreitet ist, sogar physisch… Es ist ebenso hier wie da, dort und dort. Der Körper ist wie etwas, das in diesem Bewußtsein schwebt, aber nicht aktiv. Ich kann es nicht erklären… Es ist wie ein Ozean von Licht, der seine Arbeit fortsetzt, darin schwebt dann etwas [der Körper]… Es ist ein dunkles Ultramarinblau, kennst du diese Farbe?… In diesem ultramarinblauen Ozean des Zellbewußtseins erschien der alte Körper immer mehr wie etwas Starres, fast Unwirkliches, eine Art Lüge: Es gibt mir das Gefühl von etwas… noch Zähem – das ist es: zäh, ein wenig wie eine Rinde. Wie die Überreste… ich weiß nicht, Stücke von etwas Verhärtetem oder Erstarrtem. Einzig diese große Schwingung, so mächtig und so ruhig [Geste wie zwei große Flügel, die im Unendlichen schwingen]. Die Erscheinung ist das einzige, das dem widerspricht. Das ist das Interessante: Diese Erscheinung [der Körper] ist offensichtlich ein Widerspruch zur Wahrheit, gehört noch den alten Gesetzen an, gerade in der Erscheinung zumindest. Doch das entspricht in keiner Weise dem Bewußtseinszustand. Dort ist es fließend und von solcher Fülle, eine Totalität, und nur äußerlich bleibt noch etwas…, das immer mehr zu einer Illusion wird. Aber genau das sehen, verstehen, kennen die anderen und nennen es “mich”… Die Oberfläche, dieser rindenhafte Teil wird sich als letztes verändern – was wird geschehen? Ich weiß es nicht… ich weiß nicht. Aber es wird sich als letztes ändern.

Auflösung der Rinde oder Transformation der Rinde?

Es wurde gesagt, die Materie wäre Energie, E = mc2, doch auf der Ebene der Zellen entdeckt man eine neue Gleichung: Materie = Bewußtsein. Ein Ozean allmächtigen Bewußtseins und ultramarinblauer Kraft.

Wie gelangten wir von diesem Fließen zur Festigkeit, wie erstarrte diese Kruste oder Rinde? Auf der einen oder anderen Stufe ist die ganze Evolution eine ungeheure Festigung, eine Einsperrung in den Käfig; die “falsche Materie” wartete nicht unser Mental ab, um sich zu bilden – vielleicht festigte es sie mehr als die anderen Arten, und es stimmt, daß wir die einzigen sind, die sich vom universellen Leben abschnitten, die einzigen, die den persönlichen Schmerz und Tod kennen, die einzigen in der Störung und Unkenntnis des genauen Gesetzes und der spontanen Bewegung. Wir sind aber auch die einzigen, die sich des individuellen Käfigs bewußt wurden, und die einzigen, die vielleicht bewußt die Sprungfeder oder Quelle entdecken können, durch die wir unseren Käfig von Schmerz und Tod und Störung in etwas anderes verwandeln könnten, das keine der vorhergehenden Arten kennt. Diese Wende erreichte Mutter jetzt. Und als sie sich der wandelnden Grenze der Materie (unserer “Materie”) näherte, erschien eines Morgens das gesamte Bild der Evolution hell vor ihr: Es ließe sich sagen, daß alle Erfahrungen zu einer einzigen Erkenntnis führen: daß einzig das Bewußtsein existiert. Die Entscheidung oder Wahl des Bewußtseins verleiht die Form – alle Formen –, von den subtilsten bis zu den materiellsten, und die materielle Welt, die scheinbare Starrheit der materiellen Welt stammt von einer Entstellung oder Verdunkelung des Bewußtseins, das den Begriff seiner Allmacht verlor. Diese Entstellung wurde noch viel ausgeprägter, seit das Mental durch seine Funktionsweise das Bewußtsein verdrängte [dies ist der große evolutionäre Schnitt, der mit unserem Abschied vom “Tier” begann], so weit, daß es den Platz des Bewußtseins einnahm und das Mental sich in seiner gewöhnlichen Wirkungsweise nicht vom Bewußtsein unterscheiden kann: es weiß nicht, was das Bewußtsein ist. Für das Mental bedeutet “bewußt sein” zu mentalisieren, das heißt den Strom abschneiden, in Stücke schneiden und alles in kleine Schubladen stecken, die einen (schlechten) Ersatz für das spontane Leben des Tieres ergeben. Bewußt sein wurde zu “Etiketten aufkleben”. Ohne Etikette kein “Bewußtsein”. All das erhält nur dann einen Sinn – einen einzigen Sinn –, wenn wir das Ziel erreichen. Das Ziel ist, daß das Bewußtsein seine Macht wiedererlangt.

Wird es die Macht haben, die “Rinde” zu verwandeln?

Diese Verwandlung der Rinde oder der Versuch, die Rinde zu schmelzen, wird der letzte Teil von Mutters Yoga sein, nach der großen Wende 1968. Die beiden Seiten in einem neuen Wesen vereinen.

Die Zeit Null der Materie

Wenn schließlich gilt, daß Materie = Bewußtsein ist, werden wir entsprechend der Leichtigkeit des Bewußtseins eine mehr oder weniger dicke und dunkle Materie haben. Ist die Schwingung schwer, wird die Materie schwer. Ist das Bewußtsein langsam, wird die Materie langsam – beinahe erstarrt. Die Schwerfälligkeit der Materie ist proportional zur Geschwindigkeit des Bewußtseins. In der wahren Zeit ist die Materie leicht und transparent, ohne Grenzen; in der falschen Zeit klebt sie und sperrt ein – dabei ist es dieselbe Materie. Wie die der Raupe und die des Schmetterlings. Mit unterschiedlichen Zeiten des Bewußtseins.

Um von der Raupe zum Schmetterling überzugehen, braucht man nicht die Materie zu wechseln, sondern muß man die Zeit des Bewußtseins ändern. Im Kokon der Raupe steht die Zeit still… und die Materie verwandelt sich.

Das ist vielleicht eine unerwartete Perspektive des Problems.

Die Transformation der Materie ist ein Problem der Transformation der Zeit des materiellen Bewußtseins.

Die supramentale Schwingung ist zugleich vollkommen unbewegt und in einer phantastischen Bewegung.

Die Mathematiker sagen, bei Lichtgeschwindigkeit steht die Zeit still, oder die Grenze der Zeit krümmt sich über ihren Raum, und daß ein mit Lichtgeschwindigkeit reisender Mensch theoretisch nicht altern würde, während seine weniger glücklichen Artgenossen auf der langsamen Erde älter werden und sterben. Ohne es zu wissen, berührten sie ein tiefgründiges Gesetz. Nur geht es nicht um die Geschwindigkeit in Stundenkilometern sondern um die Geschwindigkeit des Bewußtseins. An der räumlichen Grenze der materiellen Zeit, wie an der zellularen Grenze der materiellen Dichte, verwandelt sich dieselbe Materie und ändert ihr Gesetz. An beiden äußersten Enden trifft man wieder auf ein einziges Bewußtsein, das die Materie entsprechend seiner Geschwindigkeit oder seiner Freude formt und wandelt.

Die Materie ist eine Eigenschaft der Geschwindigkeit des Bewußtseins.

Wenn die Zeit still steht, verändert sich die Materie.

Es ist die Zeit Null der Materie.

Der Tod ist eine Veränderung der Zeit.

Anstatt Zeiten zu wechseln, indem man stirbt, muß man sie in einem Körper verändern.

Darin besteht vielleicht das ganze Problem der Transformation.

Jetzt werden wir sehen.

Zunächst aber: wie kann dieser Zustand zellularen Fließens, dieses Leben “ohne Grenzen” praktisch gelebt werden und sich ordnen?

Wie sieht dieses dezentralisierte Leben aus?

22. Kapitel: Die Neue Wahrnehmung

Dieser Übergang vom Netz nach draußen, dieses mannigfaltige zellulare Leben oder zellulare Bewußtsein richtet zunächst ein schreckliches Chaos an. Wahrhaftig das Chaos einer neuen Geburt in der Welt. Ginge es darum, ganz frisch und nackt geboren zu werden, wäre das leichter, doch es ist eine Wiedergeburt in der alten äußeren Schale oder durch die alte Schale hindurch, ihr zum Trotz. Die Augen wollen nicht mehr auf die gleiche Art sehen, die Arme wollen nicht mehr demselben Willen gehorchen, die Beine nicht mehr gemäß demselben Gesetz gerade stehen, die Funktionen nicht mehr den alten Aufzeichnungen folgen, der Schlaf nicht mehr ruhig schlafen, die Zeit sich nicht mehr nach den Uhren richten und der Körper nicht mehr brav im Schutz seines seidenweichen Panzers bleiben. Es braucht Zeit, um klar zu sehen und das zu organisieren, was zunächst wie ein undefinierbares, wenn nicht gar unendliches ultramarinblaues Bewußtsein erschien. Nur nicht ohnmächtig werden! Trotz alledem täglich diese fünfzig, hundert, zweihundert Leute sehen und anhören, ihre Fragen beantworten, ihre Streitereien schlichten, Schecks unterzeichnen und Ausgaben berechnen…! Der Kontakt mußte beibehalten werden, während ein Kontakt zu etwas radikal anderem entstand. Diese “Komödie” sollte sich bis 1973 fortsetzen. Und natürlich: “Mutter verkalkt, Mutter ist alt, Mutter…”, erzählte sie mir mit ihrem unbezwingbaren Humor, als sei der Humor wirklich das einzige, was auf beiden Seiten bestehen kann. Er ist vielleicht das einzige, was den Tieren fehlt, und das einzige, was von uns zur nächsten Spezies übergehen wird.

Tatsächlich schienen all diese neuen Funktionsweisen, die nach und nach zum Vorschein kamen, die alten Funktionen zu schwächen, verkümmern zu lassen, auszulöschen: Die Sehkraft ließ nach, das Gehör wurde schwach, der Puls pochte so wunderlich, daß es jeden anderen schon Jahrzehnte früher umgebracht hätte, das Gedächtnis schwand… alles Zeichen des Zerfalls. Auch das Essen wurde zum Problem. Einverstanden, sagte sie lachend, dies gehört zu den notwendigen Dingen, der Körper muß essen. Fragt sich nur, in welchem Umfang und wie?… Der Übergang, wie schafft man den Übergang? Das Tempo der Transformation, die Art der Transformation?… Er weiß nichts, dieser arme Körper kann nichts sagen, denn er weiß nichts. Ganz deutlich bewies man ihm, daß alles, was er in neunzig Jahren gelernt zu haben glaubte, völlig wertlos ist, und daß alles noch zu lernen ist. Da ist er voll guten Willens, aber vollkommen unwissend, er versucht, auf jedes geringste Zeichen zu achten, doch die Zeichen sind… nicht sehr klar. Es geht sogar so weit, daß alle anerkannten und akzeptierten Dinge (von Kind auf haben wir die Gewohnheit zu glauben, die “Dinge seien so und nicht anders”) völlig unwirklich und phantastisch geworden sind. Alle diese Dinge, die kein Mensch in Frage stellt, die als selbstverständlich angenommen werden: unwirklich und phantastisch. Manchmal fragt er sich, ja, wie eine gewisse Geste gemacht wird. Die ganze Funktionsweise ist in Frage gestellt. All die kleinen Musterexemplare um sie herum beobachteten und notierten, während das ganze Gewimmel sich in Mutter selbst abspielte oder eher sie sich inmitten dieses Gewimmels ängstlicher, ungeduldiger oder katastrophaler Reaktionen befand – der Ort. Der Sitz des Todes. Bis zur letzten Sekunde wird er hier seinen Platz behaupten. Sie hatten alles vorausgeplant, sogar ihren Tod. Sie wußten alles. Wartet, noch ist der letzte Akt nicht gespielt! sagte sie. “Du, der es weiß, du wirst es ihnen sagen…”

Du wirst es ihnen sagen…

Ich weiß nicht, ich halte ihre Hand auf der anderen Seite des Schleiers, und seltsame Dinge bereiten sich vor für die Welt.

Wir stehen wirklich am Anfang einer neuen Ära. Völlig unerwartet.

Dann lachte sie – immer lachte sie: Plötzlich verstand ich [warum diese Arbeit der Transformation so spät begann, erst nach ihrem achtzigsten Lebensjahr], als gäbe mir Sri Aurobindo zu verstehen, daß es in diesem fortgeschrittenen Alter geschehen mußte, um einen vernünftigen Anschein zu geben. So wird man es dem Alter zuschreiben, was dann ganz vernünftig erscheint. Plötzlich wurde es auch mir klar, und ich antwortete Mutter: “Wenn es dir mit dreißig passiert wäre, hätte niemand diese physische Prüfung verstanden, die du durchmachst, denn… es ist, als müsse der Körper sterben, um auf die andere Seite zu gelangen”.

Die körperliche Identifikation

Es ist schwierig, auf logische Weise zu beschreiben, was ein Neugeborenes sieht und berührt, wenn die ganz neue Welt von allen Seiten auf es einstürzt – diese Tausenden von Phänomenen wird der Leser der Agenda nach und nach in Mutters seltsamem Wald selber entdecken. Schon immer war Mutter, was Visionen betraf, außerordentlich begabt, aber das ist ein Thema, das ich absichtlich vermied, einmal, weil wir der wundervollen Visionen überdrüssig sind: wir würden gerne ganz einfach unser rein physisches Leben besser sehen; zum anderen haben “Hellseher” mit ihren fraglichen Visionen zu viel Platz in unseren Medien eingenommen, so daß dieses Thema, wie alles übrige, in Mißkredit geraten ist: wir leben in einer Zeit, in der alle Werte schrumpfen. Das alte wirtschaftspolitische Prinzip gilt für alle Bereiche: schlechtes Geld verjagt gutes. Vielleicht ist es letzten Endes ganz gut so, denn was wir jetzt brauchen, ist nicht das Übernatürliche sondern eine wahre Natürlichkeit. Nun begann aber eine ganz neue Sehkraft sich aus den Maschen des Netzes zu befreien, eine Sehkraft, die nichts mehr (oder immer weniger) mit unserem Sehorgan zu tun hat, nichts mit den göttlichen Visionen Jakobs und sämtlicher Propheten und nichts mit den Geschichten der Hellseher (die übrigens nicht unbedingt Lügengeschichten zu sein brauchen, weit davon entfernt, sondern meiner Meinung nach in den meisten Fällen nur ein schlecht beherrschtes Instrument sind, das fast immer mit anderen Dingen vermischt und zu oft verfälscht wird). Hier handelt es sich um eine Art neue Vision, nicht nur die Materie betreffend, sondern das Leben in der Materie: eine zellulare Vision, könnten wir es nennen, aber dieser Begriff riskiert, verallgemeinert und abgewertet zu werden; besser wäre, es eine körperliche Vision zu nennen. Der Körper betrachtet seine Welt direkt und ohne das Eingreifen des Mentals und immer weniger mit Hilfe der Augen, denn auch deren Sicht ist konfus und wie vorfabriziert vom Mental. Einige Jahre früher ließ Mutter nach einem radikalen kleinen Vorfall, der das Mental ganz einfach auslöschte – wir werden noch darauf zurückkommen –, eine sehr interessante Bemerkung fallen: Es ist merkwürdig, mir wurde klar, wie sehr das Mental alles, was wir sehen, beeinflußt. Sie verlor ihre physische Sehkraft, das heißt sie begann, blind zu werden, als sie ihr Mental verlor… als hätte das Mental 90 % ihrer physischen Sehkraft ausgemacht. Aber wenn es nicht die physischen Augen sind, die sehen, wenn es nicht das Mental ist, wenn all das weggenommen wurde, was sieht dann? Mutter sah nie so gut wie seit dem Tag, an dem sie blind wurde. Also?… Sei es aus einer Entfernung von Tausenden Kilometern oder in nächster Nähe, es war ganz gleich. Manchmal erkannte sie das Gesicht einer vor ihr stehenden Person nicht, sah dafür aber eine winzige Nadel, die sie gerade brauchte, oder sie sah Leute, die in New York spazierten. Es war ein anderes Gesetz der Sehkraft, und welches Gesetz war das? Wenn es nicht die Augen, nicht der Kopf, nicht die Andacht, weder die Ekstase noch die Augen des Schlafs waren, was sah dann, auf was basierte die Vision? Mutters Sehen basierte auf dem einzigen, das ihr blieb: dem Körperbewußtsein. Und der Körper ist überall. Außerhalb des Netzes bewegt sich das Körperbewußtsein augenblicklich überall. Es sieht physisch überall. Der Körper ist es, der die Welt direkt schaut.

Aber er schaut die Welt nicht, wie wir es tun würden, wenn wir plötzlich mit Milliarden Augen ausgestattet wären. Nein, es ist keineswegs eine materielle Erweiterung unserer falschen mentalen Sichtweise (genau das bilden wir uns ein, weil wir in unserer Vorstellung immer nur die Sichtweise unseres Käfigs verlängern): Es ist eine Sichtweise außerhalb des Käfigs, es ist eine Vision der materiellen Wirklichkeit, ohne all ihren mentalen Schein, all ihre mentalen Wucherungen, all ihre mentalen Masken. Die materielle Welt wird unverzerrt gesehen. “Was unterscheidet sie denn von der alten Vision und von allen alten Visionen?” fragte ich Mutter eines Tages. – Es ist, als hätte das Bewußtsein den Dingen gegenüber nicht mehr dieselbe Position. So erscheinen sie ganz anders… Auch wenn es die weitesten Ideen hat, steht das gewöhnliche menschliche Bewußtsein immer im Zentrum, und die Dinge existieren im Verhältnis zu einem Zentrum – man befindet sich an einem Punkt, und alle Dinge existieren in Bezug zu diesem Punkt des Bewußtseins. Jetzt gibt es den Punkt nicht mehr, so existieren die Dinge in sich selbst. Da riß ich die Augen erstaunt auf (diese armen physischen Augen), als ob die Phantasmagorie der Welt zerriß. Wir sehen nichts so, wie es ist. Wir leben in einer ungeheuren Mentalisierung der Welt um den winzigen Punkt unseres “Ichs” herum – das “Ich”, das sich unübersehbar mit seinem ganzen kleinen erblichen, philosophischen, ehelichen oder sonstigen Gepäck ausdehnt. Siehst du, mein Bewußtsein ist in den Dingen – es ist nicht “etwas, das empfängt”. Es ist viel besser als das, aber ich weiß nicht, wie ich es sagen soll… So oft wußte sie nicht, wie sie es sagen sollte, und wie kann man es auch sagen? Vorher, wenn ich Erfahrungen hatte (das liegt viele Jahre zurück), war es das Mental, das mehr oder weniger davon profitierte und es dann verbreitete, benützte. Jetzt ist das nicht mehr so: Es ist direkt der Körper – der Körper macht die Erfahrung, und das ist viel wahrer. Eine bestimmte intellektuelle Haltung legt eine Art Schleier darüber oder… Ich weiß nicht was, etwas… Sie legt etwas Unwirkliches über die Wahrnehmung. Es ist, als würde man durch eine gewisse Atmosphäre hindurch sehen, während der Körper das wird. Er fühlt es in sich selbst. Es ist nicht, als würde das Ding von außen erfaßt, sondern der Körper wird das.

Der reine Körper, ohne hinzugefügte Organe, ohne Gedanken (wirklich der Körper eines Neugeborenen) sieht die reine Welt, die reine Materie, den reinen Menschen, sieht alles rein. Er braucht nicht zu “sehen”, als befände es sich vor ihm, er braucht nicht einmal das zu “werden”, was er sieht: Er ist alles – die Parfümflasche, der Fußgänger, Mount Everest, der Krieg in Biafra – er sieht, weil er ist. Es ist eine auf Identifikation basierende Vision (und selbst das Wort “Identifikation” setzt zweierlei voraus: es gibt nur das eine). Es ist sehr schön, Mount Everest zu sein, aber es ist weit weniger schön, die Angst eines vom Krebs befallenen Schülers oder die Blutung eines anderen oder sogar der Tod eines dritten zu sein.

