Satprem. Mutter Trilogie. 3. Die Mutation des Todes
 
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Satprem

Mutter
Die Mutation des Todes

3 Band

epub

 
  

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil Die Zelle ohne Kode

1. Kapitel Verneinung oder Verwandlung der Materie?

2. Kapitel Ein Körper ohne Gedächtnis

Das Schreckliche

Ein neues Mental

3. Kapitel Das Mental der Zellen

Der grundsätzliche Käfig

Das Veränderungsmittel

4. Kapitel Die Mutation des Todes

Auf leisen Sohlen

5. Kapitel Der Reisende

6. Kapitel Die zellulare Prägung

Zellulare Plastizität

7. Kapitel Der bewußte Automatismus

Die direkte Funktionsweise

Ein Lächeln, das alles weiß

8. Kapitel Der Austritt aus dem zweiten Netz oder Der Neue Körper

Eine Seinsart

Der Austritt aus dem zweiten Netz

Der Schlüssel zum neuen Körper

Der Urstoff

Ein Mysterium des Unbekannten

9. Kapitel Das mannigfaltige Leben

Das Kind der Zellen

Die zellulare Allgegenwart

Die Tatsache der Leiche

10. Kapitel Sieg über den Tod oder im Tod?

11. Kapitel Transformation

Transformation oder Perspektivenwechsel?

Das Problem der Transformation

Die zellulare Stabilisierung

Das zellulare Über-Leben

12. Kapitel Die Durchdringung

Regenbogenfarbige Stofflichkeit

Die supramentale Invasion

13. Kapitel Zellulare Zeit

Wechselbeziehung der Zellen

Die zentrale Erfahrung

Positionsveränderung oder Massive Zeit

Der Widerspruch

Kataleptische Trance?

Die mannigfaltige Gegenwart

14. Kapitel Der Rückstand

Die fehlende Seite des Atoms

Eine Frage der Geduld

Zweiter Teil Das gefährliche Unbekannte

15. Kapitel Die höchste Pforte

Die alte Art stirbt

Das Mysterium des Widerspruchs

Die Kohleschicht

16. Kapitel Das Über-Leben

Zwei Zustände der Materie

Das Unbekannte von morgen

17. Kapitel Ununterbrochenes physisches Leben

Andere physische Luft

Ein anderer physischer Rhythmus

In gleich welcher Sekunde

18. Kapitel Das Problem der Welt

Die dreifache Beschleunigung

Immer mehr, immer mehr…

Der unausweichliche Sieg

Die Verneinung

19. Kapitel Die unmögliche Lösung

An der Schwelle eines großen Geheimnisses

Die große Reglosigkeit

Wie in einem Ei

Dornröschen

20. Kapitel Der Letzte Weg

Das letzte Gespräch

Halte Dich tapfer

Das schönste aller Märchen

Quellenverzeichnis

Erster Teil. Die Zelle ohne Kode

1. Kapitel: Verneinung oder Verwandlung der Materie?

Ihr einziger Wille gegen das kosmische Gesetz1

Sri Aurobindo

Könnte diese wahre Schwingung, dieser unscheinbare Hintergrund der Wahrheit die lügenhafte Schwingung ersetzen, so würde der Welt eine ungeheure Veränderung widerfahren – eine unvorstellbare Veränderung, weil wir uns das Einfache nicht vorstellen können. Wir können uns Feen, Götter und alle möglichen grandiosen Komplikationen oder Super-Maschinen vorstellen, und in der Tat verbringen wir die meiste Zeit damit, neue Komplikationen zu erfinden, die unsere alten Komplikationen vereinfachen sollen – doch das, was keiner Maschinen bedarf, was einfach fließt wie die Quelle… Eine Quelle ist in jeder Sekunde neu. Etwas, das seinen Weg entsprechend seinem Wahrheitsgefälle findet und das seinen Weg durch die einfache Kraft seines Seins nimmt. Sein bedeutet die Fähigkeit, in jeder Sekunde das zu sein, was man ist: ein Apfelbaum, eine Gazelle, ein Gesang mit diesem oder jenem Klang, der einfach singt. Der Mensch, dieses menschliche Zwischenstadium, bedeutete die Fähigkeit, das zu sein, was man nicht ist, und weil das nicht wirklich möglich ist, war es eine Fähigkeit der Unwirklichkeit in einer Festung der Unwirklichkeit – allerdings fliegt uns die Unwirklichkeit nun ganz einfach ins Gesicht. Doch die wirkliche Welt, die plötzlich wirkliche, ent-täuschte… helle Welt? Jene Noch-nicht-Erstickten, die plötzlich transparente Augen öffnen… zu Millionen. Das ist sehr schwindelerregend. Das ist fürchterlich wunderbar! Es mag auch sehr komisch sein, doch was ist es? Eine Welt, in der auf einmal alles kommuniziert – denn das machte die Festung aus: nichts kommunizierte. Eine Welt, in der man in jeder Sekunde alles Nötige weiß, genau im erforderlichen Ausmaß, wie der Vogel, ganz einfach. Man weiß alles, was man nicht wußte, weil die Festung die Mauer des Nicht-Wissens bildete. Als erstes werden dann sämtliche Schulen einstürzen. Es bleiben nur die weite Schule des Lebensspiels und vielleicht Schulen für Körperübungen oder besser für körperliches Bewußtsein. Kein Vollstopfen der Schädel mehr, weil es keine Festung mehr zu stopfen gibt: der große offene Schloßpark der Welt. Und jeder ist das, was er ist: das ergibt viele verschiedene Melodien; und weil es nicht mehr notwendig ist, den Nachbarn zu berauben, um die eigenen Kammern zu füllen, nicht mehr notwendig, einen falschen Lebensunterhalt zu verdienen, um sich nebenher ein schönes Leben zu machen, braucht man nichts anderes mehr zu sein als das, was man ist. Das bedeutet mit einem Schlag den Zusammenbruch jeglichen Wettbewerbs, es muß einem nicht “gelingen”, dem Nachbarn gleichzutun. Und alle Menschen, alle Länder, alle Vereinigungen (wenn man noch das Bedürfnis hat, sich zu vereinigen) brauchen nichts anderes zu sein als das, was sie sehr freudig sind, denn zu sein bedeutet die Freude, das zu sein, was man ist, rein und ohne Zusätze oder Abträge. Und ohne Grenzen. Es gibt nichts zu erobern! Außer sich selbst, immer schöner, immer offener, immer mächtiger. Denn man kann auch alles, was man nicht kann: Nur die Festung bildete die Mauer des Nicht-Könnens – übrigens sehr weise (man könnte sagen: automatisch), weil wir diese Macht sofort eingesetzt hätten, um dem Nachbarn den Hals umzudrehen und alles zu verdrehen, wie gewohnt. Doch hier, in dieser ent-täuschten Welt, erfordert es keine Moral, keine Gendarmen, keine Gerichte mehr: Es ist die automatische Macht dessen, was man ist, und natürlich auch die Macht, das zu vollbringen, was man ist. Wo könnte es in dieser hellen Welt noch Betrüger geben? Wären sie noch möglich, so wären sie außerordentlich auffällig: verdreht wie ihre Gedanken, in Grau und Schwarz gekleidet wie die Ratten. Es gibt nichts über sie zu sagen: sie sind erkennbar, eindeutig, und hopp, verzieht euch! Aber das wunderbar Wahre ist, daß der Betrüger von selbst nicht mehr möglich ist – diese armen Betrüger, sie täuschen sich arg, machen sich große Illusionen, es dürstet sie nach allem, sie leiden, sie rackern sich ab, um das zu erbeuten, was sie nicht sind… jetzt können sie sich nicht mehr täuschen! Genau das ist es: eine Welt, in der man sich nichts mehr vormachen kann. Oder wird man sich das Gesicht wie ein Hampelmann anmalen? Es bleibt nur eine einzige Macht, und zwar zu sein, mehr und mehr. Wer wird dann noch den Krebs wählen? Den eigentlichen Krebs, den der Lüge, der all die anderen Krebskrankheiten verursacht.

Also eine Welt ohne Ärzte, ohne Rechtsanwälte, ohne… die Liste unserer Komplikationen ist lang. Ohne Telefon, weil alles miteinander kommuniziert – auch das war die vermauerte Festung. Ohne Entfernungen, ohne Trennung, überall das Bewußtsein – es war die Festung der Unbewußtheit. Das Netz ist gewichen, man läuft, alles läuft. Kein Zittern mehr, keine Eile… Eile für was? Morgen ist vollkommen heute, jede Sekunde ist vollkommen das, was sie zu sein hat, neu wie die kleine Quelle. Eine außerordentlich einfache Welt… einfach wie die Wahrheit. Lediglich ein Riß im Schleier. Einige Millionen offener Blicke, die plötzlich innehalten und gemeinsam am Schleier ziehen.

Die Phantome werden sagen, das ist nicht möglich, weil für sie alles “nicht möglich” ist, außer dem Käfig, der ihre ganze Macht bedeutet, sei sie evangelisch, behördlich, wissenschaftlich, verfassungsgemäß oder ewig. Alle in einem Sack. Sie sind die Evangelisten des Todes, also hängen sie an ihm. Doch ein Punkt bleibt. Ein sterblicher Punkt: dieser Körper. Und dieser Punkt des Todes ist wie der Schlüssel der Lüge, oder der Schlüssel der Wahrheit, die diese Lüge verdeckt – denn in der Welt gibt es nur die Wahrheit, selbst die Lüge könnte nicht wirklich bestehen, wenn ihr nicht eine Wahrheit zugrundeläge. Das riesige Trugbild der Lüge übermalt eine unerschütterliche Wahrheit. Die Lüge blättert ab, die wahre Erde tritt hervor – das kann morgen geschehen, es ist nicht fern, es erfordert keine “Zeit” dazu: Die kleinen Bewußtseinsindividuen müssen lediglich den “einheitlichen Punkt” erreichen, so wie es im Mai 1968 fast geschah, nur ohne Kenntnis des Vorgangs, der Ursache oder der zugrundeliegenden Kraft. Das Amazonien ist hier, leuchtend, heiter, entschleiert. Ein ungeheurer, weltweiter Atem. Doch da bleibt dieser alte Körper – dieser alte Körper, der die Verwandlung bis heute durchgemacht hat, dieser alte Überrest des Tieres. Was soll mit ihm geschehen? Genau diesen Punkt erreichte Mutter: Alles hatte sich vor ihr entschleiert, grenzenlos, ohne die Möglichkeit einer Krankheit, weil die Krankheit nur die materielle, körperliche Übersetzung der Lüge ist. Sie befand sich im voraus auf der wahren Erde. Sie bereitete die wahre Erde für uns alle vor, indem sie in ihrem Körper das Netz abtrug. Die Krankheiten werden beseitigt, selbst die Abnutzung kann überwunden werden: In den Zellen der hellen Welt gibt es keine “Reibung” und kein Zittern mehr. Dennoch sind es animalische Zellen. Und was bedeutet es überhaupt, in einem neunzig Jahre alten Körper zu bleiben? Selbst wenn man sich vorstellte – was schließlich durchaus möglich ist –, daß jüngere, sogar sehr junge Körper den Übergang bewerkstelligen und das Netz mit achtzehn Jahren durchdringen, was bedeutet dieser Körper, der essen, verdauen, sich aufrecht halten muß? Selbst geläutert und von Krankheiten befreit, scheint seine eigentliche Funktionsweise bereits den Keim des Todes und der Zersetzung zu enthalten: Zu essen bedeutet notwendigerweise, gegessen zu werden. Der Körper scheint wahrhaftig das Symbol des Todes zu sein.

Was bedeutet der Tod, wenn es keine “andere Seite” mehr gibt? Wenn man das Netz durchdrungen hat, ist die andere Seite hier. Was geschieht dann also? Man könnte sagen, man betritt seinen “Bewußtseinskörper”, eben jenen, der unseren Hintergrund bildet, der unsere Wirklichkeit ist, unseren Körper der Wirklichkeit, jenen, den Mutter deutlicher sah als die Haut und Knochen der Betrüger und der entsprechend ihrem Bewußtsein leuchtete oder sich verwischte. Das ist eine alte Geschichte, wir hatten schon immer einen Bewußtseinskörper – von Leben zu Leben kehrt man sogar zurück, um ihn weiterzuformen, zu entwickeln, zu universalisieren, zu verschönern… ihm beizubringen zu lieben. Denn der Käfig ist der Ort der Liebe – er ist der Ort des Leidens. Vielleicht liegt darin das große Geheimnis des Käfigs. Man kehrt wieder und wieder dahinein zurück, bis man gelernt hat, alles zu lieben und alles zu sein – göttlich zu sein. Nicht viele Menschen verrichten ihre wahre Arbeit im Käfig, aber einige tun es. Die Betrüger lösen sich auf, sie besitzen keinen Körper auf der “anderen Seite”, sie bestehen nur aus einem Klumpen Materie. Der löst sich einfach auf. Aber die anderen, was geschieht mit ihnen am Ende des Wachstumszyklus, wenn der wahre Körper, der Bewußtseinskörper voll gebildet, entwickelt, bewußt, liebend ist?… Läßt man die animalische Hülle hinter sich und verschwindet in der wahren Erde, endlich befreit – “Phantome” im umgekehrten Sinne? Man kann sich sehr leicht eine Welt vorstellen, in der die bewußten Körper freudig auf der Erde umhertollen – auf der wahren –, während die Phantome der “Vorderseite” den Vordergrund der Bühne, das heißt die falsche Erde einnehmen, und daß die beiden Welten einander überlappen, ohne eine Verbindung zu haben. Das ist, was bereits geschieht. Das ist der Wohnort von Sri Aurobindo und vielen anderen bewußten Wesen. Aber das scheint nicht die evolutionäre Lösung zu sein. Wenn wir in der Materie gewachsen sind, dann muß diese Materie ihre eigene Fülle und ihre eigene Vollendung haben – wo gibt es ein Samenkorn, das ein Nicht-Baum wird? Dieser Same der Materie, den der Körper symbolisiert, muß also seine Bedeutung und seinen Schlüssel haben.

Der Tod des Körpers muß den Schlüssel zu seiner Transformation enthalten.

Ein Schmetterling wächst aus der Raupe, ja, aber in einem materiellen Körper auf der “Vorderseite” der Welt.

Oder ist diese “Vorderseite” definitiv falsch und diese Materie definitiv falsch? Dann verlassen wir sie: Es ist die Materie des Käfigs, und wir flattern in einem anderen “hier”.

Bleibt allerdings ein Kadaver, Symbol des Todes. Und wie kann ein völlig bewußtes, völlig wahres Wesen zu einem Kadaver führen, selbst wenn es ein falscher Kadaver ist und das Wesen in seinem anderen Körper weiterhüpft? Die Wahrheit kann nicht zur Lüge führen.

Der Tod muß der endgültige Schlüssel sein: der Kadaver.

Dort muß etwas geschehen.

Der Schlüssel des Todes.

Das Hindernis, die Verneinung muß das Mittel des Übergangs zu einem anderen Zustand in der Materie sein.

Sonst hat die Materie keinen Sinn; laßt uns alle liebenswürdige kleine Phantome werden… wenn wir es können.

Was ist das Geheimnis des Todes?

Was ist das endgültige Geheimnis der Materie?

Hier liegt das Rätsel von Mutters letzten fünf Lebensjahren.

Das gefährliche Unbekannte, sagte sie.

Vielleicht werden wir diesen letzten Käfig, den der Körper darstellt, erst dann transformieren, wenn wir die absolute Liebe entdecken, die sich hinter diesem absoluten Schmerz verbirgt. Dann werden wir entdecken, daß die Materie der Ort der absoluten Liebe ist. Der Tod kann nur in sein Gegenteil absoluter Liebe verwandelt werden. Aus diesem Grunde wurde der Käfig erfunden. Er ist die eigentliche Suche der Materie seit dem ersten Feuer eines Atoms.

Das äußerste Feuer der Verwandlung.

2. Kapitel: Ein Körper ohne Gedächtnis

Am 22. August 1968 schrieb Mutter mir einen kleinen Zettel. Seit dem 10. August hatte ich sie nicht gesehen. Das Herz gab nach, der Puls war “mehr als erratisch”. Am 15. August, Sri Aurobindos Geburtstag, war sie trotzdem auf den Balkon gekommen, oben, wie auf der Brücke eines großen Schiffs. Sie war ganz in ihren silbernen Schal gehüllt, sehr blaß. Fünf Minuten blieb sie aufrecht. Hinter ihr standen zwei Helfer, um sie zu stützen. Und darunter die Menschenmenge. Ich erinnerte mich an die kurze Geschichte über Königin Elisabeth die Erste, die sich trotz der Proteste ihrer Ärzte dem Totenbett entriß, um eine Handelsdelegation zu empfangen: “Wir können hinterher sterben…” Mutter hatte mir diese Geschichte erzählt, und sie trifft genau auf Mutter zu. Der kleine Zettel vom 22. August ist sehr charakteristisch: Hier sind Suppen für Dich, Du mußt hungrig sein [einige Päckchen von Suppenpulver waren beigelegt]. Dieses Mal ist es wirklich interessant – aber etwas total und radikal. Und wie weit, weit vom Ziel wir sind… Ich werde versuchen, mich zu erinnern. Man mag sterben, aber es ist sehr interessant: ein Untersuchungsgegenstand. Mutter hätte eine hervorragende Physikerin abgegeben – schließlich war es auch eine neue Physik. Und vergiß nicht zu essen, wo sie selbst nichts mehr essen konnte!

Das Schreckliche

Es war in der Tat “etwas total und radikal”. Sie saß in einem niedrigen Sessel aus Rosenholz, der von nun an und bis zum Ende ihr Sitz sein sollte, immer nach Westen gerichtet, zu Sri Aurobindo unter dem großen Flamboyanten. Ihre Füße in Sandalen ruhten auf einem kleinen Kissen. Der Sessel war mit blaßgelber Bangaloreseide bezogen. Es roch nach “Maiglöckchen”, ihrem Lieblingsparfum, direkt aus der Provençe (sie nannte es “Kraft der Reinheit”). Sie sah seltsam transparent aus, vor allem ihre Stimme hatte sich sehr verändert. Mehr und mehr glich sie der Stimme eines Kindes. Ich hatte nie gedacht, daß sie sterben könnte, tatsächlich glaubte ich es nie. Die Heftigkeit des Schocks kam einfach von der Beschleunigung des Vorgangs: zehn Jahre in acht Tage komprimiert. Es muß schnell geschehen, verstehst du… Sie denken alle, es sei das Ende. – “Nein, nein!” hatte ich protestiert. “Alle haben den Glauben, daß es wirklich die äußerste Möglichkeit ist und nicht fehlgehen kann.” – Sie verstehen? – “Sie wissen, daß es Teil der Arbeit ist, die geschieht.” – Also gut! Und sie lachte, ohne ein Wort davon zu glauben.

Eine radikale Operation, die genaue Wiederholung der Wende von 1962, nur umfassender und endgültiger:

Das Mental und das Vital wurden hinausgeworfen,

damit das Physische seinen eigenen Mitteln

überlassen bleibt.

Sie zeigte mir einen unlesbar mit Bleistift gekritzelten Papierzipfel. Das heißt, es ist die Erfahrung des Körpers, rein, ganz sich selbst überlassen. Wenn du so willst, war ich dem Anschein nach idiotisch geworden, ich wußte nichts mehr. Sie sah nicht mehr, hörte nicht mehr, konnte nichts mehr tun, sich nicht einmal bewegen – das Vergessen von allem. Dennoch bewirkte “etwas”, daß der Körper sich noch bewegte, noch handelte, die Dinge lenkte – und sogar noch mit kristallklarer (aber sehr besonderer) Intelligenz sprach. Bis zum Ende sprach sie zu mir, und ihre stammelnden Worte waren wie Tropfen reinen Lichts, manchmal von überwältigender Macht. Dieses “Etwas” wurde untersucht. Das, was bleibt, wenn alles entfernt wurde: der Körper im Reinzustand. Es blieb kein Atom vitaler Kraft – ein beinahe machtloser Körper –, während sie von Sturzfluten überwältigender Macht umgeben war… Ein erstaunlicher Widerspruch. Aber diese letzten fünf Jahre sind voller scharfer Widersprüche – scharf, denn in diesem unmöglichen lebenden Paradox, das sie mehr und mehr war, glaubte man manchmal etwas so Neues zu erhaschen… daß es beinahe unglaublich schien. Als wich die Erde unter den Füßen zurück, aber nicht in einen leeren Abgrund, sondern in ein Wunder, ein unglaubliches Wunder, es gibt kein anderes Wort dafür. Ohne Mental, ohne vitale Kräfte – die sollte sie nie zurückerlangen. Sie waren für immer verschwunden. Dennoch bewegte sie sich sehr wohl, begann wieder zu gehen, zu schreiben, täglich ein- bis zweihundert Besucher zu empfangen. Sie nahm sogar eine Buchstabentafel, um wieder auf unsere Art sehen zu lernen, und machte jeden Tag Leseübungen – ein unbändiger Wille. Aber es war ein anderes Gesetz. Es war “etwas” anderes. Eine andere Möglichkeit begann versteckt, unsichtbar, aber unaufhaltsam in diesem gänzlich aufgehobenen Körper zu wachsen – und sie konnte nur wachsen, weil alles aufgehoben war.

Die Hölle. Fünf Jahre der Hölle.

Es ist wirklich eine Hölle. Nur wegen dieser anderen Möglichkeit ist es keine Hölle. Nur weil es hinter dieser Hölle die andere Möglichkeit gibt – sie ist lebendig, wirklich, existent, man kann sie berühren, man kann darin leben –, sonst ist es… höllisch. Beim normalen Menschen hat man den Eindruck, daß die verschiedenen Seinszustände [Reflexe, Gefühle, Instinkte, Denkweisen, Ideale usw.] verrührt wurden, weißt du, wie wenn man Mayonnaise macht. All die Seinszustände sind gründlich vermischt in einem großen Durcheinander, und damit ist “das Schreckliche” natürlich erträglich, wegen dem ganzen Rest! Würde man es aber aussondern… ach! Entfernt man Gefühle, Gedanken, Reaktionen, Erinnerungen und selbstverständlich alle möglichen Ideale, Tendenzen, die mentalen Gebilde von A bis Z, von unten bis oben,… dann bleibt “das Schreckliche”. Bis zum Ende verbleibt Mutter im unvermengten “Schrecklichen”.

Ein neues Wesen wird aus ent-programmierten Zellen gebildet. Ohne mentales Programm, ohne vitales Programm, ohne materielles Programm. Und was kann aus diesem schrecklichen Nichts überhaupt hervorgehen?

Ein unmöglicher Zustand.

Ein ganz und gar unlebbarer Zustand.

Aber es konnte nur sein, weil es unlebbar war.

Eine reine Materie, könnte man sagen.

Noch dazu eine universelle Materie. Kein Atom eines Schutzwalles mehr gegen den Ansturm der Welt, die Gedanken der Welt, die Reaktionen der Welt, die Krankheiten der Welt… Manchmal hörte man ihre leisen kindlichen Klagerufe bis in den Hof des Ashrams. Herzzerreißend. Und sie entschuldigte sich. Man sieht und hört diese schreie des Protests, des Elends, des Leidens – ein Geschrei auf der ganzen Erde –, da schämen sich die Zellen ein wenig… Fast ganze Tage und Nächte verbringe ich in der Stille, aber ich sehe, ich sehe… Keine Gedanken mehr, nichts mehr, nur noch Bilder, ein unermeßliches und andauerndes lebendes Filmtheater, ein Bild, ein anderes Bild, in das sie lebendigen Leibes eintrat, hier, dort, überall, um diesen Hilferuf zu erleben, jene Krankheit, einen Mordanschlag, jene gemeine oder kleinliche Tat… alles lebendig erlebt. Ein Bad des Schmerzes: der Schmerz der Welt. Es gibt weder das Gefühl noch die Wahrnehmung einer getrennten Individualität, aber Dutzende Erfahrungen zeigen, daß die Identifikation oder Einheit mit den anderen Körpern bewirkt, daß mein Körper das Elend des einen oder des anderen verspürt… aber alles ist sein Elend! Es ist also keine egoistische Beschwerde. Fast als würde sie sich entschuldigen. Dann betrachtete sie diese ganze Erde vor sich – oder in sich: Die sehr deutliche und spontane Erkenntnis, daß es unmöglich ist, ein Teilstück vom Ganzen abzusondern und etwas Harmonisches daraus zu machen, solange das Ganze es nicht ist. Warum nur, warum, warum?… Das Physische ist wirklich ein Rätsel. Ich kann die Leute gut verstehen, die sagten: “Es muß verworfen werden, es ist eine Lüge!” – Und doch ist das nicht wahr , das Physische ist keine Lüge, es ist… was? Es “eine Entstellung” zu nennen, sagt nichts aus. Nur um ein Beispiel zu nennen: Wenn man mir berichtet, daß jemand krank ist, habe ich das in mehr als neunundneunzig Prozent der Fälle bereits gespürt; als Teil meines physischen Wesens gespürt – ein unermeßliches physisches Wesen, unermeßlich und ohne bestimmte Form. Deshalb… Und ich sagte ihr: “Das bedeutet, daß sich das Bewußtsein des ganzen ändern muß. Es ist immer dasselbe Problem: Wenn sich das Ganze weiterentwickelt, sein Bewußtsein ändert, dann müssen sich auch «die materiellen Tatsachen» ändern.” – So scheint es zu sein. Es ist unmöglich, dem zu entgehen, man kann es nicht zerteilen. Das Individuum ist nur ein Handlungsmittel, um das Ganze zu verwandeln – ich kann gut verstehen, warum sie immer sagten, man müsse der Materie entfliehen! Es erfordert eine solche Transformation, daß es fast eine Ewigkeit braucht. – “Ein Einzelner kann nicht transformiert werden, ohne alles zu transformieren,” setzte ich fort, “das bedeutet, daß der «Einzelne» die Transformation des Ganzen beschleunigt.” – Ja, so ist es. Und wie ein Nachgedanke fügte sie hinzu: Es ist völlig offensichtlich, daß es sich nie ändern würde, wenn es nicht unerträglich wäre. Und wenn es unerträglich ist, möchte man wirklich davor weglaufen – aber das ist unmöglich! Es ist ihre Dummheit zu glauben, man könne dem entgehen: das ist unmöglich . Das verzögert den Vorgang.

Sie lebte in dieser wachsenden “Unmöglichkeit”, als befände sie sich mitten im Herzen des Gehämmers der Welt. Man kann dem nicht entgehen, es gibt keine “andere Seite”, und alles muß immer wieder begonnen werden, schmerzlich wieder begonnen werden, von Christus über Christus, aber etwas Anderes kann daraus hervorgehen, gerade wegen dieser Unmöglichkeit. Man kann der Evolution nicht entgehen, niemals, auf welcher Seite man sich auch befindet, lebendig oder angeblich tot, aber ein neues Wesen kann aus den Trümmern der alten Materie hervorgehen. Das ist alles. Das ist die einzige Möglichkeit. Und wer behauptet, unsere berühmten Chromosomen könnten das neue Wesen erfinden? Wessen Chromosomen?… Die des atavistischen Gerümpels? Die eines verrückten Zufallsspiels?

Vielleicht zum ersten Mal auf der Erde, jedenfalls zum ersten Mal auf der Erde des Menschen, gab es ein Gebilde menschlicher Materie ohne jegliche genetische Erinnerung – außer der großen lebendig-erlebten Erinnerung des menschlichen Schmerzes: das unvermengte “Schreckliche”. Und darin, unter dem Druck dieses Schmerzes, begann etwas…

Wirklich interessant, folgerte sie, und sie lachte, wann immer sie konnte, weil das Lachen das beste Mittel ist, den Tod in die Flucht zu schlagen.

Ein neues Mental

Es gab noch weitere gekritzelte Notizen jener Nächte im August 1968, “um zu versuchen, sich daran zu erinnern”. In ihren großen Wendepunkten oder schwierigen Augenblicken, auch wenn sie mich nicht empfangen konnte, richtete Mutter immer ihr Licht auf mich, erinnerte sich an mich, als wüßte sie im voraus um diese Stunde der Trennung, in der eine zerbrechliche Brücke über das Unbekannte geworfen werden mußte, um zu versuchen, die Erde von gestern mit der Erde von morgen zu verbinden. Diese unterbrochenen, unregelmäßigen kurzen Zeilen sagten noch:

Während einiger Stunden kamen

wunderbare Landschaften

von vollkommener Harmonie.

Andauernde Visionen.

Jede mit einem Grund, einem bestimmten Ziel,

um nicht-mentalisierte Bewußtseinszustände

auszudrücken.

Landschaften.

Gebäude.

Städte.

Das Ganze war unermeßlich und sehr vielfältig,

es füllte das gesamte Sichtfeld

und drückte die Bewußtseinszustände

des Körpers aus.

Viele, viele Gebäude,

unermeßliche Städte in Bau…

Ja, die Welt, die gebaut wird, die Welt der Zukunft, die gebaut wird. Ich hörte nichts mehr, sah nichts mehr, redete nicht mehr: Die ganze Zeit, die ganze Zeit, die ganze Zeit lebte ich darin, Tag und Nacht. Ein Körper ohne Mental und ohne Vital. Es blieben nur seine Wahrnehmungen: er lebte in Seelenzuständen. Seelenzustände der anderen, Seelenzustände der Erde… Diese Seelenzustände drückten sich in Bildern aus. In dieser reinen, aufgehobenen Materie – unvorstellbar für uns, weil sie nicht einmal wie die Materie eines Säuglings wäre –, blieben nur noch der Schmerz der Welt und Bilder. Das waren die einzigen Wahrnehmungsmittel. Aber keine betrachteten Bilder: erlebte Bilder. Die Wahrnehmung von Seelenzuständen. Da gab es Dinge… Wunder! Keine einzige mentale Wahrnehmung kann so wunderbar sein – keine. Ich erlebte Augenblicke… Alles, was man menschlich fühlen oder sehen kann, ist nichts im Vergleich dazu. Ich verbrachte wunderbare Stunden… ich glaube, die wunderbarsten, die es auf der Erde geben kann. Aber ohne Gedanken, ohne Gedanken. Es waren physische, materielle “Bilder” der Erde – keine “Visionen”: die wahre Erde. Vielleicht wissen wir gar nicht, wie schön die Erde ist. Mutter sagte deutlich, eine “wirksamere”, “vollständigere” Sicht. Aber es wird nicht “betrachtet” wie ein Bild, sondern es bedeutet, darin zu sein, in einem bestimmten Ort zu sein. Nie zuvor habe ich etwas so Schönes gesehen oder verspürt, und es wurde nicht “gespürt”, es war… Ich kann es nicht erklären. Da waren absolut wunderbare, einzigartige Augenblicke. Es war nichts Gedachtes, ich könnte es nicht einmal beschreiben – wie beschreiben? Man kann nur beschreiben, wenn man anfängt zu denken. Vielleicht ist dies das nächste Instrument des neuen Wesens: Die Dinge werden nicht mehr erdacht, sie werden erlebt; jedes Ding entrollt seine eigene vollständige Landschaft, die alles erklärt. Mutter versuchte, die Funktionsweise des neuen Wesens zu beschreiben. Das Mental und das Vital waren Werkzeuge, um die Materie zu behämmern – hämmern, auf alle möglichen Weisen behämmern [die Materie zu ihrem eigenen vergrabenen Bewußtsein erwecken], das Vital durch die Gefühle, das Mental durch die Gedanken; aber sie machen auf mich den Eindruck vorübergehender Werkzeuge, die durch andere Bewußtseinszustände ersetzt werden. Sie stellen eine Phase der universellen Entwicklung dar, und sie werden wie veraltete Werkzeuge wegfallen. Die evolutionäre Verkümmerung alter, unnützer Gliedmaßen.

Und Mutter deutete auf einen anderen Zettel:

Der Bewußtseinszustand des Körpers

und die Beschaffenheit seiner Aktivität sind abhängig

von dem oder den Individuen, die sich in seiner Nähe befinden…

Ah! Das war höchst interessant. Es war wirklich interessant, denn ich sah… und es änderte sich. Jemand näherte sich: das veränderte sich. Etwas passierte jemandem: das veränderte sich… In jeder Minute veränderte sich die “Landschaft” der Personen (der Helfer um Mutter), beschrieb und erzählte, was geschah, automatisch, mit sämtlichen Tiefen, Färbungen, “Kulissen”, nahen oder fernen Konsequenzen, bis in die letzten Einzelheiten – alle unsere Gedanken der Welt und unsere “wirklichen” Augen sind wie flache Fotografien einer ungeahnten irdischen Wirklichkeit. Bei der geringsten Veränderung in ihrem Bewußtsein veränderte sich alles! Es war wie ein ewiges Kaleidoskop, tag und nacht. Hätte es nur ein Mittel gegeben, das aufzuzeichnen! Es war einzigartig… [die Augen der Materie] Und der Körper befand sich darin, fast durchlässig – durchlässig, widerstandslos –, als ginge es durch ihn hindurch. Es gab keine Schranken mehr, das Bewußtsein war augenblicklich, genau, überall… wunderbar… und schmerzlich. Ein Wunder und eine Hölle – gleichzeitig. Als würde die Vorderseite und die Kehrseite der Erde zugleich erlebt. Eine selbe Erde.

Und ein “durchlässiger” Körper.

Was mag wohl in solch einem Körper geschehen? Wie kann er leben, funktionieren, zusammenhalten? Ja, vielleicht war es wie ein neuer Säugling der Erde. Doch es gilt noch auf die alte Art zu essen, sich auf die alte Art zu ernähren, die Dummheiten und den Schmerz der alten Art zu hören und zu erleben – einen kohärenten Kontakt mit der alten Welt zu bewahren, einen alten Körper zu bewohnen, in dessen Tiefe etwas zu stammeln begann… Etwas, das wie die Entstehung eines neuen Körpers wäre. Und hier berühren wir ein sehr konkretes, praktisches Phänomen, das in seiner beinahe unbedeutenden Einfachheit dennoch die größte irdische Wende seit dem Auftreten der ersten Protozoen darstellt. Eine neue Lebensform. Diese Erfahrung wird sich nach und nach offenbaren, ohne daß man anfangs genau erkennt, worum es sich handelt, so unbedeutend erscheint es. Erschienen die Protozoen bedeutsam in ihrer Ursuppe?

Der Körper, die Körperzellen

suchen einen Kontakt zum wahren Wesen,

ohne durch das Vital oder auch das Mental

gehen zu müssen.

Das vollzieht sich jetzt.

Und plötzlich erinnerte sich Mutter: Ja, ich bemerkte, daß die Zellen überall, die ganze Zeit das Mantra wiederholten: OM Namo Bhagavate, OM Namo Bhagavate… die ganze Zeit, die ganze Zeit.

OM Namo Bhagavate wiederholt sich
spontan und automatisch
in einem sanften Frieden.

Das war der letzte gekritzelte Zettel.

Ein Körper, ein neuer Körper. Eine erwachte, bewußte zellulare Materie, völlig neu auf der Welt, die keine Gesetze mehr hat, keinen Kode, die suchend in einem großen Bewußtsein vordringt und die unablässig das Mantra wiederholt, sich eine neue Seinsart erbaut – eine “Art”, das bedeutet eine Form. Ist es vorstellbar, daß ein Baby in einem alten Körper wächst, dort, an der zellularen Wurzel? Etwas, das keine Enzyme und Katastrophen mehr produziert, etwas gänzlich Entschlüsseltes, Unverschlüsseltes, das die Wachstumskraft eines neuen Sprosses besitzt – hat man je einen Sproß aus der gefrorenen Erde brechen sehen? Knacks! bricht die Erde. Undenkbar. Doch es ist eine Tatsache. Fünf Jahre lang konnte ich die Tatsache sich vollziehen sehen – schmerzlich, paradox. Die alte Erde bricht eben. Die alten Kräfte sind nicht mehr da; das Mental, der alte Tyrann, aber auch der nützliche Koordinator dieser ganzen Substanz, ist nicht mehr da – was ist denn da? Wie kann sich ein Körper, der keine Gesetze mehr hat, aufrecht halten? Ein durchlässiger Körper. Was werden diese reinen, neuen Zellen hervorbringen?

Hier begann etwas sehr Einfaches, mit unberechenbaren – vielleicht ungeheuren – Konsequenzen in der Materie zu entstehen: ein neues Mental. Ein Mental des Körpers, der Zellen. Etwas begann, sich zu ordnen, begann, diese Materie durch das Wiederholen des Mantras zu durchfurchen – aber keine Furchen, die wieder einen Käfig bilden würden, die sich wieder verschließen und in Aminosäuren einmauern würden. Etwas, das dieser “vertikalen Zeit” entspricht, in der sich alles in jeder Sekunde neu entwickelt, ohne Rille, ohne “Prägung”, ohne “Erinnerung”, und dennoch mit einer Erinnerung der Zukunft, könnte man mit Sri Aurobindo sagen, einer Erinnerung nach vorne statt nach hinten – kein kleiner Speicher, der Körnchen um Körnchen ansammelt und wächst und euch seinen gespeicherten, stereotypen Druck mitgibt: ein Zug, kein Druck. Der große Zug der Zukunft in jeder Sekunde. Ein Mental, welches das genaue Gegenteil des physischen Mentals wäre, das es ersetzen soll – das es in Mutters Körper zu ersetzen begann. Es ersetzt das kleine tödliche Zittern, das einer Panik vor dem Ansturm des Lebens gleicht – es will sich einkapseln, verbarrikadieren und zugleich bereichern und mit Nahrung vollstopfen, weil es sie nicht mehr aus dem großen Lebensfluß schöpfen kann, will alle Bewegungen in einem unveränderlichen und unverwundbaren Rahmen fixieren, schlafen und wieder schlafen, um den Frieden des Minerals zu imitieren, will sterben, um ein für allemal diesen Anstrengungen ein Ende zu setzen – ein zitterndes Mental, das nur ein Gespinst der Wiederholungen und verhärteten Gewohnheiten ist, das schließlich sogar die Materie in einer gewissen Seinsform verhärtet hat, als wäre es der Träger, der Antrieb, das wahre Bindemittel der Materie in einer bestimmten Form, die eigentliche Basis oder tiefe Schwingung aller DNS-Moleküle und Aminosäuren; es wird durch eine andere Schwingung ersetzt. An die Stelle des alten, unheilvollen Mantras des physischen Mentals, das endlos seine tödliche Leier wiederholt, tritt ein neues Mantra der Materie. Ein neues Bindemittel der Materie. Man sagt, die Proteinmoleküle bestimmen die Form des Körpers (einer Giraffe, einer Maus, eines Menschen), doch das ist die oberflächliche, äußerliche Übersetzung, die materielle Umkleidung einer bestimmten Schwingungsbeschaffenheit. Wenn sich die Schwingung ändert, verändert sich die Art der Bindung oder Materialisierung. Verändert sich das physische Mental, das diese Schwingungsart bündelt oder weiterführt, so muß sich die gesamte Anordnung der Materie verändern.

Genau dieses Phänomen vollzog sich in Mutters Körper.

Zellen, die spontan das Mantra wiederholen.

Ein neues Mental in der Materie oder von der Materie ist wie eine neue Antriebskraft und der Wirkstoff einer neuen Art von Körper auf der Erde, der nicht unbedingt auf die alte Weise zusammengehalten wird.

Hier entsteht keine neue Denkweise in der Materie sondern eine neue Seinsweise der Materie.

Der Embryo der neuen Spezies.

Der Schlüssel für die Transformation des Körpers.

Zehn Jahre lang, von 1958 bis 1968, hatte sie gearbeitet, um das Netz zu durchdringen, um die Zellen von ihren alten Prägungen zu reinigen, vom Bann des physischen Mentals, und jetzt kam die eigentliche Aufgabe: die Herstellung einer neuen Art von Körper in der Materie.

3. Kapitel: Das Mental der Zellen

Das Aufkeimen des Mentals der Zellen, dieser wesentliche Wendepunkt in Mutters (und Sri Aurobindos) Yoga – so wesentlich, daß Mutter drei Jahre später, 1971, sagte: Aber es ist drastisch, mein Kind! Du kannst es dir nicht vorstellen, es ist, als… Ich könnte wirklich sagen, ich bin eine andere Person geworden… (eine andere Person mit dreiundneunzig Jahren, nachdem sie unzählige Erfahrungen durchlebt hatte, die andere für Gipfel halten), dieses einfache, so einfache und so zerbrechliche Etwas, das im Körper stammelte, dieses Mantra, das sich von allein wiederholte, bedeutete eigentlich den wahren Knoten der Schlacht, die Mutter seit 1958 ausfocht: zehn Jahre. Das Mental der Zellen hatte sehr wohl – und viele Male – versucht, das physische Mental zu verdrängen, doch jedesmal wurde es wieder überrollt, oder bestenfalls gehorchte es passiv dem höheren Mental und der spirituellen Vision, wie ein Baby, das von seinen Eltern des Lichts etwas erdrückt wird. Selbst vom greulichen physischen Mental befreit, wendete es sich ängstlich zum “höheren” Licht, um “das Rechte” zu tun – aber dieses Rechte war nichts wert oder konnte bestenfalls endlos eine höhere, heiligere, reinere Menschheit weiter mahlen: das ganze evolutionäre Gerümpel, nur etwas besser. Es bedurfte der radikalen Reinigung von 1968, um die Zellen vom “Rechten” des höheren Mentals samt dem “Schlechten” des physischen Mentals zu befreien – damit sie rein sie selbst sein konnten. Und dort begann wirklich das Wunder. Dieses Geheimnis muß jeder “Mensch” der nächsten Spezies entdecken – und wahrscheinlich ist es jetzt leichter zu entdecken, nachdem ein Körper es bloßgelegt und die ungeheure Macht und Freiheit begriffen hat, die damit verbunden ist.

Der grundsätzliche Käfig

Wir sprechen vom “Mental der Zellen” oder vom “intellektuellen Mental”, “intuitiven Mental”, “befreiten Mental” in seinem hohen Himmel, doch es ist alles ein einziges Mental, und vielleicht ist der Begriff unzulänglich: Es ist ein einziges Bewußtsein, eine einzige Macht in verschiedenen Schwingungsbereichen oder verschiedenen “Umgebungen”. Sri Aurobindo sagte sogar, dieses “Mental” oder diese Bewußtseins-Kraft existiere in jedem Atom und jedem Teilchen. Dieses Bewußtsein oder diese Macht ist stets frei durch die Materie geflossen – sie ist der eigentliche Bestandteil der Materie, diese Energie setzte Einstein in Gleichungen (Was die Gleichung nicht erfaßt, ist das Bewußtsein dieser Energie). Mit jeder in der Evolution wachsenden Spezies, von der ersten kleinen Plasmakugel bis zum Hominiden, konkretisierte sich diese Macht, nahm den einen oder anderen Seinspfad auf, die eine oder andere Schwingungsgewohnheit. Ein Molekül fixierte sich auf ein bestimmtes Gleis und schien die angenommene Gewohnheit für alle Zeiten wiederholen zu wollen, außer wenn durch ein “Wunder” oder eine “Mutation” (beide Worte sind gleichermaßen nichtssagend) die Gewohnheit im einen oder anderen Punkt zusammenbrach und eine neue Spezies oder eine neue Gattung ihren Pfad aufnahm und eine neue Gewohnheit oder eine neue Schwingungsart der gleichen, ewigen Kraft wiederholte. Unsere “Moleküle” und “Mutationen” erklären nichts, sie sind die äußere Kruste des Phänomens; wenn wir ad infinitum neue Moleküle oder Teilchen ans Tageslicht bringen, entdecken wir immer wieder etwas Neues, was ein weiteres Neues verbirgt, was noch ein Neues verbirgt… doch wir werden nicht die innere Spannung des Bewußtseins erfassen, die jenen besonderen Durchbruch vollbringt statt eines anderen, in jenem bestimmten und keinem anderen Augenblick. Wir können wie ein Demiurg sämtliche Moleküle im Labor zerstampfen, ohne das zu entdecken, was auf den Menschen folgt – das ist nicht kompliziert. So werden wir nicht das Geheimnis des Menschen fassen. Das ist die exakte Grenze unserer Wissenschaft. Genauso können wir sämtliche Teilchen zerstampfen, ohne daß wir dadurch die große Energie beherrschen, außer um tödliche Bomben daraus zu machen. So werden wir das Geheimnis der Materie nicht fassen. Auf der menschlichen Ebene der Evolution dieser großen Macht scheint sich ein schwarzer Vorhang geschlossen zu haben, ein zweiter Käfig um den ersten grundsätzlichen, physiologischen, der jeder Spezies eigen ist. Dies ist unser “Unfall”, aber auch der Schlüssel, der uns befähigt, den grundsätzlichen Käfig aufzubrechen. Wir haben dieser Macht nicht erlaubt, gewohnheitsgemäß ihren Weg zu nehmen wie bei den anderen Säugetieren – das enge Gleis des einfachen Zellmentals mit seinem endlosen Zyklus der Jahreszeiten, der Paarungen, der Triebe und Impulse inmitten einer offenen Welt, in der alles verbunden ist, “spürt”, “antwortet” und in einer gewissen Harmonie lebt, die gegenüber unseren Reibereien durchaus göttlich erscheinen mag –, stattdessen haben wir den Käfig des Egos, des Mir-Ich erbaut, haben individuelle Pfade inmitten eines Panzers der Nicht-Verbundenheit mit allem anderen eingeschlagen. Dort liegt der Ursprung aller Komplikationen, Entstellungen, Erstickungen, Ängste usw., die seit dem Pleistozän langsam den bleiernen Käfig des physischen Mentals errichteten. Jetzt kann das Zellmental nicht einmal mehr seinen einfachen, gesunden Gewohnheiten nachgehen, ohne daß sich das physische Mental ständig einmischt, alles terrorisiert, medikamentiert, hypnotisiert und mit den künstlichen Hilfsmitteln traumatisiert, die sein Käfig und die falschen Gewohnheiten einer ständig mit allem anderen wettstreitenden Individualisierung notwendig machten. Eine Manguste besitzt kein physisches Mental, der Mensch schon, ein teuflisches. Darin liegt unser großer Schmerz. Darin liegt das große Netz, das sich so tief durch die menschliche Materie zieht, daß man meint, man könne es nicht ausreißen, ohne das eigentliche Leben unseres Körpers mitauszureißen.

An diesem Käfig des Mir-Ich stoßen sich sämtliche Philosophien, sämtliche Religionen, sämtliche Soziologien; um ihm Abhilfe zu verschaffen oder ihn zu brechen, erfand man Marxismus, Himmel, Höllen oder Demokratien und Telefone, doch der wahre Ausweg – der evolutionäre Ausweg – liegt unten, wie wir gesehen haben, hinter oder unter dem Netz des physischen Mentals, im Mental der Zellen. Zerbrächen wir diesen Käfig, würden wir zweifelsohne die glückliche Freiheit und Harmonie des Tieres wiederfinden – zusammen mit vielen anderen Dingen, die Mutter bei der Durchquerung des Netzes entdeckte. Dort liegt die integrale Einheit, die unsere Marxismen, Religionen und Gleichungen vergeblich suchen. Dort liegt Einsteins “einheitliches Feld”. Erstens aber war die Evolution nie rückläufig – wir werden nicht zur Manguste zurückkehren –, und zweitens bliebe noch der grundsätzliche Käfig: unser verdauender, alternder Apparat. Und da begreift man vollends die evolutionäre List, die uns über diesen schmerzlichen Umweg des Mir-Ich im Super-Käfig führte. Früher oder später werden wir durch unsere eigene Erstickung gezwungen, aus dem Netz auszubrechen, und dann stehen wir – jetzt aber mit einem individuellen Blick, einem individuellen Verständnis des evolutionären Programms – vor dieser zellularen Ursubstanz, befreit von ihren alten Phantomen, und machen Entdeckungen, die kein Tier hätte machen können, weil es vollkommen zufrieden in seinem Käfig ist. Unser Übel war insgeheim unsere höchste Rettung.

Das Veränderungsmittel

Mutters Entdeckungen erstreckten sich über viele Jahre. Sie begannen lange vor 1968, doch erst nachdem die letzten Fetzen des höheren Mentals weggefegt wurden, blieben die Zellen ganz sich selbst überlassen, ohne andere Führung als der, die aus ihren eigenen Tiefen entsprang. Damit begann eine ungeheure Kraft aufzukommen – genau jene, welche die Atome und die kleinen wie die großen Menschen, die Heiligen und Weisen und alle evolutionären Exkurse bewegt, jedoch stets durch einen Filter, zwei Filter, Schichten über Schichten von Filtern. Jetzt war sie im Reinzustand zugegen. Allmächtig. Eine Macht, die alles zermalmen und alles wiederaufbauen kann. 1964 berührte Mutter dieses zellulare Fundament zum ersten Mal, und das höchst Interessante ist, daß es auf dieser Ebene keine “persönlichen” Erfahrungen mehr gibt. Natürlich! Dort gibt es keine Person mehr, dort ist die gesamte Welt zugegen – und macht man dort eine Erfahrung, so ist es, als ob (nicht als ob: es ist so)… so erlebt das gesamte irdische Feld die Erfahrung und wird berührt. 1964 berichtete Mutter: Etwas begann herabzukommen – nicht “herabzukommen”: sich zu manifestieren und einzudringen –, einzudringen und das irdische Bewußtsein zu füllen. Es hat eine solche Kraft, eine Macht, wie ich sie noch nie zuvor in der Materie gespürt hatte, eine stabilität , eine Macht! Alles ging in die Richtung der Kraft und des Vorwärtsdrangs: Fortschritt, Weiterentwicklung, Transformation. Die Freude des Fortschritts… In dieser Gesamtheit, dieser Ansammlung der Erfahrungen zeichnete sich eines vom Rest ab: der Eindruck des Gorillas und der ungeheuren Fortschrittsmacht, die einen Menschen aus ihm machen würde. Das war sehr erstaunlich, eine außerordentliche physische Macht mit einer intensiven Freude des Fortschritts, des Vorwärtsdrangs [stets die Freude der Zellen, dies ist das charakteristische Merkmal des Zellbewußtseins], und das nahm eine affenähnliche Form an, die sich zum Menschen vorarbeitete. Dann kam eine Wiederholung in der Spirale der Evolution: Dieselbe rohe Macht, dieselbe vitale Kraft (wir kennen ihresgleichen nicht, denn der Mensch hat das alles völlig verloren), diese so ungeheure Lebenskraft der Tiere war in das menschliche Bewußtsein zurückgekehrt, jedoch mit allem, was die Evolution des Mentals (ein sehr schmerzlicher Abweg) hinzufügte, und in das Licht einer höherer Gewißheit und eines höheren Friedens verwandelt . Das kam nicht in Schüben, die wieder nachließen: es war… eine Unermeßlichkeit, eine volle, dichte, gefestigte Unermeßlichkeit. Es kam nicht, um sich zu zeigen und zu sagen: so wird es sein – es war hier. Das war keine Veränderung des Mentals, sondern es war in das Leben eingedrungen, in die lebendig gewordene irdische, materielle Substanz. Sogar die Pflanzen nahmen an der Erfahrung teil; das beschränkte sich nicht auf das mentale Wesen, sondern die gesamte vitale, materielle Substanz der Erde empfing diese Freude der Fortschrittsmacht – triumphierend, triumphierend… Ein diamantenes Funkeln. Als ich heute morgen aufstand, hatte ich den Eindruck, daß sich eine Wende vollzogen hatte. Und überhaupt nicht, ganz und gar nichts Subjektives: Eine Wende hat sich für die erde vollzogen. Ob die Leute es erkennen oder nicht, hat nicht die geringste Bedeutung.

Wie Sri Aurobindo: Es wird sich selber erklären.

Und Mutter setzte fort: Jedensfalls war die Erfahrung insofern entscheidend, als sie die vielen kleinen verstreuten Versprechen, die vielen kleinen verstreuten Fortschritte vereinigte [die Hunderten kleinen Erfahrungen, die überall aufsprangen, während sie blindlings durch den Wald drang], und die Erkenntnis war sehr klar, daß bald der Seinszustand oder die Seinsart (ich glaube, man sagt “Modus vivendi”) des Körpers, dieser Parzelle irdischer Materie verändert und vollständig durch den direkten Willen geführt werden wird [durch das große allumfassende Bewußtsein]. Denn alle Illusionen waren gleichsam der Reihe nach weggefallen [die Illusion der Krankheit, des Todes, des Zerfalls, des Selbsterhaltungsinstinkts, all die unantastbaren physiologischen Illusionen, die mit dem Netz des physischen Mentals an uns haften], und jede wegfallende Illusion brachte eines dieser kleinen Versprechen, die einander folgten und etwas ankündigten, das später kommen würde. Erst vier Jahre später, 1968, nahm dieser “direkte Wille” die Zellen in Besitz, ohne durch die Filter des Mentals, des Vitals oder sogar die “spirituellsten” Filter der Welt sickern zu müssen.

Doch es genügt nicht nur, die Macht ertragen zu können – darin bestand die gesamte Vorbereitung, Ausweitung, Universalisierung und Entpersonalisierung, der Mutters Körper unterzogen wurde –, es bedarf auch noch eines fixierendes Elements, einer Art Turbine oder Kondensator, um die Macht anzuzapfen, daß sie nicht einfach wie ein Windhauch durchzieht. Was in den Zellen vermag wohl, die Macht zu “kondensieren”, zu fixieren? Das war die allererste Frage, die Mutter sich 1958 stellte. Und 1965 kam eine doppelte – positive und negative – ganz und gar kapitale und sehr einfache Entdeckung (auf der zellularen Ebene gibt es nichts Spektakuläres: nur das Mental bewirkt und liebt die Komplikationen), wirklich der Vorläufer, der Schlüssel der neuen Spezies oder vielmehr der Veränderung der Spezies. Das Veränderungsmittel. Um eine Mutation in dieser Zellsubstanz zu bewirken, muß etwas mutieren oder aufhören, den Strom gewohnheitsgemäß aufzurollen und bis in alle Ewigkeiten dieselben Vibrationen von sich zu geben. Bis zu diesem Punkt hatte das physische Mental die Rolle des Kondensators erfüllt, und es war seine einzigartige Gewohnheit, die Katastrophen zu “kondensieren” und den Strom gemäß den alten atavistischen, medizinischen, “vernünftigen” Schemata zu kanalisieren (mit erstaunlicher “Treue” reproduziert es die medizinischen Regeln, so daß sich die Frage stellt, ob die Krankheiten den Regeln folgen oder die Regeln den Krankheiten). Mutter hatte sich sehr bemüht, es zum Schweigen zu bringen, aufzuheben. Doch sie machte folgende Feststellung, die negative Entdeckung: Es ist äußerst schwierig, sich von ihm zu befreien, weil es so innig mit dem Gefüge des physischen Körpers und seiner gegenwärtigen Form verbunden ist… Es bereitete Schwierigkeiten, und wenn ich es versuchte und ein tieferes Bewußtsein sich manifestieren wollte, führte es zu Ohnmachtsanfällen. Die Vereinigung, die Verschmelzung, die Identifizierung mit der höchsten Gegenwart [oder der Kraft, dem “Anderen”, dem großen Strom] ohne das physische mental – wenn es aufgehoben war – führte zur Ohnmacht. Das heißt, das physische Mental war gleichsam die Brücke, das Verbindungsstück zwischen der Materie (oder dem Körper) und der Kraft, welche die Materie bewegt, die Materie belebt – beseitigt man es, so gibt es nichts mehr, um den Strom aufzufangen, er streicht hindurch: Man fällt in Ohnmacht. Das war wie ein Todesurteil für das menschliche System: Man kann sich nicht von diesem alten Katastrophenfabrikanten befreien, ohne daß alles zusammenbricht. Keine Verwandlung ist möglich, bis zum Ende folgt man der Katastrophe. Es gibt kein anderes Verbindungsstück.

Doch am 21. Juni 1965 ereignete sich ein winziges, mikroskopisches, stammelndes Phänomen, das alle Voraussetzungen veränderte.

Unter dieser fossilisierten Kruste des physischen Mentals brach plötzlich etwas hervor, ein Riß, ein Loch im Panzer – eine andere Stimme, ein neues Flüstern im Körper: Eine kleine Hoffnung besteht, daß das materielle Mental, das Mental der Zellen sich transformiert… Auf einmal bildete dieses Mental nämlich ein Gebet. Ein Gebet… so wie ich damals die “Prières et Méditations” schrieb [“Gebete und Meditationen”, Mutters früheres Tagebuch um die Jahrhundertwende], damals formulierte das Mental die Gebete (es hatte Erfahrungen und bildete die Gebete), doch nun ist es eine Erfahrung aller Zellen: eine intensive Aspiration, die dann plötzlich anfängt, sich in Worten auszudrücken. Es war, als sprach das Körpermental ein Gebet im Namen des Körpers aus (das heißt, der Körper begann sich zu “mentalisieren”). Der Körper verspürt sehr stark die Einheit der Materie, deshalb war es das Gefühl der ganzen Materie – der ganzen irdischen, menschlichen Materie – und er sagte:

Die anderen Seinszustände, das Mental, das Vital,

mögen sich mit partiellen Kontakten zufriedengeben…

Das heißt mit der Beziehung zu den zwischengeordneten Seinzuständen: den Göttern, Himmeln, Erleuchtungen, Offenbarungen, Musiken aller Arten.

Allein der Allerhöchste
kann mir genügen.

Damit kam die so deutliche Vision, daß nur die höchste Vollkommenheit diesem Körper die Erfüllung geben kann. Das fand ich interessant. Es ist ein Anfang. Es fing an mit einer Abscheu, einer herzzerreißenden Abscheu vor all dem Elend, all den Schwächen, all der Müdigkeit, all dem Unbehagen, dem Hin und Her, dem Knirschen, ach!… Aber das Interessante war, daß zusammen mit dieser Abscheu etwas wie eine Suggestion der Auflösung, des Nichts kam – des ewigen Friedens [die große Sehnsucht des physischen Mentals nach der Unbewegtheit des Steins], und er fegte all das selber weg [ja, das Zellmental räumt selber auf]. Als richtete sich der Körper auf: “Aber das ist nicht, was ich will! Ich will…” (und das war ein Leuchten von blendend goldenem Licht), “ich will die Pracht Deines Bewußtseins.” Die erste reine Reaktion des Zellbewußtseins. Ich glaube, damit haben wir einen Zipfel der Lösung erfaßt. Eine ganze Welt beginnt, sich zu öffnen. Wir werden sehen.

Das Mental der Zellen reagiert selber gegen den katastrophalen Hypnotismus des physischen Mentals und flüstert ein “Gebet” – Gebet heißt Verb, heißt Schwingung. Die erste reine Schwingung der Zellen.

Hier war das neue Verbindungsstück der Kraft: das Mental der Zellen.

Der Abbruch der alten Routine: das Veränderungsmittel.

Etwas, das den Strom in seiner Reinheit aufnehmen kann.

Nur ein winziges Flüstern in den Zellen. Ein erstes Mantra der Materie.

Wie eine neugeborene Materie.

Und eine Aspiration, eine intensive Freude der Aspiration in den Zellen, wie ein goldener Atem im Grunde der Materie: Alles Mentale erscheint kalt und trocken, ja, trocken, leblos – es leuchtet, sieht schön aus, ist ansprechend, aber kalt, ohne Leben. Diese Aspiration hier hingegen besitzt eine Macht, eine außerordentliche Macht der Verwirklichung. Wenn sich das ordnet, kann wirklich etwas verrichtet werden. Dort liegt eine gesammelte Macht.

Das ist die eigentliche Macht, welche die Atome bewegt, die reine supramentale Kraft, die Energie aller Mutationen und Transformationen der Materie: “Eine Macht, die alles zermalmen und alles wiederaufbauen kann.”

Jetzt galt es, die “neue Sprache” der Zellen zu erlernen, das neue Mental der Materie zu “ordnen”, die goldene Schwingung so lange einzuprägen, bis sie die alte Kruste verwandelt.

Doch der Schlüssel war gefunden.

Der Schlüssel für die Durchquerung des zweiten Netzes, jenes, das uns an den Körper eines Säugetieres fesselt wie andere an einen Reptil- oder Fischkörper. Wir mögen uns fragen, wie wir armen Menschen diese Mauer je durchdringen können, wenn es Mutter und Sri Aurobindo so viel Heldenhaftigkeit und Ausdauer abverlangte, den Vorgang zu bewerkstelligen, doch der Weg steht offen. Jetzt wissen wir, wo der Schlüssel liegt – das Haupthindernis liegt nicht im Hindernis selber, sondern darin, nicht zu wissen, wie das Hindernis anzugehen ist! Darin besteht die ganze Arbeit des Pioniers der Evolution: den Weg zu finden. Jetzt wissen wir: Die Zellen müssen der Materie ein Mantra einprägen, und wenn sie einmal in Schwung gebracht wurden, werden sie die alte Routine von allein auflösen. Das Mantra wird das Netz beseitigen, das Mantra wird die Zellen klären – automatisch. Eine automatische Macht. Wir müssen lernen, ein Mantra im Körper zu verankern. Dann wird er es genauso wiederholen wie: “ich habe vergessen, das Gas abzudrehen” oder “ich werde Krebs bekommen” oder… Er wird es tagein, tagaus wie ein Esel wiederholen. So einfach ist das. Eine so bedeutende Entdeckung wie die Arbeitsweise einer kleinen mentalen Vibration in einigen grauen Zellen.

Dies mag durchaus Sri Aurobindos “mathematische Formel” sein.

4. Kapitel: Die Mutation des Todes

Große Revolutionen sind immer einfach.

Wir haben die hartnäckige Angewohnheit zu glauben, es bedürfe großer Mittel, man müsse die Welt bewegen und spektakuläre Umwälzungen bewirken, aber tatsächlich wälzt man nichts um, vollzieht keine Mutation: Man vermengt nur dieselben alten Elemente in einer anderen Reihenfolge, da die Elemente aber in gleich welcher Reihenfolge nichts wert sind, findet man sich schließlich in jedem Fall vor dem wieder, was man als Verbesserung der Katastrophe bezeichnen könnte. Eine echte Revolution, eine echte Mutation bedeutet ein winziges neues Element, das sich einschleicht und damit alle Werte all der alten Elemente verändert. Es ist keine Veränderung der Reihenfolge sondern eine Veränderung der Werte. Und was vorher wertlos oder schlecht war, in gleich welchem Ordnungssystem, erhält plötzlich ein neues Zeichen, als hätte es bisher einfach noch nicht seinen Schlüssel gefunden. Es war nur schlecht, weil es seinen Schlüssel nicht gefunden hatte, und letztlich ist nichts schlecht, kein einziges Atom, aber alles wartet auf seinen kleinen Schlüssel. Aus diesem Grunde werden wir nichts finden, nichts verändern, nichts revolutionieren, solange wir nicht den innersten Schlüssel gefunden haben – denn er wird alle Zeichen ändern. Und was gilt es schließlich zu finden – was in diesem ungeheuren Universum mit uns mitten darin? Seien wir einfach: Freude natürlich, die Liebe ist. Und was ist das Gegenteil dieses einfachen Seinsgrundes: natürlich der Tod, der die Nicht-Freude ist, der Ungrund zu sein. Und wenn es keinen Grund zu sein hat, sollte es selbstverständlich nicht existieren, ist es die Unwirklichkeit des Universums – und genau das erstickt uns am meisten, genau das beeinflußt alle anderen Zeichen und verdammt sie beinahe zur völligen Nichtigkeit. Es gibt keine hundert Lösungen sondern einzig eine. Nicht Hunderte von Revolutionen sondern eine. Eine einzige Mutation des Todes. Dann wird alles andere sich automatisch ändern. Alle anderen Zeichen werden einen anderen Wert annehmen.

Nun ist wahrscheinlich, daß der Schlüssel sich genau bei dem oder besser in dem findet, was es zu mutieren gilt, dort, wo der Tod entsteht: Wer oder was stirbt denn? Die Zellen sterben, weil sie ein Todeslied wiederholen, ein unwirkliches Lied, einen Ungrund zu sein. Aber das ist nicht wahr! Das Leben kann nicht das Nicht-Leben prägen, es kann allein die Freude und wieder die Freude prägen, denn es ist die Freude selbst. Es prägt nur deshalb den Tod, weil es noch nicht den kleinen Schlüssel gefunden hat, oder um uns zu nötigen, den kleinen Schlüssel des Wirklichen zu finden – das wahre Leben. Damit verhält es sich sehr einfach: Das, was den Tod bewirkt, bewirkt auch das Leben, gleich einem Schlüssel, den man in die falsche Richtung dreht. Da gibt es nichts zu beseitigen, im ganzen Universum gibt es nichts zu beseitigen – um es wohin wegzuwerfen, auf welche Müllhalde außerhalb des Alls? Es gilt, etwas umzukehren, dann wechselt alles andere ebenfalls die Richtung. Wir suchen den Vorgang, um die Macht zu finden, das aufzulösen, was geschah, sagte sie. Den Tod auflösen. Nach all den Jahren sucht etwas in mir die Macht oder den Schlüssel – das Verfahren. Und muß man da nicht spüren oder leben oder sehen (aber aktiv sehen), wie das verdreht wurde [Mutter kehrte ihre Hand in eine Richtung], um so machen zu können? Und sie wandte die Hand in die andere Richtung… Die Ursache des Todes erleben, um ihn umkehren zu können. Den Tod leben.

Vielleicht würde sie das für die nächsten fünf Jahre tun… und danach.

Sie fügte noch hinzu: Interessant dabei ist, daß das Mental der Zellen, jetzt wo es sich organisiert hat, mit schwindelerregender Geschwindigkeit alle Abläufe des menschlichen Mentals zu durchlaufen scheint, eben um das zu erhalten… den Schlüssel. Den Schlüssel des Todes. Da herrscht das deutliche Gefühl, daß der Zustand, in dem wir uns befinden, eine trügerische Unwirklichkeit ist, aber es gibt eine Art Bedürfnis oder Aspiration – nicht das mentale oder moralische “Warum” zu finden, nichts dergleichen, aber das wie: Wie das so verdreht wurde [Mutter wandte erneut ihre Hand], um es wieder richtigstellen zu können. Die Zellen halten den Schlüssel zur Prägung in die eine oder andere Richtung. Tatsächlich gibt es aber keinen Tod, es gibt keine Tatsache des Todes, sondern nur eine falsche Prägung. Der Tod ist kein zellulares Phänomen sondern ein zellularer Nonsens. Er ist eine Unwirklichkeit, mit der eine Wirklichkeit überklebt wurde, die wir noch nicht gefunden haben. Ist diese Realität einmal berührt – diese Realität der Freude –, wird sich der Tod von allein irrealisieren. Der Tod ist keine Realität der Materie, sondern eine gewisse Irrealität der Materie – da stirbt etwas, weil es nicht ist, was es ist. Jedesmal wenn ich meinen Körper frage, was er möchte, antworten alle Zellen: “Nein-nein! Wir sind unsterblich, wir wollen unsterblich sein. Wir sind nicht müde, wir sind bereit, über Jahrhunderte zu kämpfen, wenn das nötig ist – wir wurden für die Unsterblichkeit geschaffen, und wir suchen die Unsterblichkeit.” Und genau das erkannte ich (ich glaube nicht, daß dies etwas Einzigartiges und Außergewöhnliches ist): Je näher man zur Zelle kommt, um so mehr sagt sie: “Aber ich, ich bin doch unsterblich!”

Das ist die zellulare Tatsache, die einzig wirkliche Tatsache.

Die Wirklichkeit der Zelle ist das unsterbliche Leben.

Vielleicht wäre selbst die moderne Biologie damit einig.

Es gibt nichts in der Substanz der Zellen, was der Tod wäre.

Die Mutation des Todes liegt in der Freude einer kleinen reinen Zelle.

Auf leisen Sohlen

Diese große einfache Revolution begann 1968: Plötzlich begannen diese reinen Zellen, auf sich gestellt, eine andere Prägung anzunehmen, als sei das die natürlichste Sache der Welt – in der Tat ist dies das einzig Natürliche auf der Welt. Auf sich gestellt begannen sie, den Tod aufzulösen, ganz spontan und natürlich. Es fehlen die Worte, dieses schlichte und einfache Wunder zu beschreiben, weil es so schlicht ist, so unmerklich, und doch wird genau das die ganze Welt verändern, ob sie es will oder nicht, sich dessen jetzt bewußt ist oder nicht. Das hat auf der Welt begonnen. Die Mutation des Todes hat begonnen. Eine Zelle besteht nicht für sich abgesondert, sie durchzieht alles, alles ist ein einziger Körper. Und wir sehen dieses kleine Wunder wachsen, auf Mutters Lippen plappern – manchmal ist es uns, als erheischten wir es gar in unserem eigenen Körper: Die Leute haben Erfahrungen, ohne es zu wissen! stellte sie fest. Denn das ist nicht mental, wir schauen nicht dorthin, wo es nötig wäre. Wir verstehen eine “Erfahrung” erst dann, wenn wir sie mentalisiert, “verstanden” haben, während das einfach passiert, ohne daß man irgend etwas versteht oder verstehen müßte, und es passiert andauernd! Die Welt wechselt den Kurs, ohne es zu wissen, sie begreift nicht den kleinen goldenen Hauch, der den Tod auflöst, einfach so: Der Tod “passiert” nicht, und so merkt keiner mehr etwas von ihm! Man muß endgültig sterben, um sich der verdammten Sache klar zu werden. Aber wer bemerkt die mikroskopisch kleinen Tode, die sich immer tiefer einprägen und den großen tatsächlichen Tod herbeiführen? Und den kleinen Hauch, der bewirkt, daß das nicht passiert. Denn es ist wirklich wie ein unmerklicher kleiner goldener Hauch, der alles ohne Einmischung durchatmet – man braucht sich nicht einzumischen, das geschieht ganz allein, das ist das Schönste an der Geschichte! Wenn die Suggestionen des Todes oder der Vernichtung oder des ewigen Friedens die Zellen berühren, weisen sie das zurück, einfach so, pff! Nein, ich will nichts davon. So einfach ist das. Wenn Suggestionen von Krankheit auftreten: Nein, davon will ich nichts! Wenn Suggestionen des Alterns auftreten: Das ist eine Lüge, davon will ich nichts! All das gleicht einer Welt unheilschwangerer Suggestionen, die sich beständig und überall ausbreiten, ein richtiges Jauchebad, in dem wir waten, ohne dessen gewahr zu sein, und das wir in uns aufsaugen, als wäre es Frischluft – pfff! Davon will ich nichts. Die Zellen selbst blasen es weg, lassen alle Suggestionen abprallen. Allerdings muß man ein wenig aus dem mentalen Getöse herausgetreten sein, um sich dessen bewußt zu werden, denn das ist so ruhig, ohne Gewalt, kristallin wie die Leichtigkeit der Zellen und mit der offensichtlichen Allmacht des Kindes, für welches all der Dreck nicht existiert – pfff, ich blase dich weg, du riechst nicht besonders gut. Das bin nicht ich. Ich erzählte dir von dieser “morbiden Einbildung” des Körpers – das ist vollkommen weg, aus, geklärt!… Sobald der Körper darauf reagierte und sagte: “Nein, das ist ekelhaft, was soll das überhaupt!” – fort. Das ist so bemerkenswert am Körper: Vital, mental muß man die Dinge noch und noch wiederholen, bis sich die Erfahrung festigt; der Körper ist zwar weniger prompt in seiner Öffnung, hat er aber einmal verstanden oder hat er die richtige Erfahrung gehabt, dann ist es getan, ist es gefestigt. Das ist so bemerkenswert. Und es vollzieht sich ganz lautlos. Wenn bestimmte Dinge dann versuchen, wieder aufzutreten (selbst noch aus der Entfernung, nur am Rande), sagt er sofort: “Ach, nein, nein! Das möchte ich auf keinen Fall mehr, das gehört der Vergangenheit an.”… Aufgrund der Veränderung in diesem Mental hat er die Arbeit gemacht. Die Materie vollzieht ihre eigene Revolution.

In einem “klaren” Augenblick haben wir dieses Phänomen vielleicht selbst schon bemerkt: Man spürt eine Suggestion aus einer bestimmten Entfernung herannahen, “am Rande”, wie Mutter sagt, vielleicht im Abstand von ein oder zwei Metern vom Körper, eine Suggestion des Knirschens gleich einer winzigen Welle, mit einem “Geruch” oder einer Andeutung von Unfall, einer Suggestion von Sex, einer Suggestion von Kopfschmerzen – das sind nichts als Suggestionen, wir leben, waten in einer Welt von Suggestionen! –, und plötzlich spürt man im Körper eine Art Weitung der Zellen, etwas, das sich mit Licht oder Sonne füllt und eine warme Intensität schafft (merkwürdigerweise hat es beinahe die Qualität der Liebe), eine sehr kompakte Schwingung und dabei klar, leicht, die von innen aufsteigt, ganz von sich aus, unwillkürlich, selbst ungerufen, ohne Aufhebens, das Einfachste in der Welt, automatisch – und hopp! die Suggestion ist aufgelöst – existiert nicht mehr. Eine goldene Weitung. Mit dem Mental kann man sich zehn oder hundert Mal herumschlagen, die Suggestionen auf Armlänge von sich halten, um sie am Eindringen zu hindern, aber sobald man etwas nachgibt, strömen sie herein. Danach hat man alle Hände voll zu tun, um das wegzujäten, sonst erwischt einen das Fieber doch. Hier hingegen gibt es nichts zu tun! Es geschieht automatisch und radikal. Einfach ein kleiner goldener Atem. Und die Zellen machen alle Arbeit.

Hat man dazu ein Mantra, wird es ungeheuer aktiv.

Und sie tun das andauernd, überall – wo immer es einen Funken ehrlichen guten Willens gibt. Es gleicht einer ständigen Reinigung vom Tode: diese Tausende und Milliarden von heimtückischen Suggestionen, die schlußendlich eine Leiche, einen Krebs ergeben, eine unglaubliche Verschwendung, während es in Wahrheit, tatsächlich, nur eine kleine goldene Weise war, die sich danach sehnte, die Freude und Schönheit des Lebens aufzugreifen. Da fragen wir uns, was geschehen wird. Denn es geschieht im Körper der Individuen, im Körper der Nationen, im Körper der Erde – eine große Reinigung. Dabei bleibt natürlich die Schwere, die – beinahe mit bloßem Auge sichtbar – schwerer und schwieriger, dunkler und dunkler wird, als würde sie eine doppelte und dreifache Dosis Tod schlucken, frenetisch furios ihr kleines tödliches Zittern ausspinnen – aber sie verschluckt sich an ihrem eigenen Tod, die Unwirklichkeit wird immer unwirklicher, beinahe gespenstisch. Es ist eine vollkommene Unwirklichkeit, kein Hauch von Leben regt sich darin, eine enorme Seifenblase mit stahlgrauem Anstrich, ein Pappkamerad und Kinderschreck auf terrestrische Dimension aufgeblasen – ein Windbeutel kurz vor dem Platzen. Und darunter, ruhig und unmerklich, dabei unerschütterlich, lebt diese kleine goldene Schwingung, die reinigt und klärt, bis nicht mehr die leiseste Wurzel des Todes verbleibt, nur diese Seifenblase über unseren Köpfen. Dann wird die körperliche Substanz geklärt sein, und plötzlich geht der Blase die Luft aus – pfft! Sie existiert nicht mehr! Nie hat sie existiert. Vielleicht wird es darin nicht einmal mehr die “Guten” und die “Bösen” geben (das ist noch unsere menschliche Narrheit), denn die körperliche Substanz ist gänzlich gut; die Weißen wie die Gelben werden sich in ihrem Körper gereinigt wiederfinden, ohne es zu merken, und wenn alles klar und sauber ist unter der Haut, werden sie ihren Windbeutel verständnislos betrachten. Sie werden ihren Augen nicht trauen. Dann wird die Illusion aus Verblüffung zusammenbrechen.

Nun erscheinen uns diese häufig zitierten Verse von Sri Aurobindo klarer verständlich, einschließlich einer geheimnisvollen kleinen Zeile, die wirklich niemand verstand:

Wenn Finsternis wächst und der Erde Brust erstickt

und wenn des menschen körperliches mental das einz’ge licht ist,

Wird verstohlen wie ein Dieb in der Nacht der verdeckte Schritt sein

von jenem, welcher unbesehen in sein Haus tritt.

Eine kaum hörbare Stimme wird sprechen, die Seele gehorchen,

Eine Macht sich in des Mentals innere Kammer stehlen,

Ein Zauber und eine Süße die verschlossenen Tore des Lebens öffnen

Und Schönheit die wiederspenstige Welt erobern,

Das Wahrheits-Licht die Natur im Sturm einnehmen,

Die leisen Sohlen Gottes das Herz zur Wonne zwingen,

Und die Erde wird unerwartet göttlich werden.

In der Materie wird die Glut des Geistes aufgehen,

In Körper über Körper die heilige Geburt entzündet werden;…

Einige werden sehen, was niemand noch versteht;

Gott wird wachsen, während die Weisen schwatzen und schlafen;

Denn der Mensch wird des Kommens nicht gewahr, bis die Stunde schlägt,

Und es wird keinen Glauben geben, bis das Werk getan.2

Wollen wir das Phänomen sich erfüllen lassen, ohne dabei ein wenig Mäuschen zu spielen… und ohne ein wenig mit dieser goldenen Süße zu schwingen, die wie aus Versehen unter unseren unwirklichen Gespenstern dahinläuft?

Die Mutation des Todes findet heute statt.

5. Kapitel: Der Reisende

Dennoch würde der grundsätzliche Käfig bleiben.

Selbst wenn man die tödliche Prägung losgeworden ist mit all ihren Ursachen der Krankheit, Verzerrung und Traurigkeit – diesen ganzen menschlichen Schmerz, der eine wirklich radikale Art der Ungesundheit ist –, selbst wenn man sein Leben beinahe beliebig verlängern könnte, weil es keine Reibung mehr gibt und man in der Geschmeidigkeit des großen universellen Rhythmus fließt, verbleibt etwas, das von Grund auf den Tod auslöst: den Tod des kleinen Vogels, den Tod des Tieres, eben den Tod aller Arten bis hierher und jetzt. Tatsächlich wird der Tod bleiben, bis das evolutionäre Ziel erfüllt ist, denn er ist das evolutionäre Mittel des Fortschritts. Bestünde das evolutionäre Ziel darin, eine geschönte, harmonische und auf allen Ebenen konfliktfreie Menschheit zu schaffen, würde der Tod wahrscheinlich verschwinden, sobald dieses Ziel erreicht ist, denn es gäbe dann keinen weiteren Grund mehr zu sterben. Und doch läßt die Evolution die kleinen Vögel radikal sterben. Also gilt es noch etwas weiteres, etwas anderes zu entdecken. Der Tod bleibt immer als Pforte des Geheimnisses, als zweifelsfreies Zeichen, daß das einzige evolutionäre Geheimnis nicht gefunden wurde. Von Etappe zu Etappe werden wir dem immer näher geführt, näher dem Kern dieser grundlegenden Materie, die den Tod bewirkt, weil sie nicht oder noch nicht das tun kann, was sie möchte. Weil sie sich selbst noch nicht gefunden hat. Schließlich mag es gut angehen, daß das, was uns als Instrument erscheint – der Körper, eine schlichte Stütze der Materie, um in intelligenter Weise auf der guten Erde umhertollen zu können –, genau der Kern der Geschichte ist. Ein lebendiges Herz der Materie und jeder Zelle und jedes Atoms. Ein geheimes Ursprungsprinzip, das erst am Ende auftaucht, wenn ganz Amazonien und jede Parzelle Amazoniens entdeckt ist. Wir hatten angenommen, der kleine mentale Mensch wäre der schlußendliche Erforscher und Entdecker, aber es könnte durchaus sein, daß dieses “Etwas”, das vor so vielen Tausenden Jahrmillionen die erste Materie schuf, auch die letzte Materie hervorbringen wird und daß der Reisende dieser langen Reise schon mit dem ersten Atom und mit dem ersten Molekül oder besser in diesem ersten Atom und Molekül zugegen war. Wir pochen an die Pforte dieses uralten Reisenden, jeder Tod pocht an seine Tür und jedes Leben, und wir werden solange sterben, bis wir diesen Reisenden aufgespürt haben.

Die Materie bleibt also unser Geheimnis.

Was ist in ihr an Geheimnisvollem enthalten?

Gewiß keine Philosophie, keine Religion, “Gott” sei Dank! Was aber dann?

Je mehr man sich der Zelle nähert, desto mysteriöser wird es, man kann sagen, desto wunderbarer wird es, dabei ist es allerdings ein gänzlich “anderes” Wunder, so gähnend, wenn man so sagen darf, daß es ein bißchen Angst macht. Es ist wirklich das große “Loch” oder der große evolutionäre Bruch, durch den man plötzlich ein anderes Land erreicht – noch nicht einmal “Land”: ein anderes Wesen unserer selbst. Auf jeden Fall ein “Etwas”, das eine erschreckende Möglichkeit für all unsere physiologischen Strukturen bedeutet, die so weise ihre kleinen Enzyme, ihre kleinen Zellstoffe und ihre so exquisiten Fertigbau-Moleküle ausspinnen. Auf einen Schlag gibt es nichts mehr im “Fertigbausatz”. Nichts geht mehr, oder es geht ganz anders. Wir erreichen die Wurzel dieses grundlegenden Käfigs, der die so bezaubernden Vögel machte und der so bezaubernde kleine Menschen machen könnte, wenn das der evolutionäre Zweck wäre. Es scheint aber, als hätten wir ein erstes Netz durchschritten, um ein weiteres zu durchschreiten. Wir sind entschieden nicht dazu geschaffen, erlesene Gefangene zu sein, nicht einmal diejenigen eines Moleküls. Wir fahren fort, an die Pforte des Todes zu pochen.

Vielleicht ist der Tod die letzte Maske des Reisenden.

Denn seien wir doch einfach, ganz einfach: Um was geht es letztlich in dieser ganzen verratzten oder nicht verratzten evolutionären Geschichte, deren mehr oder weniger willige und leidende Schachfiguren wir sind? Warum besteht all das? Um Über-Vögel zu werden, die irgendwann einmal ihre kleinen oder großen Flügel leid sind? Um Übermenschen zu werden, wunderbar und allgegenwärtig … vor Allgegenwärtigkeit platzend und von Wundern betrunken? Genug! Um wunderbare Erden zu machen, ausgestattet mit Wunderwäldern voller Feen und in allen Farben, mit Meeren, wie man sie noch nie gesehen hat…? Um etwas zu schaffen, immer etwas anderes – doch solange es etwas anderes gibt, ist es niemals das.

Das, voll und ganz.

Das, schlicht und einfach, ohne mehr oder weniger.

Das, in jedem Augenblick erfüllt, ohne etwas anderes.

Das, wie man atmet, sonst nichts.

Das, wie man liebt und für immer.

Das.

Das, ja, und wenn es fehlt, haben wir nichts, und mit oder ohne all die Tausende aufeinander gestapelten irdischen Paradiese wird dieses Loch doch niemals erfüllt.

Vielleicht ist das der Reisende.

Vielleicht ist die Liebe der Reisende.