Eine seltsame Welt.

Wie sieht die reine Welt aus?

Gibt es nicht wenigstens einen Filter, der einen vor unerwünschten Erfahrungen schützt?… Es gibt einen Filter, einen ungeheuren wunderbaren Filter. Denn dieses allumfassende Bewußtsein ist nicht das Bewußtsein eines Verrückten: es ist ein auf die Sekunde und auf den tausendstel Punkt genaues Bewußtsein – es ist alles. Selbstverständlich kennt es jeden Punkt seines Ganzen genau, angefangen von diesem Elektron bis hin zum nächsten Schutzmann. Alles bewegt sich zusammen, und alles ist alles. Es weiß genau, wieviel Strom durch alles fließen darf, ohne daß ein Kurzschluß entsteht oder etwas bricht. Kurz, alles macht auf mannigfaltige Weise die Erfahrung seiner selbst. Die große Freude der Welt – auf die Mutter zusteuerte und die Welt Schritt für Schritt hinlenken wollte – besteht darin, überall, in jedem Punkt im Besitz der mannigfaltigen Erfahrung, der mannigfaltigen Entdeckung, der mannigfaltigen Überraschung seiner selbst zu sein in der Freude am Ganzen. Dafür wurde schließlich diese ganze verfluchte Geschichte erfunden.

So ist es ein zauberhafter “Filter”.

Es hat weder Bart noch Kreuz oder Gebote: es ist ein Lächeln, das gefunden werden muß.

Vielleicht ist es wirklich unser Lächeln.

Für einmal.

Es gibt ja nur das eine. Wo ist also das andere, der Gott dort auf seinem hohen Sitz?

Wir haben überhaupt noch nichts von der Welt verstanden.

Die Augen der Materie

Diese neue Vision bildete sich nicht von heute auf morgen; tatsächlich entstand ein völlig neues Leben sozusagen an allen Fronten, ein erster Versuch der Seinsweise der nächsten Spezies, und die Übergänge von einer Sicht-, Hör- oder Bewegungsweise zur anderen sind unendlich interessant, weil sie den Mechanismus greifbar machen, im Grunde das, was den Unterschied zwischen der alten und der neuen Spezies ausmacht. Am Anfang sagte Mutter: Ich verliere die Sicht, ich verliere das Gehör, ich verliere das Gedächtnis… Immer, wenn sich etwas Neues etablieren will, heißt es “ich verliere” – ein gewisses “ich verliere das Leben” muß sich ebenfalls ändern. Sehr amüsiert, denn sie amüsierte sich ständig, stellte sie fest: Ich hebe zum Beispiel ein Stück Papier auf und sehe so klar wie früher. Sobald ich merke, daß ich klar sehe: aus!… Wenn sie es merkt. Tatsächlich merkt man es, sobald man den Käfig betritt – hier merkt man alles, demzufolge funktioniert nichts mehr auf natürliche, wunderbare Weise, so wie es sein sollte. Wieder ein anderes Mal, nach mühsamen Versuchen, mit ihrer Lupe eine Nachricht zu lesen, verzichtete sie schließlich auf die Lupe und las das ganze in einem Atemzug: Gerade las ich, ich sah ausgezeichnet! Plötzlich kommt die alte Gewohnheit (oder die Idee oder die Erinnerung), daß ich meine Lupe nehmen muß, um zu sehen – und schon sehe ich nichts mehr. Dann vergesse ich, daß es um Sehen oder Nicht-Sehen geht, und ich kann meine Arbeit ausgezeichnet machen. Ich merke nicht, ob ich sehe oder nicht sehe. So ist es für alles… Es ist die scheinbare Zusammenhanglosigkeit. Das muß einem anderen Gesetz gehorchen, das ich noch nicht kenne und das das Physische beherrscht. Dieses andere Gesetz sollte sie schnell erlernen, und zwar daß es nur ein Organ gibt – Bewußtsein –, das sich im Verlauf der Evolution bequemte, zu einem Auge oder Ohr zu versteinern oder sich darauf zu fixieren, dieweil es aber überall ganz ohne Stütze bestens zirkuliert – klar! Es ist die Stütze von allem.

Dann vervielfachten sich die Phänomene auf mannigfaltige Weise von anderen Blickwinkeln aus gesehen: alte Phänomene, die eine andere Bedeutung oder neue Schärfe annahmen. Das, was sie früher mit den inneren Augen oder den Augen des “Schlafes” sah, ging ins Physische über, als verändere sich die Wahrnehmung des Körpers selbst, als wäre alles physisch, sogar die “anderen Welten”. Ich hob die Augen (ich saß vor einem Spiegel, in den ich normalerweise nicht blicke), ich hob die Augen und schaute, und ich sah viele Dinge… In diesem Augenblick hatte ich eine Erfahrung, ich sagte mir: Ah, deshalb scheint meine Sicht auf der physischen, rein materiellen Seite verschwommen zu sein; denn das, was ich sah, war viel klarer und unendlich viel ausdrucksvoller… als ob Mutter das Physische viel klarer zu sehen begann, aber auf eine andere Art. Die Sinne ändern sich. Man benützt nicht die Sinne einer anderen Ebene (das ist selbstverständlich, von Anfang an hat man Sinne überall, jetzt aber ist es vollkommen anders): die sinne selbst verändern sich. Der Inhalt ist anders. Zum Beispiel ändert der Bewußtseinszustand, in dem sich die Person befindet, die ich betrachte, ihre physische Erscheinung für meine physischen augen. Ihre Augen sind nicht mehr gleich, ebenso die anderen Teile des Gesichts, selbst die Farbe und die Form, und das ist der Grund, warum ich manchmal zögere. Ich sehe die Leute (wie du weißt, sehe ich sie jeden Morgen), und ich erkenne sie wieder, aber trotzdem sind sie anders, sie sind nicht jeden Tag gleich (einige sind immer, immer gleich, wie ein Stein), aber manche sind nicht immer gleich, es kam sogar vor, daß ich bei einigen etwas unschlüssig wurde: “Ist er es wirklich? Dann ist er aber sehr verändert…” Immer präziser zeichnete sich die Richtung oder Kurve des Phänomens ab: Es ist mehr ein bewusstsein der Dinge als nur eine Vision. Ich stelle fest, wenn ich jemanden vor mir habe, daß es zum Beispiel Leute gibt, die, wenn ich sie anschaue, immer klarer und deutlicher werden; es gibt andere, die für meine physische sicht immer mehr verschwimmen. Das muß von ihrem Bewußtseinszustand abhängen. Manche werden vollkommen deutlich und präzise, besonders die Augen, und in den Augen sehe ich das Bewußtsein. Andere werden im Gegenteil verschwommen; es gibt sogar solche, bei denen ich anstelle der Augen schwarze Scheiben sah. Als wollten sie sich verschleiern. Das ist sehr interessant. So nahmen für Mutter die physische Welt, die Wesen, die Dinge mehr oder weniger Klarheit an, entsprechend ihrem Gehalt an Bewußtsein – und seltsamerweise waren die menschlichen Wesen nicht immer die einzigen, die mehr Bewußtsein enthielten. Die “schwarzen Scheiben” sind ein typisch menschliches Phänomen, vielleicht sogar ein rein menschliches: Wie oft sprach Mutter vom Leben der Steine, geschweige denn von den Mundwasserfläschchen! Wenn die Leute zu mir kommen, sehe ich zuerst nur eine Silhouette, dann wird plötzlich alles deutlich, und dann geht es wieder weg – je nach ihren gedanken. Das ist sehr interessant. Die ganze physische Welt schien auszufließen, zurückzufließen, sich zu klären, sich zu verwischen wie ein sich ständig wandelndes Bild, je nach dem Bewußtseinsinhalt.

Für das Gehör war es dasselbe: Ich höre auch auf diese Weise: Es kam vor, daß ich einen Ton vernahm, der anscheinend kaum wahrnehmbar war, der aus einer Entfernung von einigen hundert Metern kam, und ich hatte den Eindruck, er käme direkt aus nächster Nähe… Das, was ich hören muß, höre ich, selbst wenn es ein ganz kleiner Laut ist, und sämtliche Gespräche, alles, was viel Lärm macht, höre ich nicht. Da sagten sie: “Mutter ist taub”, “Mutter ist blind”, aber sie war taub für ihren dummen “Lügenbrei” und blind gegenüber ihren häßlichen Gedanken, doch sie wußte es sehr genau (oder besser, sie fühlte es sehr genau, leider). Manche Leute reden mit mir, und ich verstehe absolut nichts. Bei anderen höre ich einen brummenden Ton, ohne jeden Sinn. Und bei manchen Leuten höre ich alles, was sie sagen. Aber es ist eine andere Art zu hören. Die Schwingung ihrer Gedanken höre ich, und daran liegt es, daß es sehr klar ist… Seit sehr langer Zeit, seit Jahren habe ich das Gefühl, daß, wenn die Leute nicht klar denken, ich sie nicht hören kann. Aber es ist nicht genau das: Wenn ihr Bewußtsein nicht lebendig ist in dem, was sie sagen – es ist nicht so sehr eine Frage des “Denkens”, sondern ihr Bewußtsein lebt nicht in dem, was sie sagen –, ist es nur eine mentale Mechanik, dann verstehe ich überhaupt nichts mehr, nichts. Wenn ihr Bewußtsein lebt, dann berührt es mich. Ich stellte zum Beispiel fest, daß die Leute, die ich nicht höre, glauben, es sei, weil ich auf ganz gewöhnliche Weise taub bin, und sie fangen an zu schreien – was es nur noch schlimmer macht, es ist als würfe man mir Steine ins Gesicht. Kein einziges Mal, keine Minute lang hatte ich bis zum Ende je das Gefühl, Mutter sei blind oder taub gewesen. Sie verstand mich immer ausgezeichnet, selbst meine abwegigsten Fragen, und sah mich immer… wahrscheinlich besser, als ich mich in einem Spiegel sehe.

Wo ist da die Vision, wo ist das “Konkrete”? Ist es in der verblassenden materiellen Eintönigkeit oder in diesem unerwarteten Gegenstand, der ganz alleine strahlt? Mit ihrem wundervollen Humor sagte sie eines Tages: Meine Art zu sehen ist etwas sehr Interessantes. Plötzlich kommt etwas (ein Gegenstand, ein Gesicht oder ein Brief oder…), klar, klar, fast leuchtend. Eine Minute später verwischt sich alles – und es ist, als würde man mir sagen: das, ja, es lohnt sich, das zu sehen (also schaue ich), das hingegen… [lachend] ist nicht der Mühe wert! Die Briefe – Stapel von Briefen – Gegenstände, Leute, alles wurde klar oder verschwand, je nach… ihrer Wahrheit oder ihrem Nutzen. Eine ganze Welt von Menschengewühlen verschwand einfach. Das wirklich Konkrete ist sichtbar. Konkret ist das, was bewußt ist. All das ist verändert, die Organfunktionen sind verändert – sind die Organe verändert oder ist es die Funktionsweise? Ich weiß es nicht. Aber es gehorcht einem völlig anderen Gesetz.

Dennoch drängte ich Mutter, denn schon immer hegte ich eine Art instinktives und rationales Mißtrauen gegenüber allen “Hellsehern” (es mag in der Tat sehr erstaunlich klingen, aber Mutter erschien mir immer als das rationalste Wesen der Welt, als wäre ich endlich jemandem begegnet, der die Vernunft selbst war angesichts all der Wahnsinnigen dieser Welt, ausgestattet mit Wissenschaft und Fernsehen, während alle ihre Erfahrungen – ziemlich erstaunlich für die meisten Leute – für mich immer eine tiefe Logik in sich zu bergen schienen, wie die wahre Logik des Universums; Mutter ist die wahre Logik des Universums, sie war ebensowenig irrational, wie sie blind oder taub war, nur ist es die nächste Logik des Universums oder vielleicht die ewige Urlogik, die wir in unserem Käfig besser entwickeln und “verbessern” zu können glaubten), und ich fragte sie ein wenig provozierend: “Aber würde denn eine Hellseherin nicht auf diese Weise sehen?” – Nein, nein! Dies ist nicht wie alle Visionen, die ich früher hatte!… Diese neue Sicht der Dinge erfordert kein Hinausgehen aus der Materie, um die Welt auf andere Weise zu sehen (wie es seit langem praktiziert wurde, das ist nichts Neues und nichts Wunderbares), das ist es nicht, sondern die Materie sieht sich selbst auf eine ganz neue Weise, und das Amüsante daran ist – daß sie die ganze Angelegenheit vollkommen neu betrachtet. Mutter schloß nicht die Augen, sie versank nicht in Andacht, und sie versuchte nicht einmal zu sehen: Die Dinge zeichneten sich spontan vor ihren Augen ab, als sei es ihre wahre Form, als sähe das Körperbewußtsein die Welt auf seine Art, rein, ohne die mentale Verkleidung, die einen scheinbaren Glanz von “Bewußtsein” verleiht, einen Glanz der Sprache, einen konkreten Glanz aus Kosmetikpuder oder Schnurrbart… der keineswegs konkret war und wirklich nicht existierte. Mutter “sah” nicht, sondern die Dinge zeigten sich von selbst… so, wie sie tatsächlich waren. Mit diesem gewissen Lächeln, so jung, so klar, wie das eines Kindes, das ihr Gesicht manchmal durchzog (es war merkwürdig, in diesen Augenblicken glich sie einem lachenden chinesischen Baby!) fügte sie hinzu: Alles wird so, als wäre es zum ersten Mal und aus einem völlig anderen Blickwinkel gesehen – alles, alles: der Charakter der Leute, die Umstände, sogar die Bewegung der Erde und der Gestirne. So wurde alles, alles vollkommen neu und… unerwartet insofern, als die ganze mentale menschliche Sicht vollständig verschwunden ist. So sind die Dinge viel besser.

Die falsche Materie verblaßt nach und nach – die der gelackten Schnurrbärte, die der schweren Wellen.

Es bleibt etwas, das die wahre Materie ist.

Der Schleier der Unwirklichkeit

Nach und nach, genau im Maße, wie die Maschen des Netzes nachgaben, intensivierte und erweiterte sich das Phänomen. Es war die Sicht überall. Wir können nicht einmal von “Vision” sprechen, denn es hatte nichts mit einer feenhaften und verschönerten Physis zu tun – keine Aura, weder ein Blumenregen noch musikalisch-malerische Kringel, sondern eine Physis, die sozusagen wissenschaftlicher, das heißt präziser ist, ohne trügerischen Schein. Je mehr diese Wirklichkeit zum Vorschein kam, desto unwirklicher wurde die andere, als konnten die Augen das, was nicht wahr ist, nicht mehr sehen – ein genau umgekehrtes Phänomen dessen, was in unserer Welt geschieht, wo die Dinge um so sichtbarer und lärmender werden, je falscher sie sind: Wenn ich zum Beispiel Leute sehe, dann sehe ich sie nicht so, wie sie sich sehen. Ich sehe sie mit der Schwingung all der Kräfte, die in ihnen sind und durch sie hindurchgehen, und sehr oft mit der höchsten Schwingung der göttlichen Gegenwart. Das ist der Grund, warum meine physische Sehkraft nicht direkt verschwindet, sondern ihren Charakter verändert, denn die physischen Präzisionen der normalen physischen Sicht sind für mich… lügenhaft. Sogar ihre Zunge konnte nicht mehr das schmecken, was nicht wahr war. Ich hatte dieser Tage die Erfahrung, daß sich die Qualität des Geschmacks verändert hat. Gewisse Dinge hatten einen künstlichen Geschmack (der gewöhnliche Geschmack ist künstlich), und andere trugen in sich selbst einen wahren Geschmack; nun ist es sehr klar – sehr klar, sehr präzise. Das, was für uns sehr präzise ist, ist gerade das, was besonders verschwommen wird (Mutter spricht von der menschlichen Welt, denn die Bäume oder Früchte, die natürliche Welt behielt ihre natürliche Präzision). Diese Verschwommenheit wurde zu einer Art Schleier, dessen Mechanik sie anfangs nicht recht verstand, außer daß er sie scheinbar blind werden ließ – man verliert sämtliche “Tugenden” der alten Spezies. Sie ist ziemlich seltsam, diese Sicht. Es ist immer, als befände sich ein Schleier zwischen mir und den Dingen, ständig [das war 1965, also noch weit entfernt von dem Zeitpunkt, zu dem sie “offiziell” blind wurde], ich bin es so sehr gewohnt… und dann plötzlich, ohne erkennbaren Grund (ich meine ohne äußere Logik) wird etwas klar, präzise, scharf – und eine Minute später ist es wieder vorbei. Manchmal ist es ein Wort in einem Brief, manchmal ein Gegenstand. Es ist eine Sicht von anderer Beschaffenheit… wie soll ich es erklären? Es ist, als sei das Licht, das den Gegenstand beleuchtet, innen statt oben. Es ist kein reflektiertes Licht. Es ist nicht leuchtend, es ist nicht wie zum Beispiel eine Kerze oder eine Lampe, das ist es nicht. Statt eines projizierten Lichts besitzt es sein eigenes Licht, das nicht strahlt. Dies zeigt sich immer öfter, aber ohne jegliche Logik. Das heißt, ich verstehe dessen Logik nicht. Doch die Vision ist so außergewöhnlich präzise! Mit dem vollen Verständnis der gesehenen Dinge im gleichen Augenblick, wo man sie sieht. Zum Beispiel, wenn ich mich früh morgens zurechtmache, gehe ich in mein Badezimmer, bevor ich das Licht andrehe (aber ich sehe genauso klar, wie wenn das Licht an wäre, das macht keinen Unterschied). Eines Tages schien alles wie hinter einer Art Schleier zu sein. Da wurde ich aufmerksam und sagte mir: “Aber alles wird so eintönig, wie uninteressant!” Und ich fing an, mir des einen oder anderen Gegenstands bewußt zu werden. Plötzlich sah ich im Schrank dieses Phänomen einer Flasche, die so klar wurde… mit einem inneren Leben. Ah, sagte ich mir. Sieh an! – In der nächsten Minute war es schon vorbei. Selbstverständlich ist das die Vorbereitung auf eine Sicht, die vom inneren Licht getragen wird statt einem projizierten Licht. Das ist sehr… oh, es ist warm, lebendig, intensiv – und von einer Präzision! Alles ist gleichzeitig sichtbar, nicht nur die Farbe und die Form, sondern der Schwingungscharakter. Es war bewundernswert… Aber sonst ist es, als befände ich mich hinter einem Schleier, es macht wirklich diesen Eindruck: ein Schleier. Dann plötzlich etwas, das aus seiner wahren Schwingung heraus lebt. Aber das ist selten… Mit ihrer immer lachenden Ironie fügte sie hinzu: Wahrscheinlich gibt es nicht viel zu sehen!