Wir pochen an die Pforte der Liebe, und solange wir das nicht gefunden haben, haben wir nichts gefunden. Vielleicht ist dies das Geheimnis der Materie. Haben wir das in jeder Zelle und in jedem Atom berührt, werden sich die Pforten des Todes öffnen – das ist so einfach.

Es ist das Einfache.

Aus diesem Grunde entfachte sich eines Tages ein kleines Atom.

Um das in jeder Sekunde und in allen Dingen zu leben, legten wir diesen Panzer, dieses Federkleid, dieses Menschenkleid an, aber es war die ganze Zeit da, immer, innen – und nun möchte es sein, was es ist, und was wird sein Kleid sein?… Was ist dieses Kleid der Materie? Der Lumpen, der nach Gebrauch verworfen wird oder der eigentliche Körper des Reisenden – ein unbekannter Körper, der aber nichtsdestoweniger sein Mittel der Verkörperung in den Zellen haben muß. Der Reisende wird nicht vom Himmel fallen, er befindet sich seit allen Zeiten auf der Erde, um mit uns zu krauchen, mit uns zu schreiten, mit uns zu leiden. Und jetzt?

Wo bist Du, Reisender, was wirst Du mit Deinen kleinen Zellen anstellen, die so lange gekämpft haben? – Todesfraß oder ein anderes unvorstellbares Leben, ein anderer Körper, den es zu bauen gilt?

Ein Körper Deiner Liebe, die unsere einzige Liebe sein wird.

Und alles wird erfüllt sein.

Alles wird einfach sein.

Das wird sein.

In den großen Augen der Zukunft sehen wir eine goldene Flamme aufsteigen.

6. Kapitel: Die zellulare Prägung

Eine ganz neue Welt eröffnet sich auf der Zellebene, eine unerwartete und erstaunliche Welt, so fern von den Erkenntnissen des Mikroskops und den starren Gesetzen der Biologen. Es ist fast vergleichbar mit dem Unterschied, den Urwald von Guayana aus der Vogelperspektive zu betrachten oder Schritt für Schritt entlang der sanften Ufer des Oyapok-Flusses zu wandern. Es heißt, die Zell-Ebene zu erfahren. Das macht den ganzen Unterschied. Diese scheinbar so unerbittlichen Gesetze, die Verkettungen und Spiralen der DNS, die der Schlüssel und die zellulare Realität zu sein schienen, nehmen sich eher wie schlichte Gerinnsel aus, die auf einem großen Strom wirbeln und fließen und die, mein Gott, natürlich dem Strom folgen, denn der fließt gerade in diese Richtung. Wir betrachteten die Wirbel des Strandguts als Gesetze des großen Stroms, und es ist wahr, daß die Sterne, die in dem großen Meer über uns fließen, sich kreuzen und sammeln und trennen, tatsächlich für einen Augenblick den Charakter eines Menschen oder eines Volkes zu bestimmen scheinen, denn alles antwortet und entspricht einander, das kleine Stück Strandgut wie der leichte Stern und das Molekül, aber trotz alledem gibt es einen großen Strom, der alles trägt. Anstatt in das zellulare Gefängnis zu gehen, entdeckt man eine so unwahrscheinlich geschmeidige, fließende und offene Welt. Wir hatten alles eingesperrt, wir selbst sind die Gefangenen unseres Kopfes. Und erstaunlicherweise gehorcht das kleine weise Molekül dem Gesetz des Lexikons, und es könnte über Jahrtausende und Jahrmillionen fortfahren zu gehorchen, denn es gibt nichts Ergebeneres als eine Zelle, bis irgendeine Konvulsion der Natur ein Loch dort hinein reißt oder ein etwas minder Befangener kommt und ihr sagt: Aber warum drehst du dich denn nicht andersherum? Also dreht sie sich andersherum, ganz einfach – allerdings erfordert es das kleine “ich will” im Herzen des Moleküls. Vielleicht haben wir diese ganze lange Reise zurückgelegt, um dieses “ich will” zu entdecken. Unsere Reise ist eine Reise der Freiheit, eine Reise der Liebe schlußendlich, denn reine Liebe gibt es nur in der absoluten Freiheit. Im Grunde sind wir nur in dem Ausmaß Gefangene unserer Gesetze, als wir es nötig haben, Gefangene zu sein: Das sind die kleinen evolutionären Bollwerke für die Babies der Erde; und die gesamte Evolution führt dahin, neue Bedürfnisse zu schaffen, die ganz selbstverständlich das alte Gesetz brechen. Solange es kein Bedürfnis gibt, ist es hoffnungslos, alles dreht und dreht sich weiter. Vielleicht leben wir im Augenblick des großen Bedürfnisses? Die Gesetze aber als Gesetze zu nehmen, das ist die ewige Narretei des Menschen.

Zellulare Plastizität

Ich erwartete also, Mutter sich mit jahrtausendealten zellularen Imperativen herumschlagen zu sehen, mit einer Art physiologischer Unmöglichkeit… insofern sympathisch, als selbst die zellularen Don Quichottes ihren Wert haben in einer Welt, die vor lauter Legalität schon von oben bis unten zusammengeschrumpft ist – aber dem war keinesweg so! Das Problem oder die Schwierigkeit liegt überhaupt nicht dort, wo wir sie vermuten. Das, was uns unüberwindlich erscheint, ist Kinderkram – das Fürchterliche ist das, was uns nicht unüberwindlich vorkommt! Was am meisten Zeit in Anspruch nimmt, ist, sich bewußt zu werden, was verändert werden muß, sagte sie, einen bewußten Kontakt zu haben, der es gestattet, daß dies sich verändert. Einen Kontakt. Schritt für Schritt ging Mutter von Entdeckung zu Entdeckung – es ließe sich beinahe sagen, daß es nichts zu “entdecken” gibt, sondern all die Mauern zu entfernen, die einen daran hindern, das zu sehen, was da ist. Es gilt Illusionen über Illusionen zu desillusionieren, bevor man die Wirklichkeit erreicht. Mutter ist die große Zerstörerin der Illusionen. Mit ihr atmete man in einer endlich möglichen Welt, dort wo alles unmöglich-unmöglich-unmöglich erschien. Man fragt sich, wie man darin leben kann, ohne zu ersticken! Aber sie wird kommen, die endgültige große freudige Erstickung, welche all die kleinen legalen Windmühlenflügel zerstören wird. Man muß nur die richtige Dosis erreichen. Sobald die Mauer der Unmöglichkeit des physischen Mentals durchschritten war, entdeckte Mutter eine Welt von so vollkommener Geschmeidigkeit, daß diese Erfahrung sowohl verblüffend als auch beängstigend war (hier liegt die andere Seite der Schwierigkeit, mit der man nicht gerechnet hatte). Man könnte meinen, die Starrheit dieser Materie käme nur daher, daß dies die Materie unserer Angst ist. Mutter wiederholte das seit Jahren, aber ich begriff es nicht, denn ich bin genauso einzigartig mit einem physischen Mental ausgestattet wie all meine menschlichen Brüder und Schwestern, bis eines Tages eine kleine Erfahrung das “Problem” völlig aufklärte (oder besser gesagt, “die Luft aus dem Problem herausließ”). Es ging um eine Geschwulst im Nacken einer Bekannten. Mutter erklärte: Wahrscheinlich ein Haar, das sich in der Haut verwickelte, und der Organismus umgab es mit einer Hautschicht und fuhr dann aus Gewohnheit fort, Haut darum zu bilden: eine Schicht und noch eine Schicht… wie ein schwachsinniger guter Wille. Die ganze zellulare Geschichte war in diesen drei Worten enthalten: ein schwachsinniger guter Wille. Mit beinahe allen Krankheiten verhält es sich so. Der Trick (es gibt einen Trick) besteht darin, den Zellen klarzumachen, daß man überhaupt nicht von ihnen erwartet, sich in einem Paket zusammenzuballen, daß das nicht ihre Aufgabe ist – man muß sie davon überzeugen. Das ist seltsam. Es ist der Ursprung der Gewohnheiten. Für sie sieht das so aus: Das muß gemacht werden, das muß gemacht werden, das muß gemacht werden, das muß… [Mutter bewegte ihren Finger im Kreis]. Bei mir ist es dasselbe, aber ich konnte sie überzeugen, das zu lassen. Doch man muß sich der Bewegung bewußt sein. [Alles ist präsent, wir sind uns der Bewegung nur nicht bewußt, sind nicht klar, weil alles mit dem Heidenlärm des Mentals überzogen ist; dann braucht man selbstverständlich Mikroskope und Chirurgie – dabei ist es einzig und allein eine Bewegung, ein Strom.] Dann in einer sehr ruhigen und sehr, sehr sicheren Art, wie man zu Kindern sprechen würde, sagen: Nein, das ist nicht eure Pflicht, euch so zu verhalten, das ist nicht eure Pflicht… Alle chronischen Krankheiten kommen daher. Ein Unfall mag passieren (etwas geschieht: ein “Unfall”), und so bewirkt dieser unterwürfige und unbewußte gute Wille, daß es sich wiederholt: Das muß wiederholt werden, das muß wiederholt werden, das muß… Und das hört nur auf, wenn ein Bewußtsein mit ihnen in Kontakt ist und ihnen verständlich machen kann: Nein, in diesem Fall wird es nicht wiederholt! Und Mutter lachte herzlich. Ja, das ist sehr interessant. Aber man muß äußerst bescheiden sein, um diese Arbeit zu machen, man darf nicht auf große Effekte aus sein – sehr bescheiden. Und sehr ruhig.

Zweifelsohne weiß nun nicht jeder, wie man die Schichten durchquert, mit den Zellen in Kontakt kommt, um mit ihnen zu sprechen, und in Wahrheit erwartete Mutter kaum, solch eine Sorte von Helden des Mikroskopischen zu finden – denn hier erfordert es ein “schweigendes” Heldentum. Sie tat die Arbeit für alle Körper. Doch die Tatsache, das Phänomen an sich, ist in seiner Einfachheit von ausschlaggebender Bedeutung. Denn es handelt sich um eine menschliche, weltweite Tatsache. Es gibt Milliarden derselben kleinen Zellen überall auf der Welt – dieser Welt des passiven guten Willens. Kein einziges Gesetz, keine einzige Regel, keine einzige fatale und immanent defekte DNS, sondern allein eine vollkommen gestaltbare Materie, die sich einprägt, was man möchte. Man gibt den Impuls, und der pflanzt sich immer weiter fort, hakt sich irgendwo ein, egal wo, und spinnt sich fort. Wenn man es sich recht vergegenwärtigt, ist das genau die ungeheure Chance: Warum sollte sich das denn nicht an eine Schwingung der Freude und Sonne knüpfen?… Nichts hindert es daran, nichts. Es ist die totale Freiheit, eine vollkommen fügbare Welt. Eine umgekehrte Mendelsche Revolution. Die physiologische Zukunft wird frei – ach, wie man mit Mutter atmet, sie durchschlägt alle Mythen! Nur geschieht das nicht in drei Tagen (selbst der Heilige Vater brauchte sieben), und da wir das Wunder nicht unmittelbar vor die Nase bekommen, glauben wir es nicht – das Wunder aber ist getan. Der Körper lernt seine Lektion – alle Körper, alle Körper. Eine Veränderung der Autorität findet statt. Das ist schwierig, mühselig, schmerzhaft. Und selbstverständlich geht dabei auch einiges zu Bruch… Aber wir werden sehen, wir werden sehen. Es hat sich wahrhaftig etwas geändert in der Welt… Diese Arbeit trug mir Sri Aurobindo auf. Jetzt verstehe ich. Ich sehe, wie sehr Sri Aurobindos Abtreten und seine so beharrliche und unermeßliche Arbeit im Subtilphysischen geholfen haben. Wie er dazu beigetragen hat, die Dinge vorzubereiten, die Struktur des Physischen zu verändern. Wahrlich, es ist nicht so, wie es war, es ist nicht mehr so, wie es war. Alles, alle Umstände sind so katastrophal, wie sie nur sein können, alles, alles verbeißt sich wie wilde Bestien… und doch ist es vorbei. Der Körper weiß, daß es vollbracht ist. Es mag noch Jahrhunderte dauern, aber bereits jetzt ist es vollbracht. Diese vollkommen konkrete und absolute Verwirklichung, die man allein außerhalb der Materie erlangen konnte – es ist bestimmt, sicher und gewiß, daß man diese Verwirklichung hier selbst haben wird.

Das ist das Ende der “mentalen Barbarei”, von der Sri Aurobindo sprach3. Einer Barbarei durch und durch, von oben bis unten, vom religiösen Gipfel bis zu den genetischen Kodes.

Eine offene und fließende Welt, in der alles möglich ist.

Eine andere kleine goldene Schwingung bildet eine neue Prägung im Körper, ebenso unerschütterlich, ruhig und unwiderstehlich wie unsere alten Krebskrankheiten, die bloß der Krebs des Mentals waren. Seit dem Tag 1968, als Mutters Körper sich selbst überlassen wurde – abgeschnitten von seinen Erinnerungen, abgeschnitten von seinem Mental, abgeschnitten von seinen alten Kräften –, hielt sich das Mental der Zellen an das Letzte, was ihm blieb, um sich nicht im Nichts aufzulösen und sich vollkommen zu zersetzen (das war wahrhaftig der Tod: Es erfordert etwas, um die Zellen zusammenzuhalten, eine Schwingung, einen Strahl gewohnter Kräfte, die sich wiederholen, ansonsten zerfällt es, zerfällt alles); die Zellen hefteten sich an das Mantra, an das Bewußtsein, den einen großen bleibenden Strom innerhalb der allgemeinen Auflösung der kleinen genetischen Knäule, und sie begannen, es tagein, tagaus zu wiederholen, ohne eine Sekunde der Unterbrechung, gleich einem Lastesel, so unveränderlich und unerschütterlich, wie sie vorher den gewohnten alten Reigen des Todes wiederholten.

Wenn alles verflossen ist, bleibt das.

Die supramentale Schwingung.

Die Schwingung der wahren, reinen Materie.

Das erste Feuer, das die Sterne entzündete.

Doch es ist ein gewaltiges Feuer… “eine Schwingung von der Intensität eines höheren Feuers”, wie Mutter sagte. Eine Schwingung, die der Liebe ähnelt.

Mit ihrem Humor, der sie nie verließ, fügte Mutter etwas hinzu, das uns gleichzeitig sowohl den Schlüssel der alten Materie gab, die ihre Krebsgeschwülste webt, als auch den Schlüssel zur neuen Materie… die was webt? – Das Geheimnis der sich vorbereitenden Zukunft: In manchen Fällen ist diese Kraft der Wiederholung äußerst nützlich! Ich glaube, daß sie der Gestalt überhaupt Stabilität verleiht, andernfalls würde man Form und Erscheinung wechseln, sich verflüssigen!

Der Verfestiger der Gestalten.

Die Materie ist nichts anderes als eine Schwingung, die sich wiederholt.

Materie ist weder Dauer noch Undurchläßigkeit noch Dichte – nichts von dem, was uns unsere Augen mitteilen, nichts von dem, was unsere Hände berühren, nichts von dem, was uns unsere vorfabrizierten Reaktionen spüren lassen: Die Materie ist eine Schwingungsqualität, die mehr oder weniger Dichte erzeugt, mehr oder weniger Undurchlässigkeit, mehr oder weniger Tod – eine mehr oder weniger schwere oder leichte Verfestigung. Der Tod ist die Zerstreuung, die von der Abwesenheit der gewohnten verfestigenden Schwingung herrührt. Verändert man die Schwingung, so verändert sich die Materie. Verändert sich die Dichte, so verändert sich auch der Tod.

Das Geheimnis der Transformation.

Das Geheimnis des nächsten Körpers.

Eine neue Materie wird aus einer neuen Schwingung geboren.

Oder vielleicht aus einer ewigen Schwingung.

Alles läuft jetzt darauf hinaus zu wissen, ob der alte Körper die Schwingungsveränderung aushalten kann, ohne daran zu sterben – sich transformieren kann, ohne dabei den Geist aufzugeben.

Ein gefährliches Unbekanntes…

7. Kapitel: Der bewußte Automatismus

Das Durchqueren des zweiten Netzes ist sowohl das Einfachste als auch das Schwierigste. Vielleicht gerade weil es auf eine gewisse Art extrem einfach ist oder sein sollte. Eine so radikale Einfachheit, daß sie uns gerade deshalb total entgeht, weil wir auf der Komplikation aufgebaut sind, und das ist ein wenig schwindelerregend. Etwas Ungeheuerliches… das schwachsinnig erscheint, sagte Mutter nach einer letzten kleinen “Operation”, die 1970 erfolgte. All die Schwierigkeiten, an die wir denken – die unerbittlichen Gesetze, Schwerkraft und Auflösung, die Gene, welche sich ein- und auswickeln, die Zellen, die sich verbrauchen, und die Gewebe, die sich abnutzen, die Grenzen des Alters und die physiologischen Unmöglichkeiten –, all das waren tatsächlich nur die Schwierigkeiten, die wir dachten, uns ausdachten; das war vorher, das waren die Unmöglichkeiten und “Gesetze” des ersten Netzes, der Materie unseres Kopfes, die Gesetze unseres physischen Mentals. Erreicht man das zweite Netz, die Zellsubstanz, losgelöst von ihren Phantomen, ist die Schwierigkeit die entgegengesetzte der alten Mauer, die wir durchquert haben: nämlich, daß es keine Mauer mehr gibt! Daß man im gesetzfreien Raum segelt, in dem alles möglich ist! Das ist etwas erschreckend für den Körper. Nichts ist mehr fest. Es ist wunderbar und entsetzlich. Keinen kleinen Mechanismus mehr zum Festhalten, nur noch der große Mechanismus, und läßt man auch nur eine Sekunde davon ab, gibt es überhaupt nichts mehr: die Verflüchtigung. Wohin führt dieses Nichts oder dieses große “Etwas”? Man erkennt, daß die unermeßliche Welt, die wir errichtet haben, eine ungeheure Täuschung des Todes, der Krankheit, der Schwere und der Elektronen-Mikroskope ist, während die andere… uns entgeht, für den Körper noch nicht existent ist. Das wurde noch von keinem irdischen Körper gelebt, folglich gibt es nirgendwo in ihm eine beruhigende Erinnerung. Das ist ganz so, als ob ein Körper, ein erster irdischer Körper, das Unbekannte kolonisieren müßte – ins Nichts eintreten müßte, das durch die Tatsache, daß man es betritt, zu etwas wird. Aber jeder Schritt vorwärts bedeutet einen Schritt ins Nichts. Kolumbus betrat wenigstens noch ein solides Unbekanntes. Die Nichtigkeit der Person! Die vollkommene Nichtigkeit und Unfähigkeit… Welche Person sollte es auch sein? Eine Person setzt Erinnerungen voraus, um sie auf einem “Ich” aufrecht zu halten. Und welche Erinnerungen sollten es sein, wo es doch alles Erinnerungen des alten Käfigs sind, welche “Fähigkeiten”, wo es alles Fähigkeiten sind, mehr oder weniger brillant zu sterben? Da bedeutet es bei jedem Schritt vorwärts ein gähnendes Loch. Schließlich setzt sich eine Stunde aus vielen kleinen “durchlöcherten” Sekunden zusammen. Niemand wird je wissen, was Mutter durchlebte. Sie fragte immer nach der Zeit: Wieviel Uhr ist es, wieviel Uhr ist es?… Die anderen fanden, daß sie übertrieb oder schwachsinnig wurde. Manchmal erteilten sie ihr sogar eine Abfuhr. Bis sie eines Tages schließlich nicht mehr nach der Zeit fragte. Es muß sich wirklich das Bewußtsein der Zellen verändern, verstehst du?… Wir haben keine Worte dafür, denn das existiert auf der Erde noch nicht. Es gilt, eine andere Person aufzubauen. Eine zellulare Person. Was kann sich in einem solchen Körper ereignen?

Die direkte Funktionsweise

In Wahrheit geschehen dort die phantastischsten und wunderbarsten und infernalischsten und unglaublichsten Sachen, die sie niemandem erzählte, weil man sie sonst für verrückt gehalten hätte – ich muß immer daran denken, daß auch Sri Aurobindo geschwiegen hatte. Doch es traf sich, daß ich einstmals ein menschliches Niemandsland durchquert hatte, in einem Konzentrationslager, das von weitem vielleicht dem zellularen Niemandsland von Mutter ähnelte und das mich ein für allemal von den Vernünftigkeiten des Menschlichen befreit hatte. Danach mußte man tatsächlich an eine höhere Erde glauben, oder man starb. Dank Mutter starb ich nicht, denn in ihr begegnete ich jemandem, der diese höhere Erde hier bauen wollte, und ich war bereit, alles zu verstehen außer dem menschlichen Gefängnis, dem hoffnungslosen physiologischen Konzentrationslager, das in einem Loch endet und in einem anderen “verbesserten” Konzentrationslager wieder beginnt. So verstand ich sie vollkommen, die einzige Unmöglichkeit war für mich die alte Welt. Das “Schreckliche” war für mich lebendig und greifbar. Tatsächlich wurde unter dem Druck dieses Nichts oder dieses Bedürfnisses – dem alten evolutionären Schlüssel – in Mutters Zellen etwas anderes geboren. Eine neue Art, auf der Welt zu sein.

Zuallererst ging es darum, sich aufrecht zu halten. Gesten und Handgriffe mußten ausgeführt werden, französische oder englische Worte artikuliert werden; zehn, zwanzig oder fünfzig Personen warteten vor der Tür und andere mehr, die zusahen. Da war dieser unsichtbare, schweigende Druck all dieser kleinen Bewußtseinsmuster, die dies oder das wollten, dies oder jenes erwarteten. Geld war zu verteilen, dieses Haus zu mieten oder nicht zu mieten, zu reparieren oder nicht zu reparieren und all die hundert und tausend absurden Dinge zu tun, die das zehrende, fieberhafte und lästige Leben eben ausmachen. Ihr Körper badete in diesem vielfältigen bebenden Tod – von dem er nichts verstand, der ihm nichts bedeutete, ihm nichts zu sagen hatte. Was bedeutet ihm ein Scheck? Was bedeutet der Streit zwischen diesem und jenem – der winzige Schmerz war überall, überall stieß man in eine unbegreifliche Schmerzenswelt, eine gierige Aggressivität in den menschlichen Liebesbezeugungen genauso wie in den Lügenbezeugungen. Manchmal war da auch einfach eine kleine klare Schwingung, die nichts wollte, nichts verlangte, nichts erwartete – ein Wunder. Wenn diese plötzlich irgendwo auftauchte, hielt Mutter inne, wandte sich innerlich diesem kleinen herrlichen Aufblinzeln zu, lächelte mit geschlossenen Augen. Eine Handvoll Sanftmut und Süße. Dann kehrte die Flut wieder zurück. Wenn ich mich schweigend neben ihr in dieser neuen Welt vorantastete, fühlte ich sie weit werden in dieser unermeßlichen Sanftmut, die so ruhig und doch so ungeheuerlich machtvoll war, und wenn sich mir zufällig eine Sekunde in einem Moment des Zurückweichens ein Gedanke näherte, sei es auch nur am Rande meines Bewußtseins, schreckte sie augenblicklich jäh hoch, ihr Körper fuhr zusammen, sie öffnete die Augen und fragte: Wieviel Uhr ist es? Dort bedeutete ein Gedanke einen Schock, selbst der unschuldigste Gedanke: Das Denken ist der Feind, sagte sie, der Feind der Zellen. Zigmal erlebte ich das. Für die Zellen war das wie ein Verschlungen-werden – für Jahrtausende waren sie diesem heißhungrigen Hypnotismus ausgeliefert. Ein Gedanke ist der Meister, der ihnen sagt: “Ich will, daß du dies tust; es ist kalt, du wirst krank werden; es ist heiß, du wirst krank werden; es ist spät, du wirst müde…” Die Welt des augenblicklichen Schmerzens, die alte Sklaverei, die wieder beginnt. “Du mußt das Coramin nehmen, ansonsten wird dein Herz still stehen, du mußt…” Wie hat sie sich darin gesträubt und herumgeschlagen! Sie lebte jede Sekunde im Tod – nein: sie lebte den Tod. “Leben” bedeutete in jedem Moment den Tod – jedenfalls das Leben, das die anderen ringsum leben wollten. Eines Tages sprach ich mit ihr über die Entwicklung der Erfahrung, und sie erklärte mir diese und jene Funktionsweise. Danach wollte ich aus einer absurden alten menschlichen Gewohnheit wissen, was sich in der Zukunft zutragen würde (immer diese Manie der “Zukunft”, wenn man noch nicht einmal fähig ist, die gegenwärtige Sekunde zu leben), und da sie mich gern hatte, versuchte sie zu erkennen, schloß die Augen und konzentrierte ihren Blick nach innen. Da fuhr sie plötzlich aus diesem Zustand auf und riß ihren Schal weg, als würde sie ersticken – sie hatte beinahe einen Hitzschlag: Siehst du, so geht das: Wenn ich es zu erfahren versuche, werde ich von einer solch erstickenden Hitze überwältigt, daß ich den Eindruck habe zu sterben. Verstehst du? Und genau das ist es: eine Welt, in der man nicht “versuchen kann zu erfahren”, eine Welt, in der man nichts versuchen kann, nichts wollen kann. Eine Welt, in der nichts mehr durch das Mental bewegt wird, nicht einmal, um einen Löffel zu heben und zum Mund zu führen. Man “weiß” nichts, und man kann nichts. Sobald es aber notwendig wird, ist es augenblicklich gewußt, und es ist getan: Wissen ist tun, sehen heißt vermögen – automatisch. Wenn es nicht gesehen werden soll, sieht man nichts, ganz einfach. Wenn es nicht getan werden soll, tut man es natürlich nicht, man weiß nicht einmal, wie man es tun sollte. Das heißt, alle Vorgänge laufen genau umgekehrt zur menschlichen Reihenfolge ab, wo es zuerst zu “verstehen”, “wissen” und “wollen” gilt, um etwas tun zu können. Und da unser Verständnis zweifelhaft ist, kann auch unser Handeln und unser ganzes Leben nur zweifelhaft sein. Dort hingegen ist die Tat unfehlbar. Sie ist augenblicklich und auf die Sekunde genau. Ein Scheck hat schließlich keinen Sinn, aber entweder unterschreibt ihn der Federhalter oder nicht – manche Papiere konnte Mutter schlicht und einfach nicht unterschreiben. Sie wußte überhaupt nicht mehr, wie man unterschreibt. Und zwei Tage oder einen Monat später wurde man sich darüber klar, daß es sich um eine Lüge gehandelt hatte. Oder sie konnte diese Blume oder jene Geldspende nicht anrühren – denn sie waren eigentlich voller Gift und Kalkül. In den mikroskopisch kleinsten und “unbedeutendsten” Details “wußte” sie oder wußte nicht mehr, sah oder sah nicht mehr, sprach oder sprach nicht mehr: Wenn “man” zum Beispiel nicht will, daß ich etwas sage, anstatt daß das durch Gedanken vermittelt wird: “Das darfst du nicht sagen”, kann ich einfach nicht mehr sprechen! Und so läuft das in jeder Beziehung ab. Die Funktionsweise arbeitet unmittelbar. Nichts läuft mehr über das Mental. Das Mental verliert seinen diktatorischen Rang als Schöpfer und Verursacher. Die supramentale Handlung wird ohne das Mental bestimmt. Das Mental ist nur noch ein regloser Übermittlungsbereich. Es ist vollkommen ruhig, friedlich und setzt sich nur in Bewegung, wenn es eine zwingende Anweisung empfängt. Wenn es diese Anweisung empfängt, führt es die betreffende Angelegenheit auf das genaueste aus, mit einem präzisen Grund, in einer klar definierten Handlungsweise, und danach kommt wieder das Schweigen und die Ruhe. Das Mental findet zu seiner wahren Rolle als Werkzeug zurück, gleich Antennen oder Zangen eines Krebses oder der Kehle einer Nachtigall. Siehst du, das rehabilitiert alles. Es hört nur auf, der Sumpf zu sein, den man daraus gemacht hat.

Ein Lächeln, das alles weiß

Die direkte Funktionsweise erforderte eine lange Lehre und wurde erst nach langem Herumtasten vollkommen, nach der Wende von 1968, als das gesamte Mental sich zurückzog, ausgenommen das der Zellen. Tatsächlich gab es nichts zu “lernen”, so wie man etwa Judo oder Schwimmen lernt: Es handelte sich um eine Seinsart, welche automatisch die richtige Funktionsweise schuf. Oder vielleicht war es eine Art des Nichtseins, der Inexistenz, eine Transparenz, welche die Umstände ganz natürlich in die eine oder andere Richtung fließen ließ. Je weniger man existiert, desto totaler ist man! Je mehr das “Ich” verschwindet, desto mehr ist die Totalität des Universums zugegen. Je weniger man weiß, will, entscheidet, desto mehr herrscht die totale Erkenntnis, die Vision überall, in allen Ecken und Enden des Universums – man ist im Zentrum von allem, denn man ist in dem Zentrum schlechthin. Dann weiß man, und dann handelt man. Und es ist der Körper, der weiß, und der Körper, der sieht. Die unzähligen kleinen Zellen überall. Alles kommuniziert mit allem, alles ist gegenwärtig. Das große Bewußtsein fließt und kennt in mannigfaltiger Weise die geringste Regung in jedem Detail seines eigenen Körpers. Die geringste mentale Einmischung der alten Bewegung verdirbt alles, bemerkte Mutter, das heißt die alte Art, mit seinem Körper umzugehen: Man möchte dieses und jenes, und man will ihn zu diesem oder jenem veranlassen… Sobald das wieder auftaucht, bleibt alles stehen, der Fortschritt hört auf. Man muß sich in einem Zustand der Wonne befinden, dann bemerkt man die einsetzende neue Funktionsweise. Allerdings ist das ein äußerst delikates Spiel. Eine winzige Kleinigkeit, der geringste Anlaß genügt – eine gewöhnliche Bewegung, eine Regung der gewohnten Funktionsweise –, und man gleitet aus Gewohnheit dorthin zurück (das hat winzige Ausmaße, es sind keine Dinge, die man sich leicht vergegenwärtigt, das kann etwas ganz und gar Unmerkliches sein, man muß ungeheuer aufpassen), wenn das eintritt, steht alles. Dann muß man warten. Man muß warten, bis das schließlich aufhört, das heißt in Andacht gehen – alles nochmal durchmachen. Und wenn man es wieder erwischt, wenn man mehrere Sekunden darin bleiben kann, manchmal sogar mehrere Minuten (wenn es mehrere Minuten sind, ist es herrlich) geht alles… Dann wird es wieder unterbrochen, und man muß von vorn anfangen.

Das heißt, das Denken bedeutet die automatische Störung. Die mentale Welt ist die Welt der Störung. Und da alles gestört ist, müssen Berge von Verwicklungen erfunden werden, um die allgemeine Störung zu entstören oder besser die Entstörung noch etwas mehr zu stören. Es handelt sich um jene Welt, in der man nichts unmittelbar weiß, wo es alles “vorherzusehen” gilt, alles zu organisieren gilt. Die große Organisation der Störung also. Dabei gibt es eigentlich nichts “vorherzusehen” – was auch vorhersehen? Jede Sekunde des Universums ist vollkommen neu, vollkommen frei, vollkommen organisiert in einem mannigfaltigen einzigartigen Wunder – EINS –, in dem jener Flug des Vogels über die Arktis sich genau mit diesem Hauch verbindet, der vor unserer Nase ein Blatt erzittern läßt. Es ist EINE Bewegung… präzise auf die Sekunde. Es ist nichts weiter zu tun, als diese Sekunde zu leben, das ist alles. Oder richtiger, diese ungeheure Sekunde in allem zu sein. Und zwar in den Zellen des Körpers. Es beginnt, einem anderen Gesetz zu gehorchen, bemerkte Mutter. Zum Beispiel auf die Minute genau zu wissen, was es zu tun gilt, was es zu sagen gilt, was eintreten wird. Besteht auch nur die geringste Bestrebung oder Konzentration darauf, es herauszubekommen, wird alles zunichte. Bleibt man aber einfach in dieser Art innerer Unbewegtheit, so weiß man automatisch um all die kleinen Lebensumstände, genau in der Minute, wo es erforderlich ist. Das, was man zu sagen hat, kommt: zack. Und nicht wie ein Auftrag von außen. Es kommt und ist da; was man antworten muß, ist einfach da; die Person, die eintritt, tritt ein, schlicht, ohne Vorwarnung. Man tut es automatisch. In der Welt des Mentals denkt man über die Sache nach, bevor man sie tut (das mag sehr schnell geschehen, aber es sind doch zwei Bewegungen), hier jedoch ist es anders.

Ein bewußter Automatismus4, so beschrieb Sri Aurobindo das supramentale Leben. Anstelle des unbewußten Automatismus des Animalischen und des Atoms wirkt derselbe Automatismus, aber im vollen Licht.

Das ist der große universelle Rhythmus im kleinsten Detail. In jeder Sekunde der große Rhythmus für alles. Es gab nur noch das… etwas… wie soll ich sagen? Das englische Wort “smooth” gibt den Eindruck am besten wieder: sanft, eben. Alles geht “smoothly”, alles, alles ohne Ausnahme: sich die Zähne putzen, das Gesicht waschen, alles… Es gibt nichts “Großes” oder “Geringes”, nichts “Wichtiges” und “Unwichtiges”. Es ist etwas so Gleichförmiges in seiner Vielfalt – kein Stoßen und Knirschen, keine Schwierigkeiten mehr… etwas, das immer fortschreitet in einer sanften Bewegung ohne Widerstände. Ich kann es nicht anders sagen. Es ist keine Intensität des Glücklichseins, denn auch das ist so gleich, so ebenmäßig – aber nicht einheitlich sondern mannigfaltig. alles ist so, in ein und demselben… was? Rhythmus (das Wort Rhythmus klingt hier brutal). Es ist keine Einförmigkeit, aber etwas so Gleichmäßiges, das einen so sanften Eindruck vermittelt, mit einer ungeheuren Macht in den nichtigsten Angelegenheiten, im kleinsten Detail… Keine Erinnerung mehr, keine Gewohnheiten: Die Dinge geschehen nicht, weil man gelernt hat, sie zu tun; sie geschehen spontan durch das Bewußtsein. Nicht so: “Ich muß jetzt da und da hingehen,” nein – in jeder Minute ist man einfach dort, wo man zu sein hat, und wenn man dort ankommt, wo man sein soll: Ah! Hier ist es.

In jeder Sekunde ist es hier.

In jeder Sekunde ist man.

Oder vielleicht wird man geboren.

Dies ist die Welt “ohne Folgen”, ohne Vorher oder Nachher, ohne fatale Konsequenzen – nichts ist hier fatal. Einzig und allein unser Kopf ist fatal und projiziert seine trüben und morbiden Gedankengänge in die Zukunft, verewigt so seine Krankheiten, verewigt den Tod, verewigt alles. Das Bewußtsein arbeitet unaufhörlich, aber nicht wie eine Folge von dem, was vorher gewesen ist, sondern wie eine Auswirkung von dem, was es in jedem augenblick wahrnimmt. Das Bewußtsein sieht unablässig, was es zu tun gilt. In jeder Sekunde folgt es… seiner eigenen Bewegung! Damit wird alles möglich. Genau das ermöglicht die Wunder, die Umkehrungen – das ermöglicht alles. Damit ist es genau das Gegenteil der menschlichen Schöpfungen.

Nichts ist mehr eingeschlossen.

Jede Sekunde ist total und rein.

Wir hatten alles in unseren Kopf gesperrt, selbst die Zeit und den Raum und die Chromosomen, aber die Welt ist nicht so, wir sehen eine Karikatur der Welt, eine wissenschaftliche und mathematische Hölle. Eine Welt-Täuschung, eine Welt-Illusion. Das “Wunder” entsteht allein dann, wenn unsere Logik ein Loch bekommt. Dann ist es das augenblickliche Wunder. Die Wissenschaftler sind die letzten Zauberer. Wir probieren alle möglichen Richtlatten aus… und bauen uns damit unseren eigenen Käfig. Dann plötzlich, auf einmal, ist da ein Hauch, golden, warm, entspannt, angenehm: Ja, aber das ist doch klar, so einfach ist das, denn ich werde ja ganz selbstverständlich und von allein zum richtigen Ort geführt. Was war das nur für eine Verwicklung! Weißt du… ich befinde mich hier in all diesen merkwürdigen Umständen und Verwicklungen, mit Leuten… alles ist so unglaublich verwickelt, und dahinter steht eine Art von bewusstseins-Kraft, ein Bewußtsein, das… wie ein Lächeln ist. Ja, ein Lächeln. Ein Lächeln, das alles versteht. Genau das ist es.

Das Lächeln der kommenden Welt.

Ich bin sicher, daß es sich um den Übergang von diesem Leben zum wahren Leben handelt. Befinden wir uns einmal ganz und gar auf dieser Seite, ja, dann wird das Spekulieren aufhören, das ewige “Erklären”-Wollen, das Folgern-, Beschließen-, Arrangieren-Wollen. Damit ist es dann vorbei. Wüßten wir nur… zu sein – einfach zu sein!

8. Kapitel: Der Austritt aus dem zweiten Netz oder. Der Neue Körper

Wie kann diese neue Seinsart eine neue Materie schaffen?

Der Körper wird auf andere Weise bewegt, er erkennt auf andere Weise, er handelt auf andere Weise, dennoch ist er in der gewohnten alten Art undurchlässig, er verdaut wie alle übrigen, atmet wie alle übrigen, und selbst wenn sein Herz anderen Gesetzen gehorcht (sonst wäre er bereits zwanzigmal tot), pumpt es trotz alledem Blut durch die Adern. Selbst wenn der Verschleiß aufhört, ist das allein eine Galgenfrist inmitten des Todes. Das ist keine neue Art, sondern die alte in ausgebesserter Form. Die Gen-Techniker bilden sich vielleicht ein, durch Umstellung oder Veränderung der Molekularordnung ein anderes Wesen zu produzieren. Hegen sie aber allen Ernstes diese Hoffnung, so irren sie sich. Sie werden Monster und Zerrbilder erschaffen oder bestenfalls noch höhere Über-Gehirne – doch das werden Abarten desselben alten Typus sein, aus derselben Substanz gewebt. Man kann die Moleküle von Napoleon, Shakespeare und Dante zusammenwürfeln – es wäre interessant, das Ergebnis zu betrachten –, aber es wäre doch nur der gleiche alte Mensch, unter Umständen schlimmer. Das, was auf den Menschen folgt, entsteht wahrscheinlich (sicherlich) vom Menschen ausgehend, aber ergänzt durch ein Element, das nicht vom Menschen stammt. Ein neues Element, das den ganzen Unterschied ausmacht – und in welchem Gen, in welchem Molekül werden sie dieses neue Element suchen? Wir denken uns die Entwicklung der Arten immer wie eine fortlaufende Folge (?), aber das sind Arten innerhalb derselben animalischen Art. Die nächste Spezies gehört nicht mehr dem Tierreich an. Sie ist keine Abart des Alten mehr, sondern etwas anderes. Ein neuer evolutionärer Saltus gleich dem vom Mineral zur Pflanze oder von der Pflanze zum Tier. Ein kommendes neues Artenreich. Eine andere Materie, die derselben ewigen Materie entspringt. Ist denn ein Wesen vorstellbar, das aus einer Materie gemacht sein wird, die von der unsrigen so verschieden ist, wie die Materie des Granits sich von der Materie der Rose oder der Libelle unterscheidet? Etwas, das weder Mineral noch Pflanze noch Tier sein wird? Das ist unmöglich, wird man sagen, das ist nicht Teil der bestehenden Zusammensetzung, oder sonst sind es Phantasiekörper, himmlische Erscheinungen mit dem ganzen esoterischen Theater. Aber wir sprechen von der Materie, nicht von Wundern, es sei denn, es wäre das Wunder der Materie.

Das physische Mental, sagte Sri Aurobindo, zeichnet immer seine unabänderliche Linie durch die Gegenwart und sagt: “nicht weiter”. Und wenn diese unabänderliche Gegenwartslinie durchbrochen und überwunden wurde, errichtet es eine neue Linie und schreit: “Bis hierher und nicht weiter!” Wäre ein elementares Wesen, mit einem physischen Mental ausgestattet, bei den verschiedenen erdgeschichtlichen Stadien zugegen gewesen, hätte es genau so gesprochen. Hätte man ihm angekündigt, als es die Materie aber noch kein Leben gab, daß bald das Leben in einem Körper aus Materie auf der Erde geboren würde, hätte es geschrieen: “Was ist denn das? Das ist unmöglich, so etwas kann nicht geschehen! Das Leben kann nur in einem Subtilkörper bestehen. Es hat noch nie in der groben Materie existiert und wird sich dort auch niemals verkörpern. Was, aus dieser Masse von Elektronen, Gasen, chemischen Elementen, diesem ganzen Morast und Wasser, aus dieser Masse von Steinen und trägen Metallen wollen Sie Leben ziehen? Werden die Metalle etwa zu laufen anfangen? Wird der Stein plötzlich lebendig?” 5

Und jetzt, wo nur das “Leben” existiert und kein “Über-Leben”, werden diese DNS-Körper und Lungenbläschen und diese so ausgezeichneten grauen Zellen je anders leben können als in der guten Luft des lieben Gottes (die in letzter Zeit ein wenig verschmutzt ist) – anders als in dieser vernünftigen und greifbaren Materie? Das ist unmöglich, dafür muß man zum Himmel fahren.

Wie läßt sich diese andere Materie herstellen? Wie sieht sie aus? Sie wird doch nicht etwa vom Himmel fallen?

Eine Seinsart

Wir nähern uns dem geheimnisvollsten Teil von Mutters großem Wald, und doch spüren wir, daß es ganz einfach sein müßte. Sie kannte den Weg nicht. Sie ging einfach voran. Sie sagte: Ich sah dies, ich spürte jenes, ich hatte diese Erfahrung… Das schien überall aufzutauchen und in alle Richtungen zu führen – es waren Tatsachen, aber die Tatsachen von was? Es gab Tausende Tatsachen… von etwas, dem man keinen Namen, keine Definition geben konnte, das man sich nicht zusammenreimen konnte. Während das Baby aufwächst, ist der Garten da: Steine, Gräser, all diese unzähligen und namenlosen Dinge, die spüren, lebendig sind und auftauchen, und was dann? Erst viel, viel später wird daraus “ein Garten”. Manchmal beklagte ich mich bei Mutter, sogar noch 1972, ein Jahr vor dem Ende des “Gartens”: “Ich verstehe nicht sehr gut, welchen Kurs wir eigentlich verfolgen.” – Ich persönlich verstehe ihn überhaupt nicht.… Lediglich… [und sie öffnete ihre Hände in einer Geste der Hingabe]. Das ist nicht einfach. Wenn der Leser also annimmt, ich wollte ihm etwas “zeigen” – was auch immer –, dann irrt er sich. Ich versuche einzig und allein, den Garten zu verstehen, ohne zu wissen, wohin das führt oder um was es sich eigentlich handelt. Es mag die neue Welt sein, aber in der Zwischenzeit ist es nichtsdestoweniger sehr seltsam.

Eines Tages im Jahre 1970 machte Mutter folgende Bemerkung: Ich habe den Eindruck, daß etwas im Körper entsteht, eine Seinsart der Zellen, die der Anfang eines neuen Körpers sein wird. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn sich das einstellt. Wirklich seltsam. Der Körper selbst hat das Gefühl zu sterben – etwas… von dem er nicht weiß, was es ist. Nur ein sehr intensiver Zustand des Glaubens läßt einen das aushalten. Als würde ein Ding in ein anderes verwandelt. Als versuchte das, was ist, sich in etwas anderes zu verwandeln. Doch das ist… schwierig. Etwas ganz und gar Neues. Das ganze Mysterium ist in diesen Sätzen enthalten. Eine Seinsart der Zellen, die der Anfang eines neuen Körpers wäre… Wie kann eine Seinsweise einem neuen Körper Gestalt geben?

Offensichtlich ergibt eine bestimmte Seinsart einen Salamander, und eine andere bringt eine Blume oder einen Menschen hervor. Was aber ergibt den Salamander am Anfang? Was ist der Auslöser? Immer der berühmte “Auslöser”, das “erste Mal, daß…”. Wir als Nachkommen sagen: Das ist ganz einfach, das prägt kleine Protein-Moleküle nach dem und dem Schema, und stört man das Schema, ergibt es keinen Salamander mehr, sondern es ergibt… was? Wodurch aber begann es sich auf diese Weise zu prägen, wodurch wollte es sich auf diese Weise prägen und nicht auf eine andere? Hier macht man es sich bequem und führt die “Natur” oder die “Evolution” an, das ist ganz einfach. Wo aber ist diese Dame oder dieser Herr, dieses Etwas, das es von Anfang an so oder so wollte – es sei denn, wir denken, nichts habe etwas gewollt oder niemand habe überhaupt je ursprünglich etwas gewollt, oder wir bemühen den lieben Gott. Denn wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß die Wissenschaftler den lieben Gott insgeheim hinter ihren griechisch-lateinischen Molekülen versteckt mit sich umhertragen. Also hat doch jemand etwas gewollt – man muß wollen, um zu tun, Himmel! Oder man muß sehen, um zu tun, oder man muß… etwas sein. Beim Säugling sind es die Eltern, die drängen. In der ungeformten Gallertmasse aber muß es “etwas” geben, das antreibt (es das “Leben” zu nennen, überträgt das Geheimnis nur auf eine andere Unbekannte), etwas, das auf etwas zustrebt – etwas, das heißt ein Wesen, ein Selbstbewußtsein, auch wenn es in nichts unseren erhabenen Überlegungen ähnelt; eine Art zu schwingen oder zu streben, die sich der vorhandenen Mittel bedient, um seine Existenz zu prägen oder zu sekretieren. Schiebt man es auf die Sonne oder die Aminosäuren oder ein Sperrfeuer von Kleinst-Teilchen plus einer bestimmten Anzahl von Wärmegraden, so ist das gleichbedeutend mit der Aussage, das Gefängnis habe den Gefangenen erbaut, und wir haben eine Wissenschaft für Gefangene. Selbst die Aminosäuren wollten etwas sein, sie haben ihre Art zu schwingen – ihre Seinsart. Wir betreiben hier keine Philosophie, und offen gestanden ist uns die Philosophie auch vollkommen egal, uns liegt nichts daran, Marxist oder Spiritualist zu sein, wir versuchen schlicht, das Phänomen zu verstehen. Das Phänomen ist das eines Körpers oder genauer dasjenige der Zellen eines bestimmten Körpers, die ihre Gewohnheit verloren hatten, in den vom physischen Mental festgelegten Bahnen zu kreisen, die dabei aber nicht ihre Seinsgewohnheit verloren: Sein bedeutet pochen, schwingen, streben… vielleicht wollen, ohne dabei aber so recht zu wissen, was es will oder wohin es geht. Also Zellen, die sich im Zustand des “ersten Mals, daß” befinden, allerdings nachdem sie die ganze Reise des Menschlichen durchlaufen haben. Was werden sie prägen, welche Substanz? Was geschieht mit ihnen? Notwendigerweise formt ein Wesen einen Körper; auf ihre Weise bindet eine Seinsweise oder eine Schwingungsweise die Materie oder die Substanz – bindet das, was da ist, wenn man so sagen darf. Aber was ist da?

Wüßten wir, was da ist, das heißt die reine Sache, die sich ohne die alten Muster prägen läßt, stünden wir vor dem Geheimnis der Welt. Vielleicht haben wir diesen ungeheuren Kreislauf der Prägungen in der Evolution durchlaufen, um auf den Augenblick zu stoßen, wo wir individuell gestaltet, individuell bewußt das Geheimnis des Anfangs berühren können, die Sprungfeder des Anbeginns, die Energie oder die Materie oder das Sein des Ursprungs – das, was da ist, rein, ohne all die evolutionären Krücken, die uns bis hierher trugen. Wir gehen also über von der Wissenschaft der Krücken zur Wissenschaft des Seins, von der Wissenschaft unserer alten Gefängnisse zur Wissenschaft der Freiheit. Das wäre wenigstens eine faszinierende Wissenschaft.

Der Austritt aus dem zweiten Netz

Hier bleiben uns nur die “Tatsachen” (auch wenn wir nicht immer wissen, von was es Tatsachen sind), das heißt die Erfahrungen reiner Zellen, so wie sie uns Mutter stockend mitzuteilen suchte. Und was für eine Fülle von Erfahrungen, teils scheinbar widersprüchlich, wahrscheinlich aber nicht widersprüchlicher, als die Gräser und Steine im Garten dem kleinen Teich in seiner Mitte widersprechen; nur daß man ihre Beziehung zueinander nicht recht versteht, weil man den “Garten” nicht kennt.

Das anfangs häufigste Phänomen scheint eine Art zellularer Verflüssigung oder eine Verflüssigung des zellularen Bewußtseins zu sein, das heißt die Auflösung des Zusammenhaltprinzips dieser Zellen, der normalen Schwingung, die sie verbindet und ein menschliches oder eidechsenförmiges “ich” ausmacht, die Auflösung des sich wiederholenden Etwas: Das ist wie eine Ausdehnung – etwas, das schmelzen will. Dieser Eindruck ist sehr, sehr stark. Und das erzeugt eine außerordentlich mächtige Schwingung in den Zellen, etwas gänzlich außer Proportion zum menschlichen Körper – etwas Ungeheures, das sie durchdringt. Genau diese Schwingung ist unser Geheimnis. Man nennt es die supramentale Schwingung, aber wir wüßten gern, was dieses Supramental ist. Wenn ich mich umschaue, sehe ich manche Leute, die schmelzen (nicht viele, sehr wenige), andere sind entsetzt! Sie stehen auf und nehmen die Beine unter die Arme… Und tatsächlich war es schon etwas furchterregend, wenn man “das” passieren spürte, aber furchterregend deswegen, weil es vollkommen ungewohnt ist für einen menschlichen Körper, eine seiner Substanz so fremde Schwingung, daß sie beinahe bedrohlich erscheint. Es genügt, die äußere Aktivität einzustellen, aber nur zwei, drei Sekunden, höchstens ein, zwei Minuten, und der Körper fühlt sich treiben, treiben, einfach dahintreiben. Man sieht eine Unermeßlichkeit gleich einem Ozean dieses vibrierenden, leuchtenden, goldenen und mächtigen Bewußtseins. Und darin treibt er dahin… Und wir fragen uns, ob es sich hier nicht um den Urstoff handelt. Jenes “Etwas”, das jeder einzelne und jede Spezies auf ihre Weise prägte, kanalisierte, konkretisierte oder fossilisierte: die Ursubstanz der Welt, jene Schwingung, von der alle anderen Schwingungen herstammen oder von der alle anderen Schwingungen eine Verkleinerung, Gestaltung oder Verunstaltung bilden – im Maßstab eines Geißeltierchens oder eines Salamanders. Das, was wir “Materie” nennen, ist eine Art, sie zu prägen oder zu vereinnahmen, und es gibt alle möglichen Abstufungen von Materie. Was wird dann in einem Körper geschehen, der sich davon im Reinzustand durchdringen läßt? Wird er sich darin auflösen oder sie auf andere Weise “vereinnahmen”? Wie wird das neue Prinzip der Zellbindung aussehen, falls dies überhaupt möglich ist?

Die Anfänge dieser Erfahrung sind für den Körper sehr “beunruhigend”. Diese Ausweitung kommt einer Auflösung gleich; es gibt keinerlei körperliches “Ich” mehr, das so fleißig seine Verfestigungsschwingung wiederholt, sein unaufhörliches, unsichtbares Zittern, welches den Zusammenhalt ausmacht: Wie kann man ohne das Ego die Gestalt bewahren? Hier liegt das Problem. Das ist genau die faszinierende Entwicklung, die gerade stattfindet. In manchen Augenblicken meint man, alles löse sich auf, alles falle auseinander. Ich sah genau, was geschieht: Anfangs ist das physische Bewußtsein nicht hinreichend erleuchtet, und sobald diese inneren Vorbereitungen einsetzen, hat es den Eindruck: “Oh, dies wird doch nicht den Tod ankündigen?” Dann, nach und nach, kam das Verständnis, daß es nichts dergleichen ist, sondern daß es sich allein um die innere Vorbereitung handelt, um fähig zu sein. Ich sah im Gegenteil mit großer Deutlichkeit: Wenn diese eigenartige Plastizität und außergewöhnliche Geschmeidigkeit verwirklicht wird,… bedeutet dies offensichtlich die Aufhebung der Notwendigkeit zu sterben. Das ist soviel wie ein unbekannter Zustand, oder man könnte sagen, ein Zustand, der noch nicht physisch verwirklicht wurde. Nichts vereinnahmt oder fängt mehr den Strom, so gibt es offensichtlich keinen Grund mehr zu sterben, denn nur das Gefängnis oder die Verhärtung des Stroms bewirkt die Notwendigkeit des Todes. Wie hält man sich dann in dieser “Plastizität” aufrecht? Mit diesem Problem schlug sich Mutter monatelang herum, und in gewissem Maße blieb dieses Problem bestehen, bis sich etwas Neues in dem Körper formen konnte, eine Art “geschmeidiger Festigkeit”, wie sie sagte. Das Schwierige ist der Übergang. Spontan, das heißt seinen alten Gewohnheiten und Seinsweisen überlassen, ist es sehr schwierig für den Körper. Es bedeutet eine innere Organisation, die der Störung sehr nahe kommt. Es ist schwierig. Diese Probleme stellen sich ja unaufhörlich, für alles und jedes – es gibt keine Tätigkeit des Körpers, welche nicht durch diese Fluidität in Frage gestellt wird. Essen wird zum Problem, Schlafen wird zum Problem, Sprechen wird zum Problem – alles ist ein Problem… Die Vorgangsweise ist nicht mehr die alte, es ist nicht mehr, wie es war. Aber so, wie es ist, ist es noch nicht zur Gewohnheit geworden, zur spontanen Gewohnheit. Das heißt, es ist nicht natürlich, und das erfordert eine andauernde Achtsamkeit des Bewußtseins für alles, selbst um einen Bissen zu schlucken… Ach, es ist schwierig! Durch eine bewußte Konzentration muß man einen Zustand, eine Seinsweise aufrechterhalten, die gemäß der alten Natur unnatürlich ist, die aber offensichtlich die neue Seinsweise ist. Es ist beinahe eine Herkules-Arbeit.

Diese neue Seinsweise ist zunächst fast eine Nichtseinsweise, denn “Sein” bedeutet all die alten Seins- und Wesensgewohnheiten. In ihr gibt es kein besonderes Zentrum mehr, kein Gefängnis, sie dehnt sich überallhin aus. Der Körper spürt die ankommenden Kräfte, aber… er spürt nicht einmal mehr, daß das durch ihn hindurchgeht. Das geht hindurch ohne… Durch was? Man weiß es nicht. Es ist sehr inexistent. Gibt es dann einen Anflug von Selbstbewußtsein oder etwas Derartigem, wird es ganz und gar unangenehm, ein Unwohlsein – ein unsägliches Unbehagen. Verstehst du, das hat keine Grenzen [Mutter deutet auf ihren eigenen Körper]. Das ist merkwürdig… Ein merkwürdiges Phänomen unter vielen anderen: Ich habe nicht den Eindruck, daß “ich” esse, es gibt kein Bewußtsein davon, die Dinge in den Mund zu tun, sie zu schlucken und so weiter… Nein, etwas ist gleichzeitig in mir und in der nahrung. Nicht etwas, das “eintritt”, “eingeführt” wird; es gleicht etwas, das sich entwickelt [Mutter beschreibt mit den Händen eine Kräfte-Zirkulation in der Luft], das frei ist, sich zu entwickeln. Dann ist es gut. Werde ich mir aber des alten Bewußtseins bewußt, das darin besteht zu essen, die Nahrung zu schmecken, sie in den Mund zu stecken – dann wird es schwierig. Ich habe die größte Mühe der Welt, mich nicht zu verschlucken… Diese Empfindung “dessen, durch das etwas hindurchgeht” gibt es nicht mehr, in keiner Weise, “das, durch das das Göttliche hindurchgeht” – nein! Es ist bewegungslos und inexistent; es hat kein Selbstbewußtsein mehr, allein und einzig das Bewußtsein der göttlichen Aktion. Dann ist es gut. Sobald auch nur die einfache Empfindung entsteht, etwas gehe “durch”, kommt das Unwohlsein. Ich könnte sagen (das klingt, als wäre es Literatur), in einem bestimmten Zustand, in welchem er sich nicht mehr spürt oder in dem es nur noch das Bewußtsein des Göttlichen gibt, da ist es das Gefühl einer Unsterblichkeit, einer Ewigkeit, und sobald es die geringste Empfindung gibt von “etwas, worin” sich das Göttliche manifestiert, da wird es absolut das Gefühl des Todes – man wird augenblicklich wieder sterblich.

Man fällt zurück ins Gefängnis.

Man imprägniert sich sofort wieder mit dem Tod.

Dieser Zustand ist sehr akut geworden, fügte sie hinzu. Und er sollte immer akuter werden. Die geringste Störung, und es ist vorbei! Ich kann nicht mehr schlucken, ich kann kaum noch atmen… Man hat den Eindruck eines Lebens, das sich darauf vorbereitet, von etwas anderem als den gewohnten Bedingungen abhängig zu sein; diese anderen Bedingungen gibt es noch nicht, der Körper ist sie noch nicht gewohnt, und so schafft der Übergang vom einen zum anderen eine beständige Schwierigkeit. Ein andauerndes Paradox allem gegenüber, ein radikaler und in jeder Minute gefährlicher Widerspruch… im Grunde genommen zwischen dem Lebenszustand und dem Todeszustand, zwischen dem neuen und dem alten Stadium. Es ist unglaublich: entweder das wahre Bewußtsein oder das Gefühl einer allgemeinen drohenden Gefahr. Verstehst du, alles, zu essen, ein Bad zu nehmen, ist eine Gefahr… Als zeigte man dem Körper in allen möglichen Umständen – unzähligen Umständen –, wie man dem Tod entgegengeht oder wie man dem Leben entgegengeht: alles, alles, alle Teile des Körpers, alle Organe, alle Körperprozesse, einer nach dem anderen – es ist unbeschreiblich… Sonderbar ist, sobald es das geringste Nachlassen in der Haltung gibt, zum Beispiel eine Sekunde des Vergessens (das, was man Vergessen nennen könnte, die alte Gewohnheit von früher, die alte irdische Gewohnheit, die wiederkehrt), spürt der Körper augenblicklich, daß er sich auflösen wird. Für zwei, drei Sekunden kommt der Eindruck, daß sich alles auflösen wird.

Manchmal wußte Mutter überhaupt nicht mehr, wo sie war, auf dieser Seite oder auf der anderen, dem Tod oder dem Leben entgegengehend, der Auflösung entgegen oder etwas anderem, und manchmal entfuhr ihr ein Schrei: Verstehst du, ich habe den Eindruck, in eine Welt eingetaucht zu sein, die ich nicht kenne, mich mit Gesetzen herumzuschlagen, die ich nicht kenne, um eine Veränderung zu bewirken, die ich auch nicht kenne – welcher Art ist diese Veränderung? Und ich versuchte Mutter etwas zu sagen, das ich zutiefst empfand, eine innere und offensichtliche Wahrheit: “Ja, aber Mutter, ich habe ganz stark den Eindruck, daß du durch diese Obskurität, durch diese Ignoranz der «Gesetze» wissentlich zu dem Punkt gebracht wirst, wo sich die Lösung findet.” – Du hast recht! Du hast recht! Wenn du willst, «denke» ich so (ich denke nicht, aber…), es gibt eine Wahrnehmung in dieser Art. Doch… all das, was dazwischen liegt. Und schließlich lachte sie und mokierte sich über mich: Mach weiter so! Du kannst weiter so darüber denken! Und ich protestierte, ich war mir der tiefen Logik dieser Hölle so sicher, ich sah fast die andere Seite dieses Niemandslandes: “Es kann unmöglich fehlgehen!” – Warum? Da brach es aus meinem Herzen hervor, als läge die ganze Hoffnung der Erde in diesem unmöglichen Übergang: “Weil du der Körper der Welt bist! Weil das wirklich die Hoffnung ist!” – Aber… ist das nicht nur Poesie? Das war wirklich typisch für Mutter, diese “Poesie”, von der sie nichts wissen wollte, vor der sie sich vielleicht schämte, denn schließlich machte sie ja diese Poesie. – “Aber nein, Mutter, das ist keine Poesie: das ist so. Man braucht doch nur zu sehen, wie die äußere Welt immer höllischer wird!” – Ah, das ja! – “Und es ist dasselbe in deinem Körper.”

Das war es tatsächlich. Es war der Übergang zu einer anderen Welt, einem anderen Reich, einer wahren Erde, einer freien Erde, jenseits aller Käfige.

Der Austritt aus dem zweiten Netz.

Der Austritt aus dem physiologischen und genetischen Käfig.

Das war 1970.

Der Schlüssel zum neuen Körper

Tatsächlich lag die gesuchte Lösung dort, greifbar nahe, ohne daß man es merkte. Die Lösung lag in der Schwierigkeit selbst. Der Übergang vom Gestein zum belebten aber noch statischen Leben der Pflanze mußte eine ungeheure Zerstreuung des Steinkäfigs bedeuten, und derjenige von der Pflanze zur Bewegung des Tieres eine weitere schwindelerregende Auflösung – und der folgende? Ein Übermensch ist leicht zu verstehen, aber der nächste Mensch? Was ist das, wenn es weder die Bewegtheit des Lebens noch die statische Unbewegtheit des Felsens hat? Der Widerspruch oder das Paradox wurde beständig größer in diesem animalischen Leben, das abstarb, um zu Gott weiß was geboren zu werden. In manchen Augenblicken spürt der Körper eine so mächtige Kraft, daß er alles tun könnte… eine Kraft anderer Art, viel mächtiger als vorher. Und dann gibt es Augenblicke, wo er sich kaum aufrecht halten kann, und zwar aus einem Grunde, der nicht… körperlich ist. Er ist nicht mehr… er wird nicht mehr von denselben Gesetzen regiert, die uns aufrecht halten… Was tun? Und dann: Eine merkwürdige Erfahrung. Wirklich eine merkwürdige Erfahrung. Der Körper spürt, daß er nicht mehr der alten Seinsweise angehört, er weiß aber auch, daß er noch nicht der neuen Seinsweise angehört und daß er… er ist nicht mehr sterblich, und er ist noch nicht unsterblich. Das ist wirklich merkwürdig, sehr merkwürdig. Manchmal geht man von der schlimmsten Malaise über… zu etwas Herrlichem. Ich muß mich die ganze Zeit konzentrieren, stark konzentrieren, um die Dinge zu erledigen [und man sieht, wie Mutter versucht, etwas um “sich” zu sammeln, das überall ausgebreitet ist]. Manchmal gibt es nicht einmal mehr ein Wort in meinem Kopf, nichts. Manchmal sehe und weiß ich alles, was überall vorgeht… Ich muß wirklich achtgeben, wenn ich mit Leuten zusammen bin, sonst glaubt man noch, daß ich verrückt geworden bin. Es ist wirklich merkwürdig, wie eine vollkommene Machtlosigkeit und gleichzeitig eine ungeheure Macht. Und dann wieder kann ich manchmal nicht einmal essen. Und ich fragte Mutter: “Wenn man nur wüßte, was dieses Überkippen von der einen auf die andere Seite auslöst…” – Genau! Es ist offensichtlich der Versuch, den Körper das wissen zu lassen, und manchmal findet er sich plötzlich… außerhalb aller Gewohnheiten, außerhalb aller Handlungen und Reaktionen, Konsequenzen, usw., und das ist… eine Verwunderung. Dann verschwindet es wieder. Das ist so neu für das materielle Bewußtsein, daß es einem jedesmal wie… am Rande eines Abgrundes vorkommt. Für eine Minute gerät das Bewußtsein in Panik. Denn von Anfang an und die ganze Zeit bleibt eine Art “gesunder Menschenverstand”, der im Wesen verwurzelt ist, der sich dem Phantasieren verweigert und sagt: Ich möchte mir nicht dies oder jenes einbilden… Auch mit neunzig Jahren wußte Mutter noch immer die Tugenden von Mathilde zu schätzen. Und so akzeptiert das Bewußtsein Dinge allein, wenn sie ganz und gar konkret sind. Es ist wirklich zu leicht, anzufangen zu spinnen und… Das kommt nicht in Frage. Es geht um das ganz Praktische, Konkrete. Deshalb bin ich sicher, daß dies nicht das Ergebnis mystischer Phantastereien in mir ist, vollkommen ausgeschlossen. Dieser Körper hat nichts von einem Mystiker in sich, überhaupt nichts, Gott sei Dank! Da sagte ich Mutter: “Gäbe man einer Raupe durch beschleunigte Evolution plötzlich Menschenaugen…” – Ja! rief sie aus. – “Das wäre erschreckend.” – Genau, das ist es.

Und genau das war es.

Gleich einem unsichtbaren Zeichen schien etwas anderes hervorkommen oder durchscheinen zu wollen. Aber wenn man sich darin befindet, weiß man nichts davon, man sieht sich selbst nicht als seiend. Man sieht wohl das Alte wegfallen, aber das Kommende ist so neu, daß es noch wie unsichtbar ist. Um es sehen zu können, müssen sich die Augen erst daran gewöhnen. Vielleicht erfordert es die Augen der nächsten Seinsweise – was bedeutet schon ein Mensch für eine Libelle? Existiert er überhaupt für sie? Er trägt weder Pollen noch das hübsche Glitzern der frischen Wasser. Unsere Augen sind schrecklich funktionell, und wenn etwas nicht mehr ihrer Funktion entspricht, selbst ihrer ästhetischen Funktion, was ist es dann? Das Körperbewußtsein verändert sich langsam, und zwar dahingehend, daß seine ganze Vergangenheit es fremd anmutet. Es gleicht dem Bewußtsein von jemand anderem, dem Leben eines anderen. Seine “Lage” in der Welt verändert sich, wenn du so willst, als gäbe es keine Vergangenheit mehr. Weißt du, man ist so sehr nach vorn ausgerichtet, daß es hinten nichts gibt. Ein seltsames Gefühl. Ein seltsames Gefühl von etwas, das anfängt, überhaupt nicht von etwas, das aufhört. Etwas, das anfängt. Mit all dem Unbekannten, Unvorhergesehenen… Seltsam! Die ganze Zeit habe ich den Eindruck, daß die Dinge neu sind, daß mein Verhältnis zu ihnen neu ist. Auch der Körper hat den Eindruck einer neuen Art von Gespür, einer neuen Art zu reagieren… Sehr seltsam! Und stets scheint diese “unaussprechliche Malaise” jeden Schritt und jede Bewegung zu beschatten, hundertmal täglich, wie ein Hin und Her vom Käfig zu etwas anderem, die herrliche Öffnung und dann der Rückzug – vielleicht der Rückzug, um die Kraft zu sammeln, noch weiter zu springen? Wir verstehen nichts von unseren Schwierigkeiten, sie sind stets unser Sprungbrett! Wenn das Unbehagen kommt, gibt sich der Körper meistens sofort hin – als würde er sagen: “Wenn das der Tod ist, dann gut, Dein Wille geschehe!” Verstehst du, die vollkommene Hingabe. Und manchmal, wenn die Hingabe… mehr oder weniger erfolgreich ist – ich weiß nicht, wie ich es erklären soll –, dann kommt eine Klarheit, eine Fassungskraft, eine selbstverständlichkeit von allem. Und wir fragen uns, ob dieses andere, kommende Leben, dieses andere Reich, das kein mineralisches, kein pflanzliches, kein animalisches mehr ist, diese unfaßbare Bewegung, nicht das ungezählte Leben ist, nicht mehr eingeschlossen in eine Schale, Rinde oder Haut eines Steins, Baums oder Menschen, sondern etwas, das unmeßbar läuft, das unmeßbar ist – die Selbstverständlichkeit von allem. Der Zustand der Selbstverständlichkeit schlechthin. Denn nichts ist für uns selbstverständlich, man muß den Dingen immer nachlaufen, und selbst wenn man sie erwischt, muß man sie immer noch “betrachten”. Hier hingegen befinden wir uns einfach in ihnen, in allem – sie sind offensichtlich. Welcher Körper aber kann das? Handelt es sich doch um einen Körper, kein losgelöstes, umherschweifendes Bewußtsein. Ein wirklich bemerkenswerter Zustand, der aber nicht andauert. Der geringste Umstand stört ihn. Ich weiß, der Körper spürt, wenn er sich vollkommen hingeben könnte, nicht mehr unabhängig existieren würde, keine persönliche Anstrengung mehr machen, keinen persönlichen Willen mehr haben würde… wenn ihm das gelänge, wäre alles in Ordnung.

Die Hingabe, ja, wie könnte man auch das Andere werden, wenn man sich an die physiologischen Prozesse des Alten klammerte, seien es auch die besten?

Vollkommene Hingabe bedeutet für den Körper die Akzeptanz des Todes. Eine physiologische Akzeptanz… Mental mag sich das sehr hübsch anhören, aber auf der Ebene des erstickenden Atems?

Genau an diesem Punkt berühren wir den Schlüssel oder Hebel. In dieser unsäglichen Malaise, in die der Körper gestürzt wurde, in dieser Art Rückkehr zum Tode (tatsächlich dem Ersticken: ein Körper erstickt, wenn er in die Gewässer des Todes dringt), wurde etwas ausgelöst, immer dasselbe, etwas Einfaches, Automatisches, Tausende und Millionen von Malen wiederholt, denn die Tage und Nächte bestehen aus vielen, vielen Sekunden (86400): Eine intensive Aspiration im Körper. Das einfachste Phänomen, das es gibt. Es gibt nichts mehr, also muß man sich an etwas halten: genau die Bewegung des ersten Atems der Welt, die eine Aspiration gewesen sein muß. Ein Ersticken des Nicht-Seins, das sein will. Der tiefe Pulsschlag des Lebens, allen Lebens. Die erste Prägung von etwas um einen Kern. Das geheime Gebet der Dinge. Der verborgene Name der Wesen. Er ist dort, in der Tiefe; meistens muß er Schichten um Wesensschichten durchqueren und prägt nichts als eine Gewohnheit. Doch dieser erste Schrei der Materie, dieses Bedürfnis zu sein oder vielleicht dieses Bedürfnis zu lieben, steht am Anfang jeder Spezies, jeder Sache. Dieses Bedürfnis wächst mit jeder Spezies, jedem Schritt der langen Reise. Manchmal, von allem bar, vielleicht gebrochen, entspringt es aus dem Grund unseres Körpers. Ein Brennen. Eine Glut, die der Liebe gleicht, etwas so Regloses, das doch von geballter, fast überbordender Macht ist – ein Zuviel von Etwas, das zugleich sehr lieblich und sehr unerträglich ist, als stehe man vor dem Zerspringen. Es geschieht im Körper und scheint von überall gleichzeitig aufzusteigen. Das hat nichts mit Gefühlen zu tun, es gleicht einer Sturmflut von Flammen. Und seltsamerweise liebt es. Als wäre man randvoll der größten Beklemmung, der unerträglichsten Leere, beinahe eines physischen Schmerzes, und gleichzeitig voll einer Fülle von Etwas, das zum ersten Mal wir selbst zu sein scheint. Alles andere zerfällt zu Staub, das aber ist, souverän. Das ist sogar alles, was ist. Augenblicke des Todes, die einem souveränen, aber unsäglichen Leben gleichen. Zwanzig Jahre später glänzt das noch wie pures Gold, als wären das Augenblicke der Ewigkeit im Körper. Einmal fragte ich Mutter, was das sei, diese intensive Aspiration, die sich manchmal im Körper erhebt: Ich denke, das, was wir als intensive Aspiration bezeichnen, muß die supramentale Schwingung sein. Auf dem Grunde des Körpers – aller Körper – ist es das: die erste Schwingung, die das Leben in unzähligen Formen und Gestalten prägte, sich verkrustete, hart und schematisiert wurde, doch sobald man die Gewohnheit ein wenig behämmert oder ankratzt, tritt es an die Oberfläche. Es kommt augenblicklich. Es ist das Wesen von allem, was kraucht, schläft, ißt, tötet und vergißt, so sehr vergißt, was es ist. In jedem Ding gibt es diese leuchtende, goldene, imperative Schwingung – die notwendigerweise allmächtig ist.

So haben wir den Schlüssel des neuen Körpers, denn es ist der Schlüssel aller Körper, die jemals auf diesem Planeten hergestellt wurden. Es ist der Urstoff der Welt, die wahre Materie.

Eine sehr besondere Schwingung.

Der Urstoff

Wir können uns leicht diesen “warmen Goldpuderregen” vorstellen, der 1958 – zwölf Jahre früher – Mutters erste unmittelbare supramentale Erfahrung darstellte, als sie auf den Grund dieses “Unbewußten” hinabstieg, das heißt (heute verstehen wir das), als sie die Kruste des physischen Mentals durchstieß: den Felsen der Rishis. Gleich einem Puderregen aus Atomen, die mit extremer Intensität vibrierten, sagte sie. Unsere Atome könnten gar ein erster Mantel, eine erste Prägung dieser grundsätzlichen Schwingung sein. Eine Unermeßlichkeit aus unzähligen, unmerklichen Punkten. Eine Vielzahl kleiner Goldpunkte, nichts als das. Es schien, als berührten sie meine Augen, mein Gesicht, mit einer ungeheuerlichen darin enthaltenen Macht und Glut!… Heute läßt sich der Lauf dieser zwölf Jahre leichter verfolgen: die langsame Vorbereitung, um das Netz des physischen Mentals zu durchqueren; die Ausweitung, die Universalisierung, um den “kochenden Brei” dieses supramentalen Goldpuders auszuhalten, ohne zu zergehen, diese Bewegung, welche die Kraft oder die Macht übersteigt, die die Zellen zusammenhält, wie sie 1963 bemerkte; die langsame Klärung der Zellen, um sie von ihrem undurchsichtigen Rand zu befreien und ihren Kern zu erreichen, die Urschwingung, frei von allen Schichten alter Prägungen – diese “vibrierende Unermeßlichkeit”, in der Mutter sich mitunter aufzulösen glaubte. Es glich der Rückkehr zum materiellen Ursprung der Welt. Und die Erfahrung ist Jahr für Jahr jedesmal die gleiche (kleinen Erfahrungstupfern gleich, um den Körper allmählich daran zu gewöhnen), auch noch 1969: Es gibt eine intensive Aspiration, und in bestimmten Augenblicken – Augenblicken, in denen das eine Ausdehnung bewirkt – geschieht etwas in den Zellen, ich weiß nicht, was es ist… wie ein Zustand intensiver Schwingung, in welchem man gleichzeitig ein Gefühl von Allmacht hat, selbst in diesem alten Apparat [Mutter deutete auf ihren eigenen Körper], eine leuchtende und statische Allmacht, das heißt ein Gefühl der Ewigkeit in den Zellen… Der seltsame Widerspruch des Supramentals besteht darin, daß es extrem hohe Geschwindigkeit mit völliger Reglosigkeit zu verbinden scheint. Vielleicht ist die Geschwindigkeit so hoch, daß sie als Reglosigkeit wahrgenommen wird, ähnlich wie sich in der Unbeweglichkeit des Steins blitzschnelle subatomare Bewegung verbirgt. Und wir erinnern an Sri Aurobindo:

Feurige Reglosigkeit weckt die schlummernden Zellen 6

Etwas absolut Neues für den Körper. Doch war das 1969. Was konnte es denn so Neues geben in dieser Erfahrung, welche all den anderen zu gleichen schien, die wir bereits aufgezeichnet haben?… Vielleicht war nicht die Erfahrung neu, sondern die Ebene, auf der sie stattfand. Als würde die Erfahrung – die ewig gleiche Erfahrung – reiner, materieller und körperlicher über die Jahre, und in dem Maße, in dem die Schichten durchquert wurden, berührte sie das eigentliche Zentrum der befreiten Zellsubstanz. Haben wir den Grund erreicht, nennen wir es das “Supramental”. Dies aber wirkt überall auf und durch alle Ebenen, durch die Mentalkraft auf den spirituellen Gipfeln wie durch die Empfindungen, die Instinkte, die Stellungen und Entstellungen oder Verderbtheiten, durch alles; es ist der eine Motor, der durch alle Verwicklungen oder Verdichtungen und die zahllosen verschiedenen Prägungen wirkt – bis die Erfahrung schließlich in einer kleinen Zelle rein wird. Es scheint ein Zustand völliger Reglosigkeit zu sein… Ich weiß nicht, was es ist. Es ist keine Unbeweglichkeit, keine Ewigkeit… ich weiß nicht, es ist etwas, ein “Etwas”, das… ja, es ist Macht, Licht und wahrlich Liebe… Etwas… Wenn man diesen Zustand verläßt, fragt man sich sogar, ob man noch die gleiche Gestalt hat wie vorher! Und Mutter lachte.

Aber natürlich! Dies ist ja das erste Verfestigungsmittel aller Gestalten.

Etwas, das die augenscheinliche Unbeweglichkeit des Reichs der Gesteine mit der schrittweise beschleunigten Bewegung des Pflanzenreichs, des Tierreichs und des Reichs des Mentals vereint – eine neue Beschleunigung innerhalb scheinbarer Unbewegtheit? Was ist diese Materie?… Wir nennen es “Urstoff”, das ist schön und gut, aber wie sieht er aus, wie läßt er sich handhaben? Die Materie ist nicht bloß ein Hauch, auch wenn aus bestimmten Gaswolken die Sterne entstanden. Die Naturwissenschaftler sagen uns sogar, daß sich die Materie hauptsächlich aus Leere zusammensetzt, aus winzigen Atomkernen, weitläufig umkreist von ihren Elektronenhüllen. So jedenfalls stellt es sich ihnen, durch ihr Mikroskop betrachtet, dar. Und was sah Mutter durch ihr unmittelbares Mikroskop, “vor Ort” sozusagen? Dort überschneidet ihre dutzendmal wiederholte Erfahrung seltsamerweise diejenige Theons am Anfang des Jahrhunderts, als er von einer Materie sprach, “die dichter ist als die physische Materie, aber mit Eigenschaften, welche die physische Materie nicht hat, wie Elastizität zum Beispiel”. Das Erstaunlichste ist, daß wir nach ihrem Weggang unter Mutters Papieren die Aufzeichnung einer Erfahrung aus den Jahren um 1906 fanden, welche ihr vollkommen aus dem Gedächtnis entschwunden war. Auf der Rückseite alter Rechnungen für Bilder des “Ateliers Edouard Morisset” (dem Schwiegervater, der die Portraits der ägyptischen Prinzessinnen anfertigte) notierte sie: Plötzlich fühlte ich mich in einen schwindelerregenden Sturz gezogen… [dieser “Sturz” scheint das plötzliche Durchqueren aller Bewußtseinsebenen oder Erinnerungen zu sein, welche sich durch die Evolution des Körpers bildeten], ein Sturz, der mir immer schwindelerregender vorkam, bis ich schließlich in einem Ort steckenblieb, den ich zunächst nur schlecht ausmachen konnte und an dem ich eine fremdartige, eher unbekannte Empfindung hatte: Ich fühlte mich in einer Umgebung, die dichter war als die Erde selbst, eine Umgebung, die mir so dicht wie Diamant vorkam, dabei aber elastisch war und von der ich so eng umgeben wurde, daß ich diesen Stoff überall auf meinem Körper fühlte, besonders auf dem Gesicht, den Armen und Händen (den unbedeckten Körperteilen); der Eindruck war nicht unangenehm, aber so neuartig, daß ich überrascht war. Da schien es mir angebracht, mich etwas auszuruhen, um mich an das Milieu zu gewöhnen. Das tat ich auch, und nach einer Weile fühlte ich mich wohl. Ich sah, daß dieser Stoff ein wenig selbstleuchtend war, von verschiedenen Farben, mit Molekülen von verschiedener Dichte. Da war auch ein selbstleuchtendes Gold, aber ganz anders als metallenes Gold – ein wenig anders gefärbt, aber vor allem unterschiedlich in der Dichte. Dieses leuchtende Gold war nicht durchsichtig. Nach und nach sah ich eine große Sphäre dieser Materie sich um mich herum bilden, und diese Sphäre bestand aus allen Farben…

Dieser Stoff formte sich um sie herum. Höchst interessant. Wir finden hier die “regenbogenfarbig schillernden Lichttupfer”. Aber was bewirkte, daß sich das um ihren Körper ansammelte oder formte?… Eine Frage, die zu lösen oder vielmehr zu leben sie an die sechzig Jahre verbrachte. Was sie damals als ferne “Vision” wie am Ende eines “schwindelerregenden Sturzes” gesehen hatte, konnte sie sechzig Jahre später unmittelbar in ihrem Körper berühren, mit weit offenen Augen, nachdem sie all die Schichten durchquert hatte, die uns wie Schichten des Schlafes anmuten, Schichten falscher Materie oder toter Materie, könnte man sagen, aufgehäuft durch die Evolution der Körper: all die Rückstände der Pflanze, des Tiers, des Gesteins, die den Körper konstituierten und auch jetzt noch konstituieren. 1961, als sie mir zum ersten Mal von dieser “anderen Materie” oder dieser “neuen Substanz” erzählte (noch etwas “fern”), hatte sie die Erfahrung von 1906 vollkommen vergessen: Diese neue Schöpfung ist etwas Dichteres und Kompakteres als das Physische. Man ist immer geneigt zu glauben, es wäre etwas Ätherischeres, aber das ist es gerade nicht! Auf mich macht diese Atmosphäre den Eindruck von etwas Kompakterem – kompakter und gleichzeitig ohne Schwere oder Dicke. Und so fest! Ein solcher Zusammenhalt, eine solche massivität, und gleichzeitig… ich weiß nicht. Es ist ganz anders, als man erwartet. Vollkommen anders. Du kannst dir nicht vorstellen, was es ist… Etwas Kompaktes und ohne Teilungen. Das heißt, man hat den Eindruck, sich im Weg geirrt zu haben, wenn man das “Supramental” irgendwo hoch oben suchte. Das ist es nicht! Man erwartet eine Art Verflüchtigung, Ätherisierung – aber das ist es nicht.

Diese sechzig Jahre umfassende Erfahrung birgt entschieden eine Logik und Kontinuität.

1967 erklärte sie erneut: Das war wie geschmolzenes Gold – geschmolzen und leuchtend. Es war sehr dicht. Und es hatte eine Macht, ein gewicht, wirklich erstaunlich.

Was würde nun geschehen, wo ihr Körper unmittelbar mit diesem Urstoff in Berührung war? Was wir “Materie” nennen, ist offensichtlich etwas “Verknöchertes”, wie Mutter sagte, eine erstarrte, stereotypisierte Bewegung, eine gefangene Kraft, gefangen bis ins Atom, und weil sie verknöchert, erstarrt, verhärtet ist, können wir sie erfassen: wir berühren das Gefängnis. Das Gefängnis ist “die Materie”. Kurz, wir können nur das berühren, was eine Schwingung von hinlänglicher Langsamkeit hat: je langsamer, desto undurchsichtiger. Wir erfassen nur das Undurchsichtige. Ein ganzes Spektrum von Licht ist zu schnell, um von uns aufgenommen zu werden, bestimmte Töne sind zu “hoch”, als daß wir sie hören könnten. Eine ganze “Bandbreite” der Existenz entgeht uns. Und auch jenseits der Aufnahmefähigkeit unserer Meßinstrumente liegt ein ganzes Spektrum ungetrübter und transparenter Urmaterie, die zu schnell ist für all unsere Sinne – eine Materie, welche genau mit der Bewegung des Bewußtseins übereinstimmt. Wir reißen augenblicklich einen tiefen, übernatürlichen Abgrund auf zwischen der faßbaren, nachprüfbaren Materie und dieser unwägbaren Größe, die wir “Bewußtsein” nennen. Dies ist unser Kardinalfehler. “Haben Sie jemals Metalle wandern sehen?” fragt das imaginäre Wesen von Sri Aurobindo in den Urzeiten der Erde, als das Leben noch nicht existierte. – Lediglich eine übernatürliche Materie oder besser ein übernatürliches und entkörpertes Bewußtsein kann sich auf dieser Kruste von Mineralien bewegen. Heute begehen wir denselben Fehler mit unserem ganzen wissenschaftlichen Apparat: Allein eine übernatürliche Materie oder eben irgendein entkörpertes Bewußtsein vermag auf der Oberfläche unserer guten Erde zu wandeln, ohne sich der Produkte des Pflanzen-, Stein- oder Tierreichs zu bedienen, das heißt all der aufeinanderfolgenden Verhärtungen der Evolution. Wir berühren nur die Verhärtungen. Alles entgeht uns, weil wir das zentrale Geheimnis der Materie nicht erfaßt haben: Materie = Bewußtsein. Ebensowenig das zentrale Geheimnis der Evolution: Evolution = Bewußtseinsentwicklung. Weil es sich nicht genau wie das ganze Repertoire unserer katalogisierten Fossilisierungen benimmt, schließen wir daraus, daß das Bewußtsein keine Materie sei – wahrscheinlich ein ebenso großes Vorurteil wie zu behaupten, Materie sei keine Energie. Oder glauben wir vielleicht, das Bewußtsein sei das Erzeugnis all unserer kleinen verbesserten Gefängnisse? Eine Art höherer Drüsenaussonderung? Dabei ist es der eigentliche Stoff der Welt. Und der gesamte Verlauf der evolutionären Erfahrung, die evolutionäre Herausforderung, die all den kleinen wandernden Metallen mehr oder weniger brutal ins Gesicht geschleudert wird, läuft darauf hinaus, daß dieses evolutionäre Endprodukt wiederentdecken muß, wer es ursprünglich in Bewegung setzte, und mit seinen bewußten Zellen einen Materie-Körper bauen soll, der sich vielleicht aufgrund anderer Gesetze aufrecht halten wird als denjenigen der physischen Schwerkraft, sich aber dennoch ebenso sicher und gewiß auf der Oberfläche unserer guten Erde fortbewegen wird – gewisser vielleicht –, ohne übernatürlicher zu sein als die kleinen denkenden Metalle von heute. Das Geheimnis des Ursprungs findet sich am Ziel. Die Materie wird nicht vom Bewußtsein verraten, sie “verflüchtigt” sich nicht, noch fällt sie in die Ohnmacht eines kosmischen Traums (“es war sehr dicht”, sagte Mutter): Sie betritt eine neue Beschleunigungsphase oder ein neues Reich. Das Reich der bewußten Materie.

Der Materie ohne Gefängnis.

Ein Mysterium des Unbekannten

Eine Gestalt erfordert dennoch eine Begrenzung oder eine Struktur. Wie kann ein nicht-übernatürlicher Körper mit einer erkennbaren Form ausgestattet sein, die kein Gefängnis ist? Ein Körper, der nicht vom Himmel fällt, mein Gott! Wir befinden uns innerhalb einer logischen, vernünftigen Evolution, auch wenn sie nicht unserer aktuellen Vernunft und unserer bleiernen Logik entspricht.

Die Erfahrung ist einfach.

Innerhalb dieser Auflösung der Gestalt, welche die Zellen in ein Nichts oder einen “Ozean vibrierenden Bewußtseins” zu schleudern schien, in dem nichts mehr von dem verblieb, was sie langsam und schmerzlich über Jahrtausende der Evolution aufgebaut hatten, innerhalb dieser plötzlichen Erstickung, vielleicht dieser Verneinung von allem, was sie durch so viele Körper hindurch pulsieren, hoffen, leben ließ, wurden sie von einer tiefen Aspiration erfaßt: Sein, wieder sein, immer sein, dafür wurden sie geschaffen! Der Tod war die entsetzliche Negation, und sei es ein Tod im Licht. Diese Zellen waren materiell, und sie riefen nach der Wahrheit der Materie, dem Leben der Materie, sie klammerten sich an das Mantra, diese kleine goldene Schwingung im Hintergrund; sie wiederholten ihr Gebet des Seins, ihre Liebe des Seins wieder und wieder; unablässig prägten sie diese einzige goldene und dichte Substanz, gleich der Pflanze, die das Sonnenlicht in sich speichert, gleich dem Schmetterling, der sich auf die Pollen stürzt, ebenso einfach und ebenso blind: das war eine Frage von Leben und Tod. Es gab keine Erinnerung mehr einzuprägen, kein “Ich” in der Art aller Körper; es gab einzig diese Tausende kleiner reiner Pulsschläge auf dem Grund der Zellen, die sich weiteten und mit der einzigen verbleibenden Luft füllten. Ein Seinszustand an der Schwelle des Todes, eine Art zu rufen, zu beten wie im Anbeginn der Welt, als nichts existierte außer dieser kleinen reinen Schwingung, die immerwährend zu sein, zu lieben suchte. Etwas ganz Einfaches, so einfach, daß all unsere Worte darüber schwachsinnig und aufgeblasen erscheinen. “Wieder Poesie”, sagte sie. Dabei war es die ursprünglichste Poesie: es schuf. Es schuf einen Körper. Einen neuen Körper, langsam, Tag für Tag, Jahr für Jahr, wie eine Muschel ihre Schale oder Korallen ihr Riff. Eine Prägung von schillernder, dichter, manchmal goldener Substanz um diesen Kern des Gebets oder der Liebe im Herzen jeder Zelle; etwas nahm diese Form an, suchte ihr zu entsprechen, suchte sie zu erfüllen, nahm sie gar auf oder führte sie in etwas anderes über: Ein merkwürdiger Eindruck. Als verwandelte ein Ding sich in ein anderes. Als versuchte das, was ist, sich in etwas anderes zu wandeln. Doch das ist… schmerzhaft.

Sie wußte es selbst nicht recht, verstand es selber nicht. Sie hatte kein Mental mehr, das sich selbst auf der Bühne beobachtet: Sie bestand nur noch aus Tausenden kleiner bewußter Zellen, die riefen, Tag und Nacht riefen, das Mantra wiederholten, wieder und wieder. Wie eine goldene Hymne… die Beschwörung, der Appell – die Beschwörung der höchsten Macht. Und würde der Ruf einen Augenblick innehalten, bedeutete es die augenblickliche Auflösung, den “Abgrund”. Das war alles. Mutter war nur noch ein Gebet der Materie. Ein bestimmter Körper des alten Stoffes ging in etwas Unbekanntes über und hatte den Eindruck, jede Sekunde zu sterben, um jede Sekunde in etwas anderes einzutreten, das er nicht kannte, nicht verstand, das er nicht einmal mit Gewißheit als anderen Körper erkannte: In manchen Augenblicken kommt… Das Wort Beklemmung ist zu stark, aber der Eindruck, am Punkt des… Unbekannten angelangt zu sein. Das Unbekannte… Etwas. Eine äußerst merkwürdige Empfindung. Der Körper hat wahrlich in fast ständiger Weise eine sehr seltsame (mindestens seltsame) Empfindung… nicht mehr das eine zu sein, aber auch noch nicht das andere, das. Es ist unsäglich. Jedenfalls ist es höchst sonderbar. Er hat überhaupt keine Angst, keinerlei scharfe Empfindung, etwas… Man könnte es als eine Art neuer Schwingung bezeichnen. So neu, daß… man kann nicht von Beklemmung reden, aber es ist… das Unbekannte. Ein Mysterium des Unbekannten. Dabei ist es ja nichts Mentales, es liegt im Bereich der Schwingungswahrnehmungen. Und das wird permanent. So gibt es nur noch eine Lösung für den Körper, und zwar… die totale Selbstaufgabe – die Überantwortung. In dieser totalen Hingabe erkennt er, daß diese Schwingung… (wie soll ich sagen?), daß dies keine Schwingung der Auflösung ist, sondern… was?… Das Unbekannte, das vollkommen Unbekannte – neu, unbekannt. Manchmal wird er von Panik ergriffen. Dabei kann er nicht behaupten, daß er besonders leide, ich kann das nicht als Leiden bezeichnen. Es ist… etwas absolut Außergewöhnliches. Da ist die einzige Lösung für ihn, sich… sozusagen ins Göttliche zu schmiegen: mag kommen, was wolle.

Mir war zutiefst klar, was sie meinte, so sagte ich ihr: “Ja, dieses «Andere» muß so anders sein, daß es dem Körper wie der Tod erscheint!” – Auf jeden Fall ist es gleichbedeutend damit. Das ist es. Aber… [und sie lächelte] er verwechselt das nicht. Er täuscht sich nicht. Er weiss, daß es nicht das ist, was die Leute Tod nennen… Auf alle Fälle ist es ein komisches Leben!

Und dann lachte sie: Bald werde ich eine gefährliche Ansteckung verbreiten, weißt du!

Das war im April 1970.

Das Mysterium des Unbekannten.

Etwas, das die Zellen noch nicht verstehen, das sie aber wissen, spüren. Sie fühlen sich, als würden sie mit Gewalt in eine neue Welt geschleudert.

Die Materie wird den Schlüssel der Materie finden.

Den Ausgang aus dem Reich der Steine, der Pflanzen und der Tiere.

Den Anfang des supramentalen Wesens.

Den Austritt aus dem zweiten Netz.

9. Kapitel: Das mannigfaltige Leben

Tatsächlich war es ein Mysterium, tiefer als das der Erscheinung des ersten mentalen Menschen unter den Tieren, tiefer als das Auftreten irgendeiner Spezies unter anderen Spezies derselben Substanz. Vielleicht muß man bis zum Ausbruch des Lebens unter den Gesteinen zurückgehen. Ein anderes Leben wurde geboren. Wie lernte das Gestein zu leben? So ungefähr stellt sich die Frage. Es bedeutete einen Ausbruch aus seiner friedlichen Festigkeit; eine Welle eines unbestimmten “Etwas”, ungreifbar, “unwirklich” und übernatürlich oder von einer anderen Natur, erfaßte seine Kristalle und Atome, zerlegte sie, löste sie auf – eine ungeheure Auflösung. Und die Wiederzusammensetzung? Dieses “Leben” war gewiß etwas Unsichtbares für das Mineral, zu schnell, und so erkannte es nur die auflösenden Auswirkungen. Und inwieweit ist uns das supramentale Leben zugänglich, uns, den denkenden Menschen, die wir so solide mit unseren kultivierten Molekülen etabliert sind? Die Zersetzung können wir ohne weiteres sehen, falls aber unser Interesse den schmalen oder auch breiteren Kreislauf unseres mentalen Lebens zu überschreiten suchte, welches nach wirtschaftlichen, politischen oder ästhetischen Allheilmitteln inmitten der kleinen bankrotten Minerale sucht, wie können wir hoffen, an diesem supramentalen Leben teilzunehmen oder mitzuarbeiten, das immerhin die Auflösung unseres guten alten Lebens zu bedeuten scheint, ja vielleicht sogar die Auflösung dieser liebenswürdigen Körper, wenn man nach der Erfahrung des menschlichen Prototyps in Mutter urteilt? Und wer hätte jemals die Courage, sich solchen evolutionären Feuerproben freiwillig auszusetzen? Zugegeben, Mutters Erfahrung war ziemlich “konzentriert”, als würden ganze Jahrhunderte in wenige Jahre oder gar Monate gezwängt, und es ist anzunehmen, daß die Erfahrung sich über Generationen erstrecken wird, deren Zellen sich verfeinern, aufklären, geschmeidiger gestalten werden; es ist auch anzunehmen, daß die große supramentale Welle alle Körper ergreifen wird (oder schon ergriffen hat), ohne daß sie es merken, gleich ob sie Gutes, Schlechtes oder gar nichts darüber denken. Es bearbeitet sie stumm von der anderen Seite des Netzes des physischen Mentals, auf der zellularen Ebene, und schleift, walkt, untergräbt diese Festung des Todes und der Krankheit und der unwandelbaren Gesetze, um sie plötzlich oder allmählich in die von der mentalen Tyrannei befreite Materie zu versetzen – ein Leben, das bereits in einzigartiger Weise erleichtert ist, den Anfang eines kleinen Liedes in sich trägt; was aber wird nach all dem mit diesem Körper des alten Reiches geschehen? Die endgültige Zersetzung oder was? Man geht über in das Unsichtbare und Unsubstantielle (für uns jedenfalls, auch wenn es sich eigentlich um eine andere Substanz und eine andere Sichtbarkeit handelt) oder was?… Alles recht bedacht, blieben die Pflanzen und die kleinen Tiere des lieben Gottes durchaus substantiell und sichtbar nach dem Ausbruch des Gesteins, so gibt es keinen Grund anzunehmen, die Evolution würde unvernünftiger sein als früher, auch wenn sie die Vernunft des Metalls außer Kraft setzt. Wer weiß, vielleicht wachsen uns andere Sehorgane? Vielleicht kennen wir noch nicht die ganze Sichtbarkeit der Erde – ihr ganzes Naturell, wenn man so will –, und vielleicht wird sie nicht für alle Zeiten in einem Spektrographen gefangen bleiben. Was wird geschehen?

In diese Richtung führt die Frage, welche uns Mutters Körper stellt, als befänden wir uns hier im Angesicht eines beschleunigten Musters, das seiner Zeit voraus ist. Offensichtlich konnte dieser Körper nicht “beschleunigt” werden, ohne daß wir auch an der Beschleunigung teilhaben: Hier liegt die “gefährliche Ansteckung”, von der Mutter lachend gesprochen hatte. Zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte zeigte die Evolution uns gleichsam ihre zukünftigen Eigenschaften in einem lebendigen Körper. Wird er leben, wird er nicht leben? Wird er Erfolg haben oder wird er scheitern? Wohin bewegen wir uns?

Mutter stellte sich dieselbe Frage.

Das Kind der Zellen

Das Herz des Holzes ist weich, dann verholzt es: Jahr um Jahr bilden sich die konzentrischen Ringe seines “Alters”. Zweifelsohne läßt sich derselbe Prozeß bei den Schichten von Perlmutt oder Korallen beobachten, auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Evolution, angefangen vom Atom, welches seine Elektronen um sich webt oder anzieht, bis zur Sonne mit ihren Planenten. Immer entsteht diese Verhärtung, die Verkalkung oder das Ansetzen von Schichten, und so drängt sich der Gedanke auf, daß es sich bei dem, was wir “Materie” nennen, nicht um das ursprüngliche Phänomen handelt sondern um eine Verhärtung. Die “Materie” ist nichts als eine verhärtete Gewohnheit. Und es scheint, daß das supramentale Wesen demselben Formations- oder Prägungsprozeß folgt wie die anderen Körper, allerdings ohne Verhärtung. Die Ursubstanz sammelt sich um die kleine reine Schwingung der Zellen, lagert sich langsam um diesen rufenden oder betenden oder vielleicht liebenden Kern an, der vom Mental der Zellen unaufhörlich wiederholt wird. Während aber im Anbeginn des Zeitalters des Lebens die Kruste oder der Panzer sich nach und nach bildete, um die Wesen, Formen und Gestalten innerhalb dieser amorphen Masse von Bewußtseins-Kraft oder Bewußtseins-Stoff zu trennen und zu differenzieren und um dieses erste prekäre Leben zu schützen, so ist jetzt am anderen Ende der Evolution das Individuum bereits gestaltet – es war das Ziel der langen Reise –, es ist bereits zellular bewußt, und weil es bewußt und individualisiert ist, kann es die Ursubstanz willentlich binden, ohne sie verhärten oder verholzen zu müssen, um sich vom übrigen Universum abzusondern und zu schützen. Die große Furcht ist vergangen. Der Schutz des neuen Wesens ist gerade die Dichtigkeit der Bewußtseinssubstanz: Jedesmal entstand in Mutters physischen Zellen die akute Empfindung, daß sie unter der Flut der soliden Kraft bersten oder sich verflüchtigen würde. Da dieser Körper – der neue Körper – aber nicht in einer fixierten und verhärteten Form gefangen ist, kann er schmelzen, sich überall und in allem ausbreiten. Es ist das mannigfaltige Leben. Das physische Leben ohne Trennungen. Die große Einheit des Lebens – Einheit der Materie, Einheit des Bewußtseins –, materiell gelebt. Jahrtausende schmerzhafter Trennung in einem kleinen Gefängnis fossilisierter Materie bereiteten das Wunder dieses Lebens vor. Und man versteht sehr wohl, daß es notwendig war, zellular bewußt zu werden, um dieses Leben erbauen zu können. Die evolvierte, bewußte, individualisierte Materie webt ihren eigenen reinen Körper aus derselben Substanz, mit der sie am ungeformten Anfang der Zeiten begonnen hatte.

Das Kind der Zellen.

Hier gilt es, klar zu sehen: Nicht das Mental schafft diesen Körper, nicht das Herz oder die Gefühle oder spirituelle Konzentrationen – wir alle haben einen Bewußtseins-Körper, das ist eine alte Geschichte, auch wenn wir dessen in der Blindheit und Unwissenheit unserer vom Dunkel belasteten Augen nicht gewahr werden. Sind wir nur ein wenig entwickelt, bewußt, gestaltet in unserem mentalen Bewußtsein und schaufeln nicht einfach nur “Ideen” hin und her, sondern sind fähig, uns zu konzentrieren und mentale, affektive oder spirituelle Kraft zu sammeln und zu handhaben, so formt sich ein subtiler Körper, ein mentaler Körper, ein Bewußtseins-Körper, ein Energie-Körper kann man sagen, geschaffen aus all unseren angesammelten Schwingungen, in dem wir reisen. Das ist die älteste Geschichte der Welt. In diesem Subtilkörper begegnete Mutter Sri Aurobindo 1903 in Paris, selbst ohne ihn zu kennen. In diesem Körper überbrückte ich 10000 km, wie schon erzählt, um Zeuge des Selbstmords eines Freundes zu werden, in einem Zimmer, das ich nicht kannte, in einer Stadt, die ich nicht kannte, die ich aber sah und so genau beschreiben konnte, als wäre ich physisch dort gewesen. Auch hier herrscht das alte Prinzip der Prägung der Kräfte: wir prägen und weben mentale, vitale und psychische Kräfte, wie andere Kalzium-Schichten weben. Und so “formt” sich ein Körper. Bei Mutter geht es aber in keiner Weise um diesen “subtilen” Körper, sondern es ist ein materieller Körper, aus materiellen, aber bewußten Zellen aufgebaut. Nur handelt es sich dabei nicht um die Materie oder den fossilisierten Grad von Materie, den wir kennen. Es ist der Urstoff, die Urmaterie. Allein die Zellen können diese Materie “begreifen”, wiedererkennen. Als Mutter diese Welt der Materie erstmals entdeckte, in der die Lebenden und die “Toten” ohne Unterschied zusammen sind, war es im Körper, die Zellen erkannten die Existenz dieser Welt – eine Welt, die Mutter vierundachtzig Jahre lang übersehen hatte (bis 1962), während sie alle nur möglichen Visionen kannte. Das Mental lebt allein in seinem Kopf, und unsere Mikroskope sind einzig die vervollkommneten Augen dieses Kopfes. Die Zellen hingegen wissen. Sie erreichen genau den Punkt in ihrer Evolution, wo sie befreit vom Käfig des physischen Mentals – diesem ersten Körper der Angst – auf ihre Art unmittelbar des materiellen Universums bewußt werden und ihre eigenen Bewegungsmittel finden können. Eine neue Art, eine neue Spezies gestaltet sich – offensichtlich mit einer neuen Wahrnehmung, dennoch eine sehr materielle Spezies, wahrscheinlich materieller als diejenige unseres Mentals. Die supramentale Spezies.

Und schlußendlich ist es allein recht und billig, auch logisch, daß eine Evolution der Materie in einem Aufblühen, einer Blüte der Materie gipfelt und nicht im Erfolg eines kleinen Gimpels in seinem mentalen Käfig.

Dann werden wir feststellen, daß wir noch nichts von der Welt wußten.

Die zellulare Allgegenwart

Über lange Zeit hinaus begriff Mutter nicht recht, was geschah, und wir verstehen immer besser, warum Sri Aurobindo ihr nichts sagte, sein Geheimnis nicht offenbarte: Der Körper mußte selbst den Weg finden, mußte den Weg machen. Die Erklärungen wenden sich allein ans Mental, und das Mental hat überhaupt nichts damit zu tun, es gerät im Gegenteil in Gefahr, seine Einbildungen für Wirklichkeiten zu nehmen. Für den Körper gibt es keine “Einbildungen”, er versteht nur das, was er ist. Mitunter sollten dennoch seltsame Erfahrungen ausbrechen, wie man manchmal auf eine Lichtung stößt, bevor sich der grüne Vorhang des Waldes wieder schließt und das lange, langsame Vorwärtsschreiten erneut beginnt, in dem über Jahre nichts zu geschehen scheint; dann kommt die Erfahrung wieder, schärfer, umfassender, genauer, als hätte sie eine unterirdische Strecke zurückgelegt, dabei wußte man nicht immer recht, ob dies mit jenem in Verbindung stand oder die Folge davon war. Der neue Körper bildet sich unsichtbar, ganz unmerklich um die Zellen herum, in kleinen Schichten oder mikroskopischen Hüllen, mit jeder ihrer Aspirationen, ihrer schweigenden Gebete, der Schwingungen des Appells im großen Zerfall des alten Körpers.

Eines Morgens im Jahre 1962, kaum einige Monate nach der Erfahrung der großen “Pulsationen”, nach dem Austritt aus dem ersten Netz des physischen Mentals, als Mutter bereits aufgehört hatte, ihr Zimmer im oberen Stock zu verlassen, traf ich sie beunruhigt, verblüfft, wie jemand, der sich einem unbegreiflichen Problem gegenübersieht. Es passieren wirklich merkwürdige Sachen… Kennst du den Unterschied zwischen einer Erinnerung an eine innere Erfahrung (im Subtilphysischen oder Unterbewußten, in all den inneren Bereichen) und der Erinnerung an eine physische Tatsache? – Da ist ein sehr ausgeprägter Qualitätsunterschied. Es ist derselbe Unterschied wie zwischen der inneren Vision und der materiellen Vision. Die materielle Sehweise ist genau, abgegrenzt und gleichzeitig platt, flach (ich weiß nicht, wie ich das erklären soll: sehr flach, vollkommen oberflächlich, dabei sehr genau; diese Art von Genauigkeit und Präzision, welche Dinge definiert, die überhaupt nicht definiert sind). Der Unterschied zwischen den beiden Arten der Erinnerung hat dieselbe Qualität wie der Unterschied zwischen den beiden Sehweisen. In den letzten Tagen fiel mir auf, daß ich mich daran erinnerte, aus meinem Zimmer nach unten gegangen zu sein, Leute und Dinge gesehen zu haben, Sachen abgesprochen und einige Einzelheiten organisiert zu haben: verschiedene Szenen einer physischen Erinnerung. Überhaupt nicht in der Art, wie ich durch die innere Schau in exteriorisiertem Zustand sehe, sondern die materielle Erinnerung, verschiedene Dinge getan zu haben. So müßte ich all das demnach als Erinnerung betrachten; das gab mir plötzlich einen Stoß, und ich fragte mich: Moment mal! Bin ich denn tatsächlich materiell hinuntergegangen?… Alle Anwesenden können mir beweisen, daß ich nicht hinuntergegangen bin, daß ich mich nicht von hier gerührt habe. Dennoch habe ich die materielle Erinnerung daran, es getan zu haben, auch anderes getan zu haben, sogar hinausgegangen zu sein!… Du kannst dir vorstellen, daß ich hier vor einem Problem stehe. Nicht nur, daß die Erinnerung vollkommen materiell ist, auch die Auswirkungen von dem, was ich sagte und tat, existieren. – “Konntest du die Veränderungen, die sich daraus ergaben, überprüfen?” fragte ich Mutter sofort. – Aber es ist alles eingetreten! Ich sagte: “Das muß so gemacht werden”, und so ist es geworden. Wenn ich zum Beispiel jemandem sagte: “Stell das bitte dorthin!” so tat es die betreffende Person. Sie wußte nicht, daß ich es war, die ihr das gesagt hatte, aber sie tat es (sie wußte es nicht, weil sie nicht das gleiche Bewußtsein hat wie ich). Meine Eingriffe hatten eine sofortige Wirkung, noch bevor mir die Erinnerung daran kam. Es geschah nämlich umgekehrt: Als ich merkte, daß diese Sache erledigt worden war, dachte ich mir: Donnerwetter, diese Person ist wirklich aufmerksam! Doch dann sah ich plötzlich: Aber nein, ich sagte es ihr ja selber! Ich hatte es ihr selber gesagt. Erst dann kam das Bild – das “Bild”: nicht die Erinnerung an eine Vision, sondern die Erinnerung an etwas, das man getan hat. Da fragte ich: “Das war keine Exteriorisierung im Subtilphysischen?” – Nein, ganz und gar nicht! Die Erinnerung der Exteriorisierung im Subtilphysischen ist ganz anders. Damit habe ich schließlich viel Erfahrung, seit vielleicht sechzig Jahren kenne ich das Phänomen! Es handelt sich hier ausschließlich um die Art von Erfahrungen, wie man sie innerhalb der physischen Lüge hat, wenn du so willst, im gewöhnlichen physischen Bewußtsein. – “Eine materielle Verdoppelung?” – Das ist möglich… Das könnte sein… Die Allgegenwart oder etwas in der Art. Und nachdem sie der Sache einen Namen gegeben hatte, war Mutter nicht schlauer als zuvor.

Die betreffenden Personen, welche Mutters Anweisungen gefolgt waren, hatten hingegen keine physische Erinnerung daran, Mutter gesehen zu haben… Seltsam, dennoch hatten sie alles ausgeführt. Wie war das möglich? – Mutter antwortete: Für sie (sie haben nicht das geringste Wissen, das Unwissen ist überhaupt das am stärksten Verbreitete), wenn sie Erfahrungen haben, halten sie diese für Träume. Also hat es keinen Sinn, ihnen etwas zu erklären – sie würden es doch nicht verstehen. Alles wird als Traum angesehen: Träume, Träume, Träume. Also gäbe es zwei physische Wirklichkeiten? Oder eine einzige auf zwei verschiedenen Stufen der Materie, zwei Arten, dieselbe Materie zu leben, getrennt durch die Barriere des physischen Mentals. Das wahre Physische, wie Sri Aurobindo sagte, und das andere. Die wahre Materie, wie sie durch die Zellen des Körpers gesehen und gelebt wird, und die andere, durch das Mental gesehen und gelebt? Für das gewöhnliche Bewußtsein, welches im mentalen Käfig lebt, ist ja alles, was sich außerhalb des Käfigs zuträgt, wie ein “Traum”, eine andere “Welt”, obwohl es innerhalb derselben Materie geschieht. Und fragt man sie, warum sie die betreffenden Veränderungen durchführten, so antworten sie: ich dachte, spürte… oder: ich hatte einen Traum, in dem Mutter mir sagte… Das heißt der Körper der Zellen besteht aus einem feineren Grad von Materie als unsere Substanz, er hat keinen Panzer. Unsere gegenwärtigen Augen erfassen nur den dunklen Panzer der Dinge. Und doch ist es ein materieller Körper, der sich auf materielle Weise durch unsere materielle Welt bewegt.

Mutter blieb jedoch mit ihrem Problem konfrontiert, und alle “Allgegenwart” der Welt sagte ihr nichts weiter, als daß man irgendwo ein weiteres Etikett angebracht hatte, wie gewohnt, um die Ignoranz zu verdecken und das Unbekannte zu zähmen. Unsere Welt ist vollgestopft von Etiketten (mit Vorliebe griechisch und lateinisch).

Das war 1962. Ein Jahr später tat sich plötzlich wieder eine Lichtung im Walde auf – unbegreiflich und unerwartet wie immer –, dieses Mal aber leichter “lokalisierbar”: Es muß etwas Neues im Bewußtsein der Zellgebilde geben – irgend etwas. Als Ergebnis hatte ich eine Reihe phantastischer Erfahrungen im Zellbereich, die ich nicht einmal erklären kann und die der Anfang einer neuen Offenbarung sein müssen. Als die Erfahrung begann, gab es in mir etwas, das zuschaute (du weißt, es gibt stets etwas, das amüsiert und leicht ironisch zuschaut)… [Ja, das ist ganz Mutter] und das sich sagt: Also wirklich, wenn dasselbe jemand anderem zustieße, würde der sich für ziemlich krank halten! Oder wenigstens für halbverrückt. So blieb ich sehr ruhig und sagte mir: Nun gut! Laß es geschehen. Ich werde nur zuschauen und sehen, was passiert… Es war unbeschreiblich! Unbeschreiblich, die Erfahrung wird sich mehrmals wiederholen müssen, bis ich sie verstehen kann. Phantastisch! Es begann um halb neun Uhr abends und dauerte bis halb drei Uhr früh, das heißt, ich verlor nicht eine Sekunde das Bewußtsein und konnte die phantastischsten Dinge beobachten. Ich weiß nicht, wo das hinführt… Es ist unbeschreiblich: Man wird ein Wald, ein Fluß, ein Berg, ein Haus – all das ist die Empfindung des körpers. Eine vollkommen konkrete Empfindung hier [Mutter kneift die Haut ihrer Hand]. Es kamen noch viele andere Dinge. Unbeschreiblich… Auch diesmal fischte ich wieder mein kleines Schildchen hervor und fragte Mutter: “Allgegenwart?” – Eine Einheit, antwortete sie, das Gefühl der Einheit. Auf der zellularen Ebene ist wohlverstanden alles EINS, die große Einheit durchdringt alles, ohne Trennung, ohne Panzer – selbst die Berge haben keinen Panzer, nur die Menschen haben einen. Und sie fügte etwas sehr Mysteriöses hinzu, jedenfalls erschien es mir damals sehr mysteriös: Sollte das etwas Natürliches, Spontanes und Beständiges werden, so ist klar, daß der Tod selbst für den Körper nicht mehr existieren könnte… Ich spüre da etwas, ohne es mental ausdrücken oder begreifen zu können. Selbst im Verhalten der Zellen, wenn man seinen Körper verläßt, muß es jetzt einen Unterschied geben. Etwas anderes muß geschehen.

Was ist 1973 geschehen?

Was geschieht heute?

Ein Körper der Zellen, der nicht stirbt…

Das war 1963.

Danach schloß sich der Vorhang des Waldes für sechs Jahre, und die ganze Zeit sagte und wiederholte Mutter etwas, ohne daß ich es richtig verstand: Das bewusstsein der Zellen muß sich ändern. Ich verstand nicht recht, inwiefern das Bewußtsein der Zellen die Seinsweise des Körpers zu verändern vermochte, und sie selbst wußte es auch nicht recht, sie wußte einzig, daß hier der Schlüssel des Mysteriums lag, und sie arbeitete daran und kämpfte damit, das Zellmental, diese kleine Schwingung auf dem Grund der Zellen zu erwecken, die ganze Substanz aufzuhellen und von den hypnotischen Überbleibseln des physischen Mentals zu befreien. Langsam spürte sie, wie innen etwas Gestalt annahm. Sie spürte es wie eine Erklärung ohne Erklärung, die vom Grunde des Körpers blind aufsteigt: Die meiste Zeit vergeht damit, die Materie vorzubereiten, sagte sie 1966, die Zellmaterie, so wie sie jetzt aufgebaut ist, hinreichend geschmeidig und stark werden zu lassen, damit sie die göttliche Kraft aushalten kann… Tatsächlich kam diese Machtflut in kleinen Dosen, im Maße, wie das Netz nachgab, dieser “kochende Brei” des Urstoffs, diese tausend Erfahrungen der “Auflösung”, bis sie die “goldene Invasion” aushalten konnte, wie Sri Aurobindo es ausdrückte, als das zweite Netz endlich aufgeknüpft war. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Aber es erklärt alles, alles – alles wird klar. Am Tage, wo wir das in allen Einzelheiten erklären können, wird es wahrlich interessant. Sie würde es niemals erklären: sie würde es leben. Nur wir versuchen, die Lianen vom Wald loszuknüpfen, mit der Axt den dunklen Vorhang zu zerteilen, die unerwarteten Lichtungen miteinander zu verbinden. Es ist ein kleiner Anfang dessen, wie dieses Wesen sein wird, das Sri Aurobindo “supramental” nannte, die nächste Schöpfung. Ein kleiner Anfang. Und wie Sri Aurobindo sagte: eine Erklärung, die von innen nach außen geht – das Äußere, die Oberfläche, hat nur eine sehr zweitrangige Bedeutung und kommt erst am Ende, wenn alles andere fertig ist. Es geht von innen nach außen und beginnt auf eine recht genaue und interessante Weise. Es braucht viel Zeit.

Von innen nach außen: gleich dem Schmetterling in der Raupe. Dann plötzlich, 1969, gerade sechs Monate nach der großen Wende von 1968, als Mutters Körper mit dem Zellmental sich selbst überlassen war, das somit nicht anders konnte, als sich zu entwickeln, da es als einziges Mental verblieben war, gab es eine andere, diesmal radikalere Revolution: Es war… Nie zuvor war der Körper so glücklich! Es war die vollkommene Gegenwart, die absolute Freiheit und eine Sicherheit; es machte überhaupt keinen Unterschied [ob er stirbt]: diese Zellen, andere Zellen – das Leben war überall, das Bewußtsein war überall. Absolut wunderbar. Es kam ohne Anstrengung und hörte auf, einfach weil ich zu beschäftigt war. Das ist der göttliche sinn, das heißt es, den göttlichen Sinn zu haben. In diesen wenigen Stunden (drei oder vier Stunden) habe ich vollkommen verstanden, was es heißt, das göttliche Bewußtsein im Körper zu haben. Und ob es sich um diesen Körper handelt oder jenen [Mutter deutete um sich, auf diesen oder jenen Körper], macht keinen Unterschied: es geht von einem Körper zum anderen, vollkommen frei und unabhängig, mit einem genauen Wissen über die Begrenztheiten oder Möglichkeiten jedes Körpers – es war absolut wunderbar! Diese Erfahrung hatte ich noch nie zuvor. Absolut wunderbar. Es hörte auf, weil ich zu beschäftigt war… es dauerte mehrere Stunden. Niemals in den einundneunzig Jahren, seit er sich auf der Erde befindet, hat dieser Körper ein solches Glück verspürt: Freiheit, absolute Macht und keine Grenzen, keine Unmöglichkeiten, nichts. Es war… alle anderen Körper waren er, es gab keinen Unterschied.

Ein mannigfaltiges Leben. Das mannigfaltige materielle Leben.

Keinen Panzer mehr, kein Gefängnis mehr.

Und ein Leben auf der Erde.

In einem irdischen, von Zellen gebildeten Körper.

Einem Körper, der nicht stirbt.

Die Tatsache der Leiche

Mit einem Schlag betrachtete Mutter den Tod anders – aber nicht lange. Einen Monat nach dieser Erfahrung glaubte Mutter, die Lösung gefunden zu haben (und in der Tat war es vielleicht ein Teil der Lösung). Es stellt sich die Frage: Die ganze Arbeit der Zelltransformation, des Zellbewußtseins, all das scheint vergeudet, da sich ja alles zersetzen wird. Da erschien mir folgendes, sehr präzise, beinahe konkret: Vor dem Sterben gibt es eine Möglichkeit zu reagieren, und zwar in sich selbst mit allen transformierten, erleuchteten, bewußten Zellen einen Körper vorzubereiten, sie zusammenzuschließen und damit einen Körper mit einem Maximum an bewußten Zellen zu gestalten, und dann, nach Beendigung der Arbeit, geht das Bewußtsein darin über, und der andere Körper kann sich auflösen, er hat keine Bedeutung mehr.

Das hört sich einfach an.

Es erscheint uns aber als evolutionärer Unsinn.

Man entledigt sich des alten Lumpens.

Dieser Lumpen, der so schmerzlich und lange, jahrtausendelang diese Verpuppung vorbereitete.

Es muß darin noch etwas anderes liegen.

Es muß ein fehlendes lebendiges Glied geben, das diesen Körper mit jenem anderen verbindet.

Eine Transformation der Materie oder eine Auflösung der alten Materie?

Worin liegt schließlich unser Sinn in all dem?

Ein bestimmter Flüssigkeitsgrad, eine Aufnahmefähigkeit und Formbarkeit wird für das Bewußtsein immer deutlicher, mit nur etwas Äußerlichem, das… mehr und mehr zur Illusion wird. Gleich einem Stück Rinde, das bestimmte Stellen schlecht verdeckt.

Was passiert also mit der “Rinde”?

Hier liegt das Geheimnis der letzten drei Jahre von Mutters Leben. Ein Mysterium, das sich zunehmend akuter und schmerzhafter aufdrängt, das geradezu schreit, bis auf den Tag im Jahr 1971, als sie ausrief: Das innere Bewußtsein kann sagen, kann sich bewußt sein, daß dieses Leiden irreal ist, das Körperbewußtsein aber kann das nicht! Es kann es nicht, es muss sich ändern. Es geht nicht darum, sich in einen Bewußtseinszustand zu versetzen, in dem das Körperbewußtsein zurücktritt und verschwindet, sondern es muss sich ändern, die tatsache muß sich ändern. Damit es eine echte Transformation wird, muß auch der Körper eine höhere Harmonie finden – jenseits aller Krankheiten, jenseits aller Unfälle.

Die Tatsache muß sich ändern.

Was wird geschehen?

Die Oberfläche, das heißt genau der Teil, der den Eindruck einer Kruste macht, der wird sich zu allerletzt ändern – was wird geschehen? Ich weiß es nicht… ich weiß es nicht. Aber es wird sich auf jeden Fall zuletzt ändern.

Es wird sich ändern, sagte sie.

Hier liegt das ganze Mysterium.

Es handelt sich nicht mehr um das Mysterium der Gestaltung eines neuen Körpers in der Evolution, sondern um das Mysterium der Transformation des alten Körpers: das fehlende Bindeglied zwischen beiden.

Ober gibt es kein Bindeglied?

Dieser alte Stoff scheint tatsächlich unser Prüfstein zu bleiben.

Die Tatsache der Leiche.

Der Vorhang des Todes muß in allen Körpern weggezogen werden.

10. Kapitel: Sieg über den Tod oder im Tod?

Es ist möglich, daß nur unsere menschliche Sentimentalität die Transformation oder die verklärende Blüte dieses alten Körpers sucht. Die Evolution ist nicht sentimental und hat oft genug bewiesen, daß sie Zwischenarten versagen oder aussterben lassen kann oder sie nur eine Zeitlang fortbestehen läßt, bis alle entwicklungsfähigen Elemente die nächst höhere Ebene erreicht haben. Und wenn es wirklich der Zweck der Evolution ist, diesen neuen “mannigfaltigen” Körper zu entwickeln, warum sollte er dann Anhängsel der alten Form bleiben, nachdem diese ihren Dienst getan hat? Sri Aurobindo hatte in der Tat vorausgesehen, daß die Menschheit sich nicht “en bloc”, auf einen Schlag, zur supramentalen Stufe erheben würde und daß vielleicht über Jahrhunderte beide Stufen Seite an Seite bestehen würden (wahrscheinlich in zwei durch den Schleier der Unbewußtheit und des “Todes” getrennten Welten), bis zu dem Augenblick, da alle fähigen Elemente die Schwelle überschritten haben. So würden allmählich über die Jahrhunderte alle Arten die Leiter des Bewußtseins erklimmen oder in ihrer stagnierenden aber harmonischen Vollkommenheit verbleiben. Nicht absehbar bleibt, in welchem Maße die Gestaltung des oder der neuen Körper, die mit dieser eher phantastischen Schwingungsmacht ausgestattet sind – schließlich ist es dieselbe reine Macht, welche die Atome antreibt, das “goldene Stäuben”, das sich frei in allem und durch alles bewegt –, die gegenwärtigen Gegebenheiten der Evolution nicht verändert oder umstürzt oder beschleunigt, wobei sie eine bestimmte Anzahl wissenschaftlicher Mauern der Unmöglichkeit mit umwerfen mag. Dies geschieht ja bereits jetzt schon. Das Unüberwindliche von heute ist vielleicht morgen nur noch ein kleiner Hauch, der nichts als ein Lächeln hinterläßt. Uns jedoch geht es um den Übergang, unseren Übergang, und da stellen sich uns zwei Fragen. Zunächst: Warum sollten diese physischen, animalischen Zellen – die sich so lange abmühten, die bewußt wurden, die ihre kleinen Notsignale oder Notrufe aussandten, die ein Zellmental prägten wie eine Schwingung des Gebetes, der Freude oder der reinen Liebe, unablässig, einen winzigen Kern aus Gold, ein kleines Stäuben des unmeßbaren goldenen Stäubens der universellen Substanz, und die diese Substanz um sich webten und prägten – warum sollten sie nicht den gesamten alten Körper durchdringen, nicht diese alte Substanz verändern, ihr nicht eine neue Funktionsweise vorgeben, die alte Finsternis aufhellen? Warum sollten sie zerfallen? Sind sie wirklich bewußt, können sie gar nicht verfallen, denn allein das stirbt, was unbewußt ist. Der Tod ist genau das Zeichen der Unbewußtheit. So besteht also keine “theoretische” Unmöglichkeit für die Transformation des alten animalischen Körpers, für eine evolutionäre Beständigkeit, die unseren langen Kampf von einer menschlichen oder nicht-menschlichen Wiege zur nächsten rechtfertigen würde. Es wäre der “augenfällige” Beweis.

Bleibt zu wissen, wo die praktischen Schwierigkeiten liegen.

Bleibt auch unsere zweite Frage, die unsichtbar an der ersten hängt. Alles dreht sich um die berühmte “Augenfälligkeit”. Wir können nicht anders, als die nächste Art mit den Augen des Verständnisses und der Sentimentalität der alten Art zu betrachten oder betrachten zu wollen. Wären wir mit animalischen Organen ausgestattet, die es uns erlaubten, diesen Urstoff zu sehen, augenfällig an der Gestaltung des neuen Körpers innerhalb des alten Körpers mitzuwirken, mitanzusehen, wie er langsam Gestalt annimmt, sich unabhängig bewegt und seine Freude und Schönheit ausstrahlt, in welchem Ausmaß würden wir dann noch am alten Trugbild hängen bleiben wollen, selbst wenn es die Geburt dieser Schönheit ermöglichte? Wir entledigen uns der alten Haut. Die andere ist ja da, herrlich und sichtbar… Tatsächlich haben wir diese Organe: Die Zellen sehen und wissen, wir besitzen Tausende, ja Milliarden Zellen, nur überlagert, verschleiert durch das Netz des physischen Mentals, das seine traurige und schmerzliche Wirklichkeit darüberstülpt, seine alte Gewohnheit zu leiden, krank zu werden, zu sterben, seine zahllosen grauen Illusionen, die jede Geste und jeden Schritt mit seinen Ängsten, Befürchtungen, Gesetzen, legalen Katastrophen umhüllen gleich den Fangarmen einer Tiefseekrake. Es ist der Schleier zwischen beiden Welten. Wahrlich der Schleier des Todes. Da sagen wir: Auf der einen Seite liegt die “konkrete”, die wirkliche Welt, auf der anderen liegt die ungreifbare, unsichtbare Welt, eine physische Welt vielleicht, aber eine “subtil”-physische. Was würde jedoch geschehen, wenn dieser Schleier, diese undurchsichtige Randzone abgetragen würde und verschwände, wenn unsere Zellen die Realität so wahrnähmen, wie sie ist? Zunächst ist es wahrscheinlich (ohne von äußeren Umwälzungen zu sprechen), daß in all unseren menschlichen Körpern ein überwältigendes Verlangen nach Transformation entstünde, als atmeten sie zum ersten Mal wirkliche Frischluft – danach würden sie keine andere Luft mehr atmen wollen. Viele würden diese Frischluft allerdings wegen der dichten Schicht von Unrat, die sie bedeckt, völlig unausstehlich finden. Vielleicht vollzieht sich die Abnutzung des Schleiers aus diesem Grund langsam, barmherzig und chaotisch. Schließlich gibt es keine Erwählten: die ganze Evolution ist auserwählt. Und wir kommen immer wieder auf die beiden Welten zurück, die Seite an Seite liegen, eine in der anderen, zwei Arten von “Menschheit” könnte man sagen. Die einen öffnen langsam die Augen ihrer Zellen, weben einen neuen Körper der Freude und Schönheit, während die anderen, die Nachzügler, durch die Summe ihrer Schmerzen und ihres Chaos auch dazu geführt und verleitet würden, nach etwas anderem zu suchen, etwas anderes zu wollen und ebenso die kleinen Augen der Materie in den Zellen zu öffnen. Ist dann einmal ein gleichartiger Punkt erreicht, gibt es nicht mehr “diese” oder “jene Seite”: alles wird zu ein und derselben Seite. Die Demarkationslinie ist der Tod eines Körpers. An diesem Punkt folgt die alte Materie nicht mehr der Bewegung der neuen Materie, und es gelingt ihr nicht, sich zu transformieren. So läßt sie ihre alte Haut und geht in die andere über. Dies ist genau das Phänomen der Falschheit, der Lüge. Die Leiche ist der bezeugende Bodensatz der Unbewußtheit. Sie ist genau das Anzeichen des Schleiers. Und solange der Tod nicht dort besiegt wird, dort verwandelt wird – genau in seinem Nest der Falschheit –, fragt man sich, wie es möglich sein soll, ein volles, wirkliches und wahrhaftiges Leben auf Erden zu führen, vollkommen entschleiert – denn es bliebe ja gerade dort der Ursprung des Schleiers erhalten. Das, was uns als letzte Täuschung und Illusion erscheint, als äußerstes Trugbild, enthält vielleicht genau den Schlüssel zur äußersten Entschleierung und zur vollkommenen Fülle. Es geht tatsächlich darum, den Tod der Materie zu verwandeln, es reicht nicht aus, über sie hinweg in eine andere Spezies zu springen. Im Körper selbst gilt es, den Schleier zu zerstören, der die beiden Welten trennt.

Eines Morgens erschien Mutter mit vier Zeilen aus Savitri, dem “Dialog zwischen Liebe und Tod”:

Die großen Sterne glühen von meinem unablässigen Feuer.

Leben und Tod dienen ihm beide als Brennstoff.

Das Leben allein war mein blinder Versuch zu lieben:

Die Erde sah meinen Kampf, der Himmel meinen Sieg.7

In Mutters Augen leuchtete ein besonderes Licht, als hätte sie eine Botschaft erhalten, eine Botschaft berührt. Savitri sagt: Leben und Tod sind der Brennstoff. Dann: In meiner Blindheit war das leben allein mein Versuch zu lieben. Es heißt nicht: “das Leben war nur…”, sondern “das Leben allein”. Denn mein Versuch zu lieben war blind, ich beschränkte ihn auf das Leben – aber ich habe den Sieg im Tod errungen [d.h. im “Himmel”]. Das ist sehr interessant.

Die Erde sah meinen Kampf, der Himmel meinen Sieg.

“Dennoch sollte die Erde den Sieg sehen?” sagte ich Mutter. “Der Sieg sollte auf der Erde stattfinden.” – Ja, aber Savitri konnte den Sieg nicht auf der Erde erringen, weil ihr “der Himmel” fehlte – sie konnte den Sieg im Leben nicht erringen, denn es fehlte ihr der Tod, und sie mußte den Tod erobern, um das Leben zu erobern. Das war der Gedanke. Solange man den Tod nicht erobert, kann der Sieg nicht errungen werden. Es gilt den Tod zu besiegen, es darf keinen Tod mehr geben, das ist vollkommen klar.

Dann fügte sie hinzu: Nach dem, was Sri Aurobindo dort sagt, verwandelt sich das Prinzip der Liebe in Flamme und schließlich in Licht. Nicht das Prinzip des Lichts verwandelt sich in Flamme, indem es sich materialisiert, sondern die Flamme verwandelt sich in Licht. Die großen Sterne geben Licht, weil sie brennen; sie brennen, weil sie das Ergebnis der Liebe sind… Das ist meine Erfahrung des “Pulsierens”. Das Letzte, jenseits des Lichts, jenseits des Bewußtseins, jenseits… das äußerste, das man berührt, ist die Liebe. [Das heißt, das supramentale Feuer, die “goldene Invasion”.] Nach dieser Erfahrung ist sie das Letzte, was sich manifestiert, diesmal in ihrer ganzen Reinheit, und sie hat die Kraft zu transformieren, zu verwandeln. Das sagt Sri Aurobindo hier offenbar: Der Sieg der Liebe scheint der endgültige Sieg zu sein. Er sagt, Savitri sei “eine Legende und ein Symbol”. Er war es, der daraus ein Symbol gemacht hat. Die Geschichte der Begegnung von Savitri, dem Prinzip der Liebe, mit dem Tod; und sie hat den Sieg über den Tod errungen, nicht im Leben. Sie könnte den Sieg im Leben nicht erringen, wenn sie nicht den Sieg über den Tod errungen hätte. Das ist sehr interessant.

Man kann den Tod nicht überspringen.

Jahre vorher, eines Tages 1963, als sie vom Tod sprach, sagte Mutter: Es ist fast, als wäre das die Frage, die mir zu lösen aufgegeben wurde.

Wie würde sie das Problem lösen?

Die Transformation des physischen, animalischen Körpers ist das genaue Symbol des Sieges über den Tod. Der Körper ist der Knoten, das eigentliche Nest des Todes.

Ist es notwendig zu sterben, um den Tod zu überwinden?

Wie kann man den Sieg im Tod erringen und gleichzeitig den Sieg in einem Körper erringen?

Oder muß man sterben, den Tod im Körper durchqueren, und siegreich daraus hervorgehen?

Das ist ein Mysterium.

Mutter hatte wohl gesagt: “Der Sieg im Körper”.

Hier mag das “gefährliche” Mysterium liegen, mit dem sie seit 1970 kämpfte.

Vielleicht kämpft sie noch immer damit.

Doch der Tod muß in einem Körper besiegt werden.

Wird der Schleier einmal dort gelüftet, ist er damit für alle Körper gelüftet.

Es gilt den Tod zu besiegen, es darf keinen Tod mehr geben, das ist vollkommen klar!

11. Kapitel: Transformation

Lange Zeit, vielleicht sogar bis zum Ende, kannte Mutter den Weg nicht. In gewisser Weise zeichnet sich der Weg vielleicht hier unter dieser Feder zum ersten Mal ab. Der Körper hat keinen Wissensdurst, er geht voran, nur unsere Köpfe heischen nach Wissen, das heißt sie brauchen eine Landkarte vor der Nase. Dem Körper aber hilft die Landkarte in keiner Weise. Seine neue Welt besteht nur aus dem gegenwärtigen Schritt, seine Aspiration ist seine Karte. Und alle Körper, die diesen Weg zurücklegen wollen, brauchen allein diese Aspiration – im Grunde genommen ist sie wahrhaftig der einzige Weg, den es seit dem Protoplasma gibt: ein Streben, eine Aspiration. Und das wird immer der Weg sein. Am Ende der Strecke finden wir das, womit wir auszogen. Man trägt das Ziel immer mit sich, es ist in jedem Augenblick gegenwärtig. Wenn wir das erkennen, schmilzt die Zeit: heute ist vor Millionen Jahren. Nimmt der Kopf das wahr, entschwindet man andächtig in eine weiße Ewigkeit, und nichts ändert sich. Nimmt der Körper es wahr, so berührt man vielleicht einen der Hebel der Transformation, denn die Zeit ist der Feind des Körpers, und man betritt eine goldene Ewigkeit, die seltsame Eigenschaften zu haben scheint. Der Körper enthält den Schlüssel der langen Reise. So verlangt es ihn nicht nach einer Karte: es verlangt ihn zu sein. Und es ist erstaunlich, denn findet er diese Ewigkeit, so handelt es sich in keiner Weise mehr um eine statische Ewigkeit wie diejenige der Mönche oder der Dichter oder der Meditierenden, sondern es ist im Gegenteil eine Ewigkeit, erfüllt von höchster Dynamik – eine Ewigkeit in blitzartiger Bewegung. Es ist eine andere Zeit, aber nicht die Ewigkeit, welche wir kennen. Eine bestimmte andere “Zeit” des Körpers birgt möglicherweise das Geheimnis eines anderen Raumes, der das Geheimnis der Materie birgt, denn die Materie ist bereits eine Art geronnener, erstarrter Zeit. Vielleicht liegt hier ebenso das Geheimnis der Zersetzung durch den Tod, welche mit der Zeit einhergeht. Angesichts des Todes fanden wir nur eine weiße Ewigkeit; also sind es zwei Arten der Zersetzung, eine in Weiß, die andere in Schwarz. Haben wir die dritte Zeit gefunden, die Zeit des Körpers, die Zeit, die nicht stirbt und die nicht in der Ewigkeit verkrustet, so berühren wir vielleicht den ganzen Schlüssel. Allein der Körper kann erkennen. Langsam begann Mutters Körper in eine dritte Art von Zeit überzugehen.

Transformation oder Perspektivenwechsel?

Es war ein lebender Widerspruch, als befände sich Mutter nicht vor, sondern auf zwei völlig unterschiedlichen Wegen. Der Kopf mag durchaus sich widersprechenden Ideen folgen und wohl oder übel mit seinem Chaos leben, aber wie kann ein Körper gleichzeitig einen Schritt in diese und in die andere Richtung tun? Zwei Wege oder zwei Körper, die in zwei verschiedene Richtungen zu gehen scheinen. Oder verlaufen die Linien parallel und treffen sich im Unendlichen? – das Unendliche aber ist weit. Einerseits fühlte sie unmerklich und unbestimmt, wie dieser neue Körper in ihr Gestalt annahm: Ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht bereits physisch mit einem wahren Körper existiere, sagte sie schon 1963. Dort, in der Materie auf der anderen Seite unseres Käfigs. Ich sage, daß ich mir nicht sicher bin, denn die äußeren Sinne haben keinerlei Beweis dafür. Aber… von Zeit zu Zeit drängt sich mir etwas geradezu auf: Eine Minute lang sehe ich mich, fühle ich mich, objektiviere ich mich so, wie ich bin. Das dauert einige Sekunden, und dann, pfft! ist es verschwunden – ersetzt durch die alte Gewohnheit. Plötzlich stellt sich die Frage, ob diese ungeheure “unanfechtbare” wissenschaftliche Materialität nicht bloß eine Gewohnheit war: eine alte Gewohnheit, die Dinge auf eine bestimmte Weise zu sehen. Die Leute, die mich nachts sehen, diejenigen, welche Einblick in die subtile Welt haben, sehen mich nicht so [Mutter deutete auf die äußere Kruste]; sie sehen mich, wie ich bin, und beschreiben es so. Sie sagen: Ja, aber Sie sind so und so… Und sie fügte hinzu: Doch damit das eine den Platz des anderen einnimmt?… Das genau war die Frage. Hier lag die ganze Zweideutigkeit: Würde das eine den Platz des anderen einnehmen, oder würde das andere sich in das erstere verwandeln, transformieren? Sie wußte es nicht, sie wechselte vom einen zum anderen. Es war ein infernalisches Kommen und Gehen zwischen dem einen und dem anderen – und offensichtlich lag in dieser Hölle der Schlüssel zur Lösung; gerade im Widerspruch lag die Möglichkeit einer Verbindung von beiden. Das ist sehr leicht gesagt, ist aber überhaupt nicht leicht zu leben. Tatsächlich war es unerträglich, außer für sie. Dann konkretisierten sich die Dinge eines Tages im Mai 1970, sie sah selbst diesen Körper: Jetzt habe ich ihn gesehen, meinen Körper! Es ist gut, wie er sein wird! [Sie lachte] Eine Gestalt, die an unseren Körper erinnert, aber geschlechtslos, das heißt weder männlich noch weiblich. Kein sehr veränderter Körper, aber so verfeinert, so… sehr verfeinert. Die Farbe ähnelt ein wenig der von Auroville [orange], sehr vibrierend, als sei er… nicht leuchtend, habe aber doch eine gewisse Leuchtkraft. Ich war vollkommen wach, ich schlief nicht, es war kein Traum. Ich hatte die gleiche Sachlichkeit wie im Wachzustand. Wir erinnern uns an die Vision des supramentalen Schiffes zwölf Jahre früher und an seine Passagiere, ihre stattliche Größe und ihre orangene Farbe. Das ist eine lange Reise. Als wäre das, was sie damals in einer fernen Vision gesehen hatte, nun in die Materie eingedrungen – aber es ist nicht wirklich “eingedrungen”, es galt allein, all die Schichten undurchlässigen Bewußtseins zu durchqueren, es lag nur “am Ende”, “dort drüben”, auf der anderen Seite des Schlafes des physischen Mentals. Wurde der Vorhang einmal durchschritten, ist es hier, vor unseren weitgeöffneten Augen, ebenso “objektiv” wie der Tisch oder der Stuhl, objektiver sogar, denn es hat einen größeren Bewußtseinsgehalt als ein Tisch oder ein Stuhl: es ist dichter. Wir glauben sogar zu verstehen, was Mutter meinte, als sie sagte, daß diese neue Materie “ohne Teilungen” sei: Unsere wissenschaftliche Materie ist voller Leere, sie besteht aus einer ungeheuren Stückelung getrennter Partikel, getrennt durch enorme Abstände (enorm in diesem Maßstab1), während jene kompakt, dicht und ohne “Löcher” ist. “So dicht wie ein Diamant, aber elastisch”, sagte Mutter 1906.

Es ist amüsant, sich daran zu erinnern, daß die erste Revolution oder Offenbarung in Mutters Leben sich im Alter von acht oder zehn Jahren vollzog, als man ihr sagte: “Siehst du diesen Tisch? Du glaubst, das sei ein Tisch, du glaubst, daß er fest und aus Holz sei – aber das sind nur schwirrende Atome…” Das gab eine Art Revolution in meinem Kopf und ein Gefühl der vollständigen Unwirklichkeit der Erscheinungen. Plötzlich sagte ich mir: “Wenn das so ist, dann ist ja nichts wahr!”

Nun befand sie sich in der zweiten Revolution, hinter der zweiten, atomaren “Oberfläche”.

Niemand hat je richtig gefunden, was hinter dem Atom liegt. Wo ist der letzte unteilbare Kern?

Und Mutter fragte sich, was zwischen diesem alten Körper und dem anderen Körper geschehen würde. Würde der Mensch seine alte Gewohnheit, die Dinge zu betrachten, nicht ändern? Wird es immer eine Welt geben, wie sie jetzt ist?… Man kann sich sehr wohl eine Welt vorstellen, in welcher man in diesem neuen Zustand leben würde, der sich nach seiner eigenen normalen Gesetzlichkeit entwickelt. Würde die Existenz dieser Welt aber die Existenz der alten Welt aufheben?… Siehst du, hier stehen wir vor einem ungelösten Problem. Und sie fragte sich bereits 1962, ob das ganze Problem nicht im Grunde genommen auf eine Art kollektive Mutation des Blickes hinausliefe, etwas, wodurch die Erfahrung sich ausbreitet, ansteckend wird, denn wir vergessen immer, daß nichts getrennt ist, keine Erfahrung isoliert wie hinter Mauern stattfindet, daß die Erde ein einziger Körper evolutionärer Erfahrung ist: Alles läuft fast auf eine Fähigkeit hinaus, die Erfahrung zu verbreiten oder die Dinge in die Erfahrung mit einzubeziehen (was dasselbe ist). Man muß vergessen, daß es hier eine Person gibt und dort eine andere, hier eine Sache und dort eine andere… Stell dir vor – wenn du es nicht konkret erfahren kannst, stell es dir vor –, daß alles eine einzige äußerst komplexe Sache ist, und wenn eine Erfahrung an einem Punkt entsteht, breitet sie sich aus oder bezieht das übrige mit ein oder umfaßt das übrige, je nach dem Fall. Das ist die einzige Erklärung für die “Ansteckung”: die Einheit. Eine hinreichend ansteckende Erfahrung. Dies ist die ganze Erfahrung von Sri Aurobindo und Mutter: die kollektive Abnutzung des Schleiers des physischen Mentals. Wird er in ihrem Körper abgetragen, muß er sich im Körper der Welt abtragen. Manchmal glaubte Mutter, wie sie sagte, einen “Zipfel der Lösung” erhascht zu haben: Es gibt eine Art von Wissen (ist es ein Wissen?) oder ein Vorwissen, das dem Körper gegeben wird, wie diese Erscheinung verändert werden wird. Das scheint sehr leicht und sehr einfach, und es mag sehr jäh kommen, denn es wird sich überhaupt nicht in der Art und Weise vollziehen, wie die Leute glauben oder erwarten. Es wird vielmehr so sein, daß sich die Vision der wahren inneren Bewegung derart behauptet, daß sie die falsche Sichtweise verdeckt… Da ist etwas Wahres, die wahre Physis, die für unsere gegenwärtigen Augen nicht wahrnehmbar ist, die aber durch eine intensivierung wahrnehmbar werden kann. Mutter sagte schon immer: Diese andere Welt muß nicht von Grund auf erschaffen werden, sie besteht bereits, ist vollkommen existent, und “ein kleiner Funken”, ein winziger Auslöser genügt für die Invasion des Wirklichen. Diese Intensivierung würde die äußere Transformation verwirklichen und die falsche Erscheinung durch die wirkliche Form ersetzen… Wenn man das jetzt sagt, stellen sich die Leute gleich eine “psychische” oder mentale Vision vor – aber das ist es ganz und gar nicht! Davon spreche ich nicht. Ich spreche von einer physischen Vision, mit diesen Augen [Mutter berührte ihre Augen]. Aber eine wahre physische Vision anstatt der entstellten Sichtweise, wie sie jetzt ist. Eine physische Mutation der Blickweise? Als Fische im Goldfischglas glauben wir immer, diese “andere” Welt wäre eine “andere” Wirklichkeit – aber es ist doch dieselbe Wirklichkeit, nur mit anderen Augen gesehen! Das ist nichts Übernatürliches, sondern das Natürliche genauer gesehen. Das heißt im Grunde, schloß Mutter, daß die wahre Realität viel wunderbarer ist, als wir es uns vorstellen können, denn wir stellen uns immer nur eine Verbesserung oder Verherrlichung von dem vor, was wir sehen – aber das ist es gar nicht. Wir können uns immer nur einzelne Veränderungen vorstellen: man wird wieder jung, alle Anzeichen des Alterns verschwinden usw. [kurz, die Verbesserung des Fisches im selben Goldfischglas] – aber das sind alte Geschichten. Das ist es nicht.

Das wäre sehr einfach: ein weltweiter Schlag mit dem Zauberstab. Die Dinge mögen sich auch durchaus bis zu einem gewissen Punkt so zutragen. Es ist gut möglich, daß all die Falschheit und Lüge der Welt sich plötzlich mit Grau oder Schwarz füllt, aus dem Blickfeld verschwindet… Dabei wissen wir allerdings nicht, wieviele Menschen mit “ausgewischt” würden, wenn der einzige Gesichtspunkt und ausschlaggebende Faktor das Gewicht wahren Bewußtseins wäre. Ich weiß keineswegs, ob die falsche Erscheinung nicht für jene weiterexistieren würde, welche nicht bereit sind, das Wahre zu sehen, fragte sich Mutter. Auf jeden Fall wäre das eine Zwischenperiode: Diejenigen, welche die Augen offen haben (das, was man in den Schriften “offene Augen” nennt), könnten sehen, und sie würden nicht durch eine besondere Anstrengung oder Suche sehen, sondern es würde sich ihnen aufdrängen. Dagegen würden diejenigen, welche die Augen nicht offen haben… Auf jeden Fall wäre es über einen bestimmten Zeitraum hinweg so, sie würden nicht sehen. Sie sähen noch die alte Erscheinung. Beide wären gleichzeitig da. Es ist sonnenklar: Würden selbst einige hundert oder tausend Menschen von der neuen Sehweise, der Ansteckung der neuen Welt “erfaßt”, so hätte dies unvorhersehbare Rückwirkungen auf die übrigen, die sich der “Berührung” durch diese andere menschliche “Spezies” nicht entziehen könnten, deren höhere Freude und höhere Harmonie ein ziemlich ungeheures Fragezeichen für sie darstellen würde, vielleicht wäre sie sogar eine Herausforderung, ein unsichtbarer Zwang für die anderen weniger Evolvierten und zunehmend in ihrem Ersticken Verstörten. Das wäre sicherlich ein ähnliches oder sogar mächtigeres Phänomen als dasjenige der Invasion einer ersten Woge von Amphibien unter den Fischen. Vielleicht trägt sich dieses Phänomen gerade zu: die unsichtbare Ansteckung, die immer weniger unsichtbar wird.

Dennoch…

Es gibt ein fürchterliches “Dennoch”.

Die Erscheinung der Welt verändert sich für jene, die ihre Augen offen haben. Selbst die Erscheinung des Körpers verändert sich: Das wahre Licht, das wahre Bewußtsein, die wahre Substanz behaupten sich. Gewiß, je stärker die wahre Schwingung evident und sichtbar ist, desto stärker berichtigt, “läutert” sie die falsche und verlogene Schwingung – desto mehr ist man genötigt, wahr zu sein. Es gäbe keine Möglichkeit mehr zu betrügen. Ein wichtiger Schritt wäre im Bewußtsein getan, mit unübersehbaren Konsequenzen für die Harmonisierung und Organisation des Lebens. Dennoch verbliebe ein Körper, der beerdigt wird.

Hier genau liegt das Problem.

Ein Körper, der alt wird, Falten bekommt und stirbt.

Das eigentliche Symbol der Falschheit bleibt.

Mutter betrachtete den immer deutlicher wahrnehmbaren neuen Körper und den immer stärker drängenden Tod in ihrem alten Körper. Was würde geschehen?

Wenn alles gesagt und getan ist, muß sich diese tatsache ändern, sagte sie.

Kann sie sich ändern?

Mutter befand sich wie auf zwei unterschiedlichen Pfaden zugleich: einem Pfad des Lebens und einem Pfad des Todes, in einem unvergänglichen Körper und in einem sich zersetzenden Körper. Sie war gleichzeitig im Leben und im Tod, zu beiden Seiten des Goldfischglases… als müßten beide eins werden oder sich in ein Drittes verwandeln.

Der Körper ist die Brücke.

Das Problem der Transformation

Es ist schwierig, sich den Übergang oder Eintritt dieses “schwingenden Körpers” in unseren alten Körper vorzustellen – der neue ist dicht, dabei fließend, ein wenig leuchtend, ohne Struktur, wie wir sie gewohnt sind; der alte ist mit einem Skelett ausgestattet, und sein Existenzbeweis scheint gerade seine Undurchsichtigkeit zu sein. Gewiß war es zu Beginn der Urzeit gleichermaßen unmöglich, sich in Anbetracht dieser völlig trägen Urtrübheit den Übergang oder die Transformation der Metalle und Gesteine in lebendige und “flüssige” Formen vorzustellen. Auf die evolutionäre Skala bezogen ist dieses Prinzip deshalb weder unwahrscheinlich noch unwissenschaftlich, gleich wie sehr es uns auch heute noch so erscheinen mag. Wie verhält es sich aber praktisch im Alltag? Die Evolution beginnt nicht morgen, sie entfaltet sich Tag um Tag, und selbst wenn es eine jähe Mutation gibt, so ist diese Mutation die Frucht einer langen Vorbereitung, einer Anhäufung von Faktoren, die plötzlich den Bruch und die Änderung des Gleichgewichts bewirken. Was ist der Prozeß dieser neuen Transformation? Es muß einen begründeten Ablauf geben, selbst wenn er langsam und unsichtbar vonstatten geht und einem “Grund” gehorcht, der uns selbstverständlich entgeht, denn es ist ja der Grund des nächsten Wesens. Hätte man weiterhin auf den Grund der Metalle gewartet, hätten wir heute wahrscheinlich immer noch ein sehr metallisches Universum. Mutter ist die Logik der Zukunft, was sie nicht im geringsten daran hinderte, die Logik von heute mit der Strenge eines Mathematikers anzuwenden: Sie ging immer nüchtern bis zum Ziel aller Dinge, um den Mechanismus aufzuzeigen. Der “Mechanismus” war ihre Leidenschaft. Zwischen dem Kalb, das sich im Bauch der Kuh formt, und dem Kind, das sich im Mutterleib formt, gibt es keinen großen Unterschied. Der einzige wesentliche Unterschied ist das Hinzutreten des Mentals. Fassen wir aber ein physisches Wesen ins Auge, das heißt ein sichtbares, so wie das Physische jetzt sichtbar ist, und von der gleichen Dichte – beispielsweise einen Körper, der keines Kreislaufs oder Knochenbaus bedürfte –, so wäre das eine unendlich größere Transformation als diejenige vom Tier zum Menschen; es wäre der Übergang zu einem Wesen, das nicht mehr in der gleichen Weise gebaut wäre, das nicht mehr auf die gleiche Art funktionieren würde, sondern das eine Verdichtung oder Konkretisierung von… “etwas” wäre. Bis heute gibt es dazu keine Entsprechung in dem, was wir physisch kennen. – “Man kann sich vorstellen,” erwiderte ich, “daß ein neues Licht oder eine neue Kraft den Zellen eine Art spontanes Leben, eine spontane Kraft verleiht.” – Ja, das wollte ich sagen, die Nahrung kann verschwinden; das kann man sich vorstellen. – “Aber könnte der ganze Körper von dieser Kraft aufrecht gehalten werden? Selbst mit einem Knochengerüst könnte er beweglich und geschmeidig bleiben, er könnte die Geschmeidigkeit eines Säuglings haben. – Gerade deswegen kann sich ja der Säugling nicht aufrecht halten! rief sie aus. Was, zum Beispiel, würde den Knochenbau ersetzen? – “Es könnten dieselben Bestandteile sein, die aber eine Geschmeidigkeit bewahren: Bestandteile, deren Festigkeit nicht aus der Härte käme sondern aus der Kraft des Lichtes, oder?” – Ja, das wäre möglich… geschmeidig, plastisch, das wäre vorstellbar, das heißt die Form wäre nicht so starr wie jetzt. All das ist vorstellbar, aber… – “Aber”, beharrte ich, “man kann das sehr gut als eine Art Blüte betrachten, eine leuchtende Ausdehnung, einer aufblühenden Lotosknospe gleich. Eine Knospe ist etwas Hartes. Das Licht muß diese Kraft haben. Das zerstört nichts von der bestehenden Struktur.” Und Mutter war der ungläubige Thomas: Aber sichtbar? Etwas, das man anfassen kann? (Auch sie gab sehr viel auf das “Konkrete”.) – “Aber ja, es wäre einfach ein Aufblühen: das, was geschlossen ist, öffnet sich wie eine Blume, dabei hat es noch immer die Struktur der Blume.” Sie schüttelte den Kopf: Mir fehlt die Erfahrung, ich weiß es nicht.

Die konkrete Erfahrung war das einzige, was Mutter beschäftigte, und sobald ich mir etwas vorstellen oder etwas erahnen wollte, wies sie es kühl zurück: “Das ist alles Poesie, Vermutungen.” Während neunzehn Jahren in ihrer Nähe erlebte ich sie nie im Vagen. Ich bin vollkommen davon überzeugt – weil ich Erfahrungen hatte, die es mir bewiesen –, daß das Leben dieses Körpers – das, was ihn bewegt und verändert – durch eine Kraft ersetzt werden kann, das heißt eine gewisse Unsterblichkeit kann geschaffen werden, und die Abnutzung kann verschwinden; psychologisch kann das durch einen völligen Gehorsam gegenüber der göttlichen Eingebung geschehen [einen bewußten Automatismus], die bewirkt, daß man jeden Augenblick die notwendige Kraft hat, das Notwendige tut – all das sind Gewißheiten. Es ist keine Hoffnung, keine Wunschvorstellung – es sind Gewißheiten. Man muß den Körper erziehen, ihn langsam transformieren, seine Gewohnheiten ändern. Das ist möglich, all das ist gut möglich. Wieviel zeit jedoch bräuchten wir, um die Notwendigkeit des Skeletts zu beseitigen (wenn wir nur dieses Problem nehmen)?… Die Zeit ist ein Problem… Auch ein supramentaler Körper, der in einer Welt schwebt, die nicht die Erde ist, wäre keine Lösung! In der Tat… Was ich sagen möchte, fügte sie hinzu, ist, daß sich dies vielleicht durch eine große Anzahl neuer Schöpfungen bewerkstelligen ließe. So könnte der Übergang vom Menschen zu diesem supramentalen Wesen vielleicht über alle möglichen Zwischenstufen geschehen. Verstehst du, der Sprung erscheint mir so ungeheuerlich… Ich kann mir sehr gut ein Wesen vorstellen, das durch die spirituelle Kraft, durch die Macht seines inneren Wesens die notwendigen Kräfte sammeln, sich erneuern und immer jung bleiben kann – das kann man sich leicht vorstellen; es könnte selbst eine gewisse Geschmeidigkeit erhalten, um seine Gestalt je nach Bedarf zu verändern. Aber das völlige Verschwinden des gesamten gegenwärtigen Aufbaus – der sofortige Wechsel vom einen zum anderen… das würde Zwischenstufen erfordern. Vielleicht Zwischenwesen, denen keine lange Dauer beschieden ist, so wie es ja Zwischenstufen zwischen dem Schimpansen und dem ersten Menschen gab… Ich weiß nicht, es muß etwas geschehen, das sich bis jetzt noch nicht zugetragen hat.

Etwas, das uns entgeht, das dabei vielleicht unverstanden direkt vor unserer Nase liegt.

Vor lauter Tatsachen vergessen wir immer das “Etwas”, das nicht zu den Tatsachen von gestern gehört.

Aber das ist nicht alles. Mutter sah das Problem in seiner Gesamtheit: Die persönliche Erfahrung ist folgende: Alles, was ich mit der Gegenwart des Herrn tue, tue ich ohne Anstrengung, ohne Schwierigkeit, ohne Ermüdung, reibungslos, einfach innerhalb des großen Rhythmus. Nur ist es noch dem äußeren Einfluß ausgesetzt, und der Körper ist gezwungen, Dinge zu tun, die nicht unmittelbar Ausdruck der höchsten Eingebung sind, daher die Ermüdung, die Reibung… Es muß etwas geben, weißt du, das der Ansteckung widerstehen kann. Der Mensch kann der animalischen Ansteckung nicht widerstehen, er kann es nicht, er steht in andauernder Beziehung zu ihr. Wie kann dieses Wesen sich da verhalten?… Es sieht so aus, als ob es über lange, lange Zeit noch den Gesetzen der Ansteckung ausgesetzt sein wird. – “Ich weiß nicht”, antwortete ich in meiner Unbefangenheit, “das erscheint mir nicht unmöglich; mir scheint, solange diese Macht des Lichtes gegenwärtig ist… was könnte sie korrumpieren?” Und Mutter rief aus: Aber alle würden verschwinden! Das ist es ja. Wenn das kommt, wenn der Herr gegenwärtig ist, gibt es nicht einen unter Tausenden, der davor nicht völlig in Entsetzen gerät – nicht in seinem Verstand, seinem Denken sondern in seiner Substanz. Angenommen also, daß es so wäre, daß ein Wesen die Verdichtung und der Ausdruck der höchsten Macht und des höchsten Lichtes wäre – was würde geschehen?… Ich habe erwachsene Leute hier erlebt, ich habe den Versuch gemacht und die Atmosphäre aufgeladen, der Herr war gegenwärtig: Ich sah Leute über vierzig kommen und… brrt! sie haben die Beine unter die Arme genommen, trotz aller Höflichkeitsregeln, und das, nachdem sie um den Besuch gebeten hatten! Alle Voraussetzungen für ein angemessenes Verhalten waren gegeben – unmöglich, sie konnten es nicht. Es war zu stark. – “Nun, das ist das ganze Problem”, sagte ich Mutter, und sie stimmte zu. “Denn ich sehe keine Schwierigkeit in der Transformation als solcher. Es scheint mir eher die Schwierigkeit der Welt zu sein.”

Die Schwierigkeit der widerspenstigen alten Spezies.

Könnte sich alles gleichzeitig transformieren, ginge es, sagte sie. Aber das ist offensichtlich nicht der Fall. Würde sich ein Wesen allein transformieren…, wäre das vielleicht unerträglich.

Das Problem der Transformation ist somit vielleicht nicht nur und hauptsächlich ein physiologisches oder anatomisches sondern ein umfassendes Problem, denn die Evolution umfaßt die ganze Welt vom Protoplasma bis zu uns Menschen. Es gibt keine materiellen Unmöglichkeiten, keine physiologischen Unmöglichkeiten, nicht mehr jedenfalls als im Eisen- oder Nickelzeitalter – nur immer und ewiglich eine Schwierigkeit der Vergangenheit, die nicht sterben will und an überkommenen Formen festhält, an ihrer bevorzugten Erstickung. Die Erfahrung von Sri Aurobindo und Mutter mag das schlimmste Trauma sein, dem die Welt seit dem Auftreten des Lebens ausgesetzt wurde. Und es ist erst der Anfang.

Doch alles kann herrlich sein…

Wenn etwas im Bewußtsein der Individuen nachgibt.

Es gibt keine andere Schwierigkeit als diejenige des Bewußtseins.

Ein kleiner Funken Freude.

Und wir fragen uns, ob unsere Körper diese Freude nicht vor uns selbst wollen… und uns damit überraschen werden?

Die zellulare Stabilisierung

Die Transformation des Körpers geschieht so allmählich und unsichtbar wie die Entstehung des neuen Körpers, und tatsächlich vollziehen sich beide gleichzeitig, sie lassen sich nicht trennen: Das, was die Prägung der neuen Substanz, des Urstoffs bewirkt, verursacht auch eine tiefe Veränderung in der zellularen Funktionsweise und der materiellen, körperlichen Substanz; dort wirkt der Prozeß lediglich aus evidenten Gründen langsamer – alles zerbräche, wenn der Wechsel zu abrupt einträte. Auseinanderfallen oder sich verwandeln… das ist beinahe der gleiche Vorgang! rief Mutter aus. So beginnt man ein wenig, die Hölle der letzten Jahre zu verstehen, das entsetzliche Paradox, das sie lebte. “Sich nach vorne auflösen”… Der Prozeß der Transformation und der Prozeß der Entstehung des neuen Körpers sind somit ein und derselbe, schlicht und einfach. Was uns so außerordentlich kompliziert erscheint, als unvorstellbare Unmöglichkeit, hat den einfachsten Schlüssel, den es geben kann: Das Mental der Zellen übt eine Anziehung oder Fixierung auf den ungeheuren Strom des Urstoffes, der supramentalen Materie aus, es ist das Bindemittel oder Verbindungsstück der supramentalen Schwingung. Aus diesem Grund wurde Mutter jedesmal ohnmächtig, wenn sie unter Ausschaltung des Körpermentals mit dem Supramental in Verbindung treten wollte: Es ist das Zwischenglied, die Brücke zwischen der Materie, so wie sie ist – verhärtet, geronnen, fixiert durch die evolutionären Gewohnheiten –, und dem supramentalen, schwingenden, fließenden und so ungeheuer mächtigen “lückenlosen” Urstoff. Selbstverständlich fixiert man einen solchen Strom nicht ungestraft. Es bedeutet sozusagen eine Verwüstung in kleinen Dosen. Die ersten Körper, die sich bildeten – die Partikel, die Atome –, verloren keine Zeit, diese Substanz zu verkrusten und zu teilen, indem sie sich vom ungeheuren Magma abtrennten, und alles verkrustete auf dieser ersten Kruste. Eine wirkliche Ausweitung des zellularen Bewußtseins – gerade die entgegengesetzte Bewegung der ersten Verkrustung – ist notwendig, um diese ungeheure supramentale Flut aushalten zu können, einzig mit der kleinen Schwingung des Mentals der Zellen, diesem winzigen Kern des Gebets oder Appells, welcher gerade das ertragbare Quantum fixiert oder um sich prägt. Dieses Zellmental ist somit der Schlüssel, der schlichte Schlüssel sowohl der Transformation als auch des neuen Körpers – man mußte ihn nur noch erreichen, diesen Schlüssel. Das ist genau Sri Aurobindos “mathematische Formel”, als er den zellularen Unterbau erreichte: Er fand das fehlende Glied zwischen Materie und Supramental, und es blieb nur noch die “Ausarbeitung”… Zelle um Zelle. Das Mental erstreckt sich überall, notierte er in einem der wenigen aufschlußreichen Texte, die er diesbezüglich hinterließ und den wir bereits teilweise zitiert haben.… Es gibt auch ein obskures Mental des Körpers, selbst der Zellen, der Moleküle, der Korpuskel. … Dieses Körper-Mental ist eine sehr greifbare Wahrheit; durch seine Dunkelheit und sein mechanisches Festhalten an alten Regungen, sein leichtes Vergessen und Ablehnen des Neuen zeigt es sich als eines der Haupthindernisse gegenüber der Durchdringung durch die Supramental-Kraft und der Transformation der Körper-Funktion. Andererseits, ist es einmal wirksam umgewandelt, wird es eines der wertvollsten Werkzeuge für die Stabilisierung des supramentalen Lichtes und der supramentalen Kraft in der materiellen Natur sein.8 Das war genau Mutters Erfahrung: War dieses körperliche, zellulare Mental einmal von der Hypnose des physischen Mentals befreit, begann es die supramentale Schwingung zu fixieren und einen supramentalen Körper zu bilden. Es wiederholte das Mantra mit derselben Unerschütterlichkeit, mit der es vorher seine alten Katastrophen herunterleierte. Es ist das Bindemittel. Genau deshalb blieb dieses Mental als einziges übrig, sagte sie nach der radikalen Reinigung 1968. Wenn du willst, wurde ich dem Anschein nach töricht, ich wußte nichts mehr. Langsam, langsam begann sich dieses Mental dann zu entwickeln… Sri Aurobindo sagte, wenn das physische Mental transformiert ist, würde die Transformation des Körpers völlig natürlich folgen. Wir werden ja sehen!