Dieser Schleier ähnelt auf seltsame Weise dem des physischen Mentals, jenem, der die Zellen, jede Zelle wie in einen finsteren Kokon hüllt, denn je weiter sie aus dem Netz hinausging, desto mehr wurde die andere Vision – das, was sie “die andere Art” nannte – nicht nur natürlicher, spontaner, beständiger, sondern immer universeller. Das Merkwürdigste ist, daß es nicht nur eine “Vision” war: Ich kann nicht sagen, es wäre ein “Bild”: es ist ein Wissen. Es ist nicht einmal ein Wissen sondern… etwas, das alles gleichzeitig ist. Darin, in dieser globalen Wahrnehmung, erscheint die Art der alten gewöhnlichen Augen immer unwirklicher… Was würde auch das Murmeltier sagen, wenn man es nach und nach mit einem Paar menschlicher Augen ausstatten würde? Das sinnlich wahrgenommene “Konkrete” verschwindet – verschwindet mehr und mehr. Die “konkrete” Sicht, der “konkrete” Geruch, das “konkrete” Gehör, all das ist wie etwas, das weit zurück liegt – weit zurück in einer unwirklichen Vergangenheit –, und diese trockene und leblose Art des Konkreten wird ersetzt durch etwas sehr Einfaches, sehr Vollständiges in der Hinsicht, daß alle Sinne gleichzeitig funktionieren und sehr intim mit allem. Vorher war jedes Ding getrennt, geteilt, ohne Verbindung mit den anderen und sehr oberflächlich – sehr präzise aber sehr oberflächlich, wie eine Nadelspitze. So ist es überhaupt nicht mehr. Vor allem vermittelt es ein Gefühl der Intimität, das heißt, es gibt keine Entfernungen mehr, da ist kein Unterschied, da ist nicht etwas, das sieht, und etwas, das gesehen wird… Mutter fing an, in diesen ultramarinblauen Ozean des zellularen Bewußtseins einzutauchen, wo der Körper sich gleichsam überall ausbreitet, und was gibt es da zu “sehen”? Da gibt es nichts wie von draußen zu “sehen”: man ist drinnen. Man ist, also sieht, hört und schmeckt man automatisch. Man ist alles, was sich in jedem Ding abspielt. “Eine Art tastende Sicht”, nannte sie es. Es geht über die Vision hinaus. Es ist eine Wahrnehmung, in der es keine Differenzierung der Organe mehr gibt. Und es ist eine Wahrnehmung… ja, die allumfassend ist, die zugleich Sicht, Gehör, Wissen ist. Immer das Gefühl von etwas, das fließend ist – keine Schocks, keine Stöße, keine Komplikationen, als könne man sich nicht mehr stoßen, man kann nicht mehr… Es ist äußerst interessant.

Ein fließendes Leben, überall, in allem.

Ein paradoxales Leben, immer paradoxaler, an der Grenze zwischen Raupe und Schmetterling, aber mehr und mehr auf der Seite des Schmetterlings. Früher, wenn ich diese Lupe benützte, konnte ich sehr gut lesen, aber jetzt nützt sie mir nichts mehr, dadurch wird es nicht klarer, da ist immer noch dieselbe Wolke. Sie wird vergrößert, das ist alles. Es ist merkwürdig, sie wird größer, aber sie bleibt gleich, es ist derselbe Schleier… der Unwirklichkeit.

Nicht die Materie wurde unwirklich in der Art der Illusionisten, sondern die menschliche Art, die Materie zu sehen, rückte in die Vergangenheit. Es ist sehr seltsam: Im Grunde ist es, als sei Mutters Körper ein immer klareres, immer präziseres Instrument geworden, wahr und exakt, weil er allumfassend war; er konnte nur das aufnehmen, was wirklich da war – eine Art allumfassendes Super-Mikroskop, das sozusagen keine Gespenster einer nichtexistierenden Materie sehen konnte. Wir verstehen jetzt, warum Sri Aurobindo dies das “Wahrheitsbewußtsein” nannte und auf welche Weise er “blind” war. Ich sah nie so viel von der Welt, wie seit ich mich zurückgezogen habe, schrieb er.

Jetzt wird man uns sagen, daß die menschliche Sicht, sei sie real oder irreal, vollkommen an das menschliche Milieu angepaßt ist wie das Murmeltier an sein Loch – nur gilt es zu wissen, ob der Tod und der Schmerz auch für immer an unser Leben “angepaßt” sind oder ob es sich um einen unwirklichen Parasiten handelt, den man loswerden kann.

Die erlebte Sicht

Dieses mannigfaltige Leben stellte sich durch viele kleine Erfahrungsstriche ein, man spürte deutlich, wie es sich durch Mutters Körper vortastete, um sein Ausdrucksmittel zu finden: Ein neues Leben muß sich organisieren, wie das erste Mal, als ein kleiner Makak auf den Philippinen seine binokularen Augen öffnete. Hier ist es jedoch eine Sicht, die keine Sicht ist und Millionen Augen hat – es ist wirklich keine Sicht sondern eine Lebensart, eine “Seinsart”, wie Mutter sagte. Und es ist keine endgültige Seinsart, weiß Gott, wir täuschen uns gründlich, wenn wir Mutters Erfahrungen als eine Art Evangelium der neuen Welt auffassen! Sie, die vor nichts zitterte, würde bei diesem Gedanken erschaudern. Diese Erfahrungen, von denen wir nur einige repräsentative Beispiele anführen können, deuten vielmehr die Richtung der Entwicklung, ihren Mechanismus an, und die neue Spezies wird das Instrument wahrscheinlich vervollkommnen, anpassen, verallgemeinern. Es ist nur ein erstes Stammeln der neuen Welt. Es sind Hunderte sonderbare oder freche oder manchmal bedrängniserregende und ziemlich erschreckende Erfahrungen (für jeden anderen). Auf einmal lernte Mutter die Tugenden von Mathilde und ihrer positivistischen Erziehung “wie eine Eisenstange” zu schätzen: Mein Kind, das ist eine hervorragende Erziehung! Hervorragend. Ich bin ihr unendlich dankbar… Ich glaube nicht, daß es viele Leute gibt, die materialistischer sind, als ich es war, mit allem Sinn fürs Praktische und dem Positivismus. Jetzt verstehe ich, warum es so kam. Das war die solideste nur mögliche Grundlage für diese Erfahrung: keine Gefahr von Einbildungen.

Hier suchen wir den Mechanismus, keine Geschichten (schade, aber diese Freude wird den Lesern der Agenda zuteil werden). Eine erste ziemlich typische und markante Erfahrung können wir dennoch anführen. Wie immer erwarteten Mutter Körbe voller Briefe, und sie sagte sich: “Das muß ich unbedingt durchsehen”, gleichzeitig fehlte aber ständig die Zeit, und die Tage vergingen. Eines morgens saß ich gerade und fühlte auf einmal etwas ungewohnt Schweres im Kopf und in der Brust… sonderbar. Das hatte ich noch nie gespürt. Alle Empfindungen waren sehr gewaltsam geworden. Ich schloß die Augen, und… eine Sturzflut: ein Ansturm von Lauten, Farben, sogar Gerüchen, die sich mir mit solcher Wirklichkeit und Intensität aufdrängten – das hatte ich noch nie erlebt. Ich betrachtete das und sagte mir: Sieh an, eine gute Methode, um verrückt zu werden! Und ich begann das Nötige zu tun, damit es aufhöre. Es wollte aber nicht aufhören. Es wollte weitermachen. Da sagte ich mir: Offensichtlich ist es wegen einem Grund da, es gibt einen Grund, daß ich diese Erfahrung hatte. Ich betrachtete das, studierte es, beobachtete. Und ich sah, daß die Wahrnehmungsfähigkeiten vervielfacht und unangemessen verstärkt wurden, weil das Gleichgewicht zwischen den Wesensteilen gebrochen war. Dieses natürliche Gleichgewicht, durch das die Dinge sich spontan harmonisieren und ordnen, um ein zusammenhängendes Ganzes zu bilden, das ein bewußtes Dasein hat, war zerstört worden – zugunsten einer übermäßigen Verstärkung der Wahrnehmungen. Die Wahrnehmungsfähigkeit wurde ungeheuer vervielfältigt (man könnte sagen verschlimmert) und drängte sich sogar auf brutale Weise auf. Dann wurde die Erfahrung als notiert beiseite gelegt. Zwei oder drei Tage später nahm die Person, die Mutter die Post vorlas, einen Brief aus dem Korb und las ihn vor: “Was halten Sie von LSD? Ist es nützlich, um das Bewußtsein der Menschheit zu fördern?” Da lachte Mutter herzhaft. Sie brauchte nicht über den Wert des LSD nachzudenken: sie hatte es erlebt. – Ich hatte die Erfahrung, ohne das Medikament zu nehmen! Es war vollständig: die Laute, die Farben, die Gerüche… Nicht “als ob”, sondern erlebt. Spontan erlebt.

Alle Erfahrungen dieser neuen (ich wollte sagen “Vision”, aber offensichtlich ist es etwas anderes), dieser neuen Wahrnehmung oder Seinsart werden auf diese Art erlebt: Man braucht nicht zu “wissen”, sondern man ist. Diese Wahrnehmung, die alles enthält – den Geschmack, die Farben, den Geruch, den Ton, das Wissen –, suchte tastend ihr Ausdrucksmittel, und bestimmte wiederholte Erfahrungen deuteten an, daß sie die Form einer Art Leinwand annahm, aber keines “äußeren” Bildschirms, den man wie ein Zuschauer im Saal betrachtet, sondern eines inneren… in den man eintritt. Man betritt die Leinwand und beginnt die Geschichte zu erleben: es passiert einem. Man sieht es nicht, sondern man lebt es. Eines morgens zu früher Stunde öffnete sich die Leinwand, und Mutter sah (sie “sah” nicht, sondern es widerfuhr ihr), sie sah einen Priester und Sängerkinder ankommen, um ihr die letzte Salbung zu geben: Ich hatte nicht das Gefühl, krank zu sein! Jedenfalls geschah es so… Sie wollten mir die letzte Salbung geben. So betrachtete ich das – ich schaute, wollte sehen. Ich sagte mir: Warte, bevor ich sie abrupt wegschickte, sehen wir, was es ist (ich hatte keine Ahnung, warum sie kamen; jemand hatte sie geschickt, um mir die letzte Salbung zu geben). Ich betrachtete all das aufmerksam, um herauszufinden, ob das wirklich eine Wirkung hat, ob diese letzte Salbung den Fortschritt der Seele stören kann und sie an alte religiöse Formationen fesselt… Nachdem ich es gesehen hatte, verschwand die ganze Geschichte plötzlich (es war wie ein Bildschirm), und es war vorbei. Sie war aber tatsächlich gesalbt worden, wer hätte das gedacht! Am nächsten Tag bekam sie einen Brief von einem katholischen Herrn, der dem Sterben nahe war und sie fragte, ob er die Sakramente annehmen solle, ob das nicht die Freiheit seiner Seele stören würde… Mutter wußte es. Sie hatte die “Operation” durchgemacht. Das ist wirklich sonderbar. Es war kein mentaler Kontakt, durch den man weiß, daß der Herr schrieb, nein: es war die Erfahrung. Es kommt immer in Form einer Erfahrung, einer handlung: etwas, das zu tun ist und das getan wird, oder das zu wissen ist und gewußt wird. Es ist nie die Art mentaler Übersetzung, die man im normalen Leben hat. All das geschieht am hellichten tag, nicht im Schlaf. Diese Geschichte passierte, als ich gerade gebadet hatte. Das ist etwas, das plötzlich kommt, mich erfaßt, und dann ist es ein Leben, in dem ich lebe, bis etwas getan ist – eine Handlung –, und wenn die Handlung vollbracht ist, verschwindet alles. Es verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen. Trotzdem verbrachte sie einmal eine ganze Nacht, acht Stunden lang, im Körper eines sterbenden Schülers, mit all den Ängsten, und es war nicht “als ob”: sie war der Sterbende. Das Bewußtsein des Körpers war das eines sterbenden Körpers, mit der ganzen Bedrängnis, allem Leiden… Das dauerte lange, es dauerte die ganze Nacht. Ich sah sie danach, sie war noch davon betroffen – mit Grund. Und einige Stunden darauf kündigte man ihr den Abschied eines Schülers an. Da begriff ich…

Doch das ist ein wundervolles Mittel, um zu “wissen”, es gibt kein zweites solches! Da versteht man wirklich, was begreifen bedeutet: es ist direkt, erlebt, das, vollständig. All unser sogenanntes “Wissen” ist eingebildete und indirekte Plapperei, Hören-Sagen, durch einen Schleier von Unwirklichkeit. Hier lebt es der Körper – ein “reiner” Körper, könnte man sagen, ohne das dämpfende Polster fabrizierten Pseudo-Wissens und der Pseudo-Wahrnehmungen, das heißt ohne die alten Aufzeichnungen, den dunklen verzerrenden zellularen Kokon. Jeden Tag kommen dreißig, vierzig solche Erfahrungen. Sie kommen, erfassen mich, dann gehe ich plötzlich in eine bestimmte Konzentration, erlebe etwas – genauer gesagt ertappe ich mich dabei, etwas zu tun. Diese unerwarteten Lebensteile – oder Handlungen, um genau zu sein, denn es geht immer darum, etwas zu tun (es ist eine Arbeit, ein Arbeitsinstrument) – wurden mit den Jahren immer weiter, unerwarteter und universeller: Ich ertappe mich dabei, mit Leuten zu reden, die ich meistens nicht kenne, und ich beschreibe ihnen eine Szene: sie können dies oder jenes tun, und es wird zu dem und dem führen. Das sind wie Szenen in einem Buch oder im Kino. Später am Tag oder am nächsten Tag sagt mir dann plötzlich jemand: “Ich bekam eine Nachricht von Ihnen, und Sie sagten mir, ich solle dieser Person schreiben und dies oder das mitteilen!” Ich tue das nicht mental, ich sage nicht: ich denke, daß man dieser Person schreiben sollte, jenes zu tun – keineswegs: ich lebe das. Ich erlebe eine Szene oder erzähle eine Szene, und es wird von jemand anderem empfangen. Das kann hier geschehen oder in Frankreich, in Amerika, überall. Das wird lustig… Jemand schreibt mir: “Sie sagten mir dies.” Und es ist eine meiner “Szenen”! Eine der Szenen, die ich erlebte – nicht erlebte: zugleich erlebte und schuf! Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Es ist, als schuf oder formte Mutter in diesem Leben die Umstände, und zwar auf völlig natürliche Weise, weil sie die Umstände war. Sie war dieser Unfall, deshalb riß sie das Steuer nach links (um ein einfaches Beispiel zu nehmen), und “ganz natürlich” steuerte der Betroffene nach links. Der Unfall war nicht dort in der Ferne: sie befand sich darin. Sie war der Unfall. Da sind Geschichten mit Ländern, mit Regierungen. Dort kenne ich das Ergebnis nicht – vielleicht werden wir es nach einiger Zeit sehen. In diesen Tätigkeiten habe ich auch alle möglichen Kenntnisse, die ich gar nicht habe. Manchmal sogar medizinisches oder technisches Wissen, das ich überhaupt nicht habe – und dort habe ich es, weil ich sage: “So muß es getan werden…” Das ist lustig. Natürlich braucht sie kein technisches Wissen zu haben, denn sie ist das Wissen, also ist es automatisch gewußt.

Das ist die unmittelbare, genaue Welt.

Die zusammenhängende Materie

Wir dürfen uns aber auch nicht einbilden, es handele sich um ein grandioses Leben (für das Mental muß alles immer grandios sein, sonst existiert es nicht) und daß Mutter damit beschäftigt wäre, das Schicksal der Welt, der Regierungen und Völker zu dirigieren – das konnte auch geschehen, aber sie war nicht mit diesem oder jenem “beschäftigt”, sondern es war ein natürliches Leben, in dem sie nicht im voraus mental “entschied”, daß sie dies oder jenes tun würde. Auf der anderen Seite unseres mentalen Netzes bewegen sich die Dinge in einer einzigen Bewegung, und es muß nicht zwischen zwei Dingen oder Tausenden “gewählt” werden: Jedes Ding hat seinen Platz (auch die Unfälle), jedes spielt seine Rolle (auch die Dummheiten), und entsprechend den globalen Erfordernissen erhält man die Möglichkeit, auf den einen oder anderen Umstand einzuwirken. Sonderbarerweise (oder auch nicht) haben in dieser Totalität die winzig kleinen mikroskopischen Dinge denselben Wert wie weltergreifende Umwälzungen. Jedes Ding ist eine Absolutheit, die ihre totale Freude birgt, ihre einzigartige und unersätzliche Bestimmung innerhalb der Milliarden sich überschneidender Bewegungen – alles hängt zusammen. Eines Tages wurde ich von einer richtiggehenden Offenbarung überwältigt (es war das dritte Mal, daß Mutter von diesem “Netz” sprach, 1971, ich greife also vor): Ich habe den sonderbaren Eindruck einer Art Netz – ein Netz mit Fäden… sie sind sehr lose, nicht gespannt, und es verbindet alle Ereignisse. Wenn man die Macht über eines dieser Netze hat, ergibt sich ein ganzes Feld von Umständen, die dem Anschein nach nichts miteinander zu tun haben, die dort aber verbunden sind und von denen einer notwendigerweise die Existenz des anderen impliziert. Ich habe das Gefühl, daß es die ganze Erde umgibt… Diese Umstände hängen auf äußerlich völlig unsichtbare Weise voneinander ab, ohne mentale Logik – sie sind gleichsam miteinander verbunden. Wenn man sich dessen bewußt ist, wirklich bewußt, dann kann man so die Umstände verändern. – “Und du spürst eine Macht über eines dieser Netze?” fragte ich sie. – Nein, das verhält sich anders: Weil ich auf eines dieser Netze einwirkte, bemerkte ich es… Man berührt einen Zipfel, und alles bewegt sich. Hätte man die Macht, eines dieser Netze durch ein anderes zu ersetzen, fügte sie hinzu, könnte man so alles verändern. Das läßt sich nicht beschreiben. Ich beharrte (und hier kam meine Offenbarung): “Welches Netz bearbeitest du gerade?” – Aber ich weiß es nicht! Diese Netze umgeben die Erde… Eines sehe ich… [hier war ich in der Luft suspendiert, wirklich verdutzt]… Ich sehe… Aber die winzigsten Lebensumstände hängen davon ab. Winzige Umstände… verbunden. Man läßt hier einen Gegenstand fallen, und dort in der Behringsee sinkt ein Eisberg langsam ins Wasser, der eine bereitet seinen Staatsstreich vor, und der andere korrigiert Seite 229 eines Buches – und alles hängt zusammen. Ohne Logik… oder von einer undenkbaren Logik. Eine wunderbare Logik. So sieht das supramentale Bewußtsein, oder eher: so lebt das supramentale Bewußtsein. Ein gebündeltes mannigfaltiges Wunder… es bewegt sich mit diesem aus Versehen umgestürzten Gegenstand, jenem Skorpion auf der Türschwelle oder der weißen Hibiskusblüte, die sich im Garten entfaltet.

In einer Geste liest man die Welt.

Das geringste Ding pocht in der Gesamtheit.

Man muß nicht “weit” gehen, um die Welt zu verändern.

Man muß nichts “Besonderes” tun, um die Welt zu verändern.

Eine kleine wahre Tat. Eine kleine reine Zelle.

Es ist unbeschreiblich… man muß es sehen. Leben.

Eines Tages, während ich die sechstausend Seiten von Mutters Agenda nach ihrem Abschied durchsah, erhielt ich von der Druckerei die Korrekturbögen für die Neuauflage eines alten Bandes der Entretiens [“Gespräche”] von 1930: Seite 229. Ich korrigierte also die Seite 229, schloß das Paket und schickte es zurück zur Druckerei. Dann setzte ich meine Lektüre der Agenda fort, Jahrgang 1968. Auf der ersten Seite, die ich an dem Morgen öffnete, kommentiert Mutter dasselbe Entretien von Seite 229… Durch welchen “Zufall” überschnitten diese Jahre der Agenda, vielleicht auf Seite 4000, die Seite 229 eines alten Entretien, und mit welcher chronometrischen Komplizenschaft des Druckers, des Lektors, des Paketboten? Jahrgang 1930 von Mutters Gesprächen kreuzte den Jahrgang 1968 ihrer Agenda in einer einzigartigen Reise durch Zeit, Raum, Drucker und Schriftsetzer… wie in einem selben Netz, auf die Sekunde genau. Und das hatte keinerlei Bedeutung.

Manchmal offenbart sich die Überschneidung in einer Sekunde. Dann sagt man: Ah, welcher Zufall!… Millionen über Millionen kleiner wunderbarer Zufälle.

Das mannigfaltige Leben in einem Punkt… ohne Wert oder von totalem und einzigartigem Wert.

Man müßte jeden Punkt total leben, jede Sekunde total. Das ist das supramentale Leben.