Da stellt sich die Frage, ob die Entstehung dieses neuen Körpers nicht bloß das erste Stadium der Transformation ist und nicht das letzte, wie viele zu glauben scheinen. Es sei denn, beide Phänomene ergänzen sich gegenseitig. Denn bleibt allein der neue Körper, ist er noch immer etwas, das “in einer Welt schwebt, welche nicht die Erde ist”: das heißt man verflüchtigt sich. Das ist es nicht, sagte Mutter. Der neue Körper, der sich schneller bildet, da in ihm keine alten Verkrustungen aufgelöst werden müssen, sollte das alte Gebilde durchsetzen, soweit dieses ihn aushält, bis beide miteinander verschmolzen sind. Damit hätten wir etwas, das nicht mehr der uns vertraute alte Knochenbau ist und auch nicht mehr der unwägbare neue Körper sondern etwas, das dem neuen Körper eine Wägbarkeit und dem alten Körper eine neue Stofflichkeit verleiht. Dies wäre dann wahrlich der supramentale Körper auf der Erde. Der alte Körper wäre die Brücke.

Die ganze Frage liegt in der “Wägbarkeit” oder neuen Stofflichkeit; dort befinden wir uns im vollkommen Unbekannten – vielleicht dem “gefährlichen Unbekannten”, von dem Mutter sprach –, und wir werden es nicht verstehen, bis die Sache vollbracht ist. Wie könnte das Gestein auch die “Stofflichkeit” des Lebens verstehen?

Das zellulare Über-Leben

Zweifellos ist vorstellbar, daß diese Wägbarkeit lediglich eine Frage der Sichtweise ist, und wenn die menschliche Sichtweise sich änderte, würde das Unwägbare vollkommen abwägbar. Bleibt aber noch der alte Lumpen, den man beerdigt, und wir können uns nicht des Eindrucks erwehren, daß das ganze Geheimnis gerade dort versteckt ist. Warum sollte man sonst von Transformation sprechen? Als Mutter 1959 diesen “Wohnsitz von Sri Aurobindo” zum ersten Mal besuchte, fragte ich sie, ob diese “andere” Welt, diese wahre “Auskleidung” der Erde, die supramentale Welt sei. Worauf sie folgendes antwortete: Mein Eindruck ist, daß das Leben, das Sri Aurobindo jetzt führt, für ihn nicht die volle Befriedigung des supramentalen Lebens ist. In dieser “anderen” Welt gibt es die Unendlichkeit, die Erhabenheit, die vollkommene Ruhe, die Ewigkeit – alles ist vorhanden… Vielleicht fehlt nur die Freude… Sri Aurobindo selber hatte natürlich die Freude. Ich habe aber den Eindruck, daß sie nicht vollständig ist, und aus diesem Grund muß ich mit der Arbeit fortfahren. Ich spürte, daß es erst vollendet sein wird, wenn es sich hier geändert hat.

Sich hier ändern bedeutet, daß beide Seiten EINS geworden sind.

Wenn der andere Körper und der Körper der Erde EINS geworden sind.

Welches Mysterium trennt beide?

Vielleicht wurde dieses Mysterium in Mutters Körper “ausgearbeitet”?

We can’t both remain on earth, one must go, sagte Sri Aurobindo zu Mutter: “Wir können nicht beide auf der Erde bleiben, einer von uns muß gehen.” Und Mutter hatte ihm geantwortet: I am ready, I’ll go. “Ich bin bereit, ich werde gehen.” Da antwortete er mir: Nein, du kannst nicht gehen, dein Körper ist besser als der meine, du kannst die Transformation besser aushalten als ich. Noch 19 Jahre später (1969) rief Mutter mit ich weiß nicht welchem Schmerz vermischt mit Bedrängnis aus: Warum?… Wieviele Male habe ich mich das seither gefragt… Warum? Als wäre die Transformation des Körpers die Bedingung, damit die beiden Seiten zusammenkommen können, als sei der Körper der Ort der Verbindung, der Ort, an dem der Schleier zerreißt. Aber was, welcher Schleier, welcher “Mechanismus”? Und ich fragte Mutter: “Heißt das, daß deine Gegenwart hier (auf dieser Seite des Schleiers) Sri Aurobindo eines Tages helfen könnte, sich zu materialisieren?” – Ja, genau. Das hat er deutlich gesagt (denn ich hatte ihn gefragt): Ich komme nur in einem supramentalen Körper zurück… Das ist die große Frage dieses supramentalen Körpers, das weiß ich nicht. Welche Veränderung im Körper der Materie könnte die eigentliche Beschaffenheit der Materie so weit verändern, daß… der andere Körper sich hier unter unseren irdischen Bedingungen durchsetzen kann? Diese Veränderung der Beschaffenheit der Materie ist vielleicht der Knoten der ganzen Geschichte, sozusagen eine “hybride” Materie zwischen dem flüssigen Zustand des Supramentals und der undurchlässigen Härte unserer irdischer Körper. Eine neue Transparenz der Materie. Gleich einem zu schaffenden neuen Milieu, das die Verbindung der beiden Seiten gestattet. “Vielleicht muß nur ein Übergang geschaffen werden [damit Sri Aurobindo und diese Welt sich materialisieren]?” fragte ich Mutter. – Das ist möglich… Aber dieser Körper verspürte noch nie das Verlangen oder den Ehrgeiz, Wunder zu vollbringen – das interessiert ihn nicht. Er hat viele wunderbare Dinge gesehen, spürte aber immer, daß… es der höchste Herr war, der sie tat (das erscheint ihm auch vollkommen normal). Aber mentale Phantasien… wenn sie kamen, wies der Körper sie stets zurück. Er sagt: Danke nein, das interessiert mich nicht! Tatsächlich ging es nicht darum, ein “Wunder” zu vollbringen, es galt die Materie selbst zu verändern, den Körper selbst zu verändern; die einzige Phantasie des Körpers ist die Realität. Vielleicht bewerkstelligte er “Wunder”, ohne es zu wissen. All die Dinge, welche die Leute wunderbar finden, fuhr Mutter fort, interessieren den Körper nicht im geringsten. Andererseits wäre er nicht erstaunt, Sri Aurobindo eines Tages hier ins Zimmer treten zu sehen. Aber… er hat keine Lust, es zu tun, verstehst du, er verspürt kein Bedürfnis, die Leute in Erstaunen zu versetzen – in keiner Weise. Wir werden sehen! Und sie lachte. Ich aber beharrte, denn ich spürte wohl, daß es sich nicht um eine Frage von Wundern handelte, selbst nicht um Sri Aurobindos Erscheinen, sondern um die reale Transformation der Erde, die Transformation des physischen, materiellen Milieus, das die Verbindung der beiden Seiten gestatten würde, ein wenig wie die Transformation der Undurchlässigkeit des Minerals der Materie die ersten Augen gab, und am Nachmittag desselben Tages schickte ich Mutter eine kleine zweizeilige Notiz: “Savitri holt Satyavan aus dem Tode zurück – also wird Mutter Sri Aurobindo wiederbringen?” – Etwas in dieser Art, antwortete sie.

“Sri Aurobindo wiederbringen” bedeutet, die beiden Seiten zu verbinden.

Die Frage präzisiert sich. Alles dreht sich um etwas, das es in der Beschaffenheit des irdischen Körpers, der irdischen Materie zu transformieren gilt, damit der Schleier zerreißt – genau dieser Schleier schafft den Tod und trennt die beiden Seiten voneinander. Nur im Körper kann der Tod überwunden werden, und im Körper wird der Schleier zerrissen. Der Körper enthält den Schlüssel zur Verbindung der beiden Welten zu der EINEN – er ermöglicht die Rückkehr “Satyavans”. Das Mysterium der Transformation ist nicht das Mysterium einer wunderbaren Verjüngung der Körper, nicht einmal dasjenige einer strahlenden Verwandlung des Körpers, sondern es ist das eigentliche Mysterium des Todes in seinem Nest.

Mutters Körper befindet sich nun genau im Nest dieses Todes. Hat er versagt? Oder verfolgt er eine unglaubliche Aufgabe? “Die Erde sah meinen Kampf, der Himmel meinen Sieg.”

Es ist einzig eine Transformation zu vollziehen, und zwar die des Todes.

Diesem Punkt näherte sich Mutter langsam und gefährlich.

Sie trat lebendig in den Tod ein.

Diese Zellen – diese winzigen Zellen mit ihrer Schwingung des unaufhörlichen Rufens, Tausende und Millionen Male wiederholt, so oft wie der Tag Sekunden hat – sammelten langsam ein seltsames Leben, gleichsam unzerstörbar unter dieser Kruste, die ebenso schnell zu zerfallen schien, wie sie sich sammelten. Was würden sie tun? Waren sie der Ort, wo man im Tod am Leben blieb? Der Ort des äußersten Mysteriums und vielleicht der Transformation des Todes. Der Ort, wo sich das supramentale Licht “stabilisiert”, das Licht, das nicht stirbt. 1965, als es Mutter zum ersten Mal gelang, die Kruste des physischen Mentals zu durchdringen und das Mental der Zellen zu erreichen, erklärte sie: Ein großer Teil der Arbeit besteht in der vorbereitung auf die Transformation. Wie soll man das nennen?… Eine Kraftübertragung. Die Zellen und das ganze materielle Mental gehorchten stets dem inneren individuellen Bewußtsein (meistens dem psychischen oder mentalen Bewußtsein, aber bei mir schweigt das Mental schon seit langem). Doch jetzt organisiert sich das materielle Mental wie das andere oder vielmehr all die anderen, wie das Mental all der anderen Seinszustände. Stell dir vor, es belehrt sich! Es lernt Dinge und organisiert die gewöhnliche Wissenschaft der materiellen Welt. Das ist sehr interessant… Weißt du, die ganze Erinnerung, die von den mentalen Kenntnissen kommt, ist seit langem verschwunden, und ich empfing nur noch die Hinweise von oben; nun aber bildet sich eine Art Erinnerung von unten aus… Es ist eine Verlagerung des leitenden Willens: ihr handelt nicht mehr aus demselben Anstoß. Handeln: alles, sich regen, laufen, was auch immer. Es kommt nicht mehr aus dem gleichen Zentrum. Ein unabhängiges zellulares Leben regiert vom Zellmental, jener unzerstörbaren universellen kleinen Schwingung. Und da ich damals nicht recht verstand, was dieses neue Mental eigentlich war, fragte ich Mutter: “Wie definierst du dieses physische Mental, das der Gegenstand der Kraftübertragung war?” – Es ist nicht das physische Mental sondern das materielle Mental. Nein, nicht einmal das materielle Mental: das Mental der materie, die mentale Substanz, die der Materie, den Zellen angehört. Das, was man früher den “Geist der Form” nannte, wenn man davon sprach, daß die Mumien ihren Körper solange vor dem Verfall bewahren konnten, wie dieser Geist der Form verblieb. Dieses Mental ist es, ein ganz und gar materielles Mental. Das kam wie eine Offenbarung… Plötzlich sah ich dieses kleine schweigende Mädchen, wie es eine bestimmte ägyptische Mumie im Guimet Museum in Paris betrachtete… Sie hatte die ganze Strecke durchlaufen, fünfzig Jahre des “Abstiegs”, um dorthin zu gelangen.

Der Ort, der den Tod überlebt.

Ist das Mental der Zellen einmal stabilisiert, hört es nicht mehr auf, es schwingt ganz gleich wo, selbst im Tod.

Es ist der Ort der Transformation des Todes.

Und dorthinein trat Mutter mehr und mehr.

Ein gefährliches Unbekanntes.

Auch die Zeiten änderten sich: Es gibt keine Zeiten mehr. Es gleicht einer anderen Zeit, welche in diese Zeit hier eingeht.

Das Zellmental birgt das doppelte Geheimnis der Transformation des Todes und der Transformation des Körpers – vielleicht ein und dasselbe Geheimnis.

12. Kapitel: Die Durchdringung

Es war ein immer seltsameres und für alle unverständliches Leben. Mutter, wie Sri Aurobindo, hatte die Weisheit, nichts zu sagen, sonst hätte man sie für verrückt gehalten, und doch sprach sie zu mir – immer weniger, nicht aus Gründen des Schweigens, sondern weil sie zunehmend durch eine Invasion von Leuten, ihren Zwistigkeiten, ihren Lügen verschlungen wurde: ein Ansturm der Lüge, sagte sie. Es war das Jahr von Bangladesch. Jede Minute mußte sie inmitten von all dem leben, während ihr Körper eine Hölle auf kleiner Flamme durchmachte – allen zulächeln, allen antworten, alles aufnehmen, alles schlucken. Jeder andere an ihrer Stelle wäre entkräftet, erschöpft, zerrieben worden durch diese unablässig lärmende Meute in ihrem Zimmer. Nein, das war weiß Gott kein Rückzug ins Schweigen. Allmählich wurden die kostbaren Stunden – kostbar für die Welt –, welche sie für unsere Gespräche freihielt, von erbärmlichem Gezänk aufgezehrt: Sie tauchen mir den Kopf in eine Brühe… Ich wäre mit einer schwarzen Kohlekruste umgeben, wenn ich nicht die ganze Zeit die Arbeit der inneren Klärung tun würde, die ganze Zeit. Kam ich dann zum Gespräch, nachdem ich ein, zwei Stunden in der Schlange gewartet hatte, war sie so bleich, daß ich mich nur schweigend zu ihren Füßen setzte und nicht das Herz hatte, ihr noch Fragen zu stellen. So gingen viele Geheimnisse und viele Verknüpfungen verloren, weil der eine seine Nachbarin nicht ausstehen konnte oder diese jenen betrogen hatte. Es war herzzerreißend. Ich sah die “Sekretäre” und hätte ihnen sagen wollen: “Aber versteht ihr denn nicht, daß diese wenigen Augenblicke für die Welt von Interesse sein könnten?…” Sie hätten es nicht verstanden. Das war die Situation. Mutter suchte die Transformation der Welt, also mußten alle Elemente mit in den Schmelztiegel geworfen werden. Der Schmelztiegel aber war reines Gift. Doch gerade wegen dieser so widersprüchlichen Situation, wegen dieses zunehmenden Schweigens, dieser zunehmenden Invasion, die mich anscheinend langsam aber sicher von ihr trennen, von ihr abschneiden wollte, berührte ich etwas anderes: Sie schuf einen anderen Verständigungsweg, und hinfort waren diese außerordentlichen Schweigezeiten in ihrer Nähe die besten “Erklärungen” des unmöglichen Weges: Kommst du mit? Sie nahm meine Hand und dann… es war nicht einmal eine “Reise”, denn man ging nirgendwo “hin”, stattdessen begann man unbeschreibliche, namenlose Geheimnisse zu fühlen, zu berühren, jene der Entstehung eines neuen inneren Wesens, einer neuen Wahrnehmung, beinahe einer neuen Substanz: einer Substanz, die alles zugleich war – ungeheure Macht oder Sein, Vision, Wissen und Liebe, als sei auf dieser Ebene alles aus Liebe gemacht – wo eine so innige Übereinstimmung herrschte, daß die geringste Bewegung des einen durch den anderen wahrgenommen, mitvollzogen wurde und es keinen “anderen” mehr gab: Als würde dein Körper von derselben zellularen Bewegung erfaßt. Und heute, wie auch vor zwei Jahren, spüre ich dieselbe fortwährende Erfahrung, als hätte sie für alle Zeiten einen Weg der Vermittlung gebaut. Und die anderen sagen, sie sei tot. Oder sie sagen, sie befände sich in einem “Subtilkörper”. Dieser Körper ist doch konkreter und lebendiger und physischer als all ihre eigenen geisterhaften Gesten! Wenn das ein “subtiler” Körper ist, dann ist diese Subtilität entschieden solider als all ihr leeres Getöse.

Die Tatsache war jedoch, daß sie verschlungen wurde.

Wie immer (und dies ist wirklich das Seltsame dieses Weges) scheint die Lösung gerade aus dem schreienden Widerspruch geboren zu werden; als sei die Schwierigkeit, das Hindernis, die Unmöglichkeit genau der Schlüssel. Nein, sie verstand nichts vom Weg, dennoch wurde er wie von selbst unter ihren Schritten geboren, Minute um Minute. Wollte man gegen die Schwierigkeit angehen, die Schwierigkeit “berichtigen”, verschwand der Schlüssel augenblicklich. Mutter akzeptierte alles. Die Bestimmung der Welt oder das erbärmlichste Gezänk der einen oder anderen waren alle gleichwertig, ohne etwas den Vorrang zu geben. Es war dasselbe. In jedem Augenblick ging es um die Bestimmung der Welt, alles war die Bestimmung der Welt. Man wurde immer mehr an Sri Aurobindo erinnert, der einen großen Umweg machte, um nicht die Sperlingsfamilie zu stören, die sich über seiner Tür eingenistet hatte: Der Umweg und dieser Sperling und das wegen der tausend brieflichen Umwege des einen oder anderen nie vollendete Werk waren alles eine Bewegung. Das Werk gilt es jeden Augenblick zu tun. Es gibt keinen einzigen Umweg. Haben wir einmal die absolute Bedeutung jeden Augenblicks und jeden Dinges in diesem Augenblick verstanden, kommen wir damit dem mannigfaltigen Leben und dem Körper, der überall hingeht, sehr nahe.

Regenbogenfarbige Stofflichkeit

Wie sollte dieser Körper in jenen eingehen? Das genau war das “brennende” Problem, könnte man hier treffend sagen. Wie würde diese ungeheure Schwingung, diese Springflut goldener Macht die körperliche Substanz verändern, oder wie würde sie auch nur darin einfließen, ohne sie völlig zu zerstören? Die Erfahrung hatte tatsächlich vor Jahren begonnen, ohne daß man damals wußte, was sie bedeutete oder wohin sie führen würde, und seit 1961 konnte Mutter “diesen winzigen Pünktchenregen” beobachten, “der unabdingbar scheint, um in die Materie eindringen zu können”, als könnte es nicht in Reinform hindurchkommen, ohne alles niederzubrennen. Dieser vielfarbige Pünktchenregen schien die erste “Anpassung” der supramentalen Substanz zu sein, um in den Körper eindringen zu können. Sie hatte dies fünfzig Jahre früher gesehen, 1906, jedoch am fernen Ende eines “schwindelerregenden Sturzes”, dabei ist erstaunlich, welche Präzision die Erfahrung damals schon hatte. Als sie nach der Erfahrung die Augen öffnete, gab sie folgende Beschreibung: Da sind auch leuchtende, goldene Wolken, aber verdichtet und nicht durchsichtig, und in diesen Wolken gibt es kleine schillernde Lichtkreise. Das schien mir die von der Reise mitgebrachte Stofflichkeit zu sein. Die Stofflichkeit der neuen Welt. Über die Jahre schien sich dieser schillernde Pünktchenregen unmerklich, Schicht um Schicht dem reinen Körper zu nähern, als wären wir in Wahrheit durch die Dickfelligkeit des Bewußtseins von unserem eigenen Körper getrennt, ohne uns überhaupt darüber im klaren zu sein. Zum Körper haben wir die größte Distanz! Das ist nur zu natürlich und verständlich in Anbetracht all der atavistischen Rückstände, die das Hindernis bilden. Je mehr man sich ihm aber nähert, desto mehr entdecken wir frühere Urschichten aus dem tierischen, pflanzlichen und mineralischen Bereich, als sei das Ende der Reise wahrlich der Anbeginn der Welt. Wir sind Millionen Jahre von unserem Körper entfernt. Ja, von genau dem, den wir hier berühren können und der sich so fröhlich aufrecht zu halten scheint. Doch das ist eine ungeheure Kruste. Wegen dieser Kruste stirbt man. Und das gesamte Phänomen (im Grunde seit 1906) besteht im langsamen Durchdringen und Einsickern des winzigen Pünktchenregens, bis er all die obskuren Hüllen durchquert hat und die kleine reine Zelle erreicht: den unmittelbaren Körper. So erweist sich das, was “ganz da hinten” zu sein schien, als etwas direkt vor unserer Nase. Empfinden wir es als etwas “ganz da hinten”, so nennen wir es “subtile Welt”, “subtilen Körper”, “Vision”, Traum… und wenn es uns nahe gekommen ist… wohlan, dann ist es ganz physisch! Eine einzige Physis, getrennt durch Mauern von Bewußtsein und Schichten um Schichten der Verkrustung. In der kleinen reinen Zelle sind die beiden Welten EINS, das “Subtile” ist ebenso vollkommen physisch wie Herr Müller oder Meier in ihren grauen Zweireihern mit Schlips und Kragen (vielleicht sogar stärker noch als diese). All das vollzog sich langsam, vorsichtig und geduldig in Mutter; und in dem Maße, wie der kleine Pünktchenregen in ihren Körper überging, bahnte sich die “andere Welt” gleichzeitig ihren Weg in dieser hier, und Mutter fand sich plötzlich mit weitgeöffneten Augen in “Sri Aurobindos Wohnstätte”, gleichsam dieser “Auskleidung” der Welt, in welcher die Lebenden und die Toten miteinander einhergehen, als sei nichts dabei.

So wird klar, daß genau das physische Mental den Schleier zwischen den beiden Welten erzeugt und ebenfalls den Tod bewirkt – es ist ein und dasselbe. Ein Überzug falscher Materie oder fossilisierter Materie über einer unsterblichen physischen Realität. Der Tod liegt nicht auf der anderen Seite, wir stehen selber auf der sterblichen Seite, wir sterben, weil wir uns nicht in der unsterblichen Realität der Erde befinden, dem echten Physischen, der wahren Physis.

Unsere Frage lautet nun: Wie läßt sich das wahre Physische in die alte Kruste einführen, wie kann es in diese eingehen? Eine Frage auf Leben und Tod für die Spezies. Man kann sagen, daß Sri Aurobindo und Mutter zum ersten Mal auf der Welt die richtige Frage stellten. Zum ersten Mal fand jemand die richtige Frage der Evolution, die weder eine Flucht in kleine himmlische Körper noch eine wissenschaftliche, legale und unabwendbare Einkerkerung in eine sterbliche Materie ist. Endlich erhalten unsere Millionen Jahre von Mühe und Schmerzen ihren wahren Sinn! Die Erde wird sinnvoll. Sonst ist es eine wissenschaftliche Ungeheuerlichkeit oder eine umgekehrte, ebenso monströse religiöse Ungeheuerlichkeit. Wir verlassen diesen widersprüchlichen Unsinn. Wir verlassen dieses falsche Dilemma, das uns die wahren Arbeitswege über so viele Jahrhunderte verstopft hat – vielleicht war der Zeitpunkt aber auch noch nicht gekommen. Selbst unsere Wissenschaft und unsere Religion haben wohl zusammengewirkt, um uns an einen Punkt solch absoluter und schmerzhafter Widersprüchlichkeit zu bringen, wo es unabdingbar ist, daß die Erde in eine dritte Position übergeht. Dort stehen wir nun: Wir befinden uns im physischen Übergang zu dieser dritten Position. Das ist keine Frage von Philosophie sondern von Haut, Knochen, Eingeweiden. Die ganze Frage dreht sich darum, wie die besagte Haut und die Eingeweide den winzigen Pünktchenregen des neuen Lichtes aushalten – das doch eigentlich so alt ist. Mutters Körper beginnt, uns in seiner ganzen Realität des evolutionären Labors zu erscheinen. Das Unternehmen dieses Körpers ist wahrhaftig unser Unternehmen. Und diejenigen, welche ihn vergöttlichen oder darauf eine neue Religion begründen wollen, sind Narren – die Erde gilt es zu vergöttlichen, die Menschen gilt es zu vergöttlichen, und die Materie gilt es zu vergöttlichen. Wir verlangen nach der Wirklichkeit der Erde und nach der Wirklichkeit derer, die sie bewohnen – Schluß mit den Religionen!

An die Arbeit der wahren Materie!

Die supramentale Invasion

Diesen seltsamen Goldregen, den sie überall und in allem sah, selbst mit geöffneten Augen, “mit allem verbunden”, verstand Mutter erst Jahre später als einen Prozeß des Infiltrierens oder – wie sie später sagte – der “Durchdringung” des wahren Physischen oder der wahren Materie in ihren Körper und den gesamten Körper der Erde. Dieser Prozeß war nicht besonders ihrem Körper eigen, wenngleich ihr Körper und vor ihr Sri Aurobindos Körper das irdische Phänomen auslösen konnte (vor ihr oder gleichzeitig, denn Mutter hatte immerhin seit 1906 bemerkenswerte Erfahrungen). 1962 wurde ihr das Phänomen etwas klarer – fünfundsechzig Jahre nach der ersten Erfahrung! Als vollzöge sich mehr und mehr die Verschmelzung der beiden [des wahren Physischen und des Physischen]. Anstatt vom einen zum anderen überzugehen, ist es, als würde eines vom anderen durchdrungen, und man kann beinahe beide zugleich spüren. Das ist eines der gegenwärtigen Ergebnisse. Zum Beispiel genügt schon eine geringe Konzentration, um beide gleichzeitig zu spüren, und das führt beinahe zur Überzeugung, daß eine Art durchdringung die wirkliche Veränderung im Physischen herbeiführen wird. Das materiellste Physische hat nicht mehr dieselbe Dichtigkeit, die sich der Durchdringung widersetzt: Es wird porös, und so läßt es sich durchdringen. Tatsächlich hatte ich mehrere Male die Erfahrung einer Schwingung, welche die andere ganz natürlich veränderte: Die Schwingung des Subtilphysischen bewirkte… fast eine Transformation, jedenfalls eine bemerkenswerte Veränderung innerhalb der rein physischen Schwingung. Sobald ich mich nicht mehr rühre, sobald der Körper reglos geworden ist, kommt die Wahrnehmung der beiden Schwingungen, und wie die physische Schwingung porös wird. Das scheint das Verfahren zu sein oder jedenfalls eines der wichtigsten Verfahren. Es ist nicht etwas Subtileres, das in etwas weniger Subtiles eindringt, ohne es zu verändern, sondern es handelt sich um eine Durchdringung, welche die Zusammensetzung ändert, das ist sehr wichtig. Es ist nicht nur ein anderer Grad von Subtilität sondern auch eine Veränderung der inneren Zusammensetzung. Ins Extrem fortgesetzt muß sich diese Wirkung auf die atomare Ebene übertragen. Und so erklärt man sich… (wie soll ich sagen?) die praktische Möglichkeit der Transformation.

Eine atomare Veränderung? Ohne dabei in die Luft zu gehen?

Und Mutter fügte hinzu: Diese Arbeit ist äußerlich sehr bescheiden, ohne Lärm und große Umstände. Keine Erleuchtungen, die einen mit Freude erfüllen… All das ist schön und gut für Leute, die “spirituelle Freuden” suchen – das gehört der Vergangenheit an. Die Arbeit ist sehr bescheiden, schlicht und einfach. Bei jedem Schritt gilt es, sehr darauf zu achten, daß nichts kippt. Die “Gratwanderung”, wie Mutter zu sagen pflegte, wurde zunehmend prekär und gefährlich. Alle Kräfte, alle Verwirklichungen, all diese Dinge, das macht viel her – das große spirituelle Spektakel. Man geht von Messe zu Messe und zeigt seine Handfertigkeiten. Aber darum geht es nicht! Es ist sehr schlicht und bescheiden, sehr verschwindend, es gibt nichts zur Schau zu stellen. Damit das sichtbar wird und greifbare Ergebnisse zeitigt, erfordert es eine Arbeit, die sich über Jahre und Jahre und Jahre erstreckt, still, ruhig, mit großer Umsicht… In “jedem Atom”, hatte Sri Aurobindo gesagt. Und das Problem der Zeit stellte sich immer wieder.

Die atomare Ebene des Problems stellte sich ebenfalls von neuem. Im selben Jahr 1962 notierte Mutter ziemlich mysteriös: Es gibt nichts zu “verändern”! Nur die Beziehungen untereinander sind zu verändern. Nimm als Vergleich das, was die Wissenschaft über die Zusammensetzung der Materie herausgefunden hat! Wenn es um die Zusammensetzung der Atome geht, gibt es nichts zu ändern. Es gibt nichts zu ändern! Das zugrundeliegende Element ändert sich nicht, nur die Beziehung ändert sich. Es gibt nur ein einziges Grundelement für alles, und sämtliche Unterschiede liegen in den Beziehungen. Für die Transformation ist es genau dasselbe. Angesichts meiner Ratlosigkeit drückte Mutter sich deutlicher aus: Du kannst das Wort “Beziehung” nur verstehen, wenn du es in seinem wissenschaftlichen Sinn nimmst, das heißt, daß dein Körper wie mein Körper wie der Tisch und dieser Teppich alle aus Atomen bestehen, und diese Atome bestehen aus “Etwas”, das einzigartig ist; und allein die Bewegung oder Beziehung dieses “Etwas” macht den augenscheinlichen Unterschied aus: verschiedene Körper, verschiedene Formen. So weit so gut. Nun sage ich, daß die Kraft die interatomare Bewegung verändern muß. Anstatt sich aufzulösen, wird deine Substanz in diesem Fall der Bewegung der Transformation gehorchen, verstehst du? Dabei ist es genau dasselbe, es ist alles dasselbe! Nur die Beziehung in den Dingen gilt es zu ändern. Und es ist klar, daß sich hiermit die Unsterblichkeit erlangen läßt. Allein die Starrheit der Dinge bewirkt ihre Zerstörung – es ist ja eine rein augenscheinliche Zerstörung: Das wesentliche Element bleibt überall dasselbe, in allen Dingen, in der Zersetzung ebenso wie im Leben.

Hatte Mutter nur einen Vergleich benutzt? Oder ist das wörtlich zu verstehen… Wenn man sich vorstellt, daß die supramentale Kraft genau die Kraft ist, welche die Atome bildet und belebt, dann ist klar, daß sie auch das handhaben kann, was sie gebildet hat, selbst wenn es uns nicht handhabbar erscheint (außer durch die katastrophale Methode des Zauberlehrlings). Was würde geschehen?… Es fehlt uns an Erfahrung, wie Mutter sagt, wir können allein die Tatsache feststellen und müssen dabei im Auge behalten, daß diese “Veränderung der Beziehungen” sich allein unter äußersten Vorsichtsmaßnahmen vollziehen kann – und mit Zeit. Im Grunde, stellte sie abschließend fest, ist es allein der schöpferische Wille. Der schöpferische Wille ist ewig, unendlich – das ist klar –, folglich gibt es keinen Grund, warum das, was er erschafft, nicht an der Unsterblichkeit und Unendlichkeit teilhaben sollte; es ist nicht unabdingbar, daß die Dinge sich äußerlich zersetzen, um ihre Form zu ändern oder eine andere Gestalt anzunehmen. Das ist nicht unvermeidlich.

Acht Jahre später, 1970 (man sieht die Langsamkeit des “sehr bescheidenen” und sehr vorsichtigen Prozesses), bemerkte Mutter: Diese Vereinigung zwischen den beiden, dem Subtilphysischen und dem Materiellphysischen, vollzieht sich andauernd – Tag und Nacht, Tag und Nacht. Es ließe sich fast sagen, daß man eins durch das andere zu ersetzen versucht. Es gleicht einer Art… keine direkte Verschmelzung, aber eine Durchdringung (wirklich eine Durchdringung), die das andere nicht verdrängt, sondern… Wahrscheinlich transformiert sich das andere im Gewöhnungsprozeß. Das Subtilphysische arbeitet daran, den Platz des anderen zu übernehmen, aber nicht durch Ausmerzung sondern durch Umwandlung. Dabei sieht man, was für eine ungeheure Arbeit das ist (weil man beide gleichzeitig wahrnimmt, sieht man das sehr gut). Es beseitigt die Starrheit des Materiellphysischen. Unser Physisches ist spröde, und das Subtilphysische nimmt ihm diese Brüchigkeit. Dort, wo jenes bricht, ist dieses biegsam; wo jenes zerbröckelt, ist dieses flüssig. Es wird… es ist erstaunlich. Schwer zu erklären. Allerdings ist das eine ungeheure Arbeit. Die Erfahrung ist mitten in ihrem Verlauf, seit Monaten und Monaten [tatsächlich seit Jahren], es beginnt mit dem Subtilsten, und nach und nach, sehr langsam und gestaffelt dringt es hinab in materiellere Bereiche… Alle Schichten wurden abgetragen, und so erreichte man den reinen, unmittelbaren Körper. Gleichzeitig ging die “andere” Welt, die sogenannte “subtile” Welt, die “andere Seite”, über in diese Welt und diese Seite (“geht über” ist eigentlich falsch, denn sie war ja immer schon auf dieser Seite. Jedenfalls schien sie jetzt besser hindurch): Letzte Nacht, bemerkte Mutter in demselben Gespräch 1970, geschah etwas Bemerkenswertes. Ich konnte nicht mehr sagen: “Dies hier ist das Subtilphysische, und das ist das Materiellphysische.” Es war… erstaunlicherweise war eins im anderen. Man hat nicht den Eindruck zweier Dinge. Die Verbindung der beiden Seiten war vollbracht. Um die Wahrheit zu sagen, beschäftigte mich diese “andere Seite” aber in keiner Weise, auch wenn sie sich auf dieser Seite befand; mich interessierte die Erde, die sichtbare Welt, und ich fragte Mutter: “Doch wie geschehen die Dinge hier, im irdischen Ausmaß, wie vollzieht sich das Durchdringen des Subtilphysischen in der Erde?” – Genau so! rief Mutter aus. Genau so! Das ist es – das ist die Arbeit: die Durchdringung. Und ich beharrte weiterhin wie der ungläubige Thomas: “Geschieht das denn im irdischen Ausmaß?” – Ja. – “In jedem einzelnen?” – Ja.

Die Erfahrung wuchs und verdichtete sich: Ich habe überhaupt nicht mehr den Eindruck zu träumen, in gar keiner Weise. Das hat nichts mehr mit einem Traum zu tun: Es ist eine Handlung, die sich fortsetzt… Das “Dort-drüben” geht hier weiter, und es ist ebenso real, ebenso greifbar wie die physischen Dinge. Dort sind die Leute, die einen Körper haben, und jene, die keinen Körper haben, beisammen, ohne daß es irgendeinen Unterschied machen würde. Sie haben denselben Grad von Realität, Dichte und dieselbe bewußte, unabhängige Existenz. Das Physische erscheint lediglich weniger zwingend, weniger… Vorher hatte man den Eindruck, ja, daß es zwar kein “Traum” war, wie die Leute sagen, sondern ein subtileres und weniger genaues Bewußtsein und daß das physische Bewußtsein dagegen vollkommen konkret und präzise war. Doch jetzt trifft diese Unterscheidung nicht mehr zu… Und Mutter hielt inne, ihren Blick vor sich auf Sri Aurobindos Grab gerichtet: Als wollte die subtilphysische Welt in diese Welt hier eindringen (tatsächlich birgt sie eine große Macht). Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Als wollte sie sich einen Weg in diese Welt hier erzwingen. – “Eine Invasion des Subtilphysischen?” – Ja, es sieht so aus, als würde das geschehen.

Die supramentale Invasion.

Je mehr die Verbindung sich herstellte und je mehr das in den Körper herabkam oder eindrang, desto kochender, siedender und höllischer wurde es: Das schillernde Licht verwandelte sich in geschmolzenes Gold. Wahrlich ein kleiner Tod in jeder Minute. Dasselbe geschah im Körper der Welt. Zwei Jahre später, 1972, war das Phänomen noch greifbarer geworden, geradezu schreiend: Eine goldene Kraft, nicht von materieller Beschaffenheit, die aber doch schrecklich schwer zu sein scheint, übt Druck auf die Materie aus. Als offensichtlichstes Ergebnis erscheinen Katastrophen unvermeidbar, und gleichzeitig mit dieser Wahrnehmung der unvermeidlichen Katastrophe ergeben sich Lösungen zu den Situationen und Ereignissen, die vollkommen wunderbar erscheinen. Als würden beide Extreme noch extremer, als würde das Gute besser und das Üble schlechter. So ist das. Mit einer ungeheuren Macht, die auf die Welt drückt. Unter diesen Umständen werden viele Dinge sehr akut, die normalerweise völlig gleichgültig verstreichen: Situationen, Unterschiede werden akut, böse Willen werden akut; und gleichzeitig diese außerordentlichen Wunder: Menschen werden vom Tod gerettet, völlig unentwirrbare Dinge klären sich plötzlich auf. Für die Individuen gilt dasselbe: Diejenigen, die es verstehen, sich an das Göttliche zu wenden, aufrichtig zu appellieren, es als die einzige Hoffnung, als einzigen Ausweg erkennen und die sich aufrichtig hingeben…, für die wird es in wenigen Minuten wunderbar – selbst für die kleinsten Dinge. Es gibt nichts Geringes oder Großes, Wichtiges oder Unwichtiges – alles ist gleichwertig. Die Werte verändern sich. Als änderte sich die Wahrnehmung der Welt. Das kommt, um eine Idee der Weltveränderung durch die supramentale Herabkunft zu geben. Dinge, die vorher völlig gleichgültig waren, werden kategorisch: Ein kleines Versehen wird kategorisch in seinen Folgen; eine kleine Aufrichtigkeit und Lauterkeit, eine kleine wahre Bestrebung wird wunderbar in ihrer Auswirkung. Die Werte verstärken und präzisieren sich. So ist es auch für den Körper: Die kleinsten Dinge haben völlig unverhältnismäßige Auswirkungen – im guten wie im schlechten. Die gewohnte “Neutralität” des Lebens verschwindet. Und das bewahrheitet sich von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, immer mehr. Der Eindruck, daß diese Kraft kann, sie kann wahrhaftig – verstehst du, sie hat die Macht, die Materie zu bewegen, einen Unfall in der Materie auszulösen oder einen ganz und gar materiellen Unfall zu verhindern, sie kann vollkommen materielle Konsequenzen verändern – diese Kraft ist stärker als die Materie. Es ist nicht mehr so, wie es war. Es ist wirklich etwas Neues – es ist nicht mehr, wie es war. Wahrhaftig eine neue Welt. Wir können sie “supramental” nennen, damit es kein Mißverständnis gibt, denn sobald man vom “Göttlichen” spricht, denken die Leute sofort an einen Gott, und das verdirbt alles. Das ist es nicht! Das ist es nicht! Die Herabkunft der supramentalen Welt ist keine bloße Einbildung sondern eine absolut materielle Macht, aber… [und Mutter lächelte] die nicht von materiellen Mitteln abhängt! Eine Welt, die sich in dieser Welt verkörpern will.

Dies war das Jahr von Bangladesch, Watergate, dem Attentat auf die israelischen Leichtathleten bei den Olympischen Spielen in München, dem Rückzug aus Vietnam, auch des ersten Besuchs Nixons in China.

Das Problem der Transformation des Körpers beginnt, sich endgültig mit der Transformation der Welt zu verknüpfen. Die brennende “Durchdringung”, hier wie dort! Das Wunder und die Katastrophe Seite an Seite. Die Überstürzung des Todes und die Transformation des Todes.

Was wird geschehen?

13. Kapitel: Zellulare Zeit

Wechselbeziehung der Zellen

Es wurde mehr und mehr der “Wettlauf zwischen Transformation und Tod”, wie sie 1958, zwölf Jahr früher, sagte. Sie empfing Schlag auf Schlag, der “Ansturm von Lügen” wurde immer stärker, in ihrer unmittelbaren Umgebung wie in der Welt: Als würde durch den Druck die ganze Lüge ans Tageslicht befördert. Als wäre da dieses Gift, und durch den Druck kommt es heraus, um beseitigt zu werden – und es kommt!… Man versteht nun, daß es sich nicht um eine plötzliche Entwertung oder Schande handelte: das, was über Jahrtausende verborgen war, trat lediglich plötzlich ans Tageslicht. Und wie es herauskam! Das mußte wohl aus seinem Versteck, der animalischen Verkrustung um die Zellen hervortreten, damit “das Andere” zum Vorschein kommen konnte – das gerade war das Zeichen, daß die Operation vollzogen wurde. Die berüchtigten panis der vedischen Rishis, die Wölfe und Verschlinger und Gnome aller Art, versteckt in den “Kavernen”, welche die “Morgenröte” verhinderten, den Ausbruch der “Sonne in der Dunkelheit”, das Spalten des “Berges”, sie alle traten hervor, agierten in vollem Tageslicht ohne Versteck – es ist die Zeit, wo alles herauskommt. Dinge und Menschen lassen die Masken fallen und zeigen ihr wahres Gesicht. Es ist keine “schlimme” Zeit sondern die Zeit der Wahrheit.

Ihr Körper wurde von Tag zu Tag ausgemergelter. Du mußt wissen, schrieb sie einem ihrer Schüler, daß es jedesmal, wenn eines meiner Kinder unter dem Antrieb der Lüge denkt, spricht oder handelt, auf meinen Körper wirkt wie ein Schlag.9 Vielleicht wußten sie es, aber die Schläge fuhren fort. In makelloses Weiß gekleidet, stiegen sie die schmale, mit einem goldenen Wollteppich bedeckte Wendeltreppe hinauf: Sie haben eine Maske guten Willens aufgesetzt. Aber die Schwingungen darunter gehören noch der Welt der Falschheit an. Ja, sie machte sich keine Illusionen über ihre Kinder, und sie liebte sie, aber… Dieser Körper wird entsetzlich empfindlich, bemerkte sie Anfang 1970. Selbstredend! Er war ja überall und in allem. Und sie schalt sich: Schmerz fühlen, Schmerz empfinden war ja noch das Zeichen eines “Ich”, versteckt im Körper, eines Ich, das empfand. Im Grunde muß das, was noch die Illusion hegt, etwas Getrenntes zu sein, verschwinden. Es muß sich sagen: Das betrifft mich nicht, ich existiere nicht. Das ist die beste Haltung, die man einnehmen kann. Dann… verschmilzt es mit dem großen universellen Rhythmus. Diese Bewegung der Verschmelzung spürte man mehr und mehr am eigenen Leib. Anstatt sich im Leiden einzumauern wie alle Körper, sich zu fixieren und weiter zu verkrusten, um eine schützende Trennwand aufzubauen, die letztlich eine Trennwand des Todes ist, suchte sie, die letzten Spuren dieser Mauer in die Luft zu jagen, den letzten kleinen Film, der den Schmerz zurückhält und den Tod ansammelt. Ja, aber…

Eines Tages kam es zu einem kleinen Vorfall, der das exakte Ausmaß des Problems deutlich machte. Der Vorfall trug sich im “Musiksaal” zu, wo Mutter mitunter noch Leute empfing. Ich hatte eine sehr klare Erfahrung, berichtete sie mir nach dem “Fall”. Ich war zusammen mit X, der sich in einem Zustand entsetzlicher Aufregung, Empörung, Verwirrung befand – alles nur Mögliche – und der mir all das mit entsprechender Gewalt fast eine dreiviertel Stunde lang entgegenschleuderte. Ich war da – und merkte nichts davon! Ich lachte, sprach, handelte, war tätig, und der Körper fühlte sich vollkommen wohl. Dann kam ich zurück in mein Zimmer: Y und Z hatten die Schreie von X gehört (er schrie wie ein Wahnsinniger), sie hatten alles gehört, und sie waren voll eines fürchterlichen Mitleids darüber, was mir der Knabe angetan habe – augenblicklich spürten die Zellen die Strapaze, die schreckliche Spannung…, welche sie die ganze Zeit über nicht verspürt hatten, nicht eine Minute! Als ich mich erhob, um X zu verlassen, war es bezaubernd, wir amüsierten uns [das sieht Mutter ähnlich!], doch sobald ich dieses Zimmer betrat, kam eine Ermüdung und Spannung… die von den beiden anderen ausging. Das gab mir in bemerkenswerter Weise eine Vorstellung von dem Ausmaß der Wechselbeziehung. Der Körper folgt sehr wohl der Tätigkeit, und alles, was er tun muß, tut er. Falls es aber in seiner Nähe Individuen gibt, die anders denken oder empfinden, so hat das noch eine beachtliche Wirkung. Obgleich das Bewußtsein nicht berührt ist: Es ist vollkommen hellsichtig, sieht den Verlauf des Spiels die ganze Zeit über und ist sich der ankommenden Kräfte bewußt. Wie ist es also möglich, da es sich der ankommenden Kräfte doch bewußt ist, daß diese Kräfte noch immer die Macht haben, die Zellen unmittelbar beeinflussen zu können?… Das ist ein Problem. Das bedeutet eine Wechselbeziehung der Zellen, welche das Programm sehr erschwert. In der Tat wurde das “Programm” immer schwieriger.

Darauf fügte Mutter folgendes hinzu, das einen anderen Aspekt des Problems zeigte: Das heißt, es erfordert eine allmächtige Schwingung, die all das mit einem Schlag flachlegt: brrrm!… Aber wie Sri Aurobindo sagte: Wenn das käme…, würde es vielleicht zu viel zerstören? Da berühren wir genau den Kern des Widerspruchs: Einerseits ist eine allmächtige Kraft notwendig, um das Hindernis zu überwinden. Andererseits: zeigt diese Kraft auch nur ihre Nasenspitze, bedeutet es das Zermalmen von allem ringsum, das auch nur den geringsten Widerstand leistet. Denn es waren Schwingungen guten Willens: Y und Z zeigten überhaupt keine Feindseligkeit, nichts, überhaupt nichts – die Feindseligkeit bestand vorher, mit X! Seine Auflehnung hatte nicht die geringste Wirkung. Nicht das “Übel” ist das Hemmnis, das ungeheure Hemmnis liegt auch in all dem falschen “Guten”, abgesegnet, sentimentalisiert, gesetzlich verfaßt und medikalisiert. All die Ärzte um sie herum, all ihre Mitmenschen wünschten ihr das größtmögliche “Gute”. Danach sagte ich mir: Wie wenig wir doch wissen! Wie unbedeutend ist alles, was wir verstehen, im Vergleich zu dem, was ist: dem Mechanismus.

Sie suchte den Mechanismus.

Wie diese zellulare Ansteckung überwinden,… ohne alles im Umfeld flachzulegen?

Wie verhindern, daß die neue Spezies von der alten wieder verschlungen wird?

Die zentrale Erfahrung

Eine Erfahrung, die sich über die Jahre seit dem ersten Austritt aus dem Netz des physischen Mentals 1962 Tausende und Zehntausende von Malen wiederholte, nahm nun eine neue Tiefe an, als stünde man im Grunde unter Tausenden von Gestalten und Gesichtern immer wieder vor derselben Erfahrung, derselben Wirklichkeit, die langsam aber sicher entschleiert, was sie ist – derselbe Stoff, aus dem wir alle gemacht sind, enthüllt langsam aber sicher, was er wirklich ist. Selbstverständlich kann diese wahre Materie, so wie sie ist, nur dadurch zeigen, was sie ist, daß sie ein wenig die bequemen Gewohnheiten zerbricht, in welche man sie eingeschlossen hatte. So schreien wir und entrüsten uns und leiden, weil wir nicht zu sehen wissen, daß jedes Ding, jeder Zufall, jeder Umstand in Wahrheit ein ungeheurer und vielfältiger Gnadenakt ist, der uns gegeben wird, um das Geheimnis oder eine tiefere Schicht des Geheimnisses zu erreichen, und daß alles wunderbar angeordnet ist – stattdessen rennen wir in die entgegengesetzte Richtung des Wunders, verpassen es oder unterlegen ihm eine Schicht Penicillin, oder gar zehn oder zwanzig, um die abscheuliche Verwirrung und die abscheuliche Lüge zu “berichtigen”. Wir sehen nicht, daß dieser Riß oder Sprung genau die Gelegenheit ist, damit sich eine kleine neue Realität zwischen den Trümmern und von unseren Augen gefallenen Schuppen einschleichen kann. Könnten wir das auch auf die geringsten Dinge anwenden, würde das Leben vor Wundern nur so bersten – denn schließlich ist das Wunder allgegenwärtig, allein verschlossen durch eine bestimmte Sehgewohnheit. Die Materie ist ein Wunder. Das letzte Wunder. Die Ablehnung der Lüge durch das Mental auf der Suche nach der absoluten Wahrheit ist einer der Hauptgründe seines Unvermögens, eine dauerhafte, runde und vollkommene Wahrheit zu erlangen, sagte Sri Aurobindo. Das Streben des göttlichen Mentals liegt nicht darin, der Lüge zu entgehen, sondern darin, die Wahrheit zu erfassen, welche sich auch hinter dem groteskesten und abgelegendsten Irrtum versteckt.10 Und Mutter machte in ihrem körper dieselbe Entdeckung mit den Krankheiten und dem Tod. Anstelle der egoistischen Antwort, die darin besteht zu sagen: “Oh, nein! Das will ich nicht, und davon will ich nichts wissen!” – es kommen lassen, es aufnehmen und sehen, wo die Lösung liegt. Das heißt, anstelle des alten Problems: der Ablehnung des Lebens, der Ablehnung der Schwierigkeit, der Ablehnung der Verwirrung und der Flucht ins Nirvana, bedeutet es das Aufnehmen von allem – und den Sieg. Hierin liegt (soweit ich sehen kann) das Neue, das Sri Aurobindo gebracht hat. Nicht allein die Idee, daß dies möglich ist, sondern auch daß es die wirkliche Lösung ist, sowie der Gedanke, daß man jetzt gleich damit anfangen kann. Ich sage nicht, daß man sofort zum Ziel kommt, das weiß ich nicht; aber die Idee, daß es jetzt beginnt, daß man anfangen kann, daß der Augenblick gekommen ist und daß dies die einzig wahre Lösung ist – daß die andere Lösung keine Lösung bedeutet; letztlich war es eine notwendige Erfahrung innerhalb des universellen Fortgangs, aber die Flucht ist keine Lösung, allein der Sieg ist die Lösung. Der Augenblick ist gekommen, es zu versuchen.

Die Wahrheit hinter den Krankheiten und dem Tod.

Man muß sich ein Herz fassen, das ist alles.

Man muß an das wahre Wunder der Materie glauben.

Die einfache, prototypische Erfahrung, die bald eine andere Tiefe annehmen würde, finden wir schon einige Jahre früher: Plötzlich kommt die Wahrnehmung einer gewissen Auflösung, wie ein Strom der Auflösung. Zuerst beginnt die Körpersubstanz, ihn zu fühlen, dann spürt sie die Wirkung, und schließlich beginnt alles, sich aufzulösen. Diese Auflösung zersetzt den notwendigen Zusammenhalt der Zellen, die einen individuellen Körper ausmachen. Man spürt also: Ah, es geht zu Ende! Da empfinden die Zellen eine Aspiration, ein Zentral-Bewußtsein des Körpers spürt eine intensive Aspiration mit einer so vollständigen Hingabe wie möglich: “Dein Wille, Herr, Dein Wille, Dein Wille…” Dann kommt ein… nichts mit großem Getöse, nichts mit grellen Blitzschlägen, aber… ja, es vermittelt den Eindruck einer verdichtung dieses Stromes der Auflösung [hier nähern wir uns dem Schlüssel], und etwas hält inne: zuerst entsteht Friede, dann Licht, schließlich Harmonie – und die Störung verschwindet. Sobald die Störung verschwunden ist, besteht in den zellen sofort der Eindruck, die Ewigkeit zu leben, für die Ewigkeit. Das heißt, in den Zellen vollzieht sich eine Veränderung der Zeit: eine Verdichtung der Zeit. Der Strom hält inne. Genau so, mit aller Intensität der konkreten Wirklichkeit [ein Herzanfall oder eine Nervenentzündung sind etwas sehr Konkretes] geschieht es nicht allein täglich, sondern mehrmals am Tag. Manchmal ist es sehr ernst, das heißt massiv, manchmal ist es nur eine Berührung. Allerdings geschieht das nicht mit großem Lärm, der nächststehende Mensch merkt vielleicht nicht einmal etwas davon. Er mag ein Innehalten in den äußeren Handlungen feststellen, eine Konzentration wahrnehmen [sie legte ihre Handflächen ein, zwei Minuten auf die Augen], das ist alles. Davon spricht man nicht, darüber kann man keine Bücher schreiben! Darin besteht aber die Arbeit. Eine sehr unscheinbare Arbeit. Und sie fügte hinzu, als sähe sie das Antlitz Sri Aurobindos – all die Jahre des Schweigens, seine letzten Jahre reglos in seinem großen grünen Sessel die Wand betrachtend: Im Grunde sind die großen Erklärungen, Enthüllungen, Voraussagen sehr bequem, das vermittelt den Eindruck von etwas “Konkretem”; jetzt hingegen ist es sehr obskur, das Gefühl, daß es dunkel und unsichtbar ist (es wird erst in sehr ferner Zukunft in den Ergebnissen sichtbar werden), jetzt wird es nicht verstanden. Insofern, als es wirklich neu ist, ist es in der Tat unbegreiflich.

Sie verstand es selber nicht, sie schritt tastend durch den Wald. Sie hatte wohl eine “vertikale Zeit” bemerkt, die mit seltsamen Eigenschaften ausgestattet schien, aber dies war ein flüchtiges Phänomen, und im Grunde war es eine Ewigkeit, wie Pavitra sagte, die niemals Zeit hatte. Mutter hatte niemals Zeit. Sie mußte an den Abgrund des Todes geraten, damit man ihr etwas Zeit zum Atmen ließ – ein, zwei Tage –, dann würde sie wieder fortfahren. Aber die Kurve begann, sich zu entwickeln, sich zu präzisieren, sich zu verschärfen. Die Schläge wüteten…, um ihr den Mechanismus verständlich zu machen: Die beiden Extreme – ein herrlicher Zustand und ein Zustand der allgemeinen Zersetzung – bestehen nebeneinander, ineinander. Alles, alles zersetzt sich: Die Leute, auf die man sich verläßt, lassen einen im Stich, eine allgemeine Verlogenheit scheint sich auszubreiten, die Leute werden dauernd krank [das heißt, ihre Krankheiten fielen auf Mutter zurück]. Was die Schwierigkeiten angeht, gab es nie so viele, so sehr ineinander verstrickt: riesige Schwierigkeiten, verquickt mit wirklich vernichtenden. Und gleichzeitig, während… eines Blitzes (es kommt für einige Minuten, und dann verschwindet es wieder) spürt der Körper einen herrlichen Zustand, unvorstellbar, wie das entgegengesetzte Extrem. Als wollte das den vorigen Zustand ersetzen – dieser aber verteidigt sich auf schreckliche Weise. So steht es mit allen Umständen, allen Leuten, von der Regierung bis zu den Leuten hier. Und dann der herrliche Zustand: Er kommt für einige Minuten in meinen Körper, dann vergeht er wieder. Das ist alles. Darin lebe ich… Tag und Nacht, ohne Unterlaß. Drei Minuten Herrlichkeit für zwölf Stunden Elend. Zwei Zustände ineinander, wie Leben und Tod auf einmal. Und in all dem der unablässige Schrei der Zellen: der Ruf, die Aspiration, das Mantra. Und mitunter die gelebte Herrlichkeit: als wandelte sich die Luft in göttliche Gegenwart. Alles schien berührt, tief berührt, durchdrungen [und Mutter machte eine Geste des überall bestehenden Pünktchenregens], mit… vor allem war es ein blendendes Licht, ein massiver Friede, eine Macht und eine Sanftmut, eine Süße… etwas… man hatte den Eindruck, das könnte einen Felsen schmelzen. Das ist die Erfahrung des körpers, verstehst du, es ist physisch, materiell, die Erfahrung des Körpers: alles, alles ist voll, so voll, es gibt nichts als das. Wir sind wie… alles ist wie ausgedörrt, man hat den Eindruck, daß die Dinge verknöchert, abgestumpft sind (nicht gänzlich: an der Oberfläche), und deshalb spürt niemand etwas. Deshalb spürt niemand ihn. Denn das ist alles, alles. Es gibt nur das, verstehst du, man kann nicht atmen, ohne ihn zu atmen; man regt sich, und es ist in ihm. Man ist… alles, alles, das gesamte Universum befindet sich in Ihm, materiell, physisch in Ihm. Ich suche die Heilung der “Austrocknung”. Ich spüre, daß das phantastisch ist, verstehst du? Auf der anderen Seite des Netzes, unter der ausgetrockneten Hülle der Zellen: eine Massivität von Macht. Eine andere, herrliche Luft. Das Wunder der Materie existiert, es besteht jeden Augenblick – was hindert uns daran, es zu leben? Oder ist die Kruste der alten Materie entschieden unfähig, das durchsickern zu lassen? Wenn ich dann horche, spricht “es” auch; ich fragte Ihn: “Warum sucht man Dich nur immer im Himmel?” Und die Antwort kam mit dem außerordentlichen, wunderbarsten Humor: “Weil sie mich sehr weit von ihrem Bewußtsein wissen möchten!” So versucht der Körper, fließend zu werden, er versucht, sich aufzulösen, er versucht es, und er weiß, was das heißt. Er versucht es – schafft es aber offensichtlich noch nicht. Und Mutter betrachtete ihre Hände und die Knochen, die durch die Haut hervortraten.

Die Erfahrung wurde jedesmal deutlicher, kategorischer, bis zu dem Tag, wo sie den Schlüssel berührte, nachdem sie wieder einmal mit den gemeinsten und banalsten Störungen gekämpft hatte: einem Zahnabszeß, der ihr Gesicht anschwellen ließ. An manchen Tagen durchlebe ich alle Schrecken der Schöpfung. Dabei geht es überhaupt nicht um moralische Dinge, es sind vielmehr physische Leiden. Vor allem das physische Leiden. Ich hatte einen andauernden Schmerz – es ging Tag und Nacht, er hörte einfach nicht auf. Dann, anstatt in diesem Bewußtseinszustand zu sein, befindet man sich ganz plötzlich, auf einen Schlag, im Bewußtseinszustand der ausschließlichen göttlichen Gegenwart, und der Schmerz ist weg! Das war physisch, ganz und gar physisch, mit einer physischen Ursache. Die Ärzte würden sagen: Das hat diese und jene Ursache… Eine ganz materielle, physische Angelegenheit: plötzlich verschwunden… Ändert man sein Bewußtsein, kommt es wieder. Mit ihrer leisen, langsamen Stimme setzte Mutter fort: Bleibt man lange genug im wahren Bewußtsein, verschwindet nicht allein der Schmerz sondern auch das Symptom – das, was wir als physischen “Tatbestand” betrachten… Ich habe den Eindruck, hier die zentrale Erfahrung berührt zu haben.

Mit der Zeit ändert sich der physische Tatbestand.

Das ist allerdings erst ein winziger Anfang, fuhr sie fort. Man hat erst dann den Eindruck, das höchste Geheimnis zu berühren, wenn das Physische sich transformiert… Nach der Erfahrung – dieser winzigen Detailerfahrung – müßte so die Transformation vonstatten gehen.

Zu diesem höchsten Geheimnis wurde Mutter langsam und allmählich geführt, ganz “im Detail”.

Das war am 23. November 1968.

Heißt dies, fragte sich Mutter, daß sich dieses Bewußtsein erst in einem Körper ausdrücken wird, oder muß sich alles auf einmal transformieren?… Ich weiß es nicht. Kann ein Körper ohne alle anderen Körper die Erfahrung machen, sie leben? Das ist noch die Frage. Vielleicht die alles entscheidende Frage. Aber es gibt keine physischen Unmöglichkeiten. Zwei Jahre später, 1970, machte Mutter folgende mysteriöse Bemerkung: Letzte Nacht sah ich plötzlich eine Funktionsweise, und ich sagte mir: Ja! Wüßte man das, wie viele Dinge – wie viele Ängste, wie viele Ränke, wie viele… zerfielen zu nichts, ergäben keinen Sinn mehr. Das, was uns als “Naturgesetze” erscheint, die “unausweichlichen” Dinge, all das war absurd, eine Absurdität! Mit dem wahren Bewußtsein zerfällt das. Und Mutter folgerte: Mehrere Male, wenn die Leute mir sagten, sie befänden sich wie vor einem unausweichlichen Gesetz (“da ist dies und das, folglich ist es unvermeidlich”), war die Antwort immer dieselbe: “Nur wenn Sie es so wollen! – Sie selber entscheiden, daß es unausweichlich ist!”

Was war diese “Funktionsweise”, welche die unausweichlichen Gesetze umkehrte, worin bestand dieses Etwas, das den physischen Tatbestand zwang, sich zu verändern? Es schien, als hätte Mutter meine unausgesprochene Frage gehört: Es gilt wahrscheinlich… eine position zu verändern, eine Position des Bewußtseins muß geändert werden.

Eine Bewußtseinshaltung, welche die Austrocknung heilt und das Durchfließen oder Durchdringen der alten Materie gestattet und die Gesetze der Physik verändert… Ich spüre, daß das wunderbar ist, verstehst du?

Vielleicht geht es um eine andere Position der Zeit.

Eine Verdichtung.

Eine andere Zeit in der Zeit.

Keine ewige Zeit “dort draußen”, keine Zeit, die sich Zeit läßt: eine Zeit hier in der Materie.

Eine neue Zeit der Materie.

Oder ihre wahre Zeit?

Positionsveränderung oder Massive Zeit

Man versteht sehr wohl: Wenn der Rhythmus der Materie sich verändert, muß sich dadurch ihre gesamte Struktur verändern. Die gesamte Materie ist aus einer bestimmten Bewegung aufgebaut, angefangen vom Atom bis zu unserem Stoffwechsel, und jede wissenschaftliche Manipulation sucht letztlich, auf diese Bewegung einzuwirken, sie zu beschleunigen, sie zu verlangsamen oder die Kräfte und Schwerkräfte zu meistern, die sie erzeugt. Die winzigen Elektronen bilden in ihrer Bewegung eine feste Wand. Die Stoffwechselveränderungen eines Murmeltiers im Winterschlaf sind allgemein bekannt, ebenso diejenigen der Raupe in ihrer Verpuppung. Kältetherapie und kontrollierte Temperaturabsenkung sind ein Wissenschaftszweig, der noch weitgehend in den Kinderschuhen steckt. Kürzliche Untersuchungen an Obstfliegen2 scheinen darauf hinzudeuten, daß die Zellen, welche nicht zur Fortpflanzungslinie gehören, die sich nicht vervielfältigen oder regenerieren und deshalb altern wie beispielsweise die Gehirnzellen, allein wegen des “Lärms” altern, der sich aus den äußeren Reizen ansammelt, und daß dieser “Lärm” theoretisch gelöscht werden könnte, wie man ein Tonband löscht, indem man die Temperatur dieser Zellen absenkt… Temperaturabsenkung bedeutet Rhythmusveränderung. Ich bin kein Wissenschaftler und weiß nichts von ihren Geschichten und Manipulationen, die Tatsache aber bleibt bestehen, daß alle Modifikationen der Bewegung oder der Zeit Strukturmodifikationen bewirken, und dies führt auf Mutters zentrale Erfahrung zurück: “Verbleibt man lange genug im wahren Bewußtsein, ändert das den physischen Tatbestand.” Die Gelehrten kennen nur eine äußere oder wenn man so will oberflächliche Zeit, die sie brutal und ziemlich barbarisch manipulieren, gleich den Zauberlehrlingen, die sie sind, ohne wahrhaftig die Struktur der Materie zu modifizieren, außer auf katastrophale Weise – sie besitzen nicht den zentralen Hebel. Sie kennen nicht den Hebel des Bewußtseins, das die Bewegung und alle Formen der Materie hervorruft, die sich aus der Bewegung ergeben. Sie besitzen nicht das Geheimnis: Materie = Bewußtsein. Es läßt sich sagen, daß Mutters gesamte Erfahrung dahin führte, das Bewußtsein der Materie zu erreichen, das reine Substrat, die reine Bewegung oder Schwingung, um welche herum sich alle Formen prägten und verkrusteten. Dies sind die fernen “goldenen Wolken”, die sie 1906 sah, und das goldene Stäuben von 1958. Dieser Pünktchenregen, der sich im Durchqueren der Schichten der alten Materie und der evolutionären Verkrustungen zu verfärben und zu schillern schien, verdichtete, vereinte und verfestigte sich langsam und allmählich, als er seine Reise der Durchdringung beendet und die reine, unmittelbare, unverschleierte körperliche Substanz berührt hatte – als Mutter fähig geworden war, diesen “kochenden Brei” auszuhalten. Es war wie “geschmolzenes Gold”, sagte sie in ihrer ersten Beschreibung, “es war sehr dicht… mit einem erstaunlichen Gewicht”. Das heißt, daß der “Grund” der Materie das Netz durchquert hat und wieder an die Oberfläche der Materie getreten ist. 1969, als sie von der ewig selben aufblühenden Sache sprach, benutzte sie den Begriff “neues Bewußtsein” – dabei war es in keiner Weise etwas “Neues”, aber vielleicht war es das erste Mal auf der Erde, daß die wahre Materie, die wahre Bewegung, das reine Bewußtsein vom Grund der Materie in den irdischen Gefilden auftauchte –, und sie sagte folgendes, das mit dem Schema all der tausend wie zur Ankündigung über die Jahre verstreuten kleinen Erfahrungen zusammenpaßt: Da ist eine Macht, eine ungeheure Macht! Als wäre alles mit Macht angeschwollen. Eine beinahe konkrete Macht, ich weiß nicht… [Mutter griff in die Luft], es ist Licht, aber ein Licht, das man berühren kann: Wenn es einem durch die Finger gleitet, spürt man es hindurchfließen, so konkret ist es. Ein Licht tiefen Goldes… Man könnte sagen, wenn man das Bewußtsein – nicht das der gewöhnlichen Menschheit sondern das höhere Bewußtsein der Menschheit – mit diesem Bewußtsein vergleicht, so herrscht der Eindruck: Sobald das menschliche Bewußtsein mit den höheren Dingen in Verbindung treten, sich von minderen Regungen befreien und weiten wollte, wurde es fließend, transparent und ätherisch, während dieses Bewußtsein, dessen Vision und Wahrnehmung dem anderen Bewußtsein unendlich überlegen sind, fest und konkret ist. Dieser Eindruck ist wirklich sehr ausgeprägt… Eine Festigkeit! Das war eine der größten Veränderungen meines gesamten Daseins vom Standpunkt des Bewußtseins. Dabei gab es viele Veränderungen, und ich habe in dieser Beziehung hart gearbeitet… aber all das war nichts im Vergleich mit dem, was sich seit dem 1. Januar [1969] zugetragen hat. So weit, daß der Körper den Eindruck hatte, eine andere Person zu sein… Aber das genügt nicht.

Festigkeit, Massivität, Dichte – es ist immer das gleiche Schema. Etwas, das sich verdichtet.

Schließlich erreichte sie den Kern der Geschichte, “die goldenen Wolken” waren hier. Dennoch begann hier eine Hölle auf kleiner Flamme (oder auf großer Flamme), als ihre Materie diesem ungeheuren Veränderungsmittel ausgesetzt wurde…, welches das eigentliche Mittel der Transformation zu sein scheint, denn es ist das Ur-Mittel aller materiellen Entstehungen. Aber “das genügt nicht”. Eine neue Anpassung oder etwas anderes schien notwendig, damit dieses Mittel wirken konnte, ohne alles zu zerstören – oder Jahrhunderte zu brauchen, die Mutter in ihrem so schmal gewordenen alten Körper nicht mehr zur Verfügung standen. Hier betreten wir den rätselhaftesten Teil von Mutters Wald. Beim ersten Anblick versteht man nichts, man weiß nicht, was geschieht – “etwas” geschieht, ein Phänomen unter Tausenden. Es hat keinerlei Logik; die Logik kommt später, danach, wenn es “begriffen” wurde. Diese Logik versuchen wir durch das tiefe Dickicht und überraschende Unterholz der dreizehn Bände der Agenda aufzuspüren.

1961 stoßen wir auf die erste Spur des Phänomens, und tatsächlich sind es Tausende winzigster Phänomene, die zunächst nach nichts aussehen, die sich kurz zeigen, wieder verschwinden und fünf oder zehn Jahre später wieder auftauchen, um dann ihren Sinn zu ergeben, als hätten sie einen unterirdischen Weg zurückgelegt, so daß man nicht sagen kann, wo die Dinge beginnen – und um die Wahrheit zu sagen, besteht die Transformation aus tausend Phänomenen gemeinsam, ohne Datum und ohne besonderen “Augenblick”. Es hat nichts von diesen sensationellen Dingen, die interessant zu erzählen wären, sagte sie mir an diesem Tag 1961. Es ist eine sehr bescheidene Arbeit jeder Minute… Denn jeden Tag, Tag und Nacht, in gleich welchem Augenblick geschehen die unscheinbarsten Dinge – das ist keine interessante Arbeit. Es sind Erfahrungskurven, die einander folgen und die es jede Sekunde zu beachten gilt. Im Verlauf einer dieser Kurven entdeckt man plötzlich etwas… Da ist beispielsweise diese… man kann kaum von Mental sprechen, aber diese Art mentale Aktivität in der Materie [das physische Mental], die eingreift: das ist wirklich schäbig. Es ist mir bisher noch nicht gelungen, es ganz und gar auszuschalten. Aber in manchen Augenblicken kommt es ganz zum Stillstand. Ja, mitunter während ich gehe [das Mantra wiederholend], festigt sich alles. [Mutter machte eine Geste, als erstarrte sie plötzlich: Das physische Mental hält inne, und augenblicklich öffnet sich das Netz, eine Invasion massiver Macht dringt ein.] Die Schwierigkeit ist, für das gewöhnliche Bewußtsein (und unglücklicherweise bin ich von so vielen Leuten umgeben, die ein sehr gewöhnliches Bewußtsein haben) macht das den Eindruck eines Zustands der Abgestumpftheit, der Schwachsinnigkeit, eines Zustandes von Koma oder Betäubung; es hat allen Anschein davon. Etwas wird unbewegt, geht nicht mehr auf die Umgebung ein, hält abrupt inne. Man kann nicht mehr denken, kann nicht mehr beobachten, kann nicht mehr reagieren, kann einfach nichts mehr. Leider bleibt der Einfluß all dessen, was von außen kommt – die Dinge kommen und versuchen dies zu stören. Wenn es mir aber gelingt, das zu verhindern, wenn ich diesen zustand beibehalten kann, wird das nach einer Weile etwas so ungeheuerlich massives! So konkret in seiner Macht, so massiv in seiner Reglosigkeit!… Oh, das muß weiterführen!

In der Tat führte es wirklich weiter – sechs Jahre später.

Sie setzte hinzu: Aber ich konnte den Zustand nicht lange genug halten. Man müßte ihn über stunden halten, das ist mir nicht gelungen. Immer kommt etwas, das zu unterbrechen sucht… Sechs Jahre danach blieb das Problem noch dasselbe, immer kam etwas dazwischen, ohne vom Ansturm der Leute zu reden. Wenn der Körper abrupt da herausgerissen wird, dann ist das, als verlöre er sein Gleichgewicht; da gibt es einen kurzen Moment, der unangenehm ist.

Das war der Anfang der “Positionsveränderung” des Bewußtseins, welche die Macht haben würde, den physischen Tatbestand zu verändern.

Einmal mehr ist es bemerkenswert festzustellen, daß diese erste Positionsveränderung des Bewußtseins mit dem ersten Versuch der Durchquerung des physischen Mentals einherging. Auf der anderen Seite des Käfigs beginnt eine andere Zeit, und zwar eine andere materielle Zeit, keine andere spirituelle Zeit (es sei denn, der Geist erreicht wieder die Materie). Eine massive Zeit. Materialistisch und praktisch, wie ich bin (Mutter aber war nicht weniger materialistisch und praktisch!), fragte ich sie: “Was geschieht denn, wenn alles so unbewegt ist? Geschieht da irgend etwas?” – Geschieht etwas?… Ich weiß nicht. Aber das an sich ist bereits etwas. Wenn der Körper sich dieser Unbewegtheit bewußt wird, heißt das ja, daß er aus seiner Enge herausgetreten ist: Es ist dieselbe Unendlichkeit, wie wenn man seinen Körper verläßt. Es ist sehr schwierig für den Körper, das zu erlangen, sehr schwierig: immer vibriert und regt sich etwas. Es geht nicht allein um das Schweigen sondern um die Unbewegtheit [Mutter beschrieb eine massive, kompakte Geste, als ließe sich das mit dem Messer schneiden], ohne spannung, ohne Spannung, ohne Anstrengung, ohne irgend etwas. Es gleicht einer Art Ewigkeit – im Körper. Als brächte das alles in Ordnung, dennoch bewegt sich nichts.

Eine Ewigkeit der Zellen.

Das geschah beim Gehen, während sie das Mantra wiederholte. Es gibt also eine wahre Unbewegtheit der Materie hinter ihrer scheinbaren Bewegung, und diejenigen, welche eine “Kältetherapie” der Transformation auszuüben suchten, würden nur die Erscheinungen manipulieren, ohne den realen Fakt zu berühren. Sie täuschen sich damit ebenso schwer wie jene, die das Problem lösen wollen, indem sie Atome durch Teilchenbeschleuniger zu meistern suchen. Um die Materie wirklich verändern zu können, gilt es, das Bewußtsein zu verändern, ansonsten berührt man allein die Grimasse der Dinge und erhält lediglich Ungeheuer oder Karikaturen der Macht. Herr Müller oder Schulze lassen sich vielleicht durch Temperaturabsenkung konservieren, es würde dann aber bloß ein samt all seinem Schlamm fossilisierter und “unterkühlter” Herr Müller oder Schulze konserviert.

Erst wenn die Gelehrten zu Yogins werden, können sie die Materie verstehen und meistern.

Vielleicht ist das die kommende Zeit.

Die Zeit der Physiker des Bewußtseins.

Eine Positionsveränderung in weltweitem Ausmaß.

Indem sie den Schlüssel des Bewußtseins der Materie halten, werden die Wesen der supramentalen Art tatsächlich die Macht haben, die Materie unmittelbar zu gestalten, durch Ausstrahlung der entsprechenden Schwingung in ihrer eigenen Materie: Sie werden von Materie auf Materie wirken, so wie wir heute kommunikativ von mentalem Bewußtsein auf mentales Bewußtsein wirken. Aus diesem Grunde sagte Mutter: Für den Menschen ist die höchste Stufe der Verwirklichung sein Begriffsvermögen: die Dinge zu begreifen. Für das Supramental bedeutet die Verwirklichung Macht: der schöpferische Wille. Gleich den Wesen auf dem supramentalen Schiff, die ihre körperliche Erscheinung oder ihre Fortbewegungsmittel kraft einfacher Ausübung ihres Willens selbst gestalteten.

Die Position des Bewußtseins muß sich verändern und vom mentalen Niveau auf das Zellniveau übergehen. Man muß von der gedachten Zeit zur zellularen Zeit übergehen, um unmittelbar auf die Materie wirken und ihre Struktur transformieren zu können.

Mutters Wald birgt entschieden eine Logik.

Der Widerspruch

Mutter schritt voran.

Das Problem wurde von Tag zu Tag dringlicher oder, besser gesagt, von Tag zu Tag deutlicher und bestimmter – unsere Probleme sind nur unlösbar, weil wir nicht wissen, was eigentlich das Problem ist. Es handelte sich ganz und gar nicht mehr um das Problem des Todes, so wie wir ihn uns vorstellen oder erfahren: ein Körper, der altert, Krankheiten, die sich einnisten, Verfall und Zersetzung. Sobald sie das Netz des physischen Mentals passiert hatte, sah und erlebte sie die Absurdität und Unwirklichkeit all dieser “Naturgesetze”. Das existiert gar nicht, der Tod ist etwas anderes. Ich sehe immer deutlicher, daß alles, was geschieht, alle Menschen, denen man begegnet, alles, was uns persönlich zustößt, ein Auf-die-Probe-Stellen ist: man hält durch oder nicht. Hält man durch, macht man Fortschritte, einen Sprung vorwärts; hält man nicht durch, gilt es, wieder von vorn anzufangen. So ist es jetzt für den körper geworden: Schmerzen, Zersetzung, alles droht aus den Fugen zu geraten… Angesichts dessen herrscht immer dieses Bewußtsein, innerlich gerade wie ein Schwert, das sagt: Wie steht es, wirst du durchhalten? Also bleibt man sehr ruhig und ruft – ruft den Herrn. Man wiederholt das Mantra, das automatisch kommt… der Friede stellt sich ein, und nach einem kurzen Augenblick ist der Schmerz verschwunden – alles, alles, alle Bedrohungen verschwinden, eine nach der anderen, werden zunichte. Das sind so leuchtende und zweifelsfreie Zeichen dieser so herrlichen Gegenwart, so schlicht und so umfassend, in allem, was kommt, allem was geschieht, in den kleinsten Einzelheiten, um einen so geschwind wie möglich zur Transformation zu führen. Diese außergewöhnliche Erfahrung: Wenn man alles, was auf einen zukommt, als ein Mittel nimmt, um zu lernen, so zu sein, wie man sein muß, dann spürt man augenblicklich eine herrliche, allmächtige, konkrete Gegenwart. Und man versteht, daß nichts unmöglich ist… mit einem Tropfen von dem. Man muß lernen zu sein. Alle Schwierigkeiten der Evolution bestehen, um zu lernen, das zu sein, was die Macht hat, die Schwierigkeit zu überwinden. Auf der anderen Seite des Netzes herrscht das ewige oder vielmehr natürliche Wunder. Es gibt keinen Tod, es ist die Unmöglichkeit des Todes, dort, auf dieser Ebene, auf der rein zellularen Ebene, wo die große Urbewußtseins-Kraft-Substanz fließt, die Sri Aurobindo das “Supramental” nannte. Die wahre Materie. Wo genau ist dann der Tod? Wo hält er sich verborgen? Würde das gesamte körperliche Bewußtsein die richtige Position einnehmen, gäbe es keinen materiellen Grund mehr zu sterben. Gibt es im Körper etwas, das nicht die wahre Position einnehmen kann oder will? Eine Art unnachgiebigen Punkt oder Zipfel des Todes, durch den man sich einfangen läßt? Was? Wo ist schlußendlich der wahre Tod, wenn er in keiner der angeblichen Krankheiten, Alterserscheinungen und Abnutzungsprozesse liegt? Wer oder was verweigert sich Dem im Körper: Dem, dem Leben? Mutter folgte immer engeren Kreisen, immer dichter um den zentralen Punkt. Man könnte meinen, je mehr sich die zellulare Ebene löste, klärte, erhellte, desto deutlicher zeichnete sich die unsichtbare Schlacke ab, die sich ansonsten mit der allgemeinen Trübung vermischt. Bis auf den Tag, als Mutter ihren Finger darauf legte: Der Eindruck, daß der Tod jetzt nur noch eine schlechte alte Angewohnheit ist und keine Notwendigkeit mehr darstellt. Nur weil… zunächst weil der Körper hinlänglich unbewußt ist – nicht um sich den Tod zu wünschen, das wäre nicht das richtige Wort, aber um die Notwendigkeit totaler Ruhe zu verspüren, das heißt das Verlangen nach Trägheit. Am Ende aller konzentrischen Kreise stößt man wieder auf das Mineral, den Stein, den schlichten Kiesel. Wäre das beseitigt, gäbe es keine Auflösung mehr, die nicht behebbar wäre. Der Bereich der Unfälle wird hier selbstverständlich nicht berücksichtigt, aber was den normalen Verlauf der Dinge angeht, gäbe es jedenfalls keine Abnutzung mehr, keinen Verfall, keine Störung, die nicht behoben werden könnten. Es liegt nur an diesem Rückstand (der beträchtlich ist), diesem Überrest von Unbewußtheit, welcher nach Ruhe verlangt – was er unter Ruhe versteht, den Zustand der Trägheit. Das heißt die Weigerung, Bewußtheit zu manifestieren. Das ist alles.

Mutter erreichte den Grund.

Das war 1967.

Und dann…

Dann diese ungeheure Kollektiv-Suggestion…, die schwer wiegt. Aufgrund des ungeheuren Gewichts der Kollektiv-Suggestion akzeptiert die äußere Form, allmählich zu verfallen – wegen der jahrtausendealten Gewohnheit: “Es ist schon immer so gewesen, also!” Das Hauptargument. Was darüberhinaus nicht einmal wahr ist. Das andere Gesicht des Problems. Einerseits die Trägheit und das Verlangen nach Ruhe im Körper, und andererseits der böse Wille, die sterblichen Suggestionen im Umkreis, der sterbliche Einfluß von außen; von den beiden wurde dieses kollektive Problem das zunehmend Schmerzlichere, schier Unüberwindliche: In manchen Minuten hat der Körper den Eindruck, dem Gesetz des Todes entronnen zu sein, aber das dauert nicht an; eine Minute lang geht es so, und dann beginnt das alte wieder von vorn. Das Bewußtsein des Körpers fragt sich, warum das so ist. Warum, warum…? Dann kommen noch die Leute mit all ihren Gedanken. Manche kommen und setzen sich mir gegenüber und fangen an zu denken: “Das ist vielleicht das letzte Mal, daß ich sie sehe!” Solche Geschichten, verstehst du… Die verschiedensten Besorgnisse ringsum, von der Beklemmung beim Gedanken, etwas könnte passieren, bis zu… [Mutter lachte] bis zur Ungeduld, daß doch das Ende bald eintreten möge! “Endlich frei! Endlich frei, alle Dummheiten zu machen, die ich schon lange machen wollte!…” Dazu eine beträchtliche Anzahl von Begierden, daß er [Mutters Körper] sterben möge – überall, das findet sich überall! Der Körper ist sehr bewußt geworden, er ist sehr sensibel gegenüber allem, was von den Leuten kommt… All das kommt tonnenweise und erschwert die Sache. Anderes kommt auch – Gutes –, aber… Gutes kommt vielleicht ein, zwei Mal in vierundzwanzig Stunden: plötzlich ein reines Licht. Einfach so… etwas, das sozusagen eine Minute Ewigkeit schafft. Das ist sehr schön. Aber es kommt selten. Eine kleine Flamme… Und dann die Gegenwart. Diese Gegenwart, diese Gegenwart… Die Zellen sind wie Kinder: Wenn sie das spüren, verschwindet alles, alles außer dieser Gegenwart. Für den Körper ist das dann… wie ein Seufzer der Erleichterung. Im allgemeinen beklagt er sich nicht, wenn er leidet: er ruft. Er ruft und ruft und ruft… Und er weiß sehr wohl, daß das Leiden unnütz ist, und wüßte er nur… in die Reglosigkeit, in die Stille einzutreten, würde das genügen. Sobald er das tut… Aber ich bin mir nicht völlig sicher, ob all die Schmerzen, die er überall und die ganze Zeit spürt, nicht von… nicht die Auswirkung von all den bösen Willen sind. Die sind überall auf der Welt verbreitet, weißt du.

Die Schwierigkeit der Welt fand sich genau dort.

Angesichts dieses Widerspruchs mußte etwas geschehen, das war unausweichlich: entweder der Tod oder etwas anderes. Durch die Widersprüche oder gerade wegen der Widersprüche wurde Mutter tatsächlich zur Lösung geführt. Die Widersprüche waren nur der Schlüssel zur anderen Tür.

Kataleptische Trance?

Eines Morgens im Januar 1967, als sie gerade den Grund des Loches erreichte, die letzte (oder erste) Schicht ureigentlichster Trägheit, diesen Überrest des Steins, sprang gleichzeitig und wie aus der Notwendigkeit eine Lösung und die erste Andeutung einer Erfahrung hervor. Man könnte wahrlich glauben, es gäbe keine “Probleme” sondern einzig Augenblicke, in denen man genau ins Auge der Schwierigkeit gerät, und ist man dort, findet sich die Lösung mit dem Problem. Es gilt einzig, sich genau ins Zentrum des Widerspruchs zu begeben.

Es gab überhaupt niemals einen Widerspruch!

Die “Lösung” erschien kaum befriedigend auf den ersten Blick, die Erfahrungen, die folgten, waren aber entschieden von völlig neuer Art. Die Lösung erschien kaum befriedigend, drängte sich Mutter aber gleich einem Imperativ auf, “als ob” Sri Aurobindo sie ihr selber diktierte. Tatsächlich hielt Mutter an diesem Morgen plötzlich mitten im Gespräch inne und diktiere mir mit neutraler Stimme, jedes Wort betonend, die folgende Notiz. (Gerade zuvor hatte sie eine Reihe von sehr wichtigen physischen Erfahrungen gemacht, welche den Anfang der Transformation des Körpers markiert hätten, wenn nicht alles immer mittendrin vom “Ansturm der Leute” unterbrochen worden wäre: Doch ich bezichtige nichts, den Zustand vertrieben zu haben: er hat sich verflüchtigt, weil der Körper noch nicht fähig ist, ihn zu bewahren, das ist alles.) Die Notiz liest sich folgendermaßen:

Aufgrund der Notwendigkeiten der Transformation ist es möglich, daß der Körper in einen Trancezustand eintritt, der kataleptisch erscheint… Vor allem keine Ärzte! Der Körper muß in Frieden gelassen werden. Beeilt euch auch nicht mit der Verlautbarung meines Todes [und Mutter begann zu lachen wie ein kleines Mädchen, das sich köstlich amüsiert], was der Regierung Gelegenheit gäbe einzugreifen. Schützt mich vor allem Verfall, der von außen eintreten könnte: Infektion, Vergiftung usw., und habt eine unablässige Geduld. Das kann Tage dauern, vielleicht Wochen oder sogar länger, und ihr müßt geduldig abwarten, bis ich natürlich aus diesem Zustand trete, nachdem die Arbeit der Transformation geleistet ist.

Ich war ziemlich verdutzt über diese Nachricht und fragte Mutter: “Heißt das, daß etwas Derartiges geschehen wird?”

Es sieht so aus…, denn ich war mir bewußt, daß der Körper Zeit brauchen würde, das ist alles. Die Schüler ließen Mutter niemals die notwendige Zeit. Und sie fügte hinzu: Die sofortigen Dinge sind wunderbare Dinge, welche nicht die Kraft haben zu überdauern, sie entsprechen keinem zustand – keinem Schwingungszustand von etwas Dauerhaftem. So kam diese Anweisung. Es war zwingend, eine unerläßliche Notwendigkeit, was anzudeuten scheint, daß dies eintreten wird… Ich wurde mir all dessen bewußt, was es zu verändern gilt, damit der Körper diesen Zustand andauernd halten kann, damit dies die ganze Zeit da sein kann. Da kam diese Anweisung. – “Ein wenig Weisheit unter den Schülern wird es erfordern”, bemerkte ich. Ja. Niemand sollte etwas anderes sagen als: “Mutter ist in Trance getreten, das ist alles.” Werden sie vorher auf den Gedanken vorbereitet, sind sie vielleicht vernünftiger…? Die Vernunft der Schüler ist noch ein Weltwunder, das der Entdeckung harrt.

Einige Tage später erklärte mir Mutter: Ich habe mit hinlänglicher Klarheit gesehen, daß die Arbeit von der Proportion zweier Aspekte zueinander abhängt: demjenigen der individuellen Transformation (das heißt der Transformation dieses Körpers) und dem der allgemeinen, kollektiven, unpersönlichen Arbeit. Bleibt ein bestimmtes Gleichgewicht erhalten, kann man auf diesen Zustand der verlängerten Trance verzichten; was sich in einigen Wochen oder Monaten machen ließe (ich weiß es nicht genau), würde sich dann allerdings über Jahre und Jahre und Jahre erstrecken. Also ist es eine Frage der Geduld – an Geduld fehlt es mir nicht [in dieser Hinsicht begann es aber, den Schülern zu mangeln]. Doch es ist nicht allein eine Frage der Geduld, sondern auch der Proportion: ein gewisses Gleichgewicht zwischen beiden ist notwendig, zwischen dem Druck von außen für die kollektive Arbeit und dem Druck auf den Körper zur Transformation. Ist das Instrument [der Körper] beständig und unfehlbar fähig, genau das zu tun, was von ihm verlangt wird, dann ist die Trance nicht notwendig. Sie ist nur dann erforderlich, wenn es einen Widerstand in der Ausführung gibt.

Es sollte große und immer größere Widerstände geben.

Aber Mutter fand die “Lösung” auch nicht befriedigender als ich (wir müssen es gestehen). Sie erschien lediglich als die Voraussicht eines Bewußtseins, das alle möglichen Zwischenfälle berücksichtigen möchte. Die Möglichkeit der Transformation durch Trance ist dem Körper seit beinahe… ja, sechzig Jahren angekündigt worden und wiederholt sich periodisch. Jedesmal wird sie von einem Gebet begleitet: Möge dies nicht notwendig sein, es ist ein Weg der Faulheit. Mutter war stets aufrecht; es ist seltsam, ich traf sie meistens sitzend in ihrem Sessel an, doch sie erschien mir immer aufrecht und fortschreitend. Es ist ein Mittel der Trägheit, schloß sie. Das Bewußtsein wird immer wacher, aber auch so wach, daß es der Möglichkeit unbewußter Widerstände gewahr wird… Alles hängt von der Bildsamkeit und Empfänglichkeit ab. – “Wozu genau dient denn diese Trance?” beharrte ich. – Das zu transformieren, was nicht empfänglich ist. Der Körper besteht aus Milliarden von Elementen. Einer Mischung von Empfänglichkeit und Nicht-Empfänglichkeit. Es ist noch gemischt. Diese Mischung bewirkt, daß die Erscheinung bleibt, was sie ist. Das ist eine ungeheure Arbeit, verstehst du. Müßte man das in allen Einzelheiten machen, wäre es unmöglich, aber durch den Druck der Kraft geht es… Unter der Voraussetzung, daß der Druck nicht alles zum Sieden bringt und alles sprengt. So wäre die Trance notwendig, damit sich das schnell vollzieht (relativ schnell). Doch die Arbeit ist im gange; nur, verstehst du, das kann sich über Hunderte von Jahren erstrecken! Das hatte Sri Aurobindo gesagt: Es ist notwendig, einen Bewußtseinszustand zu etablieren, in welchem man das kollektive Leben der Zellen beliebig lange erhalten kann. Tatsächlich geschah genau das mit der Entwicklung des Mentals der Zellen, dieser kleinen goldenen Schwingung, die sich unablässig wiederholt. Hunderte von Jahren würden allerdings eine Gefolgschaft voraussetzen, die wirklich zustimmt und folgt.

Bei dem Gedanken an all die Jahrhunderte läuft es uns kalt den Rücken hinunter, da es bereits jetzt zum Ersticken ist.

Es wurde immer behauptet, fuhr sie fort, daß die äußere Gestalt sich zuletzt verändern würde, daß die ganze innere organische Funktionsweise vor der äußeren Form, der Erscheinung verändert würde (denn es ist ja bloß eine Erscheinung), daß die Erscheinung also als letztes zur Veränderung gelangt. Tatsächlich läuft das gesamte Problem auf diese äußere Kruste hinaus, diese “Rinde”, wie sie sich ausdrückte, denn im Innern gab es bereits einen unabhängigen physischen Zellkörper, der überall durch die Welt reisen und sich ungehindert auf der anderen Seite unseres Schleiers fortbewegen konnte. Diese Rinde war die Prüfung, die Brücke zwischen den beiden Seiten – das Mysterium…, anscheinend unlösbar, es sei denn mittels endloser Jahrhunderte. Diese Erscheinung scheint mir die Erbschaft von Urgewohnheiten zu sein: Gewohnheiten der Materie. Diese Materie geht ja aus der völligen Unbewußtheit hervor, und durch die Zeitalter, durch all die Seinszustände, wendet sie sich zum vollkommenen Bewußtsein – das schreitet vom einen Extrem zum anderen. Diese Gewohnheiten statischer Reglosigkeit machen die Trance notwendig. Sie sollte nicht notwendig sein. Man müßte den Bedarf nach Unbewegtheit und unbeweglicher Ruhe ersetzen durch…

Durch was?

Ein neuer Zustand der Materie war erforderlich, der die Reglosigkeit mit der Bewegung vereinen würde, die Ruhe des Todes mit der Regung des Lebens, die Trägheit des Steins mit der Dynamik des Daseins. Die Grundlage der Trägheit zu ändern, die uns alle in den Tod zieht. Es galt eine andere Zeit in der Materie zu leben: eine Zeit, die nicht mehr an Erschöpfung und Verfall gebunden war, die aber auch keine Jahrhunderte benötigen würde. Die Zeit ist das eigentliche Zeichen des Todes. Die Zeit verändern bedeutet automatisch, die eigentliche Grundlage der Materie zu verändern, ihre verkrustete “Seinsweise”.

Eine zellulare Zeit, welche die Bedingungen der Materie verändert.

Eben diese Erfahrung begann, sich zu entfalten, wie aus dem Kern des Problems entsprungen. Es galt, zum Kern vorzudringen. Immer gilt es, den Grund zu erreichen, dann öffnet sich das Tor.

Erinnern wir uns an Sri Aurobindo:

Eine Stimme rief, “Geh, wohin niemand noch ging!

Grab tiefer und tiefer noch

Bis du den grimmen Grundstein erreichst

Und schlag an das schloßlose Tor!”11

Auf dem Grund des Todes verbirgt sich das letzte Tor.

Die mannigfaltige Gegenwart

Genau einen Monat, nachdem Mutter mir die Notiz über die Möglichkeit der kataleptischen Trance diktiert hatte, als sie gerade die äußerste Schicht der Trägheit erreichte, diesen Rückstand des Minerals in den Zellen, diese Wurzel des Todes, ereignete sich eine winzige Erfahrung, die sie nicht sofort verstand, die aber die exakte Fortführung der Erfahrung von 1961 war, sechs Jahre früher, als sie sich von dieser seltsamen “massiven Reglosigkeit” ergriffen fühlte: “Das muß weiterführen…”, hatte sie gesagt. Die Dinge brauchen lange, um sich weiterzubewegen. Zunächst glaubte sie, sie sei dabei zu lernen, wie man sich ausruht, ohne den Körper zu verlassen, und das war es vielleicht auch, aber es war bestimmt noch etwas anderes. Über Jahre hinweg – achtzig Jahre vielleicht – verbrachte Mutter ihre Zeit damit, ihren Körper zu verlassen, um sich auszuruhen: In Sekundenbruchteilen erklomm sie die höchsten Regionen des Bewußtseins und trat in das große weiße, reglose Licht (wie es methodisch alle vollendeten Yogins tun und wie wir es alle oder fast alle tun, ohne dessen gewahr zu sein, nämlich in den wenigen Sekunden der Nacht, in denen wir jeden Kontakt verlieren). Für die meisten Menschen ist das gleichbedeutend mit einer völligen Ohnmacht, es gibt keine Verbindung, wir haben die Zwischenstufen des Bewußtseins noch nicht gebildet, und wenn wir dort “hineinfallen”, ist es wie ein Loch – aus dem wir erfrischt zurückkehren. So konnte Mutter mehr als ein halbes Jahrhundert ihr aufreibendes Leben aushalten, ohne dabei mehr als zwei Stunden Ruhe pro Nacht zu finden. Sie begab sich dorthin wie in ihr Zuhause. Je weiter sie in ihrem Yoga der Materie fortschritt, um so deutlicher wurde ihr aber bewußt, daß diese Methode – die Materie zu verneinen oder sie schlicht zu vergessen – ihre Zellarbeit seltsam verkomplizierte. Dem Zugriff des physischen Mentals zu entkommen, bedeutet zweifelsohne eine große Entspannung und Erholung, aber es ist der Ausweg aus dem Käfig nach oben, nicht nach unten, und während dieser Zeit fallen die Zellen, die Materie wieder in ihre ursprüngliche Trägheit zurück: eine Art weißer Tod sozusagen. Das heißt, man erreicht genau das Gegenteil des verfolgten Ziels. Es bedeutet die minutiöse Vorbereitung auf den Tod – einen erfrischenden Tod. Dieses sehr bequeme Mittel wurde ihr radikal und brutal entrissen, derartig gründlich, daß sie ihrem Körper nicht mehr entkommen konnte, sie war an ihn und all seine höllischen Schmerzen gefesselt – um die Lösung dort zu finden. Keinen Strom mehr, den man abstellen konnte, keine nervliche Empfindsamkeit, die man vermittels einer kleinen inneren Konzentration betäuben konnte – mit all diesen yogischen Tricks war es vorbei. Es waren tatsächlich Tricks, eine Art Super-Medizin, die wir der Menschheit sehr wünschen würden, die aber das eigentliche Problem nur einzementiert, ähnlich der anderen Medizin mit ihren Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Die Materie muß wahrlich ihre eigene Lösung finden. – In sie wurde Mutter unweigerlich und mit bestürzender Geschwindigkeit gestoßen.

Ich war mir sicher, daß ich mich in dem Zustand befand, den man “wach” nennt: es gab darin nichts, was dem Schlaf ähnelte. Allein das beobachtende Bewußtsein bestand, jedoch in verinnerlichter Form. Dann der Wille, mich um 4:30 Uhr zu erheben [um diese Zeit stand Mutter jeden Tag auf]. Zwischendurch sah ich einmal auf die Wanduhr, es war 3:15 Uhr, und ich war erstaunt: Wie? Es war doch gerade erst 2:30 Uhr… Und dann plötzlich 4:30 Uhr: Wie war das möglich? Eben sah ich noch, daß es 3:15 Uhr war! Ich war wirklich verblüfft, denn ich hatte meinen Körper nicht verlassen, ich bin sicher, daß ich nicht geschlafen hatte und daß das Bewußtsein völlig reglos war, beinahe ohne jede Bewegung. Es war wie augenblicklich. Das passiert mir von Zeit zu Zeit während des Tages: Ich trete in einen bestimmten Zustand ein (das dauert nicht länger als ein, zwei Minuten), einen seltsamen Zustand: Man ist vollkommen wach und vollkommen bewußt, aber gleichzeitig vollkommen bewußtlos gegenüber der Zeit und den Dingen, die einen umgeben – nicht ganz bewußtlos gegenüber den Dingen, aber jedenfalls nicht in der gleichen weise bewußt. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll.

Die Veränderung der Position vollzog sich.

Es war der Anfang der zellularen Zeit.

Tatsächlich der Anfang eines vollkommen neuen Zustandes, der durchaus eine neue Ära der Materie kennzeichnen könnte. Das sind allerdings große Worte, und wenn es eintritt, weiß man nicht, daß es eine neue Ära ist: Es ist zehn Uhr morgens, und alles sieht sehr einfach aus, beinahe gewöhnlich. Wir begehen einen gravierenden Fehler, wenn wir annehmen, daß es sich um einen endgültigen Zustand wie denjenigen des Fisches, des Affen oder des Mentals handele: es ist der Anfang von etwas. Das muß weiterführen, wie sie gesagt hatte. Wir wissen nicht, auf welchen Zeitraum sich dieses “weiter” bezieht, oder ob es nicht unterwegs seine Gestalt verändern wird. Es ist etwas, das geboren wird, ein neuer Zustand, der in der Materie geboren wird. Niemand würde auf die Idee kommen, daß es sich bei der nächsten Spezies um ein Super-Murmeltier handeln wird – vor allem, weil es kein Schlaf ist. Es ist… etwas, das sich sehr seltsam und doch extrem schnell entwickeln sollte. Vielleicht können wir das Phänomen erst wirklich in zwanzig oder fünfzig Jahren oder in einem Jahrhundert verstehen, wenn es seine wahre Gestalt angenommen und seine wahre Formel in der Evolution gefunden hat. 1968, ein Jahr später, ließ sich die Kurve des Phänomens schon besser ausmachen: Ich werde zunehmend müßiger… Das ist merkwürdig, es drängt sich geradezu auf: Ich folge einer Bewegung, dann trete ich in den Trancezustand ein. Und das geschieht in gleich welchem Augenblick, beispielsweise beim Essen: Mitten während des Essens kommt etwas im Bewußtsein auf, ich folge der Bewegung, bleibe darin versunken – und hinterher stelle ich plötzlich fest, daß alle auf mich warten. Tatsächlich verharrte Mutter mitunter eine dreiviertel Stunde, den Löffel reglos in die Luft haltend. – “Mir ist das auch schon aufgefallen”, sagte ich Mutter. “Schon seit einigen Monaten hat man manchmal sogar den Eindruck: «Mutter entfernt sich.»” – Nein, ganz und gar nicht. Ich befinde mich nur innen, viel tiefer innen als vorher – nicht hier innen, in “mir”, sondern im Innern aller Dinge… Äußerst empfänglich gegenüber allen Bewegungen in meiner Umgebung. Und sie setzte hinzu: Die Beziehung zu den äußeren Dingen ist nicht mehr dieselbe.

Eine ganz neue Welt zeichnete sich ab oder eine neue Seinsweise in der Welt.

“Was tust du denn?” fragte ich sie, unbelehrbar und beharrlich auf die praktische Seite der Dinge fixiert. – Wenn ich so nach “innen” gehe, antwortete sie, ist es immer, als… formte ich Schwingungen. Später (am nächsten Tag oder noch während des gleichen Tages) erfahre ich, daß jemandem etwas zugestoßen ist: Jemand rief mich und bat um Hilfe. Das geschieht immer in Form eines Appells, eines Rufs. Und dies ist die entsprechende Antwort. Jemandem stieß etwas zu, etwas ging verkehrt, also macht man sich an die Arbeit, stellt es richtig, stellt das Licht, die wahre Schwingung wieder her, und dann, im Laufe des Tages oder am Tage darauf, empfange ich einen Brief: “Es ging mir sehr schlecht” oder “Ich habe nach Ihnen gerufen”. In dieser Art trägt es sich zu. Diese Schwingungen, die Mutter “formte”, sind der eigentliche Anfang der neuen Handhabung der Materie. So werden die supramentalen Wesen willentlich die Materie gestalten können, die ganze Materie. In einem bestimmten Zustand läßt sich die Materie gestalten. Wenn uns da einige kleine Wehwehchen, eine verkehrte Kleinigkeit oder ein winziges Krebsgeschwür, die Mutter “zurechtrückt”, unbedeutend erscheinen, so übersehen wir ein entscheidendes Phänomen. Dies sind ja keine Heilungsgeschichten, sondern die Materie berichtigt sich durch die Aussendung materieller Schwingungen, eine Wirkung von Materie auf Materie. Ein unmittelbarer Zugriff, ohne Teilchenbeschleuniger, ohne Zaubertricks und ohne Aspirin. Da ist ein seltsames Phänomen, das ich nicht verstehe, und es wird immer dringlicher: Ich verbringe mehr als eine Stunde mit dem Essen, und dabei denke ich, ich hätte nur zwanzig Minuten gebraucht! Die Zeit… ich habe jeden Begriff davon verloren. Ich war felsenfest überzeugt, in zwanzig Minuten fertig geworden zu sein, und doch habe ich mehr als eine Stunde gebraucht – um nichts zu essen. Ich nehme einen Schluck oder einen Mundvoll zu mir, und dann vergehen 10 oder 20 Minuten – ich weiß nicht wo und womit. Ich habe das Gefühl, in einem Licht zu sein, aber einem Licht…? –“Ist dieses Licht denn aktiv?” beharrte ich. – Ja gewiß! Oh, es vollbringt eine menge Dinge. Aber nicht, nicht so. Es ist… Mutter fand keinen Ausdruck dafür.

Die Beschaffenheit der Zeit ändert sich, bemerkte sie Ende 1968. Eine bestimmte Bewußtseinsintensität verändert den Wert der Zeit. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Es ist ein Anfang… Man tritt in einen Zustand ein, in welchem die Zeit nicht mehr dieselbe Realität hat. Es ist etwas anderes, sehr Eigenartiges, eine mannigfaltige Gegenwart. Bemerkenswert ist hier, daß es sich um den Körper handelt. Der Körper tritt in den anderen Zeitzustand ein. Es ist kein Bewußtsein, das sich in ätherische Bereiche verflüchtigt, in denen die Zeit nicht existiert, es handelt sich nicht um den alten yogischen Trick. Die Materie selbst ändert ihren Zeitsinn. Was bedeutet es für die Materie, die Zeit zu verändern? Was hat die Materie für eine Zeit?

Die Zeit ihrer eigenen Frenetik.

Hier beginnt das Phänomen, andere Proportionen anzunehmen.

“Es ist ein Anfang…”

***

Wir begeben uns in einen Wald, den noch niemand je betrat. Tatsächlich verlassen wir nun die Wege universeller Evolution, die mit der Entdeckung, der Einsetzung und Funktionsweise des Mentals der Zellen hinlänglich umrissen zu sein scheinen: Es wird von selbst seine eigenen Ergebnisse zeitigen und seine eigenen unausweichlichen evolutionären Formeln innerhalb einer neuen Spezies entwickeln. Es wird seine eigene Handhabung der Materie finden, so wie sie der neolithische mentale Mensch fand. Unser Buch könnte hier schließen, selbst mit Auslassungspunkten, denn die Evolution steht ja letztlich immer vor Auslassungspunkten. Es ist eine Frage der Zeit… und vielleicht eine Frage der menschlichen Mitarbeit. Haben wir aber diese Zeit? Das ist der springende Punkt.

Hiermit erreichen wir Mutters letztes Mysterium, das sich um die angesprochene Frage der Zeit zu drehen scheint. Sie läßt sich nur angehen, indem man die chronologische Reihenfolge der Erfahrungen nachvollzieht, ohne sie in gleichartige Gruppen klassifizieren zu wollen (Gruppen von was? Gleichartig in welcher Weise?). Wie ist dieses letzte, äußerste Mysterium mit unserer Evolution verbunden?… Wüßten wir das, bedeutete es einen Riesenriß im Schleier. Ein Mysterium, das vielleicht alle anderen Mysterien auflösen und alle unsere augenblicklichen Unmöglichkeiten entknoten würde. Ständig wandern wir neben einem kleinen “Etwas”, das alle Gegebenheiten ändert. Dieses kleine Etwas ist vielleicht die Gnade… oder das anmutige Lächeln der nächsten Welt – als wäre sie nicht bereits gegenwärtig, während sie uns auflauert und schweigend ihre lächelnden Staatsstreiche vorbereitet.

Oder, wer weiß, vielleicht sogar ihren Weltstaatsstreich.

14. Kapitel: Der Rückstand

Die fehlende Seite des Atoms

Die ganze Arbeit bestand insgeheim darin, die letzte mineralische Schicht zu erleuchten und zu transformieren, jenen “unerbittlichen Grundstein”, von dem Sri Aurobindo gesprochen hatte: das erste Grab im Körper.

Die ganze Zeit über glauben wir, die Dinge in einem gewissen Sinne zu bewerkstelligen, und um diesen Sinn herum fabrizieren wir alle möglichen Rechtfertigungen und Theorien. Dann entdeckt man eine andere Sinn­ebene, und alle Theorien kehren sich um – dabei schreitet man schlicht und einfach voran… auf “etwas” zu. Mutter scherte sich niemals viel um Anschauungen und Theorien: Sie schritt voran und berichtete, was sie dabei sah, das ist alles. So wurde der Sinn nie verfehlt, ebensowenig wie man die Richtung eines Flusses übersehen kann. In ein oder zwei Jahrhunderten wird man noch in diese Agenda tauchen können, und das Wasser wird genauso frisch und klar sein wie heute. Wir haben ein nettes kleines magisches Etikett namens “zellularer Zeit” gefunden, aber was steckt dahinter? Ihren ganzen Sinn haben wir vielleicht noch nicht recht verstanden. Vielleicht verhält diese Zeit sich analog der des Menschen, der den Lauf einiger Sterne verknüpfte und daraus eine ganze Welt erbaute – dabei sind es andere Sterne, und es ist eine neue Welt. Diese Sterne bereiten jene vor, die was vorbereiten? Wir sind uns auch nicht sicher, daß diese “zellulare Zeit” den ganzen Sinn birgt, den wir aus ihr herauszulesen suchen.

Schritt für Schritt begann es Mutter so zu erscheinen (bemerkenswert dabei ist, daß, da sie alles vergaß, die Erfahrungen immer neu waren, wie zum ersten Mal erlebt, die Welt war ihr jeden Augenblick neu, so taufrisch, als würde sie eben erst geboren – rein, pur, ohne daß ein Makel der Vergangenheit auf ihr lag… außer eben in den Zellen, die ihre Vergangenheit wiederzufinden begannen, ihre so uralte Vergangenheit, ihr so uraltes Geheimnis): Für die Zellen des Körpers vollzieht sich jetzt der Übergang von der Ruhe trägen Ursprungs – der Ruhe, die in Urzeiten aus der Trägheit entstand – zur Ruhe der Allmacht. Das ist ein schwieriger Übergang. Für die Zellen ist das schwierig. Diese Arbeit des Übergangs vollzieht sich in allen Einzelheiten, und das ist nicht sehr angenehm. Es handelt sich um die Veränderung der eigentlichen Zellbewegung. Im Grunde ist es vielleicht das, was wir in unserem Körper spüren könnten, würden wir plötzlich in den “Tod” gestürzt. Die Zeitveränderung ist so radikal oder der Seinszustand so radikal anders, als wäre es der Tod von allem übrigen. Ist das überhaupt verständlich?… Mutter lernte in kleinen Dosen, ohne recht zu wissen, wohin das führte, ob es der endgültige Tod war oder etwas anderes. Hat man jemals eine lebendige Spezies im Übergang zu einer anderen Spezies gesehen… die diesen Übergang unterwegs beschrieb? Darum ging es ein wenig. Dabei war Mutters Kaltblütigkeit beinahe erschreckend. Ich sage erschreckend, denn ich sah und spürte es, sie zog mich ein wenig mit in die “Bewegung” der Zellen, und mein Gott… Man muß entweder bei ausgezeichneter Laune sein, um da hindurchzugehen – die großmütige Ironie Sri Aurobindos besitzen, Mutters tiefen Humor – oder wahrlich mit aller Verzweiflung etwas anderes wollen. Wenn es in die Brüche geht, macht das in diesem Falle nichts. 1969 wurde das Bild etwas “klarer” (aber das Bild von was, bitte schön? Man weiß es nicht). Es ist eine große Passivität notwendig, bemerkte sie, damit die Kraft schnell passieren kann, um den Körper zu erreichen. Ich merke das jedesmal, wenn ein Druck auf den einen oder anderen Teil des Körpers ausgeübt wird. Das beginnt mit einer absoluten Passivität… die Vollendung der Trägheit, verstehst du? Es ist die Vollkommenheit dessen, was die Trägheit unvollkommen darstellt… Mutter betrachtete mich aus den Augenwinkeln: Gerade für diejenigen, die mental sehr entwickelt sind, ist es sehr schwierig, weil der Körper sein ganzes Leben daran gearbeitet hat, dem Mental gegenüber empfänglich zu werden, das machte seine Ergebenheit und Passivität aus, und genau diese Orientierung muß aufgegeben werden. Plötzlich verstand ich das außergewöhnliche Wunder Sri Aurobindos, der die Zellen seiner Finger den Tasten seiner Schreibmaschine lieh, ohne daß sich dabei etwas in seinem Mental regte. Der Strom floß unmittelbar hindurch. Der gleiche Strom, der die kleinen Zugvögel ebenso unmittelbar und vollkommen leitete wie die großen Sterne.

Wie soll man das erklären? fuhr Mutter fort. Die Entwicklung des Mentals bedeutet ein beständiges und umfassendes Erwachen des ganzen Wesens, selbst des materiellsten Teils, ein Erwachen, das einen Zustand hervorruft, der dem Schlaf entgegengesetzt ist. Für den Empfang der höchsten Kraft braucht man im Gegenteil etwas der Reglosigkeit Gleichbedeutendes – die Reglosigkeit des Schlafes, jedoch vollkommen bewusst. “Reglosigkeit”, “Unbewegtheit”, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll…, aber es ist beinahe das Gegenteil der Trägheit in der Reglosigkeit. Damit verstehe ich, warum die Schöpfung mit der Trägheit begann. Vielleicht, weil allein die ursprüngliche Trägheit den überwältigenden Strom in seiner ganzen Reinheit aushalten konnte? Eine Nicht-Trägheit, das heißt ein Widerstand, hätte vielleicht alles in die Luft gejagt? Es geht also darum, setzte Mutter fort, diesen ursprünglichen Zustand wiederzufinden, nachdem man alle anderen Bewußtseinszustände durchlaufen hat – die ganze Kurve… Und man hat den Eindruck, daß allein der Körper – empfänglich, offen, jedenfalls teilweise transformiert – die Schöpfung verstehen kann, das heißt das, was wir “Schöpfung” nennen: warum und wie (beides). Und es geht in gar keiner Weise um etwas Gedachtes oder Gespürtes sondern um etwas Gelebtes, denn das ist die einzige wirkliche Erkenntnis. Trotzdem verstand ich den Mechanismus dieser “Reglosigkeit” auf der menschlichen Ebene nicht und machte Mutter darauf aufmerksam, daß es in den höchsten Zuständen, die uns bekannt waren, eine intensive Aspiration gab, selbst noch im Körper, und daß dies das genaue Gegenteil von Reglosigkeit war. Es war ja im Gegenteil ein aktives Streben. Also? “Was muß man denn tun?” fragte ich. “Soll man sich gehen lassen, oder soll man in dieser aktiven Aspiration beharren?” – Das ist schwer zu sagen, antwortete sie, denn ich bin überzeugt davon, daß jeder seinen eigenen Weg hat. Für diesen Körper besteht der Weg jedenfalls in der aktiven Aspiration. – “Aber dann besteht keine Reglosigkeit mehr!” – Er hat es geschafft, er hat das Mittel begriffen. – “Beides gemeinsam? Die Vereinigung von beiden?” fragte ich verständnislos. – Ja, beides zusammen… Und dort beginnt sich das Mysterium der zellularen oder supramentalen Zeit abzuzeichnen. Das hat der Körper erreicht: eine vollkommene Reglosigkeit und gleichzeitig eine intensive Aspiration. Besteht in der Reglosigkeit keine Aspiration [handelt es sich also um reine Trägheit], fällt der Körper in eine schreckliche Beklemmung, die ihn augenblicklich “weckt”. Es erfordert also ein intensives Streben. Der Körper ist innerlich vollkommen reglos, als würden alle Zellen reglos [die Aufgeregtheit in den Zellen erlischt]. Ja, das muß es sein: Das, was wir intensive Aspiration nennen, muß die supramentale Schwingung sein. Das habe ich mir oft gesagt. Fällt der Körper aber in einen Zustand der Trägheit zurück, sei es auch nur für fünf Minuten – in die Reglosigkeit ohne Aspiration –, erwacht er mit einer Beklemmung, als müßte er sterben. Verstehst du, so akut ist es. [Genau der Punkt, der den Tod von der Unsterblichkeit unterscheidet, wie zwei Zwillingsschwestern mit einem kleinen Unterschied in der Aspiration.] Für den Körper ist die Reglosigkeit… ja, er hat den Eindruck, daß die höchste Schwingung – die Schwingung des wahren Bewußtseins – so intensiv ist, daß sie für uns… wieder der Trägheit der Reglosigkeit entspricht. Das beginnt, sich mehr und mehr abzuzeichnen. So habe ich es verstanden (denn jetzt versteht es der Körper). Das ließ ihn den Prozeß der Schöpfung verstehen. Man kann beinahe sagen, daß es mit einem Zustand der Vollkommenheit begann, unbewußter Vollkommenheit wohlgemerkt, und daß es nun von diesem Zustand unbewußter Vollkommenheit übergehen muß in einen Zustand bewußter Vollkommenheit. Und zwischen beiden liegt die Unvollkommenheit.

Eine neue Zeit, die eigentlich eine uralte Zeit ist, welche jetzt aber bewußt wird. Das Protoplasma beginnt, sich zu erinnern, was es in Bewegung setzte. Allein der Körper kann verstehen.

Mutters Darstellung trifft in der Tat das Bild der Urschöpfung mit der scheinbaren Reglosigkeit des Steins in einer lichtgeschwinden Atombewegung: Die Passivität gestattet der Materie, die ungeheure Energie auszuhalten, und verleiht ihr gleichzeitig einen Automatismus, der allen Anschein der Unfehlbarkeit hat. Am Ende dieser Kurve fand Mutter jene “Urvollkommenheit” mit einem Unterschied wieder, der wahrlich den Weg des Lebens vom Weg des Todes trennt – dabei kann man nicht einmal sagen, daß der Unterschied in der intensiven Aspiration des Schlußerzeugnisses (das heißt in Mutter) liege, während das Ausgangserzeugnis bar jeder Aspiration und jeden Bewußtseins sei, denn auf dem Grunde des Atoms besteht ein Bewußtsein und eine Aspiration – diese bestehen auf dem Grunde jeder Form von Bewegung, ja, die Bewegung selbst ist Zeichen dieser Aspiration. Im Grunde ist es diese Aspiration, welche die ganze Evolution in Gang setzte, aber seit es die “Urform” gibt, und sei es auch nur die Form des Atoms, gibt es auch eine Beschränkung des Stroms, eine Aspiration “für sich”, könnte man sagen – in der Weise, wie ein Kind seine Puppe ans Herz drückt und damit zum Ausdruck bringt: Das gehört mir. Dieser Wille oder Reflex, diese Parzelle des “sich” für sich zu behalten, ist das eigentliche Ebenbild der Trägheit, die Nachahmung oder Verzerrung der Unsterblichkeit. Das heißt, es ist der Beginn des Todes. Etwas, das sich diese Parzelle des Stromes aneignet und sie nicht mehr lassen möchte. So muß jedesmal die Form zerbrochen werden, um in eine höhere Form oder in eine höhere Bestrebung überzugehen. Andererseits bedeutet diese Trägheit die Stabilität jeder Form: Eine fixierte, stereotypisierte Bewegung, die unaufhörlich mit dem weitermachen will, was sie ist. So sagt jede Form im Grunde Nein-Nein-Nein. Jede Form ist ein ungeheures Nein, das Angst hat, sein Leben zu lassen, es durch die kleinste Pore, die geringste Öffnung ausströmen zu lassen, und das sich dreht und überschlägt, um sich eine Mauer aus Elektronen oder von was auch immer aufzubauen, um so seine egozentrische Gravitation zu erhalten. Die Trägheit ist das Nein. Der Tod hängt schlicht an einem Nein. Dieselbe Bewegung aber kann Leben ohne Ende hervorrufen… wenn man sie fließen läßt – wenn jenes “Etwas”, das nein sagt, eine vergleichbare Ruhe und Sicherheit in einer offenen Unermeßlichkeit findet anstatt in einem geschlossenen Punkt. Tatsächlich gibt es keinen Tod, es gibt lediglich einen Unterschied in der Haltung. Allerdings muß sich die Haltung der Materie verändern. Es gilt das JA der Materie zu finden. Es geht schlicht um den Übergang von der Trägheit einer toten Aspiration, die in einen Wirbel von Individualität gewickelt ist, der ihr den Anschein eines dunklen Ewigkeitsgrabes gibt, zu einer lebendigen Aspiration, die offen ist und in eine universelle Bewegung so hoher Geschwindigkeit ausbricht, daß sie die Dichte der Elektronenmauern ohne deren harte Undurchlässigkeit hat sowie alle wirkliche Reglosigkeit der Ewigkeit ohne das Grab. Das Supramental, die zellulare Zeit, erfüllt die fehlende Seite des Atoms, jene, welche die gesamte Evolution so verzweifelt sucht: Reglosigkeit in unablässiger Bewegung. Eine Reglosigkeit, durch die man nicht umkommt. Der ganze Weg der Evolution besteht darin, die Unermeßlichkeit wiederzufinden, die alles in eine Form faßt, welche kein Grab wäre.

Man fragt sich, ob die Gelehrten, welche die Materie Schicht um Schicht “abschälen” und dabei unaufhörlich immer winzigere und, wie es scheint, im Innersten des Kerns immer “dichtere” Partikel finden, nicht nach einer grundlegenden Einheit suchen, die überall besteht, dicht, golden, ohne Löcher, in einer Zeit, die zu schnell für all ihre Mikroskope ist. Es sei denn, die äußerste Geschwindigkeit schließt wieder an die reglose Augenblicklichkeit der Ewigkeit an: die fehlende Seite des Atoms. Diejenige, welche der Körper vielleicht vor den Gelehrten finden wird3.

Alles kommt darauf an, ob die Materie fähig ist zuzustimmen, sich zu entspannen, wenn man so sagen darf, ohne dabei zu Staub zu zerfallen, und sich ohne Vorbehalt, ohne Widerstand der ungeheuren Bewegung zu öffnen – das heißt, es gilt unermeßlich und dabei doch in einem Körper, in einer Gestalt zu sein. Das waren Mutters zellulare Lehrjahre über all die Dekaden. Diese Veränderung der Zeit oder Position sollte letztlich die Materie transformieren, die zur verhärteten, geronnenen Kruste wurde, weil sie den Strom nicht passieren ließ und sanft im falschen Frieden des Todes entschläft. Die Materie muß ihre eigene Ewigkeit finden, dann wird sie nicht mehr zu sterben suchen, wird sich nicht mehr in der Todesstellung verkrampfen. Diese Erfahrung begann, sich in Mutters Körper einzustellen: Über einen längeren Zeitraum betrachtet, verläuft die Erfahrung des Körpers folgendermaßen: Auf gewisse Weise, in gewissen Augenblicken befindet er sich im Bewußtsein der Unsterblichkeit, und dann, durch Beeinflussung (auch durch alte Gewohnheiten) fällt er zurück in das Bewußtsein der Sterblichkeit, und das ist wahrlich… Wenn er jetzt in den Zustand der Sterblichkeit zurückfällt, entsteht für ihn sogleich eine entsetzliche Angst, und erst wenn er aus diesem Zustand austritt und in das wahre Bewußtsein übergeht, löst sie sich. Mitunter befindet er sich im einen, mitunter im anderen Zustand [Mutter machte eine Geste des unaufhörlichen Hin und Her vom einen Bewußtsein zum anderen]. Der andere Zustand, der Zustand der Unsterblichkeit ist unabänderlich friedlich, ruhig, mit… etwas wie Wellen einer blitzartigen Geschwindigkeit, so blitzartig, daß sie wie unbewegt erscheinen. So ist das: Nichts regt sich scheinbar in einer ungeheuren Bewegung.

Eine zellulare Ewigkeit in einer ungeheuren Bewegung.

“Eine bewegliche Unbewegtheit”, wie Mutter zu sagen pflegte.

Dann schloß Mutter plötzlich die Augen und entschwand in dieses “Licht, das so vieles tut”, den Löffel in der Hand: eine mannigfaltige Gegenwart, ein “In-allen-Dingen-Sein” – in keiner Weise geeignet für das Leben, das sie umgab und das ihr bei jeder Gelegenheit auflauerte, unablässig etwas von diesem Körper verlangte, diese oder jene Unterschrift brauchte, kurz Tausende von Dingen – die meisten voller Lug und Trug. Sie verabreichten ihm sogar Medikamente, um ihn von seiner sonderbaren Ewigkeit zu heilen, den einige (eigentlich die meisten) für Altersschwachsinn hielten. Der Körper beginnt, sich zu fragen… er beginnt, sich zu fragen, wie die Beziehung zu den Dingen sein wird, wie sich die Beziehung des neuen Bewußtseins mit dem alten Bewußtsein derer herstellen wird, die noch menschlich sein werden. Das war Anfang 1970. Genau siebzehn Jahre früher stellte sie die gleiche Frage an die kleinen rebellierenden Muster auf dem Sportplatz: Ist es möglich, daß ein Körper sich verändert, ohne daß sich etwas in seiner Umgebung verändert? Wie wird eure Beziehung zu den anderen sein, nachdem ihr euch so sehr verändert habt?… Eine ganze Reihe von Dingen müßten sich ändern, wenigstens in bestimmten relativen Proportionen, damit man bestehen kann, weiter bestehen kann.12 Diese Frage sollte sich mit zunehmend schmerzlicher Dringlichkeit weiter stellen – wer würde folgen? Das nein galt es nicht allein in ihrem eigenen Körper zu überwinden, es mußte auch in allen Körpern ihrer Umgebung getan werden: Die Schwierigkeit ist, daß es einen Hintergrund unbewußter Verneinung gibt, die noch hinter allem, allem, allem liegt. Überall: Man ißt, man atmet, und sofort empfängt man diese Verneinung… Um alles zu transformieren, ist eine kolossale Arbeit erforderlich.

Und wir vermeinen Sri Aurobindo zu hören:

Die sture, stumme Verneinung in des Lebens Tiefe,

Das unwissende Nein im Ursprung der Dinge.13

Was würde geschehen?

Wohin würde diese zellulare Ewigkeit führen, zu welchem unmöglichen Zustand unter den Menschen? Würde sie diese Verneinung, diesen Rückstand ursprünglicher Trägheit schmelzen können? Läßt sich eine Materie verändern, ohne gleichzeitig die gesamte Materie zu verändern?

Oder würde das zu einer anderen, tieferen Bedeutungsebene führen, auf welcher sich das Ja nicht mehr dem Nein entgegenstellt, das unsterbliche Leben nicht mehr dem Tod widerspricht, sondern beide sich in etwas anderes wandeln: in einen dritten Zustand?

Eine Frage der Geduld

Mutter wußte es nicht, sie wußte grausam wenig. Warum, warum nur sagt man mir nicht, was geschehen wird? Ich weiß es nicht… ich glaube, das geschieht, um einen bestimmten, sehr passiven Zustand zu erreichen. Vielleicht, weil wir nicht wissen, wogegen wir kämpfen sollen. Wir sagen: gegen den Tod. Aber was verbirgt er? Vielleicht gibt es auch gar kein “Gegen”, sondern allein aufeinanderfolgende Mittel, aufeinanderfolgende Schritte, um dieses “Etwas” zu erreichen, dieses letzte, äußerste Geheimnis, und alles ist ein Mittel, die Flamme der Aspiration zu schüren, welche die letzte Pforte öffnen wird.

Der Tod war bis jetzt die Starre der Materie, die zur langsamen Zersetzung der Formen führt. Und doch häuften sich die Erfahrungen, wurden deutlicher und überzeugender, und sie verliefen immer nach dem gleichen Schema: Der Körper beginnt, auf äußerst genaue und klare Weise zu spüren, daß er, sobald er sich selbst spürt, sobald er sich selbst und das übrige im Verhältnis zu sich spürt [das heißt die alte egozentrische Position], in ein Loch fällt. Sobald er aber die handelnde Kraft, das handelnde Bewußtsein spürt, kommt dem [der Starrheit des Körpers] nur noch eine sehr relative Wirklichkeit zu. Der Körper lernt es gut, und er sieht, er sieht es die ganze Zeit in den kleinsten Einzelheiten: Sobald er sich als “etwas” fühlt und die Kraft als “etwas anderes”, gibt es hier ein Weh und dort einen Schmerz, hier etwas, das nicht funktioniert, dort etwas, das aus dem Takt gerät – eine komplexe und wahrlich bösartige Welt. Macht er aber eine Bewegung… (wie soll ich sagen?) das Gegenteil einer Verdichtung, etwas wie eine Ausweitung, eine Ausweitung im Bewußtsein, so verblassen die Grenzen, sie verwischen sich, alles wird geschmeidig, und die Schmerzen verschwinden – sie verschwinden physisch. Diese Erfahrung wird dem Körper Tag für Tag gegeben, manchmal an einer Stelle, manchmal an einer anderen, manchmal bei einer Sache, manchmal bei einer anderen. Der Körper spürt, daß die Starrheit der Materie eine Illusion ist und daß sie… nachgeben kann.

Da fragt man sich, ob diese “Ausweitung des Bewußtseins”, diese Bewußtseinsbeschleunigung, die gleichzeitig verewigt und universalisiert, nicht eine mächtigere Bewegung haben sollte als diejenige, welche die Materie in ihrer sterblichen Position fixiert und gerinnen läßt – oder sollte diese alte Materie wirklich völlig unfähig sein, die Bewegungsveränderung auszuhalten, ohne sich aufzulösen? Mutter wußte es nicht, sie spürte diese Bewegung der Verschmelzung, aber… Ich habe einen seltsamen Eindruck, das gleicht Schuppen oder Baumrinde oder einem Schildkrötenpanzer, der schmilzt. Das, was für den Menschen die Materie zu sein scheint, ist etwas Verhärtetes, das wegfallen muß, weil es zu unempfänglich ist. In diesem Körper [Mutter berührte ihren Körper] versucht sie es, sie versucht, empfänglich zu werden… ja! Es ist seltsam. Eine seltsame Empfindung. Könnte man lange genug durchhalten, so daß alles schmilzt, wäre das ein wirklicher Anfang.

Lange genug durchhalten.

Immer ist es eine Frage der Zeit. Ohne Zweifel suchte sich dies mit der beschleunigten Positionsveränderung in ihrem Körper einzurichten, durch diese Art Ewigkeit in den Zellen. In der wahren Position gibt es keine Reibung… Der Körper hat selber die Empfindung, daß er lernen muß, in der Ewigkeit zu leben, sagte sie schon 1962. Wurde ihm aber die Zeit gegeben, in der Ewigkeit zu leben?

Oder würde es durch die kataleptische Trance geschehen?

Die Frage wurde immer dringlicher: Es herrscht der Eindruck des Fließens, der Geschmeidigkeit, die sich mit dem Wachsen des wahren Bewußtseins immer stärker behauptet. Die Verhärtung scheint das Ergebnis der Unbewußtheit zu sein. Der Mangel an Fluß, an Geschmeidigkeit scheint auf Unbewußtheit zu beruhen. Nicht nur im Körper: der Eindruck ist für alle Bereiche der gleiche. Mit dem Wachstum im Normalzustand des Bewußtseins stellt sich eine Geschmeidigkeit und ein Fließen ein, welche die Beschaffenheit der Substanz völlig verändern, und der Widerstand entsteht allein aus dem Grad der Unbewußtheit. In diesem Ausmaß der Unbewußtheit liegt ihre scheinbare Materialität… [Das ist der springende Punkt. Die Welt, die wir leben, die Materie, die wir leben, sind allein durch den Grad ihrer Unbewußtheit fixiert und undurchlässig – durch nichts anderes. Eine Art realer Illusion. Eine undurchlässige Illusion]. Den Körper betreffend habe ich interessanterweise mehr und mehr den Eindruck von einem Rückstand, der noch unbewußt geblieben ist. Da sind Schichten, die noch wie ein Rückstand von allem sind, das ihnen vorausging: das Mineralische, das Vegetative, das Animalische, all das. Somit ist der vollbewußte Teil der Zellen erleuchtet, aber… Man braucht es ja nur anzusehen [Mutter berührte die Haut ihrer Hände, die sichtlich noch nicht transformiert waren]. Es scheint nicht mehr die gleiche Dichte zu haben, die Erscheinung aber ist noch vollkommen dieselbe. Diejenigen, die eine innere Wahrnehmung besitzen, sehen etwas, aber das liegt allein an ihrer inneren Wahrnehmung. Die neue Seinsart wird allein für diejenigen augenfällig sein, welche selber die supramentale Vision haben. Dennoch ist diese sogenannte “innere Vision” oder supramentale Vision eine materielle Sichtweise, denn Mutter sah materielle Tatsachen: Ich sehe alle möglichen Dinge in materieller Weise, die für andere nicht sichtbar sind. Nichtsdestoweniger ist es materiell. Ein merkwürdiger Zustand… Wir werden immer wieder an die zwei Welten der Materie herangeführt, die eine in der anderen, eine illusorische Kruste, bewußtlos und undurchlässig, und die andere. Ich betrachtete Mutter: Das Wachstum dieses neuen Bewußtseins, der neuen Vision, des neuen Körpers, all das ist sehr wohl verständlich, aber der andere, der “Rückstand”, was ist damit zu tun? Hier liegt wahrhaftig das Mysterium, die Brücke. Oder aber die Illusion wird zerrissen, und alle alten Körper der Welt zerfallen zu Staub – wir bekämen dann eine Menge Staub.

Mutter schien meine stille Frage verstanden zu haben: Was ich noch nicht weiß, was noch nicht sehr klar ist: Was geschieht mit dem Rückstand?… Für das gewöhnliche Denken der Menschen bedeutet er das, was sie den “Tod” nennen; all jene Zellen, die nicht in den geschmeidigen Zustand eingehen konnten, werden abgestoßen. So, wie die Arbeit vor sich geht, gibt es aber keine kategorische Trennung zwischen Gruppen bewußter und unbewußter Zellen; das sind unmerkliche oder beinahe unmerkliche Zustände, kleine Abweichungen in den verschiedenen Teilen des Wesens. Folglich fragt man sich also: Wo, wer, wann, wie, was wird geschehen?… Das wird mehr und mehr zum Problem. Man hat da das Gefühl eines Rückstands, doch der Rückstand ist nicht etwas, das abgestoßen wird, sondern lediglich etwas, das zögert, das sich verspätet, Schwierigkeiten hat, das sich aber bemüht – das sich ändern möchte. Gibt es zum Beispiel an einer Stelle eine unmerkliche Störung, einen Schmerz, so beginnt das, nicht mehr zu zappeln und sich zu beunruhigen, Medikamente oder Ärzte haben zu wollen – überhaupt nicht, es ruft nur: “O Herr”, so ungefähr. Das ist alles. Und es wartet ab. Normalerweise verschwindet der Schmerz innerhalb einiger Sekunden. Was die Sache allerdings erschwert, ist das, was von außen eindringt, die Formationen mit den entsprechenden Gedanken, der Unwissenheit, den Eindrücken, all den Eindrücken, die überall wimmeln. Die meiste Zeit macht das gar nichts aus, manchmal jedoch gibt es einen Schock. Das erschwert die Sache… Auch die Tatsache, daß ich mich mehr und mehr krümme (obwohl das nicht die Auswirkung einer Erschöpfung oder das Ergebnis eines Mangels an Gleichgewicht ist, es hat keine materiellen Ursachen), ich habe den Eindruck, daß der gegenwärtige Teil des Körpers (oder besser derjenige Anteil, der der Vergangenheit angehört) sich verringert, während ich, das heißt mein Bewußtsein, im Gegenteil so unermeßlich wird, so groß, so mächtig… Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, es ist eine merkwürdige Empfindung. Als würde man altes Gepäck hinter sich herziehen. Aber es ist nicht so, als würde das nicht weiter wollen: es ist mehr oder weniger schwierig, also nimmt es eben mehr oder weniger Zeit in Anspruch. Das sind einfach Nachzügler.

Die Zeit, immer wieder der Faktor Zeit.

Dennoch möchte ich es wissen, fuhr Mutter fort, das Problem fängt an, mich zu interessieren! [Es gab immer diesen Funken lächelnden Humors, der bei allem im Hintergrund mitlief]… Ob dieser Rückstand… Aber das ist gar nicht die Frage, es ist eine Frage der zeit. Mit der Zeit (Sri Aurobindo sprach von dreihundert Jahren), mit der Zeit könnte sich alles verändern. Dagegen stellt sich jetzt noch die Welle der Gewohnheiten und die einfache Lösung, die darin besteht, den alten Lumpen einfach wegzuwerfen: “Raus! Ich will dich nicht mehr!” Das ist abscheulich. Nur weil er nicht schnell genug vorangeht, wirft man ihn fort und sagt: “Verschwinde! Du kannst dich zersetzen.” Abscheulich! Und ich spüre die Atmosphäre: alle kollektiven Gedanken. Die Leute schreiben mir: “Ich hoffe, daß Sie noch lange leben werden!” und all diese üblichen Dummheiten. Das ergibt ein schwieriges Umfeld. Ich beobachte den Körper, und manchmal sagt er (manchmal, wenn ein zu großes Unverständnis herrscht, wenn die ganze Gefolgschaft einfach zu unverständig ist), dann sagt er: “Ach, laß mich gehen!” (“er”, das heißt das, was noch unbewußt ist, zu unbewußt und noch nicht hinlänglich empfänglich), so sagt er: “Gut, laß mich, sei’s drum, laß mich einfach!” Das ist aber keine Ermüdung, auch keine Abscheu. Dann sage ich ihm: Nein-nein-nein! [Mutter nahm einen Ton, wie man mit Kindern spricht.] Es ist einfach eine Frage der Geduld…

Geduld für wen? Für sie oder für die anderen?

Den alten Rückstand zu Staub zerfallen zu lassen, kam jedenfalls nicht in Frage.

Eine Frage der Geduld… Was wird geschehen?… Ich weiß es nicht, wir werden sehen. Du wirst es jedenfalls wissen. Du kannst ihnen dann sagen: Es ist nicht so, wie ihr denkt!… [Und Mutter lachte schelmisch, als sähe sie das ganze “Umfeld” vor sich.] Ich würde es ihnen wohl sagen, aber sie werden mich nicht hören. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was geschehen wird. Was wird geschehen? Weißt du es?

Ich betrachtete sie mit einer solchen Überzeugung, es war doch so offensichtlich. – “Eines Tages wird es herrlich sein!” – Wenn man etwas zum ersten Mal macht, kann es einem niemand erklären.”

Sie war allein, ganz allein.

An der Grenze zwischen Zersetzung und etwas anderem.

Plötzlich, eines Februarmorgens 1970, bemerkte Mutter: Es geschieht etwas Seltsames: Ich schlafe nicht, und doch bin ich nicht wach. Es ist weder das eine noch das andere. Es ist eine Art neuer Zustand, sei es in meinem Bett, sei es in meinem Sessel, das macht überhaupt keinen Unterschied… Es ist etwas anderes. Ich schlafe nicht! Was ist das nur?… Ich weiß es nicht. Es ist etwas… Wäre es möglich? Ich verlasse meinen Körper nicht. Oder wird dieser Körper durch einen anderen ersetzt? – Ich weiß es nicht. Dabei ist alles anders…

Ist es möglich?

Ein neuer Zustand in der Materie…

Mutters letztes Mysterium.

Alle Gegebenheiten waren klar, es blieb nichts als das Unbekannte.

Mutter war 92. Ihr blieben noch drei Jahre.

Zweiter Teil. Das gefährliche Unbekannte

15. Kapitel: Die höchste Pforte

Seitdem ein kleines Mädchen über die Schottersteine des Waldes von Fontainebleau schwebte, mit der großen Python sprach, der Geschichte einer Mumie im Guimet-Museum lauschte und durch die transparenten Seiten ihres Geschichtsbuches eine lebendige Geschichte betrachtete, die ihr so altbekannt erschien, überall bekannt vielleicht, sind gar viele Erfahrungen verflossen: die seltsamen Materien von Tlemcen, schwindelerregende Fälle, körperlose Reisen, der erste Eintritt in den Tod und die Explosion des impressionistischen Lichtes, die Revolution der Atome, Revolutionen, welche sich vom Yangtse-Tal bis Moskau entzündeten, und schließlich ein Torpfosten, von dem die Liane der “Treue” hing – es war eine lange, immense Treue an die Geschichte der Erde, an den uralten Gang der Materie auf ihre Erfüllung zu. Durch alle Zeiten, alle Schmerzen, die schwarzen oder goldenen Erfahrungen in den Gängen von Theben oder in den Verliesen eines Palazzo Ducale, war es die immer gleiche Suche nach einer echteren, weiteren, freieren Welt ohne Grenzen, ohne Religion, ohne Polizei, nach einem “Sonnenweg” für die Erde: Ich habe immer gesagt, daß man nicht leiden soll. Dann stand am Ende einer schmalen, zu einer großen weißen Veranda führenden Treppe jener, der sagte: “Die Welt bereitet sich auf eine neue Evolution vor.” Wie sie voranschritt, diese Mutter, bis ans Ende dieses Gefängnisses der Materie, das sie so sehr für die Menschen öffnen wollte, in ihrem Verlies aus goldenen Teppichen, in dem sie der alte Schmerz einer Welt bestürmte, die ihrer Lüge und ihrer Dunkelheit verhaftet ist. Und sie lachte, sie öffnete ihre großen ruhigen Augen auf einer bereits verwandelten Erde, sie sagte seltsame Dinge, während sie nach Atem rang, zog weiter am Faden im verzweifelten Versuch, sich hier verständlich zu machen – Einbildungen?… Ich ziehe diese Einbildung der eurigen vor, sagte sie den Evangelisten des Todes ins Gesicht, denjenigen, die an das Grab, die Wissenschaft, das immerwährende Gefängnis glauben. Ja, wie sie den Menschen und der Erde ihre ureigene schöpferische Kraft wiedergeben wollte, ihre “Einbildung der Wahrheit”; wie sie der Materie das ihr eigene Wunder entreißen wollte! Das Wunder der Wahrheit, denn es gibt kein anderes. In allem, durch alles – im Guten, im Bösen, im Geringsten wie im Höchsten und in den weißen, blauen oder schwarzen Mustern, in allen Mustern des Schmerzes der Welt – immerfort lieben.

Auf jeden Fall haben wir es versucht.

Die alte Art stirbt

Ich behaupte, daß sie nicht gescheitert ist, ebensowenig wie die Evolution scheitern kann. Da ist nur etwas, das wir nicht verstehen – noch nicht –, ein unbekannter Faktor. Oder etwas, das noch nicht manifestiert aber bereit ist, gleich dem Küken in der Eierschale. Oder vielleicht wie die Raupe in ihrem Kokon. Für den Menschen, der niemals ein Küken aus dem Ei schlüpfen sah, ist es unvorstellbar, daß diese Kalkschale jemals einen Vogel bergen könnte. Allein die Entwicklung vom Neandertaler zum Lascaux-Menschen hat lange gedauert, ebenso diejenige von der kahlen Felskluft zur ersten kleinen Lavendel-Pflanze. Das Geheimnis liegt immer in der Entdeckung dessen, was hier ist, unter der evolutionären Schale. Der unbekannte Faktor liegt hier, in Mutters letzten Jahren. Sie gilt es jetzt zu dechiffrieren. Es ist wahrhaftig nicht Mutters Geheimnis, sondern unser Geheimnis als Spezies auf dem Weg zu… genau dem, was Mutter suchte.

Ein “seltsamer Zustand”, wie sie es nannte. Wir können lediglich die Entwicklung des Phänomens “klinisch” genau beobachten und sehen, ob wir nicht zufällig auf ein Flüstern der Zukunft stoßen. Gemäß der medizinischen Anschauung war sie blind und taub: eine eingemauerte Welt, die Schale absoluter Materie, eine Art Grab bei lebendigem Leib für jeden anderen unter uns. Und doch verstand sie das leiseste meiner Worte, und sie sah besser als ich selbst die geringsten Schwingungen meines Wesens oder der Gegenstände, die ihr verrieten, wo sie waren; sie konnte kaum noch gehen, und doch wanderte sie überall und wußte um jedes Elend der Körper und alle Bewegungen und Umstände der Welt; sie schlief nicht mehr wie wir, aß so gut wie nichts, und doch floß diese ungeheure Energie um sie herum; sie erweckte den Anschein seniler Abstumpfung, und dabei leuchtete ihre kristallene Klarheit, die alles sah, alles verstand, mit geschlossenen Augen über unsere Dummheiten oder eine kleine Flamme lächelte; sie vergaß alles und vollzog doch jede Geste wie unfehlbar, wußte um die Hinterhältigkeit oder Wahrheit jedes einzelnen, jedes Dings in jedem Augenblick. Es war ein Paradox des Bewußtseins, der Vision und der Fülle innerhalb einer eingemauerten Materie, zunichte geworden gleich einer Schale vor dem Aufbrechen. Ein Triumph des Bewußtseins über die Materie oder vielleicht das äußerste Ergebnis des langen evolutionären Ganges. Es schien, als bliebe nichts weiter, als das Trugbild aufzugeben und die Flügel eines unsterblichen Bewußtseins zu entfalten, das die Dimensionen der Erde und weiter erreicht hatte – wer würde sich in einem solchen Stadium noch um den Verdauungstrakt sorgen? Wer würde noch gewillt sein, all das unzählige Elend eines Körpers zu ertragen, der sich nicht einmal mehr auf dem Bett ausstrecken konnte, weil er zu gebeugt war – wo es nur einen Hauch verlangte, um die Verbindung abzubrechen: Sie wußte sehr wohl, wie man willentlich “stirbt”. “Jeder andere wäre lieber hundert Mal gegangen”, sagte ich ihr eines Tages, “als dort drinnen zu bleiben und all das auszuhalten, was du durchmachst.” Es war ohne Zweifel vollkommen unmenschlich. All das für eine kleine Schale. Die “Schale” aber war unsere ganze irdische Hülle, sie war der Einsatz der Evolution: der Sieg des Bewußtseins über die Materie oder der Sieg des Bewußtseins in der Materie?

Sie hatte die äußerste mineralische oder atomare Schicht erreicht, den Uranfang der Schale und aller Schalen. Sie stand dem Beginn der Welt in ihrem Körper gegenüber, dort, wo die Materie sich zum ersten Mal verhärtete – nur eine kleine dünne Haut, die in einem blitzartigen Fluß von Energie badete, der doch wie reglos war. Diese “Durchlässigkeit” hatte allen Anschein und alles Empfinden eines ungeheuren Zermalm- und Zerstoß-Prozesses, einer Zerstörung bei lebendigem Leibe, vielleicht etwas, das sich mit dem Prozeß unserer Teilchenbeschleuniger vergleichen läßt, einzig erträglich durch die “Ausweitung” des Körperbewußtseins, das sich beinahe universell ausdehnte. Eine Sekunde des Nachlassens, eine Sekunde des Rückfalls in dieses “Loch”, wie sie es nannte, in das Körper-Ich, die Wahrnehmung des “ich bewege mich”, “ich” esse, “ich” spreche, war die Hölle, es bedeutete wieder die Zerstörung bei lebendigem Leibe. Es gab keine Schichten der Unbewußtheit und Obskurität mehr, welche sie vor dem Ansturm aus Äther und aus Feuer bewahrt hätten, von dem Sri Aurobindo sprach14: Es gab nur noch den reinen Körper, ohne Schutzwall seiner Transformation ausgesetzt, oder er war selbst der letzte Schutzwall vor seiner eigenen Transformation. Auf der anderen Seite herrschte ein universelles physisches Bewußtsein, ein anderer Zustand, eine andere Seinsweise… die unaussprechlich war, aber nicht mehr den Gesetzen des Grabes gehorchte, die keine Augen und Ohren mehr brauchte, keine Erinnerung, nicht einmal einen Körper, um sich zu bewegen, und für welche sogar der Schmerz des Körpers eine Art Unwirklichkeit besaß – ja, vielleicht eine andere Zeit, eine “Ewigkeit in Bewegung” auf dem Grunde oder hinter diesem atomaren Film, ein anderer Zustand der Materie hinter dieser verhärteten Kruste. Auf der einen Seite lag das Loch des Todes und des Schmerzes, auf der anderen das universelle Leben ohne jede Möglichkeit von Schmerzen. Ein “merkwürdiges” körperliches Leben auf zwei Ebenen, eine paradoxe Dualität: Das Leben des Körpers ist ein Wunder, sagte sie im April 1970 nach einer Reihe von Herzanfällen. Das heißt, wäre es nicht das, was es ist und wie es ist, wäre jeder andere daran gestorben. Wenn du nur wüßtest, wie seltsam es wird! Der Körper ist bewußt und sagt sich: “Im Grunde macht das vor allem für die anderen einen Unterschied! [ob Mutter «stirbt»]. Für mich…” Nur die anderen sind noch in dieser Illusion des Todes verfangen, wenn dieser Körper verschwinden sollte. Selbst der Körper weiß nun überhaupt nicht mehr, was wahr ist. Für ihn sollte die Materie die Wahrheit sein, aber er ist sich selbst nicht mehr sicher, was das ist. Denn es gibt die andere Seinsweise. Der Körper beginnt, sich zu fragen… Er weiß, daß die alte Seinsart nicht mehr das Richtige ist, aber er beginnt, sich zu fragen, wie es sein wird. Das ist seltsam, manchmal kommt es wie ein Hauch, und dann verschwindet es wieder. Wie ein Hauch einer anderen Sichtweise, einer anderen Art zu fühlen, zu hören. Etwas, das näher kommt und sich dann verschleiert. Tatsächlich hatte sich die neue Funktionsweise seit langem manifestiert, jedesmal war es für Mutter aber von neuem eine Entdeckung. Der Körper leidet, aber es ist ein sehr merkwürdiges Leiden: Er stöhnt, stöhnt buchstäblich, als leide er ganz fürchterlich, und gleichzeitig sagt er sich: “Ach, das ist die wahre Wonne!” Und er stöhnt. Verstehst du, beides zusammen! Das hängt ab von einem kleinen… etwas, das an einen Willensakt erinnert, was es aber nicht ist. Ich weiß es wirklich nicht, es ist etwas Neues. Dieses “kleine Etwas” war der unmerkliche Übergang von einer Position in die andere, von einer Zeit in die andere. Der Körper stöhnt und sagt sich, daß er leidet, und dann ist da dieses kleine Etwas, wodurch es kein Leiden mehr ist, es ist auch in keiner Weise das, was wir “Wonne” nennen würden – wir wissen nicht, was es ist; es ist etwas anderes. Es ist etwas anderes. Etwas Außergewöhnliches. Etwas ganz und gar Neues… Wahrhaftig der Beginn eines neuen Zustands in der Materie. Offensichtlich ist es nicht mehr das körperliche Bewußtsein, so wie es ist. Das gibt es nicht mehr: die Beziehungen sind nicht mehr dieselben, die Art zu verstehen, die Art zu sprechen haben sich geändert… Aber es ist noch nicht… ja, es bewegt sich auf etwas zu, aber es ist noch nicht angelangt. Die Gegenwart der Gnade ist etwas absolut Wunderbares, denn die Erfahrung an sich wäre eine Agonie ohne Ende, wenn man mir nicht gleichzeitig die wahre Bedeutung dessen zeigte, was vorgeht – es ist der Tod der alten Art. Natürlich gibt es die ganze yogische Vorbereitung, aber der Körper… er ist ein andauerndes Wunder. Eigentlich könnte man es nicht mehr als wenige Minuten ertragen. Doch es dauert fort und fort und fort…

Es sollte drei Jahre dauern.

Drei Jahre der Agonie ohne Ende, in denen langsam, unmerklich, dennoch unwiderstehlich ein neuer Zustand der Materie geboren wurde, der nicht mehr dem Leben entsprach, wie wir es kennen, aber auch nicht dem Tod, wie wir ihn uns vorstellen; nicht mehr der Zeit, wie wir sie abzählen, und auch nicht der Ewigkeit, in der man sanft entschläft; weder dem Leiden, das einen in Ohnmacht fallen läßt, noch der Seligkeit der Weisen als weiterer Spielart der Ohnmacht; weder der Materie, die an einem Herzanfall stirbt, noch der Nicht-Materie, in der man in einem Meer von Transzendenzen schwimmt… Etwas wirklich Anderes. Ein ganz und gar neuer Zustand.

Mitten darin war eine Schale zwischen zwei Welten oder besser in zwei Welten. Mutter fügte folgende höchst mysteriöse Worte hinzu: Wir halten den Körper, diese Erscheinung, für das Wichtigste. Dem gewöhnlichen Bewußtsein erscheint er als das Wichtigste. Er wird sich offensichtlich als Letztes verändern. Und das gewöhnliche Bewußtsein glaubt, daß er sich als Letztes verändern wird, weil er das Wichtigste ist: dies wäre das sicherste Zeichen. Aber das ist es überhaupt nicht! In gar keiner Weise! Die Veränderung im bewusstsein, die bereits stattfand, ist das Wichtigste [die Veränderung der Position in der Zeit]. Alles andere sind Folgen. Wir glauben, erst wenn der Körper sichtbar etwas anderes geworden ist, sagen zu können: “Ja, nun ist es getan!” Aber das stimmt nicht: Es ist getan. Der Körper ist eine zweitrangige Folgeerscheinung.

Diese Worte werfen unzählige Fragen auf. Was ist der so entscheidende und ausschlaggebende Faktor in diesem neuen Zustand oder dieser neuen Position, daß die eigentlichen Bedingungen der Schale belanglos oder zumindest zweitrangig werden? Tritt ihre äußere Transformation – also die Transformation unserer gesamten sichtbaren irdischen Materie – vor etwas anderem gänzlich zurück? Ist die “Transformation” dann nicht… etwas anderes?

Wenn man wüßte, was es ist, dann wäre es bereits getan! sagte Mutter zehn Jahre früher. Vielleicht näherte sie sich nun dem Punkt oder der Position, wo sie zu wissen begann, was es ist.

Ich selber habe nicht die geringste Vorstellung.

Vielleicht wird sie einwilligen, uns den Schlüssel dieses letzten Mysteriums zu geben.

Das Mysterium des Widerspruchs

Auf der klinischen Tafel zeichnete sich weiteres ab – ein wachsendes, zunehmend akutes Paradox: Es ist schwierig. Im Angelsächsischen sagt man: “It is not a joke.” Alles, alles wird gestört, alles wird gestört. Es läßt sich zwar gut ausmachen, daß es sich in richtung einer höheren Organisationsform desorganisiert, aber… Nichts funktioniert mehr wie gewohnt. So kann der Körper keine Nahrung mehr aufnehmen, keine… Es ist ein seltsames Gefühl: Keine Beziehung ist mehr so, wie sie vorher war, keine einzige, weder der Körper zu sich selbst, noch im Umgang mit anderen, nichts… Alles ist vollkommen verschwunden. Weißt du, von Zeit zu Zeit kommt ein Hauch, ein kleines Etwas… Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, das ist bezaubernd. Es handelt sich nicht um ein Vergnügen oder eine Freude, es gleicht… einer Brise, die vorüberzieht und die wirklich etwas Besonderes ist – bezaubernd. Eine Minute später ist es vorbei. Der Körper spürt plötzlich eine friedliche und leuchtende Ruhe – wirklich wunderbar –, eine Minute später hat er überall Schmerzen. Und so geht es mit allem. Eine Identifikation mit allem, die nicht gerade angenehm ist, aber auch nicht unbedingt unangenehm… jedenfalls vermittelt es einen bizarren Eindruck des Lebens. Einen Moment lang hat man den Eindruck, von nichts abzuhängen. Man hat den Eindruck, man wäre der Ausdruck von… wie soll ich sagen? [Mutter lächelte] Ausdruck des Herrn – und von nichts abhängig. Eine Minute danach der Eindruck, daß man absolut nichts ist als eine halbbewußte Regung inmitten allgemeiner Halbbewußtheit – und das ist sehr unangenehm. So geht das die ganze Zeit. In einem gegebenen Moment sind die Dinge so… beinahe abstoßend, daß man schreien möchte – und wenn man sich nicht zusammenreißt, schreit man wirklich –, in einem anderen Augenblick ist alles so friedlich, daß man den Eindruck hat, in eine Ewigkeit einzugehen. Da verstehst du, daß einem nur noch eines bleibt, und zwar sich inmitten von all dem ruhig zu verhalten. Glücklicherweise, sagte Mutter, besteht keine Veranlagung zum Irre-Werden. Dank Mathildes Chromosomen. Das wird begleitet vom Bewußtsein all dessen, was die Leute denken – was sie darüber denken –, allem… Ach, es ist so erbärmlich!

Mutter sagte, daß die Veränderung vollbracht ist, aber es war ebenso offensichtlich, daß etwas noch nicht vollbracht war. Oder doch? Der Widerspruch beschleunigte sich, wenn man so sagen darf, der Übergang vom einen Zustand in den anderen wurde immer kürzer, gleich einer elektrischen Bogenlampe, wo der Funke unaufhörlich über eine Lücke der Dunkelheit springt, abwechselnd auf die eine und die andere Seite, und die Erfahrung schien sie immer wieder in dieselbe Richtung zu drängen, um sie zu zwingen, die Lösung zu finden. Es handelt sich um die Erfahrung einer ganz winzigen Verschiebung, einer winzigen Verschiebung der inneren Haltung, die sich nicht einmal in Worte fassen läßt. Im einen Fall findet man sich in der göttlichen Wonne, und im anderen Fall, während die Dinge genau gleich bleiben, wird es fast zu einer Tortur! Das geschieht andauernd. In manchen Augenblicken würde der Körper vor Schmerz aufschreien, und… mit einer winzigen Veränderung, die sich kaum ausdrücken läßt, wird es zur Wonne. Es wird… es ist etwas anderes, es wird zu dieser außergewöhnlichen Erfahrung des Göttlichen überall. Der Körper geht die ganze Zeit vom einen Zustand in den anderen, gleich einer Gymnastik, einem Bewußtseinskampf zwischen beiden. Alle Schwingungen des Leidens werden gleichsam unterstützt von der Masse des allgemeinen menschlichen Bewußtseins – dies ist das Problem. Etwas, das den Schmerz in der Welt unterstützt, ihn beinahe liebt. Eines Tages (einmal mehr) litt sie unter einer Zahnentzündung, die sie schließlich “verdichten”, zum Stillstand bringen konnte. Nähert jemand sich dem Körper mit dem Gedanken: “Ach! Arme Mutter, wie sie leiden muß…”, kommt der Schmerz sofort wieder! Ja, das war es, sie muß leiden. Die zellulare Ansteckung fand offensichtlich beständig statt. Gleichzeitig begann sich innerhalb des Widerspruchs Schritt für Schritt die Richtung der Lösung abzuzeichnen: Dieser Körper geht vom einen Zustand in den anderen über, und mitunter lebt er beinahe in beiden Zuständen gleichzeitig. Für die gewöhnliche Sichtweise der Dinge (also dem Leben, so wie es ist) vermittelt das die Wahrnehmung einer allgemeinen Tollheit, ohne merkliche Unterscheidung zwischen dem, was die Leute verrückt nennen und was sie vernünftig nennen (die Unterscheidung, die sie treffen, ist wirklich komisch!). All das ist eine Welt von gleichzeitigen Wahrnehmungen, so ist es wirklich unmöglich, das zu beschreiben. Es ist zugleich eine mannigfaltige Erfahrung, aber noch mit der alten unzulänglichen Ausdrucksfähigkeit. Dieser “Übergang” ist jedenfalls die beständige Arbeit: Es gibt keine Gedanken mehr, keine Gefühle, kaum noch Sinnesempfindungen, nur diese Verschiebung, und zwar eine Verschiebung, die völlig anders ist, dabei in vollkommener Reglosigkeit!

Das Phänomen, das sich immer deutlicher abzeichnete, war eine Art zellularer Ewigkeit oder Reglosigkeit mitten im Widerspruch oder sogar als Ergebnis dieses Widerspruchs. Man konnte sich sogar fragen, ob es nicht ein Irrtum war zu denken, es gebe eine Seite des Todes und des Schmerzes sowie die “wahre Seite” der ewigen Wonne – ob es nicht im Gegenteil vielleicht einen anderen Ort gibt, der aus beiden Seiten besteht, einen unerklärlichen dritten Zustand – im Körper, wohlgemerkt, in der Materie: Hier geht es nicht um ätherische Zustände sondern um eine Zahnentzündung oder um einen Körper kurz vor dem Tod oder scheinbar kurz vor dem Tod. Ein Zustand, der dem, was wir als natürlich bezeichnen und was der Welt der Natur oder zumindest der physischen Welt angehört, ganz und gar entgegengesetzt zu sein scheint. Vielleicht eine neue physische Natur? Es ist einleuchtend, daß die physische Natur, welche den Fisch bewegt, und diejenige, welche den Menschen bewegt, sehr verschieden sind, dennoch handelt es sich um dieselbe Natur. Alle Funktionen, die natürlich abliefen, eben in Einklang mit der Natur, sind plötzlich verschwunden, aus! Sie ziehen sich zurück. Dann kommt etwas, das ich das Göttliche nenne (vielleicht nannte es Sri Aurobindo das Supramental, ich weiß es nicht, es ist etwas in dieser Art) und das die Verwirklichung von morgen ist (ich weiß nicht, wie ich es nennen soll). Wenn nun alles völlig gestört ist und wirklich ganz in die falsche Richtung geht, dann willigt Das ein, einzuschreiten. Der Übergang ist nicht angenehm! Mit stechenden Schmerzen, der Unfähigkeit zu essen, der Unfähigkeit… und so weiter. Offensichtlich mußte jemand das durchmachen! Sie schuf den Übergang. Man wußte nicht: den Übergang von was, aus was, in welche Richtung? Kann die Raupe ihren Übergang zum Schmetterling beschreiben? Dabei ist die Raupe noch bequem in ihren Kokon gehüllt – dies aber mit weit geöffneten Augen tun und ohne in einem Winterschlaf zu versinken?… Manchmal versuchte ich, Fragen zu stellen (immer weniger, weil es mir einfach das Herz zerriß), so sehr wollte ich entziffern, was all das zu bedeuten hatte: Aber ich weiß es nicht! rief sie aus… Mein Körper ist dabei, den Transformationsprozeß zu leben. Genau das war es. Er spürt, daß sich eine Transformationsarbeit vollzieht. In manchen Augenblicken hat er den Eindruck, daß es unmöglich ist – daß es unmöglich ist, daß man so nicht existieren kann. Dann kommt in letzter Minute etwas, und es ist… wahrlich eine in der physischen Welt unbekannte Harmonie. Eine Harmonie… Die physische Welt erscheint schrecklich im Vergleich. Die Harmonie dauert aber nicht an. Die Wahrnehmungen werden immer klarer, leuchtender, umfassender. Tatsächlich wie eine neue Welt, die sich zu manifestieren sucht.

Wir sind wohl gehalten zuzugeben, daß wir dies nicht verstehen – das Ziel versteht man, die andere Seite kann man sich vorstellen. Doch den Übergang, das, was den neuen Zustand schafft, den Mechanismus… Es läßt sich einzig beobachten, daß im Augenblick, wo alles völlig gestört ist, “Das einwilligt einzugreifen”. Es leuchtet ein, daß die Raupe sich im Auflösungsprozeß befinden muß, damit etwas vom Schmetterling einwilligt einzugreifen. Es erfordert einen totalen Widerspruch der Raupe. Was geschah in diesem Widerspruch? – Es handelt sich um immer dieselbe Bewegung der Verdichtung oder der “Verewigung” (vielleicht ist das eine Form von Winterschlaf auf der Ebene einer menschlichen Transformation mit offenen Augen). Aber war es allein das – ein Trick, um den Übergang zu bewerkstelligen –, oder war es im Gegenteil schon der neue Zustand? Wir sind besessen vom Gedanken dieses alten Körpers, der – so stellen wir es uns vor – sich “transformieren” soll und der sich tatsächlich sicher transformieren muß, denn er wurde nicht geschaffen, um ein solch altes, erstarrtes und verhärtetes Kleid zu bleiben. Aber sollten sich nicht zuerst die Bedingungen seiner “Atmung” verändern? – Eine physische Atmung, die einen bestimmten Tod oder eine bestimmte Hinfälligkeit bewirkt, und eine andere Art von Atmung, die ein Leben ohne Tod und ohne Hinfälligkeit mit sich bringen würde. Setzt sich diese neue Atmung oder respiratorische Atmosphäre in der physischen Natur durch (wirklich eine andere Atmung als die durch Sauerstoff und Stickstoff), so stellt die Transformation kein Problem mehr dar, sie ergibt sich als “zweitrangige Folgeerscheinung”, wie Mutter sagte, sie vollzieht sich völlig natürlich, langsam aber sicher, innerhalb der Spezies. Das erinnert an die Geschichte des mexikanischen Axolotl, einer merkwürdigen Tierart, halb Wurm, halb Fisch, die blind und farblos in unterirdischen Seen des mexikanischen Hochgebirges lebt und sich dort fortpflanzt, verendet, sich weiter fortpflanzt… seit Jahrhunderten vielleicht, bis eines Tages Wissenschaftler mehrere Musterexemplare sammelten, um ihre Beobachtungen unter Laborbedingungen weiterzuverfolgen. Zur allgemeinen Verblüffung verfärbten sich diese Wasserwürmer unter den veränderten Bedingungen und verwandelten sich in einigen Tagen… in Salamander! – Amblystome genannt –, die sich als solche normal fortpflanzten. Die Wissenschaftler entdeckten folgende außergewöhnliche Tatsache: Das Axolotl war eine Larve, die lebte, sich fortpflanzte und starb, ohne ihren Larvenzustand zu verlassen – veränderte man aber die Lebensbedingungen, so wurde der unerbittliche Kreislauf gebrochen, und die Larve verwandelte sich in ein anderes Wesen, das auf seine Weise lebte und sich fortpflanzte. Die Lebensbedingungen müssen sich verändern. Die Luft muß sich verändern. Dann verändert sich alles. Es gilt, neue respiratorische Lebensbedingungen zu schaffen (beinahe im buchstäblichen Sinne). Vielleicht versuchte sich durch den Zipfel Materie, den Mutter darstellte, genau diese neue Umwelt in der Materie zu öffnen oder zu erschaffen. Es gleicht einer neuen Zusammensetzung der Luft, die für all jene atem- oder aufnehmbar werden müßte, die den erforderlichen Grad der Aspiration erreicht haben – offensichtlich erfordert es eine Aspiration, wenn man atmen will! Eine gewisse Beschaffenheit der Aspiration unter den Menschen sollte ihnen die Tür oder das Fenster zu dieser neuen physischen Luft öffnen. Wohlverstanden ist das keine Physis des Stickstoffs, und doch ist es physisch im Verhältnis zur unterirdischen Luft, welche wir atmen, oder im Verhältnis zum Sauerstoff des Goldfisches, den wir in unserem reichlich trüben Goldfischglas aufnehmen.

War es das, was sich in Mutters Körper zutrug?

Wessen Larven sind wir dann?

War dieser akute, ja schreiende, infernalische Widerspruch nicht gerade das Werkzeug der neuen Seinsweise oder der neuen Atmung? Denn eines Tages im Jahre 1970 bemerkte sie: Es ist sehr interessant geworden. Ich verbrachte die ganze Nacht bei Sri Aurobindo – mit einer Welt von Erklärungen. Er ließ mich eine Vielzahl von Dingen begreifen, ganz und gar unglaubliche Dinge. Eine detaillierte Darstellung des Unterschieds zwischen den beiden Bewußtseinsarten. Er erklärte mir unter anderem in einer gänzlich praktischen und positiven Weise, was genau der Grund aller Krankheiten, Störungen, Streitigkeiten hier in der materiellen Welt ist: Zwei Bewegungen sind gleichlaufend – bei der einen handelt es sich um die Bewegung der Dauer (man kann sie als das Prinzip der Stabilität oder Beständigkeit bezeichnen), und die andere ist die Bewegung der Transformation –, beide Bewegungen bilden im Urbewußtsein eine einzige Bewegung, sie stehen nicht in gegenseitigem Widerspruch, und mir wurde gezeigt, wie sie hier getrennt sind, und daß eben daraus die Ursache des Todes stammt. Sie können keine Eintracht finden, sie verstehen nicht, sich zu vereinen (sie könnten es wohl, aber sie schaffen es nicht). Das eine ist die Bewegung der Transformation, das andere die Bewegung der Beständigkeit… Das heißt in gewisser Weise die Ewigkeit und das Werden, die Bewegung des Fortschritts und die Reglosigkeit. Sind sie nicht einträchtig und dort, wo es sein sollte, so erzeugt das einen Bruch im Gleichgewicht, und das betroffene Wesen stirbt – die Dinge sterben, und alles stirbt aus diesem Grund. Das ist so einfach, so einleuchtend, wenn man einmal die Erfahrung hat!… Es läßt sich beinahe sagen: Fänden beide ihr Gleichgewicht gleichzeitigen Daseins, so würde dies das Göttliche wiederherstellen. Es liegt in uns, jedoch nicht in Einklang.