Mutter lernte, das supramentale Leben zu leben. Sie betrat einen “Bildschirm”, dann einen anderen, mit völliger Unlogik, die sich zwei Tage oder zwei Stunden später als vollkommen logisch offenbarte. Die “banalsten” Dinge strichen über (oder durch) den Bildschirm. Eines morgens brachte ich Mutter eine bestimmte Geldsumme als Gabe. Es war bereits auf der Leinwand erschienen. Alles kommt so! rief sie belustigt aus… Wie könnte ich das erklären? Das sind keine Worte, keine Gedanken, keine Gefühle, sondern… “etwas”. Etwas völlig Konkretes, das wie auf einem Bildschirm erscheint. Wäre ich in einem oberflächlichen Bewußtsein, würde ich sagen: “Warum denke ich an das?” Doch ich “denke” nicht daran, und das ist kein Gedanke… sondern ein Leben, das sich ordnet. Das ist sehr interessant. Ich muß lernen, die Dinge genau zu empfangen. Ich objektiviere sie ja nicht (das heißt, ich bilde sie nicht auf einer anderen Leinwand ab, wo es ein objektives Wissen würde), das tue ich gar nicht, folglich kann ich nicht den Propheten spielen – aber was für ein Prophet das wäre! [Mutter versuchte nicht “sich zu erinnern”, nicht einmal “zu merken”, was geschah: Etwas kreuzte ihren Weg mit den Margeriten, den kleinen Eseln und den Passanten, und sie ging weiter.] Von den kleinsten Dingen bis zu den größten: Orkane, Revolutionen, all das, und dann die winzigsten Dinge, noch viel unscheinbarer als eine Geldgabe – winzige Lebensumstände oder jemand, der das Zimmer betreten wird, oder ein Geschenk, das mir jemand schicken wird… winzige Dinge, scheinbar ohne jegliche Bedeutung – alles zeigt sich mit demselben Wert. Es gibt nichts “Großes”, “Kleines”, “Bedeutendes”, “Unbedeutendes”. Das ist die ganze Zeit so. Sonderbar. Fast… eine Erinnerung im voraus.

Sri Aurobindo sprach von einer “Erinnerung der Zukunft”.

Offensichtlich eine andere Seinsart.

Eine andere Zeit… im voraus.

Manchmal kam das alte Ägypten. Eine andere Zeit… von später? Oder eine Zeit ohne Zeit, wo alles gewußt ist. Ein Raum ohne Raum, wo alles zusammen ist. Im gewöhnlichen Bewußtsein gibt es eine Art Achse, und alles dreht sich um diese Achse – das ist das gewöhnliche individuelle Bewußtsein. Wenn sich die Achse bewegt, fühlt man sich verloren. Das ist wie eine große Achse (mehr oder weniger groß, sie kann auch sehr klein sein), die in einen bestimmten Zeitpunkt gesetzt ist, und alles dreht sich darum. Sie reicht mehr oder weniger weit, ist mehr oder weniger hoch, mehr oder weniger stark, aber alles dreht sich darum. Und bei mir gibt es jetzt keine Achse mehr – sie ist weg, verschwunden, weggeflogen! Das kann hierhin, dorthin, dorthin gehen – vorwärts, rückwärts, überall hin. Es gibt keine Achse mehr, es dreht sich nicht mehr um die Achse. Das ist interessant. Keine Achse mehr.

Rätselhaft… Zweifelsohne muß man es leben, und nicht verstehen.

Gewiß ist, daß der Käfig eng ist… und nicht unumgänglich.

Die Erfahrung entwickelte sich, wurde präziser, schien aber immer diesen Aspekt eines “schon erlebten Films” anzunehmen: Das kommt, ich halte den Film an, dann arbeite ich daran, um bestimmte Ideen zu klären, Dinge an ihren Platz zu stellen, alle Beziehungen zu sehen… [fast wie ein Regisseur die Szenen anordnet – nur wird hier kein Filmstreifen geordnet sondern das materielle Leben], und wenn die Arbeit vollbracht ist, verschwindet es. Es hat nur noch die Form einer Erinnerung. Dann frage ich mich, warum ich mich an dies oder jenes erinnere. Sonderbar: es sind Umstände, die geschehen werden, und Mutter “erinnert sich daran”… Das ist ein Mangel wahrer Objektivierung. So erkläre ich es. Sonst würde der Film nicht anhalten, es würde vorbeilaufen. Es wäre ganz natürlich und Teil der Millionen Dinge, die ständig vorbeilaufen oder geschehen, ohne daß man sie beachtet – und manchmal “hielt sie den Film an”, um hineinzutreten und zu arbeiten, daß heißt bewußt an dieser oder jener Szene teilzunehmen, um sie zu verändern oder zu erweitern, und dann erinnerte sie sich daran: es nimmt die Form einer erlebten Erinnerung an. Einer “Erinnerung im voraus”. Ständig geschehen sehr amüsante Dinge. Zum Beispiel beantworte ich Briefe, die ich noch nicht erhielt! Dann empfange ich sie, und meine Antwort ist bereits geschrieben.

Das höchst Interessante – mehr noch, als Orkane, Revolutionen oder sonstige menschliche Geschehnisse im voraus zu kennen oder zu erleben – ist jedoch, daß es nicht nur keine Trennung der Zeit gibt, kein Vorher, kein Nachher, sondern auch keine Trennung der Materie: Es gibt nicht “die Materie dort” und “die Materie hier”, durch Körper und Kilometer und “Andersheiten” getrennt, sondern es ist die Kontinuität lebender Materie. Alles wird ein lebendes Bewußtsein, jedes Ding strahlt sein eigenes Bewußtsein aus und existiert dadurch… Hier wird die Gleichung Materie = Bewußtsein äußerst greifbar. Zum Beispiel weiß man im Bewußtsein genau eine Sekunde oder eine Minute vorher, daß die Uhr schlagen wird, daß jemand eintreten wird, jemand sich bewegen wird… Dies sind keine mentalen Dinge, sie gehören der Mechanik an [eine Uhr ist mechanisch, die Bewegung eines Körpers ist mechanisch], dennoch sind es Bewußtseinsphänomene: Diese Dinge leben (“leben” ist nicht das richtige Wort), aber sie lassen einen wissen, wo sie sind, wo sie sich befinden. Andere Dinge verlassen das Bewußtsein plötzlich und verschwinden. Eine ganze Welt, eine Welt mikroskopischer Phänomene – die eine andere Lebensweise darstellen, und die das Ergebnis des Bewußtseins ohne das, was wir “Wissen” nennen, zu sein scheinen. Das hat nichts mit dem Wissen oder Denken zu tun. Die Welt, wenn sie von ihrer mentalen Kruste befreit wurde, rein. Der Körper kennt die Uhr oder die Person, die die Treppe heraufkommt, um Mutter aufzusuchen, eine vollkommene Komplizenschaft der Materie, bei allem, auch zehntausend Kilometer entfernt. Manchmal höre ich zum Beispiel jemanden in der Nähe über etwas reden: dies wird so und so sein; augenblicklich kommt eine Art “berührende Sicht” (wie das erklären? – es gleicht dem Berühren und der Sicht, ist aber weder das eine noch das andere, sondern beides zusammen): die Sache, so wie sie ist, das. Jemand sagt Mutter: “Wir wollen dort bauen”, und Mutter erklärt: “Nein, baut hier, dann werdet Ihr Wasser haben.” Sie graben und finden einen Brunnen. Oder sie behaupten: “Für diese Arbeit brauchen wir zwei Lastwagenladungen Zement”, und Mutter sieht acht Säcke vorbeistreichen, mit dem Betrug des Schülers. Ich kann auch ein persönliches Beispiel anführen, denn dieses Bewußtsein der Materie ist entschieden sehr humoristisch auf seine besondere Art – es sieht unerbittlich, was wahr ist: Mir wurde angekündigt, eine bestimmte Person wolle sich das Leben nehmen (eine junge Frau), da sah ich die betroffene Person in einer riesigen Schaufensterscheibe widergespiegelt, mit einem Revolver an ihrer Schläfe… ich sprang auf sie zu, und in der Scheibe, wo sie sich betrachtete… puderte sie mit dem Revolver ihr Gesicht! Hat je jemand einen solchen Humor erfunden? Die Komödie der Erde ohne Schminke! Es ist aber nicht immer komisch. Oder noch einer sagt Mutter: “Dieser Eukalyptusbaum stirbt.” Mutter erwidert: “Pflanzen Sie einen zweiten daneben, denn er braucht einen Gefährten.” Und der Baum lebt wieder auf. Sie können sagen, was sie wollen: es ist das, und es ist unwiderlegbar. Und bis jetzt gab es noch keinen Widerspruch. In diesem Bewußtsein ist das mentale Element abwesend. Das kommt einfach und ist so klar. Wie ein unmittelbarer Kontakt mit der Sache, wie sie ist. Das ist eine andere Lebensweise.

Sri Aurobindo fühlte auch die Schlacht an der Marne auf seiner Landkarte.

Bei uns als mentaler Spezies besteht Wissen darin, zu verstehen. In der nächsten Spezies besteht Wissen darin, zu leben, zu sein – überall, egal wo, egal wann. Ich bade gleichsam darin, da ist es nicht etwas, das ich “sehe”, das mir fremd wäre und das ich sehe, sondern… ich bin plötzlich das. Dann gibt es keine “Person” mehr, kein… Ich finde keine Worte, um diese Erfahrungen zu beschreiben.

All das vollzieht sich auf der Ebene der Zellen. Das sind keine außergewöhnlichen Kräfte sondern die normale, gewöhnliche Wahrnehmung, wie man atmet oder etwas berührt. Das ist kein Super-Bewußtsein hoch oben, das die Materie von seinen Lichtern herab betrachtet, sondern es ist hier, im Bewußtsein des Körpers. Man könnte fast sagen, daß der Körper ohne Netz in einer anderen Welt lebt, die dennoch physisch, materiell ist, weil er sich bis auf weiteres mit den Uhren bewegt, zur rechten Zeit brav ins Bett geht und sehr physisch zweihundert Leute am Tag empfängt – und seine Wahrnehmung ist physisch: New York ist physisch, die chinesischen Truppen sind physisch, und die Rinnsteine in Theben sind physisch. Welches Physische ist es dann, wo liegt die Wahrheit unserer materiellen Welt? In diesem selben Physischen, hinter dem “Schleier von Unwirklichkeit”, gibt es den Tod nicht, gibt es keine Krankheiten, keine Schwerkraft, die Flüsse lassen sich von allein überqueren… als wäre die Materie, die wir leben, von einem Ende bis zum anderen eine morbide Erfindung des Mentals. Eine vorübergehende Erfindung, um einen individuellen Käfig zu bilden. Doch das ist nicht die Wahrheit der Materie sondern die falsche Materie.

Zu derselben materiellen, experimentellen Schlußfolgerung gelangte Mutter: Dieser Begriff von Zeit und Raum, die “Objektivität”, die “Subjektivität” (ob die Dinge “konkret” sind oder nicht), all das scheinen Behelfe zu sein, Mittel, um das Bewußtsein auf eine neue Seinsart vorzubereiten… Dasselbe gilt für den Tod, die Nahrung und das Geld – diese drei Dinge sind “ungeheuerlich” im menschlichen Leben; das menschliche Leben dreht sich um diese drei: essen, sterben und Geld haben! – alle drei sind für das Bewußtsein… vorübergehende Erfindungen, die das Ergebnis eines sehr kurzfristigen Zustands sind und nichts Tiefem oder Permanentem entsprechen. Das ist die Einstellung dieses Bewußtseins. Jetzt lehrt es den Körper, anders zu sein.

Zeit, Raum und Tod hängen zusammen.

Alle drei sind vorübergehende Erfindungen, um… wohin zu gehen?

So, wie die Materie in unserem Käfig erhärtete, erstarrte, zerstückelte, gerann auch die Zeit, wurde zäh und fließt nur noch langsam, um die Entfernungen unserer zerteilten Materie zu überbrücken – die Entfernungen unseres zerteilten Bewußtseins. Die Zeit ist nur eine falsche Empfindung der Trennung, dort wo alles verbunden, bruchlos, unmittelbar ist – und leicht. Die Zeit ist ein Rhythmus des Bewußtseins, sagte Mutter. Unsere Materie befindet sich in einem falschen Rhythmus, wie sie auch in einer falschen Schwerfälligkeit ist. Ändert sich der Rhythmus, so ändert sich auch die Materie, oder genauer gesagt, sie wird, was sie wirklich ist. Zeit = Bewußtsein = Rhythmus = Materie.

Ein anderer Rhythmus der Materie.

Was ist der wahre Rhythmus der Materie?

Wie sieht diese wahre Materie aus, die physische Welt, wie sie ist, in der Mutters Körper, das Zellbewußtsein ihres Körpers unmittelbar und überall “reiste”?

23. Kapitel: Die Wahre Erde

Die physische Welt, wie sie ist?

Hier betreten wir einen höchst mysteriösen Teil von Mutters Wald. Für uns ist alles ein Mysterium. Durch die Gitterstäbe unseres Käfigs versuchen wir, eine kohärente Welt wiederaufzubauen, wir stecken Greifarme und Antennen und Mikroskope hinaus, um dieses enorme Ganze zu erfassen, doch wir erfassen nichts von der Welt wirklich sondern nur das, was in unseren Käfig drang: das ist nicht die Welt sondern die Welt unseres Käfigs. Wenn man stirbt, geht man auf die andere Seite des Käfigs – ins Nirgendwo, in das Nichts, das Paradies. Darüber kann man sagen, was man will, denn niemand kam von dort zurück, jedenfalls nicht im selben Körper. Wenn man schläft, geht man auch jenseits des Käfigs – in Träume, ein dunkles oder helles Wirrwarr, Fragezeichen und beunruhigende Begegnungen, und all das wird bei der Rückkehr wieder in die Sprache des Käfigs gesetzt: eine Übersetzung des Landlebens von einem Gefangenen auf Lebenszeit, der nie eine gründe Wiese mit eigenen Augen sah. Darüber kann man sagen, was man will, denn diese Augen sehen es nie, sie werden verfaulen, um vielleicht anders zu sehen. Wenn man meditiert, verläßt man angeblich den Käfig – Götter, Teufel, donnernder und rauchender Kosmos, beunruhigende Offenbarungen und Fragezeichen, die sich in einer Luft auflösen, in der es keine Probleme mehr gibt – darüber kann man sagen, was man will, doch wenn man zurückkehrt, sind all die Probleme immer noch unverändert da. Niemand ist in Einverständnis, jeder sah etwas anderes, jeder fabrizierte sein eigenes Evangelium. Was ging bei alldem schließlich aus dem Käfig hinaus? Ein Zipfel freieres Mental, der beim Wiedereintritt in die Gitterstäbe das übersetzt, was er ohne Gitter wahrzunehmen glaubte – das Mental erzählt sich seine eigene Geschichte der Welt in vergrößerter Form, mit einigen verschönernden Zusätzen. Dennoch ergibt all dieses leuchtende oder rauchige, sonderbare und willkürliche Nichts den besten Teil unseres Käfigs, seinen wohnlichsten Teil für jene, die nicht ausschließlich mit Mechanik begabt sind. Die Welt, die große Welt läuft, läuft, niemand wird sie je erhaschen, niemand sah sie mit seinen blauen oder braunen Augen, wie das kleine grüne Blatt, das so liebenswürdig im Winde zittert.

Die Lebenden und die Toten

Man könnte sagen, Mutter ist jemand, der zurückkehrte, aber das ist es nicht einmal: Sie ging nicht auf die andere Seite des Käfigs, um uns ihre Geschichte in mentaler Sprache zu erzählen. Sie ließ die andere Seite hierhin kommen, nicht um sie in ihren Käfig zu sperren, als könnte man das in ein Murmeltierloch zwängen, sondern in diesen Bereich des Körpers, der wie auf beiden Seiten zugleich ist. Das, was die anderen hoch oben und in den Träumen suchten, fand sie ganz unten, in den Zellen ihres Körpers, konkret. Und weil hier nicht ein Zipfel des Mentals den Spaziergang unternahm (ich hätte fast gesagt den Ausflug, doch es ist eher ein Einflug), ist es schwierig, das in eine kartesische Sprache zu fassen. Tatsächlich ist nur der Käfig kartesisch, alles andere ist viel weniger eingezwängt. Die Augen der Zellen sehen, ganz junge Augen, die (zum Glück) noch ziemlich kopflos sind, die die Nachkommen der neuen Spezies aber vielleicht viel geschickter blinzeln lassen werden. Wir vergessen stets, daß der supramentale Körper, der all das sehr natürlich leben und handhaben wird, noch nicht von der Evolution hergestellt wurde – bis jetzt ist es noch ein alter Übergangskörper, der wie auf beiden Seiten zugleich ist und allmählich Organe der “nächsten Weise” bekommt, ohne die Fortbewegungs- und Ausdrucksorgane der nächsten Weise zu haben. Dieser Körper wird entstehen, das ist selbstverständlich – wie, wissen wir nicht, vielleicht wird Mutter uns einige Indizien geben –, in der Zwischenzeit ist es der Schmetterling in der Raupe. Genau das sagte ich Mutter eines Tages nach einer ihrer radikalen Erfahrungen: “Wenn die Raupe plötzlich Schmetterlingsaugen bekäme, wäre das ziemlich erschreckend für sie!” Mutter erschreckte sich vor nichts, sie experimentierte, notierte und ging weiter. Mutter blieb nie unterwegs stehen, bei keiner Erfahrung, selbst der erhabensten – einmal gesehen, war es vorüber. Etwas kennen bedeutet, es sterben zu lassen. Man muß weiter gehen. Sie ging.

So bleibt uns nur die Erfahrung, ohne Logik: An jenem Tag sah ich dies unter solchen Umständen, bei 35° Celsius (aber in Pondicherry ist es immer heiß); mögen die anderen es mit ihrer gewünschten Logik versehen, wir haben nur unsere ungeübten Augen der Neuen Welt oder besser gesagt die kleinen schalkhaften Augen von Mutters Körper. Sonderbarerweise hatten selbst Mutters Zellen einen Sinn für Humor. Da ich hier der Ungeübte war, versuchte sie es mir so gut sie konnte zu erklären: Stell dir doch vor, du wärest für einige Zeit das Göttliche! Alles ist in dir, und du spielst einfach damit, es in einer bestimmten Reihenfolge hervorkommen zu lassen. Für dich, in deinem Bewußtsein, ist jedoch alles gleichzeitig zugegen: Es gibt keine Zeit, weder Vergangenheit noch Zukunft oder Gegenwart – alles ist zusammen, in allen möglichen Kombinationen. Er spielt damit, eines hervorkommen zu lassen, dann etwas anderes, hier [das heißt in Wirklichkeit, sie einzeln durch die Gitter unseres Käfigs zu bringen]. Die armen Kerle unten, die nur einen kleinen Zipfel sehen (sie sehen nur einen Haarspalt), sagen: “Oh, das ist ein Fehler!” Wie kann es ein Fehler sein? Einfach weil sie nur einen kleinen Zipfel sehen… Das ist doch offensichtlich, leicht zu verstehen. Dieser Begriff des Fehlers ist mit Zeit und Raum verbunden. So ist es auch mit dem Gefühl, daß etwas nicht gleichzeitig sein und nicht sein kann. Dennoch ist es wahr: es ist und ist nicht. Der Zeitbegriff bringt den Fehler – Zeit und Raum. Das war immerhin ein bißchen stark, selbst für meinen in Auflösung begriffenen Kartesianismus: “Was willst du damit sagen: etwas ist und ist nicht zugleich?” – Es ist, und zugleich ist sein Gegenteil. Für uns kann es nicht gleichzeitig Ja und Nein sein. Für den Herrn ist es die ganze zeit ja und nein zugleich!… So ist es auch mit unserem Raumbegriff, wir sagen: “Ich bin hier, folglich bist du nicht hier.” Doch ich bin hier, und du bist hier, und alles ist hier! Mutter lachte herzhaft über meinen Gesichtsausdruck. Doch hier wurde es auf einmal sehr viel ernster: Das ist wie bei den armen “Toten”: Wieviele arme Menschenwesen wurden von genau denen zerstört, die sie am meisten liebten! Unter dem Vorwand, sie wären tot. Sie mußten Schlimmes durchmachen. “Zerstört?” Ich war ziemlich verdutzt. – Ja, verbrannt. Oder man sperrte sie in eine Kiste ohne Luft, ohne Licht – vollkommen bewußt. Nur weil sie nichts von sich geben konnten, sagt man: Sie sind tot. Sie verlieren keine Zeit zu sagen: “Sie sind tot”! Sie sind aber sehr bewußt. Sie sind bewußt. Stell dir jemanden vor, der nicht mehr sprechen kann und sich nicht bewegen kann – den menschlichen Gesetzen folgend ist er “tot”. Er ist tot aber bewußt. Er ist bewußt und sieht die Leute: die einen weinen, die anderen… (wenn er etwas hellseherisch ist, sieht er auch die, die sich freuen), er sieht sich aber auch in eine Kiste gesteckt und zugenagelt, eingeschlossen: Ah, jetzt ist es vorbei, Erde darauf! Oder er wird zur Verbrennungsstätte gebracht, und sie legen ihm das Feuer in den Mund – vollkommen bewußt. Das sah ich vor wenigen Tagen. Ich sah es, denn ich verbrachte wenigstens zwei Stunden in einer Welt, im “Subtilphysischen”, wo die Lebenden und die Toten sich begegnen, ohne einen Unterschied zu spüren. Da besteht kein Unterschied. Nimm zum Beispiel X; als sie noch in ihrem Körper war, sah ich sie vielleicht einmal im Jahr nachts (vielleicht, es ist nicht einmal sicher). Jahrelang war sie in meinem Bewußtsein beinahe inexistent; seit sie gegangen ist, sehe ich sie fast jede Nacht! Sie ist da, wie sie war, nur nicht gequält, das ist alles. Da waren auch Lebende – was wir als “Lebende” und “Tote” bezeichnen –, sie waren dort zusammen, bewegten sich zusammen, amüsierten sich zusammen. All das in einem sehr hübschen Licht, ruhig, sehr angenehm, sehr angenehm. Da dachte ich mir: Sieh! Die Menschen ziehen einen Strich, dann sagen sie: jetzt, tot.