Wieder finden wir uns in Gegenwart der supramentalen zellularen Zeit, welche vollkommene Reglosigkeit mit blitzartiger Geschwindigkeit verbindet. Dieser körperliche, physische Zustand, diese “Atmosphäre” suchte sich auf dauerhafte Weise in Mutters Körper heranzubilden durch und gerade wegen den akuten Widersprüchen, die sie mit jedem Augenblick in den Tod zu stürzen drohten. Darin bestand die andere Atmung.

Eines Tages enthüllte sich das Mysterium des Widerspruchs (den wir für den Übergang in den “anderen Zustand”, die andere oder “selige” Seite hielten) oder schien sich zu enthüllen (?) als genau die Bedingung oder der Ort des neuen Zustands – es gibt keine andere Seite! Denn ich beklagte mich bei Mutter, daß meine eigene Erfahrung psychologisch dem zu folgen schien, was sie körperlich durchlebte: “Je weiter ich komme, desto mehr werde ich der Widersprüche in mir selbst gewahr – akuter Widersprüche. Man hat den Eindruck, daß es sich um Unmöglichkeiten handelt.” Sie antwortete: Nein, es sind keine Unmöglichkeiten. Es kann nur bedeuten, daß du höher oder tiefer gehen mußt, bis zu dem Ort, wo die Verbindung entsteht. Die Widersprüche werden immer gewaltsamer, bis man die Stelle findet, wo sie… wo die Vereinigung geschehen kann. Man muß immer tiefer gehen oder immer höher (beides ist dasselbe). All unsere alten Verständnisarten taugen nichts mehr – überhaupt nichts. All unsere Werte taugen nichts mehr. Wir stehen an der Schwelle von etwas Herrlichem, aber… wir wissen es nicht zu bewahren. Ich hatte niemals, niemals einen so starken Eindruck, nichts zu wissen, nichts zu vermögen… einfach eine Ansammlung von entsetzlichen Widersprüchen zu sein, und ich weiss, ich weiß (wortlos, tief im Innern): Das liegt daran, daß ich noch nicht den Ort finden konnte, wo dies… seinen Einklang und seine Einheit erreicht. Es ist seltsam, beinahe gleichzeitig eine Tortur und eine Wonne.

Gewiß ein neuer Zustand: weder Wonne noch Tortur, weder Wohl noch Übel, weder Leben noch Tod… etwas anderes…, welches all das umfaßt und eine neue Substanz schafft, ein neues Wesen, eine neue Luft. All unsere Raupen-Werte – seien sie medizinisch, spirituell, moralisch, legal oder wissenschaftlich – taugen nichts, weil sie allein die eigene Sache darstellen, aufgeblasen und geschönt. Selbst unsere Vorstellung der Transformation ist vielleicht nur eine menschliche Vorstellung… Es gibt eine andere Luft. Eine andere Umwelt und Atmosphäre. Und es gibt einen Ort, wo alles zusammentrifft. Wir tragen all die Widersprüche in uns, die notwendig sind, um diesen Ort zu erreichen. Und Mutter desgleichen.

Würde sie den Ort im Körper erreichen, wo die Widersprüche der Erde sich versöhnen – wo das Leben und der Tod sich versöhnen? Oder eher, wo sie sich verbinden und in etwas anderem, dem gesuchten dritten Zustand verschmelzen. Ein Zustand, wo die Transformation kein individueller Kraftakt mehr wäre sondern die natürliche Konsequenz einer bestimmten Weise des Seins und Atmens. Gleich dem Axolotl in seinem neuen Milieu. Vierzig Jahre früher, 1930, sagte Mutter: Die wahre Bewußtseinsveränderung ist diejenige, welche die physischen Bedingungen der Welt verändern wird.15

Die Kohleschicht

Dann folgten die schweren Schläge.

Wahrlich eine wütende Zerstörung.

Ganz als würde der Übergang durch ihren eigenen Körper gegraben.

Der erste Schlag kam im August 1970, als ihre persönliche Gehilfin, die ihr so lange Jahre treu gedient hatte, ihre Arbeit aufgeben mußte. Bereits ein Jahr früher hatte sie ihren lächelnden Kämmerer Amrita verloren, dann Pavitra, ihren Generalsekretär, einen der wenigen lauteren und vertrauenswürdigen Menschen um sie. Sie fand sich der Meute gegenüber zunehmend allein. Einen Monat lang in diesen August-Tagen kämpfte sie mit dem Tod. Einmal mehr wiederholten sich die großen Wenden von 1962 und 1968: Die Erfahrung des Körpers, der sich selbst überlassen ist… Immer ist es der Körper, der die Lösung finden muß. Jedesmal wurde ihm das genommen, was er mittlerweile erworben hatte. Sie mußte an den Ort gehen, wo die Dinge vollbracht werden. Ich höre noch ihre atemlose Stimme (die Lungen waren angegriffen, sie hustete ohne Unterlaß): Wenn ich mich erinnern könnte, wenn das vorbei ist, würde ich wahrlich etwas Interessantes zu berichten haben. Nur weiß ich nicht, ob ich mich erinnern werde… Und einige Tage später: Dieser kleine Körper ist nur wie ein Punkt. Er hat aber das Gefühl, Ausdruck einer ungeheuren Macht zu sein, während er äußerlich keinerlei Fähigkeit hat, keine Ausdrucksmöglichkeit, nichts, das heißt er ist ziemlich elend. Und trotzdem ist er wie eine Verdichtung einer ungeheuren Macht! Mitunter hat er sogar Schwierigkeiten, sie auszuhalten, verstehst du? Alle Erfahrungen sind wie verhundertfacht… Dann tun mir die Beine weh. Tag ein Tag aus hat man keine Gelegenheit, sich auszuruhen. Das ist das Problem… Würde ich mich gehen lassen, müßte ich schreien… Es ist schrecklich… In jener Nacht sagte ich mir: So ist also die Hölle! Es ist schrecklich, wirklich schrecklich. Ich verstehe nicht, warum ich das durchmachen muß… Denn, verstehst du, da war der Tod keine Lösung mehr. Das war fürchterlich. Sie berührte den kritischen Punkt – den Punkt, wo der Tod keine Lösung mehr war. Denn es gab tatsächlich keinen Tod mehr in ihrem Körper, kein Vergessen mehr, kein “Man schließt die Augen und macht sich aus dem Staub” – aus dem Staub wohin? Sie war voll bewußt, jede Zelle ihres Körpers war voll bewußt, es gab keine “andere Seite” der Vergessenheit mehr, nirgends wohin man davor flüchten könnte. Kann das jemand verstehen?… Es ist so fürchterlich, daß ich versucht bin zu sagen: Bete für mich.

Herr…

Ein Schüler mit einer bemerkenswerten visionären Gabe sah im gleichen Augenblick folgendes, das ich notierte: “Mutter ging immer tiefer hinab, sie sank immer tiefer in die Erde, schließlich war sie ganz und gar wie von einer Kohleschicht bedeckt. Unmittelbar um sie herum war Licht, aber der Faden, der sie mit ihrem Ursprung verband, war extrem dünn: ein hauchdünner Faden, der diese Kohleschicht durchquerte. Mitunter wurde die Verbindung unterbrochen – der Faden verschwand –, und Mutter geriet in Schwierigkeiten.” Sie erreichte die Wurzel des Todes. Die drastische Erstickung. Und gleichzeitig diese ungeheure, fast erdrückende Macht, die man in ihrer Nähe spürte und die um so gewaltiger zu werden schien im Maße, wie ihr Körper zunichte wurde. Ich hatte den Eindruck, ich wäre alle Schmerzen der Welt, zusammen empfunden. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Das Gefühl des Erdrücktwerdens ist noch nicht verschwunden. Wie etwas, das einen am freien Atmen hindert. Dann hatte ich das Bewußtsein von allem, was Sri Aurobindo physisch erlitt, das war entsetzlich. Das auszuhalten, war eines der schwierigsten Dinge [Mutter hatte die Augen voller Tränen]… Unsere Unbewußtheit gegenüber dieser physischen Tortur, die er aushalten mußte, war eins der schwierigsten Dinge. Sri Aurobindo hatte denselben Ort erreicht, dort, inmitten von all den widerspenstigen Axolotl. Nun verstand sie. Man hatte ihn “gepflegt”, wie es in den medizinischen Handbüchern stand. “Aber diese Schmerzen der Erde”, fragte ich Mutter, “bestehen sie nicht, damit sie auch dort ganz auf dem Grunde das höchste Bewußtsein ruft?” – Ja, gewiß! Das sage ich mir auch und versuche, das zu finden. Es gibt etwas zu finden… Sie hielt inne, schwer atmend, als sei sie am Ersticken: Das ist es, es gibt einen Ort einer so grauenhaften Bedrängnis… Das ist es, und sie ist andauernd. Das liegt hier [Mutter bezeichnete einen Balken über ihrer Brust]. Und es besteht etwas wie ein Verbot, mich zu exteriorisieren… Sie konnte ihren Körper nicht mehr verlassen. Als müsse ich unbedingt etwas finden. – “Wir werden siegen, Mutter!” – Ja. Verstehst du, daß es gewonnen werden wird, dessen bin ich mir absolut sicher, aber… ist der Augenblick gekommen? Das frage ich mich, und dieser Zweifel ist eine Tortur.

Schließlich kam sie wieder auf die Beine. Sie schritt wieder in ihrem Zimmer auf und ab, unbezähmbar, der Husten verging… die Invasion der Leute setzte wieder ein. Hätte ich die Welt durch diese Schreckenstage klären können, dann würde es mir nichts ausmachen, es wäre egal.

Aber sie hatte das “Etwas” noch nicht gefunden.

Fünf Monate später – gerade genug für eine Atempause – kam der nächste Schlag, und wenn das überhaupt möglich ist, war er noch stärker als der erste. Der Ort der Veränderung mußte wohl oder übel bezwungen werden. Diesmal war es eine Lähmung des linken Beins (eine Blutstockung, wie es schien). Ich sah sie eineinhalb Monate später: Was mich hier festnagelt, ist die Lähmung des Beins, des unteren Teils vom Knie bis zur Ferse. Das ist idiotisch, man kann nichts mehr machen!… Allmählich geht es jetzt wieder besser. Eine Zeitlang war es total: eiskalt. Keinerlei Blutzirkulation. Aber es war nicht bloß eine harmlose Lähmung. Mindestens drei Wochen lang war es ein andauernder Schmerz, Tag und Nacht, vierundzwanzig Stunden am Tag, ohne Unterlaß: ein Gefühl, als würde einem alles ausgerissen… Das rechte Bein wäre fast auch davon erfaßt worden, aber am Tag, als das passierte, habe ich mich fürchterlich konzentriert, bin lange auf und ab gegangen, um zu verhindern, daß es auch in Mitleidenschaft gezogen würde… Bis zum Ende ging sie. Ich war kaum mehr als ein einziger Schrei die ganze Zeit über. Das hat lange gedauert. Mehrere Wochen. Ich habe sie nicht gezählt. Schließlich wurde es dann von Augenblicken der Ruhe unterbrochen, in denen sich das Bein nicht mehr bemerkbar machte. Und erst seit zwei oder drei Tagen gibt es den Eindruck, als käme es wieder in Ordnung. Es war so… es war das ganze Problem der Welt! Eine Welt, die nur noch Leiden und Schmerz war, mit einem großen Fragezeichen: Warum?… Ich versuchte alle bekannten Mittel: den Schmerz in Wonne zu verwandeln, die Fähigkeit der Schmerzempfindung zu unterbinden, sich mit etwas anderem beschäftigen… Ich versuchte es mit allen “Tricks” – keiner hat geholfen. Etwas in der gegenwärtigen physischen Welt ist noch nicht offen für die göttliche Schwingung, und das verursacht sämtliche Übel. Das göttliche Bewußtsein wird nicht wahrgenommen. Da sind Unmengen von eingebildeten Dingen (die allerdings sehr real sind, während man sie spürt), aber Das, die einzig wahre Sache, wird nicht wahrgenommen. Hier erreichen wir den kritischen Punkt, als wäre all der so konkrete Schmerz der Welt (eine Lähmung ist weder “unschuldig” noch eingebildet) allein das Ergebnis eines falschen Bewußtseins der Materie oder in der Materie. Das ist von höchster Bedeutung, weil sich ein Bewußtsein verändern kann. Man mag denken, daß der Tod sich nicht verändert, daß sich Krebs oder eine Lähmung nicht verändern, ein Bewußtsein jedoch kann sich verändern.

Wir müssen ein Bewußtsein in der Materie verändern.

Wir müssen eine Schwingungsart in der Materie verändern.

Es gibt eine wahre Schwingung, die alles verändert – den Tod eingeschlossen.

Würde ein bewußtes Axolotl, das mit einer visionären Gabe ausgestattet ist, sich nicht sagen, daß seine unterirdische Umgebung eine falsche Umgebung ist, eine wirkliche Unwirklichkeit? Eine undurchsichtige Illusion? Der einzige Unterschied wäre, daß im vorliegenden Falle die wahre Umgebung bereits besteht. Man befindet sich bereits mitten darin. Sie ist hier.

Ein Jahr früher, 1969, hatte Mutter eine entsprechende Erfahrung, die ich damals noch nicht richtig verstand – mit denselben Bedingungen der physischen Zersetzung und des Schmerzes wie 1970. Inmitten der Zersetzung und des Leidens kam plötzlich ein Licht, “etwas”, und alles veränderte sich physisch. Als existierte all dieser Schmerz nicht. Eine körperliche Wiederholung der buddhistischen Erfahrung der Illusion – nur anstatt sie oben im Bewußtsein aufzulösen, während der Körper unten weiter leidet, wird sie hier im Körper aufgelöst. Im Körper selbst gilt es, eine Illusion zu zerstören. Niemals, niemals im gesamten Dasein des Körpers, sagte Mutter, kein einziges Mal spürte er einen so totalen, so tiefen Schmerz wie an diesem Tag, ach!… etwas… Wir wissen es ja: Trennung, Bosheit, Grausamkeit, Leiden und dann die ganze Krankheit, der Zerfall, der Tod – die Zerstörung (all das ist Teil derselben Sache). Meine Erfahrung war jetzt die unwirklichkeit dieser Dinge… Man hat den Eindruck, als hätte man eine unwirkliche Falschheit betreten, und daß alles verschwindet, sobald man sie verläßt – das existiert nicht, das gibt es gar nicht. Das ist das Erschreckende: daß all das, was für uns so real, so konkret, so entsetzlich ist, gar nicht existiert… Wir sind in die Falschheit geraten. Warum? Weshalb? Wozu?… Und am Ende von all dem steht die Seligkeit. Pffft… verschwand all das. Als existierte all das, was so schrecklich ist, gar nicht. Etwas im Körper, was das Übel, den Tod, die Zerstörung verunwirklicht. All die Mittel, setzte Mutter hinzu, die man künstlich nennen könnte, einschließlich des Nirvanas, all die Mittel der Ausflucht taugen nichts. Angefangen mit dem Toren, der sich tötet, um seinem Leben “ein Ende zu bereiten” – von allen Torheiten ist das wirklich die größte –, von da bis zum Nirvana (wo man sich einbildet, allem “entgehen” zu können), all das taugt nichts. Das sind verschiedene Stadien, aber sie taugen alle nichts. Danach, wenn man all das hinter sich gelassen hat, im Augenblick, wo man wahrlich den Eindruck einer unaufhörlichen Hölle hat, ist plötzlich… das ist nichts als ein Bewußtseinszustand – plötzlich entsteht ein Bewußtseinszustand, in dem alles Licht, Pracht, Schönheit, Glück, Güte ist. Einfach so: Hier, da ist es. Pffft! Es zeigt sich, und hopp! ist es verschwunden… Mutter fragte sich: Ist das der Hebel?… Ich weiß es nicht. Aber die erlösung ist physisch – sie ist überhaupt nicht mental, sondern physisch. Ich will damit sagen, daß es keine Ausflucht ist: sie liegt hier. Es gibt nur einen Ausweg aus all dem, einen einzigen – es gibt keine zwei, es besteht keine Wahl, keine verschiedenen Möglichkeiten, einzig eine: die höchste Pforte. Das Wunder aller Wunder. Alles übrige… alles übrige ist unmöglich. Das ist nicht einmal verschleiert oder versteckt oder sonst etwas: Es ist hier. Warum? Was in all dem entzieht einem die Macht, Das zu leben? Ich weiß es nicht. Es ist hier. Es ist hier. Alles übrige, einschließlich des Todes und allem anderen wird wirklich zur Lüge, zur Falschheit, das heißt, etwas, das nicht existiert.

Ein anderer Lebensraum, wo all das nicht existiert.

Mutter erreichte den kritischen Punkt: den Knoten der Falschheit und des Schmerzes, die Kohleschicht. Den absoluten Widerspruch. Die Erstickung des Axolotl. Und genau darin kam plötzlich etwas… eine Wonne, ein Wunder, der Hebel. Etwas, das sich in der Schwingung der Materie verändert und das alles verändert – den Tod eingeschlossen: den alten Kreislauf des Axolotl.

Eine ungeheure Veränderung ist eingetreten, bemerkte Mutter nach den Schreckenstagen der Jahre 1970 und 1971, aber man kann nichts darüber sagen… Der ganze Körper ist in keiner Weise mehr derselbe, er scheint wirklich auf ein anderes Bewußtsein vorbereitet worden zu sein, denn manche Dinge… Seine Reaktionen sind jetzt vollkommen anders, seine Einstellung ist anders. Ich hatte ein Stadium völliger Gleichgültigkeit durchgemacht, wo die Welt keinerlei Rolle mehr spielte, nichts mehr bedeutete. Daraus ging dann sehr allmählich etwas wie eine neue Wahrnehmung hervor… Aber das ist noch im Werden begriffen. Mir ist jedoch aufgefallen, wie all die vermeintlichen Katastrophen oder Mißgeschicke oder Unglücksfälle oder Schwierigkeiten, wie all das genau wie gerufen kommt, um einem zu helfen, genau wie es nötig ist, um einem zu helfen. Verstehst du, alles, was in der physischen Natur noch der alten Welt und ihren alten Gewohnheiten und Verfahrens- und Seinsarten, ihren Handlungsweisen angehörte, all das konnte nicht anders gehandhabt werden als durch die Krankheit… Ich kann nicht sagen, es wäre nicht interessant gewesen! Das ist typisch Mutter: Sie studierte das Phänomen. Nach einem langen Schweigen, während sie gerade vor sich schaute, bemerkte sie plötzlich: Die Welt befindet sich in einem entsetzlichen Zustand. Auch sie steckt tief in der Kohleschicht. “Dennoch”, wandte ich ein, “habe ich noch nie so sehr gespürt, daß es jetzt wirklich nahe ist, sehr nahe!” – Ja, ja, sehr nahe!… Ich denke, daß vom allgemeinen Standpunkt etwas erreicht worden ist. Es war nicht nur die Schwierigkeit eines Körpers oder einer Person. Ich glaube, etwas ist vollbracht worden, um die Materie auf die nötige Empfänglichkeit vorzubereiten… Das wird kommen. Ich weiß nicht, ob es Monate oder Jahre dauern wird, bis sich das zeigt.

Stückchen für Stückchen wurde die Sache klar.

In ihrem Körper wurde ein neuer Übergang gemeißelt.

Oder ein neuer Zustand.

Ein Bewußtseinszustand, der die physische Welt und die physische Natur verwandelt – der den ewigen Widerspruch zwischen Leben und Tod, Schmerz und Wonne, Himmelsflucht oder Flucht ins Nirvana und der verfaulenden Erde löst. Wahrlich eine neue Evolution!

Die Erlösung ist physisch.

Somit ist es einleuchtend, daß, wenn dies gefunden ist, die physische Transformation eine natürliche und spontane Folge sein wird, wie der Amblystom die natürliche und spontane Folge eines kleinen Axolotl ist, das aus seiner dichten Schicht von schwarzem Schlick erwacht.

16. Kapitel: Das Über-Leben

Dieses Buch ist eine Herausforderung, Mutters gesamtes Unternehmen ist eine Herausforderung, und Sri Aurobindos Schweigen war zweifelsohne eine große Weisheit, aber was soll’s? Wir versuchen es dennoch. Dies ist unsere eigene Herausforderung, und wir werden nicht aufhören, uns über dieses Stammeln einer anderen Welt den Kopf zu zerbrechen, und wir kämpfen mit Mutters Urwald, so wie sie selbst mit dem Unbekannten kämpfte. Alle Geheimnisse liegen hier offen, lediglich noch namenlos – welche Formel könnte auch ein Amazonien einsperren? –, aber man kann dennoch darin forschen, sich darin verlieren, in alle Richtungen gehen, und alles ist voller Bedeutung. In Mutters Nähe hatte man stets den Eindruck, sie wandle mit einem immerwährenden Sesam-öffne-dich – jedes Ding hatte seinen Sesam, selbst die unbedeutendste Dummheit, alles war ein ewiger Sesam. Die große Pforte kann sich auf gleich welcher Seite, gleich welcher Zeile dieser Agenda öffnen. Mentales Verständnis tut nicht not, ist vielleicht nicht einmal wirklich notwendig, aber diese kleine direkte Schwingung gilt es zu packen, die alle Erscheinungen durchzieht und ein neue Welt eröffnet, einer Kaskade jähen Lachens gleicht inmitten hoffnungsloser Gemeinplätze und finsterster Widersprüche.

Wir verstehen nicht zu lesen, was da ist, gänzlich hier.

Mutter ist wahrlich diejenige, die ent-deckt.

Sie packte jeden Augenblick ihres Lebens, jeden Umstand, um zu ent-decken. Bis ans Ende. Niemals gab sie den Dingen einen endgültigen Sinn, denn der Sinn bestand darin, voranzuschreiten. Nichts war jemals gewonnen, fixiert: es gab immer den nächsten Schritt. Sie schritt seltsam auf nichts zu, um das Etwas mit jedem Schritt entspringen zu lassen. So war es lebendig, gänzlich neu, glich fortwährendem Dynamit innerhalb unserer alten Kruste.

Was würde sie nun in die Luft jagen?

Nein, sie wird kein Evangelium hinterlassen, kein System, nichts, auf dem man fest treten könnte, dafür aber ich weiß nicht welches entschiedene Loch im Panzer der irdischen Seh- und Lebensgewohnheiten, und ein Sesam, das allein darauf wartet, daß man es wahrnimmt.

Alle Evolution führt zu diesem letzten Sesam der Materie.

Zwei Zustände der Materie

Ein Loch ist offensichtlich nicht logisch, es geht nicht mehr so weiter wie vorher. Mutter hatte nicht die leiseste Ahnung, wohin sie ihren Fuß als nächstes setzen würde – und wir auch nicht. So ist es das Beste, die “klinische Tafel” fortzusetzen, in der Hoffnung, daß sich ein zusammenhängendes Muster ergeben möge. Nach den schrecklichen Tagen hatte es wohl eine Geburt gegeben, aber eine Geburt von was? Darüber läßt sich nichts sagen, meinte sie – man versteht den Lotos-Samen erst, nachdem er zur Blüte gekommen ist. Die zukünftige Welt wird Mutter sehr wohl verstehen. Ich befinde mich in einem Zustand, wo man nichts weiß, das ist alles. So ist meine einzige Zuflucht, mich in das Göttliche zu schmiegen. Verstehst du, wie wenn ich… Du sein, das ist alles. Tue mit mir, was Du willst, das ist alles.… Es gleicht einer Gratwanderung, und der kleinste Fehltritt stürzt einen in den Abgrund. Alles erscheint anders, alle… alles erscheint anders. Die Beschaffenheit der Beziehungen zu den anderen verändert sich, alles verändert sich, aber zu was? Als wäre man auf der Kippe, an der Schwelle oder… im Gleichgewicht – eine ungeheure Macht (ich habe ständig Beispiele dafür) und gleichzeitig eine ungeheure Ohnmacht. Weißt du, als hinge man zwischen dem Wunderbarsten und dem Abscheulichsten. Ich weiß nicht. Es ist besser, nicht darüber zu sprechen. Ich weiß nicht einmal, wohin ich gehe – zur Transformation oder dem Ende entgegen. Sie würde es niemals wissen. Es wird mir nicht gesagt. Was bedeutete Transformation überhaupt? Da war das abscheuliche Alte, und dann… Es war das Nichts zwischen beiden. Oder etwas so Neuartiges, daß es vollkommen unkenntlich war – könnte man es erkennen, wäre es nicht mehr neu! Es ist immer dasselbe: Man braucht viel Zeit, um zu erkennen, was da ist. Unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen hat der Körper eine gewisse feste Basis, die dazu führt, daß er sich nicht unwohl fühlt und daß er mit etwas ganz anderem beschäftigt sein kann, dabei aber neutral bleibt. Man bemerkt seine Existenz nicht, er bedarf keiner andauernden Aufmerksamkeit, um sozusagen in diesem günstigen Zustand zu bleiben. Das Instrument funktioniert von selbst. In meinem gegenwärtigen Zustand aber wird dem Körper augenblicklich sehr elend, sobald sich seine Aufmerksamkeit nicht voll auf das Göttliche stützt. Das ist es: Sobald er nicht mehr aktiv konzentriert ist, fühlt er sich vollkommen elend. Dann wird es schrecklich. Das “Göttliche” war konkret der andere Zustand, der andere Automatismus, der diesen Körper auf eher wunderbare Weise fortschreiten und aushalten ließ, ihn atmen ließ. Vergaß oder verließ er diesen Zustand auch nur eine Sekunde, so glich es einem augenblicklichen Ersticken – wohlverstanden, denn die alten Gesetze waren außer Kraft gesetzt. Die Rückkehr in den Käfig bedeutete augenblicklich das Inkrafttreten des Todesgesetzes. Und doch steckte sie voll und ganz darin…, ohne darin zu sein. Gleichzeitig in der alten Welt und in der neuen. Mit einem Bein hier, mit dem anderen dort. Folter und Wonne, Leben und Tod. Ich weiß nicht, ob ihm das eigen ist, aber die Atmosphäre ist voll von den absurdesten Eingebungen [panisches, katastrophales Denken überall, andauernd bis zum Ende], und all das verschwindet erst, wenn er sich aktiv konzentriert… Die Luft war wahrlich vergiftet, es handelte sich um die Kohleschicht in fortwährender Dosis. So bestanden Ersticken und leichtes Atmen, Leben und Tod Seite an Seite mit jedem Atemzug. Läßt sich das verstehen? Jeden Augenblick, jede Sekunde mußte die Luft der alten Spezies in Luft der neuen Spezies verwandelt werden – oder man starb, hob endgültig ab in alle Seligkeiten, nur weg aus dieser verratzten Geschichte. … Ich weiß nicht, ob dies eine Eigenart meines Körpers ist oder ob es für alle anderen Körper auch gilt. Natürlich ist er sich sehr bewußt, daß er sich in der Übergangszeit befindet, aber… es ist sehr schwierig. Vielleicht schuf sie mit ihrer Atemlosigkeit eine andere “Luft”, eine Luft für all diejenigen, die auch am Ersticken sind. … Von Zeit zu Zeit zeigt sich für einige Sekunden… vielleicht ein “Muster” von dem, was sein soll, was sein wird (wann? ich weiß es nicht), aber es dauert nur einige Sekunden. Das ist herrlich. Nur… Es ist ein sehr seltsamer Eindruck, als befände man sich… am Rande – aber am Rand von was? Ich weiß es nicht.

Alles war anders. Nicht allein, daß ihr Körper nicht mehr entsprechend der gewohnten Art atmete, sich nicht mehr nach den gewohnten Gesetzen bewegte, wie zwischen zwei verschiedenen Luftarten oder Seinsarten schwebte, die doch beide physisch waren, weil es sich um einen Körper handelte – eine sterbliche Physis und eine andere Physis, von der man nicht wußte, was sie war, außer daß hier die wahre Atmung war, die Atmung, die nicht erstickte, der Automatismus, der die genaue Bewegung erlaubte und der ohne Stöße funktionierte, eben “das”, was es ermöglichte, daß “es immer fortdauerte” –, sondern auch ihre Wahrnehmung der Welt war eine andere. Man könnte sagen oder denken, daß sie in einer anderen Welt lebte oder schaute; aber das war ja das Mysterium: Es handelte sich so wenig um eine nicht-physische Welt, wie es sich um nicht-physische Gesetze handelte. Es war dieselbe physische Welt, nur anders gesehen und gelebt, als gäbe es eine andere Kategorie physischer Gesetze, eine andere Kategorie physischer Sicht, eine andere Kategorie des Daseins, eines im anderen. Vielleicht versuchte hier die nächste Welt und die nächste Spezies zu erscheinen, noch halb verschleiert durch die Rückstände der alten Art. Wie ein Zwischenstadium zwischen Raupe und Schmetterling: Manchmal war es noch die Raupe, manchmal der Schmetterling – sowohl Schmetterling als auch Raupe sind jedoch physisch. Das ist merkwürdig, es macht den Eindruck, vollkommen gleich zu sein, und doch wird es ganz anders, sagte sie… Ich bin beim Essen, und plötzlich verschwindet alles aus dem Bewußtsein. Erst lange danach merke ich dann plötzlich, daß ich da sitze – mit dem Löffel in der Hand mitten in der Luft… Das ist nicht sehr praktisch! – “Was passiert denn in der Zeit, wo du so abwesend bist?” fragte ich sie. – Ach! Das ist sehr interessant. Dabei bin ich nicht “abwesend”, verstehst du… Ich befinde mich überhaupt nicht in Trance: Ich bin vollkommen wach und sehr tätig. Ich nehme Dinge wahr, tue Dinge, spreche mit Leuten, ich… das geht die ganze Zeit über. Aber ich vergesse – ich vergesse das “materielle” Leben. Dann erinnert man mich plötzlich daran. Ich verlasse das materielle Leben nicht, aber… es erscheint anders. Und Mutter blickte versonnen in die Ferne: Ich glaube wirklich, daß die physische Welt dabei ist, sich zu verändern. Man wird sich wahrscheinlich erst in einigen hundert Jahren darüber klar werden, denn es wird lange dauern, bis es für das gewöhnliche Bewußtsein sichtbar wird. Aber es ist die Berührung [Mutter griff in die Luft, die Atmosphäre um sich herum], als wäre sie… aus etwas anderem gemacht. Die Welt der Schmetterlinge begann zu erscheinen oder vielleicht eine Luft, die es der nächsten Spezies gestatten würde zu atmen – die vielleicht schon die nächste Art vorbereitete, so daß wir sie bereits ohne unser Wissen einatmen. So gewöhnen sich unsere Zellen durch diese Luft langsam an eine andere Art zu sein, zu atmen und zu sehen. Eine langsame, unsichtbare Transformation. Mit einem Lächeln fügte sie hinzu: Von Zeit zu Zeit sagt mir etwas: Nichts sagen, nichts sagen! Daß ich nur den Mund halte, weil die Leute hier sonst denken, ich habe nicht mehr alle Tassen im Schrank. Doch ich beharrte und fragte weiter: “Nicht nur die Sichtweise der physischen Welt verändert sich also, sondern die eigentliche Beschaffenheit der Substanz?” – Aber ja! Es geht nicht um die Sehweise, überhaupt nicht. Ich weiß nicht… Das ist seltsam. Es ist physisch, das ist gerade das Außerordentliche! Ich hatte die Angewohnheit, mich in einen inneren Seinszustand zurückzuziehen (ich kenne sie alle und hatte diese Erfahrung, ich hatte ein bewußtes Leben), aber all das ist vorbei, es ist vorbei. Es ist so, als würde sich das Physische verdoppeln.

Es bestehen zwei Welten, eine in der anderen.

Zwei Ebenen physischer Wirklichkeit.

Da läßt sich fragen, wer oder was diese andere Vision hat, diese andere Wahrnehmung der anderen physischen Wirklichkeit, denn es könnte ja auch einfach eine andere “Art zu sehen” sein, wie der Visionär eine andere Art zu sehen hat oder sogar wie ein Wesen einer anderen Spezies eine andere Art zu sehen hat, wie der Schmetterling und die Raupe. Das Seltsame in diesem Falle ist, daß sich der Schmetterling im Körper der Raupe befand. Es handelte sich nicht um eine neue Spezies, die anders sieht, keine höhere Vision von Mutter, sondern der Körper, die Zellen des Körpers, das eigentliche materielle Bewußtsein sah die Materie auf eine andere Art, lebte sie auf eine andere Art. Es lag nicht außerhalb der Materie, in einer anderen Art von Materie: es handelte sich um die Materie selbst. Denn eines Tages machte Mutter diese wirklich erleuchtende Bemerkung: Für das körperliche Bewußtsein, das bewußt bleibt, wenn der Körper schläft, ist die Welt, so wie sie ist (äußerlich und oberflächlich betrachtet), finster und schmutzig – für dieses Bewußtsein ist sie immer so. Das heißt, es gibt immer einen Halbschatten – man kann kaum etwas wahrnehmen – und den Morast. Das ist keine Meinung, keine Empfindung sondern eine materielle tatsache. Folglich ist dieses körperliche Bewußtsein sich bereits einer Welt bewußt…, die nicht mehr denselben Gesetzen unterworfen sein wird. Das Bewußtsein der Materie, des Körpers, das nicht durch die mentale Kruste und die äußeren Sinnesorgane verschleiert ist, die den Gesetzen des Mentals unterworfen sind – dieses Bewußtsein, das im Körper besteht, wenn alles andere schläft und die äußeren Organe ausgeschaltet, geschlossen oder blind gemacht sind, dieses Bewußtsein, das beinahe wie das eines Für-die-Welt-Toten ist –, sieht und nimmt die Welt auf andere Weise wahr, und es sieht nicht allein unterschiedlich, sondern es ist auch anderen physischen Gesetzen unterworfen, welche wir nie Gelegenheit haben kennenzulernen, es sei denn im Hypnose-Zustand oder anderen außernormalen Zuständen, denn sie sind uns durch unseren gesamten mentalen Überbau verschleiert. Auf der zellularen Ebene, auf der Mutter lebte, sah sie die materielle Welt anders, und entsprechend dieser Ebene lebte ihr Körper nach anderen Gesetzen, die für einen Körper, der von Alter, Herzattacken und dem Ansturm der Welt bedrängt wird, wunderbar erscheinen müssen.

“Als würde sich das Physische verdoppeln”: das alte Physische der mentalen Welt, der mentalen Sichtweise, der mentalen Gesetze und das andere. Nun versteht man auch ihr seltsames Hin und Her zwischen all dem, was sie an die Oberfläche zu zerren versuchte, sie an der Oberfläche erstickte, das für sie einem Sterben glich, und dem anderen zellularen Zustand. Jede Minute die Wahl: Willst du das Leben, willst du den Tod – willst du das Leben, willst du den Tod… Als könnte er jede Minute sterben und würde jede Minute wunderbarerweise gerettet. Das ist außerordentlich. Außerordentlich! Es wird begleitet von der ständigen Wahrnehmung des Weltgeschehens, als wäre alles… als gäbe es eine Verbindung – eine Verbindung.

Eine universelle Ebene der Zellen.

Zwei Zustände der Materie.

Wir hätten gern mehr über diesen anderen Zustand gewußt. Wie ist er, wie tritt er ein? Sie antwortete mit ihrer leisen, klaren Stimme, langsam und tastend, als müßten die Worte Schichten über Schichten durchqueren, um sich dann in kleinen Tropfen wie am Ende eines Stalagtiten zu kristallisieren: Wenn ich so verharre… ganz still…, organisiert sich nach einer bestimmten Zeit eine ganze Welt von Dingen, aber… es ist eine andere Art von Wirklichkeit, eine… konkretere Wirklichkeit. In welcher Weise konkreter? Ich weiß es nicht. Die Materie erscheint als etwas… Ungewisses im Vergleich dazu. Unsicher, undurchsichtig, unempfänglich. Und dieses Etwas… Mutter lächelte. Das Seltsamste ist, daß die Leute denken, ich schliefe!… Ich gehöre beinahe nicht mehr der alten Welt an, also sagt die alte Welt: “Es ist aus mit ihr.” Das ist mir jedoch vollkommen egal. Sie lachte und löste eine kleine Girlande aus Blumen von ihrem Handgelenk, die sie “Geduld” genannt hatte: Geduld, möchtest du etwas Geduld? Und sie legte die Girlande um meine Hand. Die ganze Zeit sagt man mir: Hab Geduld, hab Geduld!… Aber die anderen müßten auch Geduld haben.

“Ich gehöre beinahe nicht mehr der alten Welt an…”

Was würde zwischen diesen beiden Zuständen geschehen?

Eine große Illusion der Materie und eine unbekannte Wirklichkeit.

Das Unbekannte von morgen

Die Hölle, welche sie in den letzten drei Jahren durchmachte, ist schwer zu beschreiben. Ebenso schwer ist es zu sagen, wohin das führte, was es verbarg und vorbereitete. Für den reinen Schmerz gibt es keine klinischen Befunde. Da war ein Mysterium, das man wachsen spürte, das immer akuter wurde, beinahe greifbar – etwas, das von einer unbekannten Bedeutung erfüllt war: Es war hier, man konnte es berühren. Doch was war es? Ich traute mich kaum noch, Mutter Fragen zu stellen. Sie selbst war eine brennende stumme Frage, reglos, durchzogen von kleinen Schmerzensschreien. Mitunter lachte sie, lachte und mokierte sich über diesen ganzen höllischen Widerspruch in ihr, um sie herum, als könne einzig der Humor all das ertragen helfen, oder die Liebe: Ein Schweigen… das anbetet. Der Schmerz der Welt, das Chaos der Welt schien zu wachsen, der Widerspruch der Welt wie in ihrem Körper – ein und derselbe Körper im Übergang… zu was? Eines Tages sagte ich ihr, wie erstickt von dieser Erstickung der Welt beim Anblick ihres Körpers, als könne man darin wahrlich das Mysterium der Welt eingeschlossen in ihrer Kohleschicht lesen, berühren und spüren: “Der einzige Ausweg wäre, daß du einen verherrlichten Körper erhältst, für alle sichtbar, daß alle schauen kommen können: Seht das Göttliche, so sieht es aus!” Sie lachte: Das wäre wirklich bequem! Gewiß!… Wird das geschehen?… Du hast völlig recht, und ich wäre ebenso zufrieden, wenn das mit irgend jemand anderem geschähe, ich verspüre nicht das leiseste Verlangen, daß ich es wäre! – “Denn die Welt hat einen so akuten Zustand von Schmerz und Leiden erreicht… daß der augenblick gekommen zu sein scheint.” Sie versank in schweigender Betrachtung. – Es besteht eine Weigerung zu antworten. Sie konnte nichts sagen, sie selbst war die Frage, die lebendige Frage der Welt. “Denn trotz allem”, beharrte ich, “wird es langsam Zeit, daß ein Körper sich hinreichend verändert, um der Menschheit eine konkrete Hoffnung geben zu können. Am Tag, da diese Macht wirklich in deine Materie eingetreten ist, wirst du sie doch an andere Körper weitergeben können, die dazu bereit sind, oder?” – Oh, aber diese Möglichkeit existiert bereits. Dafür habe ich dauernd außergewöhnliche Beweise. Weißt du, kleine Wunder geschehen die ganze Zeit, die ganze Zeit.

Kleine Wunder einer neuen Luft… die nach nichts aussehen.

Viele kleine heimliche Wunder, die das Netz oder die Kohleschicht durchdringen, als wäre nichts geschehen. Vielleicht geschieht gerade “etwas”, dessen wir uns nicht bewußt sind, weil wir nicht an die richtige Stelle schauen. Da verschwindet die wunderbare Transformation des “beispielhaften” Körpers vielleicht vor etwas, das viel tiefer, ernster, unentwurzelbarer ist, das sich stumm und schweigend unter den Schmerzen der Welt erbaute, hinter den kleinen Schreien des im schwarzen Elend der Welt gefangenen Körpers.

Ein Mysterium, das es zu lösen gilt.

Mutters “Unbekanntes”.

Dort kann uns nur unser Herz den Weg durch die letzte Festung von Mutters Urwald finden helfen… Da war der “andere Zustand”, der sie bewegte, atmen, sehen und hören ließ – das Wunder jeden Augenblicks – und dann der unsrige, tödlich, erstickend; zwischen beiden lag das Niemandsland, das sie unermüdlich in einem schrecklichen Hin und Her durchpflügte, im Nichts schwebend: “Das läßt sich nicht länger als einige Sekunden aushalten”, aber es dauerte und dauerte… Dreimal 365 Tage bestehen aus vielen kleinen Sekunden. Waren diese Furchen vielleicht der Weg der “kleinen Wunder” bis zu unserer irdischen Rinde? Ein Weg bahnte sich, aber welcher? Sie wußte nichts, sie schuf den Weg, sie war der Weg. Sie war ihre brennende Frage dazwischen. Mitunter war das Mysterium erstickend: Als zögen alle Anschauungsarten der Welt an mir vorbei, eine nach der anderen, die häßlichsten ebenso wie die herrlichsten, so und so… [Mutter drehte ihre Hand wie ein Kaleidoskop]. Alles kommt, wie um zu sagen: Siehst du, man kann es so sehen; siehst du, man kann es so sehen, siehst du… Aber die Wahrheit… was ist nun wahr? All das und “etwas”, das man nicht weiß. Zunächst bin ich überzeugt, daß die Notwendigkeit, die Dinge zu “sehen”, über sie nachzudenken, rein menschlich ist, ein vorübergehendes Mittel. Eine Übergangszeit, die uns lang erscheint, sehr lang, die tatsächlich aber ziemlich kurz ist. Selbst unser Bewußtsein ist eine Übersetzung des einen Bewußtseins – das eine Bewußtsein, das wahre Bewußtsein ist etwas anderes… Aber was? Die Lösung für meinen Körper ist da… sich ins Göttliche zu schmiegen. Nicht zu verstehen versuchen, nicht zu wissen versuchen: zu sein versuchen! In diesem “Sein” liegt eine ungeheure Macht. Zum Beispiel verschwindet bei jemandem eine Krankheit (ohne daß ich äußerlich etwas unternehme, ich spreche nicht einmal mit der betroffenen Person, nichts, nichts: geheilt), für eine andere ist es das Ende, sie kippt auf die andere Seite. Und diese andere Seite ist zugleich sehr vertraut geworden und… völlig unbekannt. Hier betreten wir wirklich ein Rätsel. Diese “andere Seite”, bei den sogenannten Toten, schien sie nur zu gut zu kennen, sie begab sich dauernd an diesen Ort, wo die Toten und die Lebendigen beisammen sind: “Mengen von ihnen”, pflegte sie zu sagen. Auf der zellularen Ebene, im Körperbewußtsein, bestand die Schranke nicht mehr, die “andere Seite” war dieselbe Seite, es ist allein die andere Seite unseres mentalen Netzes, unserer mentalen Materie. Auf einen Schlag wurde diese so vertraute “andere Seite” wie unbekannt. Was bedeutete dies? Was geschah? Welche Veränderung überkam Mutters Struktur, bewirkte den Unterschied? Ein neuer Zustand für Mutter?… Aber welcher?

Und Mutter fuhr fort: Ich erinnere mich an Zeiten, wo die Erinnerung an vergangene Leben, an nächtliche Tätigkeiten sehr konkret war; die sogenannte unsichtbare Welt war ganz und gar konkret. Jetzt… jetzt ist alles wie ein Traum – alles, alles ist wie ein Traum, der eine Wirklichkeit verschleiert… eine unbekannte und trotzdem greifbare Wirklichkeit. Das “Unsichtbare” wurde ebenso imaginär wie das Konkrete! Wo befinden wir uns dann? Vergangene Leben, Spaziergänge außerhalb des Körpers, Welten, Bewußtseinsebenen – und sogar diese sichtbare Materie. Was ging hier vor sich? Du hast mich gefragt, fuhr Mutter fort, was geschieht, wenn ich mich in diesem Zustand befinde, schweigend und reglos?… Das ist genau ein Versuch auf: die Wahrheit, so wie sie ist. Nicht versuchen, sie zu verstehen, sie zu begreifen, all das ist vollkommen gleichgültig: sein, sein, sein. Dann… [Mutter hatte ein so sanftes Lächeln] dann ist es ganz sonderbar: gleichzeitig, wirklich gleichzeitig – nicht eins im anderen, nicht eins mit dem anderen, sondern eins und das andere – gleichzeitig: herrlich und schrecklich… Das Leben, so wie es ist, wie wir es in unserem gewöhnlichen Bewußtsein spüren, wie es für die Menschen ist, erscheint als etwas… etwas so Schreckliches, daß man sich fragt, wie man überhaupt nur eine einzige Minute darin leben kann, und gleichzeitig das andere: ein Wunder. Eine Herrlichkeit an Licht, Bewußtsein, Macht – einfach herrlich. Ach, und eine Macht! eine Macht!… All das zugleich im Körper. Eine unbekannte Wirklichkeit, welche den Weg dieses Niemandslandes zu kreuzen schien, um hier aufzutauchen und sich mit dem absolutesten Schmerz, der entsetzlichen Misere unserer Bedingtheit in der Kohleschicht zu vermischen. So kann man zugleich im leidenden, unverständlichen und absurden Leben sein und vollkommen gleichzeitig in etwas unaussprechlich Herrlichem. Natürlich kann ich darüber nicht mehr sprechen; nur dir kann ich das sagen, weil die Leute mich sonst für verrückt halten.

Ein dritter Zustand… der gleichzeitig auf der anderen Seite und dieser hier war, der zugleich die andere Seite und diese hier veränderte. Eine neue, unbekannte, unmögliche Wirklichkeit. Beinahe unmöglich zu leben. Eine unglaubliche Verbindung, die einen unerträglichen Widerspruch von Schmerz und Herrlichkeit im Körper verursachte.

Was sollte all das bedeuten? Wohin führte es?

Wir schrieben 1971.

Mutter wußte nichts.

Ich habe den Eindruck, eine andere Person zu werden… Nein, nicht nur das: Ich berühre eine andere Welt, eine andere Seinsweise… man könnte sie als eine gefährliche Seinsweise bezeichnen. Als ob… [Mutter schüttelte den Kopf]… gefährlich und dennoch herrlich. Der Eindruck, daß die Beziehung zwischen dem, was wir “Leben” nennen, und dem, was wir “Tod” nennen, sich mehr und mehr verändert – verändert, sich vollständig verändert… Mutter schwieg, ihre weit offenen blauen Augen auf den gelben Flammenbaum und Sri Aurobindos Ruhestätte gerichtet. … Verstehst du, der tod verschwindet nicht (der Tod, so wie wir ihn uns vorstellen, im Verhältnis zum Leben, wie wir es kennen), das ist eine falsche Vorstellung, darum geht es überhaupt nicht. beide verwandeln sich… in etwas, das wir noch nicht kennen, das sowohl extrem gefährlich erscheint, als auch absolut wunderbar. Gefährlich heißt, der geringste Fehler hat die schwersten Konsequenzen… und gleichzeitig herrlich, wunderbar. Der geringste Fehler? Den Faden in einem Niemandsland verlieren, das dabei ist…, was zu werden? Sich mit der neuen unbekannten Wirklichkeit zu erfüllen? Wir haben immer die Tendenz, fuhr Mutter fort, bestimmte Dinge für wahr halten zu wollen (jene, die uns günstig erscheinen) und daß andere verschwinden sollten (wie beispielsweise “der Tod”)… aber darum geht es nicht. Das ist es nicht. alles ist anders, wirklich anders. Mutter schloß die Augen, vielleicht um dem Pochen dieses seltsamen neuen “Lebens” zu lauschen, das keiner Seite angehörte. Von Zeit zu Zeit, einen Moment lang (einen kurzen Augenblick): eine Herrlichkeit. Unmittelbar darauf das Gefühl des gefährlichen Unbekannten. So ist das. So verbringe ich meine Zeit.

Und wenn das die Welt wäre, so wie sie ist?

Das wahre “so wie es ist”, das hervortritt.

Wir schreiben 1972. Mutter ist vierundneunzig.

Der Körper hat das Gefühl, zwischen zwei Zuständen zu schweben, einem, den die Menschen Leben nennen, und einem anderen, den sie Tod nennen. Der Körper hat den Eindruck, zwischen beiden zu schweben: weder lebendig noch… [sie lachte] noch tot. Genau so, weder das eine noch das andere. Dazwischen. Im Niemandsland. … Das ist merkwürdig, sehr merkwürdig. Man hat den Eindruck (kein Eindruck, es ist eine Wahrnehmung), daß die geringste Störung ausreichen würde, ihn auf die andere Seite zu schleudern, und daß die “Kleinigkeit”, die ihn umkippen würde, durch etwas vereitelt wird, das wir nicht verstehen… Etwas, was das “Sterben” verhindert. Das reinste Nichts reicht aus, um… man muß sich nur sehr ruhig halten. Plötzlich fügte Mutter hinzu: Es ist offensichtlich, daß ein aktiver Wille am Werk ist, um den Körper zu lehren, in einem Zustand zu leben, wo es weder Leben noch Tod gibt – der etwas anderes ist.

Der dritte Zustand.

Mitunter schrie sie nichtsdestoweniger, so erdrückend wurde dieses neue Mysterium – erdrückend wie eine neue Luft, die man noch nicht zu atmen gewohnt war. Wahrscheinlich war es das: Offensichtlich verbindet sich alles, damit es keine Unterstützung mehr gibt außer dem Göttlichen [ja, sie wandelte buchstäblich im Nichts, mit Ausnahme dieses “Etwas”], und mir wird nicht gesagt, was dieses “Göttliche” ist! Siehst du, es ist erstaunlich!… Mit vierundneunzig Jahren wußte Mutter nicht mehr, was das Göttliche war! Alles übrige zerfällt, einzig das – das… was? Das Göttliche, etwas – Was?… Sie verharrte in solch intensiver Betrachtung, daß man die Intensität ihrer Frage in den Adern, im Körper, im Herzen brennen spürte – in ihrer Nähe zu leben, bedeutete zu brennen. Dann setzte sie fort: Das gleicht einem Versuch, einen spüren zu lassen, daß es keinen Unterschied zwischen Tod und Leben gibt. Daß es weder der Tod noch das Leben ist (weder das, was wir “Tod” nennen, noch das “Leben”) sondern… etwas. Und das ist etwas Göttliches. Oder vielmehr unser nächster Schritt zum Göttlichen.

Damit reißt alles auf, erhellt sich: Es ist die nächste Stufe, der nächste Zustand des menschlichen Bewußtseins, ein Zustand, der sowohl Leben als auch Tod transformiert. Dies ist das wahre Bewußtsein der Unsterblichkeit. Dasjenige, welches die Macht hat, den Tod aufzulösen, weil der Tod nicht mehr existiert, etwas anderes wird. Etwas, das sich in einem dritten Zustand auflöst, in dem beide Seiten eins werden. Schluß mit den Seiten! Das Niemandsland ist ausgefüllt, wir betreten es. Genau das bildete sich in Mutters Körper: das Unbekannte von morgen. Die Mutation der beiden Seiten. Das beständige “kleine Wunder”. Damit wird die Transformation des Körpers eine Folgeerscheinung, jetzt erkennt man es: Atmet man diese Luft, verändert sich alles, ist alles anders. Der Tod besteht nur, wenn man will oder wenn man unfähig ist, der Bewegung des Fortschritts zu folgen. Die Transformation ist das natürliche, unausweichliche Ergebnis dieser neuen Atmung. Es ist nicht mehr das Leben und nicht mehr der Tod, sondern etwas anderes… und dieses Etwas ist göttlich.

Das göttliche Leben auf der Erde.

Ein unsterbliches Bewußtsein im Körper, das den Körper nach seinem unsterblichen Vorbild neugestaltet. Was sich in höchster Höhe oder im tiefsten Grunde der Materie unter der Kohleschicht befand, ist hierhin getreten. Alle Herrlichkeiten, die man beim Aufsteigen, beim Verlassen, beim Abheben erfährt, sind nichts! Nichts, sie haben nicht diese konkrete Wirklichkeit, all das erscheint ungefähr im Vergleich zu dem hier. Allein dafür wurde die Welt erschaffen. In der irdischen Materie, auf der Erde, wird der Höchste vollkommen.

Es geht nicht darum, den Tod abzuschaffen, nicht darum, das Leben zu schönen. Etwas radikal Anderes verwandelt diese beiden Nachtmare in ein Wunder.

Das Unbekannte von morgen.

Das hier ist, in der Luft liegt, darauf wartet, geatmet zu werden.

Tatsächlich eine Mutation des Todes.

In einer kleinen klaren Zelle, welche die lange Strecke des Schmerzes seit der Urmaterie durchlaufen hat, liegt der letzte Schlüssel verborgen: die zwei Welten wie in einer.

Die Materie bewerkstelligt ihr eigenes Wunder.

Der ewige Reisende findet seine vollständige Ewigkeit in einem Körper, seine Totalität in einem Punkt.

Wir sind angekommen. Es ist Zeit.

Diese Zeit, die wir nicht definieren konnten, diesen Zustand, der sich für uns nicht beschreiben ließ, erfaßte Mutter eines Morgens und gab ihm seinen Namen – einmal, daß sie einen Namen gab. Sie benannte ihn “einfach so”, aufs geradewohl, inmitten anderer Dinge, wie es ihre Art war, ohne sich weiter zu sorgen, denn in Wahrheit lebte sie die Bezeichnungen, sie fabrizierte unsere nächste Bezeichnung (wenn es uns unbedingt darauf ankommt, eine zu haben). Was ich gelernt habe: Die Religionen scheiterten, weil sie geteilt waren – sie verlangten, daß man religiös sei unter Ausschluß der anderen Religionen; alles Wissen scheiterte, weil es ausschließlich war; der Mensch scheiterte, weil er ausschließlich war. Und was das neue Bewußtsein will: keine Trennungen mehr. Fähig zu sein, das spirituelle Extrem zu verstehen, das materielle Extrem zu verstehen, und… den Verbindungspunkt zu finden, wo… es zu einer wirklichen Kraft wird. Das wird jetzt auch dem Körper beigebracht, durch radikalste Mittel… Der unmögliche Widerspruch, aus dem die wahre Kraft, der andere Zustand entspringt, oder besser, zu dem er wird. Und sie fügte hinzu: Der Schritt, den die Menschheit sofort vollziehen muß, ist die endgültige Heilung des Ausschließlichkeitsdenkens. Sie alle sagen: Dies und nicht das – nein: dies und das… und dazu noch das und das und das und alles auf einmal. Hinreichend flexibel und weit sein, damit alles umfaßt werden kann. Daran stoße ich mich jetzt die ganze Zeit, auf allen Gebieten – auf allen Gebieten, auch im Körper. Der Körper hat die Gewohnheit: Dies und nicht das, dies oder das…. Nein-nein-nein: dies und das. Die große Spaltung ist ja: das Leben und der Tod. Das ist es. Alles andere ist die Auswirkung davon. Die Worte sind idiotisch, aber das Über-Leben ist das Leben und der Tod gemeinsam.

Das Über-Leben.

Der Zustand des Übermenschen.

Mit ihrem kristallklaren Humor berichtigte sie sich: Warum es “Über-Leben” nennen! Wir sind immer versucht, uns an eine Seite zu halten: Licht und Finsternis… (“Finsternis”, nun…). Ach, wir sind so klein! Sicherlich könnte man auch Über-Tod sagen… Genau in dieser “Finsternis”, welche die Heiligen, die Ärzte, die Polizisten, die Regierungen oder die Moralisten immer verneinten und die sie abschaffen, verändern, verbessern wollten, genau dort liegt der Schlüssel. Genau in der Finsternis dieser Kohleschicht, diesem absoluten Widerspruch liegt die Kraft, in der beide Seiten sich verbinden und transmutieren: in das, was ist.

Die “Sonne in der Finsternis”.

Der nächste Zustand der Materie.

Die göttliche und unsterbliche Materie.

1953, fast zwanzig Jahre früher, hatte ein Kind eine seltsame Vision, welche es auf Englisch in seinem Schulheft notierte, ohne etwas davon zu verstehen. Dieses Schulheft fiel mir in die Hände, aufgeschlagen unter dem Datum des 5. Januar 1953: “Ich sah Mutter, die vom Balkon zurückkam. Die Tür stand halb offen. Pavitra war im Zimmer. Er hatte Mutter um eine «Botschaft» gebeten. Mutter reichte ihm eine Zeichnung und sagte dazu: «Dies enthält Das Leben und Den Tod. Ihr könnt Euch aussuchen, was Ihr wollt. Derjenige, welcher beide Tore miteinander verbinden kann, wird gerettet sein.» Auf der Zeichnung sah man zwei Häuser, umgeben von hübschen grünen Bäumen. Durch die Bäume sah ich zwei Pforten: Sie waren getrennt und geschlossen.”

Jetzt sind die beiden Pforten eine.

Im Körper.

Der höchsten Pforte.

17. Kapitel: Ununterbrochenes physisches Leben

Dennoch ist Mutters Mysterium nicht erschöpft.

Vielleicht ist es gerade der Anfang des wahren Mysteriums.

Wir haben das hübsche kleine Etikett “Über-Leben” gefunden und glauben, damit alles gebannt zu haben. Tatsächlich ist diese neue leichte Luft auch vorhanden für diejenigen, die zu atmen wissen (und selbst für diejenigen, die nicht atmen wollen), all das könnte aber noch Jahrhunderte in Anspruch nehmen. Dieses Über-Leben ist der unausweichliche, selbstverständliche nächste Schritt der Spezies, so unverfehlbar wie der Schritt vom kleinen Salamander zum Menschen. Eine Veränderung der Luft oder der Lebensbedingungen, die alle Strukturen verändern wird. Es ist anzunehmen, daß alle evolutionären Anfänge zunächst unscheinbar sind. Eine winzige goldene Flechte, die sich an einen nackten Kieselstein klammert, einige ein wenig verrückte Menschen, die hier und dort ein seltsames Leben führen. Aber können wir es uns leisten, diese Jahrhunderte abzuwarten? In den Tagen von Karl dem Großen und Ludwig dem Gutwilligen konnte man Jahrhunderte warten, jetzt unterliegt das Leben aber plötzlich einer merkwürdigen Beschleunigung, die nichts mit derjenigen unserer Maschinen zu tun hat – einer inneren Beschleunigung, als würde man in einen Trichter gestürzt, der uns nach vorne zieht; es knetet und stampft, baut auf, zerstört in drei Sekunden, zieht uns den Boden unter den Füßen weg, sei er wissenschaftlich, moralisch oder legal, und man bewegt sich wie im Nichts, ständig ein Nichts erfindend, das auseinanderfällt. All das führt klarerweise zu etwas, das keine Jahrhunderte braucht. Wir beeilen uns nicht, wir werden beeilt, zu etwas hin beschleunigt. Man müßte vollkommen blind sein, um nicht zu verstehen, daß das Supramental oder das Über-Leben oder wie man es auch nennen will, vor der Tür steht – mehr noch: im Blut liegt, in den Adern, in den Zellen. Mit einer ganzen Ansammlung von kleinen Seltsamkeiten, die zunehmend seltsamer werden und von allen Seiten her zu wimmeln beginnen, sobald man die Sache etwas näher betrachtet und in die richtige Richtung schaut. Es wimmelt nur so von kleinen Wundern, von kleinen Begegnungen, kleinen Zufällen, als ließe die Kohleschicht die merkwürdigsten Zeichen durch alle Poren sickern. Man könnte gar von einem gigantischen Zusammentreffen von Zeichen sprechen. Das ist wie mit den kleinen Tieren im Walde: Verharrt man einen Augenblick lang schweigend, beginnen sie sofort überall zu wieseln und rascheln. Nur kennt man diese Art Schweigen nicht, welches noch nicht einmal das Schweigen der Meditierenden ist, denn es handelt sich um ein bestimmtes Schweigen in der Materie, im Körper, in den Augen. Man sagt sich: “Oh, das ist ein Granit; dies ist eine Zahnentzündung; das da drüben ist ein Skorpion; hier stößt mein Fuß gegen den Bordsteig; und das dort wiederum ist… wie gehabt”, eine Million kleiner optisch-physiologischer Etiketten, die die Wirklichkeit verstopfen, das absolute Wunder jedes Dinges. Die zahllose Botschaft, die uns von allem überbracht wird. Sie haben es nicht gefunden, sie haben den wahren Weg noch nicht gefunden! rief Mutter eines Tages im Hinblick auf die Jugend aus. Denn es handelt sich nicht um einen mentalen Weg. Es geht nicht darum, sich in unzugängliche Regionen zu begeben: es ist hier. Lediglich all die alten Gewohnheiten und die allgemeine Unbewußtheit legen noch einen Deckel darüber, der uns zu sehen und zu spüren hindert. Den gilt es… wegzunehmen. Das erstreckt sich überall, überall, andauernd. Es ist nicht etwas, das kommt und geht: der Deckel liegt immer und überall darauf. Nur wir selbst verhindern durch unsere Blödsinnigkeit, daß wir es spüren. Es ist nicht notwendig wegzugehen, überhaupt nicht, in keiner Weise. Sicherlich sehen die Kuh, welche die Wiese betrachtet, und der Mensch, welcher dieselbe Wiese betrachtet, nicht das gleiche. Wir müssen die irdische Wiese anders betrachten, den mentalen Deckel wegnehmen.

Dann ist es da, überall zugegen.

Das Interessanteste aber ist, beginnt man nur hinzuschauen, so scheint sich das Phänomen zu vervielfältigen, als wartete es allein auf ein Zeichen, um überall in einer ungeheuren Verschwörung anzufangen, mit allem zu wimmeln. Dann… dann beginnt man sich zu fragen, ob diese unmäßigen bleiernen Jahrhunderte nicht auf einen Schlag in einem allgemeinen kleinen Augenzwinkern dahinschmelzen könnten, sobald der Mensch in diese Richtung zu schauen beginnt. Vielleicht wäre das der Augenblick, wo das grenzenlose Gelächter uns erfaßt oder eine solche Verwunderung, daß wir schließlich und ganz entschieden unsere menschliche Haut hinter uns lassen. So wären wir auf einen Schlag einfach da.

Vielleicht enthüllt sich dort Mutters letztes Mysterium.

Denn es bleibt noch ein Mysterium.

Mutters Urwald steckt voller Mysterien.

Man muß lediglich mit den Augen des Körpers schauen.

Andere physische Luft

Langsam vereinte sie die beiden Pforten in ihrem Körper.

Wir sprechen vom “Über-Leben”, als wäre damit alles ein für allemal geregelt, gleich einem statischen neuen Zustand, gewiß etwas seltsam, dabei klar abgegrenzt und benennbar. Für sie jedoch war nichts geregelt oder beschworen, nichts blieb “irgendwo” stehen, es ging immer um dasselbe gefährliche, sich regende Unbekannte, das sich entwickelte, man weiß nicht in welcher sterblichen und lebenden oder unsterblichen und über-lebenden Richtung fortschritt und in einen wachsenden Widerspruch führte, aus dem sich… was ergab? Klar schien, daß dieser Zustand die notwendigen Bedingungen für die Transformation des Körpers schuf – Transformation aber für wann? Sie hatte nicht die Zeit, Jahrhunderte abzuwarten (besser gesagt, sie hätte diese Zeit schon gehabt, die anderen hatten sie aber nicht), und Transformation wie?… Sie bewegte sich darin, ohne es zu wissen, zwischen Folter und Wonne, zwischen Zerfall und einer Transformation, die seltsam dem Zerfall des Endes glich. All das mit einem klaren, leuchtenden Bewußtsein, das alles wahrnahm, alles sah und das Phänomen in seinen geringsten Einzelheiten beinahe wissenschaftlich betrachtete. So können wir kaum anders vorgehen, als mit unserem klinischen Bericht fortzufahren (es ähnelt eher Notizen aus dem Labor) in der Hoffnung, daß sich eine Kurve abzeichnen wird. Diese Kurve interessiert uns entschieden, denn es ist unser aller Kurve, es ist das Mysterium von morgen, unser Weg, der sich öffnet. Danach wird man auf ihm fortschreiten, als wäre nichts dabei, man braucht nur den Strommasten am Rande zu folgen und wird sagen: Aber es ist doch so einfach! Oder vielleicht wird man sogar sagen: Aber seht doch, “das ist die Evolution”! Amen. Es sei denn, wir haben bis dahin genug von unseren Etiketten und beginnen, das lebendige Wunder in allem zu sehen.

Das Phänomen des Widerspruchs war deutlich und klar gestellt, schmerzlich gestellt: Wahrlich, der normale Zustand, der alte Zustand bedeutet bewußt den Tod und das Leiden. Während im anderen Zustand der Tod und das Leiden als absolut unwirkliche, irreale Dinge erscheinen. So ist es. Hier handelt es sich nicht um eine psychologische “Unwirklichkeit”, eine Art Phantasie “befreiten Bewußtseins” in den Wolken, nein: Das Leiden wird physisch aufgehoben, Herzanfälle werden physisch aufgehalten, und der Tod kann nicht wirken. Verhalte ich mich still und bleibe unbewegt in der Haltung vollkommener Hingabe, geht alles gut. Bringt mich die geringste Kleinigkeit davon ab, fühle ich mich…, als ob ich sterben würde. Das ist außergewöhnlich! Tatsächlich ist es nicht “als ob”, es gleicht einer augenblicklichen Erstickung. Ich habe den Eindruck, ein enormes Gewicht bewegen zu müssen, um mich verständlich zu machen. Das Gefühl, daß ich sehr laut sprechen muß, um gehört zu werden [in der Tat klang es, als hätte ihre Stimme Schichten zu durchdringen]. Gleich einer Masse… sieh, es ist, als befände ich mich unter der Erde und müßte sehr laut schreien, um gehört zu werden. Dabei war dieses Unter-der-Erde eben unsere Außenwelt im alten Zustand, wo sie sprechen, erklären und widerliche Probleme lösen mußte… Es verlangt eine Anstrengung – eine beträchtliche Anstrengung. Wie eine Masse, etwas von der Farbe bräunlicher Erde, das schwer wiegt. Als würde ich lebendig begraben und müßte laut rufen. Gleich dem Axolotl, das auf dem Grunde seiner Grotte plötzlich erwacht. Ich glaubte zu verstehen und sagte Mutter: “Das muß die Dicke des Bewußtseins der Umgebung sein, die du spürst.” – Es liegt in der Luft, es liegt in der Luft. Offensichtlich bestand ihre physische Luft aus etwas anderem. Eine andere physische Luft. Eine andere Art zu atmen, in welcher Tod, Krankheit, Leiden nicht existierten, keinen Zugang hatten. Sie waren dort eine Unmöglichkeit. Es gab eine wahre Materie unterhalb der Kohleschicht. Und das Phänomen wurde immer akuter: Die Dinge nehmen eine extreme Gestalt an. Da entsteht eine Aufwärtsbewegung der Atmosphäre einer Pracht und Herrlichkeit entgegen, die beinahe unvorstellbar ist, und gleichzeitig das Gefühl, daß man jeden Augenblick sterben kann (nicht “sterben”, aber der Körper kann sich auflösen). Beides zugleich ergibt ein seltsames Bewußtsein. Sie schlug einen Durchgang in der Kohleschicht. Gerade ihr Ersticken meißelte und bohrte den Weg des anderen Zustands durch den alten. Mit jedem ihrer kleinen Atemstöße legte sie “die Sache” ein wenig mehr frei. Sie nickte: All die alten Dingen erscheinen kindisch, unbewußt. Darin [im anderen Zustand] ist es herrlich und wunderbar. Da hat der Körper nur ein Gebet, immer das gleiche: Mache mich würdig, Dich zu kennen; mache mich würdig, Dir zu dienen; mache mich würdig, Du zu sein!… Ich kann kaum noch essen, und ich habe keinen Hunger. Ich fühle eine wachsende Kraft in mir… aber von einer neuen Beschaffenheit… im Schweigen und in der Andacht. Nichts ist unmöglich.

Nichts ist dort unmöglich.

Die Transformation ist ein Kinderspiel.

Sie ist die selbstverständliche, natürliche, beinahe unausweichliche Konsequenz dieses Zustands – in dem es keine “Gesetze” gibt. Es gibt nur das Gesetz. Allerdings… muß die Verbindung mit der alten Kruste hergestellt werden. Damit verbrachte sie ihre Zeit. Etwas muß sich in der Schwingung des Körpers verändern, damit sich das Bewußtsein ohne Verfälschung manifestieren kann. Der Körper selbst, das physische Bewußtsein ist voll von all diesen Lügen und Falschheiten, all diesen Täuschungen und vorgefaßten Ideen. Erst wenn das verschwunden ist, dann kann sich der Herr darin manifestieren. Diese Entstellung schafft ein Elend, das diesem Körper mittlerweile als etwas Entsetzliches erscheint. Wenn das verschwindet, sich transformiert, ist es eine Wonne.

Etwas, das sich in der Schwingung des Körpers verändern muß. Als hinge die Transformation lediglich von einem winzigen “Etwas” ab, das die Verfälschung, den Schleier, die Entstellung im Körperbewußtsein verursacht. Diese winzige verfälschende Schwingung,16 nannte sie das bereits 1950. Keine Gewebe zu transformieren, Zellen zu verjüngen, Knochen geschmeidiger zu machen oder zu regenerieren: eine Schwingung zu verändern. Eine Schwingung, die alles Altern, alle Starre, alle Krankheit, allen Zerfall verursacht – die ganze verfluchte Geschichte also. Keine hunderttausend Ursachen: eine einzige. Vielleicht verursacht eben diese winzige verzerrte Schwingung sogar die gesamte Kohleschicht. Verwandelt man sie, fließt das wahre Bewußtsein in den Zellgeweben, den Knochen, den Nerven – in der Erde. Dann ist nichts unmöglich. Eine Positionsveränderung im physischen Bewußtsein. Etwas, das die winzige entstellende Schwingung annulliert.

Durch welchen Mechanismus aber? Wie schafft es das Axolotl in seiner Grotte, die andere Luft zu atmen?

Ein anderer physischer Rhythmus

Wie immer lag das Heilmittel im Widerspruch selbst. Mutter lebte die Lösung, sie trat ganz von allein immer deutlicher ans Tageslicht. Das Phänomen, das den Zustand des Über-Lebens zu begleiten, ja zu charakterisieren schien, war eine Veränderung der Zeit. Wir haben ihr Erscheinen und ihre erste Entwicklung auf zellularer Ebene gesehen, ganz als unterlägen die reinen Zellen, losgelöst vom Netz des physischen Mentals, einer anderen Zeit, ebenso wie sie mit einer Universalität und einer so blitzartigen Bewußtseinsbewegung ausgestattet sind, als wären sie augenblicklich überall. Man könnte sagen, daß es die Zeit der wahren Materie ist. Die Zeit des Über-Lebens. Dieses Phänomen begann, sich zu beschleunigen und andere Proportionen anzunehmen, bis es in Mutters Körper einzudringen schien, augenfällig die alte Kruste übernahm – die Kohleschicht ausfüllte, wie um ihre Substanz, ihre Beschaffenheit und jene Schwingung zu verändern, welche die Verfälschung und Verschleierung bewirkt.

Eine Veränderung der Zeit bedeutet notwendigerweise eine Veränderung in der Schwingung des Körperbewußtseins: etwas, das sich beschleunigt oder verlangsamt. Eben hier begann die Entwicklung, einen neuen Verlauf zu nehmen oder vielleicht schlicht und einfach ihren Verlauf zu erfüllen. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Unter normalen Umständen kann es unbegrenzt lange weitergehen, es besteht kein Gefühl von Zeit, Ermüdung oder Dauer; kommt das alte Bewußtsein aber wieder, ist das beinahe unerträglich schmerzvoll: ich ersticke oder ich kann nicht mehr atmen, es ist zu heiß oder zu kalt, alles mögliche Unangenehme…, bestärkt durch ein Bewußtsein, das nicht mehr bestehen sollte. Mein Körper ist voller Schmerzen, und sobald ich in diesen Zustand eintrete, ist all das vorbei – die Zeit existiert nicht mehr. Im alten Bewußtsein ist die Zeit endlos. In diesem hier existiert sie nicht mehr. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Wollte ich große Reden schwingen, würde ich sagen: Dieses alte Bewußtsein ist der Tod, gleichsam als würde man jede Minute sterben; man leidet… dieses Bewußtsein führt zum Tode. Und das andere ist das Leben… das friedliche Leben, das ewige Leben. Im Körper. Genau in dieser alten Kruste.

Das Phänomen begann, sich Tag für Tag zu verdichten, sichtlich zu präzisieren: Wenn ich mich nicht rühre und in dieses Bewußtsein eintrete, verstreicht die Zeit mit einer ungeheuren Geschwindigkeit und in einer Art leuchtender Ruhe. Sobald die geringste Kleinigkeit mich dort herauszieht, ist es, als würde man mich in eine Hölle ziehen, verstehst du? Das Unwohlsein ist so akut, daß man den Eindruck hat, keine Minute so weiterleben zu können. Dann… dann ruft man das Göttliche. Man bekommt das Gefühl, sich ins Göttliche zu schmiegen. Dann geht alles gut. Was aber geschieht dort? “Was siehst du dort, was betrachtest du?” das war meine ewige Frage. Sie lächelte: Ich hätte Lust zu sagen: Nichts! Nichts, ich sehe nichts. Da gibt es nicht mehr “etwas, das sieht”, aber ich bin eine zahllose Fülle von Sachen. Ich lebe eine zahllose Fülle von Sachen. Und es ist so viel, daß es nichts mehr ist! Sie lachte. Dann erklärte sie: Das ist ein so weiter, so friedlicher Zustand… und so machtvoll! Dort werden die Dinge verwirklicht. So werden sie verwirklicht. Aber es gibt keine Worte oder erklärende Sätze darüber – nichts, was das Mental befriedigen würde. Damit machte sie sich über mich lustig. Eines Tages versuchte sie dennoch, eine Erklärung zu geben, eine mysteriöse Erklärung, in der ich ohne volles Verständnis ein großes Geheimnis zu spüren meinte.

Sie betrachtete all die Schwierigkeiten der Welt, die Schwierigkeiten im Körper, diese Hölle, und mit ihrer leisen, tastenden Stimme, als müßte sie Schichten um Schichten “von der Farbe bräunlicher Erde” durchqueren, sagte sie: Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, daß unsere Art und Weise, die Dinge aufzunehmen und auf sie zu reagieren, die Schwierigkeiten schafft. Davon bin ich immer mehr überzeugt. Wenn es einem gelingt, ständig im wahren Bewußtsein zu sein, gibt es keine Schwierigkeiten mehr – und die Umstände sind ganz dieselben. Es gibt keine Krankheit, keine Ermüdung, keine Unausgeglichenheit – keinen Tod –, dabei sind die Umstände dieselben. Die Mikroben sind dieselben. Vorgestern war ich elend krank, und gestern waren die Umstände vollkommen dieselben, mein Körper war im selben Zustand und… vollkommen in Frieden mit sich selbst. Wenn ich nicht solche Schwierigkeiten mit dem Sprechen hätte… Das erklärt alles. Das erklärt alles, alles, alles. Die Welt ist dieselbe, aber sie wird in vollkommen entgegengesetzter Weise betrachtet und gefühlt. So ist es auch mit dem Tod. Er ist ein Übergangsphänomen, das seit Ewigkeiten zu bestehen scheint (seit Ewigkeiten für uns, weil unser Bewußtsein alles zerteilt), hat man aber dieses göttliche Bewußtsein, so werden die Dinge beinahe augenblicklich, verstehst du? Ich kann es nicht erklären. Es gibt eine Bewegung, es gibt ein Fortschreiten, es gibt etwas, das sich für uns durch die Zeit übersetzt. Das gibt es, es ist… etwas im Bewußtsein. Das ist schwer zu sagen. Gleich einem Bild und seiner Projektion. Ein wenig in dieser Art. Alle Dinge sind, und für uns, wenn wir sie wie auf eine Leinwand projiziert sehen, treten sie eines nach dem anderen auf. Ein wenig in dieser Art. Während die Wahrheit das Göttliche als Gesamtheit ist – Gesamtheit in Zeit und Raum. Dieses Bewußtsein kann der Körper haben, denn mein Körper hatte es, und während er es hat, ist alles… nicht Freude, nicht Vergnügen, nicht Glück, nichts von alledem… es ist ein wonniger, leuchtender und schöpferischer Frieden. Das ist herrlich. Allerdings kommt es und geht, kommt… Wenn man daraus heraustritt, hat man das Gefühl, in ein fürchterliches Loch zu fallen – unser gewöhnliches Bewußtsein (das gewöhnliche menschliche Bewußtsein) ist ein fürchterliches Loch. Man weiß jedoch auch, warum das vorübergehend [in der Evolution] so ist, das heißt, daß es notwendig ist, um von hier nach dort zu gelangen – alles, was geschieht, ist notwendig für die volle Entwicklung des Ziels der Schöpfung. Wenn man schöne Phrasen machen wollte, könnte man sagen: Das Ziel der Schöpfung ist, daß das Geschöpf so bewußt wird wie der Schöpfer. Das ist nur eine Phrase, aber es liegt in dieser Richtung. Das Ziel der Schöpfung ist das Bewußtsein des Unendlichen und Ewigen, Allmächtigen, Außerzeitlichen – daß jede individuelle Parzelle dieses Bewußtsein besitze, jede individuelle Parzelle dieses Bewußtsein enthalte… Die Worte sind idiotisch, aber so ist es. Das ergibt gleichzeitig den Daseinsgrund und den Zweck der Schöpfung sowie beinahe die methode der Entwicklung… Ja, gleich einer Sache, die ist, die als Ganzes besteht und die der Reihe nach auf eine Leinwand projiziert wird. Doch sie existiert als Ganzes – und sie wird sequentiell auf die Leinwand projiziert. Ich habe den Eindruck… [und hier berührte Mutter das Geheimnis], daß ich im Begriff bin zu entdecken, welches die Täuschung ist, die es zu zerstören gilt, damit das physische Leben ununterbrochen fortdauern kann –, daß der Tod… aus einer Entstellung des Bewußtseins herrührt.

Die Leinwand, welche die Zeit gefangen hält, die entstellende Schwingung.

Eine “entstellende Magie”, wie Sri Aurobindo es nannte.

Und sie fügte hinzu: Es geschieht etwas, das ist alles.

Wir schreiben Weihnachten 1971.

Entfernt man die Leinwand, bleibt alles gleich, aber es gibt keinen Tod mehr. Dort gab es den Tod nie. Eine Bewußtseinsveränderung, eine Zeitveränderung beseitigt den Tod. Der Tod war der Übergang, der langwierige evolutionäre Übergang im Käfig, um durch den Schmerz angespornt und gepeitscht den vollständigen Zustand im Körper zu finden.

Entfernt man die Leinwand, sind beide Seiten EINS.

Eine Entstellung, eine falsche Schwingung im Körper schafft den Tod – sowie die Krankheiten, die Störungen, die Unausgeglichenheiten. Das ganze abscheuliche Chaos dieser Welt. Eine Täuschung…, die doch wirklich ist. Aber es ist eine Täuschung. Eine evolutionäre Täuschung, um im Käfig zu wachsen… und ihn dann zu zerbrechen. Zerreißen wir die Leinwand, kann das physische Leben fortdauern, nichts hindert es dann mehr daran. Nichts. Der Tod war eine notwendige Illusion, um den vollständigen Zustand ohne Tod zu erreichen, im Körper.

Allein eine kleine verfälschende Schwingung, die alles verschleiert.

Eine falsche Zeit im Körperbewußtsein.

Die Transformation ist eine Veränderung im physischen Bewußtsein der Zeit.

Dann kann die Welt vollkommen gleich sein, und sie wird doch ganz anders erfahren – ohne Paradies und ohne Grab.

Ein so drastischer Unterschied wie zwischen dem Bewußtsein des Minerals und dem Bewußtsein des Tieres.

Etwas, das sich in der physischen Schwingung der Erde verändern muß.

Und das ist vielleicht ohne unser Wissen im Begriff zu geschehen: ein anderer Rhythmus in den Zellen des Körpers (nicht im Kopf, der Kopf versteht nichts davon – der Körper aber versteht). Es gibt einen Rhythmus des Gesteins, einen Rhythmus der Pflanzen und einen Rhythmus der Tiere, sowie den anderen Rhythmus.

Das versuchte, sich in Mutters Körper zu materialisieren und mit ihr im Körper der Erde.

Gleich einer anderen Zeit, die in diese Zeit eingedrungen ist.

“Es geschieht etwas, das ist alles.”

In gleich welcher Sekunde

Da fragt man sich, ob diese mysteriöse Leinwand nicht überall gegenwärtig ist, vor unseren Augen, so vollkommen sichtbar und so vollkommen schlicht, daß sie wie unsichtbar erscheint – denn eigentlich ist alles so, wie es sein sollte, herrlich, wie es sein sollte, in jedem Augenblick so, wie es sein sollte, leuchtend, wie es sein sollte, ohne ein Atom Finsternis irgendwo, ohne ein Körnchen Irrtum irgendwo, ohne ein Iota von Widerspruch: das andauernde Wunder, das andauernde Licht, die andauernde Wahrheit von allem bis ins letzte Detail, selbst in den scheinbaren Schrecken, den scheinbaren Störungen, den scheinbaren Lügen, den scheinbaren Schmerzen, den scheinbaren Toden… all das ist schlicht eine falsche sehweise. Und in der Sekunde, wo es so gesehen wird, wie es ist, in seiner Wahrheit hinter der Lüge, in seinem Licht hinter der Finsternis, in seiner Wonne hinter den Schmerzen, in seinem ewigen Leben hinter dem Tod, in seinem allmächtigen und Iächelnden Rhythmus hinter dem Chaos, kehrt sich alles augenblicklich um: es gibt nichts mehr als Das. Der Tod, in den wir im Begriff waren einzugehen, der Schmerz, die Hoffnungslosigkeit, in die wir eintauchten, die physische Störung, die Krankheit, der Mord, durch die wir im Begriff waren, geschlagen zu werden, oder die bereits ihren tödlichen Zugriff auf unseren Körper warfen, all das wird ausgelöscht, verschwindet im Nu, im Widerspruch zu allen Naturgesetzen, medizinischen Gesetzen und all den Millionen Gesetzen – sie haben aufgehört zu sein. Das allein leuchtet. Augenblicklich. Alles ist gleich. Und es gibt keine Finsternis mehr. Es war eine falsche Sehweise. Es war nicht die göttliche Sehweise. Denn es gibt nur das Göttliche, es gab nie etwas anderes als das Göttliche, die Freude, das Licht, den friedlichen und lächelnden und allmächtigen Rhythmus. Ich erinnere mich an Mutters Worte: Da ist eine ständige Wirklichkeit, eine ständige göttliche Ordnung, und allein die Unfähigkeit, sie wahrzunehmen, macht die aktuelle Störung und Lüge aus. Eine falsche Sehweise. Und sie äußerte jene mysteriösen, nun einleuchtenden Worte: In jedem Augenblick ist alles genau so, wie es sein soll: das ist die Allmächtigkeit. Das zu sehen, bedeutet Allmächtigkeit. Es bedeutet die augenblickliche Umkehrung des Todes und all seiner Masken. Es bedeutet, daß der Arm des Attentäters am Vollzug der Tat gehindert wird. Denn es gibt in Wahrheit nichts als Das. Allerdings muß man dies nicht im Kopf sehen sondern im Körper. In diesem Zustand unendlich kleiner Schwingungen der Materie, dort, auf diesem Niveau muß sich das ändern. Und sie sagte noch: Die Vollkommenheit besteht immer, sie koexistiert mit der Unvollkommenheit – Vollkommenheit und Unvollkommenheit bestehen immer nebeneinander, nicht allein gleichzeitig, sondern an derselben stelle. Die Wahrheit ist gegenwärtig, und die Lüge ist gegenwärtig [Mutter legte eine Hand dicht auf die andere], die Vollkommenheit ist gegenwärtig, die Unvollkommenheit ist gegenwärtig [dieselbe Geste], beides besteht nebeneinander. Sobald du dir der Vollkommenheit bewußt wirst, verschwindet die Unvollkommenheit, die Täuschung verschwindet, die falsche, lügenhafte Schwingung verschwindet…, als hätten sie niemals existiert. Die Schwingung der Wahrheit annulliert die Schwingung der Lüge buchstäblich, sie existiert nicht – sie existierte allein illusorisch für unser falsches Bewußtsein… Das bedeutet, daß wir die Vollkommenheit in gleich welcher sekunde, unter gleich welchen Bedingungen erreichen können – es handelt sich nicht um etwas, das es Schritt für Schritt durch einen allmählichen Fortschritt zu erlangen gilt: die Vollkommenheit besteht, und nur du änderst deinen Zustand.

Auf diese Weise kann die ungeheuerliche Leinwand der Lüge in der Welt mit einem Schlag fallen, in einer Sekunde, denn die Vollkommenheit besteht hier, am selben Ort und unter denselben abscheulichen Bedingungen. Man verändert seinen Zustand. Die Welt ändert ihren Zustand. Eine Umkehrung des Zustands. Ein Weltumsturz. Nichts braucht getan zu werden, es gibt nichts zu berichtigen, zu verbessern, zu heilen, zu transformieren: es gilt lediglich, diese Kruste, diese Leinwand der Lüge zu durchqueren, dann ist es hier, augenblicklich, in der nächsten Sekunde. Die Schwingung der Wahrheit annulliert die Schwingung der Lüge im wörtlichen Sinne.

Auf einen Schlag ist es getan.

Man braucht nicht weit zu gehen: es ist hier.

Es gibt kein “später”, auf das man zustreben müßte: es ist hier.

Es gibt kein morgen, kein vielleicht, kein wenn oder aber… es ist hier.

Allerdings muß sich das im unendlich kleinen Schwingungszustand der Materie ändern.

Dann versteht man auf einmal den wahren Sinn der Rhythmusveränderung, die sich in Mutters Körper vollzog – sie zog die Leinwand der Täuschung von der Materie, die kleine verfälschende Schwingung. Das kleine Etwas, das sich im Körper kontrahiert und zu allem, das geschieht, nein sagt. Eine kleine, in einem abgeschlossenen Raum und in einer aggressiven Zeit über sich selbst gekrümmte Schwingung. Und man beginnt zu verstehen, wie die Welt sich verändern kann… wenn sie fähig ist, den Entzug der Leinwand auszuhalten, ohne geblendet zu sein.

Nicht daß es spektakuläre Lichter oder Erscheinungen geben wird, nein: doch die Welt, so wie sie ist, wird ein solches augenblickliches Wunder sein, daß…

Das Wunder der Welt besteht darin, daß die Welt so ist, wie sie ist.

Die Täuschung besteht darin, nicht das zu sehen, was ist.

So gilt es, hier zu sehen und jedes Ding als dieses verschleierte Wunder zu betrachten. Und wer weiß, ob unser nach Wahrheit dürstender Blick, unser nach wahrer Luft dürstender Atem, unsere Millionen nach der wahren Welt dürstenden Augen nicht auf einen Schlag die Wahrheit hervorquellen lassen werden. Die Welt, so wie sie ist.

Es gilt, jedes Ding als das Wunder hier zu betrachten.

Dann wird das Wunder sein.

Das große natürliche Wunder der göttlichen Welt.

Gleich dem Axolotl, das plötzlich in sein wahres Milieu versetzt wird.

Und das physische Leben wird ununterbrochen fließen, denn es wird jeden Augenblick die wahre Luft atmen, sich im wahren Rhythmus regen und den absoluten Sinn von allem wahrnehmen.

Mutters letzte Jahre betreffen nicht mehr das Mysterium der neuen Spezies: das ist bestimmt und wird unausweichlich kommen; sie betreffen das Mysterium dieser Welt-“Sekunde” – wie dorthin gelangen. Durch welche Strategie?

18. Kapitel: Das Problem der Welt

Dieser andere Rhythmus, die Zeit der zukünftigen Spezies versuchte nicht friedlich, sich in einem Mitglied der menschlichen Spezies zu manifestieren, das frei von allen menschlichen Bedingtheiten war. Mutter wurde immerfort angegriffen, bestürmt, von morgens bis abends wurde sie belagert. Bevor die Tür sich schloß, empfing sie ein- bis zweihundert Personen am Tag, hörte oder vielmehr durchlebte und schluckte ihre immer widerlicheren Geschichten. Dort bestand ein weiterer Widerspruch, der in dem Maße zu wachsen schien, wie sie ihre inneren Veränderungen durchlief – ein frappierendes Zusammentreffen der gereizten Lüge und der ungeheuren Macht, die einen in ihrer Nähe umflutete, während ihr Körper immer ausgezehrter wurde. Je mehr sie selbst zu verschwinden schien, “verblaßte”, desto nahezu unerträglicher wurde die Macht – für die Lüge war es tatsächlich unerträglich. Sorgfältig machte sie täglich vor dem Eintreffen der Meute mit der Buchstabentafel Leseübungen, als müßte sie weiterhin auf unsere Art sehen. Ebenso ging sie weiterhin unermüdlich auf und ab, auf den Arm eines Begleiters gestützt, wenn sie sich nicht mehr allein halten konnte, hartnäckig und unbezähmbar – in Wahrheit kämpfte sie verzweifelt darum, die Verbindung mit der alten menschlichen Seinsart nicht abreißen zu lassen. Genau diese alte Art war ihr eine fortdauernde Tortur. In diesem unmöglichen Widerspruch schritt sie voran, Tag um Tag, inmitten eines wachsenden Unbekannten, immer neuer und unbekannter, das sie seltsamen inneren Veränderungen unterzog: vielleicht war es das Leben, vielleicht war es der Tod, vielleicht war es ein anderes Leben. In jedem Fall aber war es eine Tortur: Ein merkwürdiges Leiden; und doch fehlt mir nichts, die Ärzte sagen, alles wäre in Ordnung… Vielleicht war es alles Leiden der Welt. Vielleicht war es das Abwerfen der alten Haut, die Mutation zur neuen Spezies. Vielleicht war es… was?

Die Bewegung begann, sich zu beschleunigen.

Sie beschleunigte sich auf dreifache Weise.

Die dreifache Beschleunigung

Zuerst war es diese andere Zeit, welche unwiderstehlich in sie einging und sie inmitten einer Geste, eines Gesprächs innehalten ließ. Dieser “Augenblick” mochte eine dreiviertel Stunde dauern oder eine Sekunde, oder war es bereits der nächste Tag: Wieviel Uhr ist es? fragte sie immer wieder. Wieviel Uhr ist es?… Das Komischste ist, daß die Leute glauben, ich schliefe! Ich schlafe keineswegs… Eine Kraft agiert. Das Merkwürdige in diesem Bewußtsein ist die Bedeutung einer Minute. Für unser Bewußtsein ist es nichts, und dort hat es eine Bedeutung. In einer Minute kann etwas… von allgemeiner Bedeutung geschehen. Natürlich sind alle Worte blödsinnig, aber so ist es. Eine Minute. In einer Minute… Das geht so weit, daß der Körper eine Minute so [Mutter drehte zwei Finger geringfügig in die eine Richtung] als Sieg empfindet, und eine Minute so [Mutter drehte ihre Finger kaum merklich in die andere Richtung] ist es eine Katastrophe. Nicht nur für den Körper, sondern allgemein. Das erinnert mich an ein früheres Gespräch: Besäße man diesen Schlüssel, ohne ganz auf der richtigen Seite zu stehen, könnte es eine schreckliche Katastrophe auslösen, eine Art Weltuntergang. Würde das gestatten, die Leinwand von der Welt zu ziehen – plötzlich, eines Tages, wenn alles bereit ist? Dabei handelt es sich eigentlich nicht um eine “Macht”, sondern man ist die ganze Erde, wie man sein eigener Körper ist, ohne viel Aufhebens oder auch besondere Empfindungen, daß er “groß” oder “klein” sei – es ist einfach und schrecklich allmächtig. Versuche nun einer, dem Körper die Leinwand ein wenig abrupt zu entziehen – was geschieht? Man muß zugeben, daß eine seltsame Lage entsteht. Eine gefährliche Position. Aber ohne all die gewichtigen, ungeheuren und kosmischen Ankündigungen des Mentals – all das ist nichts als seine eigene Aufgeblasenheit. Es ist einfach hier. Dimensionslos. Eben wie ein Körper. Mit allen möglichen Gebrechen. Und symbolischerweise umgeben von den verschiedensten kleinen irdischen Mustern, die anfingen zu denken: “Also wirklich, Mutter…” In all dem Chaos, dem Kampf, der Reibung, dem Leiden, der Ignoranz, der Finsternis, der Anstrengung und diesem und jenem (ach! es ist weit schlimmer als alles, was im Mental abläuft: es ist direkt im Körper), da ist es eine Frage… ja, von Leben und Tod im wahren Sinne des Wortes. Dann plötzlich nur ein Tropfen… nicht einmal ein Tropfen (es ist nicht flüssig!), es ist auch kein Blitz, sondern… ja, eine Schwingung: eine andere Schwingung – leuchtend, so herrlich sanft und süß, friedlich, mächtig, absolut. Wie etwas, das sich entzündet. Dann braucht man nicht mehr zu diskutieren oder zu erklären, nichts: man hat verstanden – das geschieht, um sich dessen bewußt zu werden, um das zu leben. Allein das, eine Schwingung von dem, und damit versteht man alles.

Diese andere Schwingung versuchte sie, in den Körper der Erde zu bringen wie in ihren eigenen. Wahrhaftig ein anderer Rhythmus. Man sagt “Zeit”, “Rhythmus”, “Bewußtsein”, “Macht”, aber es handelt sich um eine Art, in der Materie zu schwingen. Eine Schwingungsart, welche die Materie verändert. Dies ist das zutiefst Traumatische – die traumatisierende Wonne! Für ihre Mitmenschen war es höchst traumatisch. Die physische Welt steht im Begriff, sich zu verändern, hatte sie gesagt. In fünfzig Jahren wird man es merken. Diese Schwingungsart, die nicht die des Gesteins, der Pflanzen oder der Tiere war, mußte auf sehr leisen Sohlen eingeführt werden; selbst ihr Körper mußte sie in einem Zustand aufnehmen, der ganz an einen Schlaf erinnerte, in welchem die Zeit “einfror” – die falsche Zeit des Schmerzes. Darin bestand das wahre Leben, sonst war es immer mehr die schiere Hölle. In fünfzig Jahren müssen wir vielleicht nicht mehr wie ein Murmeltier in den Winterschlaf gehen oder vor Wonne aufschreien, die Materie wird sich daran gewöhnt haben, es wird so selbstverständlich sein wie die Luft, die man atmet, aber in der Zwischenzeit… In der Zwischenzeit mußte sie nicht nur den Zustand ihres Körpers beherrschen, die Geschwindigkeit des Prozesses und die seltsame Zeit, die von ihr Besitz ergriff, sondern auch den Zustand derjenigen, die sie umgaben, das heißt im Klartext, sie mußte sich in die reine Hölle begeben, um die Verbindung zu bewahren. Sie mußte sich bremsen. Es ist schon jetzt sehr beunruhigend für alle, die mit mir leben; wäre ich so, wie ich sein sollte, wäre das wohl kaum auszuhalten. Wir müssen unbedingt das nötige Durchhaltevermögen für den Übergang aufbringen. Ein Übergang ist nötig. Von Durchhaltevermögen war in ihrer Umgebung nicht viel zu sehen, und das Wenige schwand rapide. Dies war die zweite der drei erwähnten Beschleunigungen, man könnte sagen, die “unerträgliche” Beschleunigung, die Beschleunigung des Widerstands der kleinen irdischen Muster.

Es gab noch eine dritte Beschleunigung, diese war rein physiologisch, die Beschleunigung der alten Physiologie. Auch hier erhob sich ein unlösbarer Widerspruch. Das Merkwürdige dabei ist (oder vielleicht nicht), daß dieser Widerspruch sich zu manifestieren begann, als Mutter die letzte mineralische Schicht erreichte, diesen Rückstand der Ur-Evolution, die letzte (oder urerste) Hülle der Zellen: die Nahrung. Sie konnte nichts mehr essen, einige Schlückchen Glukose oder Fruchtsaft waren bereits eine Tortur, es war nicht hinunterzubringen. Die Nahrung ist offensichtlich der Rückstand der ursprünglichen Gewohnheit des Verschlingens: selbst die Galaxien “verschlingen” einander, sagen die Astronomen. Es handelt sich um das Etwas, das nicht hat und haben will, dem es mangelt und das nehmen will, das getrennt ist und umschlingen möchte. Das Abc der Evolution, angefangen mit den kleinen Protonen. Es ist tatsächlich nicht die “Notwendigkeit, sich zu ernähren”, überhaupt nicht, sondern das mangelnde Sein, das sich erfüllen will, der erste Schrei der Trennung. Man verschlingt, weil man nicht alles ist. Denn das ursächlichste Bedürfnis der Evolution und jeder Parzelle der Evolution ist, alles zu sein. Also “liebt” man, nimmt, tötet: verschlingt. Alles das sind nur Arten, das urzeitliche Loch zu füllen, dieses Etwas, das ein getrenntes Individuum wurde. Der Anfang des Käfigs. Der Anfang des Todes. Diese Schicht erreichte sie in ihrem Körper, und sofort trat das Problem hervor: Sie konnte nicht mehr essen. Die Nahrung enthält ihren Samen des Todes, bemerkte sie, und natürlich muß sie durch etwas anderes ersetzt werden. Durch was? Das Problem wurde schier unlösbar, es wurde zum Problem eines jeden Tages. Die Tatsache bleibt: Um überhaupt existieren zu können, unterliegt man notwendigerweise der Abhängigkeit von etwas Materiellem, was natürlich jedesmal eine alte Schwierigkeit zurückbringt. Jedesmal bedeutete es, wieder die alte unbewußte Verneinung zu schlucken, diese “Grundschicht der Negation hinter allem”, das ursprüngliche NEIN des Ich gegen alles übrige. … All das steht gegenwärtig unter Beobachtung (einer sehr detaillierten Beobachtung, die man als wissenschaftlich qualifizieren kann). Resultat: Die Zellen sind sich der göttlichen Kraft bewußt und der Macht, welche diese Kraft verleiht, sie sind sich aber auch dessen bewußt, daß sie bei ihrer gegenwärtigen Lebensdauer, auch wenn sie der Transformation unterzogen werden, noch eine zusätzliche Zufuhr von außen brauchen – und damit schluckt man jedesmal eine neue Schwierigkeit… Kann man sich etwas vorstellen, das auf menschliche Weise funktioniert und sich nicht abnutzt? Und wäre das, so wie es ist [Mutter kniff die Haut ihrer Hände], fähig, sich vermittels der Kraft zu transformieren? Ist das möglich?… Wir werden es wissen, wenn es vollbracht ist und nicht früher! Sie lachte. “Aber alle Möglichkeiten stehen offen”, wandte ich ein. “Es geht doch allein um die Frage, daß die Materie sich dem Einfluß einer anderen Kraft anpassen muß.” – Aber ja, genau darum geht es! rief sie aus. kann sie das? – “Sicherlich kann sie. Wenn der Geist es will, kann sie es. Wenn der Geist sieht, daß der Augenblick gekommen ist, kann er es tun. Es gibt keinen Grund, warum es nicht so sein sollte.” Wieder lachte sie. – Es wäre interessant, das zu sehen! Sie betrachtete das “Objekt der Erfahrung” mit den Augen des Wissenschaftlers, doch dieses Objekt verlor zunehmend an Substanz. Je unsubstantieller es wurde, desto ungeheurer wurde seine Mächtigkeit! Das soll mal einer verstehen! Trotz dieser Macht spürte sie, daß ihr Körper tatsächlich noch Nahrung aufnehmen mußte, “etwas Stärkendes zu sich nehmen” mußte. Aufnehmen… Das war es, hier berührte sie die Wurzel, und es ging offensichtlich nicht um die Frage, “einen Körper zu ernähren”: es mag wohl die alles entscheidende Frage gewesen sein.

Es galt, einen neuen Sprung zu wagen.

Es ging nicht darum, “die Nahrungsaufnahme einzustellen”, sondern das NEIN zu überwinden. Diese Schicht zu besiegen. Oder sie zu durchqueren, um zu sehen, was sich dahinter verbarg, denn wie stets enthält das Hindernis den Schlüssel.

Das Problem wurde durch Mutters Gefolgschaft erschwert. Mahlzeiten werden in einer Küche angerichtet. Und wenn sie nichts zu sich nahm, ach, dann war sie in den Augen der Gefolgschaft bereits dabei zu sterben… Jede Minute und unter allen Vorwänden schleuderte man ihr den Tod ins Gesicht, ohne auch nur darüber nachzudenken: das war ja so “natürlich”, nicht wahr? Sie wollen, daß ich mehr esse, wohingegen ich spüre, daß mehr zu essen der Arbeit abträglich ist… Mein System will nicht mehr auf die alte Weise funktionieren, und die Ärzte sorgen sich darum, daß es wie gewohnt funktioniert – das ist unmöglich! Das versetzt mich in einen Zustand… es bewirkt einen Konflikt in der Natur. Siehst du, einerseits entwickeln sich die Dinge zu schnell, und andererseits besteht der Widerstand der alten Natur – ermutigt durch die Ärzte und die Gewohnheiten. Man vergißt stets den hypnotisierten Zustand des physischen Mentals. Man wird sich niemals klar werden, wie sehr die Substanz (auch Mutters Substanz) durch diese “Du-sollst-und-du-sollst-nicht” hypnotisiert ist. Bis zum Ende würde Mutter kämpfen, und bis zum Ende würde man ihr diesen Hypnose-Zustand entgegenschleudern: Aufgepaßt! man muß Coramin für das Herz nehmen, man muß… Der Körper gleicht einem hypnotisierten Säugling. Ständig mußte sie den kollektiven Hypnosezustand auflösen, auflösen, auflösen – bis sie eines Tages aufhörte zu kämpfen. Ich konnte einfach nicht begreifen, warum sie nicht den Sprung tat oder warum Sri Aurobindo oder das Bewußtsein ihr nicht ausdrücklich sagte, was sie zu tun hatte. “Es ist immerhin besser, sich zu irren, während man auf das neue Bewußtsein hört, als sich nicht zu irren und auf die Ärzte zu hören!” – Aber das Bewußtsein widerlegt nichts… Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll… Gäbe es ein deutliches Zeichen, würde ich selbstverständlich darauf hören, aber das ist nicht der Fall… Nichts wurde ihr mitgeteilt, das ewige Mysterium. Man ließ sie in der Schwebe, allein zwischen Leben und Tod – natürlich! Denn der Körper mußte die Lösung finden. Dennoch… In der Küche sind sie es gewohnt, auf eine bestimmte Art vorzugehen, und so wird es dann gemacht; der Arzt erklärt, dies und jenes müsse ich einnehmen, und man hört auf ihn… Ich bin von einem solchen Gerüst von Konventionen umgeben, daß es sehr schwierig wird. All das mit der Vorstellung, daß ich alt bin, daß ich alt werde, und in ihren Augen muß mein Bewußtsein bereits zur Hälfte umnebelt sein… Sie haben kein Vertrauen, was kann man da machen! So habe ich mir angewöhnt zu sagen: Gut. Ich verhalte mich so passiv wie nur möglich – passiv gegenüber dem göttlichen Willen –, und ich bete, daß Er mich führe. Dies ist das einzige Mittel.

Ich hatte das ganze Ausmaß des Problems noch nicht verstanden – es erschien mir lächerlich, selbst unter Berücksichtigung der kollektiven Hypnose: “Warum ernährst du dich nicht von Luft?” fragte ich sie eines Tages, “eine Reihe von Yogins taten das früher.” – Nein danke! Die Luft ist ekelhaft!… Ich hatte vergessen, daß sie die Explosion einer Atombombe aus fünftausend Kilometer Entfernung “riechen” konnte. Sie haben die Erde verdorben, rief sie aus, sie haben die Atmosphäre verdorben, sie haben alles verdorben! Was für ein Schlamassel haben sie aus der Materie gemacht!… Das erschwert die Dinge. Sag, wieviel Uhr ist es?

Es schien, als berührte sie den Kern des Widerspruchs in ihrem Körper vermittels eines lächerlichen Problems, das mir geradezu idiotisch erschien.

Und “man” sagte ihr nichts, weder zur einen noch zur anderen Seite.

Etwas mußte gefunden werden.

Ein äußerster Widerstand mußte überwunden werden, der sich symbolisch in einem Löffel Fruchtsaft präsentierte. Ein zentrales NEIN. Die Welt lag auf ihrer Schwelle. Es ging um das Problem der Welt, nicht das eines yogischen oder diätetischen Gewaltaktes. Ließ sich dieser Sprung überhaupt bewerkstelligen, wenn niemand nachfolgte? Was nützt es, ganz allein die neue Spezies zu sein?

Die dreifache Beschleunigung beschleunigte sich immer mehr.

Immer mehr, immer mehr…

Auch die Welt folgte ihrer beschleunigten Kurve zu einem entscheidenden Widerspruch oder einem Knoten der alten Geschichte, der uns durch die mechanischen Erscheinungen verborgen wird. Unsere hochentwickelte Zivilisation grenzt an das Zusammenleben von Wilden, nur einiges Spielzeug hat sich verändert. Das einzige Verdienst unseres entsetzlichen Spielzeugs ist, daß es uns, wie in Mutters Körper, zur Konfrontation der wahren Lösung zwingt, der evolutionären Lösung: die Spezies wechseln oder sterben. Dorthin führte die ganze Kurve. Nicht zur Verbesserung oder Beschönigung des menschlichen Goldfischglases. Das betagte Evolutionslabor erreichte den Zweck seiner Arbeiten. Mutter desgleichen. Es wäre schade, wenn wir den Sinn darin verfehlen. Fünf Jahre sind seit der Mai-Revolte 1968 vergangen, und die Erstickung wächst unerbittlich – sie wird so lange anwachsen, bis wir endgültig aufschreien, in einem wahren Schrei, der die ungeheure Illusion zerbrechen wird. Bis zum Landgang an der wahren Materie, der wahren Erde. Das Wunder hier, wenn wir die Torheiten unserer Intelligenz leid geworden sind. 1973 ist das Jahr des zweiten israelischen Krieges, des ersten Ölembargos, der fünfzehnten chinesischen Wasserstoffbombe, der fünften französischen Kernexplosion, das Jahr Watergates, der Gemeinheit, die sich überall ausbreitet, des Zusammenpralls von Polizeikommandos und Studenten in Barcelona, Bangkok und Athen… Almarik, Solschenizyn, das erste amerikanische Weltraumlabor – auf dem Weg zu welchem wahren Raum? Welcher weniger erstickenden Luft? Überall sickert es hervor, durch alle Poren der Kohleschicht, immer mehr, immer mehr, zum Guten wie zum Schlechten, zu etwas, das wir noch nicht verstehen, wie den Körper von Mutter. Es ist “der Übergang der Erde”, wie sie schon 1963 sagte. Als intensiverte das neue Bewußtsein alle Dinge, um sie wahrnehmbarer werden zu lassen; alle Umstände des Lebens, alle Krankheiten, alle Mißverständnisse, aller Streit, alles, alles ist viel akuter geworden, damit wir gezwungen sind, klar zu sehen. Das ist die Methode dieses Bewußtseins. Ich sehe deutlich, wie es arbeitet: Es übt Druck aus, damit alles, was sich in der Natur widersetzt, an die Oberfläche tritt und sich manifestiert; dadurch wird das Lächerliche und Schlechte jeder Sache deutlich und muß entweder verschwinden oder… Dann machte Mutter folgende merkwürdige und doch so aufschlußreiche Bemerkung: Genauso, wie dieses Bewußtsein die Religionen zwar nicht direkt auflösen wollte, aber doch in sie eindrang und die Schranken auflöste, so hat es sich anscheinend in den Kopf gesetzt, dasselbe für die Politik zu tun. Es schafft… keine Uneinigkeit, aber… löst den Zusammenhalt zwischen den Leuten auf – den Zusammenhalt der Religionen, den Zusammenhalt… Eine ungeheure Kraft, die keine Zusammenhanglosigkeit ist sondern ein Lösemittel. Sie nimmt die Mechanik auseinander, in ihren schlimmsten wie in ihren besten Teilen, um den “Punkt des Unbekannten” zu erreichen, wie Mutter. Wenn wir das nicht sehen können, dann entgeht uns die wahre Bedeutung unserer Geschichte. Verbringen die Kaulquappen ihre Zeit damit, die Lage im Goldfischglas zu verbessern, oder springen sie über Bord? Wir meinen, es ginge schlecht mit uns (im Goldfischglas geht es sehr schlecht), in Wirklichkeit aber geht es wunderbar, präzise und unerbittlich dem Ausgang entgegen. Auf diesen Ausgang gilt es zu achten. Wird ein vollkommener Bankrott des Mentals notwendig sein, damit die Leute verstehen? Muß alles erst in die Luft gehen, mit einer Riesen-Null am Ende?

Oder werden wir die Courage haben, unsere eigene “reglose Revolution” zu vollziehen, ein Loch in unsere ungeheure mentale Aufgeblasenheit zu stechen und einen Sprung in die reine Luft zu wagen? – Sie wartet auf nichts anderes als unsere Millionen Schreie – sie ist gegenwärtig, sie ist wirklich hier.

Es ist schwierig, alles knirscht. Das ist aber bloß der Anschein: es ist der große Druck des Lichtes – eines warmen, goldenen, machtvollen, supramentalen Lichtes – immer mehr, immer mehr, immer mehr.

Was wird geschehen?

Wird uns das letzte Jahr von Mutters Körper, dieses Ende des Labors, einige Anhaltspunkte unseres eigenen Mysteriums geben, oder muß wirklich alles in die Luft gehen, damit wir verstehen?

Der unausweichliche Sieg

Die kleine Welt um sie herum spiegelte mit Genauigkeit die große Welt wieder, mit schärferen Schatten und einigen seltenen Lichtern, wie es unter dem Lichtkegel einer Lampe zu erwarten ist. Das evolutionäre Labor stand unter Hochdruck. Alles spielte sich dort im kleinen ab. Es ging nicht um “Schüler” oder Nicht-Schüler, Gläubige oder Ungläubige, Gute oder Böse, sondern einzig um kleine irdische Muster, die alten Zutaten eines seltsamen evolutionären Gebräus, das auf großer Flamme kochte – würde es gelingen oder nicht? Das war in groben Zügen die Lage. Man spürte, daß alles vorhanden war, alle Möglichkeiten, alle Wunder, das Gift und die Lüge (in reichlichem Maße!), die alte irdische Katastrophe – der Tod, der sich anklammert, und das Wunder… wenn man will. Sie befand sich inmitten von all dem, so zerbrechlich, so grenzenlos und ruhig – ohne den Schatten einer Person in ihrem kleinen Körper: Sie war ein ungeheurer Zeuge, aktiv und schweigsam, nahm alles auf, betrachtete alles, das Gute wie das Böse, das Gift wie den Nektar – umarmte alles in ihrem großen reglosen weißen Feuer, ohne Unterschiede zu machen und ohne Mehr oder Weniger. Es war die Welt, ihre Welt. Es waren die Gegebenheiten des Problems, und jede Gegebenheit enthielt ihren unermeßlichen absoluten Sinn, als zöge der kleine schwarze Wirbelwind, der ihr Zimmer betrat, das gesamte Elend der Welt nach sich – jeder war ein Elend für sich –, und die jähe, stumme, kleine Flamme war alle Hoffnung der Erde. Das war die Lage, jeder Tag glich einem großen schweigenden Akt, dessen Schauspieler nicht wußten, um welchen Einsatz es ging. Sie erklommen die Treppe mit ihren finsteren kleinen Problemen, ihrem mikroskopischen Zwist aus einer Million Zwistigkeiten der Welt, ihrer winzigen Kleinlichkeit aus der Kleinlichkeit überall – und wer betete für die Erde? Wer trug den einzigen kleinen Schrei für die Ankunft einer endlich wahren Erde in sich, die Flamme, die den Augenblick bezwingt und das Tor aufzwingt? Sie war stumm, unermeßlich, gelassen: Sie wartete. Ich bin Millionen Jahre alt, und ich warte. Sie war das Gebet der Erde. Ich gleiche einer Glocke, die keiner erklingen läßt.

Würde der Augenblick ungenützt verstreichen? Wie 1950. Der Augenblick der Erde?

Mitnichten. Das, was sein soll, wird sein, trotz oder gerade wegen allem, sagte sie. Aber ja, eben wegen diesem ganzen Elend, wegen all dieser Kleinlichkeit, dieser Häßlichkeit, wegen all dem, was uns das Herz zerreißt und uns ersticken läßt. Es muß sein! Es muß, es muß… Sonst ist es nicht möglich, sonst ist es monströs. Ein kleines wahres Gebet, um den Augenblick zu entschlüsseln und das Tor zu öffnen. Ich ging zu ihr, wie um den Herzschlag der Erde zu zählen.

Über dieses sogenannte “Ende” zu berichten, fällt mir sehr schwer – vor allem, weil es nicht das Ende ist, es ist etwas ganz anderes, als wir uns vorstellen, selbst etwas ganz anderes, als es sich die hellsten unter uns vorstellen können – etwas vollkommen anderes, das Mysterium in Wahrheit, eben jenes, mit dem ich nun seit einem Jahr und genau 11 Monaten kämpfe, heute am 17. Oktober 1975. Das heißt, eigentlich kämpfe ich nicht damit: ich höre Mutter zu, aber mit einem so brennenden Gebet… Nein, keinen Augenblick erwartete ich diesen “Tod”, den die meisten so artig und natürlich vorhersahen. Für mich konnte Mutter nicht sterben, diese Frage stellte sich nicht einmal, das war die reine Offensichtlichkeit – es konnte sich einfach nicht so zutragen wie gewohnt. Man könnte sagen, sie hatte die Gewohnheit verloren zu sterben, es war etwas anderes – aber was? Was würde geschehen, wie würde es geschehen, war meine einzige Frage, denn die Transformation würde sich zutragen, das war klar, aber wie und auf welchem Wege? Für mich steht der Sieg fest, ich weiß nur nicht, ob es morgen sein wird oder… ich weiß nicht, welchen Weg wir nehmen werden, um dorthin zu gelangen… Es verlangt einen brennenden Glauben.

Ich kann lediglich versuchen, die Entwicklung nachzuzeichnen, die “Notizen aus dem Labor” fortzusetzen, weiter durch diesen wunderbaren Wald zu gehen, wo man nie wußte, was als nächstes geschehen würde, in der Schwebe zwischen dem Wunder und dem Abgrund, der alten Erde und dem Unbekannten, der Unmöglichkeit und allen Möglichkeiten wie durch Zauberhand. Unmöglichkeit… dieses Wort haben wir entschieden aus unserem Wörterbuch gestrichen – im Larousse steht es zwischen imposer und imposture [aufnötigen und Hochstapelei]! Wenn die Welt dieses unmögliche Wort endlich über Bord geworfen hat, wird es entschieden besser sein.

In der Zwischenzeit geschahen seltsame Dinge, und sicher war nur, daß es sich auf etwas zubewegte, immer schneller. Ich spürte, wie sie sich Schritt für Schritt in diesem “ununterbrochenen physischen Leben” zurechtfand, und all die verschiedenen physischen Störungen, die sie seit Jahrzehnten unablässig geplagt hatten, waren wie eingefroren oder manifestierten sich nicht mehr: die Herzanfälle, die schrecklichen Nervenentzündungen, Blutungen im Auge, Grippeviren, Zahnabszesse – ihre ganze Ernte des bösen Willens um sie herum. Ich weiß kaum noch, was es heißt, müde zu sein. Andererseits wurde sie von einer merkwürdigen Agonie ohne medizinische Ursachen erfaßt, die sie mitunter vor Schmerz aufschreien ließ, wenn die “Außen”-Welt sie etwas zu sehr in ihren Morast, ihre ewigen Angriffe oder zersetzenden Gedanken zog. “Mutter, was wird werden, wenn Sie nicht mehr sind17 schrieb ihr in aller Artigkeit eines der kleinen Muster. Auf diese Art ging es zu, immer mehr, immer mehr, jeden einzelnen Augenblick. Was sind schon Gedanken! Für sie aber war es, als stürzte man sie unmittelbar in den Tod. Dieser Körper ist äußerst empfindlich geworden. Betritt jemand den Raum, der mit etwas unzufrieden ist, das ich getan oder gesagt habe, fühlen sich die Nerven im Körper plötzlich wie unter Folter. Das geht von der Person aus, die gekommen ist – die äußerlich alle Zeichen der Ergebenheit usw. aufweisen mag, nicht das geringste äußere Zeichen, nichts Direktes oder Gesprochenes, und doch fühlen sich die Nerven wie gefoltert. Es muß etwas sein, das die Verbindung des Körper mit dem Göttlichen unterbricht. Die Sache wird noch ergründet. Sie “ergründete” vieles. Sie suchte mit solcher Verzweiflung das Mysterium der Zellen und der zellularen Ansteckung, jedoch für den entgegengesetzten Zweck: um in die Körper und die Materie ihrer Umgebung die wahre Schwingung zu bringen, diejenige, welche die Materie transformieren wird, die goldene Ansteckung. Der Widerstand war verbissen, zäh, die gesamte Materie widersetzte sich. Könnte das aber hineingebracht werden, wäre es das Ende der Leinwand. Sie ergründete das Problem. Bis zum Ende.

Innerhalb dieser seltsamen Verwundbarkeit (ihre Verwundbarkeit war ihr Kommunikationsmittel!), wirklich in ihrer Agonie, die nicht allein diejenige der Welt war, sondern mit einer tiefen inneren Alchemie zu tun hatte, einem inneren Wiederaufbau oder Abbau unter dem Einfluß des großen Drucks – einer komplexen Bewegung, über die sie sich keine Rechenschaft ablegte, die aber einem gesammelten Schmerz in ihrem Körper glich, als müsse er in jedem Augenblick sterben, um im selben Augenblick wiederaufzuleben –, inmitten dieser seltsamen Hölle schien sich der andere Zustand fortschreitend zu entwickeln, der andere Rhythmus oder die andere Zeit, die all das “einfror” oder in etwas anderes verwandelte. Es war weder das eine noch das andere, sondern ein unverständliches Zwitter-Dasein, leidvoll-selig, wunderbar-höllisch: Gleichzeitig besteht eine seltsame Zerbrechlichkeit, das ist merkwürdig. Man hat den Eindruck, es wäre allen gewöhnlichen Gesetzen enthoben, und… es bleibt so in der Schwebe. Etwas, das sich zu festigen sucht. Dieses “Etwas” – ja, der Zustand des Schmetterlings vielleicht, der Zustand der nächsten Spezies, diese unverständliche Sache, die sich zwischen den Maschen der Materie einzuschleichen versuchte –, alles schien darüber herzufallen, um es zu zerstören, zu verhindern. Es läßt sich nicht einmal sagen, daß die umgebenden Muster sonderlich böswillig oder schädlich waren, nein, sie stellten einfach die Erde dar, den Zustand der Erde, die Atmung der Erde, die Gewohnheit der Erde. Die Kleinlichkeit der Erde. Die alte katastrophale Gewohnheit. Die gesamte alte Gewohnheit muß einfach besiegt werden. Gar nicht so einfach. Es gleicht einem Gummiband: Jedesmal, wenn es zurückschnellt, muß man wieder von vorn anfangen; dann fühlt man sich schlecht, man… Sobald der Körper sich mit dieser Schwingung identifiziert, wird es… ein strahlender Ausdruck dieses Bewußtseins, und da wird alles “smooth”, weich, ohne Schroffheit und Schwierigkeiten, und läßt man sich in dieser Weise gehen, wird es ein Wunder. Es wird zum Wunder. Unglücklicherweise bleibt noch der ganze Einfluß der Außenwelt, der dazu führt, daß es dem Körper schwerfällt, die ganze zeit so zu sein, daß er ständig in die gewohnten Bahnen zurückzufallen droht. Aus diesem Grund kann es sich nicht ein für allemal einrichten. Das Leben könnte so wunderbar einfach und schön sein! Der Mensch hat es wahrlich schwachsinnig gemacht. Ich verstehe sehr wohl, daß dies notwendig war, um die Materie durchzuwalken, aber… der Augenblick ist gekommen, damit Schluß zu machen, diesen Zustand zu verlassen! Sie versuchte so verzweifelt, den Augenblick des Anderen in diese Materie einzubringen. Die gesamte Schwierigkeit, eigentlich die Leinwand, der trennende Filter, ergab sich aus einer widerlichen kleinen Schwingung des physischen Mentals, das nicht davon abließ, seinen alten Tod zu wollen, vorherzusehen und auszubrüten, in allen Einzelheiten – selbstverständlich, es war notwendig, um diese alte Materie aufzurühren und durchzuwalken, doch… Der Kampf zwischen den beiden Zuständen entbrannte in Mutters Körper, sie war das Schlachtfeld, jeden einzelnen Augenblick “das erbärmliche Schlachtfeld”, dort mußte sie das Gummiband auseinanderziehen: die Herrlichkeit gegen das Ersticken, das Morgen der Erde gegen ihr unaufhörliches Gestern. Ich habe meine liebe Not, das zu bewahren, rief sie eines Tages aus, denn jeder Kontakt mit der Außenwelt bringt das alte Bewußtsein zurück – ich kenne niemanden, der sich in diesem Zustand befände! Eben ein Schmetterling ganz allein in einer Welt von Raupen, welche ihn unaufhörlich in den alten Morast zurückziehen. Die kleinen Axolotl, triumphierend und voller medizinischem Fachwissen. Der Durchgang mußte aufgebrochen werden, würde er jemals durchkommen? Ihr Körper war der Ort, wo sich der Druchbruch auf der Erde zu vollziehen suchte, “sich einzurichten”, wie sie es nannte.

Es ist ein erbitterter Kampf… Wenn man dort verharrt [im wahren Bewußtsein], geht alles gut – alles geht gut; dem Körper geht es gut, alles geht gut. Aber sobald man diesen Zustand verläßt und in andere Regungen gerät, sieht man, daß alles, alles eine Welt von Widersprüchen ist – eine Welt des Chaos und der Widersprüche. Während dort alles vollkommen in Einklang steht. Das ist eine Art Demonstration, wie sehr das Ungleichgewicht, welches sich äußerlich durch das ausdrückt, was die Leute “Tod” nennen (lediglich den Tod auf der äußersten Erscheinungsebene)… wie die ganze Zeit über sozusagen beides gegeben ist: die allumfassende Harmonie, welche die Essenz des Lebens ist, und diese Zerstückelung, die scheinbare und unwirkliche Trennung, die ein künstliches Dasein hat und die den Grund des Todes bildet; wie beide derart ineinander verflochten sind, daß man in jedem Augenblick und bei jeder Gelegenheit vom einen zum anderen übergehen kann. Es ist keineswegs so, wie die Leute glauben, daß dafür etwas “Schwerwiegendes” geschehen müsse – ganz und gar nicht, der nichtigste Grund kann den Ausschlag geben. Es handelt sich schlicht darum, hier oder dort zu sein, das ist alles. Hier zu sein und hier zu bleiben, bedeutet das Ende; hier und dort zu sein [Mutter machte eine Geste zwischen beiden], ergibt ein gemischtes Leben, mit Leiden, Ärgernissen und allem möglichen. Und ausschließlich dort zu sein, bedeutet das ewige Leben, die vollkommene Macht und… Man kann nicht einmal von “Frieden” sprechen, verstehst du, es ist etwas Unwandelbares. Aber beide bestehen gleichzeitig: dieser Zustand und der andere, beide sind gegenwärtig. Der Mensch stellt eine mehr oder weniger ungeschickte Legierung aus beiden dar. Das Morgen steckt mitten im Heute, der andere Zustand findet sich mitten im Gewohnten. Ein winziges verunstaltendes Netz verändert die Schwingung beim Übergang. Wir brauchen keine Jahrhunderte zu durchlaufen, keine wundersamen Transformationen zu bewerkstelligen, keine endlosen und unabsehbaren Prozeduren mehr – es ist hier, der augenblickliche Ort, wo das Leben und der Tod sich in etwas anderes verwandeln, in das wahre Leben, das Über-Leben. Es ist beinahe eine Frage der Bewußtseinshaltung. Dann fällt der trennende Schirm. das war immer gegenwärtig. … Einige Sekunden des wahren Zustandes in seiner Reinheit bedeuten… eine ungeheure Macht. Nur… [hier rührte Mutter an das ganze Problem]… der ganze Aufbau der Welt scheint noch ein Hindernis, eine Bremse zu sein, etwas… [sie verharrte schweigend, vielleicht versunken im Anblick all der kleinen Muster um sie herum, der Spieler im großen Akt] … Und an diesem “Etwas” arbeitet das Bewußtsein. Im irdischen Bewußtsein muß sich eine Veränderung vollziehen, damit sich das einrichten kann. Siehst du, man kann dem nicht ganz allein entgehen!

Man kann nicht ganz allein der anderen Spezies angehören.

Was würde geschehen können zwischen dieser immer wütenderen Verneinung um sie herum (dabei bildete gerade diese Verneinung einen Bestandteil des Spiels, sie war das Spiel oder besser der Einsatz der Erde) und dem kleinen goldenen Atem, immer zerbrechlicher und atemloser. Doch der Sieg wird sein. Auf welchem Wege aber?… Werden wir diesen Weg des unausweichlichen Sieges aufzuspüren wissen? Es ist unser letzter Weg in Mutters großem Urwald.

Wo ist der Weg, wo liegt der Sieg, unser Sieg? Wo?

Der unausweichliche Sieg.

Die Verneinung

Der Widerspruch rückte unerbittlich näher.

Zweifelsohne dem gewollten Ziel entgegen.

Alles ist genau so, wie es sein soll.

Wir müssen nur die Bedeutung finden.

Man lebt Jahrhunderte und Jahrzehnte mit zig kleinen Bedeutungen, und alle scheinen zu nichts zu führen und sich im Kreise zu drehen. Dann kommt die Stunde der Bedeutung. Wir reihen Entdeckungen aneinander, die nichts entdecken, bis auf den Tag, wo das Einzigartige sich ent-deckt und damit alles entdeckt. Wir erreichen diese Stunde. Und der Widerspruch ist allein deshalb so schwarz, weil er uns zwingen will, seine goldene Bedeutung zu sehen. Ansonsten können wir unsere Sachen packen und uns anderswo hängen lassen – nur gibt es kein “anderswo”. Wir sitzen vollkommen in der Falle. Wie Mutter. Uns bleibt keine andere Wahl, als die Bedeutung zu finden.

Wenn ich lebe, bis ich hundert bin, werde ich eine neue Kraft und ein neues Leben erlangen. Aber… wir sind mitten in den schwierigen Jahren, sagte sie 1972. Es war eine Frage der Zeit, ein Wettlauf mit der Zeit. Wieviele Jahre sind es noch bis Hundert? – “Fünf Jahre, liebe Mutter.” – Fünf Jahre in dieser Hölle!… Das war 1973. Alles schien diesem Körper zu widersprechen, es war erstaunlich, man konnte es wahrlich nicht begreifen: Man saß in ihrer Nähe und spürte diese so unglaubliche, so ungeheuerliche Flut von Macht. Es stampfte und knetete einen und schien alles dem Erdboden gleich machen zu können (was heißt “schien”: es konnte), doch… es war, als käme nichts davon in Mutters Körper: es ging durch ihn hindurch. Sie glich einem Hauch. “Ein kleiner Hampelmann”, wie sie zu sagen pflegte… in einem Strom von unglaublicher Macht. Ein Wasserhahn, ich bin ein Wasserhahn! rief sie lachend aus, und sie ergoß all das über die Erde, nichts verblieb in ihrem eigenen Körper. Das ist sehr interessant. In seiner Erscheinung hat es etwas vollkommen Absurdes [sie bezeichnete ihren eigenen Körper] mit augenscheinlichen Schwächen, welche die Menschen verachten, und… [lachend] mit unvorstellbaren Kräften, welche sie nicht ertragen können. Seltsam! Tatsächlich sehr seltsam. Es ist zugleich die Bekräftigung einer grenzenlosen Allmacht und einer grenzenlosen Ohnmacht. All das hier, an derselben stelle [Mutter legte eine Hand dicht auf die andere]. Ich bin von meinem Temperament her vernünftig genug, den Mund zu halten; wenn ich über alles spräche, was ich sehe und was geschieht, sich anbietet…, würde man sonst sagen: Es ist um sie geschehen, sie hat ihr mentales Gleichgewicht verloren, sie hat einfach den Verstand verloren! Also betrachte ich die Lage sehr sorgfältig und sage mir: “Nehmen wir eines ihrer ach so wichtigen Probleme – für sie sind es Fragen von Leben und Tod – betrachten wir das sehr genau und seien wir dabei ein wenig ernst!…” [und sie lachte und lachte]… Aber es geht schon noch, das Gleichgewicht besteht noch! Ja, ihr war dieser wunderbare Humor eigen, der sie vor dem abgrundtiefen Blödsinn rettete, mit dem man sie beständig überschüttete. Wenn der allgemeine Zweifel angesichts der Ohnmacht ihres Körpers sie zu sehr bedrängte, entfuhr ihr mitunter doch ein Aufschrei: Aber so viele haben das auch getan: Sie gingen anderswohin, in eine mehr oder weniger subtile Welt. Weißt du, es gibt Millionen Arten zu fliehen – und allein eine einzige, hier zu bleiben, und zwar Courage und Durchhaltevermögen zu zeigen, all diese Erscheinungen der Gebrechlichkeit, der Ohnmacht, der Unverständigkeit, all das anzunehmen… was eine Verneinung der Wahrheit bedeutet. Wenn man es nicht annimmt, wird es sich ja niemals ändern! All diejenigen, die großartig, leuchtend, stark, mächtig und so weiter bleiben wollen: Mögen sie bleiben, wo sie sind, sie können nichts für die Erde ausrichten!

Warum, warum nur diese vollkommene Verbindungslosigkeit mit ihrem eigenen Körper? Ein Tausendstel, ein Millionstel von dem, von diesem Katarakt der Macht, hätte sie über Jahrhunderte hinaus getragen, als wäre es ein Augenaufschlag. Und ich verstand, ohne zu verstehen – ohne das unermeßliche Mitgefühl zu verstehen, das die Dinge leitet. Wenn Das käme, würde es zu viele Dinge zerstören, sagte sie bereits 1965. Wenn diese leuchtende Macht kommt, ist sie so kompakt, so dicht, daß es den Eindruck macht, viel schwerer als die Materie zu sein; alles ist voller Schleier, Schleier, Schleier, andernfalls wäre es… “unbearable”… unerträglich. Aber, dachte ich unschuldigerweise, warum könnte es nicht einen kleinen Tropfen davon geben? Sie erklärte es mir mit ihrer Engelsgeduld: Diese Macht ist wirklich allmächtig. Das heißt, sie besteht ganz und gar, vollkommen, ausschließlich. Sie enthält alles. Da aber nichts verschwinden kann, ist das, was ihrer Schwingung entgegensteht, gezwungen, sich zu verändern, und diese unmittelbare und sozusagen gewaltsame und absolute Veränderung würde in der gegenwärtigen Welt eine Katastrophe bedeuten. Ein Tropfen oder alles bedeutet selbstverständlich dasselbe; das ist nur wegen der Dickfelligkeit unserer Kruste auszuhalten.

Man brauchte nur zu beobachten, wie das kleine Labor um sie herum überkochte, um das zu verstehen. Man könnte meinen, der Ashram wäre der Mittelpunkt des Widerstands gegen Das Werk – aber wohlverstanden, Sri Aurobindo wußte es seit fünfzig Jahren! Hier war das Symbol aller Schwierigkeiten der Erde. Als wollte sich eine übermenschliche Macht durch Jahrtausende der Ohnmacht manifestieren. Dieser Körper hier besteht aus Jahrtausenden der Ohnmacht. Und da bemüht sich und drängt eine übermenschliche Macht, um sich zu manifestieren. Das ist die Situation. Und mit welchem Ergebnis? Das weiß ich nicht… Ich glaube, das Ergebnis ist unter den gegenwärtigen Umständen der Erde unmöglich; es wäre ein Wunder, das zu viele Dinge umstieße. Die Folgen wären schlimmer als…

Wohin konnte das führen, wenn einerseits der Körper durchhalten, Zeit gewinnen mußte, und gleichzeitig das menschliche Umfeld nicht nur keine Geduld dafür aufbrachte, sondern darüber hinaus das, was die Veränderung gestattet hätte, nicht aushalten konnte?

Sie steckte in einem unlösbaren Widerspruch. Es wurde immer schwieriger, einen kleinen Mundvoll Glukose zu schlucken. Der Eindruck, an einem seidenen Faden zu hängen… in einer völlig verfaulten Atmosphäre – voller Ungläubigkeit, Nichtigkeit und bösem Willen. Ein solch hauchdünner Faden, daß es ein Wunder ist, daß er nicht reißt. Und sie verstehen noch nicht einmal, daß diese Schwingung der Wahrheit, wenn sie sich durchsetzte, ihre Zerstörung wäre! Die Zerstörung dessen, was sie zu sein glauben… Das Wunder, das Wunder ist dieses unendliche Mitgefühl, das in seiner Nachsicht nichts zerstören will: Es wartet. Es ist hier, gegenwärtig in seiner ganzen Allmacht, in der Fülle seiner Kraft… und es bestätigt lediglich seine Gegenwart, ohne sich durchzusetzen, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Ein wunderbares Mitgefühl. Und all diese Narren halten das für Ohnmacht!

“Mutter ist zu nichts mehr fähig”, war ihr beständiger Refrain, “mit Mutter geht es schnell bergab”… Einige konnten sich nicht enthalten, eine Anzeige zu verteilen: “Seien wir gefaßt, sie wird uns verlassen!” Tatsächlich “eine vollkommen verfaulte Atmosphäre”. Also?

Man könnte beinahe lakonisch eine Zusammenfassung all ihrer kleinen Aufschreie geben, die wie Hilferufe an die Erde waren:

– Es scheint ein wachsender machtvoller Druck zu bestehen, der alle Schwierigkeiten an die Oberfläche treten läßt. Die Leute streiten sich, die… ach! auf der ganzen Welt ist es so.

– “Sie ist alt, sie ist alt…” Das allein schafft eine Atmosphäre des Widerstands gegen die Veränderung. Es schafft beinahe einen Konflikt im Wesen. “Das ist unmöglich, das ist unmöglich, das ist unmöglich…” von allen Seiten.

– Das Umfeld hilft in keiner Weise. Meine unmittelbare Gefolgschaft hat keinerlei Vertrauen.

– Ich bin bereit, 200 Jahre zu kämpfen, wenn es sein muß, aber die Arbeit wird getan werden.

– Ich denke wirklich, daß sich unter den Kindern diejenigen finden, mit welchen die neue Rasse beginnen kann. Die Menschen sind… verkrustet. Sie sind alle veraltet, ich bin die einzige Junge! Das ist es, verstehst du, diese Flamme, dieser Wille… sie geben sich mit kleinen persönlichen Genugtuungen zufrieden, die zu nichts führen. Während man spürt, daß man das Kommen beschleunigen könnte, wenn man… wenn man ein Eroberer wäre! Im Grunde ist ihnen das aber egal.

– Nur indem man sich verzweifelt an das Göttliche klammert – an das reinste und mächtigste Göttliche –, läßt sich eine… allgemeine Katastrophe vermeiden. Man darf keine Minute verlieren, man muß sich die ganze Zeit, die ganze Zeit an das Göttliche klammern, um Es zu bewegen, hierherab zu kommen. Andernfalls… Folglich benötige ich… es ist nötig, daß all jene, die mich lieben, mich verstehen. Wir müssen uns unbedingt von allem befreien, was uns herabzieht, um wahrlich bereit zu sein, diesen Göttlichen Willen zu empfangen. Daher die Dringlichkeit… die erschreckende Dringlichkeit. Es bleibt nichts, nichts, einzig und allein ein Wille, eine Aspiration, ein alles überschreitender Bedarf: Oh, das Reich des Göttlichen muß kommen!… Ich bin in Eile.

– Wenn es schneller ginge, würde es alles zerbrechen.

– Es ist an der Zeit, entschieden Stellung zu beziehen: daß all das (Krankheit, Tod, Schmerz), all das unwirklich ist. Es ist Zeit.

– Sri Aurobindo sagte und schrieb: “The time has come – die Zeit ist gekommen.” Weil er gegangen ist, dachten die Leute, er habe sich geirrt.

– Es gibt nur eine Richtung: dem Göttlichen entgegen. Und wie du weißt, ist es ebenso innen wie außen, oben wie unten. Es ist überall. In der gegenwärtigen Welt müssen wir das Göttliche finden und uns an Es klammern – an Es allein, dies ist das einzige Mittel.

– Der Körper sieht sehr deutlich und klar den wunderbaren Schutz, der über ihm ist, andernfalls wäre er schon in Stücke gerissen worden.

– Wenn ich in meine normale Atmosphäre eintreten kann, ist es, als würde alles verschwinden, nichts schmerzt mich mehr. Dann kommt es wieder von außen gleich einem wütenden Angriff: Die Leute streiten sich, die Umstände gehen schief, alles mögliche. Und all das schleudert man auf mich, da…

– Über Jahrhunderte und Aberjahrhunderte wartete die Menschheit auf diese Stunde. Sie ist gekommen… Wir wollen eine Rasse ohne Ego.

– Etwas sein, das keinen Widerstand hinzufügt… ein klarer Übermittler.

– Bevor sie stirbt, entfesselt sich die Lüge. Die Menschen aber verstehen nur die Lektion der Katastrophe. Muß sie eintreten, um ihnen die Augen für die Wahrheit zu öffnen?… Allein die Wahrheit kann uns bewahren.

– Ich hatte gerade eine phantastische Vision… die Wiege einer Zukunft… die nicht sehr fern ist. Eine Zukunft… ich weiß nicht. Gleich einer un-ge-heu-ren Masse, die über der Erde hängt.

– Alle schönen Träume werden wirklich werden, in einer viel wunderbareren Wirklichkeit als alles, was wir erträumen können.

– Ich muß immerzu an die Passage bei Sri Aurobindo denken: “Gott wird in der Materie heranwachsen…” Und man sieht die Göttlichkeit in der Materie wachsen – “… während die Weisen schwatzen und schlafen18 Das trifft es genau.

– Es besteht die Möglichkeit eines ungeheuren Erfolges, nicht im blauen Dunst sondern hier.

– Es gibt kein “man muß abwarten”, kein “das braucht seine Zeit”, kein… all diese sehr vernünftigen Dinge greifen nicht mehr. Es ist das, einer Schwertklinge gleich. Es ist Das allem und jedem zum Trotz: das Göttliche. Einzig und allein das Göttliche. Alles übrige ist Lüge – Lüge, Lüge und wieder Lüge, die verschwinden muß. Es gibt nur eine Wirklichkeit, nur ein Leben, nur ein Bewußtsein: das Göttliche.

– Es wird ein Wunder geben. Ich weiß nur nicht welches. Man sieht, man sieht sehr deutlich, daß die Umstände sich auf solche Weise zutragen, daß die Dinge plötzlich aufbrechen werden. Aber wie? Ich weiß es nicht.

– Man hat den Eindruck, am Rande eines Abgrunds zu stehen – man kann sich keinen falschen Schritt leisten. Ganz als übte das Bewußtsein Druck auf die Umstände aus, damit sie entschiedener werden.

– Selbst wenn sich ein einziges Wesen getreu in den Dienst der Wahrheit stellt, so kann es die Länder und die Welt verändern.19

– Allein gewalttätige Umstände könnten die Transformation aufhalten…

– Es gibt Leute, die katastrophale Suggestionen aussenden. Der Körper kämpft und kämpft, um ausschließlich die Suggestionen des Göttlichen zu empfangen. Aber es gibt noch Einmischungen.

– Das Gefühl des Körpers ist, als wäre ich so groß wie die Welt und nähme alles in meine Arme, wirklich wie eine Mutter das mit ihren Kindern tut. Ich kann es nicht erklären… Später.

– Alles wird zum Unbehagen – ein andauerndes Unwohlsein –, als ließe man meinen Körper all das durchleben, was verschwinden soll. So ist es andauernd. Alles: die Dinge von außen, die Dinge von innen, diejenigen, welche man die “anderen” nennt, jene, welche den Körper betreffen, alle, alle. Es ist schrecklich, schrecklich, schrecklich… Als häuften sich die Widersprüche in mir, damit ich die Arbeit verrichte – “ich”: ich weiß nicht, wer das ist. Dieser Körper, dieser arme Körper, sein ganzes Leben ist wie eine Verneinung dessen, was ihm als… die zu verwirklichende Schönheit erscheint.

– Ich möchte lieber nichts mehr sagen.

– Als würde sich die Schlacht der Welt in meinem Bewußtsein austragen. Das ist nicht allein eine Person sondern das Unterbewußte der Erde. Es ist endlos. Dennoch gilt es… Denn dem ein Ende zu setzen, würde das Ende der Arbeit bedeuten. Damit fortzufahren bedeutet, daß mehr Zeit nötig ist… Ich weiß nicht… es ist endlos. Als wäre dieses Bewußtsein das Verbindungs- und Handlungszentrum. So weiß ich kein anderes Mittel, als ruhig zu bleiben, ruhig bleiben: die göttlichen Strahlen durchlassen! Das ist die einzige Lösung. Man muß es dem Göttlichen überlassen… die Schlacht auszufechten.

– Eine Wonne ist hier, bereit für uns.

– Der geringste Widerspruch, der in die Atmosphäre dringt, verursacht ein solches Unbehagen, daß ich das Gefühl habe, es nicht ertragen zu können… Es ist… Ich weiß nicht… eine schmerzhafte Verneinung.

– Das endgültige Ergebnis ist offensichtlich.

– Ich könnte schreien… Bleibe ich reglos, so habe ich eine beinahe unbegrenzte Macht. Und bin ich in meinem Körper, fühle ich mich so unwohl…

– Es ist so akut geworden. Und gleichzeitig das Wissen: Jetzt ist der Augenblick, den Sieg zu erringen. Etwas, das von oben kommt, etwa so: Halte durch, halte durch, jetzt ist der Augenblick, den Sieg zu erringen!

Was konnte geschehen?

Was würde der letzte Weg zum “offensichtlichen” endgültigen Ergebnis sein, dem unausweichlichen Sieg allem zum Trotz oder gerade wegen allem? Ja, gerade wegen allem. “Das Reich des Göttlichen muß kommen, es muß kommen…”

Oder was sonst? Wieder von vorn beginnen?

19. Kapitel: Die unmögliche Lösung

Sie war so unermeßlich und vollkommen still inmitten der großen Schlacht, die hier ausgefochten wurde. Man trat in ihre Atmosphäre ein wie in eine Unermeßlichkeit von frischem weichen Schnee, der doch in seiner Reglosigkeit so ungeheuer brennend war. Man ging weit, so weit – und immerfort, und doch war es hier. Man war daheim wie im tiefsten inneren Zufluchtsort, und doch schlug der Puls der Welt darin. Man badete in Liebe, und doch war es ein mitleidloser Krieg… im vollkommenen Schweigen, wie jenseits aller Kriege, als wären sie seit jeher gewonnen. Ihre Worte wie kleine Tropfen, ihr Hauch durch alle Ewigkeiten trugen das Feuer, beschrieben die Hölle oder die Herrlichkeit, den Widerspruch und die Frage wieder und wieder in einer so gleichmütigen Tonlage, als schilderten sie einen fließenden Fluß: Hier fließt er nach rechts und dort nach links. Es war die transparente Wahrheit, ohne Schattierungen, ohne Kräuseln: rein, unpersönlich. Und doch war sie es.

Und um so zärtlicher, wenn sie lachte.

An der Schwelle eines großen Geheimnisses

Sie lachte kaum noch, das ist wahr. Es wurde sehr beklemmend die letzten Jahre. Aber dieser Eindruck stammte niemals von ihr. Der Ernst der Lage wurde niemals deutlich, außer dadurch, daß sie mehr und mehr von dieser seltsamen Zeit gefangen genommen wurde. Um sie herum herrschte solch ein Bad dichter und leichter Ewigkeit, daß es unmöglich war, sich vorzustellen, wo und wie es je enden könnte. Es war klar, daß es dort keinen Tod geben konnte. Aber es gab all diese tödlichen Blicke um sie herum. Darin bestand der Anschlag. Ihre 95 Jahre hätten ohne Unterschied auch 395 Jahre sein können, aber für die anderen zählte die Zeit. Man hatte noch nicht einmal den Eindruck, daß ihr Körper älter wurde – “alt” war ein solch unpassendes Wort in Mutters Nähe –, aber all diese Augen… Ich erinnere mich mit neuem Verständnis jener Worte, die sie eines Tages geäußert hatte: Ich habe den Eindruck, daß die sichtbare Form wenigstens ebensosehr das Ergebnis der Art und Weise ist, wie man von anderen gesehen wird, wie der Art, wie man selber ist. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll… Wenn jemand anders einen sieht, sieht man sich in der Art und Weise, wie andere einen sehen. Es gibt jedoch eine Seinsart, die vom wahren Bewußtsein hervorgebracht wird, die auf eine vollkommen konkrete Weise wahrgenommen wird, die zwar nicht direkt im Widerspruch steht, aber doch ganz anders ist als die Art, wie andere einen sehen… Aus diesem Grunde gilt es, etwas zu finden, damit es unabhängig vom Einfluß der anderen ist. Vielleicht werden wir niemals ermessen können, wie herrlich geschmeidig und fließend die Materie, die körperliche Materie eigentlich ist, nur geronnen und hypnotisiert von einer Gewohnheit. Tatsächlich ist die Welt vollkommen verformt. Die Materie ist vollkommen verformt. Sie kann wunderbar anders sein, wenn man aus der Hypnose auftaucht – wenn man anders sieht. Wenn man anders ist. Mutter wurde alt und sterbend gesehen, darin lag die ganze schreckliche Geschichte. Sie kämpfte nicht für sich selbst, sie kämpfte darum, einen Zipfel Materie von dieser entsetzlichen Hypnose zu befreien. Ach, wie die anderen alle nur an den Tod glaubten! Die Macht des Todes besteht darin, daß sie alle sterben wollen! rief sie eines Tages aus.

Aber es gab die “andere Art”, das “Ergebnis des wahren Bewußtseins”, dieses “Kind der Zellen”, das sich langsam durch das Gebet des Körpers, die Aspiration des Körpers, die millionenfache Wiederholung des Mantras Tag und Nacht gestaltete. 1972 sah sie den neuen Körper ein zweites Mal: Ich weiß nicht, ob das der supramentale Körper ist oder ein Übergangskörper, aber ich hatte einen gänzlich neuen Körper, und zwar war er geschlechtslos… er war sehr schlank, hübsch, wirklich eine harmonische Form. Besonders der Rumpf war ganz anders, die Atmung. Die Schultern waren breit. Dem kam eine große Bedeutung zu. Die Brust war weder weiblich noch männlich. Und all das, Magen, Bauch bestand nur als Kontur, eine sehr schlanke und harmonische Form, die aber bestimmt nicht denselben Zweck erfüllte wie in unserem gegenwärtigen Körper… Was sich offensichtlich sehr ändern wird – und was sehr wichtig geworden war –, war die Atmung. Davon hing dieses Wesen größtenteils ab. Ich sagte Mutter: “Mehrmals hatte ich den Eindruck, daß es eher eine Konkretisierung des anderen Körpers als eine Transformation des alten sein würde.” – Ach! Aber wie? – “Ja, den Übergang kennen wir nicht. Aber anstatt daß dieser hier der andere wird, nimmt jener den Platz von diesem hier ein.” – Ja, nur wie?… Wenn derjenige, der ich vorgestern Nacht war, sich materialisierte… Nur wie?… Wie vollzieht sich der Übergang? Für die meisten Menschen gleicht dieser Übergang dem Schritt vom Wachzustand in den Schlaf und umgekehrt. Es ist immerhin noch Schritt. Es ist immerhin noch dies und das [Mutter wendete zwei Finger, um das Kippen oder eine Umkehrung des Bewußtseins vom einen Zustand in den anderen anzudeuten]… Wir wissen nichts, es ist seltsam, wie wenig wir wissen!

Für sie gab es keinen “Übergang” mehr, keine Seite des Schlafens und des Wachens, keine Seite des Todes und der sogenannten Lebenden. Für sie war alles eins: ihr seltsames, paradoxes Leben wie in zwei Welten (die allein für uns und unsere verzerrte Sichtweise im Käfig zwei Welten sind). Sie schuf dieses Über-Leben, in dem es keine “Seiten” mehr gab. Ich sehe eine Fülle von Naturszenen, wie Felder und Gärten, aber alles wie hinter Netzen! berichtete sie lachend. Diese Netze stellten auf so sichtbare, manifeste (und symbolische) Weise das Netz dar, das uns von der “anderen Seite” trennt. Ich konnte es beinahe sehen, während Mutter sprach; ich sah beinahe die leichten Netze der Fischer, zum Trocknen aufgehängt im Winde wehend, zwischen ihr und einer wahren, so lächelnden Erde. Ein Netz hat eine Farbe, ein anderes hat eine andere… Und es ergibt einen Sinn. Alles befindet sich hinter einem Netz, man ist wie… man bewegt sich wie mit Netzen! Aber da ist nicht nur ein Netz: das Netz hängt in Form und Farbe davon ab, was sich dahinter befindet. Es gleicht… einem Kommunikationsmittel. Verstehst du? Zum Glück spreche ich nicht darüber, sonst würden sie glauben, ich verliere den Verstand. Und all das mit offenen Augen, am hellen Tag! So sehe ich zum Beispiel mein Zimmer (wenn ich hier bin und Besucher empfange), und gleichzeitig sehe ich diese oder jene Landschaft, und das ändert sich und bewegt sich, wie mit einem Netz zwischen mir und den Landschaften. All das ist sehr hübsch, und man kann sich sehr wohl die Art und Weise des Über-Lebens vorstellen… ohne Netze (!) – in der Zwischenzeit aber bleibt ein enormer Schirm mit einem vielleicht sehr geschmeidigen Körper in der wahren Materie und einem anderen, der in dieser Materie hier sehr schlecht gesehen wird und den man in die Zersetzung treibt. Also, was ist zu tun? Am Tag, wo der Schirm fällt, wird es sehr schön sein (es sei denn, es wird eine andere Art von Katastrophe), jedoch haben wir den Eindruck, daß, damit er fallen kann, sich gerade die gegenwärtige Materie öffnen muß, den Durchgang im eigenen Fleisch schlagen muß, sich selbst aus der bleiernen Fixierung der allgemeinen Hypnose herausreißen muß. Genau das vollzog sich schmerzlich in Mutters Körper inmitten der ungeheuren kollektiven Verneinung. Dieser “alte Apparat”, wie sie ihren Körper nannte, war der Ort der Erfahrung, man kann sagen, der Ort des Übergangs – wo sollte es durchkommen, wenn nicht dort? Durch welchen anderen Spalt der allgemeinen Materie würde es sonst gehen? Es ging nicht darum, den alten Lumpen fallen zu lassen, um in einer weniger elenden Geschichte herumzutollen: Hier trug es sich zu, in diesen 95 Jahren, die so schlecht gesehen wurden. Und wenn niemand um sie herum die Transformation wollte, wo, was oder wer würde es dann wollen in dieser verfluchten kollektiven Materie? Das evolutionäre Labor war ganz und gar repräsentativ. Hier wurde “die Schlacht der Welt” ausgefochten. Mutter stieß gegen das ewige Mysterium: “Es ist seltsam, wie wenig wir wissen.” Und die Zeit drängte: Es muß schnell gehen.

Mitunter traf man sie in Betrachtung versunken, ihre rechte Hand auf die Lippen gelegt, und man spürte eine solche Intensität der Frage. Sie betrachtete die Bedingungen, die unerbittlichen Bedingungen, und welchen Ausweg? Es ging ja nicht um einen Ausweg für ihren Körper! Es ging um einen Ausweg für die Erde. Aber wer wollte ihn gehen? Wer? Wo war die kleine reine Flamme in all diesem Morast, der sich mit seinem offiziellen yogischen Lächeln in Weiß drapierte – ach, es gab sehr wohl auch die anderen, von denen nie die Rede ist, die keinen Namen und keinen Titel hatten, die unbemerkt für die Liebe wirkten, das Geschirr wuschen, die Automotoren ölten, diejenigen, denen man gelegentlich mit einem so schönen kleinen Leuchten in den Augen begegnete, wegen ihnen konnte Mutter durchhalten; dabei konnten diese sie so gut wie nie besuchen, sie konnten ihr nicht einmal den Hauch ihrer reinen Liebe bringen. Aber es blieb der ganze finstere Panzer um sie herum, und darin mußte sie arbeiten, dieser Verneinung galt es, einen Schrei der Zustimmung abzuringen. Wie sehr sie sich damit abmühte! Mitunter erschien es hoffnungslos. Wenn es eine Gewißheit gäbe, wenn Sri Aurobindo beispielsweise sagte: Genau so ist es. Dann wäre es ganz einfach. Was aber schwierig ist… verstehst du, man ist von Leuten umgeben, die einen für krank halten und einen auch so behandeln; man ist umgeben von einer Gewißheit, daß man sich mit großer Geschwindigkeit dem Ende nähert. Der arme Körper muß sich mit all dem herumschlagen und weiß nicht, was kommt. Er kümmert sich nicht darum, aber er hat auch keine Gewißheit, wie es ausgehen wird. So bleibt ihm einzig, sich ruhig zu verhalten, Vertrauen zu haben… und Ausdauer zu beweisen.

Sri Aurobindo sagte nichts, wohlverstanden! Der Körper mußte die Antwort finden. Und die Antwort zu finden, heißt für den Körper, sie auszuführen. Dennoch spürte man, wie sie sich unsichtbar etwas näherte, trotz oder gerade wegen diesem Widerspruch, man spürte sie immer schneller zwischen zwei Extremen hin und her schwingen, zwischen Herrlichkeit und Zerstörung, zwischen Sieg und Abgrund, als würden beide sich in einer unglaublichen anderen Sache verbinden. Ja, man spürte, wie nahe es war: Je rasender und verzweifelter es wurde, desto deutlicher und greifbarer wurde es auch. Mutter wußte nichts; sie lernte die Inexistenz, um in diesem entsetzlichen Hin und Her zwischen einer Seite und der anderen existieren und durchhalten zu können. Sie stellte die Brücke her. Sie war die Brücke. Näherte sie sich dem endgültigen Tod, oder war es etwas anderes? Die Lehre der persönlichen Nichtexistenz. Das Göttliche auch nur eine Minute zu vergessen, wird zur Katastrophe. Von Zeit zu Zeit besteht für einige Sekunden das wahre Bewußtsein der Wonne – aber nur von Zeit zu Zeit und für einige Sekunden. Das ist alles. Sonst ist es die Schlacht. Ein, zwei Mal für einige Sekunden: ah!… dann ist es vorbei. Ist es notwendig, diesen Körper zu verlassen, um einen anderen zu bauen? Ich weiß es nicht… Das entspricht nicht… Mir ist nie gesagt worden, daß es so sein würde. “Was soll denn hier geschehen, wenn du gehst?” protestierte ich. “Man hat das Gefühl, daß die einzigen Augenblicke, in denen man atmen kann, diejenigen sind, wo man dir nahe ist!” – Aber er wünscht nicht zu gehen. Er weiß es nicht. Allein… entweder muß etwas geschehen, damit der Körper geschmeidiger wird und sich transformieren kann, oder sonst wird es erst in einem anderen Leben geschehen. Aber ich gebe zu, daß… Sri Aurobindo sagte mir selber: “Ach! All das wieder von vorne anfangen, die ganze Kindheit, die ganze Unbewußtheit – nein.” Bevor er ging, sagte er: “Nein, ich komme erst zurück, wenn es in einem supramentalen Körper geschehen kann.” Es muß aber Leute geben, die beliebig lange durchhalten können. Ich habe den Eindruck, daß dies möglich ist. Ich kann über Stunden so verharren, in einer Art empfangender Andacht, und sie verstreichen wie eine Sekunde. Die Zeit ist wirklich sonderbar… es gibt keine Zeit mehr. Ich fühle mich… an der Schwelle eines großen Geheimnisses… es ist allerdings kein mentales Geheimnis, man löst es nicht durch Gedanken. Es ist… “Etwas”.

Die große Reglosigkeit

Das große Geheimnis kennen wir nicht oder noch nicht. Es kann nicht etwas in eine mentale Formel Eingeschlossenes sein – aber vielleicht eine neue Funktionsweise innerhalb der Materie. Was kann das große Geheimnis der Raupe sein, die den Schmetterling sucht, ohne zu wissen, was ein Schmetterling ist und was sie da einwickelt wie ein Tod? Mutter wußte es nicht, sie sprach immer weniger, und das Sprechen wurde sehr schwierig: Unsere Gespräche wurden sogar belauscht. Sie hatte keinen einzigen Zufluchtsort mehr außer dem wachsenden “Etwas”, in das sie mich mitzunehmen suchte, indem sie mich schweigend bei der Hand nahm. Sie schaffte eine letzte Verbindungslinie, sie wollte mich mit dem Ort der Erfahrung in Verbindung bringen. Eines Tages trat sie brüsk aus der Erfahrung heraus, als würde sie von etwas Zwingendem dazu angehalten: Ich möchte dich jeden Tag sehen. Man rief einen der Assistenten, setzte eine Zeit fest… schließlich blieb es bei einem einzigen Mal… Dann war es “nicht mehr möglich” – es gab unzählige Gründe dafür, daß es “nicht möglich” war. Die Mauer der Verneinung umschloß sie langsam und unerbittlich. Ich habe keine Kontrolle mehr. Ich habe die Gewohnheit aufgegeben, zu sagen: “Ich will.”

Etwas drängte sie unausweichlich einem unmöglichen Punkt entgegen – oder war das vielleicht genau der Ort der Lösung? Gleichzeitig schien sich “etwas” zu entwickeln – handelte es sich um dasselbe “Etwas”? Das andere Gesicht der Verneinung, den Hebel im Hindernis? Wir verstehen nie auch nur das geringste von der Welt, weil wir die Dinge immerfort “widersprüchlich” sehen. In Wahrheit ist alles ein Mysterium. Wir werden erst verstehen, wenn wir am Ende angekommen sind. Diese Erfahrung der Zeit ist mir unverständlich… Ach, ich spüre, ich weiß – ich weiß mit Sicherheit, daß mein Körper an etwas anderes gewöhnt wird. An was? Man konnte meinen, alles drehe sich um diese Frage der Zeit. Das Leben ist eine Tortur, wenn ich mich nicht ausschließlich dem Göttlichen zuwende. Es ist das einzige Heilmittel. Andernfalls ist das Leben eine Folter. Das Dasein wird unerträglich. Das einzige Heilmittel ist, dort zu sein, wo die Zeit nicht existiert. Was geschah in ihrem Körper?

Die Notizen aus dem Labor wurden immer spärlicher und lakonischer: Ich schreite auf einer sehr dünnen und engen Linie voran. In jedem Augenblick mußte sie ein schwindelerregendes Gleichgewicht zwischen einem undefinierbaren “Etwas” – dem “Wunder”, wie sie es nannte, vielleicht dem Zustand der nächsten Art – und dem Tod der alten Spezies wahren. Ein lebender Tod. Es gleicht einem Druck, einem entsetzlichen Druck, um den gewollten Fortschritt zu erzielen. Ich spüre ihn in mir für meinen Körper… Tatsächlich handelte es sich um den Körper der Welt. Dabei hat mein Körper keine Furcht, er sagt sich: “Gut, wenn ich aufhören soll, dann ist Schluß.” So ist es jede Minute: die Wahre Sache… [Mutter senkte ihre Faust] oder das Ende. Bei Mutter bestand diese außergewöhnliche Mischung aus unstörbarem Frieden, so ungetrübt, so unermeßlich, so sehr jenseits von allem, und gleichzeitig diesem beinahe schonungslosen, schrecklichen Willen in absoluter Ruhe. Ich konnte schon so manches sehen in diesem Dasein, dennoch bekam ich mitunter in Mutters Gegenwart eine Gänsehaut. Sie glich einem Schwert aus lebendigem Licht. Jede Minute ein Imperativ: Leben oder Tod. Nicht dieses Ungefähr, das nun schon endlos andauert. Über Jahrhunderte war man weder ganz wohl noch ganz übel – damit ist es vorbei. Der Körper weiß, daß er für die Bildung des supramentalen Körpers gänzlich unter dem Einfluß des Göttlichen stehen muß – kein Kompromiß, nichts Ungefähres, kein “es wird schon kommen”, nein: so [Mutter senkte wieder ihre Faust], ein schrecklicher Wille… Dabei ist es ungeheuerlich, denn es besteht eine andauernde Gefahr. Siehst du, vielleicht hundert Mal während des Tages entsteht das Gefühl: Leben oder (für die Zellen, nicht wahr), Leben oder Zersetzung… Da fragt man sich, ob es nicht das Leben und die Zersetzung war, ob dies nicht das unmögliche Paradox war. … Wenn sie sich nicht verkrampfen, wie sie es gewöhnlich tun, geht alles sehr gut. Es ist so, als würde der Körper durch eine Art Nötigung dazu angehalten, die Ewigkeit zu erlernen.

Stets wurden wir durch alle erdenklichen Umwege zu dieser anderen Zeit zurückgeführt, als läge dort der Schlüssel.

Schließlich traf ein letzter Schlag. Es war im April 1973. Mutter nannte diese Operationen die “Übertragungen”. Der Reihe nach wechselten alle Körperfunktionen, alle Organe ihre “Autorität”, das heißt, sie gingen von der gewohnten automatischen Funktionsweise der Natur zur bewußten Funktionsweise des großen Bewußtseins über, zur supramentalen Funktionsweise, die Mutter und Sri Aurobindo den “bewußten Automatismus” nannten. Man hängt die alten Naturgesetze ab und heftet sich an den anderen Rhythmus. Eines Morgens, noch sichtlich mitgenommen, sagte Mutter einfach: Mein Nervensystem wird jetzt auf das Supramental übertragen… Mein Eindruck ist… das ist schlimmer als der Tod. Es war die letzte Übertragung. Das heißt, daß in ihrem Körper nichts mehr dem alten Gesetz gehorchte. Vielleicht war es der letzte Faden oder der endgültige Übergang zum anderen Zustand. Es ist leicht verständlich, daß es ganz und gar unerträglich wurde, sich dieser Operation lebenden Leibes zu unterziehen und gleichzeitig die Leute anzuhören, Schecks zu unterschreiben und tausend Gifte von allen Seiten schlucken zu müssen. Die Raupe spinnt sich aus gutem Grund einen Kokon, um die Operation zu vollziehen. Doch ich glaube… ich glaube, ich kann die göttliche Schwingung vermitteln. Wenn du also bleiben möchtest… Und sie nahm meine Hand, um mich in die Erfahrung zu führen; vielleicht wollte sie, daß ich auch den Schlüssel berühre. “Aber bei dir ist es eine Sturzflut!” rief ich aus. “Man meint, in einem Läuterungsfeuer zu stehen… das weitet, erfüllt einen – es ist das. Seit du dem Anschein nach machtlos geworden bist, habe ich diesen Eindruck…” – Hör zu, unterbrach sie mich, ich habe eingewilligt. Der Herr fragte mich, ob ich mich der Transformation unterwerfen wolle, und ich sagte ja – ich hätte auf jeden Fall ja gesagt. Nur… für das gewöhnliche menschliche Bewußtsein scheine ich verrückt zu werden.

Gleichzeitig – gleichzeitig – gestaltete sich ein so bizarres und so neues Phänomen in ihrem Körper… Vielleicht war es tatsächlich das “gefährliche Unbekannte”? Gefährlich, weil man nicht weiß, was es ist, weil es neu ist. Fände eine Raupe den Zustand des Schmetterlings nicht gefährlich? – Glücklicherweise weiß sie nichts. Aber Mutter zählte jeden Augenblick. Es ist so anders, daß man sich fragt… Mitunter frage ich mich, wie es möglich ist. Zu Zeiten ist es derartig neu und unerwartet…, daß es beinahe schmerzlich ist. Was geschah? Wir wollten so sehr verstehen, spüren… Das “Unerwartete” wuchs, nahm zu, entwickelte sich unerklärlicherweise: es war sichtbar, es gab eine Beschleunigung… auf was zu? Eines Morgens im April 1973, während ich seit vielleicht einer halben Stunde tief mit ihr in die Erfahrung getaucht war, öffnete sie plötzlich die Augen: Warum möchte ich laut aufschreien? Ich war wie vom Donner gerührt. Sofort dachte ich, ich hätte unversehens irgendein Gift mitgebracht – man ist so voll von allem möglichen kleinen Elend: “Ich frage mich, ob das nicht von mir ausgeht?” – Nein, mein Kind, mir geht es die ganze zeit so – das hat nichts mit dir zu tun. Es ist etwas… Es ist überhaupt nicht schmerzhaft, aber etwas… Und sie verharrte in Betrachtung des großen gelben Flammenbaums vor ihr – etwas, das einen aufschreien läßt und das nicht schmerzhaft ist. … Ich denke – ich denke, daß es etwas so vollkommen Neues ist, daß es den Körper in Schrecken versetzt. Ich sehe keinen anderen Grund. Ich beginne zu schreien, und dann… das führt zu nichts. Es bleibt nichts, als aufzuhören und sich zu verändern. Vielleicht war es gerade diese Veränderung. … Ja, das muß es sein: etwas so Neuartiges, daß der Körper… nicht weiß, wie er es aufnehmen soll. Sie wandte sich an mich, um zu verstehen, was geschah: Hast du nichts gespürt, während wir meditierten? Was hast du empfunden? Es war so schwierig zu sagen. “Etwas wie ein Feuer, das in deinem Feuer aufgeht”, antwortete ich ihr. – Aber was spürst du? – “Ich weiß nicht… die große Macht.” Sie schüttelte den Kopf und beharrte, als hätte ich das Wesentliche nicht getroffen: Hattest du nicht irgendeine Wahrnehmung? So sagte ich schließlich: “Nein, liebe Mutter, was ich spüre, ist zuerst diese große Flamme, die in dir aufgeht, und dann etwas wie eine unermeßliche Reglosigkeit – eine mächtige Reglosigkeit.” Und mit einem Schlag erinnerte ich mich der “Reglosigkeit aus Feuer”, von der Sri Aurobindo sprach. – Ja, das ist es… Und Mutter lächelte, als hätte sie das “Etwas” berührt, das ich nicht verstand: Ja, das muß es sein. Ja. Der Körper muß davor Furcht bekommen. Ja, das muß es sein.