Das war 1962, kurz nach der ersten großen Wende, die Mutter außerhalb des Netzes versetzte. Es war das erste Mal, daß Mutter die Lebenden und die Toten zusammen sah – das erste Mal in vierundachtzig Jahren eines umfassenden Lebens, erfüllt von vertieften Erfahrungen aller möglichen Ebenen und Welten. Tausendmal hatte sie ihren Körper verlassen, seit sie fünf war, und nie hatte sie das gesehen. Nie hatte sie diese Welt gesehen, in der die Lebenden und die Toten zusammen sind… als wäre das Leben und der Tot auf derselben Seite. Folglich gibt es einen Ort im Bewußtsein, wo das existiert, und der einzige Bereich, in dem ihre Erfahrung jetzt lag, war die Zellebene, das Bewußtsein der Körperzellen. Auf der Zellebene, ganz unten auf der materiellen Skala, waren die Lebenden und die Toten zusammen, es gab keine zwei Seiten mehr sondern nur eine – genauso wie es kein “dort”, “hier”, “gestern” und “heute” mehr gab. Dennoch ist es eine materielle Welt: Wenn diese Zellen nicht materiell sind, was ist es dann? Das bedeutet, daß unsere physische Welt sich in völlig unerwarteter Weise verlängert: Ihr “Leben” und ihr “Tod” sind ebensowenig wirkliche und endgültige “wissenschaftliche” Größen wie ihr Raum und ihre Zeit. Das ist eine vorübergehende Sichtweise und Lebensart, sie ist angemessen für unseren evolutionären Übergang im Käfig, entspricht aber nicht der endgültigen physischen Wirklichkeit des Universums. Es ist die Wirklichkeit des Käfigs.

“Andere Welten”! In allen Zeitaltern und Breitengraden mangelte es nie an Weisen und Heiligen, die sie sahen und beschrieben, von Ägypten bis Indien, von Eleusien bis Dante. Alle etwas bewußten und entwickelten Leute sahen “tote” Freunde nach ihrem Tod (meistens im Schlaf, genau dort, wo das Netz des physischen Mentals seinen Griff lockert), und jeder sah eine “Übersetzung in mentaler Sprache” seiner Erfahrung auf der anderen Seite (man könnte wirklich meinen, es gäbe 36000 andere Seiten, als nähme jeder eine verschieden lange Leiter, um ein selbes Phänomen zu betrachten). Hier auf der Ebene der Zellen, in dieser Welt, die Sri Aurobindo und Mutter zunächst das “Subtilphysische” nannten, später, als ihre Erfahrung sich präzisierte, das “wahre Physische”, dann die “wahre Materie”, da schienen all die “anderen Seiten”, Ebenen, Erleuchtungen, Offenbarungen, Inspirationen und Tausende Weisheiten, die immer “oben” auf verschiedenen Etagen und in Tiefen des Schlafes lagen, plötzlich in einer einzigen materiellen Ebene vereinigt zu sein. Man mußte nicht mehr “klettern”, sich “exteriorisieren”, in Andacht versinken, meditieren, schlafen, sondern es war hier, kraß. Das Universum war eine einzige zusammenhängende Ebene. Das kosmische Bewußtsein war vollkommen materiell und zellular. Die “Toten” waren vollkommen zusammenhängend mit den Lebenden, wenn man so sagen darf, in unmittelbarer Kontinuität wie die ganze restliche Materie. Das ist Sri Aurobindos und Mutters große Revolution, ihre ungeheure Entdeckung: die vollkommene Einheit der Materie, die Verschmelzung von Geist und Materie zum Einen – keine philosophische Verschmelzung, sondern eine experimentelle, wie man einen neuen Kontinent entdeckt, oder, genauer gesagt, einen selben ewigen Kontinent mit anderen Augen neu sieht.

Unsere nächsten Augen.

Die Dinge werden… ich weiß nicht… konkret. Die Dinge, die ätherisch waren, die man dem “Bereich des Geistes” zuordnete, werden konkret, materiell. Sie werden… wirklich.

Es ist einzigartig, jedesmal sagte Mutter dasselbe: Die Welt wird wirklich.

Die freie Erde

Es wäre absurd zu glauben, Mutter wolle eine neue physiko-spirituelle Demonstration der Welt vorführen. Zunächst wollte sie nichts, und dann wäre es ihr äußerst schwer gefallen zu sagen, welche Demonstration man machen müsse: Sie wußte nicht einmal, wohin sie ging. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, und plötzlich war es der Orinoko oder Kanada oder Amerika, all das ohne Namen, gestrichelte Grenzen und Wörterbücher. Es war ein Land, viele Länder, die schließlich eine neue Erde ergaben. Kann man den Orinoko beweisen? Es ist genau das Gegenteil eines mathematischen Theorems – für uns, im Mental, wird alles von einer Idee ausgehend gezeigt. Hier gibt es keine Idee, man weiß nichts. Man weiß nur Schritt für Schritt, und erst wenn alles getan ist, kann man sagen: das ist die Landkarte. Dann können Euklid und Lobatschewsky kommen und soviele Theorien aufstellen, wie sie wollen. Alles, was man sagen kann, ist, daß es eine neue Reise auf der Erde ist – einer Erde, die langsam ihre fossilisierten Gewohnheiten des staubigen Landkartendaseins verliert. Mutter stieß also plötzlich auf diesen Ort, wo die Lebenden und die Toten gelassen nebeneinander zu wandeln schienen, als wäre nichts dabei – tatsächlich als hätten weder die einen noch die anderen die geringste Idee, daß sie “tot” oder “lebendig” sind. Ein Ort ohne Ideen, also ist man offensichtlich nicht tot, oder nicht lebendig – man ist ganz einfach. Wir sind wahrscheinlich ebenso fossilisiert in unseren Vorstellungen von Leben und Tod – oder des Lebens schlechthin – wie der alte Atlas des würdigen Ptolemeus. Wir kommen ans Ende unserer Erfindung des Lebens: wir sind die Toten. Die Karte ist gezeichnet, und man muß nur noch sein Brot verdienen und sie mit Kindern bevölkern. Aber vielleicht ist die Welt, die wirkliche Welt doch nicht ganz so sinnlos. Vielleicht wird sie in jeder Sekunde erfunden, in jeder Sekunde entdeckt, vielleicht ist sie in jeder Sekunde neu – vielleicht nähern wir uns dem Zeitalter der immer neuen Welt, wie dieses Pulsieren ohne Folgen und Konsequenzen. Die Entdeckung in jedem Augenblick. Dann lebt man immer, weil es immer Neues zu entdecken gibt. Das sagte auch Mutter: Es ist stets wie eine neue Offenbarung, und nie auf dieselbe Weise. Denn sie hatte auch das Gedächtnis verloren, mit dem Rest. Unser fossilisiertes Gedächtnis, das sich verbissen erinnert, daß man stirbt, krank ist, nicht fliegen kann, den Fluß nicht überqueren kann… mit dem Gedächtnis ist alles “man kann nicht”. Also kann man natürlich auch nicht. Das Gedächtnis des Käfigs. Es härtete, lähmte, verdunkelte unsere Materie. Dies ist das physische Mental, die erste Mentalisierung der Materie. Das bildet auch das “ich lebe”, sie sind “tot”, das “hier” und das “dort” – wir haben die Erinnerung der Freiheit verloren. Mutters und Sri Aurobindos Reise ist vielleicht die große Reise der Rückkehr der Erde zur Freiheit.

Wenn wir gänzlich vergessen haben, daß man stirbt, werden wir im wahren Leben sein – oder, von der anderen Seite betrachtet, wenn wir wissen, daß allein das existiert. Wenn wir ausschließlich eine Erinnerung der Schönheit haben.

Tatsächlich glich diese “subtilphysische” Welt, wie sie sie anfangs nannten, einer freien Erde. Dieselbe Erde ohne unsere Gesetze. Dieselben Wesen ohne das Gedächtnis unserer Gesetze. Aber keine Wesen im “Visionsgewand”, keine “Erscheinungen”, nein: physische Wesen – Peter, Paul und vielleicht sogar wir selbst auf andere Weise. Sehr bemerkenswert und außerordentlich interessant ist, daß Mutters (und Sri Aurobindos) Wahrnehmung sich entwickelte. Sie sahen nicht auf einmal das “Subtilphysische”, wie ein Satellitenbild von Amerika mit seinen braven Flüssen, ready-made. Nein, langsam, je mehr sich das Netz löste, sahen sie immer deutlicher, immer physischer, könnte man sagen, das, was ihnen zunächst wie ein ferner Kontinent erschienen war: Es war keine “andere Welt” sondern diese hier. Diese ohne das Netz. Es war nicht etwas, das man im Schlaf oder außerhalb seines Körpers sieht, sondern man sah es physisch, mit offenen Augen, wie eine selbe Welt unter unserer Kruste. Eine physische Welt in der physischen Welt. Nachdem sie es zunächst als “subtiles” Physisches bezeichneten, nannten Sri Aurobindo und Mutter es schließlich das “wahre Physische” und dann die “wahre Materie”. Es war hier, hinter dem “Schleier der Unwirklichkeit”. Die wirkliche Welt, die wirkliche Erde ohne das Netz. Unverhofft stieß ich kürzlich auf einen Text von Sri Aurobindo, der mir sehr aufschlußreich erschien (obwohl es ein alter Text aus den zwanziger Jahren ist; wahrscheinlich hätte er sich dreißig Jahre später genauer ausgedrückt, doch er zog es vor zu schweigen): Das materielle Reich kann nicht mehr lange unsere einzige getrennte Erfahrungswelt bleiben, denn die Unterteilungen, die es von den psychischen und anderen Welten trennen, werden dünner [meine Betonung]; Stimmen und Wesenheiten beginnen hindurchzutreten und ihren Einfluß auf die Welt erkennbar zu machen.1 Jetzt verstehe ich gut, warum Sri Aurobindo sagte, er brauche das Supramental nicht zu “erklären”: es werde sich von selber erklären. Die Trennwand wird dünner, und indem Mutter und Sri Aurobindo sie in ihrem eigenen Körper durchdrangen, ihrem Körper aus trüber irdischer Materie, bereiteten sie vielleicht den Riß des Schleiers im Körper der Erde vor. Eines Tages werden wir es sehen. Da werden wir keine mysteriösen und psychischen Welten sehen sondern die Erde selber, so wie sie ist. Vielleicht ist sie aber auch psychisch. Es ist die supramentale Erde. Ich verstehe auch, warum Sri Aurobindo sie “supramental” nannte: Es ist eine Erde, auf der die Gesetze des Mentals nicht mehr wirken. Eine Erde ohne mentalen Käfig. Eine Erde, wo einem nicht die Idee kommt, “tot” zu sein. Man ist ganz einfach lebendig, aber wirklich lebendig, nicht wie die Phantome mit den “schwarzen Scheiben”, die in grauer Unwirklichkeit verschwinden, nicht die Verdauungsapparate mit ihrer funktionsfähigen und vollkommen dem Tod angepaßten Intelligenz – sie haben die Erde überlaufen, die letzten Mongolen. Sie brauchen nicht zu sterben, sie sind bereits tot, inexistent. Vielleicht werden sich stattdessen diese ökonomischen Super-Philister hinter einem Schleier der Unwirklichkeit auflösen. Dann bleibt nur noch die wahre Welt. Die anderen bleiben in einem Traum. Eine Umkehrung der Situation. Diese werden auf die “andere Seite” gehen. Vielleicht ist dies das vielzitierte “jüngste Gericht”: nicht die Wiederauferstehung der Toten sondern die Auslöschung der wirklich Toten. Das Zerreißen der Illusion. Die Verblüfften werden daran vielleicht endgültig sterben. Mögen die anderen sich vorbereiten!

Eine Erde, die die Erinnerung der Freiheit wiederfindet.

Die bewußte Materie

Was ist dieses Subtilphysische wirklich? Wie gelangt man dorthin, was sind die Verbindungsmöglichkeiten? Was sind seine Gesetze oder Nichtgesetze? So oft stellte ich Mutter diese Fragen. Was muß man tun, um dorthin zu gelangen? – Ich weiß es nicht, antwortete sie anfangs. Eigentlich folgte ich eher Sri Aurobindo dorthin. Sie hatte fast neun Jahre gebraucht (1950 bis 1959), um “Sri Aurobindos Wohnung” dort zu finden… Das erschien mir immer unglaublich. Doch vielleicht suchen wir in großer Ferne, was ganz nah, hier ist. Je mehr das Netz sich löste oder der Schleier sich abtrug, um so mehr begegnete sie Sri Aurobindo nicht nur ständig, sondern die “andere Seite” kam gleichsam hierher, als gäbe es keinen Weg von der einen zur anderen mehr – als gehörte sie der Materie mit demselben Recht an wie alles andere, vielleicht sogar mit größerem Recht. Das war in keiner Weise anders als das Gesicht eines Schülers, das plötzlich verschwommen wurde oder hell hervortrat und existierte, entsprechend seinem Bewußtseinszustand, nicht anders als diese Zahnwasserflasche oder jener sehr materielle Gegenstand, der plötzlich von innen zu erleuchten, sein eigenes Leben zu leben schien, nicht durch ein reflektiertes Licht sondern durch das in ihm enthaltene wahre Licht. Das, was angeblich auf der anderen Seite lag, lebte gemeinsam und auf dieselbe Art wie die Schüler oder die Fläschchen. Nur das Falsche hatte dort keine Existenz, lebte nicht. Die Phantomschüler waren vollkommen tot auf dieser Seite, hinter einem Schleier der Unwirklichkeit, und andere angebliche Phantome der “anderen Welt” lebten vollkommen auf dieser Seite. Nicht “Leben” oder “Tod” machte den Unterschied der Seite aus sondern Bewußtsein oder Unbewußtsein. Man könnte das Subtilphysische als die Welt der bewußten Materie bezeichnen, letztlich die Welt der wahren Materie, jene, die wirklich existiert, wo die Verdauungstrakte nicht stattfinden, wo die Lügner nicht stattfinden. All die kleinen Fälscher des Bewußtseins: verschwunden, unwirklich geworden.

Wir befinden uns aber bereits vollkommen in dieser subtilphysischen Welt. Alles, was in uns bewußt ist, lebt ständig dort in völliger Kontinuität mit dem Rest der bewußten Materie “hier” wie “dort”, in Spitzbergen oder nebenan – nur gibt es noch einen Schleier der Unbewußtheit für uns, ein körperliches Netz, das höchstens im Schlaf nachläßt und bewirkt, daß wir nur in besonderen Zuständen kommunizieren: Dann haben wir “Inspirationen”, “Visionen”, “Botschaften”… alle möglichen mehr oder weniger entstellten und dunstigen Dinge – oder manchmal erstaunlich lebendige, lebendiger noch als die angeblich materiellen Dinge, als sammele man dort die eindringlichsten Erinnerungen seines Lebens – doch beim Durchgang durch das Netz verändert sich etwas, entartet: Es ist nur noch eine Übersetzung im Netz. Man sagt: “Es ist ein Traum.” Für Mutter gab es den Traumzustand nicht mehr – sie konnte keine “Träume” mehr haben: sie konnte nur sehen, was wirklich hier war. Das war dann keine Übersetzung mehr sondern direkt und unmittelbar, eine “Berührungssicht”. “Auf einmal bin ich das”, genauso wie sie “das” im Schüler vor ihr oder in dem Fläschchen im Badezimmer war. Es war genau das gleiche, dieselbe Welt. Das eine war nicht wirklicher oder verschwommener als das andere. Sie hatte keine “Visionen” mehr: entweder es existierte, oder es existierte nicht, das ist alles. Wo ist da wirklich die “andere Seite”, wo der “Tod”? Immer mehr habe ich den Eindruck, daß nur unser Kopf und unsere Sichtweise diese abgestochenen Grenzen schafft, daß es gar nicht so ist. Alles ist vermischt. Alles ist… etwas, das sich bewegt. Was wird jetzt geschehen, wie wird sich das ausdrücken? Ich weiß es nicht. Es widerspricht allen Gewohnheiten.

Gewiß eine andere Seinsart, aber eine physische Seinsart, denn Mutter war vollkommen in ihrem Körper und ging ihren Beschäftigungen nach, umgeben von mehr oder weniger wirklichen oder phantomhaften kleinen Mustern, die trotzdem vollkommen “materiell” waren. Die Seinsart ohne Netz. Die Welt ohne mentale Abtrennungen. Die Welt, so wie sie ist.

Das unendlich Interessante – das wir stets vergessen – ist, daß diese Wahrnehmung der Welt, wie sie ist, der angeblich “Toten” und der “wirklich Lebenden” und des Spitzbergen nebenan, keineswegs eine “hellseherische” Wahrnehmung ist sondern die Wahrnehmung des Körpers. Der Körper sieht hier, das Zellbewußtsein, nicht das mentale oder psychische Bewußtsein. Man kann nicht einmal sagen, er “sähe”: er lebt, er ist, er berührt. Eine materielle Wahrnehmung. Der Körper versteht nichts von unseren Geschichten über Visionen und Hellseher und unser ganzes mentales Melodrama, er versteht nichts von unseren Paradiesen und Höllen, die mentale Fabrikationen sind, er versteht nichts von Göttern und Verdammungen: für ihn ist es oder ist es nicht – wie ein Baby. Aber ein kosmisches Baby!… Vielleicht ist das das “Göttliche”. Das ist überhaupt nicht kompliziert. Jeder beliebige eselhafte Körper begreift das, er ist aber kein Esel: das sind nur all die Eseleien, die man über ihn wirft. Wir stecken voller wissenschaftlicher Eseleien, die uns das Natürliche der Welt versperren – das große Natürliche ohne Abschnitte. Im Grunde besteht das “Bewußtsein” darin, das zu sehen, was wirklich da ist. Der Körper, die Körperzellen sehen, was wirklich da ist. Für sie gilt ohne Zweifel: Materie = Bewußtsein. Babys sind sich des Bewußtseinszustands der Leute unendlich viel bewußter als ihres guten oder schlechten Aussehens. Die Krawatte sagt nicht viel aus, selbst wenn sie vom Hause Dior kommt. Eine Fülle Dinge sagen ihnen nichts, und eine Fülle anderer, die wir nicht fühlen, sind für sie unendlich fühlbarer. Wo ist da das “Konkrete”? Wo ist das “Materielle”? – Die fossilisierte Lüge oder der Rest? Es gibt keinen Unterschied zwischen Leben und Tod, materiell und nichtmateriell, dieser Seite und der anderen, sondern nur einen Unterschied zwischen Bewußtsein und Nichtbewußtsein. Man kann auf dieser Seite medizinisch tot sein und dabei vollkommen lebendig auf der anderen Seite sein. Und was auf dieser Seite nicht lebendig ist, ist nirgendwo, denn das Bewußtsein ist die einzige Seite der Welt. Es gibt nur eine einzige Materie, sie wird nur durch einen Schleier der Unbewußtheit zerteilt. Was wir als “Materie” bezeichnen, ist eine fossilisierte Erscheinung im Käfig. Verläßt man den Käfig, so erhellt sich dieselbe Materie völlig anders. Ein Stein ist wirklich, ein Baum ist wirklich, sie tragen die Schwingung ihres Bewußtseins; ein Polizist in Lederstiefeln trägt nur die Schwingung seines Verdauungstrakts. Man trägt die Schwingung dessen, was man ist. Die Falschheit des mentalen Reichs besteht darin, daß wir im Unterschied zum Pflanzen-, Mineral- und Tierreich das erfanden, was nicht ist. Fälscher des Daseins könnte man sagen. Sprachbegabte Verdauungstrakte. Für die Vision des Körpers – seine kindliche Vision – ist die wahre materielle Welt, dieselbe Welt, fließend, vibrierend, schrankenlos, ohne Trennungen, ohne “Leben”, ohne “Tod”. Der Grad der Wahrheit liegt im Grad des Bewußtseins. Der Grad des Lebens liegt im Grad des Bewußtseins.

Eine Welt, die mir entschieden sehr vernünftig erscheint.

Das ist die nächste Welt. Die Welt der bewußten Materie.

Wir müssen die Gesetze der nächsten Welt erlernen.

Eine vollständigere Welt

Über die Jahre wurde Mutters Erfahrung allmählich immer präziser, mit einer Offensichtlichkeit, die immer greifbarer wurde, je mehr sich das Netz, diese dunkle Hülle des physischen Mentals auflöste. Das, was diesseits und jenseits, wie zwei sehr nahe aber doch getrennte Welten erschien, verschmolz langsam zu einer einzigen Welt, die unsere vollständige materielle Welt ist. Dieses Wort “Tod” ist so absurd! Es ist einfach, als ginge man von einem Zimmer in ein anderes, sagte sie anfangs. Man macht einen Schritt, wie um eine Schwelle zu überschreiten, und man ist auf der anderen Seite, und dann kommt man zurück. Ich erzählte dir bereits die Erfahrung, die ich neulich hatte, als ich mich plötzlich in Sri Aurobindos Haus befand, im Subtilphysischen. Das war, als hätte ich einen Schritt getan, und ich betrat eine viel konkretere Welt als die physische Welt – konkreter, weil die Dinge mehr Wahrheit enthalten. Dort verbrachte ich einen geraumen Augenblick mit Sri Aurobindo, und als es dann zu Ende ging, machte ich einen weiteren Schritt und befand mich wieder hier, ein wenig benommen. Ich brauchte ziemlich lange, bis ich mich wieder zurechtfand, denn diese Welt hier erschien mir unwirklich, nicht die andere. Dann wurde der Übergang mit den Jahren immer kürzer, es war nicht mehr nötig, “einen Schritt” von einer Seite zur anderen zu machen, es waren aber immer noch zwei etwas verschiedene Zustände: Jetzt werden die Visionen so konkret, daß sie fast materiell sind (das sind keine “Visionen”, sondern es ist das Leben für eine Zeit). Das liegt gewiß in einem Bereich, in dem ich vorher nichts sah. Sehr konkret, präzise, und der Übergang zwischen diesem Zustand und dem wachenden ist beinahe unmerklich. Es ist keine Bewußtseinsumkehrung wie früher sondern eine Mischung… Der Dekor ist aber nicht derselbe. Es ist ein sehr verwandter Dekor, ich habe nicht das Gefühl, an einem neuen Ort zu sein: an diesem Ort bin ich, wenn nicht die ganze Zeit, so wenigstens täglich. Dort gibt es Gewohnheiten… Sehr sonderbar! Auf diese Weise scheint es dort ein ganzes Leben zu geben – ein ganzes Leben, eine Tätigkeit –, das abläuft und ganz nah ist. Es muß im Subtilphysischen sein, aber ganz nah. Sehr, sehr konkret, gar nicht der Eindruck eines Traums. Eine Kontinuität: das setzt sich fort, auch wenn ich mir dessen nicht bewußt bin, und wenn ich dessen wieder bewußt werde, kommt die Fortsetzung, es hat sich während meiner Abwesenheit verändert. Das gleicht einem materiellen Bereich (materiell heißt physisch), wo das Bewußtsein wacher ist – das Bewußtsein ist sehr hell, sehr klar und scharf: scharfe Wahrnehmungen… Das ist wie eine Hinterlegung, die aber bewußter wäre.

Das ist die Welt der bewußten Materie.

Die Grenzen verwischten sich allmählich: Ich war mit Sri Aurobindo zusammen, aber ein freudiger, sehr lebhafter Sri Aurobindo und etwas materieller, als ich ihn gewöhnlich sehe. Wir verbrachten Stunden zusammen bei der Arbeit: Dinge zu sehen, Leute zu sehen, zu arbeiten. Sonderbar und bemerkenswert war, daß dies nicht davon abhing, daß mein Körper schlief: Er schlief nicht, er war nur absolut ruhig. Dann mußte ich mittendrin aufstehen, und beim Aufstehen wurden dieses Bewußtsein und diese Tätigkeit nicht unterbrochen! Stattdessen war das normale Bewußtsein, also das Bewußtsein der gewohnten Dinge (des Zimmers usw.) weniger präzise. Es war sozusagen umgekehrt. Das setzte sich lange fort, bis in den Morgen, als ich gezwungen war, Leute zu sehen, Dinge zu tun. Es war sehr sonderbar, es war das erste Mal, daß mir das passierte. Das heißt, dieses leicht verinnerlichte Bewußtsein war konkreter als das gewöhnliche Bewußtsein. Es ist komisch, diese gewohnten Dinge verwischen sich nicht, verlöschen nicht, sondern sie werden… wie Papier. Wie Papier oder eine dünne Rinde… etwas Trockenes – trocken und dünn und ohne wahre Wirklichkeit, nur wie ein dünner Anschein. Die Erfahrung vervielfältigte sich, verschärfte sich, die Lebenden und die “Toten” schienen sich immer mehr in einer selben Welt zu bewegen. Ein Phänomen präzisiert sich: Ich ging in einen Bereich, wo viele Leute waren, und zwar vermischt, das heißt die angeblich Lebenden und die angeblich Toten zusammen. Sie waren völlig zusammen und waren es gewohnt, zusammen zu sein, fanden das ganz natürlich – aber eine menge von Leuten!… Das ist ein Bereich im Subtilphysischen, wo die, die einen Körper haben, und die, die keinen mehr haben, vermischt sind, ohne daß es irgendeinen Unterschied macht. Sie haben dieselbe Wirklichkeit, dieselbe Dichte und dasselbe bewußte, unabhängige Dasein. Die Ähnlichkeit mit dem materiellen Leben ist außerordentlich, man spürt nur, daß die Leute freier in ihren Bewegungen sind. Das ist aber nicht neu, das Neue ist… der Schlaf ist überhaupt kein Schlaf mehr, ich weiß nicht, es ist eine Art “Zurückziehen”, das heißt ich gehe nach innen, und dort bin ich aktiv, es ist derselbe Zustand, in dem sich diese Leute befinden (die angeblich “toten”). Manche von ihnen haben noch einen Körper, und ich bin dort in einem ähnlichen Zustand. Das Sonderbare ist, wenn ich “erwache” und aufstehe, setze ich etwas fort, das nicht physisch ist. Verstehst du, der Zustand von dort setzt sich hier fort und ist ebenso wirklich, so greifbar wie die physischen Dinge. Nach einer halben Stunde merke ich, daß ich mich hier bewegte und all das gänzlich in diesem Bewußtsein tat… Was ist dieses Bewußtsein?… Es ist ein sehr helles, harmonisches Bewußtsein, in dem es keine Schwierigkeiten gibt, sehr schöpferisch. Ich weiß nicht, was es ist. Heute morgen war ich eine volle halbe Stunde darin und wußte es nicht! Danach sagte ich mir: Ist das denn physisch so? Jemand war anwesend, und ich fragte mich: Ist diese Person physisch so? Ist das physisch? Ich stand aufrecht… Die beiden Welten sind also gleichsam… [Mutter streicht mit den Fingern der rechten Hand durch die der linken]… vermischt. Sonderbar… Das Physische erscheint weniger zwingend. Früher hatte man das Gefühl… ja, es war kein “Traum”, wie die Leute sagen, aber doch ein subtileres, weniger präzises Bewußtsein, während das physische Bewußtsein völlig konkret und präzise war. Jetzt ist dieser Unterschied… Das andere ist fast konkreter und wirklicher geworden als das physische Bewußtsein. Das rein materielle Bewußtsein ist verschwommener… Sonderbar.

“Wie vollzieht sich aber der Übergang vom einen Zustand zum anderen, von der einen Wahrnehmung zur anderen?” fragte ich Mutter. “Worin liegt der Unterschied?” – Ich weiß nicht, welchen Vergleich ich geben könnte, erwiderte sie, aber ich bin sicher, daß es Gegenstände gibt, die so betrachtet [Mutter wendet ihre Hand in eine Richtung] unsichtbar sind und so [in der anderen Richtung] sichtbar sind. Ich habe das Gefühl, daß der uns beträchtlich erscheinende Unterschied zwischen dem Greifbaren, Materiellen und dem Unsichtbaren oder Fließenden nur eine Veränderung der Stellung ist. Ich weiß nicht wieviele Male, Hunderte Male passierte es mir, daß so [in der einen Richtung] alles “natürlich” ist, wie man es gewohnt ist zu sehen, und dann plötzlich so [in der anderen Richtung] verändert es seine Beschaffenheit. Dabei geschah nichts, außer daß etwas innen, im Bewußtsein seine Stellung änderte. Eine Veränderung der Stellung, nichts Greifbares, das ist das Wunderbare daran! Neulich fand ich wieder einen Satz von Sri Aurobindo: “Jetzt ist alles anders, und doch ist alles das gleiche geblieben.” Als ich das las, sagte ich mir: Genau das bedeutet es! Es stimmt: jetzt ist alles anders, und doch ist alles das gleiche geblieben… Die gröbste Annäherung wäre zu sagen, es ist eine “Verlagerung”: eine Verlagerung, ein anderer Blickwinkel. Es ist aber nicht, was man zu denken versucht wäre: eine Verinnerlichung bzw. eine Veräußerlichung, überhaupt nicht [Mutter schloß nicht die Augen, um zu sehen, und versenkte sich nicht in Andacht]: ein Blickwinkel ändert sich. Erst ist man in einem bestimmten Winkel und dann in einem anderen. Ich sah einmal ein kleines Kinderspielzeug, das so ähnlich war: In einer bestimmten Lage sieht es dicht und hart und schwarz aus, dann dreht man es um, und es wird hell, leuchtend, durchsichtig. Etwas Ähnliches ist es, das ist aber nur eine Annäherung.

Man betrachtet dasselbe Milieu, es sind keine zwei verschiedenen Ebenen oder Milieus. Ich sehe die verschiedensten Dinge materiell, die für die anderen nicht sichtbar sind. Es ist aber materiell. Ein sonderbarer Zustand… Zum Beispiel für die Sicht: Manchmal sehe ich besser mit geschlossenen Augen als mit offenen, dabei ist es dieselbe Sicht, die physische Sicht, rein physisch, aber ein Physisches, das… vollständiger erscheint. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Im Grund ist es, als sähe der Körper die Welt zum ersten Mal ohne mentale Brille. Eine vollständigere Welt.

Ein sonderbarer Zustand… vielleicht der Übergang vom Raupenzustand zum Schmetterlingszustand. Von der trüben Materie zur bewußten Materie, so wie sie ist, vollständig, ohne Trennungen.

Jetzt erscheinen uns Mutters Worte von einer anderen Tiefe: Das Leben und der Tod sind dasselbe, gleichzeitig: nur das Bewußtsein macht so oder so. Und Mutter schob die Finger der rechten Hand durch die der linken. Die beiden Welten “im selben Nest”, sagten die Rishis.

Das Ende des Käfigs

Und der Tod hatte keinen Sinn mehr.

Ich lerne vieles über diesen Übergang, den man Tod nennt. Er wird jetzt immer dünner und unwirklicher.

Das ist allerdings ungeheuerlich… das mächtigste, schmerzvoll mächtigste Faktum des Universums verändert sich damit. Denn das kommt ja praktisch zum Ausdruck, es ist kein kleiner zusätzlicher Ausflug, den die Seherinnen, die nicht schlau genug waren, sich nicht leisten konnten. Die “Visionen” interessieren uns nicht im geringsten, alle Götter des Universums können ihren Reigen auf der Erde tanzen, ohne daß es uns eine Sekunde lang bewegt, wir setzen uns nicht in die Straßenbahn, um sie zu besuchen! Mögen sie ruhig in ihrer Welt bleiben, wo es ihnen so gut geht, während wir hier mit dem Tod kämpfen! Doch daß dieser Tod sich ändere, daß dieses in seiner verzweifelten und immer versperrteren Geographie erstarrte Universum sich erhelle, daß der Schmerz verschwinde, daß die Schönheit sei, daß das Wahre in seiner Wahrheit schreite und das Falsche sich wie ein Phantom auflöse… Das kann geschehen, es ist möglich, es ist hier, gleich auf der anderen Seite des Netzes. Es genügt, ein Netz zu entfernen, und… alles ist das gleiche, und alles ist verändert. Man verläßt die Materie nicht, man flieht nicht ins Paradies, sondern man verläßt nur die Lüge und den Schmerz. Da begann mein Herz zu pochen; bei Mutter erlebte ich eine fabelhafte Hoffnung und beugte mich über diese liebenswerte, schmerzhafte Erde, so liebenswert und so falsch, verfälscht zugleich. Man spürte, daß zum ersten Mal ein Hauch über die Erde strich, und wie sehr hing ich an diesem Hauch, wie lauschte ich dem Pochen dieser großen Hoffnung der Welt, wie hörte ich diese sonderbaren Worte stammeln und betrachtete diesen so gebrechlichen Körper “wie auf einem Grat zwischen zwei Abgründen”… Zum ersten Mal durchdrang etwas das Netz in einem Körper, und wenn es in einem Körper durchkommen konnte, konnte es im Körper der Erde durchkommen – genau das stand auf dem Spiel. Unterdessen sahen die kleinen Muster nur, daß Mutter sich “auflöste”: sie wurde blind, taub, verlor das Gedächtnis, vergaß die Zeit – vergaß die Gesetze der Lüge. Doch würde es ihr gelingen, das andere Gesetz hierher zu bringen? “Früher gingst du oft in Trance*, in andere Welten, doch was ist das jetzt für ein Zustand, der dich zu absorbieren scheint (… wie Sri Aurobindo in seinem Sessel)?” fragte ich. – Völlig anders. – “Das ist keine Trance?” beharrte ich. – Nein, nein! Es ist eine andere Art von Bewußtsein. Es ist so anders, daß man sich fragt… manchmal frage ich mich, wie das möglich ist. Manchmal ist es so neu und unerwartet, daß es fast schmerzhaft ist. – “Heißt das, daß du die Materie nicht wirklich verläßt?” – Nein, überhaupt nicht! – “Ist das ein neuer Zustand in der Materie?” – Ja, genau! Und es wird von etwas beherrscht, das nicht die Sonne ist – ich weiß nicht was… Wahrscheinlich das supramentale Bewußtsein.

“Manchmal frage ich mich, wie das möglich ist…” Sie stand an der Grenze, dort, gleich dahinter, prekär, zwischen Leben und Tod: die Raupe und der Schmetterling… zusammen. Sie suchte die Metamorphose in den Körper der Erde zu bringen.

Ihr nahe sah ich den Tod allmählich unwirklich werden, sich so völlig umkehren, daß es kein Wort mehr für den Tod gab… auch für das Leben nicht. Es war etwas vollkommen anderes. Eine andere Welt. Eine andere Erde. Dennoch unsere Erde. Wirklich eine dritte Stellung oder ein dritter Zustand in der Materie. Ein Zustand ohne Tod. Mit Mutter sah ich diese wunderbare Hoffnung langsam wachsen, diese Möglichkeit eines ungebrochenen Lebens – “Ich suche die Illusion, die zerstört werden muß, damit das physische Leben ununterbrochen sein kann”, sagte sie –, ein Leben, wo man immer weiter wachsen, sich entwickeln, weiten kann, an Schönheit und Wissen zunehmen, ohne diesen brutalen Bruch zu brauchen, diesen schmerzlichen Wiederanfang in allgemeiner Vergessenheit inmitten einer Welt, die sich an nichts mehr erinnert als den Lebensunterhalt und die Altersrente, mit einigen Fluchten in der Bibliothek. Mit ihr hörte ich die Legende der wahren Erde einsetzen. An der Grenze gelange ich zur Erkenntnis, daß es nichts gibt, das wirklich der Tod wäre. Er ist nur ein Anschein, und zwar ein Anschein, der auf einer beschränkten Sicht beruht. Doch in der Schwingung des Bewußtseins besteht kein radikaler Unterschied. Die Bedeutung, die dem Unterschied der Zustände beigemessen wird, ist rein oberflächlich und beruht auf der Unkenntnis des eigentlichen Phänomens. Jemand, der fähig wäre, ein Verständigungsmittel zu bewahren, könnte sagen, daß es für ihn selber keinen beträchtlichen Unterschied macht. Doch das ist noch etwas, das sich entwickelt. Es bleiben noch ungenaue Stellen und Einzelheiten der Erfahrung, die fehlen… Ich unterbrach Mutter, denn ich hatte solche Angst, diese Erde zu verlieren, ich hing so sehr an dieser verdammten und entzückenden Erde: “Du sagst, es gibt keinen Unterschied; hat man denn auf der «anderen Seite» weiterhin eine Wahrnehmung der physischen Welt?” – Ja, genau, das ist es! – “Die Wahrnehmung der Wesen, der… (ich wollte sagen: der Wälder, der Blumen, des Meeres mit den Möwen)?” – Ja. Nur, anstatt einer Wahrnehmung… Man verläßt eine Art illusorischen Zustand und eine Wahrnehmung, die eine Wahrnehmung der Erscheinungen ist – doch man hat eine Wahrnehmung. Nicht absolut identisch, aber mit einer manchmal größeren Wirksamkeit an sich. Es wird nicht eigentlich von der anderen Seite wahrgenommen. Die andere Seite, unsere Seite ist die blockierte. Schließlich begriff ich, daß der Unterschied keineswegs im Physischen oder in einem angeblichen Wechsel von Welten lag – wir blieben vollkommen auf der Erde –, sondern daß die menschliche Illusion, des Menschen in seinem Käfig, wegfiel. Die Blumen, die Pflanzen, die Möwen waren nicht im Käfig, man konnte sie sogar auf “vollständigere”, “wirksamere” Weise wahrnehmen. Unsere Augen sind im Käfig, unsere Ohren sind verstopft, unsere Glieder sind gebunden, hypnotisiert vom physischen Mental. Diese Lüge fällt weg. Es ist das von seinem lügenhaften Anschein befreite Leben. Das Leben der nächsten Spezies. In diesem Leben – das angeblich das Leben auf der “anderen Seite” ist – bewegte sich Mutter oder besser gesagt Mutters Zellbewußtsein… vollkommen auf dieser Seite, mit weit offenen Augen, stehend: Hier sind die Dinge stets mit einer Vielzahl von Hüllen bedeckt, es ist nie die genaue Sache, während es dort die genaue Sache ist. So gehe ich nach Amerika, nach Europa, nach… die ganze Zeit. Ich besuche Orte in Indien. All das ist die Arbeit, die Arbeit, die Arbeit – so lebendig! Das ist höchst interessant, weißt du, das Leben, das von seiner lügenhaften Erscheinung entblößt ist. Die Menschen sind es ja so sehr gewohnt… alles zu entstellen – all das ist fort, dort ist es weg. Das ist eine Tätigkeit des körpers. Das ist das Interessante, es ist das innere Leben des Körpers. Der Körper, das Bewußtsein des Körpers entdeckt das Geheimnis der Erde.