Was war dieses “Es”?

Gegen Ende der Meditation, nach diesem Katarakt von Macht, der einen sowohl zu zermahlen als auch zu verschlingen schien, spürte ich beinahe jedesmal dasselbe, wie nach einer vollständigen Umwälzung: etwas, das sich ausdehnte, unbewegt wurde, bis sich nichts mehr regte, kein Hauch, als atmete der Körper nicht mehr oder atmete, ohne zu atmen. Reglos. Eine dichte, brennende und doch gewichtslose Reglosigkeit. Alles hielt inne. Alles wird angehalten4. Ja, vielleicht war es die “Ewigkeit des Körpers”. Was aber war es für sie? Und für ihren Körper? Ich spürte nur einen unendlich kleinen Widerschein dessen, was sie verspürte. Also? Sie sagte: Das ist es, das muß es sein… Eine Reglosigkeit gleich dem Tode, vom Körper wie ein Tod empfunden, aber ein Tod…, der lebendig ist. Die Worte sind absurd, etwas aber, ein Zustand, der klarerweise vollständig außerhalb des Lebens ist, außerhalb des Lebensatems, und der doch atmet und der doch nicht der Tod ist – ein anderer Atem… gänzlich neu. Der Tod der alten Art, des alten Atems, die Geburt von… was? Es war wie ein richtiger Tod. “Der Körper weiß nicht, wie er es aufnehmen soll.” Er möchte schreien, und doch ist es “nicht schmerzhaft”. Ist das tatsächlich die Transformation? Der Übergang. Die Stunde Null. Es ist klar, daß man kein Schmetterling werden kann, während man gleichzeitig Raupe bleibt. Wie aber ist das möglich, mit weit offenen Augen, mit fünfzig Leuten vor der Tür und einigen mehr, die jede Handbewegung beobachteten? Kann man etwas anderes werden in diesem alten Körper? Wie vollzieht sich der physiologische Übergang? Sie stand ersichtlich unmittelbar an der Schwelle des Unbekannten, des großen Geheimnisses.

Ihre einzige Antwort war diese Reglosigkeit innerhalb einer anderen Zeit.

Die große Reglosigkeit.

War es der Tod, war es das Leben?

War es die Transformation oder die Zersetzung? – “Das ist beinahe derselbe Vorgang!” pflegte sie zu sagen. Das ist wie um einem zu zeigen, daß man zur Überwindung des Todes bereit sein muß, durch den Tod hindurchzugehen.

Also?

Man könnte meinen, ihr wurde beigebracht, lebendig in den Tod zu gehen.

Wie in einem Ei

Wohin führte all das?

Ich verstand sehr wohl, daß es eine Frage der Zeit und der Geduld war. “Mit der Zeit würde sich alles ändern”, hatte sie gesagt. In meinen Augen gab es keinen Grund, durch den Tod hindurchzugehen, außer vielleicht als radikale Erfahrung, die einige Tage oder einige Wochen andauern und alles ändern würde. Ich spürte, daß diese zeitlose Reglosigkeit wie eine Laborbedingung war, damit der Grund der Substanz sich verändern konnte, diese “unendlich kleine Schwingung” in der Materie, die inneratomare Bewegung, welche die ursprüngliche Verhärtung und Gerinnung des Schirmes bewirkt. Es war die “fehlende Seite” des Atoms, welche die Macht hatte, die Bewegung zu verändern, indem sie sie in ihrer überwältigenden Reglosigkeit einfror. Tatsächlich verstand ich nicht das geringste und Mutter auch nicht. Wir haben einfach keine Kenntnis, nicht die geringste Kenntnis dessen, was das supramentale Leben ist. Folglich wissen wir nicht, ob das [Mutter kniff die Haut ihrer Hand] sich hinlänglich verändern kann, um sich anzupassen, oder nicht. Um die Wahrheit zu sagen, mache ich mir darüber auch keine Sorgen, es ist kein Problem, das mich besonders beschäftigt… Ich betrachtete Mutter, ohne sie zu verstehen. … Mich beschäftigt ausschließlich das Problem, dieses supramentale Bewußtsein so zu bilden, daß es das Wesen sei. Dieses Bewußtsein soll das Wesen werden. Das ist von Bedeutung – alles andere wird sich von selbst ergeben. Sonst wäre es, als sorgte man sich, ob man die Kleider wechseln solle oder nicht… Ich verstand überhaupt nicht. Dafür muß sich das ganze Bewußtsein der Zellen sammeln und organisieren und ein neues unabhängiges bewußtes Wesen bilden – das Bewußtsein in den Zellen muß sich gruppieren und organisieren und ein bewußtes Wesen bilden, das sich sowohl der Materie als auch des Supramentals bewußt sein kann. Das ist es. Genau das vollzieht sich jetzt. Wie weit wir dabei kommen werden, weiß ich nicht. Meine Gedanken wurden jedoch noch von der Erscheinung, den “Kleidern” beherrscht, als wäre dies für die Veränderung und die Transformation das Schwierigste, während Mutter das stets für eine spätere Konsequenz ohne die geringste Schwierigkeit zu halten schien: “Zuletzt wird das nichts mehr sein: ein Hauch, und es ist geschehen. Das Übrige ist das Schwierige.” Ich wußte wohl, daß dieses “Kind der Zellen”, der neue Körper, welcher durch das gesammelte Bewußtsein der Zellen gebildet wird, bereits existierte, daß er gestaltet war, und daß dies Mutters eigentliche Sorge war: daß es ein unabhängiges Wesen werde – das heißt unabhängig vom Körper –, welches fähig wäre, sich gleichzeitig sowohl unserer alten materiellen Welt bewußt zu sein als auch der Welt der wahren Materie, der supramentalen Welt. Aber was bedeutete das? Wenn diese alten Kleider nichtsdestoweniger den Ort der letzten Transformation darstellten, die Stelle, wo der Schirm fällt, die Brücke zur wahren Materie, welche Rolle spielte dann der zellulare Körper im Verhältnis zum alten Körper? Was sollte die Tür zur anderen Materie öffnen, wenn nicht die alte Materie selbst? Was sollte die andere Substanz übertragen, wenn nicht die alte Substanz? Die supramentale Welt wird nicht vom Himmel fallen und die Tore der alten Materie aufbrechen, ohne daß sich auf dieser Seite hier etwas für den Prozeß hergibt. Ein empfangender Körper, eine Stelle war notwendig, wo sich der Durchgang vollziehen konnte, oder?…

Es sei denn, der Schirm wird überall gleichzeitig abgetragen, die Finsternis entweicht überall auf einmal, die Kohleschicht erstickt sich selbst so radikal und unerträglich, daß es auf einen Schlag durch alle Poren unserer Verzweiflung dringt – vielleicht wird es so geschehen. “Es wird ein Wunder geben”, hatte sie gesagt.

“Ein Hauch, und es wird geschafft sein” – in der Zwischenzeit aber ist es der Übergang, Zeit muß gewonnen werden, und welche Rolle spielt dabei der zellulare Körper, der für Mutter das Problem Nummer 1 darzustellen schien, der Körper, welcher “zum Wesen werden” sollte, das heißt, der in gewisser Weise den alten Körper ersetzen oder ablösen sollte? Bedeutete es, daß Mutter sich darauf vorbereitete, den alten Lumpen fallen zu lassen?… Aber das stimmte keineswegs. Mutter hatte es hinlänglich betont und wiederholt: Der Tod ist keine Lösung! überhaupt nicht. Es gibt keine andere Lösung, als daß dies hier [Mutter berührte ihren Körper] sich transformiert. 1971 hatte sie es erneut gesagt. Und wie oft wiederholte sie: Immer wieder erhalte ich dieselbe Antwort, keine Antwort in Worten, sondern eine Antwort der Erkenntnis (wie soll ich sagen?)… eine Erkenntnis der tatsache: das ist keine Lösung. Etwas, das aus einem sehr absoluten Bereich kommt und das einen die Nutzlosigkeit des Todes spüren oder verstehen oder begreifen läßt. Folglich befinden wir uns auf der Suche nach einer anderen Lösung. Es muss eine andere Lösung geben. In diesem Punkt war sie kategorisch: Der Tod bedeutet die Annahme der Niederlage, also… Für mich ist das eine Lüge. Der Tod und die Lüge stecken unter einer Decke. Das ist noch die Erinnerung an eine katastrophale Vergangenheit. Es führt zu nichts abzutreten, denn das nächste Mal muß man wieder von neuem beginnen… In einem Säugling wieder von vorn anfangen? Mutter schüttelte den Kopf.

Es gab nur einen Ausweg: die höchste Pforte.

Sie war also auf der Suche nach einer anderen Lösung. Oder sie schuf eine andere Lösung. Welche Rolle spielte dabei dieser zellulare Körper, wenn nicht diejenige, daß er schlicht und einfach bestimmt war, den anderen zu ersetzen?… Wir wissen nicht, ob es eine Antwort auf diese Frage gibt oder ob es diese Antwort erst geben wird, wenn wir das Ziel der evolutionären Operation erreicht haben (jedenfalls der gegenwärtigen). Mein wiederholter Eindruck ist jedoch, daß der zellulare Körper alle Funktionen des alten Körpers einnehmen kann, alle Verbindungen und Kontakte mit der alten Welt der uns bekannten Materie bewahrt, den Tod physisch überleben kann, ohne daß es für das zentrale Bewußtsein irgendeinen Unterschied macht (“Es wäre ein größerer Unterschied für sie als für mich,” hatte sie gesagt), und so kann er den alten Körper solange wie notwendig bewahren (als Beschützer und Stütze), damit jener sich nach dem Bilde von diesem transformiert und neugestaltet. Wie ein leuchtender Kokon die tiefgreifenden und intra-atomaren Transmutationen der alten Substanz bewahrt, beschützt und regelt. In diesen Körper ohne Zeit und Abnutzung hüllte Mutter sich immer mehr, und durch seinen bewußten Automatismus konnte er unbegrenzt lange funktionieren und ausdauern… vorausgesetzt, die anderen gestatteten es. Man konnte deutlich spüren, daß sie so, wie sie gegenwärtig war, vollkommen außerhalb von einem Puls von 70 und 80 stand, außerhalb von 95 Jahren, die morgen unerbittlich 96 Jahre zählen würden. Sie stand außerhalb der Konventionen der Medizin und Religion… solange die übrige Welt sie nicht unablässig mit den alten sterblichen Konventionen bombardierte. Ein “unabhängiges” Wesen, eine kleine goldene Schwingung, die sich in der Tiefe der Zellen wiederholte und sich solange wiederholen würde, bis die Operation gänzlich vollbracht war. Bis sich die goldene Invasion an allen Punkten des alten Körpers vollzogen hat. Es war einzig eine Frage der Zeit und der Geduld. Ich habe den Eindruck, sagte sie noch 1972 in demselben Gespräch, wo sie mir ihre vordringliche Sorge um die Bildung eines unabhängigen Körpers erklärt hatte, wenn es mir gelingt, bis zu meinem hundertsten Jahr auszuhalten, das heißt noch sechs weitere Jahre, dann wird eine Menge erreicht sein, wirklich eine Menge, und etwas Wichtiges und Entscheidendes wird vollbracht sein.

Und 1972, an einem anderen Tag, machte sie folgende so aufschlußreiche Bemerkung (um so aufschlußreicher, als es hier um das Mental der Zellen ging): Erst wenn das Supramental sich im körperlichen Mental manifestiert, wird seine Gegenwart dauerhaft sein. Da ich aber nicht verstand, was es zu “tun” galt (ich habe immer den Eindruck, etwas müsse getan werden!), um das Mantra in den Zellen des Körpers zu verankern, das heißt das Supramental im Körper zu fixieren, gab Mutter mir zur Antwort: Ich weiß nicht, was es zu “tun” gibt, denn es geschieht spontan. Vielleicht ist dies das Mittel: eine Versenkung in das Göttliche. Das ist der natürliche Zustand. Ich glaube wirklich, daß es das Gefühl der Ohnmacht eines Säuglings ist, verstehst du? Es ist wirklich seltsam. Der Körper hat die Empfindung, ganz eingehüllt zu sein wie ein Säugling in seine Decken, wirklich so… Vor zwei oder drei Tagen spürte ich einen Druck auf meinem Herzen – das tat weh. Es schmerzte, und ich hatte wirklich den Eindruck, daß… der Körper hatte das Gefühl, es wäre zu Ende. Aber dann fühlte ich mich sofort wie eingehüllt, wie ein Säugling in den Armen des Göttlichen. Nach einem Augenblick (es war ein langer Augenblick), als er einzig in der Gegenwart des Göttlichen verblieb, hörte es auf. Er bat nicht einmal darum, daß es weggehe. Es war ganz und gar der Eindruck eines Säuglings, der in den Armen des Göttlichen geborgen ist. Außerordentlich. Ich glaube… [und hier beginnen sich wahrlich die Horizonte zu öffnen], ich glaube, mein Körper hat jetzt eine überhöhte Empfindlichkeit, und er muß vor allen herankommenden Dingen beschützt werden – als müsse er innen arbeiten, verstehst du, wie in einem Ei. Sie blieb einen Augenblick in Betrachtung versunken: Ja, das ist es, genau das ist es. Ich glaube, ein ganzer Arbeitsprozeß vollzieht sich im Innern. Ach, in der alten Art wird er immer dümmer, aber es entsteht eine neue Art und Weise. Da möchte man lange, lange so eingehüllt bleiben… Es kommt. Es gilt nur, Geduld zu haben.

Wie in einem Ei.

Und das materielle Bewußtsein wiederholt: OM Namo Bhagavate… Wie ein Hintergrund hinter allen Dingen. OM Namo Bhagavate… Weißt du, ein Hintergrund, der eine materielle Stütze bildet. OM Namo Bhagavate…

Sie webte den Kokon aus Licht.

Das war im März 1973.

Der “neue Körper” war entschieden der Kokon des Körpers in Transformation.

Dornröschen

In meinem Herzen spürte ich, daß der Augenblick nahte – der wahre Augenblick der Erde, das, wofür man durch all diese Zeitalter so sehr kämpfte und litt. Für mich bestand kein Zweifel, daß wir ankamen – auf welchem Weg aber? Ich hatte das Gefühl, einer ergreifenden Darstellung beizuwohnen, gegenüber welcher Aeschylos und die Mysterienspiele des Mittelalters ein schaler Abklatsch waren. Jetzt war es die Darstellung der Erde. Und darin Mutter, lächelnd, reglos, wie eingehüllt in weißes Licht. Die Zeit ist nicht mehr dieselbe… Und ich kann nicht mehr essen. Was geschehen wird, weiß ich nicht. – “Das Beste!” – Das ist sehr lieb von dir, erwiderte sie. – “Aber nein, Mutter, ich bin sicher!” – Aber ja, ich bin ebenfalls sicher! Und sie lachte und nahm eine große weiße Hibiskus-Blüte auf ihre Knie: Was ist das? – “Das ist der «Segen»,” antwortete ich. – Dann ist sie für dich. Hier… Und sie verharrte mit ihren geöffneten Händen auf dem Schoß. Kann nicht mehr sprechen, kann nicht mehr essen…. und die Zeit verstreicht wie ein Blitz.

Die Nahrung, vermutete ich, würde ihr nächster Sprung sein. Selbstverständlich war es “der Samen des Todes”, das eigentliche Symbol der ersten Verwicklung in sich selbst, die schlingende Mimikry der Liebe. Die letzte Veränderung der Funktionsweise… um wohin überzugehen? Es war auch die letzte Verbindung mit der alten irdischen Seinsweise, und ich spürte, daß es sich hier um etwas anderes handelte als eine weitere kleine Operation: Jedesmal stieß man sich an der gesamten Erde, dort, in diesem absurden Symbol, als hieße dieses Gesetz übertreten, das ganze menschliche Gesetz zu brechen, den Weg ohne Rückkehr – und die anderen kämpften, um sie zum Essen zu zwingen: Wenn sie nicht aß, “würde sie sterben”, das war selbstverständlich, und Mutter ergab sich der Kollektiv-Hypnose, mitunter sagte sie ihnen selbst: Gebt mir zu essen, selbst wenn ich nicht will. Es war so herzzerreißend, den Kampf des Körpers nach einem Ausweg mitanzusehen, wie er wieder in ihre Suggestionen zurückfiel und doch weiter den Ausweg suchte. “Sie würde sterben”, so stand es an allen Wänden geschrieben, man hörte es von überall flüstern, es behämmerte ihre Zellen. “Das Gefüge der Welt ist noch eine Bremse”, sagte sie. Niemand glaubte an das Wunder. Niemand glaubte an die “andere Weise”. Für einen Körper ist es schwierig, aller Welt zum Trotz zu glauben. Mutter war nur noch ein ganz auf sich allein gestellter Körper, rein eine irdische Physiologie, die verzweifelt den Übergang der Spezies zu vollziehen suchte – und was tun, wenn die Spezies nicht will, nicht versteht? Die guten Willensäußerungen waren dabei so verhängnisvoll wie die bösen: ein anderer Wille war notwendig. Ich bin Tag und Nacht in der Schlacht… Das geschieht nicht für einen Körper sondern für die Erde. Dieser Körper ist wie ein repräsentatives Objekt geworden, ein symbolisches Objekt. Er ist das Schlachtfeld und das Siegesfeld; er ist die Niederlage und der Triumph, das ist alles.

Ganz allein das Gesetz übertreten?

Man spürte, daß dieser Schritt etwas sehr Radikales verbarg. Eine radikale Veränderung im Erdbewußtsein, in diesem kleinen Labor um sie herum war in der Tat notwendig geworden.

Würde die schlagende Stunde verpaßt werden?

Mitunter stopfte man sie so voll Defätismus, Unmöglichkeit und Verneinung, daß ihr Körper nicht mehr wußte, wo ihm der Kopf stand – war es nicht närrisch, dort ganz allein gegen alle Gelehrten der Welt zu kämpfen? Die kleinen unwiderlegbaren Axolotl. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, was werden wird! In manchen Augenblicken wird es so schwierig, daß ich mich frage, ob der Körper durchhalten kann. Aber ich möchte… Ach! Das sagte ich dir noch nicht: Gestern oder vorgestern verspürte mein Körper plötzlich für zwei oder drei Minuten ein Entsetzen… der Gedanke, in ein Grab gelegt zu werden. Das war schrecklich! Ich hätte das nicht länger als ein paar Minuten aushalten können. Es war schrecklich. Das war nicht, weil man mich lebendig begrub, sondern weil mein Körper bewußt war. Die Leute glaubten ihn “tot”, weil das Herz nicht mehr schlug – dabei war er bewußt. Das… das war eine schreckliche Erfahrung. Ich zeigte alle “Anzeichen des Todes”, das heißt das Herz schlug nicht mehr, nichts ging mehr – und doch war ich bewußt. Er war bewußt. Wir müssen… wir müssen unbedingt Vorkehrungen treffen, daß man sich nicht beeilt… Wenn die Stunde gekommen ist, sich zu transformieren, wenn mein Körper kalt wird, ist es wichtig, daß man sich nicht beeilt, ihn ins Loch zu stecken. Denn das kann… das kann vorübergehend sein. Verstehst du? Es kann kurzzeitig sein. Verstehst du? Verstehst du, was ich sagen will?… Ach, ich verstand nur zu gut! Und an diesem Tag erinnerte ich mich einer Frage, die ich Mutter einige Jahre früher gestellt hatte, und zwar, ob man die Erfahrung des Todes haben könne, ohne zu sterben: Aber sicher! sagte sie. Man kann die Erfahrung yogisch haben, man kann sie sogar materiell haben, wenn… [Mutter lachte herzlich] wenn der Tod kurz genug ist, daß die Ärzte keine Zeit haben, dich für tot zu erklären. Nun wurde das Bild klar. Was, wenn die anderen sie für tot erklärten? Das ist ja das Schlimme: Man muss sterben, das ist das irdische Gesetz, das ist so, seid also nicht närrisch! Auch Mutter sah das Bild klar vor sich. … Ich spüre, fuhr sie fort, daß eine Anstrengung besteht, den Körper zu transformieren – er spürt das auch, und er ist voller gutem Willen, nur bin ich mir nicht sicher, ob er dazu in der Lage sein wird. Verstehst du? Also kann er einige Zeit den Eindruck erwecken, daß es zu Ende mit ihm ist, und doch wäre das nur vorübergehend. Es könnte wieder beginnen… es könnte wieder beginnen. Denn es ist möglich, daß ich im gegebenen Augenblick nicht sprechen kann, um es zu sagen. Deshalb sage ich es dir… Ich weiß nicht. Aber ich wünschte, daß jemand da wäre, der diese Dummheit verhindert, denn die ganze Arbeit wäre verloren. Ich brauche jemanden, der die Autorität hat zu sagen: ihr dürft das nicht tun, Mutter will es nichtDu… – “Wer würde auf mich hören?” unterbrach ich sie. “Man wird behaupten, ich wäre verrückt. Man ließe mich nicht einmal mehr zu dir vor!” Und ich wußte nicht, in welchem Maße ich prophetische Worte sprach. Sie faßte sich: Es sieht dumm aus, Geschichten zu machen. Besser nichts sagen.

Man “macht Geschichten”, und dann ist es die Geschichte der Erde.

Es sieht wirklich dumm aus, seien wir vernünftig, alles ist wie gewohnt.

Es ist schwer, ganz allein Geschichte zu machen.

War dies das Zeichen, daß es “nicht möglich” war?

Die Wochen verflogen “wie im Blitz” (für Mutter). Ich bin nichts anderes mehr als eine Kraft, die gegen eine Welt aus Hindernissen andrängt, hatte sie zwölf Jahre früher gesagt, und es war wie gestern. Jeder Versuch, die alte Art und Weise beizubehalten, wird… erzeugt ein solches Unwohlsein, ein nahezu unerträgliches Unwohlsein. Sie konnte nicht mehr in der alten Art verharren, etwas mußte geschehen. Es gibt nichts, als durchzuhalten, das ist alles! Tatsächlich geschah etwas. Eines Tages, man weiß nicht, ob es ein schwarzer Tag war, denn hinter jeder Nacht versteckt sich ein stärkeres Licht, dennoch erreichten die Dinge einen deutlichen Wendepunkt… in welche Richtung wissen wir nicht – und doch war es wahrscheinlich noch immer die Richtung, denn es gibt keine zwei verschiedenen. An diesem so finsteren Tag war es, als berührte Mutter den Schlüssel. Es war der 7. April 1973.

Sie lächelte nicht an diesem Tag, sie war ernst, “als müsse ich das Gewicht der Welt hinter mir herschleppen”. Ein weißer Lotos lag auf ihren Knien. Ich scheine alle Widerstände der Welt zu vereinen. Sie kommen einer nach dem anderen, und wenn ich nicht… rufe ich auch nur eine Minute nicht nach dem Göttlichen, ist das ein unerträglicher Schmerz, mein Kind. Es ist so weit gekommen, daß ich jetzt sogar zögere, den Leuten gegenüber von “Transformation” zu sprechen, denn… wenn es das ist, dann muß man wirklich ein Held sein… Verstehst du, etwas im Körper möchte ohne Unterlaß schreien. Dabei scheint mir, daß es etwas so Einfaches zu tun gibt, damit sich alles zum Besten wendet… Doch weiß ich nicht was. Es ist seltsam, ich frage mich: Möchte der Herr, daß ich gehe? Und ich bin “quite willing” [durchaus willens]. Oder möchte Er, daß ich bleibe?… – Es gibt keine Antwort. Und das… Ja, dieses immerwährende Schweigen, bis zum Ende vielleicht – nicht eine Antwort. Warum? Könnten wir dieses Warum finden, hätten wir den Schlüssel zu dem, was geschah. … Ich habe wirklich den Eindruck, daß es etwas zu tun gibt, und dann wäre alles vollkommen gut – aber ich weiß nicht was. – “Mir scheint, daß du in eine immer schneller werdende Bewegung gerissen wirst.” – Ja, das ist wahr… Verstehst du, ich habe eine Lösung für die Transformation des Körpers, aber sie ist… Das hat sich noch nie zugetragen, also ist sie… so unwahrscheinlich. Ich kann einfach nicht glauben, daß es das sein soll. Dennoch erscheint es mir als die einzige Lösung… Ich riß die Augen auf. … Der Körper möchte einfach einschlafen (“einschlafen” auf eine bestimmte Art, ich bin dabei vollkommen bewußt), und erst wieder aufwachen, wenn er transformiert ist… Mit einem Schlag kam die Offenbarung: Ein Dornröschenschlaf! Ja, das war es – eine kataleptische Trance, der Kokon der Transformation. Es war so einleuchtend: dies war die einzige Lösung. Die “so einfache” Sache, die es zu tun galt. Aber augenblicklich berichtigte sie sich: … Niemals werden die Leute die nötige Geduld aufbringen, um das zu unterstützen, und die nötige Sorge tragen. Das ist eine kolossale Arbeit, ein Herkules-Werk. Sie sind höflich, aber sie tun bereits ihr Möglichstes. Also kann ich nicht mehr von ihnen verlangen… Das ist das Problem. Dies ist die einzige Lösung, zu der das Bewußtsein sagt: Ja, das ist es… Aber wem das antragen, wem? Das von den Leuten zu verlangen, die sich um mich kümmern, ist beinahe unmöglich. – “Sie werden verstehen, einige werden es jedenfalls verstehen”, erwiderte ich nichtsahnend. – Aber ich kann es ihnen nicht sagen. – “Ich kann es ihnen sagen”, antwortete ich in aller Ignoranz. – Werden sie dir Glauben schenken? – Diese Frage verwirrte mich. Das erschien mir alles so einfach. Vielleicht, fuhr Mutter fort, kannst du es ihnen in meiner Gegenwart erklären… nachher. Dann schloß sie die Augen, vertiefte sich in die Erfahrung und nahm mich mit in diese seltsame und machtvolle Reglosigkeit. Von dort war sie plötzlich aufgetaucht und rief aus: Ich möchte dich jeden Tag sehen. “Jeder Tag” dauerte genau einen Tag an.

Und dann schlug die Stunde.

Sie trafen ein.

Und es zerriß mir das Herz.

Eines der kleinen Muster näherte sich – einer der “Leibwächter”. Es kam unmittelbar zum Ausbruch. Dreißig Jahre Druck fanden plötzlich ihr Ventil. Ach, wir werden hier nicht diese entsetzliche Rede wiederholen, diese Entfesselung von Zorn. Und Mutter dabei so bleich, so unbewegt. Nein, es geht nicht darum, jemanden zu beschuldigen, das war “keine Person”, und ich bin mir nicht sicher, ob ein einziges Wesen auf Erden diesem ungeheuren Druck hätte standhalten können, tagein, tagaus – die Erde selber sagte hier NEIN. Derart waren die Laborbedingungen. Damit mußte sie arbeiten: Es gibt keine “Guten”, keine “Bösen”, lediglich die kleinen Muster der irdischen Unternehmung. Was dem Zentrum der Herabkunft am nächsten ist, wird am stärksten erschüttert, hatte sie bereits neun Jahre zuvor gesagt. Die Tatsachen aber bleiben, wir können sie nicht aus der Geschichte radieren…

Sie versuchte zu sprechen: Es fällt mir schwer zu sprechen… – “Sprechen Sie nicht, Mutter!” – Ich möchte Ihnen etwas erklären… – “Das interessiert mich nicht…” – Es geht um einen Versuch, den Körper zu transformieren. – “Wenn es so weit ist, werden wir schon sehen.” – Möchten Sie es denn nicht wissen? fragte Mutter mit ihrer leisen Kinderstimme. – “Nein, ich will nicht.” Und das war es.

An diesem Tag wurde das Schicksal besiegelt.

Da war die Lösung, mit der Unmöglichkeit der Lösung.

Sie konnte so nicht mehr weitermachen, und gleichzeitig verschloß man ihr die einzige Pforte.

Sie konnte sich nicht mehr weiter transformieren, ohne alles, das sich um sie herum widersetzte, dem Erdboden gleich zu machen.

Wie bei Sri Aurobindo.

Es blieb das “Loch”.

Und dennoch, dennoch spürte ich, wußte ich, daß gerade diese Unmöglichkeit die äußerste Lösung barg – diejenige, welche niemand voraussah. Der eigentliche Grund, warum man ihr nichts sagte. Der letzte Gang des unausweichlichen Sieges.

Es gibt kein NEIN, nirgendwo, es gibt einzig überall und immerwährend ein höchstes Ja, das seine unantastbaren Wege verfolgt, durch jedes Nein, durch alle Verweigerungen, durch alle Guten, alle Bösen, die Gewalttätigen, die Friedfertigen, und ein jeder tut genau, was nötig ist…, ohne es zu wissen.

Im Menschlichen verspüren wir unseren Schmerz (ach wie sehr!) und beklagen uns, lassen uns zu einem Zornesausbruch hinreißen – oder zu einer Zurechtweisung –, aber es ist alles dasselbe, es ist alles gleich, und wir verstehen nichts. Da ist “Etwas”, das ungestört seinen Gang verfolgt. In der äußersten Verneinung verbirgt sich die höchste Pforte.

Ich hielt eine weiße Lotosknospe in den Händen, als ich aus Mutters Zimmer trat, und ich verstand nichts mehr. Das einzige, was ich verstand, war, daß sich ein unsichtbares Blatt gewendet hatte. “Eines Tages wird man Mutters Tür vor uns verschließen”, bemerkte ich einem Automaten gleich gegenüber meiner Begleiterin. Ohne zu ahnen, daß ich ein zweites Mal prophetische Worte gesprochen hatte.

Man hörte noch die Zornes-Stimme: “Seit dreißig Jahren habe ich genug von diesem Humbug gehört.”

Es gibt etwas so Einfaches zu tun…

Wüßte die Erde nur, wie doch etwas so Einfaches genügt, damit sich alles verändert.

Etwas so Einfaches.

Ich weiß nicht welch ein Ja im Herzen.

Ein Ja, das selbst die Gräber zum Schmelzen bringt.

Dann wird die Stunde gekommen sein.

Ein Hauch, und es wird vollbracht sein.

***

Mutter blieben noch sieben Monate.

Der letzte Weg.

Dornröschen braucht einen Märchenprinzen.

20. Kapitel: Der Letzte Weg

Welcher Weg würde nun folgen?

Es mußte einen anderen Weg geben, das war gewiß, das war offensichtlich, die irdische Unternehmung konnte nicht scheitern. Vielleicht wird sie mir sagen, welches der Weg ist, denn ich weiß es nicht; sie hat solange mit mir gesprochen, sie wird mir wohl noch die Wahrheit sagen. Ich brauche keine Geschichten sondern eine Erde der Wahrheit.

Der Tod war keine Lösung, daran glaubte ich kein einziges Mal seit jenem schwarzen 7. April und bis zum 17. November, der auf mich hereinbrach wie ein Schrei: NEIN! Das ist nicht möglich. Das ist es nicht, so ist es nicht! Ach, wie sehr ich dieses Nein hinausschrie an jenem Tag und seitdem nicht aufhörte, es weiter hinauszuschreien. Das war nicht möglich. Oder was?

Diesem “Was” pirschte ich unablässig nach, horchte es aus, kämpfte jetzt seit einem Jahr und elf Monaten mit ihm und verfolgte es durch jede Zeile dieses Buches, als suchte sogar das Blut der Erde, das zu wissen, das zu begreifen – ich stellte ihm alle Fallen, weigerte mich, mir irgendwelche Geschichten aufdrehen zu lassen, stieß mein Schwert in alle Winkel und Ecken dieses schrecklichen, dieses herrlichen Waldes, und jetzt bete ich schlicht: die Wahrheit, die Wahrheit, daß die Wahrheit sein möge.

Auf daß man uns sagen möge, wie diese wahre Erde zu bilden sei.

Was ist der richtige Weg? Der letzte Weg?

Mir scheint, als lächele sie.

Das letzte Gespräch

Nehmen wir den Weg also wieder auf. Noch sieben Monate. Ich wußte nicht, daß sich an diesem 7. April das Schicksal gewendet hatte, ich blickte unbesorgt in die Zukunft, mit einzig einer großen Frage im Herzen. Ich sah wohl Mutters wachsendes Leiden, doch… ich wage zu sagen, daß es für mich einer Schlacht gegen das Unwirkliche gleichkam. Es genügte, in ihre Atmosphäre einzutreten, um die ungeheure Wirklichkeit zu begreifen und sie konkreter als alle Leiden zu spüren. Sie kämpfte mit der Vergangenheit der Erde. Sie kämpfte mit all den Gespenstern der Evolution, symbolisiert durch all die Verneinung in ihrer Umgebung. Es galt das Nein der Erde zu besiegen, nicht den “Tod”, dieses Gespenst der Gespenster. Mutter war nicht 95 Jahre alt. Sie war so alt, wie man wollte.

Was wollten die Menschen in ihrer Umgebung?

Was hielten sie für die Wirklichkeit?

Ich habe den Eindruck, daß ich von der alten und der neuen Welt in entgegensetzte Richtungen gerissen werde… Die Notizen aus dem Labor wurden sehr spärlich, ich hatte keine Fragen mehr in meinem Herzen. Am Tag nach dem 7. April wurde dem täglichen Aufzug von hundert, zweihundert Leuten ein Ende gesetzt. Es verblieb nur das Dutzend “gewohnter” Schüler, aber sie waren gerade der furchterregende harte Kern – diejenigen, die wußten, daß sie “sterben” würde. Oh, sie wußten alles, sie waren sehr wohl unterrichtet –, die 150 anderen wogen nicht schwer. Mutter mußte wohl oder übel die Schlacht bis zum Ende schlagen. Ich könnte schreien… Aber dann… Heute habe ich noch niemanden gesehen, alle warten draußen. Mein Kind, was tun? Dieses “Was tun”, war so ergreifend. Es hieß wahrhaftig: “Was tun”, was? Was konnte man tun, was? – “Wir brauchen dich, liebe Mutter”, sagte ich, das war alles. – Oh!… oh! Danke, sagte sie. Das war so schmerzlich. Dann tauchte sie in ihre Ewigkeit, als wäre es eine Sekunde, und darüber verging eine halbe Stunde. Dann kamen sie und läuteten eine Glocke in ihrer Nähe: Sie sind unerbittlich.

Schließlich fand am 14. April die letzte Operation statt, von der wir bereits sprachen: die Übertragung des Nervensystems. Fortan funktionierte der gesamte Körper automatisch und unabhängig. Die kleine Schwingung der Zellen – der neue Körper – hüllte ihren Körper ein, bewegte ihn, ließ ihn atmen, spüren: nichts gehorchte mehr den alten Gesetzen. Offensichtlich gab es eine Logik in all dem, aber die Logik von was? Wahrscheinlich ist auch die letzte Operation der Raupe innerhalb ihres Kokons genau die Auslöschung des Nervensystems. In Mutters Fall geschah es jedoch ohne einen materiellen Kokon, der sie vor den Anfällen der Umgebung beschützt hätte – oder es war ein Lichtkokon, der andauernd durchbrochen wurde durch die Kontakte mit der Außenwelt, die jedesmal den Schmerz verursachten. Was konnte also geschehen, wenn die kataleptische Trance unmöglich war, da ihre Gefolgschaft niemals die Geduld dafür aufgebracht hätte? Welche Lösung gab es? “Was tun?” Ich muß mich die ganze Zeit beherrschen, um nicht laut hinauszuschreien, sagte sie mir am 14. Mai. Dann gibt es hin und wieder einen herrlichen Augenblick – aber das ist nur kurz. Sie konnte die Kontakte nicht abbrechen, denn genau diese Kontakte gestatteten ihr, die alte Materie zu transformieren – ansonsten unterbricht man die Verbindung, und es ist vorbei. Sie konnte nicht einmal mehr willentlich ihren Körper verlassen, wie sie es über so viele Jahrzehnte zu tun pflegte – im Bruchteil einer Sekunde über die menschliche Misere hinaus: Seit so vielen, vielen Jahren legte ich mich auf mein Bett, und schwupp, trat ich in den Herrn ein. Das ist mir nun untersagt, und das allein ist schlimm genug zu ertragen. Sobald ich “heraustreten” will, entsteht augenblicklich ein entsetzliches Unwohlsein: es heißt NEIN. Und wenn ich trotzdem darauf beharre, muß ich buchstäblich schreien, als würde ich gefoltert… Nur wenn ich mich hier konzentriere, wird es besser. Dabei war dieses “Besser” eine sonderbare Hölle. Zweifellos galt es, die Lösung im Körper zu finden, sie war solange daran gefesselt, bis sie die Lösung fand. Die einzige Lösung war die Transformation, es gab keine andere – aber die Umstände schienen die einzige Bedingung verhindern zu wollen, die ihr die notwendige Operation gestattet hätte. Also…?

Also kam der 19. Mai. Unser letztes Gespräch, aber das wußte ich nicht.

Ich erklomm die kleine, mit einem Wollteppich ausgelegte Treppe. Man öffnete die Tür, und da lag dieser Sonnenstrahl auf ihrem Hals. Ihr Sessel stand Sri Aurobindos Grab zugewendet. Sie saß nach vorne gebeugt in ihrer Reglosigkeit, die Hände offen auf den Knien, als wollte sie diese ganze Welt, all diese Misere darbieten: “Was Du willst, was Du willst…” Sie war tatsächlich das Gebet der Erde. Dann öffnete sie die Augen mit einem Lächeln und nahm meine Blumen: Was für Blumen sind es? – “Die Freude im Physischen.” Eine winzige champagnerfarbene Hibiskus-Blüte mit einem hellroten Zentrum. Die brauchen wir dringend! rief sie aus… Und du, hast du keine Fragen? An diesem Tag war ich voller Fragen, nachdem ich wochenlang schweigsam geblieben war: “Ich dachte an eine Stelle von Sri Aurobindo in Savitri, wo er deutlich sagt: «Allmächtige Kräfte sind in den Zellen eingeschlossen»20” – Ah! Das ist interessant… Sagt er nicht mehr? – “Auf dieses Thema bezogen, nein… Man hat das Gefühlt, daß bei dir das Zellbewußtsein erwacht ist, noch nicht aber die Macht.” – Hast du “erwacht” gesagt? – “Ja, wenn die Macht erwacht wäre, dann gäbe es doch keine Schwäche mehr in deinem Körper.” – Nein. Und ich war tatsächlich so dumm, nicht zu verstehen, daß, wenn die Macht “erwachen” und sich manifestieren würde, dies den Umsturz und die Vernichtung aller Verneinung um sie herum bedeutet hätte. Auch dort war sie in die Enge getrieben, von allen Seiten in die Enge getrieben: die eigentlichen Bedingungen der Transformation konnten nicht hergestellt werden ohne “ein Wunder, das zu viele Dinge umstürzen würde”. Also?… “Was ist notwendig, um sie zu wecken?” fragte ich. – Der Glaube, unser Glaube. Wenn man es weiß und Vertrauen hat… Aber mein physischer Zustand, mein Körper verschlechtert sich sehr rapide – was könnte verhindern, daß er zerfällt? – “Ich glaube nicht, daß es sich um einen Zerfall handelt. Das ist es nicht. Ich habe vielmehr den Eindruck, daß du physisch an einen Punkt so vollständiger Ohnmacht gebracht wirst, daß die vollkommenste Macht daraus erwachen muß.” – Ah! Das muß es sein… – “Daß diese Macht gezwungen wird hervorzutreten.”

Sie schwieg, die Hand auf den Lippen. Im großen gelben Flammenbaum krächzten die Raben, er war voller Blüten, eine goldene Sturzflut, es war Mai. Oder ich könnte auch… ich könnte meinen Körper lassen, oder nicht? Und sie sagte dies so ruhig, vielleicht um mich zu necken oder um die Erde ein wenig zu necken und zu sehen, ob es ihr völlig gleichgültig war. – “Aber nein! Nein, liebe Mutter, es muß jetzt geschehen. Jetzt ist die Zeit. Ich spüre ja gerade, daß es keine Zersetzung ist, ganz und gar nicht. Es ist keine Zersetzung. Ich sah schon immer, daß im äußersten Gegenteil der entgegengesetzte Pol hervorspringt. In dieser scheinbaren Machtlosigkeit muß die höchste Macht auftreten. Das ist überhaupt keine Zersetzung.” – Mir stellt sich die Frage der Nahrungsaufnahme, erwiderte sie. Es wird immer unmöglicher zu essen. Kann der Körper ohne Nahrung leben? – “Liebe Mutter”, beharrte ich, und ich hatte den Eindruck, eine Schlacht mit ihr zu schlagen, oder besser gegen die Suggestionen, die so schwer auf ihr lasteten, diese “vollkommen verfaulte” Atmosphäre, “ich bin fest davon überzeugt, daß du an den Punkt geführt wirst, wo etwas anderes sich manifestieren muß. Verstehst du, solange es nicht diesen unmöglichen Punkt erreicht hat…” – Aber es ist beinahe am Punkt der Unmöglichkeit! – “Ja genau! Mutter, genau das spüre ich. Ich spüre, daß du an diesen Punkt gelangst und daß etwas anderes hervorquellen wird…” Sie antwortete nicht. “Das ist in gar keiner Weise das Ende, sondern es wird im Gegenteil bald der Anfang sein.” – Man hat mir gesagt, daß der Anfang erst kommen wird, wenn ich hundert bin, und das ist noch lange. – “Nein, ich glaube nicht, daß es solange dauern wird. Ich glaube es nicht. Ich glaube es nicht. Eine andere Funktionsweise wird sich aufbauen. Aber es muß eben an das Ende der alten kommen, und dieses Ende ist das Schreckliche.” – Oh! sagte sie, wirklich, ich weiß es nicht zu sagen, ich möchte nicht darauf beharren, aber… wirklich… Sie schüttelte den Kopf, und aller Schmerz der Welt lag in diesem Kopfschütteln. Das Bewußtsein ist klarer, stärker, als es jemals war, und ich sehe aus wie… – “Ja, Mutter, du wirst in etwas anderes übergehen, ich spüre es. Das ist kein blinder Glaube, der in mir spricht, sondern ein anderes tiefgründiges Verständnis. Du wirst es durchstehen. Es ist wirklich etwas, das mir sagt: so ist es.”

Sie schloß die Augen zu ihrer Ewigkeit.

Diese Augen sah ich nie wieder.

Es waren meine letzten Worte mit ihr.

Zwei Tage darauf verschloß sich ihre Tür für alle.

Es gab keine Verbindung mehr mit der Außenwelt.

“Es wird keine Verbindung mehr geben”, erwiderte ich zu einem bestürzten Schüler, der auch das Ersticken spürte. Sie verstanden nicht, daß sie, indem sie mir die Tür versperrten, den Faden zerschnitten. Oh, es gibt immer zwei Arten, die Dinge zu betrachten: Alles ist verfügt, alles folgt dem göttlichen Plan. Wahrscheinlich war es notwendig, daß sie allein war. Mitunter aber fragt man sich, ob die Dinge nicht hätten anders geschehen können. Oh, sie hätten anders sein können! Sie hätten es sein können… Aber die ganze Welt hätte anders sein müssen. Also?…

Es gab niemanden mehr, der den Faden aufnehmen konnte.

Sie war allein mit der Verneinung.

Oder vielleicht allein mit der Antwort.

Ich sehne mich nicht nach Ruhe, sondern nach Deinem integralen Sieg, sagte sie.

Auf welchem Weg?

Ich höre noch Sri Aurobindos Worte, die letzten Zeilen, die er 1950 diktierte, “Das Buch des Schicksals” in Savitri21:

Ein Tag mag kommen, da sie ohne Hilfe dastehen muß

An dem gefahrenvollen Rand des Untergangs der Welt und ihres eigenen,

Wo sie einsam auf ihrer Brust die Zukunft dieser Welt zu tragen hat,

Wo sie der Menschen Hoffnung in allein gelassnem Herzen trägt,

Um zu erobern oder um zu scheitern auf dem Rande der Verzweiflung,

Allein gelassen mit dem Tod und nahe an der Grenze der Vernichtung.

Ihre einzigartige Größe in dieser letzten, schauerlichen Szene

Muß allein über die gefahrenvolle Brücke in der Zeit gehen,

Um den höchsten Gipfel der Welt-Bestimmung zu erreichen,

Wo für den Menschen alles gewonnen oder verloren ist.

Halte Dich tapfer

Was geschah in diesen sechs Monaten?

Alle Erscheinungen wollten den Tod, alle Pforten waren verschlossen, es gab keinen Ausweg – außer dem des höchsten Tores. Außer dem bestmöglichen Weg zum unausweichlichen Sieg. Das ist mein Theorem, ja mein Eselsglaube. Und ich weiß, daß ich recht habe. Dennoch… Ich suche keinen Trost, ich benötige keinen Trost, ich trage ein Feuer in mir, das alle Tode verlacht. Mehr gibt es darüber nicht zu sagen. Mutter ist mit mir. Aber die Erde? Diese geliebte, verfluchte, leidende Erde, was ist ihr Weg, wie führt Mutters letzter Weg zum Weg der Erde? Die Erde war ihr Weg; sie ging ihren Weg für die Erde. Was ist der Weg? Sri Aurobindo hat uns auf definitive und kategorische Weise gesagt, daß die supramentale Schöpfung auf die gegenwärtige folgen wird. Alles, was die Zukunft für uns bereit hält, müssen somit die notwendigen Umstände für das Kommen sein, welche auch immer es sein mögen.

In diesem “welche auch immer es sein mögen” müssen wir klar sehen, ohne Kindereien, ohne Gefühlsduseleien: die Wahrheit, die reine Wahrheit.

Aber die Wahrheit der Erde.

Ich kann nur meine eigene Erfahrung berichten. Es mußte einen guten Grund dafür gegeben haben, daß sie diese letzte Verbindung aufgebaut hatte.

Hier sind die Fakten:

Ich erwartete also die letzte “Veränderung der Funktionsweise”, die Beendigung der Nahrungsaufnahme, das war die schlichte und einleuchtende Konsequenz der letzten sechs Monate. Am 15. August 1973, zu Sri Aurobindos Geburtstag, erschien sie noch einmal auf dem Balkon. Sie war tief gebeugt und kämpfte dennoch. Eine so schmale Silhouette auf der großen Terrasse, während unten die Erdnußverkäufer mit ihrem Eisen klingelten wie auf dem Jahrmarkt. Die Welt war so klein, ganz klein wie gewohnt. Würde man jemals von dieser Gewohnheit abkommen? Wenn es nur um einen “Übermenschen” geht, dann gibt es wahrlich keine Hoffnung – wir brauchen etwas anderes. Wir brauchen etwas wie einen physiologischen Kataklysmus, damit sich das ändert – keinen Krieg, nein, keine Millionen Bomben, die nichts ändern, denn man macht lediglich wieder kleine Babies und fängt von vorne an. nein! Etwas anderes. Wie dringlich verfolgte ich doch dieses “Andere” in der kleinen gebückten Silhouette! Sie ergriff das Geländer mit beiden Händen, dann verschwand sie ganz langsam mit ihrem kleinen goldenen Cape.

Ich sah sie erst als eine Leiche wieder, drei Monate später. Aber daran glaubte ich nicht. Kann man an das Scheitern der Erde glauben? Konnte der Mensch nach dem Affen scheitern oder der Frosch nach der Kaulquappe? – Es gilt, den Weg zu kennen, das ist alles. Mit Sicherheit gab es mehr als einen Affen, der den Menschen verneinte – und danach?

Am 10. November bekam sie die ersten Erstickungsanfälle, als könne sie nicht mehr atmen: das langsame Ersticken. Die Zeit dieser Atmung war gezählt. So wie die Zeit dieser Luft. Der Tod, was bedeutete das für sie? Man kappt den Faden – nichts einfacher als das –, und es ist vorbei mit diesem Sack von Elend. Sie hätte den Faden zig Jahre früher kappen und sich einiges Elend ersparen können. Sie hat ihn aber niemals abgebrochen. Selbst “tot” ausgestreckt auf ihrer Chaiselongue war sie noch wie geladen mit Bewußtsein, einem unbezähmbaren Bewußtsein. Was bedeuteten diese letzten Tage für sie, als ihr Atem dem Ersticken nahe kam? “Man sagt mir nichts…” Bis zum Ende sagte man ihr nichts. Sie mußte bis zum Ende gegenwärtig sein, bis zur letzten Sekunde. Sie mußte vollkommen lebendig in den Tod eintreten. Das war das Entsetzliche. Eines Tages im Jahr 1972 sagte sie mir folgendes – drei Dinge, die keinerlei Verbindung untereinander zu haben schienen, drei Dinge, von denen wir bereits gesondert sprachen, die sie aber zusammen sagte: Das Gebet des Körpers, nachdem er sich dessen bewußt wurde, was geschah, lautete: Warne mich vor dem Augenblick der Auflösung, wenn die Notwendigkeit der Auflösung besteht, damit alles diese Auflösung annehmen kann, warne mich aber nur in diesem fall. Sie war nicht “gewarnt” worden, nichts in diesem Körper hatte die Auflösung angenommen – sie war unbezähmbar gegenwärtig, dort auf ihrer Chaiselongue, am “Ende”. Dann sagte sie im gleichen Gespräch: Mein Körper ist dabei, den prozess zu leben. Nur wenn ich mich nicht rühre, wie in einer Andacht der Zellen, dann ist alles in Ordnung… Die Zeit verschwindet: alles, alles wird in etwas anderes transformiert… Sie durchlebte den Prozeß bis zum Schluß. Der Prozeß nahm seinen Fortgang. Am gleichen Tag, zum selben Thema sagte sie noch: Es ist sehr akut geworden. Und gleichzeitig das Wissen: “Jetzt ist der Augenblick, den Sieg zu erringen”, etwas, das von oben kommt: “Halte aus, halte dich tapfer, jetzt ist der Augenblick, den Sieg zu erringen!” Das ist wirklich interessant. Die drei Dinge gemeinsam. Bringt man diese drei Dinge zusammen, bedeutet das was?… Höchstwahrscheinlich das, was sie auf immer akutere Weise bis zum besagten 17. November durchlebte. Man sagte ihr nichts, also fuhr sie fort, sie fuhr einfach fort… Der Prozeß nahm seinen Fortgang. “Sie verlosch wie eine Kerze”, berichtete eine der Personen, die sie umsorgten – kein Herzanfall, nichts. Nicht einmal eine Trance oder ein Koma. Sie fuhr so lange fort, wie es eben möglich war. Sie mußte vollkommen und bis zum Ende darin bleiben. Warum?… Weil der Prozeß wahrscheinlich im Tod seinen Fortgang nehmen mußte. Man gestattete ihr nicht, ihre Gefolgschaft gestattete ihr nicht die kataleptische Trance, sie hätten niemals die Geduld dazu aufgebracht. Den Tod hingegen gestatteten sie, das war “bekannt”, akzeptiert wie ein medizinischer Fakt. Und da Mutter die Operation nicht auf ihrem Bett ausführen konnte, fuhr sie im Grab damit fort. Dort störte sie niemand mehr, es war der denkbar beste Kokon, man verbrannte dort sogar Räucherstäbchen. Um den Tod zu besiegen, muß man bereit sein, durch den Tod zu gehen, hatte sie gesagt. In einem Grab gibt es keine Tricks mehr. Die Trance war noch ein weiterer yogischer Trick. Es gibt keine Pforte mehr. Da bleibt allein das höchste Tor.

Am 14. November gegen Mitternacht forderte sie, aufgehoben zu werden, um zu laufen: Ich will laufen, sonst werde ich gelähmt. Auf den Arm einer ihrer Gehilfen gestützt ist sie gelaufen… bis sie blau wurde.

Die Tage wurden unaufhörlich schmerzhafter. Sie weigerte sich zu essen, schließlich akzeptierte sie es, dann weigerte sie sich wieder. Sie wurde beschimpft, dann wurde ihr geschmeichelt wie einer Patientin. Sie lag immer halb sitzend, und ihr Rücken war voll wunder Stellen. Alle zwanzig Minuten bat sie, von ihrer Chaiselongue gehoben zu werden: Lift me up!… In der Nacht zum 16. November bat sie wieder aufzustehen, um zu laufen: Je veux marcher. Oh, sie hatte aufrecht in den Tod gehen wollen. Man hat es ihr verweigert. Bis zum Ende kämpfte sie, solange noch ein Hauch von Atem in diesem Körper war. Am Nachmittag des 17. Novembers beschleunigten sich die Zeichen der Erstickung. Um 19:10 Uhr gab der Arzt ihr eine Herzmassage. Um 19:25 Uhr hörte der Atem auf.

Da begann wahrlich der unglaubliche Irrsinn.

Kaum sieben Stunden später, um 2:30 Uhr morgens, entrissen sie Mutter ihrer Atmosphäre, trugen sie hinunter in die “Meditationshalle” und legten sie auf eine Chaiselongue unter den brennenden Deckenleuchten, der Meute ausgesetzt. Oh, wen anschuldigen? Sie taten, was man in “einem solchen Fall” immer tut, sie handelten nur “wie gewohnt”. Drei Ärzte hatten ihren Tod bescheinigt, und dann… Dann was, du wirst doch keine Geschichten machen, oder? Ich hatte noch Mutters Worte im Ohr: “Sie dürfen nicht, sie dürfen nicht, Mutter will nicht, du mußt es ihnen sagen!…” Immerhin hatten diese Leute eine gewisse yogische Kenntnis… oder?

Gegen fünf Uhr morgens landete ich inmitten der Meute, durch das Gerücht unterrichtet. Da lag sie auf der Chaiselongue in einem Kleid aus weißem Satin, so ausgezehrt. Und welch eine Konzentration… wie unbezähmbar in ihr Gesicht eingegraben! Nichts von Sri Aurobindos Lächeln in seinem massiven Frieden. Eine Konzentration… so unerbittlich wie in den Tagen der vollen Schlacht. Der ganze Körper war bewußt, geladen mit Bewußtsein, es war greifbar… diesen Tausenden von Schmerzens- und Todesschwingungen ausgesetzt…

Halte dich tapfer.

Die Ventilatoren drehten sich zwei Tage lang bei 30 Grad Celsius unter einer zinkverkleideten Decke, die einem unter normalen Umständen Erstickungsgefühle vermitteln konnte, ausgestrahlt mit goldenen Neonleuchten, während die ganze Stadt an ihr vorbeizog – wirklich alles nötige, um einen Körper in die Zersetzung zu treiben. Sie sah all das mit an. Manchmal erwartete ich fast, daß sie einen kleinen Ruck machen würde, wie sie es oft tat, wenn sie wieder an die Oberfläche zurückkam: Wieviel Uhr ist es?

Ich hatte keinen Schmerz im Herzen. Ich fühlte mich wie ein Stein. Ich betrachtete sprachlos dieses ganze unglaubliche Spektakel.

Halte dich tapfer…

Dann, am 20. November um 8:15 Uhr morgens, steckten sie sie in eine Kiste. Ich stand zur Rechten des Sarges. Sie lag noch halb sitzend auf den weißen Kissen mit den Händen auf den Knien. Ein Lichtstrahl fiel auf ihren Hals. Dann wurde der Deckel heruntergelassen: Es gab keinen Lichtstrahl mehr, nichts mehr. Sechs Männer drehten 25 Schrauben in das Holz.

Dann trug man sie fort.

Eine ernste Stimme leierte durch die Lautsprecher vom Dach des Ashrams Ernsthaftigkeiten herunter. Die Predigt wollte kein Ende nehmen. Die Leute waren voller Trauer und voller Gedanken. Ich sah durch all die Leute, durch alles hindurch, die Welt war transparent. Es war eine entsetzliche Farce. Eine Lüge. Eine ungeheure Lüge, ein Todesdrama, wie man es in Albträumen sieht. Es war nicht wahr. Es gab keine einzige Minute Wahrheit in all dem. Dieser Tod war eine entsetzliche Lüge.

Dann ließ man sie hinab in ihr Grab.

Sobald es vorüber war und ich die Maskerade anständig verlassen konnte, suchte ich das Weite.

Man mag mir vergeben, aber das ist es, was ich sah und spürte. Das war meine Erfahrung dieser Tage: eine unwirkliche Lüge.

Was bedeutet all das?

Was für einen Sinn hat es?

Das schönste aller Märchen

Und hier der letzte Fakt.

Inmitten dieser unglaublichen Farce, am 18. November, während ich mich noch in der Meute befand und im Dröhnen der Ventilatoren unentwegt diese kleine weiße Gestalt betrachtete, ohne zu verstehen, hatte ich die machtvollste Erfahrung meines Lebens. Ich war unfähig, irgendeine Erfahrung zu haben, ich saß da wie ein abgestumpfter Stein mit Kopfschmerzen zum Schädelspalten. Ich sah einfach zu, selbst ohne ein Gebet im Herzen, ohne überhaupt irgend etwas. Daß sie aufstehen würde, um diesem ganzen unwahrscheinlichen Quatsch zu entgehen, erschien mir als das einzig Vernünftige. Sie stand nicht auf, doch plötzlich ergriff mich etwas, das mich wörtlich über die Kopfschmerzen und diese traumschwere Menge hinaushob, und dann… kam eine alles einnehmende Flut. Ich kannte die Macht, schließlich hatte mich Mutter nicht umsonst bei der Hand genommen, um mich an der Erfahrung teilhaben zu lassen. Hier aber gab es keine Person, die “eine Erfahrung” hatte, es geschah wie außerhalb von mir. Ich war niemand, ich wohnte einfach einer Tatsache bei. Ich fand mich in eine ungeheure Flut von Macht getaucht, die wie aus Heiterkeit zu bestehen schien – vielleicht aus Liebe, aber dann war es eine Liebe, die Heiterkeit war – eine Heiterkeit gleich einer Sturzflut, ununterbrochen, lückenlos, und es schallte: es schallte wie ein ungeheures Glockenspiel von höchster Stärke durch das Universum. Alle Schleusen der Welt standen offen. Es sprach und schallte in meinen Ohren und wie durch die ganze Welt, eine ungeheure, jedoch wie stimmlose Stimme: kein hindernis… nichts steht im wegkein hindernis… nichts steht im weg… Das wiederholte sich immer wieder, jedes Wort, als läuteten alle Glocken der Welt zugleich in einem einzigen ungeheuren Rollen aus Bronze. kein hindernis… nichts steht im wegkein hindernis… Eine solche Freude lag darin, ein Triumph, etwas, das so herrlich und so ungeheuerlich lachte und das alles mit forttrug, die Mauern einriß, die Schleusen öffnete. Nichts steht im Weg… kein Hindernis. Erhaben wie das jüngste Gericht. Ein Kataklysmus der Freude.

Eine Viertelstunde hielt ich das aus, dann konnte ich mich nicht mehr beherrschen und ging auf die Straße. Und es schallte noch immer. Ich ging zum Meer, am ganzen Leibe zitternd. Dann beruhigte es sich. Es gab keine “Mutter” mehr in all dem, kein “ich”, nicht einmal mehr eine Erfahrung – oder die ganze Welt machte diese Erfahrung. Ja, es war wie eine erste Manifestation von “Etwas” auf der Welt. Man kann dem ein Etikett verpassen, aber es dreht allen Etiketten eine lange Nase. Es war eine ungeheure Tatsache. An jenem 18. November war etwas geschehen.

Vielleicht die erste irdische Brandung der Freude der neuen Welt.

Alle Klagen darin, diese achtbaren vertrauten Jünger, die so sehr weinten, nachdem sie sie in den Tod getrieben hatten, diese Gesichter voller Würde, mit Geldfragen dahinter, Prestigefragen, Fragen von… oh, sie waren vollgestopft mit Fragen und schickten sich an, das hohe Management der Geschäfte des Ashrams zu übernehmen – es war so lächerlich. Darin lag die Farce. Mutter machte sich darüber lustig, sie läutete in meinen Ohren, fegte den Ashram mit all seinen kleinen Mauern fort wie einen Strohhalm im Sturm, samt den kleinen Heiligkeiten, die sie ihr an den Rock heften wollten – kein hindernis… nichts steht im wegkein hindernis

Sie klagten: “Oh, die Transformation ist aufgehalten! Oh, die Stunde Gottes ist verpaßt! Oh, der große Augenblick ist verloren, die Welt war nicht bereit…” – welche Narren! Konnte der Pithekanthropus jemals den Strom der mentalen Evolution aufhalten und seine Menschwerdung verhindern!? Glaubte man wirklich und allen Ernstes, daß Mutter so klein war, daß sie sich an die vier Wände des Ashrams und seine sterblichen Konventionen hielt? Sie lag geladen mit Bewußtsein vor mir, vor meinen Augen, sie würde in ihr Grab gehen, denn das war der einzige Ort, wo die kleinen Anbeter sie für längere Zeit dulden konnten – nun hatten sie auf einmal alle Geduld der Welt. Aber sie lachte.

Das ist alles, was ich weiß. Dieses Schallen der Freude über der Welt.

Dies ist die Tatsache.

Was bedeutete das alles?

Ich stehe am Ende von Mutters Urwald, ich weiß nichts mehr. Ein Jahr und elf Monate sind vergangen, seit sie sie dort hineinsteckten, lebendig. Seit einem Jahr und elf Monaten habe ich nicht aufgehört zu wiederholen: Was, was soll das bedeuten? Das ist mein eigenes Schallen. Was soll das heißen, was ist das wirklich, was geschieht, was ist die Wahrheit, die Wahrheit…? Und ich erinnere mich der Worte Sri Aurobindos22:

In jenem fürchterlichen Schweigen, allein und verloren,

In jener Stunde der Entscheidung über dieser Welt Geschick,…

Allein mit ihrem Selbst, dem Tod und der Bestimmung,

Wie an der Grenze zwischen Zeit und Zeitenlosigkeit,

Da dieses Dasein enden oder lebend seine Basis neu erbauen muß,

Muß sie allein erobern oder einsam fallen.

Nun ist sie in diesem “fürchterlichen Schweigen”, in dieser Nacht, diesem Kokon aus grauem Marmor. Zement darüber, zur Rechten und zur Linken, die Nacht, die Betonplatten – ein gewaltiges Schweigen. Jede der Zellen wiederholt das Mantra ohne Unterlaß gleich einem kleinen goldenen Pulsschlag. Sie läßt die fürchterliche Operation über sich ergehen. Sie baut die Lebensbasis neu auf, der “Prozeß” nimmt seinen Fortgang. Das war seit Monaten vorbereitet worden, “man gewöhnt meinen Körper an etwas anderes”; deshalb war ihr nichts gesagt worden, denn sie mußte lebendig dort hineingehen – ihr leiser Ruf liegt mir noch in den Ohren, als sie zum ersten Mal die Vision ihres Todes hatte: Nichts, nichts geht mehr in der gewohnten Art und Weise! Der Körper kann nicht mehr essen, er kann nicht mehr… Das Bewußtsein, das am Werk ist, um ihm bei der Arbeit zu helfen, brachte ihm mit vollkommener Klarheit bei, daß es keinen Sinn hat wegzugehen. Auch wenn er früher neugierig war zu wissen, was sein wird, so ist diese Neugierde vergangen. Der Wunsch hierzubleiben ist schon lange vergangen, und der eventuelle Wunsch wegzugehen, wenn es etwas allzu… erstickend wird, verging mit dem Gedanken, daß das absolut nichts ändern würde. Also bleibt ihm allein eines: die Vervollkommnung der Akzeptanz. Das ist alles. Sein einziger Trost (und der hält nicht lange) ist der Gedanke: “Das, was du tust, ist für alle nützlich; was du tust, tust du nicht für dich selbst, für die kleine dumme Person, sondern es ist nützlich für alle, die ganze Schöpfung wird etwas davon haben…” Ich weiß nicht, ich weiß nicht, was werden wird. Aber ich wollte… ich wollte, daß man mich nicht in eine Kiste steckt und mich eingräbt… denn der Körper wird es wissen, er wird es spüren, und das würde nur noch ein weiteres Leiden zu all denen hinzufügen, die er schon hat. Ich sage es dir, du kannst es den anderen sagen, wenn es notwendig ist… [die anderen informierten mich erst neun Stunden nach Mutters Ableben]… Er wünscht sich nichts, er fürchtet nichts – es wird so kommen, wie es sein soll, das ist alles. Er wünscht sich lediglich so sehr, daß die Leute verstehen… die Anstrengung verstehen, die er unternimmt, daß man ihn nicht… einschließt und Erde darüberwirft. Denn selbst nachdem die Ärzte ihn für tot erklärt haben, wird er noch bewußt sein. Die Zellen sind bewußt. Siehst du, darum geht es.

Sie ist gegenwärtig, lebendig.

Aeschylos und Orpheus erscheinen bleich.

Es gibt wirklich niemanden anzuschuldigen in dieser ungeheuerlichen Tragödie, jeder der Spieler tat wahrscheinlich genau das, was notwendig war. Ich erinnere mich eines Tages 1969, als Mutter die erstaunlichen Umstände des “Unfall”-Todes eines jungen Mädchens aus dem Ashram berichtete, wie alles sich verband und koalierte, um ihren Tod herbeizuführen, bis in das geringste Detail. Es schien, als hätte jeder einzelne genau die notwendige Geste getan, mit genau der notwendigen Zerstreutheit, Vergeßlichkeit, den gewollten drei Minuten Verspätung, und Mutter wußte, daß dieses junge Mädchen sterben würde, daß es sterben wollte, daß seine Seele alle Umstände so angeordnet hatte, damit sein Abtreten “erleichtert” würde. Es ist seltsam, wenn man die Dinge mit diesem Bewußtsein betrachtet, ist die Vollkommenheit der Anordnung so ungeheuer, daß man… beinahe erschreckt. All unsere Gefühle, unsere Reaktionen, all das erscheint als vollkommene Kindereien. Mein Kind, wir wissen nichts! Tag auf Tag, Tag auf Tag bin ich mehr und mehr davon überzeugt: Wir wissen nichts. Wir glauben zu wissen, wir glauben… Wir wissen nichts. Wir finden uns in der Gegenwart von verborgenen Wundern, die uns vollkommen entgehen, weil wir Narren sind. Das sagte Sri Aurobindo schon in Savitri: “Gott wächst auf Erden – Gott wächst – doch die Menschen” [Mutter lachte]… “die weisen Menschen schwatzen und schlafen. Und niemand wird sich der Arbeit bewußt werden, bis sie vollbracht ist.” So ist das.

Was verbarg sich hinter diesem ungeheuerlichen Schauspiel von Mutters “Ende”, worin bestand die “furchtbare Strategie des Ewigen” wie Sri Aurobindo sich ausdrückte?23 Welche Wunder? Oder welches verlorene Schweigen? Oder was sonst?

Welche Strategie?

Und ich erinnere mich wieder an Mutters Worte: Indem der menschliche Intellekt die Welt so sieht, wie sie ist und wie sie scheinbar immer zu bleiben hat, erklärt er, daß dieses Universum ein Irrtum Gottes sein müsse… Der höchste Herr aber antwortet, daß das Stück noch nicht ausgespielt ist, und er fügt hinzu: Wartet auf den letzten Akt!

Dieser letzte Akt, dieser Grund von Mutters Urwald, worin bestand er? Was war es? Dieser letzte Gang der Erde?

Das Geläute kehrt zurück:

kein hindernis, nichts steht im weg…

Dazu das “Wir wissen nichts”.

Wir wissen tatsächlich nichts. In welch schönen Worten werden wir uns ergehen – die Welt bedarf keiner Worte! Man hat ihr die Ohren mit allen möglichen und unmöglichen Theorien vollgestopft. Wenn sie aber dieses Geläute hören könnte, wenn dieses Geläute auf der Erde schallen würde?

Wird es erschallen?

Ich könnte sagen: Eines Tages wird Mutter verherrlicht und verklärt aus diesem Grab steigen, und die Transformation wird vollbracht sein. Und vielleicht ist es wahr. Doch Mutter verspürte niemals das Bedürfnis, die Leute in Staunen zu versetzen. Ein großes Spektakel wird die Welt nicht verändern, nein. Es bedarf eines tiefgreifenden Wunders, einer Veränderung dieser Substanz, allen Gedanken zum Trotz, allen Willensäußerungen zum Trotz, allem Gerede zum Trotz, allem Glauben oder Unglauben zum Trotz. Dieses Leben – das physiologische Leben – muß seine Basis neu erbauen. Wir müssen vom Wunder, im Wunder ergriffen werden, ganz von ihm eingenommen werden. Wir müssen die Kohleschicht verlassen, sie muß explodieren. Wir müssen aus diesem kleinen lächerlichen Gehirn des Axolotl und seinen kleinen lächerlichen Allheilmitteln und dieser kleinen, ach so kleinen Menschlichkeit heraustreten. Welches Werkzeug wird dieses Wunder bewerkstelligen, welcher Hebel, welches Sesam-öffne-dich in unserer so verstockten Substanz?

Da sehe ich folgendes:

Eine Teilung. Eine ungeheuerliche Teilung.

Die alte überkommene, schwatzende, unverbesserliche Menschheit – die sich immer schneller aufzehrt, die schlicht und einfach aus der falschen Materie besteht, die durch eine Krawatte zusammengehalten wird oder durch ein weißes yogisches Kleid mit einem gefrorenen yogischen Lächeln –, diese Menschheit wird ihres eigenen Todes sterben. Sie eilt immer schneller ihrem Zerfall entgegen – ohne Rückkehr. Sie befindet sich in ihrem letzten Erstickungsanfall. Sie braucht nicht einmal gestoßen zu werden, sie versinkt in ihrer Ernsthaftigkeit im Staub. Und danach…

Wenn Finsternis wächst und der Erde Brust erstickt

Und wenn des Menschen körperliches Mental das einz’ge Licht ist,…24

… wird etwas sehr Junges, sehr Neues kommen, das sich suchend rechts und links stößt. Die neue Art, die nicht einmal recht wissen wird, daß sie die neue Art ist, außer daß es sie nach einer anderen Luft verlangt.

Dann…

Dann kann sich das Wunder zutragen.

Wir halten das Sesam-öffne-dich in den Händen.

Mutters und Sri Aurobindos ganze Arbeit, die wahre Arbeit, bestand darin, das Zellbewußtsein zu öffnen, diese Festung aufzubrechen. Die Zerstörung des alten genetischen Kodes: der alten Art zu sehen, der alten Art zu begreifen, der alten Art zu spüren – der alten Art zu sterben. Die Kaverne der Axolotl. Eine kleine neue Schwingung, die sich unablässig in den Zellen prägt. Diese kleine Schwingung müssen wir erfassen, so wie andere zu Beginn dieser ganzen verfluchten Geschichte die Schwingung des Mentals erfaßten. Das ist nicht schwierig, man braucht nicht weit zu laufen, muß keine Super-Gehirne bauen oder Super-Meditationen mit verknoteten Beinen üben: es braucht nur ein Mantra. Ein Losungswort – welches auch immer –, doch es muß ein innerster Schrei unseres Wesens sein, der Atem unseres Atems inmitten der allgemeinen Zersetzung, etwas, das den Übergang schafft. Die letzte Boje. Man klammert sich nur daran. Man wiederholt das Mantra, bis es die ganze Kruste durchdrungen hat, die ganze Banalität und Idiotie des Alltags, all die Millionen und Abermillionen von Vergeblichkeiten, die man für etwas anderes durchlebt, das niemals kommt. Man wiederholt es hartnäckig wie ein Maultier, bis die Zellen diese Schwingung des Appells ergreifen – dann wiederholen sie es Tag und Nacht, ohne Unterlaß, automatisch, närrisch… und wunderbar. Dort beginnt das Wunder, das Fabelhafte. Das zellulare, physiologische Wunder. Denn Sri Aurobindo und Mutter haben den Weg eröffnet. Deshalb ist es nicht, als müßten wir undurchdringliche Schichten durchqueren: der Weg ist offen. So ist alles möglich. Eine Welt steht offen, in der alles möglich ist – es wurde allein unmöglich gemacht durch all die Unmöglichkeiten, die man sich ausgedacht hatte. Und man braucht nicht blind zu glauben: man braucht nur dorthin zu gehen, auf diese Ebene. Das gilt es zu berühren. Das Wunder ist: Wenn man das berührt, erbaut sich die neue Welt von selbst, ohne daß man sie wollen, verstehen oder suchen müßte. Es geschieht ganz von allein, spontan, automatisch. Sie erbaut sich von selbst. Sie verändert die Bewegung, ohne daß man wüßte wie; sie bewirkt die Dinge, ohne daß man wüßte wie; sie erhellt einen Sinn überall dort, wo man bisher nichts als sture Finsternis wahrnahm; sie führt Wege zusammen, die niemand erwartete – eine ungeheure Komplizenschaft von allem. Und schließlich eine Macht… eine seltsame Macht, die nichts Mächtiges, nichts Ungeheuerliches an sich hat und die doch so phantastisch magisch ist, als löste sie alle Hindernisse, alle Schatten, alle Ängste, alle Krankheiten – eine Vertreibung der Gespenster in alle Richtungen. Einzig… eine feste Haltung, die es zu bewahren gilt: Das. Immer und in allen Umständen: Das, das Mantra, die neue Wahrheit, die höchste neue Möglichkeit. Daran hält man sich, komme was wolle.

Dann werden nicht nur ein Dutzend, sondern Tausende und vielleicht Hunderttausende von jungen Sprossen in der Welt den Hebel ergreifen, ihn begreifen, und sie werden das ziehen und das wollen und das rufen… Es wird gar eine augenblickliche Vervielfältigung sein. Eine ungeheure Ansteckung, als brächte ein wenig Mögliches, im Rohzustand gelebt, gerufen Tausende und Abertausende von anderen Möglichkeiten hervor – zwänge das Mögliche herbei. Alles beginnt, sich zu verändern: physisch, materiell. Die alten Gesetze zerbrechen. Man wird all das betrachten, und es wird zerschmelzen, nicht mehr sein. Schluß mit dem faulen Zauber! Und je mehr man lacht, es zu sehen, es zu berühren, es zu leben, um so mehr wird es sich entwickeln, wachsen unter einem herrlichen Lächeln, als verlangte es nach nichts als einem Lächeln, einem immerwährenden, allgegenwärtigen Lächeln. Das Ende des mentalen Gespenstes.

Dann sind wir angekommen.

Der Schirm fällt.

Mutter ist da, und die wahre Erde ist da.

Das Ende der Axolotl.

Die wahre Erde befindet sich nur in unserem idiotischen Grab, unserem unmöglichen Grab – in welches man Mutter stopfte, weil niemand glauben wollte, daß es möglich sei.

Also hat sie es nicht nötig, das Grab zu “verlassen”, die Leute in Verblüffung zu versetzen, weil alles das Wunder sein wird und alles Herrlichkeit. Sie steht nur hinter unserem Schirm der Unmöglichkeit. Es gibt gar keine Wunder zu tun: alles ist bereits getan. Es gibt keine Herrlichkeit zu erfinden: sie ist bereits gänzlich erfunden. Das allgegenwärtige Wunder, die Herrlichkeit der Erde hier. Dorthin muß man gehen, zur wahren Ebene des Wunders.

Und vielleicht wird der Tod für diejenigen da sein, die das Wunder nicht zu sehen verstehen. Sie werden von selbst ersticken in ihrem Grab in der frischen Luft.

Die Teilung vollzieht sich automatisch.

Die Toten gehen in den Tod, die Lebenden zum Leben.

Eine kleine goldene Schwingung in den Zellen des Körpers.

Ein Sesam-öffne-dich der wahren Erde.

Ein Glockenspiel mit machtvollem Schall über den Ruinen des Mentals.

Kein Hindernis, nichts steht im Weg.

Mutter ist nicht tot. Sie lebt, sie lacht, sie ist hier, sie wartet darauf, daß wir unsere Idiotie verlassen – sie braucht sie nicht zu verlassen. Nur wir.

Und wenn die Kohleschicht gründlich abgetragen ist, wird auch ihr Körper wieder mit uns lachen. Denn sie ist dabei, den Tod von innen abzutragen. In Wahrheit ist ihr Körper nur aus diesem Grund in das Grab gegangen: um unseren eigenen Tod abzutragen. Ihr letztes Opfer an unsere unmögliche Lüge. Sie wartet darauf, daß wir wohl sehen wollen, was ist. Sie trägt das Unwirkliche ab.

Das ist der Dornröschenschlaf.

Sie lebte … trotz des Todes, sie eroberte noch immer.25

Dornröschen braucht einen Märchenprinzen. Vielleicht braucht sie viele Märchenprinzen… Denn ihr Märchenprinz ist die Seele der Erde, Gefangene des Todes. Langsam vollzieht sie die Mutation des Todes in ihren Zellen. Jede kleine Zelle gleicht einem Ruf nach der Wahrheit der Erde – es gibt hundert Billionen Zellen in einem Körper. Und wenn wir genug von der Farce haben, wenn unser Ruf in den ihrigen einstimmen wird, dann werden die Masken fallen.

Und es wird “das Ende des Todes” sein.26

Ob wir wohl ein wenig mithelfen wollen?

Die Mutation des Todes findet jetzt statt.

Stellt euch vor, das ist so. Ihr seht das Leben, ihr seht, was es ist, ihr seid gewohnt, ein solches Dasein zu führen, und es ist traurig und trübe (manche Leute amüsieren sich, aber das sind diejenigen, die sich mit wenig zufrieden geben), doch dahinter gibt es ein Märchen. Etwas, das sich vorbereitet und das so schön sein wird, schön, unbeschreiblich schön. Und wir werden daran teilhaben. Ihr wißt es nicht; ihr glaubt, wenn ihr sterbt, werdet ihr alles lassen und alles vergessen, aber das ist nicht wahr! All jene, die sich für ein schönes, leuchtendes, freudenvolles, fortschreitendes Leben interessieren, die werden auf die eine oder andere Art daran teilhaben. Im Augenblick wißt ihr es noch nicht – nach einiger Zeit werdet ihr es wissen. Das stimmt. Es ist eine so schöne Geschichte. Und Sri Aurobindo versuchte, diese Geschichte auf die Erde herabzubringen, und es ist gewiß, daß sie kommen wird… Wenn ihr wollt, dann könnt auch ihr daran ziehen, damit sie auf die Erde kommt…

Ob wir wohl ein wenig daran mitziehen wollen?

Eine kleine goldene Schwingung in den Zellen.

Eine neue leuchtende Spezies.

Ein Körper aus unserer Freude.

Aber es ist wahr! Dies ist das schönste Märchen der Welt. Es gibt kein schöneres als dieses – ich werde euch die schönste Geschichte der Welt erzählen…

Mutter, Dein Geograph hat
seine Landkarte fertiggezeichnet:
Auf daß die wahre Erde sei.

Deer House

Nandanam

26. Oktober 1975

Quellenverzeichnis

Zitate ohne Verweise sind Mutters Agenda entnommen (13 Bände, Institut für Evolutionsforschung).

Verweise auf Sri Aurobindos Werke beziehen sich auf die englische Centenary Edition (Pondicherry, 1972), die Zahl vor dem Doppelpunkt gibt den Band an.

1. Savitri, 1.2.19

2. Savitri, 1.4.55

3. Thoughts and Aphorisms, 17:125

4. The Supramental Manifestation upon Earth, 16.2.17

5. Sri Aurobindo, “Unpublished letter”, Mother India (September 1975)

6. Savitri, 2.12.278

7. Savitri, 10.3.638

8. Letters on Yoga, 22:340

9. White Roses (28.8.66)

10. Thoughts and Aphorisms, 17:145

11. Collected Poems, 5:101

12. Entretiens, 20.5.53

13. Savitri, 3.3.317

14. Savitri, 1.1.7

15. Entretiens (1930-31) Aphorismes et Paradoxes, S. 46

16. Entretiens, 28.12.50

17. White Roses (6.12.65)

18. Savitri, 1.4.55

19. Mother India (April 74)

20. Savitri, 4.3.370

21. Savitri, 6.2.461

22. Ibid.

23. Savitri, 1.2.17

24. Savitri, 1.4.55

25. Savitri, 9.2.584

26. Savitri, 11.1.708

 

1 “Wie ein Tischtennisball im Verhältnis zum Baseball-Stadion von Housten, Texas”, beschrieb der amerikanische Gelehrte Jastrow den Abstand, der den Atomkern von den Elektronen trennt (siehe Red Giants and White Dwarfs: The Evolution of Stars, Harper, 1967).

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2 Arbeiten des Prof. H. Atlan der Medizinischen Fakultät in Paris.

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3 Ein letztes Psi-Teilchen, das kürzlich entdeckt wurde, nötigt die Gelehrten, sich zu fragen, ob die Anzahl der ursprünglichen Materieteilchen nicht wenigstens 4, 6 oder gar 18 wäre, was die gesuchte ursprüngliche Einheit weiter zurückdrängt. Vielleicht sind sie aber auch auf der Suche nach einem wissenschaftlichen Mythos, denn sollte die äußerste ursprüngliche Einheit der Materie unteilbar sein, wäre sie per Definition ohne Oberfläche – und wie mißt man etwas ohne Oberfläche? Dieses Oberflächenlose ist genau das Supramental, das ohne Löcher und Teilung überall gegenwärtig ist: die fehlende Seite des Atoms. Die ursprüngliche Einheit der Materie.

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4 Man beachte, daß diese Reglosigkeit nichts mit derjenigen zu tun hat, die man am anderen Ende findet, wenn das Bewußtsein sich oben in der supra-kosmischen Fahlheit auflöst und der Körper sich in eine Trance der Vergessenheit ergibt. Nein, hier in dieser physischen oder vielmehr physiologischen Reglosigkeit wird diese ganze zitternde Frenetik des Körpers angehalten, aber in einer Art Überschärfe der Wahrnehmung, die das Gegenteil des Schlafs oder der Trance ist: Man nimmt alles wahr, Leute, Dinge, die Wanduhr, Gedanken, die mikroskopisch kleinsten Schwingungen mit größter Reichweite in einer Art physischer Verlängerung, in der man sich nicht sorgt, wer oder was zugegen ist, weil man sehr wohl das Ticken einer Uhr in New York hören könnte, als wäre es nebenan. Man steckt voll in der Materie, aber in einer vollständigen Materie.

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