Die Materie entdeckt das Geheimnis der Materie.

Die andere Seite ist hier – nur wir stehen immer auf der falschen Seite.

“Was sind die Gesetze dort? Wie sieht das aus?” beharrte ich. – Es ist der materiellen Welt sehr ähnlich, nur scheint es nicht dieselben Gesetze der Schwerkraft zu geben, denn man kann sich durch den bloßen Willen bewegen. Man braucht nicht zu gehen oder… Das Bewußtsein und der Wille haben eine größere Macht als im materiellen Physischen. Das heißt, es ist unsere Welt, ohne die Gesetze des mentalen Käfigs. Der Fluß läßt sich ganz von selbst überqueren, wie Madame David-Neel es aus Versehen tat, als sie die Existenz des Flusses und der mentalen Gesetze vergaß, die die Flüsse und die Schwerkraft beherrschen.

Eine Welt, in der man die mentalen Gesetze vergessen hat.

Eine Erde ohne die Gesetze des Mentals, enthypnotisiert.

Die wahre, endlich freie Erde.

Die wahre, endlich leichte Materie.

Das einzige Gesetz, das des Bewußtsein. Die einzige Dichte, die des Bewußtseins. Die einzigen existierenden Körper: die Körper des Bewußtseins. Das Ende der Phantome.

An der zellularen Grenze wird der Körper von seiner Verwünschung befreit, verläßt die Hülle des physischen Mentals, vergißt Schwerkraft, Dicke, Machtlosigkeit, Trennung, Entfernungen, Vergangenheit, Zukunft – vergißt den Tod. Er vergißt die Gesetze des Todes. Und man bleibt in der Materie. Man ist anders in der Materie.

Das Einsetzen der Legende der wahren Erde.

Der Tod war der schmerzliche evolutionäre Übergang durch den Käfig, um zu lernen, als Individuum zu existieren – wenn das bewußte Individuum geschaffen ist, bricht der Käfig. Und man bleibt vollkommen in der Materie, der wahren Materie, der physischen Welt, wie sie ist. Ich habe das Gefühl, daß die Dinge viel einfacher sind – sehr viel einfacher – und viel weniger dramatisch, als das menschliche Denken sich vorstellt. Es ist sonderbar, immer mehr habe ich den Eindruck von etwas ohne Mysterium, daß nur unsere Art zu denken und zu fühlen das ganze Mysterium und Dramatische darüberlegt – und daß… es das nicht gibt.

Insgesamt läßt sich also sagen, daß wir durch die Evolution von der Unbewußtheit der Wirklichkeit der Erde zur Bewußtheit der Wirklichkeit der Erde wuchsen – vom dunklen und unbekannten Amazonien zum hellen und entschleierten Amazonien. Dieses Bewußtsein der Wirklichkeit der Erde ist das letzte Stadium der Evolution, oder vielleicht das erste Stadium einer neuen Evolution: das Stadium der wahren Erde, des Amazoniens, wie es ist, der physischen Welt, wie sie ist. Das Stadium der bewußten Materie – was sie immer war und was wir allmählich bemerken. Die Evolution besteht darin, das zu bemerken, was wirklich da ist.

Um dorthin zu gelangen, mußten wir verschiedene Mäntel, Panzer und Schmerzen über unsere Schultern legen. Nach und nach wurde der Schleier dünner. Wir erreichen den Augenblick, wo er fallen wird.

Allein die Lebenden werden wirklich lebendig bleiben.

Die anderen werden von ihrer eigenen Unwirklichkeit verzehrt.

Es gibt nichts Tödlicheres als den Tod.

Die reine Erinnerung der strahlenden Schönheit, die uns tastend auf ihre Suche führte.

Die wahre Erde.

24. Kapitel: Die Transformation der Welt

Wir nähern uns der großen Wende von 1968.

Wie durch Zufall auch das Jahr der Studentenaufstände.

In diesem Wald gibt es so viele Fragezeichen, mysteriöse, unverstandene Stellen, daß man manchmal den Mut verliert. Ich habe keine vorgefertigte Erklärung, ich gehe blindlings in diesen Wald, und manchmal scheint die Erklärung durch das Gehen hervorzutreten, dann wieder entwischt sie, um anderswo aufzutauchen. Ich schreibe nicht so sehr ein Buch, als daß ich einen Weg durch die Nacht schlage, während mein Körper einem vagen Flüstern hinter dem Schleier lauscht und seine Hand hoffnungsvoll ins Wahre wandern läßt. Wir müssen den Schleier abtragen, jeder auf seine Weise. Mutter und Sri Aurobindo tragen langsam den Schleier im Körper der Welt ab. Was wird geschehen?

Die drei Lösungen

Da ist diese wahre, freie Erde. Sri Aurobindo und Mutter sind dort, sie arbeiten, sie sehen. Sie sind ebenso hier wie wir – mehr als wir. Draußen wird Scheik Mujibur Rahman ermordet, der Präsident von Bangladesch. Das war gestern oder vorgestern. Jeden Tag werden tausend dunkle und abscheuliche Verrücktheiten begangen – scheinbar immer abscheulicher, immer dunkler, als käme die Erde nie ans Ende des Hervorquellens ihrer Düsterkeit, als würden immer mehr finstere Phantome die Erde bevölkern, diese schöne Erde. Phantome sind es, und sie haben keinerlei wahre Existenz, doch sie morden und verwüsten – wissenschaftlich, medizinisch, theoretisch und ideell oder religiös. Sie verwüsten, verwüsten, Phantome zu Tausenden, immer mehr. Sie setzen andere kleine Phantome in die Welt, die weiter verwüsten und immer mehr verwüsten werden – wird die Erde, die schöne Erde, nur noch von Phantomen bevölkert sein? Oder von Fälschern des Bewußtseins, die ihre ehrfürchtigen Reden herunterleiern? Die Intelligenzen, die in ein höheres Licht vorgedrungen sind, erscheinen wie zerstreute Sterne in einem völlig dunklen Himmel, sagte sie.

Was wird geschehen?

Man würde meinen, daß wir uns dem wahren Kern des Todes nähern.

Nein, nicht das Loch, sondern der wahre Tod: die Unbewußtheit.

Die Welt ist voller Toten.

Düstere Tote, die in glattgebügelten Hosen ihre ewigen Worte von der Höhe intelligenter Satelliten televisieren und die Menschen zu Millionen hypnotisieren. Das Netz des Mentals ist beinahe sichtbar geworden, es durchzieht den Himmel in alle Richtungen und betäubt unser Bewußtsein an allen Straßenecken. Sie wachsen, wachsen immer mehr, fast tagtäglich. Das Phänomen ist nicht mehr rückgängig zu machen. Das heißt, die Unbewußten werden sich nicht durch ein Wunder verbessern. Eine dunkle, schlammige Folge. Der Tod wächst.

Dennoch ist es nur ein Schleier. Ein dünner Bildschirm, auf dem sich dunkle Silhouetten abzeichnen, ausgestattet mit Morden und barbarischen Evangelien. An Bewußtsein gemessen ist ihr Gewicht gleich Null. Und das sind die Herrscher. An Wirklichkeit gemessen ist ihr Gewicht gleich Null. Dennoch ist das unsere angeblich wirkliche Welt. Wir wählen für sie, stellen ihnen Diplome aus, leiten Lokomotiven und Laboratorien für sie – wir bereiten eine für sie geschaffene Zukunft vor. Manchmal lehnen wir uns auf, doch bei der ersten Gelegenheit tun wir alles wie sie: Vordiplom, Enkelkinder, wissenschaftlicher Fortschritt, alles für sie. Jeder holt sich seine Anstellnummer darin. Wir sind für die Rechte oder die Linke, doch auf beiden Seiten herrscht dieselbe Unbewußtheit. Wir bereiten die Silhouette auf dem Bildschirm vor, und je dunkler sie wird, um so sichtbarer wird sie – um so erfolgreicher. Wir wollen alle in dieser Welt erfolgreich sein. Sogar in der Welt des Yoga oder der Spiritualität wollen wir erfolgreich sein. Es ist genau dasselbe. Wer will wirklich den Bildschirm durchstoßen, in die wahre Erde?

Wer will das Andere?

Dort bündelt sich das gesamte Problem, individuell und kosmisch.

Man könnte sagen: Schön und gut, lassen wir diesen Körper der Unbewußtheit fallen – lassen wir den Tod und die Toten fallen – und begeben wir uns in die wahre Materie zu den Lebenden! Das sieht aber nicht nach einer sehr evolutionären und mutigen Lösung aus. Zunächst einmal hat dieser Käfig einen sehr genauen Seinsgrund: Er ist keine teuflische Erfindung sondern das evolutionäre Mittel, um Wesen heranzubilden, die genau den Weg finden, den Käfig zu verwandeln oder zu öffnen. Wenn wir also im Käfig bleiben, wie können wir ihn dann verlassen, ohne ihn zu verlassen? – Das ist Mutters ganze Geschichte. Und was passiert mit diesem Körper, wenn er das Geheimnis seiner Wirklichkeit entdeckt hat, die wahre Materie, die wahre Welt? Haben die Gesetze der wahren Materie die Kraft, die Gesetze der alten Materie zu verändern: eine Transformation des alten Körpers? Oder wirft man den Lumpen fort, nachdem er seine Arbeit beendet hat: fliegt man als Schmetterling davon in die wahre Materie? – Eine Auflösung des alten Körpers. Das sieht auch nicht nach einer sehr evolutionären Lösung aus. Der Tod bedeutet die Annahme der Niederlage, folglich… sagte sie. Mutter war eine Kriegerin (eigentlich weiß ich nicht, warum ich sage “war”). Oder eine dritte Lösung…

Mutter wußte nie, was ihr vorbehalten war. Bis zum Ende wußte sie es nicht. Dafür muß es einen Grund geben.

Die dritte Lösung? Man könnte sagen: eine Invasion des Wirklichen. Das Zerreißen des Schleiers… Das wäre allerdings ein ungeheurer Stoß für die Erde – jedenfalls für die paradierenden Nicht-Lebenden. Sie riskieren, sich nicht davon zu erholen. Auch vergessen wir stets, daß wir selber in unseren eigenen Körpern mit einer schweren Dosis Unbewußtheit bedacht sind – unser Körper ist nicht voll bewußt, nicht voll wirklich; wäre er es, so wären wir unsterblich und verwandelt. Invasion des Wirklichen oder nicht, wir verbleiben mit einem alten Körper und seinem Tod, und was passiert mit ihm am Ende? Das Loch oder die Transformation? Es ist stets dieselbe Frage: Verläßt der Schmetterling seinen Raupenkokon, oder was? Das Wirkliche herrscht auf der Erde, und es bleiben nur noch wirkliche Schmetterlinge… doch was bleibt am Ende? Wie viele Schmetterlinge? Vielleicht nicht viele… vielleicht nicht einmal drei… Also?

Also ist die evolutionäre Lösung vielleicht eine paradoxale Mischung aller drei Möglichkeiten: eine mehr oder weniger allmähliche oder brutale Auflösung des Unbewußten, beschleunigt durch eine Invasion des Wirklichen, das die Transformation der Körper beschleunigt.

Mutter wußte nie, was geschehen würde. Mal glaubte oder spürte sie, daß es die Transformation des Körpers sein würde – und sie kämpfte bis zum Ende mit diesem Glauben. Andere Male glaubte sie, eine Invasion würde alles verändern. Je mehr sie sich dem “Ende” näherte, um so dichter schien das Mysterium zu werden: der paradoxale Zustand, der unmögliche Schmetterling in einer Welt der Raupen. Als würde gerade diese Unmöglichkeit, dieser sich auflösende alte Körper den Schlüssel des Mysteriums der Welt enthalten.

Kann sich ein Körper ganz allein transformieren, ohne daß sich der ganze Rest auch transformiert, oder wenigstens eine Mindestanzahl von Elementen? Ein einziger Schmetterling unter den Raupen?

Durchläuft auch der Körper der Welt eine Krise der Auflösung, um in den neuen Zustand zu gelangen?

Wenn der Körper der Welt bereit ist, wird sich der neue Schmetterling entfalten.

Eine Invasion des Wirklichen.

Wir müssen uns vorbereiten, sagte Mutter.

Die supramentale Macht

Über die Jahre verfolgte ich ein recht überraschendes Phänomen, das mich schließlich doch aus den Paradiesen des befreiten Mentals zog, in denen ich mehr oder weniger selig schwebte (weniger, wenn man herunterkommen mußte und mit der Nase in die alten Dummheiten stieß) und wo ich das Gefühl eines weiten Rhythmus hatte, dem ich mich nach Belieben anschließen konnte und aus dem man alles gewünschte Wissen ziehen konnte: automatische Bücher, Gemälde oder Musik. Es genügte, sich hinzusetzen und den Rhythmus zu übertragen, oder besser gesagt, ihn sich von allein in Worte kleiden zu lassen (oder in Noten oder Farben, wäre ich Maler oder Musiker gewesen), und alles war gewußt, verstanden. Eine schöne Transparenz, wo die Wesen keine Mysterien mehr bargen: Man richtete den ruhigen Lichtstrahl hierhin oder dort, ganz nah oder Tausende Kilometer entfernt, und es war gewußt. Und wenn es nichts zu sagen hatte, schwieg es wundervoll in einer Ewigkeit aus Schnee – mit der einzigen leichten Unannehmlichkeit oder Besorgnis, daß die Ewigkeit sehr lange dauern könnte. In ihrer liebenswürdigen Art ließ Mutter mich mein Paradies abtragen, sie ermutigte mich sogar darin, denn Mutter war jemand, der die Menschen immer in ihrer Richtung bestärkte. Ich hatte das Privileg, mit ihr zu meditieren, und wie ein Pfeil schoß es davon: nach drei Sekunden war es die vollkommene Ewigkeit. Mit ihr war es immerhin eine etwas mächtigere Ewigkeit als ganz allein! Dann begann ich mich aber doch zu fragen, was das alles zu bedeuten hatte – Bücher, Musik sind sehr schön, das würde mehr als ein Leben erfüllen, aber ich hatte das Gefühl, all das schon tausendmal gelebt zu haben, und dann fängt man wieder an und macht weiter: die Bücher häufen sich, die Musik häuft sich, die Babys häufen sich… uff! Ist das das Leben? Das erschien mir mager. Man hatte das Gefühl, es füllte nur (wenn auch auf schöne Weise) eine mentale Schachtel, und was dann? – Der Urwald hatte mehr Leben, war wirklicher. Aber Kilometer über Kilometer Urwald ergeben nur noch mehr Urwald – das füllte auf angenehme und leichte Weise eine vitale Schachtel, und was dann? Bei allem, man konnte alles beliebige nehmen, immer hieß es: und was danach? Oder man drehte den Hahn zu und verschwand in weißen Höhen – auch das war eine weitere Schachtel, eine spirituelle Schachtel, doch es gibt nichts Eintönigeres als Kilometer jungfräulichen Himmels. Da erschien mir die gesamte Geschichte ziemlich verdammt oder verdammenswert, es gab nichts als voneinander abgeschottete Schachteln: Der jungfräuliche Himmel spottet über den Urwald, der über die kleinen Babys spottet, die über die Bücher spotten… Wo blieb das ausgerundete, vollständige Leben? Nicht einmal in der Summe all dieser schönen Zutaten – obgleich die Menschen das zu Millionen in einer kleinen, mehr oder weniger großzügigen und koketten Schachtel betreiben.

Eines Tages sah ich dann einen fabelhaften Wunderarzt mit überraschenden Kräften im Ashram ankommen (auch er hatte sein eigenes kleines Paradies – ein seltener Fall in unserer Spezies –, es war sogar ziemlich mächtig, und dort war er in der “vollkommenen Verwirklichung”). Er sah Mutter, meditierte mit ihr: “Oh, es ist genau das gleiche!” erklärte er mir. Es war genau die gleiche Ewigkeit in Jerusalem oder Pondicherry – offensichtlich gibt es nichts Gleicheres als die Ewigkeit. Er war also bei Mutter gewesen, und es war genau das gleiche. Das gab mir einen Schock, denn trotz allem fühlte ich deutlich, daß es nicht “das gleiche” war. Was ist denn daran nicht gleich? Hier begann ich von meinem Paradies herabzupurzeln und entdeckte das rundere, vollständige Leben ohne Schachteln… und noch etwas dazu: eine ungeheure Macht, die ich oben nicht wirklich gefühlt hatte, denn dort oben gibt es niemanden mehr, um sie zu fühlen, die aber fast erdrückend wurde, wenn ich mich auf die Materie richtete, hier auf Bodenhöhe; und je näher es dem Boden war, um so ungeheurer und erdrückender, fast unerträglicher wurde es, als würde man auf schreckliche Weise geknetet, behämmert, zerstampft. Hier drang ich in das. Ich betrat einen ansehnlichen Urwald, während Mutter lächelte – tatsächlich betrat ich die wahre Erde. Diese hat eine sehr besondere Art, in einen einzugehen, die darin besteht, alles zu zerhämmern, das ihren Durchgang verdunkelt oder behindert: du läßt dich fließen oder du brichst. Sehr einfach. Diese Macht war auf einmal so ungeheuer lebendig, als berührte man zum ersten Mal etwas Wirkliches – überwältigend Wirkliches. Berührte man sie einmal, konnte man nicht mehr ohne sie leben, alles andere verlosch in einer beinahe inexistenten Blässe. Als hätte man nie zuvor gelebt, geatmet – nie gewußt, was das Leben ist. Die Symphonien waren bläßlich, die Bücher waren bleich, das Leben selbst war bleich, ja, nicht “konkret”; auf einmal begriff ich, was Mutter mit “konkret” meinte. Und der “Himmel”, meine Güte, er ging völlig in Rauch auf – nie wieder kehrte ich dorthin zurück, kein einziges Mal, keine Sekunde lang. Ich badete in einem mächtigen Himmel, der nichts Himmlisches hatte, sondern mehr wie ein Orkan war, doch ein Orkan bewegt sich, lebt – und schließlich verursachte es den Orkan nur, weil ich blockiert war: Je mehr man sich entblockierte, um so mehr verwandelte sich der Orkan, das Hämmern, in eine Weite von massiver Macht, bei der man deutlich spürte, daß sie alles bewegte, alles lenkte – die gesamte Materie –, ohne Trennungen, ohne “dort”. Überraschenderweise befand man sich in allem, aber nicht in der kleinen Kruste (auch hier begriff ich schließlich, was Mutter meinte, denn es ist wie eine Kruste) sondern in der Macht, die in allem ist, oder genauer gesagt, die alles trägt. Das Leben wurde sonderbar gegenwärtig, unmittelbar, eine gedrungene Einheit. Wirklich das Leben. Zunehmend traten die Lebenden darin hervor: Da war es der augenblickliche Austausch, es hatte ein Gewicht, eine Wirklichkeit, während die anderen… ja, die Phantome. Man brauchte nicht daran zu “denken” oder zu “verstehen” zu suchen: es war greifbar, sprang sofort ins Auge. Genauer gesagt spürte man es im Innern seiner selbst in einer Kontinuität der Materie, wo der “andere” wie man selbst ist. “Fühlende Sicht” begann eine Bedeutung anzunehmen.

Eines Tages konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und beschrieb Mutter den “Unterschied”: “Früher erwischte ich «Das» hoch oben, und ich konnte es erwischen, während ich vor einem Steinhaufen kniete oder wo auch immer, auf der Straße, überall. Es war unwiderlegbar. Es war dasselbe und immer dasselbe. Jetzt hingegen, wenn ich bei Dir bin, habe ich das Gefühl, daß es nicht etwas ist, das ich oben erreiche, sondern etwas, das im Innern ist. Als würde ich innen erfaßt und alles erleuchtet innen im Körper. Es fällt mir nicht von oben auf die Schultern.” Mutter lächelte: Ja, das ist es. Aber das ist der Seinsgrund dieses Körpers, der Gegenwart hier. Damit es… innen sei und keine wunderbare Herabkunft. Auf einmal begriff ich, was Sri Aurobindo mit seiner “automatischen Macht” meinte. Es war nicht mehr etwas, das man mit Gewalt oben erfassen muß, sondern es wuchs unwiderstehlich in der eigentlichen Substanz wie das Feuer im Vulkan. Mutter hatte die Fäden des Netzes gelockert, und diese Macht – eine ungeheure Macht – in der Materie, auf der anderen Seite dieser Hülle, dieser Mauer des physischen Mentals begann einzudringen und unsere Materie von innen in Besitz zu nehmen. Eine ungeheure unsichtbare Revolution in der Materie.

Mit den Jahren wurde das Phänomen immer frappierender: Mutter wurde immer mehr wie ein transparenter Hauch, eine winzige Form immer tiefer in ihren Sessel gedrückt, und je mehr sie sozusagen zu schmelzen schien, um so… phantastischer wurde diese ungeheure Macht, so daß man keine Grenzen mehr spürte außer der Grenze dessen, was man selber davon aufnehmen konnte, ohne zu bersten. Das strahlte keineswegs von Mutter aus! Es war keine Ballung von Macht um Mutter, ganz und gar nicht! Es war das Gegenteil einer Ballung: ein Ozean von Macht ohne Zentrum und wie überall, in allem, aus allem hervorquellend, und in Mutters Nähe intensivierte es sich spontan, von innen. Es war nicht in einem Körper sondern in allen Körpern, sogar in den Zahnwasserflaschen. Man begriff augenblicklich, wer (und was) damit in Verbindung war und wer nicht. Es war wie zwei Welten – wirklich die Toten und die Lebenden. Und jene, die die Verbindung hatten, waren nicht besonders mit “Spiritualität” ausgezeichnet, sondern einfach… vielleicht mit einer hellen und aufrichtigen Einfachheit, die den ganzen Unterschied der Durchdringbarkeit ausmachte. Die einfachen Körper und die dunklen Körper. Dabei konnte es durchaus sein, daß sie nichts von dem Phänomen begriffen oder glaubten, sie trieben Hatha-Yoga, Fußball oder… einfach nichts, es hatte keinerlei Bedeutung, sie konnten glauben, was sie wollten – “durch jede beliebige Methode”, sagte Sri Aurobindo –, doch es drang ein, völlig spontan, völlig natürlich. Andere, die allen tugendhaften Ernst zur Schau trugen, waren einfach wie Holzstücke – nicht einmal das: Gips. Ich konnte mich nicht enthalten, Mutter meine amüsierte, verwunderte Beobachtung in einer ungeschickt stammelnden Sprache mitzuteilen: “Diese Macht scheint alle Körperteile zu erfassen und sie… ich weiß nicht, mit einer intensiven Aspiration zu erfüllen.” – Ja, sagte sie, das ist genau, was mein Körper spürt. – “Es ist, als veranlasse es den Körper zu beten. Es erfüllt ihn mit einer Macht… Wie geschmolzenes Gold, das alles erhebt.”

Ein geschmolzenes Gold, das den Körper der Welt ohne ihr Wissen erhebt, von innen durchwirkt.

Das ist die supramentale Macht.

Eine durchdringende Machtinvasion.

Eine unsichtbare Revolution in der Materie.

Nicht ganz so unsichtbar.

Ein Auslöser

Die Erde wiederholt genau das individuelle zellulare Phänomen.

Der dunkle Rand, der die Zellen umgibt, dieser Schlammschleier, der sich im Laufe der Evolution langsam ablagerte und härtete, dieser feste Bildschirm des physischen Mentals, das unseren Käfig und die Gesetze unseres Käfigs fabrizierte – wirklich ein Schleier der Illusion, der die Erde wie unsere Zellen bedeckt –, das explodiert jetzt oder zerfließt unter dem Druck der Evolutionsbewegung. Wir vergessen stets, daß die Bedeutung der Evolution nicht das Menschliche ist, genauso wenig wie es der Frosch war, und daß der Sinn all dieser Jahrmillionen nicht die Verbesserung kleiner nützlicher “Vorrichtungen” oder kleiner nützlicher Grenzen für das Wohlergehen des durchschnittlichen Demokraten war. Sri Aurobindo nannte es Supramentale Macht; man kann es nennen, wie man will, doch es ist die eigentliche Macht, die aus dem Fisch eine Amphibie erblühen ließ und die Säugetiere aus den Reptilien: die große evolutionäre Sturmflut, die über unsere kleinen provisorischen Vorstellungen nur lachen kann. Sie spottet über unsere weisen, auf ewig im Almanach eines kleinen modernen Physikers verzeichneten Gesetze. Bemerkenswert ist gerade, daß diese neue Wende der Evolution genau zur Zeit des höchsten Triumphs des physischen Mentals eintritt, sozusagen in seinem starrkrampfartigen Höhepunkt, wo der alte wissenschaftliche Parkinsonier sich anschickt, die Bewegung der Welt endgültig in sein unerbittliches Eisenkorsett zu sperren, und uns seine Krankheit als die universelle Erlösung darstellen möchte: Es hat die gesamte Menschheit überzeugt! empörte sich Mutter. Die gesamte sogenannte Elite der Menschheit hat es überzeugt, daß ohne diese organisierende Mentalkraft nichts Gutes zustandegebracht werden kann. Jetzt stehen wir vor dem Zusammenbruch des physischen Mentals samt allem, was es repräsentiert – nicht nur das Ende der Wissenschaft, jedenfalls dieser Art Wissenschaft, sondern das Ende des genetischen Kodes, in den sie uns auch sperren wollten, weil sie alles einsperren wollen, um dann damit zu spielen, die Tür aufsperren zu wollen, die sie selber versperrten. Hinter der Kruste des physischen Mentals entdecken die Körper der Individuen wie die Körper der Nationen und der Körper der Erde ihrer selbst zum Trotz (weiß Gott) den Großen Kode des Bewußtseins und der Macht des Bewußtseins. Alles andere sind bloß Geschichten. Das ist die Geschichte. Mit diesem Schlüssel kann man alles lesen. Denn es ist der einzige. Es ist die einzige Tatsache der modernen Welt. Die einen verstehen, und die anderen verstehen nicht, und immer mehr gibt es die einen und die anderen, die Lebenden von morgen und die alten Toten. Im Grunde sind es diejenigen, die an das Wunder glauben, und jene, die an den Tod glauben. So einfach ist das. Dreiviertel der Menschheit sind veraltet, stellte Mutter trocken fest. Da heißt es zu wissen, welchem Viertel wir angehören. Eines erscheint offensichtlich, bemerkte sie zehn Jahre vor der großen Wende von 1968, als sie noch zum Sportplatz kam, daß die Menschheit einen bestimmten Grad allgemeiner Spannung erreicht hat – Spannung der Anstrengung, der Handlung, sogar die Spannung des alltäglichen Lebens – mit einer so übermäßigen Hyperaktivität, einem so verbreiteten Zittern [genau dort liegt unser alter Parkinsonier mit seinem kleinen tödlichen Zittern], daß die Spezies als Ganzes an einen Punkt gekommen zu sein scheint, wo entweder ein Widerstand gebrochen werden muß, und man taucht in ein neues Bewußtsein, oder man fällt zurück in eine Kluft der Finsternis und Trägheit. Dies ist ein eindeutiges Zeichen, daß ein neues Prinzip von Kraft, Bewußtsein und Macht in die Materie gedrungen ist, das durch seinen eigenen Druck diesen akuten Zustand hervorruft.

Das Eindringen der supramentalen Macht in den irdischen Körper scheint genau dem Schema des Eindringens in den individuellen Körper zu folgen. Zuerst hat man das Gefühl, daß alles unter dem Druck dieses “brodelnden Breis des Supramentals” bersten wird, wie Mutter es anfangs ausdrückte. Tatsächlich ist bemerkenswert, daß es nicht bricht (jedenfalls bis jetzt noch nicht) und außerordentlich sorgfältig dosiert zu sein scheint, es geht bis zur äußersten Bruchgrenze in einem bestimmten Bereich, und wenn es gründlich geschüttelt, geknetet, behämmert worden ist, geht es zu einem anderen Punkt, und so weiter, methodisch, überall, nichts entgeht. Es bricht nicht, verwirrt die Ordnung aber so gründlich, daß man nicht mehr weiß, welchen Faden man aufgreifen soll – alle Behelfe brechen der Reihe nach zusammen. Man wird sozusagen zum behelfslosen Punkt gebracht… bis man den Behelf ergreift. Dann ordnet sich alles wunderbar, unglaublich (doch den Punkt hat die Erde noch nicht ganz erreicht – das kommt noch). So werden alle Fäden des Netzes der Reihe nach erfaßt, in den Bewußtseinen, den Körpern, den Ländern, den Religionen, den Finanzen, den… Sie zerfallen, lösen sich – ein Faden, noch einer, ein weiterer… Bis es keine Anhaltspunkte mehr gibt. Genau wie im Körper: Die Übertragung der Macht vollzieht sich für die Erde. Da erscheint die Erde sehr krank, doch sie wird transformiert – nicht verbessert, nein, keineswegs, nichts kann geflickt werden, kein einziger Riß, überall birst es, muß es bersten, und all jene, die es ausbessern wollen, stecken in der seligen Illusion: sie wird trans-for-miert. Transformation bedeutet nicht die Super-Raupe. Können wir das Penizillin für die Schmetterlinge von morgen ausbessern? Oder den Geldfluß für die Sparkasse der supramentalen Wesen? Einige müssen den Mut haben, den Übergang zu vollziehen. Morgen fängt heute an. Die Transformation ist gleich jetzt, sie wird durchgeführt. Entweder nimmt man daran teil oder nicht, denn es ist nicht erst für die ausgebesserten kleinen Nachfahren. Es ist hier: ein Schleier muß durchdrungen werden. Wer hat den Mut, ihn zu durchschreiten?

In manchen Augenblicken kann man hindurchkommen.

Vielleicht täuscht das Wort: “Transformation” scheint einen langwierigen Evolutionsprozeß zu implizieren, wie der Übergang vom Fisch zur Amphibie, einen radikalen Strukturwandel in derselben Materie. Dabei ist es durchaus möglich, daß dieser radikale Wandel tatsächlich stattfindet, aber in welcher Materie und mit welcher Materie, ja, welcher Materie? Diese sichtbare Materie, dieser stereoskopische Blick auf… etwas? Aber das ist genau die radikale Lüge der Welt, ihre klebende, tödliche, kranke und gravitationsmäßig falsche Illusion. Nicht Newtons Materie wird sich verwandeln, die Lüge wird nicht plötzlich Flügel erhalten, im Gegenteil: sie wird in der endgültigen Schwerkraft versinken. Wir stecken bis zum Hals, oder genauer gesagt bis zum Scheitel in einem trüben Schlammbad, in dem wir sämtliche Gesetze und Brechungsindizes verzeichnet haben: Der Schlamm fällt, und die Gesetze fallen. Das waren die Gesetze unseres Schlamms. Dies kann in einer Sekunde geschehen. Das Geheimnis dieser Sekunde besteht darin, daß genügend viele Menschen sich der völligen Falschheit des Schlammbads bewußt werden. Genau das geschieht jetzt im Körper der Welt wie in Mutters Körper – natürlich! Alles ist derselbe Körper. Eine schwindelerregende kleine Wechselbewegung in die Auflösung, die plötzliche Krankheit, den plötzlichen Tod – unzählige kleine Blitztode, kontinental, national, religiös, politisch… dann hopp! erhellt es sich, man weiß nicht wie, und hopp! fällt man wieder ins Loch, es ist verloren. Alles scheint verloren zu sein, immer mehr. Die Beschleunigung wird schwindelerregend… bis die gesamte Erde die Lektion des Wunders lernt. Das sieht wie ein Tod aus, und es ist tatsächlich ein Tod, aber es löst sich “nach vorn auf”. Die gesamte Erde löst sich nach vorn auf. Das Geheimnis, die unvorstellbare Sekunde besteht darin, dieses “nach vorn” zu kennen. Die einen werden sich nach vorn auflösen, und die anderen nach hinten. Die einen fallen mit dem Schlamm, die anderen flattern plötzlich in einer klaren Luft – in einer hellen, unglaublichen, wunderbaren Welt. Eine andere Welt und dennoch dieselbe. Mutter lernte diese Lektion zehnmal, fünfzigmal am Tag in ihrem Körper, mit einer Filariose, einer Nevritis, einem Zahnabszeß, einem Herzanfall: der Umschwung in die Auflösung, die mikroskopische Wechselbewegung vom Leben in den Tod, vom Leben in den Tod… Bis der “Tod” sich in etwas anderes verwandelt, und das Leben mit ihm. Wir nähern uns dem Tod des Todes. Es ist nur der Tod dessen, was wirklich tot, inexistent, unwirklich ist – diese ungeheure schlammige Illusion, aus der wir “mit Faust- und Hammerschlägen” herausgeschält werden, genau wie Mutter zu Beginn. Glauben wir an den Schlamm, oder glauben wir nicht daran, alles läßt sich auf diesen Punkt zurückführen. Glauben wir an den Tod – beglaubigt, diplomiert, erfolgreich, legalisiert durch alle wissenschaftlichen Experten des Todes –, oder glauben wir an etwas anderes. Hier scheidet sich die Welt. Dies ist das Geheimnis der nahenden Großen Sekunde der Wahrheit – der “Stunde Gottes”, sagte Sri Aurobindo. Es ist ja nicht so, als müsse diese Welt der Wahrheit aus freien Stücken erschaffen werden. Sie ist völlig bereit, hier, wie eine Auskleidung der unsrigen. Alles ist bereit, alles ist hier… Ein kleiner Auslöser würde genügen.

Eine Invasion des Wirklichen.

Die Invasion des Wirklichen

Diese Invasion des Wirklichen vollzieht sich jetzt machtvoll, methodisch, unerbittlich. Doch wir sehen nur die negative Seite des Phänomens: Uns werden brutal unsere schönen Spielzeuge entrissen, die so lange so gut funktionierten (so lange ist es gar nicht: fünfzig Jahre), da stoßen wir Schreie aus: “Wohin gehen wir, der Verfall der Moral, der Verfall der Religion, der Verfall der Ehrlichkeit – oh, wie gemein ist die Welt! Und der Verfall der Finanzen, der Verfall der Demokratie, von allem – wohin gehen wir?” So wird geflickt, ausgebessert, und dann birst es anderswo, es birst immer – bis zum Ende wird es bersten. Bis man die wertlosen schönen Spielzeuge über Bord wirft, vorbei das Dasein als Baby-Galeerensklaven des Mentals! All die Leute, die die Ordnung wiederherstellen wollen, ziehen einen zurück in all die alten Ideen – aus dem Grund gelingt es ihnen nicht. Das ist vorbei, vorüber. Jetzt steigen wir auf. Nur jene, die aufsteigen können, können handeln. Und wenn wir nicht handeln wollen, werden wir gezwungen. Unsere schönen Spielzeuge werden verwüstet, unerbittlich, samt all unseren Gesetzesflickern. Man könnte es für eine Demonstration universeller Absurdheit halten. Das sind die letzten Tage der mentalen Lüge, vielleicht ihre letzten Stunden. Was wir nicht sehen, ist die ungeheuer positive Seite von alldem: die ungeheure, ja automatische Macht, die das alte Gerippe schüttelt – welche Macht, um diesen großen Reigen oder besser gesagt diesen weltweiten Staatsstreich so universell und detailliert bis in die feinsten Einzelheiten des Bewußtseins, des Landes, der Organisation lenken zu können! Daran denkt niemand: diese ungeheure Positivität hat die universelle Frechheit, unsere vernünftigen Institutionen niederzuwerfen – so wie sie die “Gesundheit” oder “Krankheit” von Mutters Körper umstürzte, um sie anderes als Ideen über Gesundheit und Krankheit zu lehren: vielleicht den Zustand, wo das nicht existiert, dann bleibt nur, was ist. Die Welt wird behämmert, um sie zu lehren, was ist. Das ist die große Verwüstung des Mentals und der Gesetze des Mentals in allen Formen. Diese Überzeugung bezahle ich jetzt, sagte Mutter am Tag nach einer weiteren “Krankheit”: Der Körper erlebt schwierige Augenblicke in seiner Übertragung der Macht – wirklich schwierige Augenblicke. Mit der normalen Sicht betrachtet hätte das keinerlei Sinn, denn die Schwierigkeiten scheinen mit dem, was man als “Wandlung” bezeichnen könnte, zuzunehmen. Tatsächlich durchlebt die Welt eine unvorstellbare “Wandlung”, und je mehr sie sich wandelt, um so mehr zerfällt sie – das sehen oder verstehen wir nicht, wir sehen alles verkehrt. Doch es ist die Wandlung der Welt. Nicht ihre politische, religiöse oder ökonomische Wandlung, sondern ihre evolutionäre Wandlung, ihr Übergang von den Krabbelversuchen des Mentals zu den Flügeln des Bewußtseins. Für die Länder und Nationen ist es dasselbe: Dieselbe Übertragung der Macht verursacht das namenlose Chaos, in dem wir leben – wegen dem Widerstand.

Jeder evolutionäre Übergang ist die Katastrophe der alten Exemplare.

Doch wer sieht das, was zwischen den Maschen der “Katastrophe” hereinschlüpfen will?

Über die Jahre verfolgte ich das Phänomen Schritt für Schritt und sah die ungeheure Invasion der Macht, nachdem 1962 (dem Jahr der Kubakrise und der Konfrontation zwischen Kennedy und Chruschtschow) die Maschen zum ersten Mal nachgaben. Die große Unordnung des irdischen Körpers, das beschleunigte Schlammbad, die “Transformationskrankheit” und… etwas anderes, das das wahre Auge wahrzunehmen vermochte. Ich schaute, sagte sie 1964, und überall… die Welt bestand wie aus riesigen Maschinen mit ungeheuren Kolben, die sich senkten – weißt du, wie in einem Maschinenraum: sie stiegen und fielen, stiegen und fielen… Überall war es so. Das behämmerte die Materie, erschreckend. Sogar der Körper fühlte sich behämmert. Ein Druck – ein mechanischer Druck – und zugleich (beides gleichzeitig) eine so intensive Aspiration! In diesen Zellen ist eine außerordentliche Intensität: die Wahrheit, die Wahrheit, die Wahrheit… Dieses Ersticken überall, dieses stumme Gebet ohne Namen oder mit vergessenen Namen erhebt sich überall auf der Erde hinter all ihren Extravaganzen. Die Menschen drängen, die Völker drängen – dieser ungeheure Druck, man weiß nicht von wo, der einem barbarischen Gebet gleicht: Drogen, Verlorene, Revolten, Verrate, Spaltungen, egal was, aber etwas anderes. Das ist der zerstampfte Körper der Erde in seiner ersten formlosen Aspiration, wie ein ganzes Volk von Hominiden auf der Flucht vor dem Ansturm der ersten Woge des Mentals. Die ganze Jugend scheint von einem sonderbaren Schwindelanfall ergriffen zu sein, bemerkte sie seit dieser Zeit. Für vernünftige Leute wäre das beunruhigend, doch es ist gewiß das erste Anzeichen, daß eine ungewohnte Kraft am Werk ist. Alle Gewohnheiten und Regeln werden gebrochen – das ist gut. Im ersten Augenblick ist das etwas “sonderbar”, es ist aber nötig… Das ist wie ein Druck auf die Materie, um die Antwort hervorquellen zu lassen. welche form auch